Skip to main content

Full text of "Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog Bd08 1903"

See other formats


BIOGRAPHISCHES JAHRBUCH 

UND 

DEUTSCHER NEKROLOG 

UNTER STANDIGER MITWIRKUNG 

VON 

GUIDO ADLER, F. VON BEZOLD, ALOIS BRANDL, ERNST ELSTER, 
AUGUST FOURNIER, ADOLF FREY, HEINRICH FRIEDJUNG, LUDWIG 
GEIGER, KARL GLOSSY, MAX GRUBER, SIGMUND GUNTHER, 
EUGEN GUGLIA, ALFRED FREIHERRN VON MENS! JACOB MINOR, 

PAUL SCHLENTHER, ERICH SCHMIDT, ANTON E. SCHONBACH, 
FRIEDRICH VON WEECH, GEORG WOLFF U. A, 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

ANTON BETTELHEIM 

VIII. BAND 

VOM I. JANUAR BIS 31. DEZEMBER 1903 

MIT DEM BILDNIS VON THEODOli MOMMSEN IN HKLIOGRAVURE 




BERLIN 
DRUCK UND VERLAG VON GEORG REIMER 

1905. 




G Krocfi ^lorena "phot 



He]iQtfr Ugqtu Bihcenfltein 4- Cc 



ff j/^Mi^lr+Xj *^^ % 



i^plaq vdiy Giorqr Rftimsr -B il"' 



In halt. 



Seite 

Vorrede v— vi 

Deutscher Nekrolog vom i. Januar bis 31. Januar 1903 1 — 361 

Erg&nzungen und Nachtrage 362 — 423 

Alphabetisches Namenverzeichnis I 424 

Alphabetisches Namenverzeichnis II 430 

Totenliste 1903 1* — 128* 



Vo r w o r t. 



In dem wundervollen Nachruf fiir Kilian Steiner, mit dem 
Gustav Schmoller den vorliegenden Band des Biographischen Jahr- 
buches und Deutschen Nekrologes beschenkt hat, findet er das Trostwort: 
; Kein Mensch lebt umsonst — auch fiir den Zusammenhang unseres 
irdischen gesellschaftlichen Daseins«. In diesem Sinne hat unser Unter- 
nehmen von Anfang seine Aufgabe zu erfassen und zu pflegen gesucht. 
In diesem Sinne wiirdigen unsere Mitarbeiter auch die Toten des 
Jahres 1903. 

F. v. Weech, der schon vor dem Erscheinen des ersten Bandes 
zu den eifrigsten Beschiitzern des Deutschen Nekrologes sich gesellt und 
nunmehr auch in die Reihe der standigen Berater unseres Unternehmens 
sich gestellt hat, widmet dem badischen Staatsmann Nokk liebreiche 
Betrachtung. Schaffle findet in seinem Landsmann Wilhelm Lang, 
Roesicke in Theodor Barth, Gussenbauer in Otto v. Frisch, 
Zumpe in Max Schillings, Ernst Friedlaender in Ernst Berner, 
Gegenbaur in E. Goppert, Otto Hartwig in Gerhard, Hugo 
Wolf in Paul M tiller den berufenen Biographen. Manner der Erd- 
und Volkerkunde Meinecke, Schurtz, Radde, Ruge, Schneider 
behandelt ein Schiiler Ratzels,* Victor Hantzsch. Die Nekrologe von 
Gaedertz und Onno Klopp schreiben ihre Sohne, der Nachruf fur 
Ernst Koebner ist seinem Bruder Wilhelm Koebner zu verdanken. 
Einem Historiker von der Bedeutung Cornelius' wird Moritz Ritter 
gerecht Der Personlichkeit von Lazarus halt Ludwig Stein den 
Spiegel vor. Friedrich Pecht und den Kunst- und Kulturhistoriker 
Hefner-Alteneck charakterisiert H. Holland, den Physiologen Rollett 
O. Zoth, Wilhelm Muller Skutsch, Ulrich Kohler R. Weil, 



VI V or wort. 

Zeller-Werdmiiller Rahn, Engelbert Muhlbacher E. v. Otten- 
thal, den Popular-Philosophen Julius Duboc mit gleicher Unbefangen- 
heit Johannes Sass. In der Fiille dieser und anderer sich drangender 
Gestalten erscheint Theodor Mo mm sen vorlaufig nur in dem Bilde, 
das Band VIII beigegeben ist: den Text, den Ludo M. Hartmann fur 
den Herbst dieses Jahres zugesagt hat, miissen wir fiir Band IX auf- 
sparen, wie wir ja — nicht zum Schaden der Sache — nicht kalender- 
gerecht eingelaufene Nekrologe — Rohde, Schweinitz, Kaiserin Victoria — 
in den Nachtragen friiherer Bande und in dem vorliegenden Bande 
die von Uhlirz gewidmete Biographie Dummlers, die Charakteristik 
Robert Byrs von H. Sander, Kroneckers Nachruf fiir Kiihne und 
andere belangreiche Erganzungen einreihen konnten. 

Wien. Anton Bettelheim. 



DEUTSCHER NEKROLOG 



VOM i. JANUAR BIS 3i. DEZEMBER 



I9O3 



Homo liber de nulla re minus quam 

de morte cogitat et ejus sapientia non 

mortis, sed vitae meditatio est 

Spinoza. Ethices pars IV. Propos. 
LXVH. 



Biogr. Jahrbuch u. Deutscher NcLrolog. 8. Bd. 



Deutscher Nekrolog vom i. Januar bis 31. Dezember 1903. 



Nokk, Wilhelm, badischer Staatsminister, * 30. November 1832 in Bruchsal, 
t 13-Februar 1903 in Karlsruhe. — N. wurde als Sohn des Professors Anton Nokk, 
der spater Direktor des dortigen Gymnasiums, seit 1848 des Lyzeums in Freiburg 
war, geboren. In dieser Anstalt erwarb er sich 1850 das Zeugnis der Reife, 
um dann an den Universitaten Freiburg, Bonn, Heidelberg und wieder Freiburg 
die Rechtswissenschaft zu studieren. Daneben vernachlassigte er aber nicht 
den Besuch philosophischer, historischer, literar- und kunstgeschichtlicher 
Vortrage. An dem studentischen Leben beteiligte sich N. in Bonn, wo er 
Mitglied der Burschenschaft Frankonia wurde und in deren Verband er eine 
Freundschaft fur das Leben mit Heinrich von Treitschke schlofi. Im Dezember 
1854 unterzog er sich der juristischen Staatsprufung und wurde unter die 
Rechtspraktikanten aufgenommen, 1857, nachdem er die vorgeschriebene 
Praxis bei verschiedenen Staatsbehorden durchgemacht hatte, zum Referen- 
dar ernannt. Einen Urlaub, der ihm im Februar 1858 bewilligt wurde, 
benutzte N. zunachst zu einer Reise nach Frankreich, um sich in der 
franzosischen Sprache zu vervollkommnen und das franzosische Gerichts- 
verfahren kennen zu lernen. In Paris traf er mit seinem nahezu gleichaltrigen 
Freunde August Eisenlohr, dem spateren badischen Minister des Innern, 
zusammen. Gemeinsam reisten sie nach Marseille, schifften sich dort nach 
Civitavecchia ein und brachten hierauf mehrere Wochen in Rom zu. Wie 
vorher im sudlichen Frankreich, iibten in der »ewigen Stadt« die romischen 
Altertumer eine grofie Anziehungskraft auf die Freunde aus, wie in Paris 
besuchten sie eifrig die Museen. Unter den Kunstlern war es vorziiglich 
ihr Landsmann Anselm Feuerbach, dem sie naher traten. Sie trafen ihn an, 
als er sich eben anschickte, eines seiner bedeutendsten Meisterwerke »Dante 
und die Frauen von Ravenna« zu vollenden. In die Heimat zuriickgekehrt, 
war N. bei verschiedenen Staatsbeh5rden tatig und bewahrte iiberall das Lob, 
das ihm schon friiher seine Vorgesetzten spendeten, »Griindlichkeit, rasche 
Auffassung, ausgezeichnetes Judizium«, und zeichnete sich durch eine um- 
fassende, allgemeinwissenschaftliche und Fachbildung riihmlich aus. 1862 
wurde er zum Sekret&r, 1864 zum Assessor im Oberschulrat ernannt, 1865 trat 
er in gleicher Eigenschaft in das Ministerium des Innern iiber, in welchem 
er 1867 zum Ministerialrat vorruckte. Zum Prasidenten dieses Ministeriums 
war ein Jahr vorher Dr. Julius Jolly, dem N. schon seit geraumer Zeit nahe 
stand, ernannt worden. Unter dessen Leitung erftffnete sich fur N. ein aus- 
gedehnter Wirkungskreis als Referent iiber die katholischen Kirchen- und 



4 Nokk. 

Ehesachen, iiber die Mittelschulen, die Volksschulen, die Lehrerseminare und 
bald auch iiber die beiden LandesuniversitSten und die Polytechnische Schule. 
Das Referat iiber diese drei Hochschulen im Ministerium des Innern behielt 
N. auch bei, als er 1874 zum Direktor des Oberschulrats ernannt wurde. 
Infolge der tief eingreifenden Ver&nderungen in der Leitung der badischen 
Ministerien — 1876 Riicktritt Jollys, den Turban als Staatsminister, v. Stosser 
als Prasident des Ministeriums des Innern ersetzten, 1881 Rucktritt v. Stossers, 
an dessen Stelle Turban dieses Ministerium ubernahm — traten auch Ande- 
rungen in der Organisation der obersten Staatsbehdrden ein; u. a. gingen 
Kultus und Unterricht einschliefllich der Fiirsorge fiir Wissenschaften und 
Kiinste an das Ministerium der Justiz iiber, zu dessen Prasidenten 1881 N. 
ernannt wurde. In dieser Stellung verblieb er fortan, auch als ihm 1893 das 
Presidium des Staatsministeriums unter Ernennung zum Staatsminister iiber- 
tragen worden war. An dieser Stelle mag erwahnt sein, dafi N. von 1867 — 1870 
auch der zweiten Kammer des Landtages angehorte und an deren Verhand- 
lungen als Mitglied der nationalen Partei eifrigen Anteil nahm. 

Von der Tatigkeit, welche N. seit April 1881 als Prasident des Ministe- 
riums dfcr Justiz, des Kultus und Unterrichts entfaltete, war jene, die das 
Gebiet der Justizverwaltung betraf, die wenigst bedeutende. In den Jahren 
1 88 1 — 1898 handelte es sich besonders um Vollzugsvorschriften und Dienst- 
anweisungen zur Ausfiihrung der Reichsgesetze, von 1899 — 1901 um die wichtigere 
und schwierigere Aufgabe der Einfiihrung des Burgerlichen Gesetzbuches und 
seiner vielverzweigten Nebengesetze durch eine grdfiere Zahl den Landes- 
verhaltnissen angepaflter Verordnungen. Auf diesem Gebiete wurde er in 
wirksamer Weise durch den Ministerialdirektor Freiherrn von Neubronn unter- 
stiitzt. Bei der Leitung der Kultusangelegenheiten war N. bestrebt, die 
Beziehungen zwischen Staat und Kirche einer dauernd friedlichen Gestaltung 
entgegenzufiihren. Die Regelung der Kirchensteuerfrage fiir Protestanten, 
Katholiken und Israeliten beschaftigte ihn seit 1888 und es gelang ihm dabei, 
dem Grundsatz allgemein gesetzliche Anordnung zu verschaffen, dafi die 
kirchlichen Bediirfnisse, soweit dieses aus vorhandenen anderen Mitteln nicht 
geschehen konne, aus Beitragen der Konfessionsgenossen zu bestreiten und 
dafi zu diesem Behufe kischliche Steuern zu erheben seien. Der katholischen 
Kirche gegeniiber war er mit Erfolg bemiiht, die aus der Zeit des Kultur- 
kampfes noch fortbestehenden H&rten und Schroffheiten zu beseitigen und an 
ihre Stelle eine versOhnliche und entgegenkommende Haltung treten zu lassen. 
Mit der protestantischen Landeskirche gab es keine Konflikte. Die Israeliten 
verdanken ihm die Gewahrung der fiir ihre kirchlichen Interessen wichtigen 
Synodalverfassung. — In dem Unterrichtswesen war N., der dieses Gebiet 
seit 1866 in alien seinen amtlichen Stellungen bearbeitet hatte, als Fachmann 
und Schulfreund unausgesetzt fiir den Fortschritt tatig. Der Elementat- 
unterricht wurde verbessert, neue Gegenstande wurden in den Lehrplan der 
Volksschulen und der Fortbildungsschulen aufgenommen. Fiir die Gelehrten- 
schulen bezeugte er bei jedem Anlasse das grofite und wirksamste Interesse. 
Fiir die hSheren Madchenschulen wurde ein neuer Lehrplan erlassen. Besondere 
Aufmerksamkeit wandte N. den UniversitSten Heidelberg und Freiburg sowie 
der Technischen Hochschule in Karlsruhe zu. Er sorgte fiir die ErhOhung 
der Zahl der Lehrstuhle, fiir die Vermehrung und Erweiterung der akademi- 



Nokk. 5 

srhen Institute. Die Hochachtung fur die Wissenschaft und ihre Trager, der 
Schutz der Freiheit der Forschung und ihrer Lehre waren die Angelpunkte 
seines Wirkens auf diesem Gebiete. Die Ausgestaltung der Polytechnischen 
Schule zu einer im In- und Ausland in ihrer Wertstellung anerkannten Hoch- 
schule ist in erster Reihe sein Verdienst. Auch sonst war er fur Wissenschaft 
und Kunst ein begeisterter und sachkundiger Forderer. Die Inventarisierung 
der Kunstdenkmaler Badens, die teilweise bahnbrechenden Arbeiten der 
Badischen historischen Kommission, die Leistungen der Karlsruher Kunst- 
akademie und Kunstgewerbeschule sind unvergangliche Ruhmestitel fiir sein 
ministerielles Wirken. — Die tiefsten Grundlagen seines Schaffens bildete 
seine nationale Gesinnung, seine humane und liberale Lebensauffassung und 
die Ehrfurcht vor der Religion. Fest hielt er an seiner auf diesen Grund- 
lagen ruhenden Oberzeugung. Aber seinem milden Wesen, seinem grofien 
Wohlwollen, seinem Streben nach Frieden und Harmonie widerstrebte es, 
auch Gegnern mit Scharfe oder gar mit Harte entgegenzutreten, ein Vorhaben 
in gewalttatiger Weise durchzufiihren. Was wohl manche, die ihm ferner 
standen, fiir Schwache zu halten geneigt sein mochten, war die Anschauung, 
dafi es ein politisches Axiom sei, den richtigen Zeitpunkt fiir die Durch- 
fuhrung einer wichtigen MaBregel abzuwarten und mit Geduld und Nachsicht 
Fragen einer gunstigen Losung entgegenzufuhren, welche durch rasches und 
scharfes Handeln vielleicht unerreichbar geblieben ware. In dieser Auffassung 
der Aufgaben eines Staatsmannes, besonders in einem kleineren Staatswesen, 
begegnete N. sich mit dem Grofiherzog Friedrich von Baden, mit dem ihn 
w&hrend all der Jahre, in denen er in leitender Stellung seinem Fursten und der 
engeren Heimat wie dem groBen deutschen Vaterlande diente, ein Verhaltnis 
gegenseitigen Vertrauens und, man darf wohl sagen, treuer Freundschaft ver- 
band. Sein Landesfurst sah daher auch N. nur mit groflem Bedauern aus 
dem Dienste des Staates scheiden, als sich im Sommer 1901 die Anzeichen 
eines ernsten Leidens, der Folgen allzu grofier Anstrengungen und Aufregungen, 
wie sie mit seiner amtlichen Tatigkeit verbunden waren, zeigten und ihn 
zwangen, urn Enthebung von seinen Amtern zu bitten. Das Schreiben, in 
welchem am 27. Juni 1901 der Grofiherzog ihm die Genehmigung seines 
Abschiedsgesuches mitteilte, ist ein ehrenvoller Beweis der hohen Wert- 
schatzung, die er seinem langjahrigen Ratgeber widmete. Von alien Seiten 
wurden ihm bei seinem Ausscheiden aus dem Dienste, soweit es nicht schon 
friiher geschehen war, ehrende Anerkennungen zuteil, seitens der Hochschulen 
Heidelberg und Freiburg durch Verleihung der Ehrendoktorwurde mehrerer 
Fakultaten, durch Ernennung zum Ehrendoktoringenieur seitens der Techni- 
schen Hochschule in Karlsruhe, durch Adressen der katholisch-theologischen 
Fakultat der Universitat Freiburg, des Oberrats der Israeliten und der Synode 
der israelitischen Religionsgemeinschaft. Die Stadte Heidelberg und Karlsruhe 
ernannten ihn zum Ehrenbiirger. — Es war N. nicht gegonnt, sich lange der 
Ruhe zu freuen, von der er selbst und die Seinigen wohl eine Besserung 
seines Gesundheitszustandes gehofft hatten. Um die Jahreswende 1902/03 trat 
eine Zunahme seines schweren Leidens ein und die Krafte des Siebzigjahrigen 
zeigten einen raschen Zerfall. In der Nacht vom 12. zum 13. Februar 1903 
entschlief er sanft. Bei seiner Beisetzung am 19. Februar erwiesen ihm nicht 
nur der Grofiherzog, die Groflherzogin und die Prinzen des Hauses die letzte 



6 Nokk. Roesicke. 

Ehre, sondern aus alien Teilen des Landes kamen Abordnungen herbei, um 
an seinem Sarge Kranze niederzulegen, an dem offenen Grabe Worte der 
Trauer und Verehrung zu sprechen. Er hinterliefi eine Witwe, die ihm 
35 Jahre lang die verstfindigste und teilnahmvollste GefShrtin seiner Freuden 
und Leiden, in seinen kranken Tagen die treueste Pflegerin war. Mit ihr 
trauerten ein Sohn und zwei TSchter an seinem Grabe. Und viele Freunde, 
die er von seinen Jugendjahren bis in die Jahre des Greisenalters sich er- 
worben und erhalten hatte, beklagten den Verlust eines Mannes, der ein 
echter Mensch gewesen, dessen idealer Sinn, dessen vielseitige Bildung, dessen 
wahre Humanit&t und Freiheit des Geistes und Urteils alien, die ihm naher 
traten, unvergefilich bleiben wird, wie er fortleben wird in den Ergebnissen 
seiner ernsten Forderung der Kunst und Wissenschaft. 

Karlsruher Zeitung 1903 Nr. 360. — Staatsrainister Dr. Wilhelm Nokk, von dem Ver- 
fasser dieses Nachrufes. Heidelberg, C. Winter, 1904. p. v# Weech. 

Roesicke, Richard, Industrieller und Sozialpolitiker, * 24. Juli 1845 * n 
Berlin, f 21. Juli 1903 daselbst. — Sein Vater, Adolf Roesicke, war ein an- 
gesehener Kaufmann. Der alteste Sohn Richard widmete sich, nachdem er 
das Franzosische Gymnasium bis zur Prima besucht hatte, ebenfalls dem Kauf- 
mannsstande und absolvierte zunachst von 1861 bis 1864 in Frankfurt a. M. 
eine dreijahrige Lehrzeit. Noch nicht zwanzig Jahre alt, wurde er von seinem 
Vater 1864 nach Berlin berufen, um dort die Leitung einer von dem Vater 
kauflich erworbenen Brauerei zu iibernehmen. Da das Brauereigesch&ft ihm 
bis dahin vollig fremd gewesen war, so erfullte der Sohn den Wunsch des 
Vaters nur mit einigem Widerstreben. In sehr kurzer Zeit fand sich der junge 
Mann aber in den neuen Verhaltnissen zurecht und entwickelte die nach ihrem 
Vorbesitzer Jobst Schultheifl genannte Brauerei, die beim Erwerb noch jeglicher 
Maschinenkraft entbehrt hatte, in uberraschend kurzer Zeit zu einem grofien 
Betriebe. Ende der sechziger Jahre von einem schweren Brustleiden befallen, 
das ihn veranlafite, l&ngere Zeit im Suden, in Italien, Agypten, Spanien und 
in der Schweiz, zuzubringen, nahm er nach seiner Genesung die Entwicklung 
seiner Brauerei mit erhohter Energie auf, erwarb im Jahre 1877 die Wald- 
schlofichen-Brauerei in Dessau hinzu und brachte, nachdem er die Schultheifl- 
brauerei in eine Aktiengesellschaft umgewandelt hatte, als Generaldirektor diese 
Aktiengesellschaft zu einer ungewOhnlichen Bliite. Die Schultheifibrauerei stand 
bei Roesickes Tode in bezug auf das Produktionsquantum an der Spitze aller 
Brauereien Deutschlands. Sie verteilte fortgesetzt glanzende Dividenden und 
wurde, was die soziale Fiirsorge fur die in den Betrieben der Gesellschaft 
beschaftigten Arbeiter anlangt, von keinem anderen Grofibetriebe Deutsch- 
lands iibertroffen. 

Die unausgesetzte Fiirsorge, die er in seinen Betrieben zur Verbesserung 
der Lage der Arbeiter aufwandte, hatte ihn bald auch auf die Bahnen einer 
Sffentlichen sozialreformatorischen Tatigkeit gefiihrt. Als ausgesprochenen 
Sozialpolitiker schickte ihn der Wahlkreis Dessau-Zerbst 1890 in den Reichs- 
tag. Von 1890 bis zu seinem Tode hat er diesen Wahlkreis im Reichstage 
vertreten. Er gehSrte zunachst keiner parlamentarischen Fraktion an, son- 
dern blieb wildliberal. Ende der neunziger Jahre trat er der Freisinnigen 
Vereinigung naher und schlofi sich im Dezember 1902, wahrend der heftigen 



Roesicke. j 

Zollk£mpfe, die damals im Reichstage ausgefochten wurden, auch formell 
dieser Fraktion an. Bei den Wahlen im Juni 1903 hatte er sein Mandat so- 
wohl gegen die Sozialdemokratie als auch gegen die Agrarier, denen sich 
die Nationalliberalen, welche ihn bei alien friiheren Wahlen unterstlitzt hatten, 
anschlossen, zu verteidigen. Trotzdem erhielt er uber 2000 Stimmen mehr 
als bei der vorhergegangenen Wahl des Jahres 1898. Unmittelbar nach der 
Wahl unterwarf er sich einer schweren Operation, die ihn von einem Darm- 
leiden befreien sollte. Den Folgen dieser Operation erlag er nach einigen 
Tagen. 

R.s Bedeutung fiir das offentliche Leben Deutschlands lag vornehmlich 
in dem Umstande, dafi er ein industrieller Groflunternehmer war, der die 
weitestgehenden sozialen Reformen nicht nur in der Gesetzgebung vertrat, 
sondern auch in den ihm unterstellten Betrieben praktisch durchfiihrte und 
dabei von jeder patriarchalischen Methode in der Behandlung der Arbeiter 
absah. Er forderte von den Arbeitern seines Betriebes tuchtige Leistungen 
und bewilligte ihnen dafiir nicht nur hohen Lohn unter gleichzeitiger Her- 
stellung der denkbar besten Wohlfahrtseinrichtungen, sondern er raumte ihnen 
auch die vollste Gleichberechtigung ein. Sie waren weder in ihrer Lebens- 
fiihrung noch in ihren politischen Oberzeugungen irgendwelchem Zwange unter- 
worfen. Er hinderte die Arbeiter seiner Dessauer Brauerei in keiner Weise daran, 
bei den Reichstagswahlen gegen ihn und fiir seinen sozialdemokratischen 
Gegner zu stimmen. Die Arbeiterausschiisse, die in der Schultheifibrauerei 
geschaffen wurden, dienten nicht zur sozialpolitischen Dekoration, sondern 
besafien sehr realen EinfluQ. Sie fungierten nicht nur bei der Begutachtung 
der zu erlassenden Arbeits- und Strafordnungen, sondern auch bei der Uber- 
wachung bestehender und bei der Beratung neuer Wohlfahrtseinrichtungen. 
Die Beaufsichtigung und Anregung von Vorrichtungen zum Schutze von 
Leben und Gesundheit war ihnen uberwiesen, und zur Schlichtung von 
Streitigkeiten aller Art wurden sie zugezogen. Die Mitglieder dieser Arbeiter- 
ausschiisse wurden alljahrlich in geheimer Wahl neugewahlt und erhielten 
aufier dem Ersatz ihrer Barauslagen als Entschadigung fiir Zeitversaumnis bei 
Ausubung ihres Amtes eine jahrliche Vergiitung von 100 M. Jeder Arbeit- 
nehmer, der in den Ausschufi gewahlt wurde, hatte Anspruch auf eine vier- 
wdchentliche Kundigungsfrist. 

Die auch in diesen Anordnungen zutage tretende grunds£tzliche Gleich- 
stellung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern war der sozialpolitische 
Zentralgedanke der gesamten Roesickeschen Sozialpolitik, und gerade dadurch 
unterschied er sich von jenen Arbeitgebern des Typus Stumm, die zwar 
auch bereit sind, fiir ihre Arbeiter in materieller Beziehung gut zu sorgen 
und fiir Wohlfahrtseinrichtungen Opfer zu bringen, die aber an einem straffen 
Abhangigkeitsverh&ltnis auch aufierhalb des Arbeits vertrages festhalten. 
»Wenn«, so aufierte sich einmal der Freiherr von Stumm in der Reichstags- 
sitzung vom 19. Mai 1890, »ein Arbeiter eine von mir nicht gewiinschte 
Zeitung liest, dann bestrafe ich ihn nicht, sondern entlasse ihn, und ich 
werde es auch in Zukunft so halten. Das personliche . Verhaltnis zwischen 
Arbeitern und Arbeitgebern darf nicht untergraben werden«. R., der das 
Arbeitsverhaltnis auf moderne konstitutionelle Grundlage stellen wollte, und, 
soweit dies in seiner Macht war, auch stellte, befand sich deshalb politisch 



8 Roesicke. Gussenbauer. 

in fortgesetzter Fehde mit dem Freiherrn von Stumm, der mit alien Mitteln 
bestrebt war, das Wesen des patriarchalischen Absolutismus auf das moderne 
Arbeitsverhaltnis unserer Grofiindustrie zu iibertragen. In Deutschland hat 
es bisher keinen Groftindustriellen gegeben, der das Prinzip des Konstitu- 
tionalismus so konsequent auf das moderne Arbeitsverhaltnis zu iibertragen 
bereit gewesen wire wie R. Das hat ihn zu einem der bedeutendsten 
Sozialreformer Deutschlands gemacht. Ein durchaus auf das Positive gerich- 
teter Geist, hat er seine Unterstiitzung keiner auf die Verbesserung der Lage 
der Arbeiter gerichteten gesetzgeberischen Mafiregel versagt, sobald ihm die 
Durchfuhrbarkeit des Vorschlages nur einigermafien gewahrleistet schien. In 
der Organisation der Unfallberufsgenossenschaften war er viele Jahre hindurch 
die leitende Personlichkeit. Die im Jahre 1889 in Berlin veranstaltete Aus- 
stellung fiir Unfallverhiitung, die auf dem Gebiete des Arbeiterschutzes 
epochemachend war, verdankte ihre Entstehung seiner Anregung und ihre 
Erfolge vornehmlich seiner Leitung. Auch in seiner Stellung zur Sozial- 
demokratie zeigte R. eine ungewdhnliche Toleranz und Vorurteilslosigkeit. 
Ohne die kollektivistischen Tendenzen des sozialdemokratischen Programms 
im mindesten zu teilen, billigte er der sozialdemokratischen Partei doch die- 
selben politischen Rechte zu wie jeder anderen Partei. Er war deshalb der 
entschiedenste Gegner aller gegen die Sozialdemokratie gerichteten Aus- 
nahmemafiregeln. Obgleich er sein Reichstagsmandat immer aufs neue gegen 
die Sozialdemokratie in der Stichwahl mit Hilfe der rechtsstehenden Parteien 
behaupten mufite, machte er diesen rechtsstehenden Parteien doch niemals 
die geringste Konzession. Vielmehr ermunterte er seine politischen Freunde, 
sowohl bei den anhaltischen Landtagswahlen wie bei den Stadtverordneten- 
wahlen in Dessau sich mit den Sozialdemokraten zwecks gemeinsamer Be- 
kampfung der Reaktionare zu verstandigen. Ihm stand es fest, daO der 
Liberalismus in Deutschland nur dann wieder zu einer ausschlaggebenden 
Bedeutung kommen kOnnte, wenn es gel&nge, mit den in der Sozialdemokratie 
organisierten Arbeitermassen einen politischen modus vivendi herbeizufuhren. 
Auch in dieser Beziehung war R. dem Liberalismus der alten Schule weit 
voraus. 

Der allzufriihe Tod dieses ungewohnlich einsichtsvollen und charakter- 
festen Sozialpolitikers war der schwerste Schlag, der die deutschen Sozial- 
reformer im Jahre 1903 getroffen hat, man kann vielleicht hinzufiigen, es 
war der schwerste Verlust, der neben Theodor Mommsen Deutschland in 
jenem Jahre uberhaupt betroffen hat. Theodor Barth. 



Gussenbauer, Karl, Rektor der Universitat Wien, Professor, Hofrat, Chirurg, 
* 30. Oktober 1842 in Ober-Vellach in Karnthen, f 19. Juni 1903 in Wien. — 
G.s Vater war ein tiichtiger Dorfarzt, dessen Tatigkeit muhevoll und auf- 
reibend, dessen Einkommen sehr gering war, so dafi die Briider Hermann 
und Karl in aufierst bescheidenen Verhaltnissen heranwuchsen. Bereits in 
seinem sechsten Lebensjahre kam Karl von seinem Elternhause fort, zu seinem 
Oheim, dem Pfarrer Rudolf Gussenbauer, von dem er den Elementarunterricht 
erhielt und nach Beendigung der Volksschule nach Salzburg geschickt wurde, 
wo er sich im Borromaum fiir den geistlichen Stand vorbereiten sollte. 



Gussenbauer. g 

Nachdem G. hier fiinf Klassen absolviert hatte, erklarte er seinem Oheim, 
dafi er sich zu diesem Beruf durchaus nicht hingezogen fiihle und bezog mit 
dessen z5gernder Einwilligung das Gymnasium in Klagenfurt. Grofi waren 
hier seine Entbehrungen und kaum fiir den ndtigsten Lebensunterhalt reichten 
die sparlichen Mittel, mit welchen er von den Seinigen unterstiitzt wurde. 

Noch schlechter erging es ihm, als er im Jahre 1861 nach Wien kam, 
urn hier Medizin zu studieren. Seine Bemiihungen eine Stelle als Hauslehrer 
zu erhalten, schlugen fehl ; ohne Freunde und Bekannte, allein in der fremden 
Stadt lernte G. Hunger leiden. Doch hier zeigte sich schon sein Mut und 
seine feste Willenskraft: er versaumte es nicht, trotz der driickenden Lage, 
in der er sfch befand, seine Kollegien mit Eifer zu besuchen und mit ge- 
spanntem Interesse folgte er den Vorlesungen Hyrtls und Briickes. 

Durch Hofmeisterstellen, welche er endlich in der Familie des Grafen 
Pdlffy, dann in der Familie seines sp&teren Freundes v. Rosthorn erhielt, in 
seiner finanziellen Lage gebessert, genofi G. mit dem hohen Interesse, das er 
seinem Stande entgegenbrachte, die Bliitezeit der »Wiener Schule«. Aufler 
Hyrtl und Briicke horte er Rokitansky, Skoda, Oppolzer, Arlt, Schuh und 
Hebra. Am Institut Briickes verfaflte er zwei Arbeiten, die ihm spater einen 
Ruf als Assistent der physiologischen Lehrkanzel nach Breslau eintrugen, 
welchen er aber nicht annahm. Im Jahre 1867 wurde er zum Doktor der 
Medizin und Chirurgie, zum Magister der Augenheilkunde und Geburtshilfe 
promoviert. 

Hierauf praktizierte G. an verschiedenen Abteilungen des allgemeinen 
Krankenhauses sowie im Rudolf-Spital, wo damals Weinlechner titig war. 

1869 kam er als Operationszftgling an die Klinik Billroth. Schon bei 
der dazu ndtigen Priifung (Operation an der Leiche) fiel Billroth die aufier- 
ordentliche Geschicklichkeit und Exaktheit auf, mit welcher G. seine Auf- 
gabe lftste. 

Die Billrothsche Schule war damals im Aufbliihen begriffen. Billroth 
verstand es, die Begeisterung, mit welcher er an seinem Berufe hing, auch 
auf seine Schiiler zu ubertragen. Er erkannte ihre F&higkeiten und Talente 
und leitete ihre Arbeitslust und ihren Tatendrang auf bahnbrechende Wege. 
So war es ein emsiges und ruhmreiches wissenschaftliches Arbeiten, das 
Billroth mit seinen Schulern verband; diesen war er nicht nur der grofle 
Meister und Lehrer, er war auch ihr Freund und Vater, dem sie Hochachtung 
und Dankbarkeit, aber auch Liebe und ihr ganzes Vertrauen entgegenbrachten. 
So stand G., insbesondere nachdem er 1872 klinischer Assistent geworden 
war, an der Seite des grofiten Chirurgen in seiner besten Zeit. 

Der Eifer und die Pflichttreue, welche er in dieser Stellung an den Tag 
legte, die riicksichtslose Strenge gegen sich, die stets gleiche Energie und 
Gewissenhaftigkeit, mit der er seinen Dienst versah, erweckten die Bewunderung 
und Hochachtung seiner Kollegen. Tag und Nacht, mit stets gleicher Arbeits- 
freudigkeit schaffend, sorgte er fiir das Wohl der ihm anvertrauten Kranken. 
Daneben fand er Zeit zu wissenschaftlichen Studien; er arbeitete sich ein in 
Bakteriologie, Histologic und experimentelle Pathologie und stand Billroth 
bei seinen zahlreichen Tierversuchen hulfreich zur Seite. 

Dieser Zeit entstammen mehrere Publikationen G.s, von welchen jene 
iiber die Perlmutterkrankheit seine Habilitationsschrift, die experimentell- 



I o Gussenbauer. 

chirurgische Studie (iber partielle Magenresektion eine grundlegende Arbeit 
fur die moderne Magendarmchirurgie wurde. 

Im Jahre 1873 fuhrte Billroth seine erste Totalexstirpation wegen eines 
karzinomatosen Kehlkopfes aus, und G. gelang es, nach langem Nachdenken 
und vielen miihevollen Versuchen, fur den Patienten einen Apparat zu kon- 
struieren, der in die Trachealkaniile eingefuhrt, dem Kranken es ermoglichte, 
wieder zu sprechen. Dieser Apparat wurde allerdings spater von anderen 
modifiziert und verbessert, doch gebiihrt das Verdienst der Idee und ersten 
Ausfiihrung eines kiinstlichen Kehlkopfes allein G. 

Im Jahre 1875 kam von seiten der belgischen Regierung die Anf rage an 
Billroth, ob er wohl fur die erledigte Lehrkanzel in Liittich einen tiichtigen 
Chirurgen wisse, es sollte womoglich einer seiner Schuler sein. Billroth 
empfahl G., dessen aufierordentliche Fahigkeit er kannte, von dessen selbst- 
standiger chirurgischer Tatigkeit er viel erwartete. So kam G. im Alter von 
33 Jahren als Ordinarius und Leiter der Kgl. belgischen Universit&tsklinik 
nach Liittich. Wie grofl die Willenskraft und der Fleifi G.s war, kann man 
daran erkennen, dafi er, der franzOsischen Sprache unkundig, dieselbe in 
wenigen Monaten derart erlernte, dafi er nicht allein seine Antrittsvorlesung 
in fliefiendem Franzdsisch vortrug, sondern auch seine Klinik von allem 
Anfang an in dieser Sprache hielt. 

In seinem neuen Wirkungskreis erlebte er anfangs Anfeindungen, nament- 
lich von seiten der Presse, welche ihn als Auslander herabsetzen wollte. Dazu 
kam die Art seines Auftretens im Spital. Die von ihm ubernommene Klinik 
war aufierst mangelhaft eingerichtet, schlecht gefiihrt und befand sich in den 
denkbar ungunstigsten hygienischen Verhaltnissen. Wundfieber und Hospital- 
brand waren an der Tagesordnung. Da fuhr G. hinein mit all seiner Energie 
und Strenge. Riicksichtslos mit eiserner Hand entfernte er alles, was er als 
schlecht erkannte und ebnete sich den Boden, auf den er Billroths Schule 
pflanzte. Mit einigen jungen Arzten, die er sich heranzog und als tuchtig 
und verlafilich erkannte, leitete er die Klinik nach den Prinzipien der mo- 
dernen Antisepsis und schon bald konnte er in einem statistischen Jahres- 
bericht der Regierung die eklatanten Erfolge seiner TStigkeit aufweisen. Nun 
war das Eis gebrochen und G., nur mehr It grand mcdecin genannt, erfreute 
sich der grofiten Achtung und Verehrung in ganz Belgien. 

Die Studenten folgten mit Interesse seinen Vorlesungen, die ihnen gar 
manchen neuen Gesichtspunkt brachten. Wenn er das FranzSsische anfangs 
auch nur muhevoll beherrschte, so dafi er die lateinische Sprache oft zu 
Hilfe nehmen mufite, so hielt doch der geistige Inhalt seines Vortrags die 
Horer in Atem. Sie wurden gefesselt durch die Klarheit seiner Worte und 
Anschauung und durch den Reiz seiner Kritik. 

Die Begeisterung, mit welcher Arzt und Patient von G. sprachen, ver- 
schaffte ihm einen Ruf, der weit uber die Grenzen des Landes hinausging, 
und als ihm nach 2 1 /* Jahren die erledigte Lehrkanzel an der deutschen 
University in Prag angetragen wurde, machte die Regierung alle mOglichen 
Versprechungen, um ihn zu halten, und nur ungern liefi man ihn ziehen, 
wohlwissend, welchen Verlust die Universitat und das ganze Land durch 
seinen Abgang erfahre. 

Von wissenschaftlichen Arbeiten entstammen der Zeit zwei bedeutende 



Gussenbauer. j \ 

Monographien : »Sephthamie und Pyohamie« und die »Traumatischen Ver- 
letzungen*. Beide Werke, besonders das letztere zeigen eine verbliiffende 
Scharfe der Beobachtung und Klarheit in der kritischen Beurteilung derselben. 

In Prag, wo G. von 1878 — 1894 wirkte, herrschte ein reges wissenschaft- 
liches Leben, an dem er mit Freude tatigen Anteil nahm. Er trat in die 
Redaktion der »Zeitschrift fur Heilkunde« und fftrderte durch zahlreiche eigene 
Beitrage dieses Organ der Prager medizinischen Fakult&t. Desgleichen regte 
er seine Schiller zu wissenschaftlichen Forschungen an und verstand es, das 
reichhaltige Krankenmaterial, das ihm im Zentrum des so dicht bevolkerten 
Landes zustrdmte, zu Nutz und Frommen der rasch fortschreitenden Wissen- 
schaft zu verwerten. G. stand in der Bltite seiner Jahre, in der Glanzperiode 
seines Schaffens. An all den unermtidlichen Arbeiten, in der Klinik, am 
Krankenbett, im Laboratorium, am Schreibtisch und in der Privatpraxis fand 
er seine Befriedigung. Seine Tuchtigkeit war bald in den weitesten Kreisen 
bekannt und seine Popularitat wie die eines Fiirsten. Dazu trug nicht wenig 
bei, dafi er an den Arztevereinen im Land mit Interesse Anteil nahm und 
regelmafiig in den Wanderversammlungen der deutschen Arzte B6hmens aus- 
gewahlte Kapitel aus der Chirurgie vortrug. Den Berliner Chirurgenkongrefi 
versaumte er nie zu besuchen. Er folgte mit grofier Aufmerksamkeit alien 
Vortragen und Demonstrationen und wirkte durch seine sachliche und stets 
treffende Kritik anregend auf die Diskussion. Auch an den internationalen 
medizinischen Kongressen in London, Berlin und Moskau nahm er tatigen Anteil. 

G. verheiratete sich in Prag und fand in seiner Frau eine ihm durchaus 
ebenburtige Lebensgefahrtin, die ihm in Lieb und Treu bis zu seinem Tode 
zur Seite stand. 

Seine Publikationen aus der Prager Zeit sind zahlreich und erstrecken sich 
uber die verschiedensten Gebiete der medizinischen Wissenschaft. Sehr ein- 
gehend beschaftigte sich G. mit der Frage der Atiologie der bbsartigen 
Geschwiilste, und auch spater, als er nach Wien kam, setzte er seine dies- 
bezuglichen Studien fort, ist jedoch zu keinem Abschlufi gekommen. Doch 
wissen wir, dafi er die parasitare Theorie vertrat und stets daran festhielt. 
Neben der Tatigkeit G.s als Arzt und Gelehrter verdient hervorgehoben zu 
werden, dafi er im Jahre 1886 als Rektor der Prager Universit&t in den 
nationalen Kampfen mit gleicher Entschiedenheit fur deutsche Kultur und 
deutsches Recht eintrat wie er es spater in seinem letzten Lebensjahr als 
Rektor der Wiener Universitat getan hat. 

Als im Jahre 1894 Billroth starb, wurde G. einstimmig als der wurdigste 
Nachfolger des unerreichten Chirurgen anerkannt und berufen. In seiner 
Antrittsvorlesung in Wien sagte er: »Ohne personliche Aspiration verliefi ich 
die alteste deutsche Universitat und kam in pietatvoller Erinnerung meines 
Lehrers und Meisters nach Wien. Wie dem Sohne das Erbe des Vaters, so 
fiel mir nach dem oft so ratselhaften, aber nicht minder unwandelbaren 
Gesetze des Schicksals seine Lehrkanzel zu.« 

G. oblag seinen Berufspflichten in Wien mit ungeschwachter Manneskraft, 
fortschreitend auf dem Pfade des Gelehrten und Kiinstlers durch voile neun 
Jahre, bis ihn das erbarmungslose Schicksal traf. Ein Herzleiden, das erst 
wenige Monate vor seinem Tode ernste StGrungen seiner sonst so kr£ftigen 
Konstitution verursachte, brachte ihm den Tod. Als ein Mann von Selbst- 



1 2 Gussenbauer. 

beherrschung, der sich selbst mit spartanischer Strenge erzogen, kannte er 
kein Mitleid mit sich und heischte keines von seiner Umgebung. Mit 
wachsender Sorge bemerkten seine Angehftrigen und Freunde die stets zu- 
nehmenden Symptome der drohenden Herzschwache. Umsonst bat man ihn, 
sich zu schonen, sich die so aufreibende Tatigkeit in der Klinik, die schwere 
Last der Rektoratsgeschafte leichter und ertraglicher zu machen. Umsonst! 
Mit stoischer Ruhe und gewohnter Gewissenhaftigkeit erledigte er seine 
Arbeiten als Rektor, hielt er die klinische Vorlesung; nur eins liefi er — 
das Operieren. Vielleicht fiirchtete er, dem Kranken unter seinem Messcr 
nicht mehr mit der gewohnten Sicherheit helfen zu konnen. Und wie grofi- 
artig, wie genial hatte er operiert! Mit einer staunenswerten Technik vollendete 
er die schwierigsten Eingriffe und kannte kein Hindernis, sobaid es gait, 
einem sonst rettungslos verlorenen Menschen zu helfen. 

G. war ein ernster Mann. Schon als junger Student urn seine Kxistenz 
kampfend, hatte er seinen Geist gestahlt in Willenskraft und Strenge. Grofi 
war in ihm das Pflichtgefuhl, und wie er es selbst empfand, so forderte er 
es von seinen Untergebenen. Sein Gerechtigkeitsgefiihl, das ihn in all seinen 
Handlungen und Urteilen leitete, war derart ausgepragt und mit so eiserner 
Konsequenz angewandt, dafi seine Kollegen und die Fakultat sich in strittigen 
Fragen gerne an ihn wandten — und sein Wort gait! Protektion kannte er 
nicht. Hoffte jemand, G. wiirde ihm bei diesem oder jcnem durch die 
Finger sehen, so kam er schlecht an. Ohne zu geifleln, aber auch ohne 
Rucksicht sagte er jedem, gleichviel ob es ein Untergebener oder Vorgesetzter 
war, mit stets gleicher Offenheit unci in der fur ihn so charakteristischen 
knappen und biindigen Form seine Meinung. Wenn er deshalb manchmal 
auch fur hart und vielleicht allzu strenge gait, so muflte doch jecler zugeben, 
er wollte stets das beste und verstand es dies iiberall durchzusetzen, wo es 
in seiner Macht stand. Seiner ausgepragten Wahrheitsliebe entsprach es, dafl 
ihm Etikette und all die iiblichen konventionellen Hoflichkeiten zuwider 
waren; eine Phrase hdrte man von ihm nie. Und wer ihn naher kannte, der 
wuflte, was fur ein seelenguter Mann er war, wie nah ihm das Wohl und 
Wehe seiner Mitmenschen ging, wie ungern er tadelte. Aber mit unbeug- 
samer Kraft kftmpfte er jede Regung seiner so warm fiihlenden Seele nieder, 
als schamte er sich ein Herz zu haben, und wer ihn nicht naher kannte, nicht 
gut beobachtete, der ahnte wohl nicht, welch tiefes Gemut, welch grofie 
Nachstenliebe hinter dem harten Panzer peinlicher Gerechtigkeit und strengen 
Pflichtbewufltseins verborgen war. 

G. war ein grofier Freund der Natur. Alljahrlich nach SchluB des 
Sommersemesters reiste er in seine Heimat, wo er fiir seine Familie ein 
stattliches Haus gebaut hatte. Hier hatte sein Vater, der erst wenige Jahre 
vor dem Tode seines Sohnes gestorben war, in behaglicher Ruhe den Abend 
seines Lebens verbracht. Hier lebte G. seiner Familie, seinen Landsleuten. 
Dabei befaflte er sich mit der hohen Jagd, mit Bergsteigen und Klettertouren ; 
er sorgte um die heimische Kultur durch Bauten und Anpflanzungen allcr 
Art. Da, wo er alljahrlich ausruhte von den Miihen und Plagen des Winters, 
in der frischen Bergluft frische Kraft schopfend fiir neues rastloses Arbeiten, 
da liegt er auch begraben, am lauschigen Friedhof seines stillen Geburts- 
ortes. Aber sein ruhmvoller Name, sein Andenken lebt fort und wird nicht 



Gussenbauer. 



13 



untergehen. G. war ein bewunderungswurdiger Charakter, ein grofler Ge- 
lehrter, ein uniibertroffener Chirurg. 

Verzeichnis der wissenschaftlichen Arbeiten Gussenhauers: »Ober die 
Muskulation dcr Atrioventrikularklappen des Menschenherzens« (Wien). — »0ber das Gc- 
fafisystem der aufieren weiblichen Genitalien« (Wien. k. k. Akad. d. Wissensch. Bd. 60). — 
>Cber die erste durch Th. Billroth ausgeftihrte Kehlkopfexstirpation« (Langenbecks Archiv 
Bd. XVII, 343). — »Die partielle Magenresektion* (Langenbecks Archiv Bd. XIX). — 
* Rapport de la Clinique chirurgicale de Liege* (1876 — 1878). — »Die traumatischen Ver- 
letzungen* (D. Chir. Lief. XV, 1880). — »Sephthamie, Pyohamie und Pyosephthamie« 
(D. Chir. Lief. IV, 1882). — »Hystiogenese des Krebses« (Kongreflbericht, 31. Kongr. 2. Sitzg. 
1902). — »Uber die Erfolge der operativen Behandlung der Karzinomec (Prag. med. W. 
1879). — »t)ber die Entwicklung der sekundaren Lymphdrttsengeschwtilste« (Zeitschr. f. 
Heilkunde Bd. II). — »Ein Beitrag zur Lehre von der Verbreitung des Epithelialkrebses 
auf Lymphdrtisen« (Langenbecks Archiv Bd. XII, S. 561), — »Ober die Pigmentbildung in 
melanotischen Sarkomen« (Virchows Archiv Bd. 63). — »t)ber die Heilung per primam 
intcntionem* (Archiv f. kl. Chir. Bd. XII, S. 791). — »Die Methoden der kUnstlichen 
Knochentrennung und ihre Verwendung* (Archiv f. kl. Chir. 1875, S. 1). — »Erfahrungen 
iiber Massage* (Prager med. W. 1881, N. 1). — »Cber eine lipomatose Muskel- und Nerven- 
degeneration* (Langenbecks Archiv Bd. XVI, S. 602). — »Cber die Veranderungen des 
quergestreiften Muskelgewebes bei traumatischen Entztindungen« (Archiv f. kl. Chir. Bd. XII, 
S. 10 10). — »Erfahrungen tiber die Jodoformbehandlung bei der Knochentuberkulose« 
(Prager med. W. 188 1, Nr. 35). — »Cber die Behandlung der Gangran bei Diabetes melhtus* 
(Wiener kl. W. 1899, Nr - *7)* — »^ie Knochenentzttndungen der Perlmutterdrechsler« 
(Langenbecks Archiv Bd. XVIII, S.630). — »Beitrag zur Kenntnis und Exstirpation von myelc- 
genen Schadelgeschwtilsten« (Zeitschr. f. Heilkunde Bd. V). — »Erfahrungen iiber die osteo- 
plastische Schadeltrepanation wegen Hirngeschwlilste« (Wiener kl. W. 1902, Nr. 6, 7, 8). — 
»Zur operativen Behandlung der tiefliegenden traumatischen Hirnabszesse« (Prager med. W. 
1885, Nr. 1). — »0ber den Mechanismus der Gehirnerschtitterung«c (Prager med. W. 1880, 
Nr. 1 — 3). — »Zur Kasuistik der Epilepsie nach Hirnlasion* (Prager med. W. 1886, Nr. 35). 

— >Hirnsklerose und Herderscheinungen« (Wiener kl. Wochenschr. 1902, Nr. 38). — »Uber 
Pachymeningitis tuber c. circumscripta* (Prager med. W. 1892, Nr. 9). — »t)ber Skalpicrung 
durch MaschinengewalU {Zeitschr. f. Heilkunde Bd. IV). — »0ber die Commotio vitdullae 
spinalis* (Prager med. W. 1893, Nr. 40— 41). — »0ber Nervennahtc (Prager med. W. 1882, 
Nr. 1). — >0ber Ischias scoliotica (Prager med. W. 1890, Nr. 17 — 18). — »t)ber Stomato- 
plastik« (Prager med. W. 1885, ^» r - x 3)« — >Cber buccale Exstirpation der basilaren Rachen- 
geschwiilste* (Archiv f. kl. Chir. Bd. XXIV, S. 265). — »Ein neues Verfahren der Stomato- 
plastik zur Heilung der narbigen Kieferklemme« (Langenbecks Archiv 1877, Bd. XXI, H. 3, 
S. 52). — »Die temporare Resektion des Nasengertlstes zur Freilegung des Sinus frontalis* 
(Wiener kl.W. 1 895, Nr. 21). — »0ber Behandlung der Trigeminusneuralgie« (Prager med.VV. 1886, 
Nr. 31). — »Beitrag zur Kenntnis der subpleuralen Lipome* (Langenbecks Archiv Bd. XLIII, 
S-323). — »Zur Kasuistik der Kehlkopf exstirpation « (Prager med.VV. i883,Nr.3i). — »Beitrag 
zur Kenntnis der bronchiogenen Geschwtilste* (Festschrift f. Billroth). — »Ober kombinierte 
Osopbagotomiec (Zeitschr. f. Heilkunde Bd. IV), — »Zur Kasuistik der Fremdktfrper des 
Magensc (Prager med. W. 1891). — >Zur Kasuistik der Fremdkttrper des Magensc (Prager 
med. W. 1883, Nr. 15). — »Zur operativen Behandlung der Pankreascysten" (Langenbecks 
Archiv Bd. XXIX, H. 2). — »Zur Kasuistik der Pankreascysten* (Prager med. W. Nr. 2 — 3). 

— »Zur Kasuistik der Pankreascysten« (Prager med. W. 1891 Nr. 32 — 33). — »Fall von 
partieller Resektion des Colon descendens* (Langenbecks Archiv Bd. XXIII, S. 233). — 
>Zur operativen Behandlung des Karzinoms des S Romanum* (Zeitschr. f. Heilkunde Bd. I, 
1880). — »0ber Hernia epigastrica* (Prager med. W. 1884, Nr. 1). — >Exstirpation eines 
Hamblasenmyoms nach vorausgehendem tiefem und hohem Blasenschnitt* (Archiv f. kl. Chir.) 

— »Cber Harnblasensteinoperationenc (Prager med. W. 1888, Nr. 1 — 7). — > Beitrag zur 
Exstirpation von Beckenknochengeschwiilsten« (Zeitschr. f. Heilkunde Bd. XI, 1890). — »0ber 



1 4 Gussenbauer. Zumpe. 

sakrale Dermoide* (Prager med. W. 1893, Nr. 36). — »0ber die Behandlung der Fissura 
anU (Wiener kl. VV. 1902, Nr. 2). — »Ober die Behandlung der Rififrakturen des Fersen- 
beinesc (Prager med. W. 1888, Nr. 18.) Otto v. Frisch. 

Zumpe, Herman, Kgl. bayr. Generalmusikdirektor, * 9. April 1850 in 
Oppach in Sachsen, f 4. September 1903 in Munchen. — Der am 4. Sept. 
1903 jah aus dem Leben geschiedene Miinchener Generalmusikdirektor Her- 
man Zumpe hat einen heifien, steilen Weg zur H6he des Lebens zurucklegen 
miissen. Zur Lehrertatigkeit bestimmt, und nach seiner in Taubenheim a. d. 
Spree verbrachten Jugendzeit im Seminar in Bautzen ausgebildet, hatte er 
kurze Zeit in Weigsdorf gewirkt, sein Herz aber zog ihn mit einer Macht, 
die alien Hindernissen gewachsen war, zum kunstlerischen Lebensberufe. Er 
wufite seine Versetzung nach Leipzig zu erreichen, wo er bis 1871 bei Prof. 
Tottmann griindliche musikalische Studien betreiben konnte. Die entschei- 
dende Wendung in seinem Leben trat 1872 ein; er legte die Lehrerstelle 
nieder und hatte das Gliick, nach Bayreuth an die sogenannte »Nibelungen- 
Kanzlei« berufen zu werden, wo er unter den Augen Richard Wagners und 
zusammen mit Hans Richter, Anton Seidl, Franz Fischer seine musikalische 
Ausbildung (bis 1875) vollenden durfte. Die kunstlerische Weihe und Lehre, 
die er dort empfing, hat ihm den Blick geftffnet fiir die groflen Geheimnisse 
seiner Kunst und ihn deren Wesen als Kulturmacht erfassen gelehrt. An 
kleineren Buhnen — in Salzburg, Wiirzburg, Magdeburg — hat er dann als 
Kapellmeister des Opernwesens Leid und Freud griindlich kennen gelernt, 
bis er in den achtziger Jahren einen grofieren Wirkungskreis in Frankfurt 
a. M. und nicht lange darauf in Hamburg fand. Aber im Kunstgeschafts- 
bereich Pollinis war seines Bleibens nicht. Er zog sich ins Privatleben zu- 
riick (1886 — 1 891), durch kompositorische und padagogische T&tigkeit die 
materiellen Sorgen von sich uud seiner schon in Bayreuth begriindeten Fa- 
milie wehrend. In diesen Jahren ernsten Lebenskampfes entstanden einige 
Werke leichteren Stils, darunter die bekannte Operette »Farinelli«. In 
seinem Herzen aber bewahrte er treu den Zug zum Hdchsten. — Mit der 
Berufung zum Hofkapellmeister nach Stuttgart (1891) begann die wichtigste 
und gliicklichste Epoche seines Lebens, in der er seine Krafte voll entfalten 
konnte. Das Stuttgarter Hoftheater verdankt seinem Wirken (1891 — 1895) 
manche kunstlerische Tat von Bedeutung (so die deutsche Erstauffiihrung von 
Verdis Falstaff), nicht minder das Konzertunternehmen Dr. Franz Kaims in 
Munchen, dem er in den Jahren 1895 — 1897 eine hochgeachtete Stellung im 
Miinchener Musikleben erk£mpfte. Doch sein Herz hing zu sehr an der dra- 
matischen Kunst, als dafi er nicht freudig einem Ruf des Generalintendanten 
von Ledebur nach Schwerin gefolgt ware. Die Schweriner Oper erlebte unter 
Z. 1898 — 1901 eine Zeit hoher Bliite. Eine Frucht seiner dortigen T&tigkeit 
lernte auch das Berliner Publikum schatzen gelegentlich der Gastspiele des 
Schweriner Ensembles mit Schillings 1 Ingwelde im Berliner Opernhaus. Auch 
im Auslande erntete Z.s Kunst nachhaltige Erfolge. — Es war naheliegend, 
dafi Ernst von Possart den Plan fafite, Z.s kunstlerische Kraft der Miinchener 
Hofbuhne zu gewinnen, da nach Herman Levis Abgang und nachdem 
Richard Straufi seiner Vaterstadt den Riicken gekehrt hatte, ein fiihrender 
musikalischer Geist fehlte, der die Energie besafi, die groflen Traditionen 



Zumpe. Cornelius. I c 

dieser Biihne lebendig zu erhalten und ihrem Leiter ein verstfindnisvoller und 
tatkraf tiger Heifer bei der Verwirklichung seiner bedeutenden Plane zu sein. 
Dem uneigenniitzigen Entschlusse des kunstsinnigen Regenten Schwerins und 
seines Intendanten verdankte Z. die Moglichkeit, dem Rufe Possarts 190 1 zu 
folgen. Mit zaher Energie, mit aufopferndem Fleifie sich seiner nach Lage 
der Dinge aufierst schwierigen Aufgabe widmend, hat Z. sich in Munchen 
als der rechte Mann am rechten Orte bewahrt; unter seinem Stabe bliihten 
die »Akademiekonzerte« neu empor, durch sorgfaltige Neueinstudierungen 
klassischer Opernwerke wurde das Repertoire befestigt, im Mittelpunkt seiner 
Tfitigkeit aber stand das Wirken fiir das im Entstehen begriffene Prinzregenten- 
theater, dem Possart in erster Linie die verantwortungsvolle Aufgabe zu- 
gewiesen hatte, das vorbildliche Wirken Bayreuths in umfassender Weise fiir 
die Pflege des Wagnerschen Kunstwerkes nutzbar zu machen. Dem SchOpfer 
und Meister des musikalischen Dramas alle gebiihrenden Ehren zu zollen 
war Z. ein Herzensbedurfnis. So wirkte er, mit Possart durch ein inniges 
Freundschaftsband verbunden, in schaffensfreudiger Begeisterung fiir das kiinst- 
lerisch bedeutungsvolle Unternehmen, und die achtunggebietende Stellung, die 
es sich errungen, ist nicht zum wenigsten Z.s Verdienst. 

In vollem Sonnenlichte erfolgreicher Tatigkeit stehend, ist er plotzlich 
am 4. Sept. 1903 einem Herzschlage erlegen. Nach einem Leben voll heifier 
K&mpfe war ihm ein Siegertod vergdnnt. 

In der Geschichte des deutschen Theater- und Konzertlebens der letzten 
beiden Dezennien mufi Z. ein ehrenvoller Platz als Dirigent von ungewohn- 
lichen Eigenschaften angewiesen bleiben. Die Triebkraft seiner kiinstlerischen 
Leistungen war eine nie erldschende Begeisterungsfahigkeit, die er mit be- 
sonderem padagogischem Geschick zu iibertragen wufite, der Grundzug seines 
kiinstlerischen Wesens ein edles Pathos, das nur kiihlen Beobachtern als 
auflerlich erscheinen konnte. Nicht durch genialischen Schwung rifl er mit 
sich fort, er wirkte aufs Gemiit durch Wahrhaftigkeit und Echtheit seiner 
Absichten. Und wie der Kiinstler, so der Mensch. Dem Freunde zeigte er 
ein warmes, oft bis zur Schroffheit im Urteil ehrliches, vom verwirrenden 
Theaterleben unangetastet gebliebenes Herz voll kindlich naiver Eigentumlich- 
keiten. 

Z.s kompositorischer Tatigkeit war eine nachhaltigere Wirkung nur auf 
einem Gebiete beschieden, das er wohl recht eigentlich »der Not gehorchend* 
betreten hatte. Des bedeutenden Erfolges der Operette »Farinelli« (1886) 
wurde schon Erwahnung getan. Was er aus »eigenem Triebe* geschaffen 
hat, verkiindet uns keine neuen Geheimnisse der Tonsprache; eine Anzahl 
tiefempfundener Lieder (3 Hefte), eine Ouvertiire zu Wallensteins Tod (Mskpt.), 
ein unvollendetes Streichquartett (Mskpt.) und vor allem die unvollendet 
gebliebene Oper »Sawitri«, Dichtung von Graf Sporck, der er die freie Zeit 
seiner letzten Lebensjahre widmete, spiegeln doch seine naiv pathetische, 
dem Edelsten zustrebende Seele in sympathischer Weise wider. 

Max Schillings. 



Cornelius, Karl Adolf, Historiker, * 12. Marz 1819 in Wiirzburg, f 10. Fe- 
bruar 1903 in Munchen. — C. ging aus einer Kiinstlerfamilie hervor: sein 



1 6 Cornelius. 

Vater war ein Schauspieler, der seine Kunst mit idealem Sinn erfaflte, sein 
Oheim, der dem Neffen bis zum Ende seine besondere Zuneigung schenkte, 
war der gewaltige Maler. Er selber wurde fiir den Gelehrtenberuf bestimmt, 
und wie die Mittel in dem Kunstlerhaushalt knapp waren, so muflte er die 
Zeit der kostspieligen Vorbereitung nach MOglichkeit abkurzen. Mit 17 Jahren 
zog er vom Gymnasium zur UniversitSt, mit 21 Jahren trat er, versehen mit 
einem Oberlehrerzeugnis, in dem Deutsch und Geschichte als Hauptfacher 
erschienen, sein Probejahr als Gymnasiallehrer an, und mit 22 Jahren wurde 
er als Hilfslehrer am Gymnasium zu Emmerich, mit 24 Jahren als ordent- 
licher Lehrer in Koblenz angestellt. 

Er trat in die Welt als ein junger Mann, der auffiel, wo er sich zeigte: 
schlank von Wuchs, das fein geschnittene, blasse Antlitz durch leuchtende 
Augen und tiefschwarze Haare gehoben, in seiner Rede kraftvoll bis zur 
Verwegenheit, aber immer zum Ziel treffend und gewihlt, mit einem Organ 
von prachtigem Klang, dazu in Kleidung und Haltung einigermafien nach- 
lassig wie ein junger Maler, und dann wieder, wenn er sich zusammennahm, 
leicht etwas geziert, gleichsam mit einem Anflug dramatischer Kunst; er war 
im vollen Sinne, was man im geselligen Verkehr interessant zu nennen pflegt. 
In seinem Beruf gewann er alsbald hohe Anerkennung, sowohl als Lehrer 
wie als Charakter: er ist ein vorziiglicher Lehrer und hdchst ehrenhafter 
Mensch, schrieb der Schulrat Landfermann ; er ist, so bemerkte bei Gelegen- 
heit eines kleinen Konfliktes der Oberregierungsrat Halm, ein rechtschaffener 
Mann und keiner Luge fahig. Aber er kannte auch Interessen, die auBerhalb 
seines Berufes lagen. In seinem Vaterhaus und seinem Studium waren ihm 
die Schdpfungen grofler Dichter nahe getreten; in das Verstandnis und den 
Genufi der poetischen Literatur, der deutschen wie der fremdlandischen, ein- 
zudringen, blieb fortan eine seiner liebsten Beschaftigungen, und wenn ihm 
auch nicht, wie seinem jiingern Bruder, die Gabe kiinstlerischer Produktion 
zuteil geworden war, so wufite er doch als glanzender Vorleser den Werken 
der Dichter Klang und Leben zu verleihen. Daneben verleugnete er nicht 
den frdhlichen Rheinlander (nach dem Ort seiner Geburt war Cornelius ein 
Wiirzburger; aber das hing mit dem wechselnden Aufenthalt seines Vaters 
zusammen): in ausgew&hltem MSnnerkreise anregende GesprHche zu fiihren, 
joviale Scherze auszutauschen und die Stimmung mit vinum bonum zu erhohen, 
hat immer zu seiner Lebenskunst gehOrt und wurde damals im Hochgefiihl 
der Jugend geubt. Man konnte darum auch bei oberfl£chlicher Beobachtung 
zweifeln, ob er mehr SchOngeist als Gelehrter sei, und ob er zu den Naturen 
geh6re, denen die Zukunft besondere Sorgen bereitet. Aber in der Tiefe 
arbeitete in ihm der Drang nach selbst&ndiger wissenschaftlicher Forschung 
und nach einer Stellung, die diesem Verlangen entsprach. Sein Gltick wollte, 
daB es ihm dabei an &ufierer FOrderung nicht gebrach. 

Theodor Briiggemann, erst ein hervorragender rheinischer Schulmann, 
dann im Jahr 1843 zum vortragenden Rat in der katholischen Abteilung des 
Kultusministeriums ernannt, hatte sich in demselben Jahr, da C. geboren 
wurde, mit einer Tante desselben vermahlt. Selbst kinderlos, nahm er den 
Neffen seiner Frau als Tertianer nach Koblenz in sein Haus und behielt ihn 
bei sich, bis er die Universit&t bezog. An Briiggemann hatte C. fortan einen 
vaterlichen Berater und nebenbei einen machtigen GSnner. Der erste Beweis 



Cornelius. 1 7 

dieser Fiirsorge war, dafi er im Jahr 1846, ohne dafi er einen akademischen 
Grad gewonnen oder eine Zeile geschrieben hatte, die Stelle des Dozenten 
der Geschichte und Literatur an dem Lyzeum zu Braunsberg erhielt. Hier- 
mit betrat C. die Vorstufe des akademischen Berufes, und nun liefi es ihm 
keine Ruhe, bis er vCllig in denselben eintrat. Was ihn dabei ermutigen 
konnte, war der Umstand, dafi man an einigen Universitaten, die in vor- 
wiegend katholischen Gebieten lagen, das Fach der Geschichte doppelt, 
mit einem Protestanten und einem Katholiken, zu besetzen suchte, und dafi 
fahige Historiker, die wirklich zur katholischen Kirche hielten und doch 
ohne vorgefafite Tendenz forschten und lehrten, schwer zu finden waren. 
Aber ein Beweis von Selbstvertrauen und hohem Sinn war es doch, dafi der 
mittellose junge Mann die Stelle, die ihn nahrte, nach dreij&hrigem Besitz 
preisgab, um seine Doktorpromotion nachzuholen und sich im Januar 1852 
in Breslau als Privatdozent der Geschichte zu habilitieren. 

Schon hatte er jetzt auch das Gebiet seiner selbstandigen Forschung 
abgesteckt. Als er wahrend seiner Studienjahre sich an den historischen 
Ubungen Rankes beteiligte, gewann er als tiichtiger Schiiler dessen Gunst 
und erfuhr selber von den gerade gegen Schlufi seiner Studien (1839 — 1840) 
erscheinenden drei ersten Banden derReformationsgeschichte eine bestimmende 
Einwirkung. Die Reformationsgeschichte stand fortan im Mittelpunkt seiner 
Arbeiten, und innerhalb derselben fand er einen Abschnitt, der ihn sowohl 
wegen seiner eigenartigen Bedeutung, als auch darum anzog, weil hier nach 
den Vorschriften seines Lehrers der Durchbruch von der jungeren zur altesten 
Schicht der Uberlieferung erst vorzunehmen war: es war die Geschichte des 
Ursprungs und Untergangs des Reiches der Wiedertaufer in Munster. Dem 
Nachweis, dafi die hieriiber vorliegenden Quellen abgeleitet und getrubt 
seien, gait gleich seine Doktordissertation vom Jahr 1850. Zwei Jahre spater 
konnte Ranke in der dritten Auflage seiner Reformationsgeschichte bereits 
auf eine Sammlung der echten »Denkmale aus dieser Zeit« hinweisen, welche 
C. ihm grfifitenteils schon handschriftlich mitgeteilt habe: »sie wird sehr 
merkwiirdig werden; fiir die neue Bearbeitung dieses Abschnittes ist sie mir 
sehr niitzlich gewesen«. Im Jahr 1853 erschien diese Sammlung unter dem 
Titel »Berichte der Augenzeugen uber das Miinstersche Wiedertauferreich«. 
Ihr hatte C. es zu danken, dafi er im Januar 1854 zum aufierordent- 
lichen Professor in Breslau ernannt wurde, ja einige Zeit vorher schon, am 
27. Dezember 1853, von der philosophischen Fakultat der Universitat Bonn 
an dritter Stelle fiir die durch Aschbachs Abgang erledigte ordentliche Pro- 
fessur vorgeschlagen, und hierauf, nach einjahrigem Schwanken des Ministers, 
am 18. Dezember 1854 an 1 die rheinische Universitat als ordentlicher Professor 
versetzt wurde. (Den Vorschlag hatte Dahlmann gegen Lobell durchgesetzt. 
Im Ministerium wurde der an erster Stelle vorgeschlagene Wegele abgelehnt; 
der an zweiter Stelle vorgeschlagene Ficker wurde berufen, lehnte aber seiner- 
seits ab. Gegen C. hatte der Minister das Bedenken, dafi er seiner kaum 
angetretenen Breslauer Professur nicht gleich wieder entzogen werden k6nne. 
[Fakult&ts- und Kuratorialakten].) 

In Bonn verttffentlichte er seine erste historische Darstellung von grdfierer 
Anlage: es war der erste Band der Geschichte des Miinsterschen Aufruhrs. 
Diesem Werk hatte er es wiederum zu danken, dafi er noch vor Ablauf 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nckrolo^. 8. Bd. 2 



1 8 Cornelius. 

zweier Jahre von Bonn nach Miinchen berufen wurde und damit das seiner 
Laufbahn als Universitatslehrer gesteckte Ziel erreichte. 

Bei dem Ubergang nach Miinchen hatte C. eine zehnjahrige Lehr- und 
Wanderzeit hinter sich, in der sein Geist durch die Besch&ftigung mit poli- 
tischen, kirchlichen und wissenschaftlichen Fragen gereift war. Fur seine 
Schulung in politischen Angelegenheiten war es ein grofies Ereignis, daB, 
ais im April 1848 die Wahlen fiir das Deutsche Parlament auch in Ostpreufien 
angeordnet wurden, die Wahl des Kreises Braunsberg-Heilsberg auf ihn fiel. 
Wie der 29J&hrige, eben zugewanderte Fremdling das Vertrauen der W&hler 
gewann, habe ich nicht zu erfahren vermocht; nur davon habe ich seinen 
damaligen Kollegen, den inzwischen verstorbenen Professor Andreas Menzel, 
einmal erzahlen gehort, dafl er mit einer diesem geistlichen Herrn auffallen- 
den Begeisterung die machtvolle Stellung, die Preufien in dem verjiingten 
Deutschland gebiihre, gepriesen habe. Im Parlament selber mufite er die 
harten Widerspriiche erfahren, zwischen denen sich das deutsche Verfassungs- 
werk bewegte. In der Frage des Reichsverwesers unterzeichnete er zunachst 
einen Antrag, kraft dessen die deutschen Fiirsten und freien StSdte zur 
schleunigen Ernennung des Statthalters aufgefordert werden sollten, gab dann 
aber, fortgetragen von der Bewegung, die Gagerns kuhner Griff hervorgerufen 
hatte, seine Zustimmung zu der Wahl durch die Nationalversammlung und 
zu der Erw&hlung des Erzherzogs- Johann, allerdings nicht ohne sich hinter- 
her der Wiirthschen Erklarung anzuschliefien, daB die Beistimmung zu dem 
Grundsatz der Wahl nur im Vertrauen auf die Zustimmung der Regierungen 
zu der zu treffenden Wahl gegeben sei. In dem Streit iiber das Reichsober- 
haupt gesellte er sich der Partei der GroBdeutschen bei, die sich am 20. De- 
zember 1848 im Pariser Hof konstituierte, und entzog sich der ersten Ab- 
stimmung iiber die Ubertragung der Wurde des Reichshauptes auf einen 
deutschen Fiirsten und iiber die Erblichkeit derselben, gab dann aber bei der 
zweiten Lesung, als das Parlament vor der Wahl stand, entweder auf Oster- 
reich oder auf die Reichsverfassung zu verzichten, zu beiden Bestimmungen 
sein Ja und wahlte am 28. Marz den Konig von Preufien zum Kaiser der 
Deutschen. 

Das letzte Ergebnis der Frankfurter K£mpfe war fiir C. die Erfahrung, 
dafi sich die staatliche Einigung Deutschlands an einem doppelten Wider- 
spruche stiefl: an dem Gegensatz der Machtverhaltnisse der deutschen Staaten, 
und an dem alle innern Verfassungsfragen verwirrenden Streit von Konser- 
vativen, Liberalen und Demokraten. In letzterer Beziehung befestigte er sich 
fortan in den Grundsitzen des gemafiigten Liberalismus, in ersterer Hinsicht 
scheint er erst seit dem neuen Aufflammen der deutschen Einheitskampfe, 
seit 1859, die strengeren Konsequenzen seiner groBdeutschen Grundsatze ge- 
zogen zu haben. Da erschien ihm der dem Frankfurter Fiirstentag vorgelegte 
Verfassungsentwurf so gerecht und nutzlich, dafi, wie er damals sagte, ein 
verniinftiger Mann nichts dagegen einwenden konne; da sah er in den fort- 
schreitenden Erschiitterungen der dsterreichischen Macht in Italien und 
Deutschland eine unermefiliche Gefahrdung des deutschen Wesens durch 
Slaven, Magyaren und Romanen; von der Stirkung der zentralistischen Be- 
strebungen in Deutschland fiirchtete er den Niedergang der Freiheit und 
geisttotenden Militarismus, und gegen die preufiische Politik, die den Krieg 



Cornelius. I g 

von 1866 hervorrief, erfullte er sich mit leidenschaftlicher Erbitterung. Aber 
so erregt seine Teilnahme an den offentlichen Dingen war, den Versuch zum 
tatigen Eingreifen in dieselben hat er seit 1849 nicht wiederholt. Sichtlich 
war sein Unabhangigkeitssinn, der Rigorismus seiner Wahrhaftigkeit und die 
Neigung zum apodiktischen Aussprechen seiner wohlerwogenen Meinung nicht 
vereinbar mit den Erfordernissen der Parteidisziplin, den Kiinsten der Agitation 
und der Geschmeidigkeit des parlamentarischen Redners. 

Nicht so lebhaft, aber tief und dauernd war der Anteil, den er gleich- 
zeitig an den im Innern der katholischen Kirchen beginnenden K&mpfen 
nahm. An die Namen Hermes und Giinther knupfte sich damals das Be- 
streben, die Dogmen der Kirche durch die Ergebnisse der neueren Philosophic 
zu befestigen und zu vergeistigen, aber auch die Erfahrung, dafi die Vertreter 
neuscholastischer Theologie diese Bestrebungen zu vernichten suchten, und 
dafi die Autoritat der Indexkongregation und des Papstes ihnen dazu verhalf. 
Von diesen Streitigkeiten blieb C. nicht unberiihrt. Briiggemann, in dessen 
Hause er in der Zeit lebte, da der heranwachsende Knabe zu den Satzen der 
Religionslehre ein inneres Verstandnis zu gewinnen sucht, war damals ein 
eifriger Hermesianer; der rheinische Freundeskreis, in den er in Breslau trat 
— Baltzer, Elvenich, Reinkens — stand mitten in dem Kampf fur die 
Gunthersche Philosophic. Indes fur den geistigen Inhalt dieser Bewegung ge- 
wann er kein sonderliches Interesse. »Ich habe«, auflerte er mir einmal, 
»meinen Freunden in Breslau gesagt: mit eurer Philosophic lockt ihr keinen 
Hund vom Ofen.« Der Grund dieser abwehrenden Haltung diirfte in einer 
Gedankenrichtung liegen, die auch in seiner Geschichtsschreibung hervortritt. 
Wer z. B. im zweiten Band seiner Wiedertaufer eine eindringende Entwicklung 
der Lehren sucht, in denen Zwinglis »Radikalismus« und dann der Geist der 
Taufer zum Ausdruck kommt, wird sich durch die Knappheit gerade dieser 
Abschnitte entt&uscht finden. Natiirlich liegt das nicht an einem Mangel 
des Wissens, wohl aber daran, dafi er in der Vergangenheit wie in der 
Gegenwart den metaphysisch-theologischen Gedankenfliigen eine gewisse Ge- 
ringschatzung entgegenbrachte. Dagegen gab es einen anderen Punkt, in dem 
er die Opposition seiner Breslauer Freunde gegen die Neuscholastiker nicht 
nur teilte, sondern wohl noch iiberbot: dafi war die Unabhangigkeit wissen- 
schaftlicher Forschung. Dafi der Gelehrte die Ergebnisse methodisch an- 
gestellter Forschungen offen auszusprechen und nicht etwa solange zu verhiillen 
oder zu modeln habe, bis sie mit dem, was die heutige Hierarchie als Dogma 
oder als unverlierbares Recht oder als Lebensinteresse der katholischen Kirche 
ansieht, ubereinstimmen, das war ihm wohl von Anfang an selbstverst£ndlich, 
und der entgegengesetzten Forderung hat er nie ein Zugest&ndnis gemacht. 

Bald traten noch andere Streitfragen hinzu. Im Frankfurter Parlament 
hatte er einen Antrag unterzeichnet, der als »Grundrecht« die voile Unabhangig- 
keit der Religionsgesellschaften, vor allem natiirlich der katholischen Kirche, 
von jeglicher Beteitigung der Staatsgewalt an der Verwaltung ihrer Angelegen- 
heiten, besonders auch an der Besetzung der geistlichen Amter und dem 
Besitz und der Verwendung des Vermogens, forderte: er tat es in dem 
schwarmerischen Vertrauen, dafi im Licht der Freiheit auch die Kirche von 
den Versuchen zur Unterwerfung der Staatsgewalt abstehen werde. Noch 
fruher hatte er das superstitiftse Element im katholischen Kultus, wie es sich 



20 Cornelius. 

in den Auswiichsen der Heiligen- und Reliquienverehrung kundgibt, mifibilligt: 
er hoffte dabei, dafi die Ausschreitungen noch in Schranken zu halten seien. 
In beiden Voraussetzungen sah er sich nun durch den Geist, den die Re- 
gierung Papst Pius' IX. entfesselte, get&uscht. Da hOrte denn Reinkens schon 
in Breslau das gereizte Wort von ihm: »am schlimmsten ist es, wenn die 
Pfaffen regieren*. Und als der Papst im Dezember 1854 die Lehre von der 
unbefleckten Empf&ngnis verkiindete, wurde er, wenn eine frtiher von be- 
freundeter Seite mir einmal gemachte Mitteilung richtig ist, sich vollends des 
Gegensatzes bewufit, der ihn von der obersten Leitung der katholischen 
Kirche trennte. Er wollte dieser Kirche angehOren, aber manchen Geboten 
und Lehren ihrer Hierarchie stellte er sich schon so frei gegeniiber, dafi er, 
als er nach Munchen kam, als korrekter Katholik im rdmischen Sinne nicht 
mehr gelten konnte. 

Often tlich trat er indes auch in kirchlichen Angelegenheiten nicht hervor; 
seine Offentliche Wirksamkeit gait vielmehr ausschliefilich dem wissenschaft- 
lichen Beruf. Hier aber zog er anfangs den Umfang seiner Tatigkeit weit 
oder eng, je nachdem er als Lehrer das Bedurfnis seiner ZuhSrer oder als 
Forscher die Anforderungen einer alles durchdringenden Griindlichkeit zu 
erfiillen suchte. Im akademischen Vortrag strebte er Mittelalter und Neuzeit 
vollstSndig zu umfassen, in Breslau z. B. durch Vorlesungen uber christliche 
Zeit, erster und zweiter Teil, uber Reformationsgeschichte und uber allgemeine 
Geschichte von 1648 bis 1848. In seiner Forscherarbeit dagegen beschrankte 
er sich damals, wie in der spateren Zeit, streng auf die Reformationsepoche: 
nur zwei Abhandlungen, iiber die Griindung der Liga und den grofien Plan 
Heinrichs IV., greifen iiber diese Grenzen hinaus. Die Vorzuge, die C als 
Forscher und Geschichtschreiber auszeichnen, traten gleich in seinen ersten 
Arbeiten, vollends in dem zweiten, im Jahr i860, erschienenen Band seines 
Munsterschen Aufruhrs hervor. Sie liegen in erster Linie in der genauen, 
nach Vollst&ndigkeit strebenden Aktenforschung, in der scharfsinnigen, mit 
heller Anschauung des lebendigen Zusammenhangs der Vorg£nge vollzogenen 
Kombination der zahllosen Zeugnisse und Tatsachen. Nicht leicht konnte 
man eine grOfiere Spannung der Aufmerksamkeit beobachten, als sie C. bei 
der Sammlung und Priifung seiner Quellen bet&tigte; er konnte von sich 
sagen, dafi er Seiten lang exzerpiere und kopiere, ohne sich ein einziges Mai 
zu verschreiben. Mit einer um den Zeitpunkt der Vollendung unbekummer- 
ten Geduld suchte er bei der Sammlung der urkundlichen Quellen dem 
Ideal der Vollstandigkeit so nahe als mdglich zu kommen, . und wenn er sich 
endlich zur Ausarbeitung entschlofi, so hiitete er sich vor Gedankensprungen 
oder gewagten Kombinationen: wo ein Mittelglied in dem Verlaufe der 
Ereignisse fehlte, machte er den Leser darauf aufmerksam. Zustatten kam 
ihm sein klinstlerischer Sinn. In seinem Munsterschen Aufruhr zerlegte er 
nach dem Muster Gibbons die Darstellung in eine Folge ganz kleiner Ab- 
schnitte, deren jeder ein Moment des grofien Verlaufs, wie in ein Bildchen 
gefafit, enthielt, und die alle sich zu einem klar gegliederten Ganzen zu- 
sammenschlossen. Natiirlich wurde bei einer so vollkommenen Verarbeitung 
des Stoffes auch der Stil ein eigenartiger. Der Schilderung persdnlicher 
Taten und Geschicke konnte man wohl mehr Anschaulichkeit und Kraft, der 
Erzahlung im ganzen helleren und leichteren Flufi wunschen, aber iiberall 



Cornelius. 2 1 

war der Ausdruck edel und mafivoll, die Satze so wohl aneinander gefiigt, wie 
es dem folgerechten Gedankengang entsprach, und nur da erhob sich die 
Rede zu hoherem, dann aber auch stets ergreifendem Schwung, wo die Gr6fie 
menschlicher Gedanken und Geschicke es erforderte; im einzelnen war alles 
so sorgf&ltig ausgearbeitet und gefeilt, dafi man wohl sagen konnte: in den 
Grenzen seiner Eigenart war dieser Stil nahezu vollendet. Es war eben ein 
ganzer Mann, der einem hier, wie in allem, was C. anfafite, entgegentrat. 

Verstandnis in weiteren Kreisen konnten freilich diese Arbeiten schwer 
gewinnen. Fur die grofie Masse waren sie zu speziell; den katholischen 
Parteimannern mififiel die Darlegung des Zustandes geistiger und sittlicher 
Lahmung, in der die alte Kirche den Sturm des Humanismus und der Re- 
formation liber sich ergehen liefi; die unbedingten Bewunderer der Reforma- 
tion fiihlten sich abgestofien, durch das schneidende Urteil, dafi unmittelbar 
(dieses »unmittelbar« ist iibrigens in C.s Sinne zu betonen) durch den Sieg 
von Lutheranern oder Reformierten kein Aufschwung des religibsen Geistes 
hervorgerufen sei, und auch unbefangene Historiker hatten ihre Einwendungen 
gegen die beiden Grundanschauungen, dafi namlich erstens die staatliche 
Einigung Deutschlands durch Maximilian unter Leitung besserer Staatsmanner 
wohl h&tte gelingen kdnnen und, wenn gelungen, einen einheitlicheren, den 
vollen Bruch mit dem Uberlieferten vermeidenden Verlauf der kirchlichen 
Bewegung zur Folge gehabt hatte, dafi zweitens der Sieg der Reformation, 
wenn die Kirche sich noch »der Gesundheit und Bliite vergangener Zeiten« 
erfreut hatte, nicht erfolgt ware, also in Wahrheit nur aus einer voriiber- 
gehenden Gestaltung sittlicher und politischer Zustande zu erklaren sei. Indes 
seinen unbefangenen Gegnern zeigte C. selber den Weg zur Verstandigung, 
namlich die vorurteilslose Forschung, die zu fortschreitender Verbesserung und 
Vertiefung der Grundanschauungen fuhren soil. 

Auf diesen Weg die Studierenden, die sich seiner Leitung anvertrauten, 
zu fuhren, das war denn auch das Ziel, welches sich C. im Fortgang seiner 
Lehrt£tigkeit steckte. Zuerst in Bonn hatte sich's an dem jungen Kampschulte, 
der ihm eine reformationsgeschichtliche Doktorarbeit vorlegte, erprobt, wie 
m&chtig seine strenge Kritik und sein fester Rat einen talentvollen und eifrigen 
Schiiler zu fesseln vermochte. Als er nun nach Munchen zog, war er von 
frischen Erwartungen erfiillt, da der Minister Zwehl ihm den Eintritt in die 
Direktion des zu gnindenden historischen Seminars zugesagt hatte. (Ich 
erzahle wieder, was mir C. uber diese Dinge im Sp&therbst 1891 mitteilte.) 
Hier jedoch erlebte er eine verhangnisvolle Entt&uschung. Wie er sich zum 
Antritt des neuen Amtes dem Minister vorstellte, erklarte ihm dieser, dafi er 
seine Zusage nicht halten konne, da man dem gleichzeitig emannten Heinrich 
von Sybel die alleinige Leitung des Seminars habe zugestehen miissen. 
Mancher andere wiirde dieses unkollegiale Vorgehen damit beantwortet haben, 
dafi er gegen den Nebenbuhler eine akademische Fehde begonnen und sich 
unter Lehrern und Schiilern einen Anhang geschaffen hatte. Indes so tief 
C. die Krankung empfand, so unbedingt verabscheute er jede Vermischung 
seiner personlichen Interessen mit der Berufstatigkeit. Er begniigte sich also, 
die aus fruherer Zeit stammenden freundlichen Beziehungen zu Sybel, ohne 
den Versuch einer personlichen Aussprache (dies nach Sybels Mitteilung), 
abzubrechen und vor dem Kollegen, der auch noch das geschichtliche Examen 



22 Cornelius. 

der kiinftigen Gymnasiallehrer fiir sich allein in Beschlag nahm, in den Schatten 
zu treten, ein Verhaltnis, das sich unter Sybels Nachfolger Giesebrecht wohl 
hinsichtlich der freundlichen Beziehungen der Kollegen, nicht aber in der 
Sache Snderte. 

Es war eine Niederlage, die C. erlitten hatte, und sie blieb nicht ohne 
tiefgreifende Folgen. Mit einem wenig gunstigen, freilich auch das einzelne 
leicht verallgemeinernden Urteil betrachtete er jetzt den unsere Universitaten 
vielfach verunzierenden Geist der Parteiung und Intrigue, vermdge dessen so 
oft der Geschickte und Skrupellose emporsteigt, der Zunickhaltende und 
Gewissenhafte niedergehalten wird: »es bleibt«, sagte er mir einmal in einer 
plotzlichen Explosion, »fiir den, der an diesem Unwesen keinen Teil haben 
will, nichts iibrig, als dem Ehrgeizigen die Ehren zu iiberlassen und selber 
anspruchslos seine Pflicht zu tun«. Seine Pflicht nun hatte er bisher in dem 
Sinne getan, dafl er in seinen Vorlesungen dem nachsten Bediirfnis der Zu- 
hOrer zuliebe grofie ZeitrSume in iibersichtlicher Darstellung vorzufiihren 
suchte, wahrend seine eigene Neigung ihn mehr dazu trieb, enger begrenzte 
Epochen zu behandeln und hierbei dieselben Eigenschaften griindlicher 
Durchforschung und kiinstlerischer Verarbeitung zu pflegen, die seine Schriften 
auszeichneten. Sollte er jetzt, da als Leiter des historischen Studiums 
ihm ein anderer vorgezogen war, nicht dieser Neigung folgen durfen, und 
zwar in der Weise, dafl Vorlesungen von engerem Umfang und grofierer Fiille 
den von Sybel gehaltenen umfassenderen Kollegien zur Seite traten? Er 
bejahte diese Frage, zog sich allmahlich von der Behandlung des Mittelalters 
zuriick und beschrankte sich bald auch in der neueren Zeit auf drei Zeit- 
raume: Reformation, Revolution und neunzehntes Jahrhundert. Im Mittel- 
punkt seiner Darstellung standen die Wandelungen der Machtverhaltnisse im 
Innern und in den aufleren Beziehungen der Staaten, Leben gewann der 
Vortrag durch die Charakteristik der fiihrenden Personen und Gemeinschaften, 
auch wohl durch eine einigermafien subjektive Kritik iiber die Art, wie die 
Staatsleiter es hatten machen sollen und nicht gemacht haben; vor allem 
aber wufite er durch die Tiefe des Mitgefiihls, die Wucht des sittlichen 
Urteils und die Pracht der Rede seine ZuhSrer hinzureifien: oft, wenn er die 
ihm anhaftenden Mangel des Nachlassigen und Gesuchten abstreifte, erhob 
er sich zur Hohe des vollendeten Redners. 

Auf diesem Wege voranschreitend, schuf er seit dem Semester 1859/60 
auch eine Erganzung des historischen Seminars, indem er in seinem Studier- 
zimmer mit wenigen auserwahlten Schiilern Ubungen auf dem Gebiete der 
Reformationsgeschichte anstellte. Sein Verfahren war, dafi er den Gang von 
Untersuchungen, die ihn gerade beschaftigten, den ZuhSrern mit der ihm 
eigenen Klarheit und strengen Folge der Gedanken vorfuhrte, daneben Arbeiten 
iiber Fragen, die er selber stellte, und die neue Ergebnisse versprachen, be- 
urteilte. Mit liebevollem Eingehen pflegte er seinen Schiilern zu zeigen, 
was in ihren Arbeiten zutreffend und versprechend, was falsch oder fluchtig 
war; sein Urteil beruhte auf genauer Erwagung und war so klar und bestimmt, 
dafl es den Eindruck eines unverbriichlichen Wahrspruchs machte. Von der 
Kritik zu positiven Weisungen und Vorschlagen, wie die Arbeit im einzelnen 
zu andern oder anzulegen sei, pflegte er jedoch nicht voranzuschreiten :' man 
macht dann, meinte er, die Schrift selber, statt dafl der Schuler sie macht. 



Cornelius. 



23 



Allerdings konnten bei dieser Zuriickhaltung einerseits, und bei der oft uber- 
triebenen Strenge seiner Forderungen anderseits nur Studierende, die selber 
zu denken verstanden, der Gefahr des Verzagens oder der endlosen Klein- 
arbeit entgehen. C. wunschte aber auch nur Schuler, die selbstandig dachten, 
er freute sich, wenn sie eigene Wege einschlugen, und mit fast ubertriebener 
Scheu wies er jeden Gedanken zuriick, dafi er bei Forderung wissenschaft- 
licher Arbeit irgend einen pers5nlichen Zweck verfolgen konne. 

Bald gingen denn auch Doktordissertationen von selbstandigem Wert 
aus diesen Ubungen hervor, so die Reformationsgeschichte Memmingens von 
Rohling (1864), die Schrift iiber Donauworth von Lossen (1866), die Unter- 
suchung iiber die zwolf Artikel von Baumann (187 1). Eine noch umfassendere 
Leitung wissenschaftlicher Arbeit hoffte C. auszuiiben, als auf seinen Antrag 
die neu gegriindete Historische Kommission die Herausgabe der auswartigen 
politischen Korrespondenz der Fiirsten des Hauses Wittelsbach fiir das Jahr- 
hundert von 1550 — 1650 beschlofi (i860). Allerdings erlebte er dabei wieder 
insofern eine Enttauschung, als die Kommission das Unternehmen ihm nicht 
als einheitliches iibertrug, sondern es in drei Abteilungen unter drei be- 
sonderen Leitern zerschnitt, wobei ihm selber die Herausgabe der bayerischen 
und kurpfalzischen Akten fiir die Zeit von 1600 — 1650 zufiel. Aber wie nun 
fiir die Zusammenstellung des Materials von den Leitern jiingere Mitarbeiter 
anzustellen waren, so kamen jetzt nicht Studenten, sondern solche, die ihre 
Studien bereits abgeschlossen hatten, um sich C.s Fuhrung zu unterstellen: 
zuerst ich selber (1862); dann August von Druffel (1864, nur formell war er 
Loher untergeordnet), schliefilich Felix Stieve (1867). Jeder von uns offnete 
sich in seiner besonderen Weise dem starken Einflusse des Fiihrers, allerdings 
mehr in unserer gesamten wissenschaftlichen Entwicklung, als in der be- 
sonderen Arbeit der Aktenausgabe. Denn so tatkraftig C. auch in letzterer 
Beziehung eingriff, indem er fur bestimmte Punkte — Griindung der Liga, 
Politik Heinrichs IV. in den Jahren 1609/10 — sich unmittelbar an der 
Quellensammlung beteiligte, daneben umfassende Orientierungen in vielen 
Archiven vornahm, so brachte es doch seine oben beruhrte Art der Unter- 
weisung mit sich, dafi seine Mitarbeiter ihre eigenen Wege, und diese wieder 
nach verschiedenen Richtungen, gingen. Da aufierdem fiir das ganze Unter- 
nehmen die Trennung in drei Abteilungen der Aufstellung eines einheitlichen 
Editionsplanes von vornherein im Wege stand, so hatte jeder einzelne Arbeiter 
seine besondere Publikation zu vertreten. 

Inzwischen gingen die Jahre voran. Wenn C, als er fiinfzig Lebensjahre 
vollendet hatte, zuruckblickte, so konnte er doch mit seinen Erfolgen zufrieden 
sein. Seine Vorlesungen hatten zahlreichen, gelegentlich sogar sehr zahlreichen 
Besuch gewonnen, unter seinen Kollegen hatte ihm die Griindlichkeit seiner 
Leistungen, seine iiber viele Scharfen und Schroffheiten hinweghelfende un- 
bedingte Wahrhaftigkeit und Uneigenniitzigkeit eine noch immer wachsende 
Achtung erworben, und auch an innigen Beziehungen, die das Gemiit frisch 
erhalten, fehlte es ihm nicht. Als ein Mann starker Antipathien und Sym- 
pathien wahlte er streng, bevor er seine Zuneigung verschenkte. Dann aber 
war er ein Freund von felsenfester Treue und innigem Mitgefiihl, geradezu 
dankbar, wenn ihm Gelegenheit geboten wurde, Hilfe zu erweisen, iiberhaupt 
mehr darauf angelegt, zu geben als zu empfangen. So hatte er sich ein 



24 Cornelius. 

nach auflen ziemlich abgeschlossenes, nach innen aber desto wSrmeres 
Familienleben geschaffen, und in einem kleinen Kreis anh&nglicher Freunde 
pflegte er einen regen Austausch der Meinungen und Erfahrungen. Auch 
seiner Neigung zu groflartiger Freigiebigkeit konnte er frei nachgehen, da in 
seinem Hause im Gegensatz gegen die schwere Zeit der Jugend sich der 
Oberflufl eingestellt hatte. 

In dies behagliche Leben griffen nun noch zwei Vorgange ein, welche 
fur den weiteren Verlauf desselben bestimmend wurden. Der erste entsprang 
auf dem Boden wissenschaftlicher Arbeit. 

Wahrend er in ubergriindlicher Forschung noch immer in den Vorarbeiten 
fiir den dritten Band des Miinsterschen Aufruhrs verstrickt blieb, traf ihn die 
Nachricht, dafl sein am 3. Dezember 1872 verstorbener Freund Kampschulte 
das Manuskript des zweiten Bandes seines Calvin ihm vermacht habe zur 
freien Entscheidung, ob es ganz, teilweise oder verbessert herausgegeben 
werden sollte. Indem er nun die Arbeit des Freundes durchging, mufite er 
sehen, wie einige maflgebende Publikationen erst nach Abschlufi derselben 
hervorkamen, wie die Archive von Genf und Bern, vor all em die Genfer 
Ratsprotokolle, zwar von Kampschulte, dann wieder von Roget durchgearbeitet 
waren, aber doch nicht mit solcher Vollstandigkeit, dafl nicht eine erneute 
AusschOpfung die Wechselfalle der Genfer Parteienk&mpfe, die Vermischung 
kirchlicher Ideale und politischer Machtfragen genauer und vollstSndiger an 
den Tag bringen mufite. Da fafite er denn mit groflartiger Selbstverleugnung 
den Beschlufi, das von ihm so hochgeschatzte Werk durch eine erschopfende 
Nacharbeit zu erganzen: der Geschichtsschreiber der Wiedertaufer wurde zum 
Calvinforscher. Jahrelang erschien er jetzt als standiger Gast in den Archiven 
von Genf und Bern, seine Vorlesungen iiber Reformationsgeschichte teilte er 
— allerdings nicht zum Vorteil des Besuchs — in zwei besondere Kollegien 
iiber lutherische und calvinische Reformation, und von 1886 — 99 verdffent- 
lichte er eine Reihe von Abhandlungen, in denen er die Frage stellte: wie 
ist Genf calvinisch geworden? — eine Frage, die er zu beantworten suchte, 
indem er mit eindringendster Prufung die Kampfe und Wandelungen seit 
dem ersten Einzug Calvins in Genf bis mitten in die Zeit des Ringens um 
die Unterwerfung der Stadt unter den Geist des Reformators, bis ins Jahr 1548, 
Schritt fiir Schritt verfolgte. Es war beinahe die H£lfte des gedruckten ersten 
Bandes und etwa ein Viertel des ungedruckten zweiten Bandes des Kamp- 
schulteschen Werkes, zu dem er diese Abhandlungen als Grundlage fiir seine 
Umarbeitung vorlegte. Schlimm war es, dafl diese Vorarbeiten nicht bis zum 
Ende gediehen, und dafl daher die Umarbeitung selbst gar nicht in Angriff 
genommen werden konnte: der zweite Band des Kampschulteschen Werkes 
blieb also im Verschlufi, bis er endlich, da C.s KrSfte fiir die Vollendung 
der gewaltigen Arbeit versagten, durch W. Goetz unverandert zum Druck 
befordert wurde (1899). 

Der zweite fiir C.s Leben entscheidende Vorgang war das vatikanische 
Konzil. Wie er sich von vornherein dariiber klar war, dafl die dieser Ver- 
sammlung zugedachten Beschliisse auf die Verdammung alles dessen, was 
ihm fiir eine wiirdige Entwicklung des kirchlichen Lebens erforderlich schien, 
hinausgehen muflten, so wahlte er auch seine Stellung mit gewohnter Be- 
stimmtheit. Als ich ihm einmal von den formalen Einwendungen gegen die 



Cornelius. Passini. 



25 



Gultigkeit des Konzils sprach, erwiderte er kurz: ein Konzil ist uberhaupt 
nicht berechtigt, uns Unsinn vorzuschreiben. Nach dem Erscheinen der 
constitute) dogmatica de cedes ia sah er sich demgemafl vor der Wahl, entweder 
gleichgultig der hierarchischen Autoritat den Rucken zu kehren oder auf 
dem Boden der Kirche den Kampf gegen ihre Haupter zu wagen. Durch 
Anschlufi an die altkatholische Bewegung entschied er sich fiir das letztere. 
Nicht jedoch, dafl er sich dabei mit kuhnen Hoffnungen trug. In einem 
Vortrag in der Akademie vom 1. Juni 1872, in dem er seinen alten Satz 
wiederholte, dafl in den Massen, die der Reformation zum Siege verhalfen, 
die rein religiosen Antriebe verhaltnismafiig gering gewesen seien, bemerkte 
er, dafl sich diese Erscheinung im kleinen in der altkatholischen Bewegung 
wiederhole; und der Versammlung, die in den Pfingsttagen 1871 im Hause 
des Grafen Moy tagte, rief er zu: »Tauschen Sie sich nicht, meine Herren, 
ihre Kraft liegt nur in der Negations Mifltrauisch zuriickhaltend, stimmte 
er auch — aliein mit Dollinger und Stumpf — bei dem Munchener Kongrefi 
vom September 187 1 gegen den Antrag auf planmaflige Gemeindebildung. 
Als aber die Mehrheit gegen ihn entschieden hatte, nahm er teil an der 
Bischofswahl (3. und 4. Juni 1873), trat in die Synodalrepr&sentation und 
ubernahm den Vorsitz in dem Zentralkomitee fiir katholische Reformbewegung 
in Siiddeutschland. Mit doppelter Starke jedoch kehrte sein Mifitrauen wieder, 
als die Synode von 1878 die Zdlibatpflicht der Geistlichen aufhob. Von da 
ab zog er sich aus der Synodalreprasentation zuruck, ohne sich jedoch dem 
Gemeindeverband zu entziehen. 

Die kirchlichen Zerwiirfnisse wirkten auf C.s Lehramt zuruck. Als der 
ihm wenig gewogene Minister Lutz im Jahre 1885 dem siebzigjahrigen Giese- 
brecht einen Nachfolger ernannte, dehnte er dieselbe Mafiregel auf den vier 
Jahre jungeren C. aus. Noch setzte letzterer einige Jahre seine Vorlesungen . 
fort, aber als auch er das siebzigste Lebensjahr vollendet hatte, gab er sie 
auf. Im November 1897 mahnte den jetzt Achtundsiebzigjahrigen ein Schlag- 
anfall an das Ende. Dank strenger Vorsicht und der liebevollen Pflege der 
Seinigen verlangerte er sein Leben noch um reichlich funf Jahre, dem ge- 
lehrten Schaffen entsagend, aber in unermudlicher Lektiire stets mit dem 
geistigen Abbild der Welt beschaftigt. Bevor dann der tfei seinem Leiden 
drohende Verfall der Geisteskr&fte eintrat, befreite ihn der Tod, dem er fest 
und ruhig entgegengesehen hatte. 

K. Th. Heigel, Beilage zur »M(inchener Allg. Zeitg.« 1903, Nr. 184 — 185. — W. Goetz, 
Historische Vicrtcljahrsschrift 1903, S. 449. — Gedachtnisrede Friedrichs in der MUnchener 
Akademie, 12. November 1904. 

Wiederholt aus den »Forschungen zur Geschichte Bsiyernsc, Heft 1 und 2, mit Ge- 
nehmigung der Verlagshandlung Rudolf Oldenbourg, MUnchen. Moritz Ritter. 

Passini, Ludwig, Aquarellmaler, * 9. Juli 1832 zu Wien, f 6. November 
1903 zu Venedig. — P. starb als eines der beliebtesten Mitglieder der Ber- 
liner Kiinstlerkreise, in denen er die letzten zwanzig Jahre seines Lebens 
eine gesellschaftliche Rolle spielte; nach Geburt und Erziehung war er 
Osterreicher und wird von der Wiener Kunst unter den Sittenmalern, Kurz- 
bauer, Angeli u. a., neben Pettenkofen als einer der besten fiir sich in An- 
spruch genommen; die eigentliche Heimat aber, die Heimat seiner Kunst 



26 Passini. 

war Venedig, und in der Reihe der Genremaler der Lagunenstadt, Tito, 
Nono, Zezzos, Eugen Blaas, steht er obenan. Als Sohn des vielbesch£ftigten 
Wiener Kupferstechers Johann P. besuchte er die Wiener Akademie, wo 
Fuhrich, Kupelwieser und Ender seine Lehrer waren, verliefl sie aber im 
Jahre 1850, als seine Eltern nach Triest zogen; spaterhin gingen sie nach 
Venedig, das damals osterreichischer Besitz war. Hier fand der junge P. den 
Mann, der bestimmend und richtunggebend auf seine Kunst einwirken sollte 
und mit dem ihn nachher viele Jahre gemeinsamen Schaffens verbanden, 
den Aquarellmaler Carl Werner aus Leipzig. Dem Zuge seiner Zeit folgend, 
hatte dieser auf groflen Reisen, in Agypten, Griechenland, Palastina, die 
Stoffe seiner Kunst gesucht und an dem hellen Lichte des Orients seine 
frische Aquarelltechnik gebildet. Nach zehnjahrigem Aufenthalt in Rom 
griindete Werner 185 1 ein Meisteratelier in Venedig, das durch funf Jahre 
bestand und dessen bester Schuler P. war. Werners Kunst hatte damals in 
Italien groflen Erfolg und iibte in weiten Kreisen Einflufi; unter dieser Ein- 
wirkung wandte sich auch P. ganz der Aquarellmalerei zu. Im Jahre 1855 
ging er mit Werner zusammen nach Rom, wo sich um seine liebenswiirdige 
Person ein groBer Freundeskreis scharte. Hier entwickelte sich seine Kunst 
auf ihrem beschrankten Gebiet zur Bliite und seine Bilder wurden Jahre 
hindurch mit groflem Erfolg aufgenommen und hoch geschatzt, besonders 
in Deutschland, so dafl er sich entschlofi, nach Berlin zu ziehen, wo er 
auch viel Beifall fiir seine genrehaft aufgefafiten Portrats erntete. 1878 
wurde er zum k. k. Professor ernannt, auch gehorte er den Akademien in 
Wien, Berlin und Venedig als Mitglied an. In seinen venezianischen Aqua- 
rellen zieht eine bunte, heitere Reihe von Szenen aus dem Volksleben und 
von Ausschnitten aus dem Straflenbilde der Stadt an dem Beschauer vo ruber; 
.er mischt sich unter das larmende Volk auf dem Markte, blickt mit den 
Neugierigen von der Brucke ins Wasser, folgt dem zierlich dahineilenden 
Madchen in die engen, schattigen Gassen, sieht mit ihm vom Balkon her- 
nieder oder lauscht dem Gesang in der dammerigen Kirche. Die Gruppen 
wirken oft gestellt, aber meistens tr&gt die feine Beobachtung des Lebens 
den Sieg davon, und wenn auch das erzahlende Moment, der stoffliche 
Gehalt an den Bildern die Hauptsache zu sein scheint, so ist die malerische 
Wirkung dabei nie vernachlassigt und neben der teilweise sufilichen, schonen 
Formengebimg kommt die pragnante Charakteristik nicht zu kurz. Das 
schOnste an den Bildern ist die Aquarelltechnik an sich, die weiche, warme 
tiefe Farbe, die an Glut und Leuchtkraft bisweilen der Olfarbe ganz nahe 
kommt, freilich aber wieder haufig den alten Meistern naher liegt, als der 
feuchten flimmernden Helle der Wirklichkeit. Zu den beliebtesten seiner 
Bilder gehoren die »Kurbisverkaufer in Chioggia« (1876, Kunsthistorisches 
Museum, Wien), die »Chorherren in der Kirche« (1870, Nationalgalerie, 
Berlin), die » Neugierigen, von einer Brucke zum Kanal schauend« (Breslau, 
Schlesisches Museum). 

Literatur: Muther, Geschichte der Malerei im 19. Jahrhundert, 1894; Hevesi, 
Osterreichische Kunst des 19. Jahrhunderts, 1903; Boetticher, Malerwerke des 19. Jalir- 
hunderts. Kunstchronik XV. Kunst fUr Alle XIX. Chronique des Arts 1903. Neue 
Freie Presse No. 14101 (A. F. Seligmann). 

Hugo Schmerber. 



Gaedertz. 



27 



Gaedertz, Theodor, * 6. Dezember 181 5 in Liibeck, f 22. November 1903 
ebenda. — Am Totensonntag hauchte Theodor Gaedertz in Liibeck, fast 88 Jahre 
alt, seinen Odem aus. Er war der Hauptbegriinder der deutschen Kunstvereine, 
mit Wort und Schrift bei den Kunstkongressen unermiidlich beteiligt, ein 
Forderer nachmals beriihmt gewordener Maler, als guter Kenner von Ge- 
malden, gereifter Kritiker und tiichtiger Kunsthistoriker allgemein geschatzt. 

Einer altangesehenen Lubeckischen Familie entstammend, wuchs der 
Knabe in einer Atmosphare auf, die aus Kunst und Wissenschaft und prak- 
tischer, opferbereiter Betatigung zusammengesetzt war. Sein GroBvater, ein 
Hanseat von echtem Schrot und Korn, als Notabel in der Franzosenzeit 
mehrfach Abgesandter der Freien Stadt Liibeck an den Kaiser Napoleon, 
schon in jiingeren Jahren als Autoritat auf dem Gebiete des Handelsrechts, 
speziell im Assekuranzwesen von Friedrich dem Grofien anerkannt, besafi 
eine der trefflichsten Privatgemaldegalerien im nordlichen Deutschland ; die- 
selbe hat sein Vater, Liibeckischer Senator, mit Geschmack und Gliick ver- 
mehrt, so dafl jeder kunstverstandige Fremde sie als Sehenswiirdigkeit be- 
suchte. 

Kein Wunder, wenn der Enkel und Sohn zweier so hervorragender 
Persdnlichkeiten schon friih Freude an der Malerei und einen feinen Kunst- 
sinn in sich aufsog! 

G. entschied sich zwar fur das Studium der Rechtswissenschaft, dem er 
auf den Universitaten Bonn und Gottingen oblag; aber gleich nach der Pro- 
motion zum Dr. iuris wandte er sich in Berlin seiner Lieblingsneigung, der 
Kunstgeschichte, zu, nachdem er als Schiiler des hannoverschen Hofmalers 
Karl Oesterley sich bereits keine ganz geringe technische Fertigkeit in der 
Olmalerei angeeignet hatte, wovon eine kleine Zahl sauber ausgefiihrter Bilder 
zeugt. Gustav Friedrich Waagen und Franz Kugler wurden seine Lehrer; 
sie traten ihm auch freundschaftlich naher, desgleichen die beiden Kunst- 
forscher, Ferdinand Sotzmann und Karl Friedrich von Rumohr. Zumal letzterer, 
der nach Liibeck iibersiedelte, kam oft und gern in die Galerie Gaedertz, 
sich mit Vater und Sohn iiber die verschiedenen Malerschulen und einzelnen 
Meister unterhaltend. 

Kurz sei erwShnt, dafi G. nach bestandenem Staatsexamen in seiner 
Vaterstadt sich 1840 als Advokat und Notar niederliefi, 1847 Obergerichts- 
prokurator, 1856 Verwaltungsbeamter des neugebildeten Landamtes und 187 1 
erster Oberbeamter des kombinierten Stadt- und Landamtes wurde, in welcher 
Eigenschaft er, namentlich als Obervormund, voller Pflichttreue viele Jahr- 
zehnte hindurch eine segensreiche Tatigkeit entfaltet hat. 

Fur Liibecks Kunstleben bedeutete die Heimkehr des jungen kunstbe- 
geisterten und kunstwissenschaftlich geschulten Mannes einen wichtigen Ab- 
schnitt. Was G. als langjahriger Schriftfiihrer bzw. Direktor des Liibecker 
Kunstvereins, dessen Ehrenmitglied er spater geworden ist, anregend und be- 
fruchtend geleistet hat, gleichsam als Vorkampfer, bleibt von dauerndem 
Gewinn, wenn auch die jetzige Generation kaum weifi, wem der gegen- 
w^rtige hohe Stand der dortigen Kunstinteressen in erster Linie verdankt wird. 

Das Jahr 1850 sollte fur die deutsche Kunst ein entscheidendes sein. 
G. war es, der Hand in Hand mit Mertens-Bremen den Gesamtverband der 
Kunstvereine des nordwestlichen Deutschlands schuf, sowie noch im nam- 



28 Gaedertz. Meinecke. 

lichen Jahre mit Lucanus-Halberstadt einen Kongrefi der deutschen Kunst- 
vereine nach Berlin berief, erspriefilich, ja bahnbrechend fiir unsere seitdem 
zu so hoher Blute und Bedeutung gelangten Kunstausstellungen. 

Zahe Beharrlichkeit und ein still loderndes Feuer des wSrmsten, wahren 
Kunstenthusiasmus lieBen ihn nach auBen hin als Reorganisator der deutschen 
Kunstvereine einen vollen Erfolg erzielen. 

Daneben sich kunstgeschichtlich eifrig besch&ftigend, hat der arbeitsame, 
bescheidene Gelehrte eine Reihe von Biichern herausgegeben, die ihm auch 
als Schriftsteller einen geachteten Namen sichern, vor alien die Monographien 
und Einzeluntersuchungen iiber Adrian van Ostade, Holbein, Memling, 
Rubens und Johann Kemmer, sowie seine unter dem Titel »Kunststreifziige« 
gesammelten AufsStze und Vortrage, welche sogar des Fiirsten Bismarck 
Beifall fanden. 

Dem deutschen Volke wird G. wert bleiben durch seine innigen Be- 
ziehungen zu einem der besten Dichter unserer Tage, Emanuel Geibel. Ich 
darf wohl, ohne zu befurchten, mifiverstanden zu werden, hier often bekennen, 
daB der junge Geibel als Student zu Bonn am Rhein uns nicht so nahe ge- 
riickt, nicht so lieb und vertraut geworden ware, hatten wir nicht die Auf- 
zeichnungen seines Landsmannes und Kommilitonen G., die ich in meiner 
Biographie »Emanuel Geibel, Sanger der Liebe, Herold des Reiches* habe 
verOffentlichen diirfen. 

Dafur dankt ihm der Sohn, dafiir dankt ihm jeder Verehrer Geibels. 

Karl Theodor Gaedertz. 

Meinecke, Gustav Hermann, deutscher Kolonialpolitiker und Kolonial- 
schriftsteller, * 15. Februar 1854 in Stendal, f 11. April 1903 in Berlin. — 
Ohne einen gelehrten Beruf ergriffen zu haben, wanderte M. in jugendlichem 
Alter nach Nordamerika aus und liefi sich nach langerem Umherziehen 
schliefilich in Texas nieder. Auf mehrjahrigen Reisen erwarb er sich dann 
eine umfassende Kenntnis der politischen und wirtschaftlichen Verh&ltnisse 
in den wichtigsten uberseeischen Kolonien der groBen Weltmachte. Spater 
kehrte er nach Europa zuriick und war voriibergehend in Paris und Zurich 
als Redakteur tatig. Als um die Mitte der achtziger Jahre die deutsche 
Kolonialbewegung um sich griff, trat er mit Begeisterung fiir sie ein, siedelte 
nach Berlin iiber und entfaltete eine umfassende agitatorische Wirksamkeit. 
Vor allem bemiihte er sich, durch die Presse die breiten Schichten des Volkes 
fiir eine kraftvolle deutsche Kolonialpolitik zu erwarmen. 1887 iibernahm er 
die Redaktion der Deutschen Kolonialzeitung, des amtlichen Organs der 
Kolonialgesellschaft. Seit 1888 gab er uberdies ein Koloniales Jahrbuch her- 
aus, das einen guten Oberblick iiber alle einigermaBen bedeutsamen Vorginge 
auf kolonialem Gebiete wahrend des letzten Jahres brachte, aber nach elf- 
jahrigem Bestehen wieder einging. 1889 begriindete er den sehr praktisch 
eingerichteten, nach seinem Tode von Alfred Herfurth fortgesetzten deut- 
schen Kolonialkalender, der jedes Jahr eine Menge neuesten Materials ver- 
wertete und nicht nur alles Notige iiber Bevolkerung, Produktion und Handel 
der einzelnen Schutzgebiete, iiber koloniale Beamte und Behorden, Missions- 
wesen und Fortschritte der Zivilisation und Gesetzgebung, sondern auch Rat- 
schlage fiir Auswanderer und wissenschaftliche Reisende, sowie Hinweise auf 



Meinecke. 29 

die neueste Fachliteratur enthielt. Zum Teil auf Grund eigener Anschauun- 
gen schrieb er seine Biicher: Sechs Jahre Deutscher Kolonialpolitik (unter 
dem Pseudonym W. Weifienborn, 1890), Deutsche Kultivation in Ostafrika 
(1892) und Aus dem Lande der Suaheli (1895), in denen er namentlich fur 
die Anlegung von Zuckerrohrpflanzungen in dem fruchtbaren Schwemmlands- 
gebiete am Pangani eintrat. Auch durch belletristische Darbietungen (Aus 
dem Kreolenlande, 1888; Exotische Novellenbibliothek, 4 Bande 1895 — 97; 
Aus drei Weltteilen, gesammelte Novellen, Skizzen und Erzahlungen, 2 Bande 
1900 — 01), die allerdings hohere kiinstlerische Anspriiche nicht zu befriedigen 
vermogen, suchte er das grofiere Lesepublikum fiir die iiberseeischen Ver- 
haltnisse zu interessieren. 1895 grundete er in Berlin den Deutschen Kolonial- 
verlag, der schon nach wenig Jahren eine grOBere Zahl von Werken iiber 
Kolonialpolitik, Exportwesen und tropische Agrikultur umfafite. Bald darauf 
arbeitete er den in J. J. Webers Sammlung illustrierter Katechismen erschie- 
nenen etwas veralteten Katechismus der Auswanderung den modernen An- 
forderungen entsprechend zu einem sehr brauchbaren Handbiichlein um. 
Eine uberaus rege T&tigkeit entfaltete er 1896 anlafllich der ersten deutschen 
Kolonialausstellung in Berlin. Er verfafite nicht nur den offiziellen Katalog 
und den Fiihrer fiir die Besucher, sondern redigierte auch den im folgenden 
Jahre in Form eines groflen Prachtwerkes mit vielen Tafeln und Abbildungen 
erschienenen amtlichen Bericht: Deutschland und seine Kolonieen im Jahre 
1896. Allmahlich aber wich seine Begeisterung fiir die deutsche Kolonial- 
politik einer gewissen Ernuchterung. Die Verwaltung der Schutzgebiete 
schien ihm allzu sehr von Militarismus und Bureaukratie beherrscht zu sein. 
Auch fand er sie viel zu kostspielig und umstSndlich. An Stelle des zur- 
zeit bestehenden Systems empfahl er nach englischem Vorbild eine vorwie- 
gend wirtschaftliche Ausniitzung der Kolonieen. Den mafigebenden Einflufl 
der Offiziere und Juristen wiinschte er durch den der Pflanzer und Kaufleute 
ersetzt zu sehen. Da seine Ansichten, wie auch die impulsive Art, mit der 
er sie persOnlich und literarisch vertrat, viel Widerspruch erregten und ihn 
in zahlreiche verdriefiliche Streitigkeiten verwickelten, legte er 1899 die Re- 
daktion der Kolonialzeitung nieder und beteiligte sich bald darauf an der 
Grundung der Kolonialen Zeitschrift, welche in Verbindung mit dem agita- 
torisch tatigen deutschen Kolonialbunde fiir eine entschiedene Reform der 
amtlichen Kolonialpolitik unter vorwiegender Beriicksichtigung wirtschaftlicher 
Gesichtspunkte eintrat. Diese Forderung erhob er auch in seinen letzten, 
vorwiegend fiir den praktischen Gebrauch bestimmten Werken: Die deutschen 
Kolonieen in Wort und Bild (1899); Der deutsche Export nach den Tropen 
und die Ausriistung fiir die Kolonieen, ein illustriertes Handbuch fiir Reisende, 
Beamte und Offiziere der Schutztruppen (1900); Wirtschaftliche Kolonialpoli- 
tik (1900, Band I: Betrachtungen und Anregungen, Band II: Die Undurch- 
fuhrbarkeit des Programms des Herrn von Liebert und ein neues Kolonial- 
programm); Der Kaffeebau in Usambara, seine Aussichten und seine Rettung 
(1900) und Seidenzucht in den Kolonien (1901, gemeinsam mit W r . von Biilow 
verfafit). Alle diese Werke sind von aufrichtiger Vaterlandsliebe getragen 
und zum Teil sehr anregend und gemeinverst&ndlich geschrieben, doch ent- 
behren sie in einzelnen Angaben vielfach der Zuverl£ssigkeit. Sie wenden 
sich nicht an die Manner der Wissenschaft, sondern lediglich an die weiteren 



30 



Meinecke. Schurtz. 



Kreise der Kolonialfreunde. In diesen haben sie ohne Zweifel viel zur Ver- 
breitung von genaueren Kenntnissen uber unsere uberseeischen Besitzungen 
und zur Ausrottung von tief eingewurzelten Irrtiimern und Vorurteilen bei- 
getragen. Dasselbe gilt auch von seinen zahlreichen Aufsatzen, die er in 
angesehenen Tagesblattern veroffentlichte. Neben seiner schriftstellerischen 
Tatigkeit hat er auch mehrfach praktische Arbeit fur die Kolonieen geleistet. 
Er verwaltete einige Zeit das Berliner Kolonialmuseum, begriindete die Usam- 
bara-Kaffeebau-Gesellschaft und wirkte auch bei mehreren anderen kolonialen 
Erwerbsgesellschaften, namentlich bei der Kameruner Kakao-Plantagen-Ge- 
sellschaft voriibergehend in leitender Stellung. Am n. April 1903 starb er 
zu Berlin noch im besten Mannesalter, aber von langer Krankheit ge- 
brochen. Die Genugtuung, seine Wunsche und Forderungen erfullt zu sehen, 
blieb ihm versagt. Viktor Hantzsch. 

Schurtz, Camillo Heinrich, * 11. Dezember 1863 zu Zwickau in Sachsen, 
f 2. Mai 1903 zu Bremen. — S., einer der befahigtsten und vielseitigsten unter 
den jiingeren deutschen Ethnologen, wurde als Sohn eines Arztes und Berg- 
direktors geboren. Er besuchte zunachst die Biirgerschule, dann mit mafiigem 
Erfolg das Gymnasium seiner Vaterstadt. Nachdem er Ostern 1884 die Reife- 
priifung nur mit der Zensur III a bestanden hatte, trat er als Freiwilliger in 
das 133. Infanterieregiment ein, mufite aber schon im folgenden Friihjahr 
wegen Krankheit wieder entlassen werden. Nach seiner Wiederherstellung 
bezog er die Universitat Leipzig, um Naturwissenschaften und Geographie zu 
studieren. Der bedeutsame Eindruck, den die Personlichkeit seines Lehrers 
Friedrich Ratzel auf ihn ausiibte, veranlaOte ihn, sich auf dessen Rat ganz 
der Ethnologie zuzuwenden. Diesem Gebiete gehort auch seine erste grftflere 
Arbeit uber das Wurfmesser der Neger an (Leiden 1889), mit der er den 
philosophischen Doktortitel erwarb. Auf Grund umfassender Kenntnis der 
alteren und neueren Reiseliteratur stellt er darin die geographische Verbrei- 
tung des Wurfmessers fest und weist seine Entstehung aus dem von vielen 
Natur\ r 6lkern gebrauchten Wurfholze nach, schildert seine Handhabung und 
beschreibt die wichtigsten Formen, die er auf einige wenige Typen zuriick- 
zufiihren sucht. Eine Tafel mit 60 Abbildungen erlautert den Text in an- 
schaulichster Weise. Dieses Erstlingswerk wurde von Friedrich Ratzel, auf 
dessen Anregung es entstanden ist, als ein gutes Beispiel der Anwendung 
der anthropogeographischen Methode auf ein ethnographisches Problem ge- 
riihmt. Wahrend sich S. in dieser Arbeit mit Erzeugnissen weit entfernt 
wohnender Vdlkerstamme beschaftigte, die er niemals gesehen hatte, fand er 
fur seine nachsten Schriften den Stoff in der Heimat. Von Jugend auf war 
er ein begeisterter Freund des Fufiwanderns. Das heimische Erzgebirge 
durchzog er nach alien Richtungen, namentlich wenn er als Student die 
Ferien in Schmiedeberg, dem damaligen Wohnsitz seines Vaters, verlebte. Mit 
offenem Sinn liefl er die Schonheiten der Landschaft auf sich einwirken, 
aber auch der niedergehende Bergbau und die volkstiimlichen Uberlieferungen 
der Bewohner erregten sein Interesse. Aus diesen Eindriicken entstand all- 
mahlich seine Abhandlung: Cber' den Seifenbergbau im Erzgebirge und die 
Walensagen (Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde, Band 5, 
Heft 3, Stuttgart 1890). Darin geht er von den altesten vorgeschichtlichen 



Schurtz. -? j 

Spuren der Metallgewinnung im sachsisch-bohmischen Grenzgebirge aus. Hier 
war ja eine der wichtigsten Fundstatten des Zinns, das seit grauester Vorzeit 
zur Herstellung der Bronze verwendet wurde. Lange Zeit gewann man das 
hochgeschatzte Metall nicht durch bergmannischen Abbau aus dem festen 
Gestein, sondern durch die Ausbeutung von Seifenlagern, also von erzfiihren- 
den Fluflablagerungen. Dieser Seifenbergbau wurde im Erzgebirge nicht nur 
auf Zinn, sondern auch auf Gold und Halbedelsteine betrieben und zwar der 
Sage nach vor allem durch Italiener, Juden und Zigeuner, die man unter 
dem Namen Walen zusammenfaflte. Nach dem Glauben des Volkes sollen 
diese ungeheure Schatze gewonnen und nach dem Auslande gefuhrt haben. 
Ihre Kenntnisse iiber das Vorkommen wertvoller Mineralien haben sie in den 
sogenannten Walenbiichern niedergelegt, deren Angaben allerdings kritischer 
Priifung nicht standhalten. Wahrend S. in dieser Schrift seine Neigung zu 
urgeschichtlichen Forschungen bekundete, zeigte er sich in seiner nachsten 
iiber Die Passe des Erzgebirges (Leipzig 1891) als tuchtiger Geograph, der 
namentlich dem Gebiete der Anthropogeographie neue Gesichtspunkte abzu- 
gewinnen verstand. Er versuchte darin nachzuweisen, daB die Strafien iiber 
das Erzgebirge ihrer Lage und Richtung nach nicht wie die Passe der Alpen 
von der Natur vorgezeichnete Wege sind, sondern dafi ihre Entstehung ein 
anthropogeographisches Problem ist. Das ergibt sich daraus, dafi die grofle- 
ren Stiidte und Verkehrsmittelpunkte am Fufie des hoheren Erzgebirges nicht 
den Gebirgsstrafien ihre Entstehung verdanken. Vielmehr haben diese Stadte, 
die urspriinglich Kulturzentren fruchtbarer Landstriche oder reicher Bergwerks- 
distrikte waren, erst mit der Zeit bewirkt, dafi sich aus der grofien Zahl mog- 
licher Strafien bestimmte Gruppen ausschieden und vorwiegend entwickelten. 
Diese beiden Beitr&ge zur Heimatkunde hatten indessen S. nicht seinem 
Hauptarbeitsgebiete, der Vdlkerkunde, entfremdet. Das bewies er durch eine 
bald darauf erschienene gedankenreiche Schrift: Grundziige einer Philosophic 
der Tracht mit besonderer Beriicksichtigung der Negertrachten (Stuttgart 
1 891). Er kommt darin im Gegensatz zu vielen anderen Forschern zu dem 
Ergebnis, dafi die Entstehung der Tracht auf die Regungen des der mensch- 
lichen Natur eingeborenen Schamgefiihls zuriickzufiihren sei, das bei keinem 
Volke ganz fehlt und eine notwendige Folge der gesellschaftlichen Entwick- 
lung der Menschheit, namentlich der Ehe ist. Spater kam er von dieser 
Ansicht zuriick, und schon nach wenig Jahren bezeichnete er das kleine Werk 
als einen gut gemeinten, aber noch unreifen Versuch, die tiefere soziale Be- 
deutung der Trachtenprobleme darzustellen. Nach dem Erscheinen dieser 
Arbeit habilitierte er sich, einem Wunsche seines Lehrers Friedrich Ratzel 
folgend, an der Leipziger Universitat als Privatdozent. Als solcher hat er 
vier Semester hindurch Vorlesungen iiber Landes- und Volkskunde von Mittel- 
deutschland, iiber Vorgeschichte des Menschen, iiber die alten Kulturvolker 
der Erde, iiber die Volker Europas und iiber Kunst und Dichtung bei den 
Naturvolkern abgehalten. Um den Studierenden Gelegenheit zu geben, sich 
rasch einen kurzen, aber ausreichenden Uberblick iiber das weite Gebiet der 
V6lkerkunde zu verschaffen, veroffentlichte er in Webers Sammlung illustrier- 
ter Katechismen einen Katechismus der Vftlkerkunde (Leipzig 1893), der eine 
reiche Fiille von Stoff in knappster Form, aber klar und wohlgeordnet zu- 
sammenfafite. 



32 



Schurtz. 



Noch in demselben Jahre erging ein Ruf des Direktors Schauinsland in 
Bremen an ihn, die Einrichtung und VergrOflerung des mit dem dortigen 
Museum fur Naturkunde verbundenen Museums fur V6lker- und Handelskunde 
zu iibernehmen. Da die Stellung eines Assistenten hinl&ngliche Mufle und 
reiche Anregung durch den t£glichen Verkehr mit den aufgestapelten ethno- 
graphischen Sch&tzen verhiefi, nahm er sie an, und er hat diesen Schritt 
auch nie bereut, um so mehr als ihm die reichen Mittel des Museums einige 
grSfiere Studienreisen nach den Mittelmeerlandern, nach Spanien, Nordafrika 
und Kleinasien ermOglichten. Unter den Best&nden der Sammlung waren 
namentlich viele durch auffallende Farbengebung und charakteristische Or- 
namentierung ausgezeichnete Schnitzereien melanesischer NaturvOlker ver- 
treten. Die Vergleichung dieser eigenartigen Kunsterzeugnisse mit denen 
anderer Vfllker fiihrte ihn allm&hlich zu Erkenntnissen von weittragender 
Bedeutung, die er in seiner nSchsten Schrift iiber Das Augenornament und 
verwandte Probleme (im 15. Bande der Abhandlungen der Kgl. s£chs. Gesell- 
schaft der Wissenschaften, Leipzig 1895) niederlegte. Darin weist er nach, 
dafl die Augenbilder in den verschiedensten Verbindungen und ornamentalen 
Verflechtungen nicht nur bei den Melanesiern und den Urbewohnern Neu- 
seelands, sondern auch bei den Nordwestamerikanern und den altamerika- 
nischen Kulturvdlkern in merkwiirdig iibereinstimmender Weise zur Aus- 
schmuckung von Geratschaften und Kleidern verwendet wurden. Aus dieser 
Tatsache, wie auch aus verschiedenen Vorstellungen mythologischer Art, die 
auffallende Ahnlichkeit zeigen, zieht er den Schlufi, dafi diese Vftlker einst 
in einem nahen verwandtschaftlichen oder wenigstens kulturellen Zusammen- 
hang gestanden haben miissen. Auf ein ganz anderes Gebiet fiihrte ihn bald 
darauf seine Beschaftigung mit der neu angelegten Geldsammlung des Bre- 
mer Museums. Er legte sich die Fragen vor: welche Wertmesser gab es vor 
unserm Gelde? aus welchen Anf&ngen hat sich das Geld entwickelt, und 
welche Entwicklungsstufen sind jetzt noch nachweisbar? Aus der Beant- 
wortung dieser Fragen erwuchs sein Grundrifl einer Entstehungsgeschichte des 
Geldes (Band 5 der Beitr&ge zur Volks- und Vttlkerkunde, Weimar 1898). 
Darin er&rtert er in geistreicher Weise die zahllosen verschiedenartigen primi- 
tiven Keime und Ans&tze des Geldwesens und die damit in engem Zusammen- 
hange stehenden Anf£nge des Eigentums und des Handels. Er gelangt zur 
Unterscheidung zweier Arten von Geld: des Binnengeldes, das seine Wurzel 
im menschlichen Schmuckbediirfnis hat und nur innerhalb des einzelnen 
Stammes gilt, und des Aufiengeldes, das dem Verkehr verschiedener St&mme 
miteinander dient. 

Um dieselbe Zeit besch&ftigte ihn noch ein anderes weit ausschauendes 
Unternehmen. Sein Freund Hans Helmolt, gleichfalls ein Schiller Friedrich 
Ratzels und von dessen Ideen beeinflufit, bewog ihn zur Mitarbeit an der 
von ihm herausgegebenen, durch ihre eigenartige Anordnung des historischen 
Stoffes nach VOlkerkreisen bekannten grofien Weltgeschichte des Bibliogra- 
phischen Instituts (Leipzig 1899^.). S. hat fur dieses bedeutsame Unter- 
nehmen mehrere umfangreiche Abschnitte beigesteuert FUr den zweiten Band 
bearbeitete er Hochasien, Sibirien und Indonesien, fiir den dritten Westasien 
und Afrika, fiir den vierten die siidlichen und westlichen Mittelmeerlftnder. 
Daneben reiften aber auch noch andere Friichte seiner unermiidlichen und 



SchurU. 3 3 

vielseitigen T&tigkeit. 1899 hatte die Furstlich Jablonowskische Gesellschaft 
in Leipzig eine Preisaufgabe gestellt, welche eine eingehende Untersuchung 
und vergleichende Darstellung des nationalen Gewerbes bei den eingeborenen 
Volkern eines oder mehrerer auflereuropaischer Erdteile unter besonderer 
Berucksichtigung der Betriebsformen der Stoffumwandlung und der Absatz- 
weisen der Fabrikate forderte. S. gewann den Preis durch seine Abhandlung 
iiber Das afrikanische Gewerbe (Leipzig 1900). Darin weist er zunichst auf 
die Wichtigkeit Afrikas fiir die Kenntnis primitiver Kulturverhaltnisse bin. 
Dann schildert er die bei den dort wohnenden Naturvolkern ubliche Arbeits- 
teilung zwischen den beiden Geschlechtern, hierauf die an gewisse Orte oder 
Stamme gebundenen und die von einzelnen Individuen betriebenen Gewerbe, 
weiterhin die Keime hdherer gewerblicher Organisationsformen, endlich den 
Absatz gewerblicher Erzeugnisse und die dabei iiblichen Handelsgebrauche. 
In demselben Jahre schlofi er auch noch sein Hauptwerk ab, das seinen 
Namen in weiten Kreisen der Gebildeten bekannt machte, die Urgeschichte 
der Kultur (Leipzig und Wien 1900), eine Frucht siebenj&hrigen Fleifies. 
Darin will er die Anfange jener gewaltigen geistigen-Erbschaft, an der die 
Menschheit seit Jahrtausenden spart und die sie immer weiter zu vermehren 
trachtet, auf Grund seiner umfassenden Kenntnis der vorgeschichtlichen Funde 
und der in den deutschen Museen aufbewahrten Werke der Naturvdlker dar- 
stellen. Keine Seite des Kulturlebens hat er dabei vernachl&ssigt. Er schil- 
dert die Anfange der Gesellschaft und der sozialen Schichtungen , die Ent- 
stehung des Staates und die Entwicklung von Sitte und Brauch. Daneben 
untersucht er in tief eindringender Weise die Ausgangspunkte der mensch- 
lichen Wirtschaft und ihre primitivsten Formen, die altesten Kulturpflanzen 
und Haustiere, die friihesten Spuren von Gewerbe und Handel. Besonders 
ausfiihrlich bespricht er die Entstehung der materiellen Kultur, die allmahlich 
fortschreitende Benutzung und Beherrschung der Naturkrafte, die Technik, die 
Waffen, Werkzeuge und Ger&te, Schmuck und Kleidung, Bauwerke und Ver- 
kehrsmittel. Von eigenartigem Reize sind seine kunstlerisch abgerundeten 
Gedankengange iiber die Urgeschichte der Geisteskultur, iiber die Anfange 
von Sprache, Kunst, Religion, Rechtspflege und Wissenschaft. In diesen Ab- 
schnitten hat er sein Eigenstes und Bestes gegeben. Hier merkt jeder Leser, 
dafi ein Stoff und Form gleichermaflen beherrschender Meister der Wissen- 
schaft zu ihm spricht. S. selbst aber war von einzelnen Teilen des Buches 
nicht vollig befriedigt. Namentlich die schwierigsten Probleme der Sozio- 
logie, die Fragen nach dem Ursprung der Gesellschaft und des Staates, 
reizten ihn zu immer tiefer eindringenden Untersuchungen. Die erste dieser 
Fragen suchte er zu losen durch sein Werk: Altersklassen und Mannerbiinde, 
eine Darstellung der Grundformen der Gesellschaft (Berlin 1902). Darin will 
er nachweisen, dafi die Gesellschaft sich nicht, wie vielfach angenommen 
wurde, allein aus der Familie, sondern vor allem aus den geselligen Verban- 
den der Manner entwickelt habe, die noch heute bei vielen Naturvolkern 
nach Altersklassen geordnet, sich in gewissen ausschliefilich fiir diesen Zweck 
bestimmten Hausern regelmafiig zu versammeln pflegen. Nach der Vollen- 
dung dieses Buches wollte er noch einmal wie vor 10 Jahren das weite Ge- 
biet der Ethnologie auszugsweise in Form eines Leitfadens darstellen, aber 
der Tod nahm dem Unermiidlichen plotzlich die Feder aus der Hand. Am 

Biogr. Jahrbuch u. Dcutschcr Nckrolog^. 8. Bd. ^ 



34 Schurtz. Ruge. 

2. Mai 1903 starb er noch im besten Mannesalter zu Bremen infolge einer 
Blinddarmentziindung. Auf dem Friedhofe zu Loschwitz bei Dresden liegt 
er begraben. Sein nachgelassenes Kompendium der VOlkerkunde erschien 
wenige Wochen sp&ter als Band 16 der von Maximilian Klar herausgegebenen 
Sammlung: Die Erdkunde (Leipzig und Wien 1903). 

S. war ein Mann von mittelgrofier Gestalt und wenig auffalliger Gesichts- 
bildung. Seit friiher Jugend hatte er viel unter Krankheiten zu leiden, doch 
beeintr&chtigten diese nur vortibergehend seine bewunderungswtirdige Arbeits- 
kraft. Trotzdem der hinreifiende Flufi der Rede ihm versagt war, iibte seine 
PersOnlichkeit auf alle, die n&her mit ihm verkehrten, einen eigenartigen Reiz 
aus. Gegen Fernstehende verhielt er sich meist kiihl und schweigsam, und 
im Verkehr mit ihnen konnte er eine gewisse Schuchternheit nie iiberwinden. 
Da er auf Aufierlichkeiten wenig Wert legte, blieb ihm der Vorwurf gesell- 
schaftlicher Nachlassigkeit nicht erspart Wer aber sein Vertrauen gewonnen 
hatte, dem offenbarte er allmahlich sein iiberaus eigenartiges Innenleben. 
Er war eine Kiinstlernatur, durch und durch Idealist und Stimmungsmensch, 
phantastisch veranlagt.und einer mystischen Betrachtung des Lebens und der 
Auflenwelt zugeneigt. Das Transzendentale hielt er nicht fiir eine theore- 
tische Hilfsvorstellung, sondern fiir eine reale Macht, mit der er Beziehungen 
ankniipfen konnte. Gelegentlich glaubte er mit Geistern und Abgeschiedenen 
in Verkehr zu stehen. Seine Gedankenrichtung war eine vorwiegend intuitive. 
Deshalb begniigte er sich in seinen Schriften nicht mit der induktiven Weise des 
Sammelns, Beschreibens und Vergleichens von Einzelheiten , sondern er ver- 
band sie gem mit der deduktiven Methode, indem er von allgemeinen 
Gesetzen ausging, nach denen sich seiner (Jberzeugung gemafl das Kulturleben 
der Menschheit entwickelte. Sein Stil ist weit entfernt von gelehrter Trocken- 
heit, vielmehr fliissig, klar und gedankenreich. Soweit es der Stoff irgend 
zuliefi, strebte er nach kiinstlerischer Ausgestaltung und Abrundung. Schon 
in friiher Jugend hatte er sich als Dichter versucht. Ein Drama »Schwan- 
hildis«, das an eine Sage seiner Heimatgegend ankniipfte, ist im Druck er- 
schienen (Zwickau 1890). Neben seinen selbstandigen Werken hat er noch 
eine grofie Zahl von kleineren Abhandlungen in angesehenen Zeitschriften 
veroffentlicht, so in Petermanns Mitteilungen , im Archiv fiir Anthropologic, 
Globus, Ausland und Internationalen Archiv fiir Ethnographie, in den Deut- 
schen Geographischen Blattern, den Preuflischen Jahrbiichern , den Grenz- 
boten, den wissenschaftlichen Beilagen zur Leipziger und zur Munchener 
Allgemeinen Zeitung, in der Geographischen Zeitschrift, der Umschau, der 
Zeitschrift fiir Sozialwissenschaft, der Deutschen Monatsschrift, der Wiener 
Zeit und der Deutschen Bauzeitung. 

Fr. Ratzel in der Weserzeitung vom 7. Juni 1903 und in den Deutschen Geographi- 
schen Blattern XXVI, 1903, S. 51—63 (mit Bibliographic). — W. Wolkenhauer in der 
Deutschen Rundschau fiir Geographic und Statistik 1904, S. 39 (mit Bildnis). 

Viktor Hantzsch. 

Ruge, Sophus, * 26. Marz 1831 zu Dorum im Lande Wursten, f 23. De- 
zember 1903 zu Klotzsche bei Dresden, Professor der Geographic und Ethno- 
logie an der Kgl. Technischen Hochschule zu Dresden, einer der griindlichsten 
Forscher auf dem Gebiete der Geschichte der Erdkunde und des Karten- 



Ruge. 35 

wesens. — Als Sohn eines Arztes wuchs R. von friiher Jugend an unter dem 
Einflusse wissenschaftlicher Anregungen auf. Der friihe Tod des Vaters ver- 
anlafite die Witwfc, den Heimatsort zu verlassen und nach Stade iiberzu- 
siedeln, wo der Knabe das Gymnasium besuchte. Seit 1850 studierte er 
anfangs in Gdttingen, dann in Halle Theologie. Da er nach einiger Zeit die 
Uberzeugung gewann, dafi der Predigerberuf nicht seinen innersten Neigungen 
entsprechen wiirde, wendete er sich der Geschichte, der Geographic und der 
klassischen Philologie zu. Von seinen akademischen Lehrern beeinfluflten 
ihn namentlich Georg Waitz und Heinrich Leo. Nach Vollendung des 
Studienganges wirkte er zun^chst eine Zeitlang als Hauslehrer in einem 
Forsthause bei Einbeck, dann seit 1857 an einer Madchenschule in Stade. 
1859 wurde ihm eine Lehrerstelle an der Handelsschule der Kaufmannschaft 
in Dresden iibertragen. Hier mufite er haupts&chlich erdkundlichen Unterricht 
erteilen. Dieser Umstand veranlafite ihn, dem weiten Gebiete der Geographie 
sein Hauptinteresse zuzuwenden. Seiner historischen Vorbildung entsprechend 
zog ihn namentlich die geschichtliche Entwicklung dieser Wissenschaft an. 
Mehrere VortrSge, die er hielt, fuhrten ihn mit Carl Andree und andern 
Dresdner Geographen zusammen. Der Wunsch, einander regelmafiig zu 
sehen und wissenschaftliche Belehrungen auszutauschen, bewog diese Fach- 
genossen 1863 zur Grundung des Dresdner Vereins fiir Erdkunde, den Ruge 
30 Jahre hindurch als erster Vorsitzender leitete. Da er unermiidlich in der 
Abhaltung von Vortragen iiber allgemein interessierende Themen aus den 
verschiedensten Gebieten der Lander- und V&lkerkunde und in der Bericht- 
erstattung iiber wichtige Forschungen und Entdeckungen oder iiber verschie- 
dene geographische Bucher und Landkarten war, gelang es ihm, zahlreiche 
Angehorige der besten Gesellschaftskreise Dresdens als Mitglieder heranzu- 
ziehen. Zwar konnte der Verein nicht mit den groflen Gesellschaften in den 
europaischen Hauptstadten konkurrieren, aber unter den Provinzorganisationen 
nahm er eine angesehene Stellung ein, besonders da er ziemlich regelmafiig 
Jahresberichte mit zum Teil wertvollen wissenschaftlichen Abhandlungen und 
Kartenbeilagen und bei besonderen Veranlassungen auch verschiedene be- 
merkenswerte Gelegenheitsschriften verflffentlichte. 

1864 erwarb R. in Leipzig durch eine griindliche und noch heute 
brauchbare Dissertation iiber den Chaldaer Seleukos den philosophischen 
Doktortitel. 1870 wurde er als Oberlehrer an die stadtische Annen-Realschule 
in Dresden berufen. Zwei Jahre spater habilitierte er sich als .Privatdozent 
an dem Polytechnikum daselbst, das spater in eine Technische Hochschule 
verwandelt wurde. Seine Probevorlesung handelte tiber das Verhaltnis der 
Erdkunde zu den ihr verwandten Wissenschaften. 1874 ernannte ihn das 
Ministerium zum ordentlichen Professor fiir Geographie und Ethnologic Als 
soldier hat er bis in die letzten Jahre seines Lebens Vorlesungen iiber 
Lander- und Vdlkerkunde, sowie iiber Geschichte der Geographie gehalten. 
Einen weitreichenden Einflufi iibte er durch seine Lehrtatigkeit nicht aus. 
Auch war es ihm nicht vergonnt, einen Kreis von Schiilern heranzubilden, 
die in seinem Sinn und Geiste weiter arbeiteten. Was Sachsen an jungen 
Geographen hervorbrachte, verdankte man nicht ihm, sondern seinen Leipziger 
Kollegen Oskar Peschel, Ferdinand von Richthofen und vor allem Friedrich 
Ratzel. 

3* " 



36 Ru £ e - 

Weit bedeutender und einflufireicher war seine schriftstellerische TStig- 
keit. Namentlich auf dem Gebiete der Geschichte der Erdkunde und des 
Kartenwesens hat er Arbeiten von dauerndem Werte hihterlassen. Seinen 
Ruf als einen der besten Kenner dieses Wissenschaftszweiges begriindete er 
dadurch, dafi er auf Oskar Peschels Wunsch dessen umfang- und inhaltreiche 
»Geschichte der Erdkunde« in zweiter vermehrter und verbesserter Auflage her- 
ausgab (Munchen 1877). Das, was an dem Buche bewahrt und allgemein 
als trefflich anerkannt war, die zweckm£fiige iibersichtliche Gliederung des 
Stoffes, die geistreiche und treffende Charakteristik der bedeutsamsten Per- 
sOnlichkeiten, die glfinzende Stilisierung liefi er mOglichst unverSndert. Da- 
gegen fiillte er mancherlei Liicken aus, verbesserte zahlreiche Versehen und 
Irrtiimer, erg&nzte die Literaturangaben und unterzog das Ganze einer sorg- 
f&ltigen Durchsicht. Das Werk hat linger als 20 Jahre alien, die auf diesem 
Gebiete arbeiteten, gute Dienste geleistet. Allmahlich aber begann es zuerst 
in Einzelheiten, die durch neuere Spezialforschungen iiberholt wurden, dann 
in ganzen Abschnitten zu veralten. R. fuhlte nicht mehr die Kraft in sich, 
eine neue Ausgabe zu veranstalten. Auch ein jiingerer Bearbeiter konnte 
nicht ermittelt werden, und so wurde das verdienstliche Buch 1903 durch 
Siegmund Giinthers » Geschichte der Erdkunde*, die den modernen Anforde- 
rungen entsprach, fiir .den praktischen Gebrauch vollig zu den Toten ge- 
worfen. In der Entwicklungsgeschichte der Wissenschaften aber wird es fur 
alle Zeiten einen ehrenvollen Platz behaupten. 

Neben diesem zusammenfassenden Hauptwerke hat R. eine grofle Anzahl 
von Studien verschiedensten Umfanges iiber einzelne Perioden der Geschichte 
der Erdkunde oder iiber diesem Gebiet angeh6rende Personen und Ereig- 
nisse verftffentlicht Eine Auswahl derselben vereinigte er 1888 in einer 
Sammlung, die er »Abhandlungen und VortrSge zur Geschichte der Erd- 
kunde* betitelte und der Dresdner geographischen Gesellschaft zu ihrem 
25Jahrigen Jubelfeste widmete. Zunachst ging er von der Geographie des 
Altertums aus. Hierher geh6rt seine schon erwahnte Dissertation iiber den 
Chald£er Seleukos (Dresden 1865), in der er durch geschickte Heranziehung, 
kritische Sichtung und einwandfreie Gruppierung des sehr zerstreuten und 
schwierig zu behandelnden Stoffes seine Befahigung fiir exakte historische 
Forschungen bewies. Daran schlossen sich spater noch zwei Aufsatze »t)ber 
die historische Erweiterung des Horizontes« (Globus 1879, Band 36) und 
iiber »Die Erdkunde bei den alten Agyptern« (23. Jahresbericht des Vereins 
fiir Erdkunde in Dresden 1893). Die ideenarme, meist sklavisch abschrei- 
bende Erdkunde des Mittelalters vermochte ihn niemals zu selbstandiger Be- 
arbeitung anzuregen. Dagegen wendete er sein lebhaftes Interesse dem Zeit- 
alter der grofien Entdeckungen zu. Diesem Gebiet gehOrt sein zweites 
Hauptwerk, die »Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen^ (Berlin 1881 ff.) 
an, das als neunter Teil von Wilhelm Onckens Allgemeiner Geschichte in 
Einzeldarstellungen erschien und seinen Namen zuerst in weiteren Kreisen 
aufierhalb der Fachgenossen bekannt machte, da es nicht nur gelehrt und 
griindlich abgefaflt, sondern auch anziehend und allgemein verstandlich ge- 
schrieben ist. Einige Abschnitte daraus, welche die Entdeckungsgeschichte 
der Neuen Welt betreffen, verOffentlichte er spater nochmals in wesentlich ver- 
anderter Form in der Hamburgischen Festschrift zur Erinnerung an die Ent- 



Ruge. 37 

deckung Amerikas (Hamburg 1892) und stark verkiirzt im Globus 1892, 
Band 61. 

Unter alien den zahlreichen grofien und kleinen Entdeckern zog ihn 
namentlich die von der Parteien Hafi und Gunst verzerrte Person des 
Kolumbus an. Dessen getriibtes und verdunkeltes Bild kritisch zu beleuchten 
und von den ihm anhaftenden Legenden zu befreien, erschien ihm mit Recht 
als ein verdienstliches Unternehmen. Nach mehrjahrigen Forschungen trat 
er 1876 mit einem Vortrag iiber »Die Weltanschauung des Kolumbus« hervor. 
Darin schlofi er sich der schon von Peschel vertretenen Meinung an, dafl der 
Entdecker keineswegs ein wahrhaft grofier Mann, sondern vielmehr ein 
menschlich und wissenschaftlich ziemlich tiefstehender, aber von ungewOhn- 
lichera Gluck begiinstigter Schwarmer und Abenteurer war, der seine besten 
und fruchtbarsten Gedanken nicht sich selbst verdankte, sondern von Tosca- 
nelli entlehnt hatte. Anfangs erregte dieses Urteil heftigen Widerspruch, 
allmahlich aber wurde es von unterrichteten Sachkennern wie Henry Harrisse 
und andern bestatigt, und so konnte Ruge in einer vielbeachteten Biographie 
des Kolumbus, die er 1892 anlafilich des Jubeljahres der Entdeckung Amerikas 
in der von Anton Bettelheim herausgegebenen Sammlung »Ftihrende Geister« 
verdffentlichte, mit Genugtuung darauf hinweisen, dafl seine ehemals von so 
vielen Seiten bekSmpfte Ansicht allmahlich immer mehr Anh&nger und zu- 
letzt, wenigstens in Deutschland, nahezu allgemeine Anerkennung gefunden 
habe. Als kleine Spane, die bei seiner jahrelangen Beschaftigung mit dem 
Leben des Kolumbus und der andern Entdecker abgefallen waren, mftgen 
noch der Aufsatz »Was kostete die Entdeckung Amerikas ?« (Globus 1893, 
Band 63), ferner eine kurze Geschichte der ersten Erdumsegelung (Abhand- 
lungen und Vortrage 1888) und eine Auseinandersetzung mit dem franzosi- 
schen Amerikanisten Jules Marcou iiber die Herkunft des NamensAmerika(Peter- 
manns Mitteilungen 1889), sowie eine Neuausgabe der merkwiirdigen, aus dem 
Anfang des 16. Jahrhunderts stammenden Flugschrift »Copia der Newen 
Zeytung aus Pressilg Landt« (4. — 5. Jahresbericht des Vereins fur Erdkunde 
in Dresden 1868) erw&hnt werden. 

Wie die Kolumbusfeier des Jahres 1892, so hat R. auch andere mehr 
oder minder wichtige geographische Jubilaen durch Festartikel begriifit. Als 
man sich 1882 in Sachsen eines ritterlichen Abenteurers namens Bernhard 
von Miltitz erinnerte, der vor 300 Jahren den indischen und atlantischen 
Ozean durchsegelt und alle damals bekannten Erdteile besucht hatte, wies 
R. nach, dafl dieser Seefahrer keineswegs, wie man irrtumlich angenommen 
hatte, der erste sachsische Weltumsegler gewesen sei (Neues Archiv fur 
sachs. Geschichte 1882, Band 13). Als man in Portugal 1894 den Tag be- 
ging, an dem 400 Jahre zuvor Prinz Heinrich der Seefahrer geboren wurde, 
verdffentlichte er im 65. Bande des Globus eine Lebensbeschreibung und 
Charakteristik dieses verdienstvollen Forderers der Entdeckungen. In der- 
selben Zeitschrift wies er durch eine kurze, aber gehaltvolle Abhandlung 
1896 darauf hin, dafl 600 Jahre seit der Riickkehr des grofien mittelalter- 
lichen Orientreisenden Marco Polo verflossen seien, und im folgenden Jahre 
feierte er an der gleichen Stelle den Gedenktag der Entdeckung des nord- 
amerikanischen Festlandes durch Giovanni Caboto im Sommer 1497. Auch 
das Jubilaum der Auffindung des Seeweges nach Ostindien 1898 beging er 



38 Ruge. 

durch zwei in Berlin und Dresden gehaltene Vortrage (Verhandl. d. Ges. 
f. Erdkunde zu Berlin, Band .25; Jahrbuch der Gehe-Stiftung zu Dresden, 
Band 3). 

Wenn ihn auch das Zeitalter der grofien Entdeckungen vorzugsweise be- 
schaftigte, so vernachlassigte er doch auch nicht die neuere Geschichte der 
Erdkunde. Ins 17. Jahrhundert weisen seine Aufsatze iiber »Die Entdeckung 
des Kap Hoorn« (23. Jahresbericht des Vereins fur Erdkunde zu Dresden 
1893), »Ober einige vor-Defoesche Robinsonaden« (Abhandlungen und Vor- 
trage 1888) und »t)ber die ersten Ansiedler auf der Robinsoninsel Juan 
Fernandez* (ebendort), ins 18. Jahrhundert die gleichfalls in dem eben ge- 
nannten Sammelwerke erschienenen Abhandlungen »Aus der Sturm- und 
Drangperiode der Geographie«, »Die Bedeutung des Jahres 1781 fur die Ge- 
schichte der Erdkunde« und »Die Afrikanische Gesellschaft in London*, 
deren ioojahriges Jubilaum 1888 feierlich begangen wurde, endlich ins 
19. Jahrhundert seine an derselben Stelle abgedruckten Untersuchungen 
»Cber die Bedeutung der Jahre 1863 — 1888 fur die Geschichte der Erdkunde«, 
sowie seine Biographien Heinrich Barths, des verdienten Afrikareisenden 
(Jahresbericht des Vereins fiir Erdkunde zu Dresden, Heft 3, 1866), und Carl 
Eduard Meinickes, des grundlichen Kenners der Sudseeinseln und ihrer Be- 
wohner (ebendort Heft 15, 1878). Auch wichtige politische Ereignisse regten 
ihn gelegentlich zu historisch-geographischen Darstellungen an, so die Er- 
werbung deutscher Schutzgebiete im Stillen Ozean zu den Skizzen »Ge- 
schichte der Entdeckung der Karolinen« (Beilage zur Allg. Zeitung 1885) und 
»Geschichte der Erforschung des Bismarck-Archipels« (ebendort 1887), und 
die Eroffnung des Schienenweges nach Ostasien zu einem Vortrage iiber »Die 
Sibirische Eisenbahn« (Jahrbuch der Gehe-Stiftung zu Dresden 1902, Band 8). 

Ein weiteres Gebiet, mit dem sich R. jahrzehntelang eingehend be- 
schaftigte, war die Geschichte des Landkartenwesens. Sein hierher gehoriges 
Hauptwerk ist »Die Entwicklung der Kartographie von Amerika bis i57o« 
(Erganzungsheft 106 zu Petermanns Mitteilungen 1892). Kleinere Aufsatze 
behandelten »KompaB und Kompafikarten« (Programm der Handelsschule zu 
Dresden 1868), »Das Fretum Anian«, die heutige Beringsstrafie (Programm 
der Annen-Realschule daselbst 1873), »Das unbekannte Siidland« (Deutsche 
geogr. Blatter 1895, Band 18) und »Valentin Ferdinands Beschreibung der 
Azoren« (27. Jahresbericht des Vereins fiir Erdkunde zu Dresden 1901). 
Diesen schliefit sich seine letzte, leider nicht vollig zum Abschlufl gekom- 
mene Arbeit »Topographische Studien zu den portugiesischen Entdeckungen 
an den Kiisten Afrikas« (Abh. d. phil.-hist. Klasse der Kgl. Sachs. Ges. d. 
Wiss. 1903, Band 20) an. Einige andere Abhandlungen beschaftigen sich 
mit der Geschichte der kartographischen Darstellung Deutschlands und seiner 
Nebenlander, so »Ein Jubilaum der deutschen Kartographie« (Globus 1891, 
Band 60), ein Hinweis auf die angeblich 149 1 im Druck erschienene, von 
dem Kardinal Nikolaus von Cusa entworfene Karte von Mitteleuropa, ferner 
»Amos Comenius als Kartograph« (ebendort 1892, Band 61) und »Die An- 
fange der Kartographie von Deutschland« (Verh. des 7. intemat. Geographen- 
Kongresses zu Berlin 1899). Auch fiir eine von ihm beabsichtigte, aber nicht 
zur Ausfiihrung gekommene Darstellung der Entwicklung des Kartenwesens 
in seinem zweiten Vaterlande Sachsen trug er mehrere Bausteine heran, so 



# Ruge. Radde. ?g 

eine kurze »Geschichte der s&chsischen Kartographie im 16. Jahrhundert* 
(Zeitschrift fur wisscnsch. Geographie 1881, Band 2) und eine Lichtdruck- 
reproduktion der meisten Blatter der von dem Markscheider Matthias Oeder 
in den Jahren 1586 bis 1607 durchgefiihrten ersten Landesaufnahme Kur- 
sachsens (Dresden 1889). Auch sonst hat er die landeskundliche Literatur 
uber Sachsen durch mehrere weniger fiir Fachgelehrte, als vielmehr fur das 
grofie Publikum berechnete Ver6ffentlichungen bereichert, so durch eine 
»Geschichte des Augustusbades bei Radeberg« (Dresden 1880) und eine in 
der von A. Scobel herausgegebenen Sammlung »Land und Leute« erschie- 
nene Schilderung Dresdens und der S&chsischen Schweiz (Bielefeld u. Leipzig 
1903), Sehr zahlreiche kleine Aufsatze hat er aufierdem zu den Zeitschriften 
der Touristenvereine fiir die S&chsische Schweiz, das Erzgebirge und das 
BOhmische Mittelgebirge beigesteuert. 

Man wiirde die literarische Produktion R.s nicht vollst&ndig charakteri- 
sieren, wenn man nicht auch seiner padagogischen Schriftstellerei und seiner 
T&tigkeit als Kritiker gedenken wollte. Seine Lehrbucher und Leitfaden fiir 
den geographischen Unterricht (Geographie fiir Handelsschulen und Real- 
schulen 1864, Kleine Geographie 1*878, Dresdner Schulatlas 1892), sowie sein 
Lesebuch fiir Handelsschulen sind aus seiner langj&hrigen Praxis als Lehrer 
hervorgegangen. Sie wurden an vielen Schulen eingefuhrt, erlebten mehrere 
Auflagen und sind noch heute hier und da in Gebrauch. Als Kritiker hat 
er in vielen Zeitschriften, namentlich seit 1887 in den Literaturberichten zu 
Petermanns Mitteilungen, seit 1895 auch in Hermann Wagners Geographi- 
schen) Jahrbuch, die neuesten Erscheinungen auf dem Gebiete der Geschichte 
der Erdkunde mit Sachkenntnis besprochen. Besonders bemerkenswert sind 
seine ausfiihrlichen Referate iiber NordenskiOlds Faksimileatlas und Periplus 
(Deutsche geogr. Blatter 1890 und 1900) und iiber die grofle italienische 
Raccolta Colombiana (Petermanns Mitteilungen 1895). 

An Ehrungen und Anerkennungen hat es R. wahrend seines langen 
arbeitsreichen Lebens nicht gefehlt. Der KOnig von Sachsen verlieh ihm 
den Titel eines Geheimen Hofrats, die geographischen Gesellschaften zu 
Berlin, Amsterdam und Lissabon ernannten ihn zum korrespondierenden, die 
zu Dresden, Leipzig, Hamburg und Miinchen zum Ehrenmitglied. Auch ge- 
hdrte er der philologisch-historischen Klasse der Gesellschaft der Wissen- 
schaften zu Leipzig und der Kftniglichen Kommission fiir sachsische Ge- 
schichte daselbst an. 

Nachrufe in den Dresdner Tagesblattern. — J. Partsch im >Geographischen Anzeiger* 
1 901, II, S. 33—35 (mit Bildnis). — A. Kohut im »Globus« 1901, LXXIX, S. 174—175 
(mit Bildnis). — V. Hantzsch in der » Geographischen Zeitschrift* 1904, X, S. 65 — 74. — 
S. GQnther in der Beilage zur »AIlg. Zeitung« 1904, Nr. 18, S. 140. — »Zeitschrift fur Schul- 
geographie« 1904, XXV, S. 129. — H. Haack im »Geographen-Kalender«c 1904/05, II, S. 201 
bis 202. — L. Hugues, Sophus Ruge. Cenni biografici e bibliografici. Torino 1904. 

Viktor Hantzsch. 

Radde, Gustav Ferdinand Richard, Reisender und Naturforscher, * 27. No- 
vember 1831 zu Danzig als Sohn eines unbemittelten Schullehrers und Kiisters, 
f in der Nacht vom 15. — 16. M£rz 1903 zu Tiflis. — In diirftigen Verhaltnissen 
heranwachsend besuchte R. die Realschule seiner Vaterstadt. Da die Mittel 
zu weiteren Studien nicht ausreichten, trat er in die Ratsapotheke als 



40 Radde. 

Lehrling ein. Hier benutzte er jede freie Stunde zur Erweiterung seiner natur- 
wissenschaftlichen Kenntnisse. Sein Lemeifer erregte die Aufmerksamkeit 
des Professors Anton Menge, der sich seiner annahm, ihn mit Ratschlagen 
und Biichern unterstiitzte und ihm ein Reisestipendium der Danziger Natur- 
forschenden Gesellschaft verschaffte. Mit diesem Gelde und mit Empfehlungen 
des russischen Konsuls von Adelung, eines Sohnes des beruhmten Sprach- 
forschers, begab er sich 1852 nach der Krim, wo er den Botaniker Christian 
Steven traf, den er auf seinen Sammelreisen begleitete und fur dessen litera- 
rische Arbeiten er eine Reihe von Zeichnungen entwari Fast drei Jahre 
lang durchwanderte er die Halbinsel nach alien Richtungen, erforschte die 
Flora und Fauna und untersuchte auch das organische Leben des Asowschen 
Meeres, bis ihn die durch den Krimkrieg hervorgerufene Unsicherheit ver- 
scheuchte. Mehrere Abhandlungen, die 1854 — 55 in den Schriften der Moskauer 
Naturforschenden Gesellschaft erschienen (Uber das Tierleben am Faulen Meer, 
Versuch einer Pflanzenphysiognomik Tauriens, Beitrfige zur Ornithologie 
Sudrufllands), erregten die Aufmerksamkeit der russischen Gelehrten, und so 
wurde er im Friihjahr 1855 von der Kaiserlichen Geographischen Gesellschaft 
nach Petersburg berufen, um eine Forschungsreise nach dem siiddstlichen 
Sibirien zu unternehmen. Im April verliefl er wohlausgeriistet die Hauptstadt 
und begab sich in moglichster Eile nach Irkutsk, wo er Ende Mai eintraf. 
Nachdem er mehrere Wochen die nahere Umgegend dieses Ortes, namentlich 
das Tal der Angara durchstreift hatte, um sich mit Land und Leuten bekannt 
zu machen, begann er die Tiere und Pflanzen des Baikal sees und seiner 
Uferlandschaften zu erforschen. Zunachst fuhr er an der Westkiiste entlang 
bis zur Nordspitze, besuchte dann in Transbaikalien die Mineralquellen von 
Turkinskoje und das Mundungsgebiet der Selenga und kehrte im Sp&therbst 
nach Irkutsk zuriick. Den Winter verbrachte er teils mit der Ordnung und 
Erganzung seiner reichen Sammlungen, teils mit Sprachstudien und Jagd- 
ausfliigen. Im MSrz 1856 fuhr er abermals uber den Baikalsee, verfolgte den 
Lauf der Selenga bis zur chinesischen Grenze, uberstieg das Apfelgebirge, 
erreichte auf der transbaikalischen Poststrafie die Kreisstadt Tschita und ver- 
lebte den Friihling an dem durch sein Tierleben merkwurdigen Tareinor. Um 
dieses Leben auch im Hochsommer und im Herbst beobachten zu konnen, 
hielt er sich noch zweimal lingere Zeit an diesem See auf. Die Zwischen- 
pausen verbrachte er mit Ausflugen in das mongolische Gebiet jenseits der 
Grenze, in die TSler der Fliisse Schilka, Argunj und Onon und ins Sochondo- 
gebirge, dessen h6chsten Gipfel er bestieg. Den November verwendete er zu 
ergiebigen Streifziigen durch das Apfelgebirge und nach den 6stlichen Zu- 
fliissen der Selenga. Dann kehrte er uber den gefrorenen Baikalsee im 
Januar 1857 nach Irkutsk zuriick, wo er bis Ende Marz im Winterquartier 
blieb. Im Friihjahr unternahm er zunichst eine Reise nach der wichtigen 
Handelsstadt Kjachta an der chinesischen Grenze. Dann begab er sich 
wieder nach Tschita. Hier bestieg er ein Flofl und fuhr, begleitet von drei 
Kosaken und einem Tungusen, zunachst die Fliisse Ingoda und Schilka, dann 
den Amur abwarts bis zur Miindung des Ussuri. An giinstigen Stellen landete 
er, um seine Sammlungen zu vervollst£ndigen. Dort, wo das Burejagebirge 
dicht an das linke Ufer des Amur herantritt, fand er einen Ort, der ihm 
sehr geeignet zur Errichtung einer Niederlassung erschien. Er baute sich 



Radde. 



41 



deshalb aus den Balken seines Flosses ein Blockhaus, trat mit den umwohnen- 
den Tungusen in freundschaftliche Beziehungen und untersuchte auf zahl- 
reichen Exkursionen die Flora und Fauna der Gegend. Da der Erfolg seiner 
Forschungen die Erwartungen weit iiberstieg, blieb er, wenn auch unter 
manchen Entbehrungen, den ganzen Winter hier. Im Friihjahr 1858 wurde 
in der N£he seines Hauses durch den Generalgouverneur Grafen Murawiew 
eine noch heute bliihende Niederlassung von Kosakenfamilien angelegt und 
nach seinem Namen Raddewka genannt. Nachdem er auch den Sommer 
unermudlich sammelnd und beobachtend teils hier, teils in der Mandschurei 
verlebt hatte, holte ihn im Spatherbst ein Regierungsdampfer ab und brachte 
ihn mit seinen naturwissenschaftlichen Sch&tzen nach Blagowetschensk. Von 
hier aus fuhr er im Schlitten am russischen Ufer des Amur entlang und dann 
auf der transbaikalischen PoststraBe bis zum Baikalsee. Im Januar 1859 traf 
er wieder in Irkutsk ein. Im Friihjahr brach er abermals auf, um die Urn- 
gebung des grofien, von Tieren reich belebten Sees Kossogol, das Sajanische 
Gebirge und das Quellgebiet der oberen Zufliisse des Jenissei, namentlich 
der Oka und des Irkut zu durchforschen. Ein Versuch, durch die Mongolei 
nach der Gobi vorzudringen, scheiterte an dem Widerstand der Grenzbehdrden. 
Er begab sich deshalb im Oktober wieder nach Irkutsk, verpackte seine 
iiberaus reichen und wertvollen Sammlungen und kehrte dann nach Peters- 
burg zuriick, wo er im Januar i860 ankam. Hier wurde er zum Konservator 
bei der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften ernannt. Die nachsten 
Jahre verwendete er zur Ordnung und Bestimmung der mitgebrachten Natur- 
gegenstande, die er dem Museum der Akademie iiberwies, sowie zur Aus- 
arbeitung eines umfangreichen Reisewerkes. Zunachst erschien ein Vorl&ufer 
unter dem Titel »Berichte iiber Reisen im Siiden von Ostsibirien* als 23. Band 
der von K. E. von Baer und G. von Helmersen herausgegebenen Beitrage zur 
Kenntnis des russischen Reiches (St. Petersburg 1861). Dann folgte in deut- 
scher und russischer Ausgabe das mit vielen .Tafeln und Karten ausgestattete 
zweibandige Hauptwerk »Reisen im Siiden von Ostsibirien in den Jahren 
1855 — 59« (St. Petersburg und Leipzig 1862 — 63), worin er die Saugetiere und 
Vogel des von ihm erforschten Gebietes ausfiihrlich behandelte. Dieses Buch 
brachte ihm mancherlei Anerkennung. Die Universitat Dorpat ernannte ihn 
zum Magister, Breslau zum Dr. phil., und die Petersburger Akademie ehrte 
ihn durch Uberreichung ihrer Demidow-Pramie. Auch in Zeitschriften hat er 
in kiirzerer Form den Verlauf seiner Reise oder einzelne Erlebnisse derselben 
geschildert, so in Petermanns Mitteilungen (drei VortrMge iiber Sibirien und 
das Amurland i860 — 61), in den VerSffentlichungen der Akademie und der 
Kaiserlich russischen geographischen Gesellschaft und in der deutschen 
St. Petersburger Zeitung. Auch einige kleinere wissenschaftliche Reisen fallen 
in diese Jahre. So begleitete er im Sommer i860 den Akademiker von Brandt 
nach dem Gouvernement Cherson zur Hebung eines Mastodon am Flusse 
Ingul und 1862 den beriihmten Naturforscher von Baer nach Sudruflland zur 
Anstellung von Untersuchungen iiber die zunehmende Verflachung des Asow- 
schen Meeres und iiber die geologischen Verhaltnisse der Manytschniederung. 
Einen Wendepunkt seines Lebens bildete das Jahr 1863, das ihn nach 
dem Schauplatz seines ferneren Lebens und Forschens, dem Kaukasus, fiihrte. 
In diesem Jahre wurde ihm namlich die Stelle eines Assistenten am 



42 Radde. 

astronomisch-physikalischen Observatorium in Tiflis iibertragen. Der damalige 
Statthalter Groflfiirst Michael Nikolajewittfch lernte seine wissenschaftliche 
Tiichtigkeit sch&tzen und beauftragte ihn mit der biologisch-geographischen 
Erforschung des gesamten Kaukasusgebietes. Diesem ehrenvollen Auftrage 
folgend hat er vierzig Jahre hindurch fast jeden Sommer, sofern ihn nicht 
andere Arbeiten abhielten, mit Reisen durch jene Gebirgslandschaften zu- 
gebracht und die Wintermonate zur wissenschaftlichen Verarbeitung seiner 
Sammlungen und Beobachtungen verwendet. Den grOflten Teil dieser Samm- 
lungen iiberwies er in uneigennutziger Weise dem neugegrundeten Kaukasi- 
schen Museum in Tiflis, zu dessen Direktor er ernannt wurde und das er 
bald in alien fiinf Abteilungen, der geologischen, zoologischen, botanischen, 
ethnographischen und archaologischen, auf eine achtunggebietende H6he zu 
heben verstand. Namentlich pflegte er das Herbarium des Instituts, das all- 
mahlich bis auf 3000 genau bestimmte, dem Kaukasusgebiete angehorige 
phanerogamische Arten anwuchs. Auch brachte er eine sehr ansehnliche 
Sammlung von Buchern iiber den Kaukasus zusammen, die er mit solchem 
Verstandnis zu vermehren wufite, dafl ihn die Regierung im Nebenamte auch 
zum Leiter der Kaiserlichen Bibliothek in Tiflis ernannte. Von seinen Reisen, 
liber die er fast alljahrlich kurze Berichte in Petermanns Mitteilungen ver- 
(Jffentlichte, sind hauptsSchlich folgende bemerkenswert : 1864 besuchte er 
Mingrelien, Svanetien und die drei kolchischen Hocht&ler. 1865 durchwanderte 
er Abchasien, uberschritt den Nacharpafl und erstieg den Elbrus bis zur H5he 
von 4360 m. Die Ergebnisse seiner Forschungen in beiden Jahren stellte er 
in den »Berichten iiber die biologisch-geographischen Untersuchungen in den 
Kaukasusl&ndern« (Tiflis und Leipzig 1866, russisch und deutsch) zusammen. 
1866 bereiste er zum ersten Male die noch wenig bekannte Landschaft Talysch 
am Sudwestufer des Kaspischen Meeres. 1867 durchzog er das russische 
Armenien, namentlich die Gegend von Kars und das Quellgebiet der Kura. 
1868 unternahm er eine Reihe von beschwerlichen Hochtouren am Kasbek, 
im folgenden Jahre am Ararat. 1870 begab er sich zum zweiten Male nach 
Talysch und fuhr dann iiber den Kaspisee nach Krasnowodsk, wo er mit 
dem Grofifiirsten Konstantin Nikolajewitsch zusammentraf, den er auf einer 
kaspischen Rundreise begleitete. 187 1 erforschte er das Flufigebiet des Aras 
und den Goktschaisee, bestieg den Alag6s, sowie den grofien und kleinen 
Ararat, besuchte mehrere Kurdenstamme und gelangte bis an den Oberlauf 
des Euphrat. In den beiden n&chsten Jahren mufite er auf Forschungsreisen 
verzichten, da er 1872 von der Regierung nach Moskau zur polytechnischen 
Ausstellung und 1873 nach Wien zur Weltausstellung abgesandt wurde, um 
die kaukasischen Abteilungen einzurichten und zu uberwachen. Im Anschlufi 
an seinen Wiener Aufenthalt trat er eine Wanderung durch Deutschland an, 
um in den grofieren Stadten eine Reihe von Vortragen iiber die Kaukasus- 
lSnder zu halten. Den Text derselben liefi er 1874 in Gotha unter dem 
Titel: Vier Vortrage iiber den Kaukasus, als Erganzungsheft 36 zu Petermanns 
Mitteilungen im Druck erscheinen. In den Sommern 1874 und 1875 bereiste 
er teils mit seinem Freunde G. Sievers, teils mit anderen deutschen Gelehrten 
das russische, persische und tiirkische Armenien, namentlich die Gegend um 
Erzerum und um den machtigen erloschenen Vulkan Bing6l-dagh. Im folgen- 
den Jahre besuchte er das kleine christliche Volk der Chewsuren und ihre 



Radde. 



43 



Nachbarn, die Pschawen, Tuschen und Kisten, die in den Hocht&lern des 
Groflen Kaukasus nahe dem Kasbek wohnen. Die wichtigen ethnologischen 
Ergebnisse dieserReise verflffentlichte er in einer umfangreichen, durch viele Ab- 
bildungen erlauterten Monographic: Die Chewsuren und ihr Land (Kassel 1878). 
Das Jahr 1877 brachte eine Reihe von Wanderungen im Kuratal abw£rts bis 
nahe zur Miindung. 1878 ging er als Abgesandter der russischen Regierung 
nach Paris zur Weltausstellung und zum internationalen Botanikerkongrefi. 
Im Herbst 1879 brach er zum dritten Male nach Talysch auf, wo er zur Ver- 
vollstandigung seiner ornithologischen Sammlungen bis zum August 1880 
verweilte. Dabei fuhrten ihn seine Streifzuge wiederholt iiber die persische 
Grenze bis nach Ardebil, zum Sawalan und nach Rescht. 1881 war er mit 
der Uberwachung eines notwendig gewordenen Erweiterungsbaues am Kau- 
kasischen Museum und der dadurch bedingten Umordnung der Sammlungs- 
gegenstande, sowie mit der Vorbereitung des in Tiflis abgehaltenen russischen 
Archaologenkongresses beschaftigt, an den sich eine Reise der Teilnehmer 
nach Kutais und an den unteren Rion zur* Besichtigung der dortigen Alter- 
tumer anschlofl. Die n&chsten Jahre verbrachte er, teils veranlaflt durch seinen 
Gesundheitszustand, teils von dem Wunsche beseelt, die bisherigen Ergebnisse 
seiner Studien ubersichtlich zusammenzufassen, mit literarischen Arbeiten. 
Als Frucht derselben erschienen drei umfangreiche, mit Tafeln und Karten 
ausgestattete Werke: Ornis catuaska y die Vogelwelt des Kaukasus systematisch 
und biologisch-geographisch beschrieben (Kassel 1884), Reisen an der persisch- 
russischen Grenze, Talysch und seine Bewohner (Leipzig 1886), und Die Fauna 
und Flora des siidwestlichen Kaspigebiets (Leipzig 1886). 1885 nahm er seine 
Reisetatigkeit wieder auf. Zun£chst besuchte er die Hochalpen von Daghestan, 
namentlich das Gebiet zwischen Schah-dagh, Dulty-dagh und Bogos, um die 
Hohengrenzen der Tier- und Pflanzenverbreitung kennen zu lernen. Einen 
ausfuhrlichen Reisebericht verQffentlichte er als Erganzungsheft 85 zu Peter- 
manns Mitteilungen (Gotha 1887). 1886 wurde er vom russischen Kaiser 
mit der Leitung einer wissenschaftlichen Expedition nach Transkaspien und 
Chorassan beauftragt. Von Krasnowodsk aus gelangte er auf der neuerflffneten 
transkaspischen Eisenbahn durch die Turkmenensteppe bis Aschabad. Hier 
hielt er sich l£ngere Zeit auf und unternahm mehrere nicht ungefahrliche 
Ausfluge durch das erst kiirzlich eroberte und noch keineswegs v6llig beruhigte 
Land. Nachdem er seine reichen Sammlungen nach Krasnowodsk gebracht 
hatte, fuhr er l£ngs der Ostkuste des Kaspischen Meeres nach Siiden, unter- 
suchte das Miindungsgebiet des Atrek und zog an der persisch-russischen 
Grenze hin landeinwarts wieder nach Aschabad. Von hier aus erfolgten 
grOflere Exkursionen nach Tedschen, Merw und Meschhed. Auch drang er 
bis iiber die afghanische Grenze vor und untersuchte den Lauf der Fliisse 
Murgab und Heri Rud. Im September traf er wieder in Tiflis ein. Die Be- 
arbeitung der Ergebnisse dieser Reise verursachte mancherlei Schwierigkeiten, 
so dafl erst 1898 ein Bericht als Erganzungsheft 126 zu Petermanns Mit- 
teilungen erscheinen konnte. Im Hochsommer 1887 beabsichtigte er die 
ossetischen Alpen zu besteigen, doch mufite er diesen Plan wegen eines 
hartnackigen Fufileidens aufgeben. 1888 begleitete er, einer ehrenvollen 
Einladung folgend, den Grofifiirsten Nikolai Michailowitsch und den Prinzen 
Nikolai von Mingrelien auf einer Reise durch den Kaukasus. Im folgenden 



44 



Radde. 



Jahre unternahm er zu seiner Erholung eine Rundfahrt durch das westliche 
Europa. In London wurde ihm bei dieser Gelegenheit von der Geographi- 
schen Gesellschaft ihre hSchste Auszeichnung, die Viktoriamedaille, iiberreicht. 
Nach der Riickkehr unternahm er noch in demselben Jahre eine fluchtige 
Reise quer durch Turkestan bis nach Samarkand. Im Friihjahr 1890 besuchte 
er gemeinsam mit dem Geologen Valentin die russisch-persische Grenzland- 
schaft Karabagh in Armenien und veroffentlichte einen Bericht als Erganzungs- 
heft 100 zu Petermanns Mitteilungen (Gotha 1890). Vom September desselben 
Jahies an begleitete er die Groflfiirsten Alexander und Sergei Michailowitsch 
auf ihrer Reise durch Vorder- und Hinterindien bis nach Amboina. Nach 
der Heimkehr wurde er mit der Ausarbeitung eines groflen Prachtwerkes iiber 
diese Fahrt beauftragt, das unter dem Titel » 23 000 Meilen auf der Jacht 
Tamara« in russischer Sprache in St. Petersburg erschien und von dem ein- 
zelne Abschnitte auch in deutschen geographischen Zeitschriften (Globus, 
Umschau, Jahresberichte des Vereins far Erdkunde zu Dresden) Aufnahme 
fanden. Im Sommer 1893 erfortchte er die dstlichen Uferlandschaften des 
Schwarzen Meeres, namentlich die Gegend von Batum bis zur turkischen 
Grenze und die Miindungsgebiete des Rion und des Kuban. Dann drang 
er in den Groflen Kaukasus ein, um die engumgrenzten Verbreitungsgebiete 
des Wisent und des Steinbocks kennen zu lernen (Bericht im Erg&nzungsheft 112 
zu Petermanns Mitteilungen, Gotha 1894). Im n&chsten Jahre besuchte er 
das von der grusinischen Heerstrafie durchzogene Hochgebirgsgebiet, dann 
die Steppen zwischen den Flussen Terek und Kuma und die Landschaft 
Daghestan mit ihren schneebedeckten Hochgipfeln (wissenschaftliche Ergeb- 
nisse im Erg&nzungsheft 117 zu Petermanns Mitteilungen, Gotha 1895). In 
den Jahren 1895 und 1897 begleitete er den kranken Groflfiirsten-Thronfolger 
Georg Alexandrowitsch auf seinen Fahrten nach den nordafrikanischen Kusten- 
l&ndern, nach Algier, Tunis und dem Rande der Sahara. Seitdem zwang 
ihn zunehmende Altersschw&che, von grdfleren Reisen abzusehen. Er ging 
deshalb nunmehr daran, das Gesamtergebnis seiner wissenschaftlichen Lebens- 
arbeit in zwei groflen Werken zusammenzustellen. Das eine behandelt die 
Grundziige der Pflanzenverbreitung in den Kaukasuslandern (Leipzig 1899, 
Band 3 derSammlung: Die Vegetation der Erde, herausgegeben von A. Engler 
und O. Drude), das andere gibt in russischer und deutscher Sprache einen 
Uberblick iiber die Sammlungen des Kaukasischen Museums (Tiflis und 
Berlin 1899 ff., Band 1 — 2: Zoologie und Botanik von Radde selbst bearbeitet, 
die folgenden B&nde unter seiner Mitwirkung entstanden). Mitten unter den 
Vorarbeiten zu einer groflen zusammenfassenden biologisch- geographischen 
Monographic der Kaukasusl&nder ereilte ihn nach l&ngerem schwerem Leiden 
der Tod. 

R. war ein seltener Mensch von ungewohnlicher Arbeitskraft und erstaun- 
licher Vielseitigkeit, ein Autodidakt im besten Sinne des Wortes. Ohne jede 
akademische Vorbildung gelang es ihm durch Fleifl und Energie, sich einen 
guten Uberblick auf dem Gesamtgebiete der Naturwissenschaften, der Geo- 
graphic und Ethnologie und bedeutende Spezialkenntnisse in der Botanik 
und Zoologie zu erwerben. Sein Hauptverdienst ist die wissenschaftliche Er- 
schlieflung der Kaukasusiander durch seine vielen Reisen, durch zahlreiche 
Schriften und Aufsatze verschiedensten Umfangs und durch den musterhaften 



Radde. Schneider. 



45 



Ausbau des Kaukasischen Museums, dem er seine wertvollen Sammlungen 
tiberwies und das er mit viel Verstandnis, Geschmack und Liebe ausstattete 
und leitete. An Ehrungen und Anerkennungen hat es ihm w&hrend seines 
langen arbeitsreichen Lebens nicht gefehlt. Der russische Kaiser verlieh ihm 
den Titel eines Geheimrats mit dem Pradikat Exzellenz. Viele gelehrte 
Gesellschaften des In- und Auslandes ernannten ihn zu ihrem korrespondieren- 
den oder Ehrenmitglied Mit mehreren Fiirstlichkeiten, namentlich mit einigen 
Grofifiirsten und dem Kronprinzen Rudolf von Osterreich, stand er in freund- 
schaftlichen Beziehungen und erreichte durch ihre Vermittlung manche F6rde- 
rung seiner wissenschaftlichen Arbeiten. Er gehort mit zu den besten jener 
deutschen Gelehrten, die sich um die geistige Kultur Rufilands unvergangliche 
Verdienste erworben haben. Trotz seiner Liebe fiir sein zweites Vaterland 
blieb er stets ein guter Deutscher und unterhielt dauernd die engste Fiihlung 
mit der deutschen Wissenschaft. 

»Globus« 25, 1874, S. 22—24 (mit Bildnis); 58, 1890, S. 241 — 244, 273 — 275, 
300 — 302. — Moritz von D^chy im »Geographischen Anzeiger* 3, 1902, S. 161 — 163 (mit 
Bildnis). — Beilage zur »Allgemeinen Zeitung« 1903, Nr. 76. — W. VVolkenhauer in der 
» Deutschen Rundschau fUr Geographic und Statistik* 1903, S. 571 — 573 (mit Bildnis). — 
»Leopoldina« 1903, Nr. 11 und 12. Viktor Hantzsch. 

Schneider, Oskar, Naturforscher, Geograph und Schulmann, * 18. April 
1 841 zu Lobau in der sachsischen Oberlausitz, f 8. September 1903 zu 
Blasewitz. — S. war der Sohn des Archidiakonus Johannes Schneider. Da 
der Vater ein eifriger Blumen- und Tierfreund war, empfing der Knabe schon 
in friiher Jugend Eindriicke, die sein Interesse fiir die ihn umgebende Natur 
erweckten. Er sammelte Kafer und Schmetterlinge, zog kleine Tiere aller Art 
auf, trug Kristalle und Versteinerungen zusammen und legte sich ein Her- 
barium an. Bis zum 13. Jahre besuchte er die Biirgerschule seiner Vater- 
stadt. Dann trat er in das Gymnasium zu Bautzen ein, das er nach wohl- 
bestandener Abgangspriifung im Herbst i860 verliefl, um sich in Leipzig auf 
Wunsch seiner Angehorigen dem Studium der Theologie zu widmen. Da- 
neben hdrte er auch eine grofle Zahl von naturwissenschaftlichen und geo- 
graphischen Vorlesungen und schlofi sich eng an den ausgezeichneten Leipziger 
Mineralogen und Geognosten Karl Friedrich Naumann an. Dieser empfahl 
ihm, sich ganz der Geologie zuzuwenden und als Probe seines K6nnens eine 
grundliche Untersuchung der Gesteine des ihm von Jugend an wohlbekannten 
L6bauer Berges vorzunehmen. S. wendete sich w&hrend der akademischen 
Ferien diesem Unternehmen mit Eifer zu und liefi bereits 1863 einen vor- 
laufigen Bericht iiber seine Beobachtungen in den Abhandlungen der Natur- 
forschenden Gesellschaft zu Gorlitz erscheinen. Da ihn indes seine Ver- 
mogensverhaltnisse nOtigten, m6glichst schnell eine sichere Lebensstellung zu 
suchen, unterzog er sich im folgenden Jahre der theologischen Kandidaten- 
priifung und nahm bald darauf einen Posten als Hauslehrer bei einem 
Fabrikanten in Glaneck bei Salzburg an. Die reichliche Mufie, die ihm 
dieses Amt liefi, verwendete er zur weiteren Ausarbeitung seiner geognosti- 
schen Beschreibung des Lobauer Berges, namentlich zur Herstellung einer 
Karte. Im Herbst 1865 sandte er die Abhandlung an seinen Lehrer Nau- 
mann ein, und durch dessen Vermittlung erwarb sie ihm unter ErlaB der 



a() Schneider. . 

miindlichen Prufung den Doktortitel der Leipziger philosophischen Fakultat. 
Im folgenden Jahre wurde sie nebst der Karte in den Abhandlungen der 
Naturforschenden Gesellschaft zu Gdrlitz gedruckt Auch sonst verwendete 
er seinen Salzburger Aufcnthalt nach KrSften zur Erweiterung und Vertiefung 
seiner naturwissenschaf tlichen Kenntnisse und zur Abfassung der in den Schriften 
der Isis zu Dresden erschienenen Aufs&tze: Uber die Salzburger Kalkalpen, 
1866, Meteorologische Beobachtungen auf dem Untersberg und Reise iiber 
die Hohen Tauern, beide 1867. 

Ostern 1866 legte er sein Amt nieder und kehrte nach Sachsen zuriick. 
In Dresden erhielt er eine Lehrerstelle an der Privatschule des Direktors 
B5ttcher. Gleichzeitig bereitete er sich auf die zweite theologische Prufung 
vor, die er im Friihjahr 1867 glticklich bestand. Durch wiederholte 6ffent- 
liche Predigten bewies er, dafl er dem Gedanken, in den geistlichen Stand 
einzutreten, noch nicht vOllig entsagt hatte. Da erging im Herbst desselben 
Jahres die Aufforderung an ihn, die Stellung eines Erziehers im Hause des 
preuflischen Generalkonsuls Theremin in Agypten zu Ubernehmen. Diesem 
Rufe folgte er um so lieber, als sich ihm dadurch die Aussicht auf ergebnis- 
reiche naturwissenschaftliche Forschungen in fernen, noch wenig untersuchten 
Gebieten erflffnete. Um mfiglichst wohl vorbereitet die Reise anzutreten, 
erbat er sich Instruktionen von Rohlfs, Schweinfurth, Lepsius und andern 
griindlichen Kennern des Landes. Kaum war er in seinem Bestimmungsort 
Ramie bei Alexandrien angelangt, so begann er sogleich mit dem Sammeln 
von Tieren, Pflanzen und Mineralien, aber auch von Kunstwerken und Alter- 
tiimern. Durch Vermittlung seines Hausherrn lernte er zahlreiche hohe Beamte 
und andere einflufireiche Manner kennen, die ihm mancherlei F6rderung an- 
gedeihen liefien. In den Ferien durchstreifte er das Land nach alien Rich- 
tungen und drang mehrfach bis nach Ober&gypten vor. Beinahe ware er 
einer Einladung Georg Schweinfurths gefolgt, ihn auf seiner groGen Reise in 
das Herz Afrikas zu begleiten, doch hielt ihn die Nachricht von einer 
schweren Erkrankung seines Vaters davon ab. Die Osterzeit 1868 benutzte 
er zu einem mehrwdchentlichen Ausflug nach der Sinaihalbinsel und nach 
den heiligen St&tten Palastinas. Bei der Riickkehr fand er Gelegenheit, das 
eigenartige Tierleben zu untersuchen, das sich in dem beinahe fertiggestellten 
Suezkanal zu bilden begann. Im Sommer 1869 beabsichtigte er einen 
wissenschaftlich brauchbaren Katalog der von Teschendorf nur un genii gen d 
durchforschten , an Handschriften der griechischen Kirchenvater reichen 
Patriarchalbibliothek in Kairo anzufertigen, doch wurde diese Absicht ver- 
eitelt, da Generalkonsul Theremin nach Europa abreiste und S. sich dadurch 
gezwungen sah, seine Stellung aufzugeben. t)ber Italien, das er bei dieser 
Gelegenheit fluchtig kennen lernte, kehrte er nach seiner Heimat zuriick. 
Noch im Herbst 1869 wurde er zum Oberlehrer am Freimaurerinstitut, einer 
Knabenerziehungsanstalt in Dresden, ernannt. Die reichen Ertragnisse seiner 
agyptischen Forschungen legte er im Laufe der Jahre in einer Reihe von 
Aufsatzen nieder, die meist in den Sitzungsberichten und Abhandlungen der 
Naturwissenschaftlichen Gesellschaft Isis in Dresden, aber auch in andern 
Zeitschriften oder als Schulprogramme und Sonderdrucke erschienen: Uber 
agyptische Skorpione (1870), t)ber die Entstehung des Toten Meeres, Bei- 
trMge zur Kenntnis der agyptischen und palastinischen Insektenfauna, Die 



Schneider. 



47 



Flora der Wiiste von Ramie, Ober die Konchylienfauna der agyptischen 
Mittelmeerkiiste, Die Kaferfauna von Ramie, Uber nutzbringende Holzer 
Palastinas (samtlich 1871), Beitrage zur Kenntnis der griechisch-orthodoxen 
Kirche Agyptens (1874), Ober Anschwemmung von antikem Arbeitsmaterial 
an der Alexandriner Riiste (1883), Die Schwefelminen am Ras el Gimse, 
Cber den roten Porphyr der Alten (beide gleichfalls 1883), Der agyptische 
Granit und seine Beziehungen zur alten agyptischen Geschichte (1887), Der 
Chamsin und sein Einflufi auf die niedere Tierwelt (Festschrift des Vereins 
fur Erdkunde zu Dresden 1888), Der agyptische Smaragd (Zeitschrift fur 
Ethnologie 1892), endlich: Ein Ausflug in die Tiergeographie und in die alt- 
agyptische Gotterwelt (1900). 

Durch den Aufenthalt in Agypten war S.s Reiselust machtig angeregt 
worden. Er benutzte deshalb auch in seiner neuen Stellung wenigstens die 
Ferien zu ausgiebigen Wanderungen. 1870 besuchte er mit Rudolf Virchow 
die Lausitz zur Erforschung der dortigen Schlackenwalle (Zeitschrift fur 
Ethnologie 1870, S. 257 — 267), im folgenden Jahre die Schweiz und Ober- 
italien (Botanische Beobachtungen in Oberitalien, Isis 1872). Bald darauf 
vertauschte er sein Lehramt mit einem weniger anstrengenden an der stadti- 
schen Annen-Realschule zu Dresden, die er, wenn auch mit mehrfachen Unter- 
brechungen durch Urlaub, iiber 20 Jahre lang bis zu seiner 1893 erfolgten 
Pensionierung bekleidete. Zu seiner groflen Freude wurde ihm der geo- 
graphische und naturwissenschaftliche Unterricht ubertragen. Diesen suchte 
er vor allem moglichst anschaulich zu gestalten. Mit vieler Miihe, aber ohne 
grofle Kosten, brachte er eine reiche und sehenswerte Sammlung von Natur- 
objekten und geographischen Anschauungsmitteln zusammen. Die letztere 
umfafite hauptsachlich Karten, Globen, Reliefs, Landschaftsansichten, Volker- 
typen, Trachtenbilder, ethnographische Gegenstande, charakteristische Industrie- 
erzeugnisse, Handelswaren und Tauschmittel. Durch eine Schrift uber die 
Notwendigkeit und Einrichtung geographischer Schulsammlungen (Zeitschrift 
fur das Gymnasialwesen 1877) suchte er auch weitere Kreise fiir seine Be- 
strebungen zu interessieren. Damit es auch fiir die Hand der Schiiler an 
einem moglichst vielseitigen geographischen Lehr- und Anschauungsmittel 
nicht fehlen sollte, gab er nach jahrelangen Vorarbeiten unter Mitwirkung 
der namhaften Zeichner W. Claudius, H. Leutemann, G. Mutzel und C. F. 
Seidel seinen Typen-Atlas heraus (Dresden 1881, 4. Auflage 1892). Dieser 
naturwissenschaftlich-geographische Handatlas bringt auf 15 Tafeln in treff- 
lichem Holzschnitt mehrere hundert Objekte aus der Menschen-, Tier- und 
Pflanzenwelt zur Anschauung, welche beim geographischen Unterricht zur 
Besprechung kommen und doch den Schiilern entweder gar nicht oder in 
nicht geniigender Weise vor Augen gestellt werden konnen, und lehrt gleich- 
zeitig durch die in die beigegebenen Kartenskizzen eingedruckten Ziffern die 
hauptsachlichsten Fundorte und die ungefahren Verbreitungsgebiete der dar- 
gestellten Gegenstande kennen. 

Unterdessen hatte er aber auch keine Gelegenheit versaumt, seinen 
geistigen Horizont durch Reisen zu erweitern. Im Sommer 1873 besuchte er 
mit seinem Freunde und Amtsgenossen Sophus Ruge, der gleichfalls aus 
einem Theologen ein Geograph geworden war, Bohmen und die Tatra, im 
folgenden Friihjahr Mittelitalien und Elba (Geognostische Skizze der Insel 



a$ Schneider. 

Elba, Isis 1874). Als 1875 eine Gesellschaft deutscher Gelehrter zu natur- 
wissenschaftlichen Sammlungszwecken die Kaukasuslander bereiste, wurde 
er zur Teilnahme eingeladen. Im Marz fuhr er quer durch Stidrufiland nach 
Tiflis, wo er bei Gustav Radde, dem verdienstvollen Direktor des Kaukasi- 
schen Museums, gastfreie Aufnahme fand. Nachdem er sich mit der Insekten- 
fauna in der Umgegend dieser Stadt und mit den zoologischen Sch&tzen des 
Museums einigermaflen bekannt gemacht hatte, eilte er, um das Erwachen 
des Fruhlings nicht zu versiumen, unter vielen Beschwerden auf der gru- 
sinischen Heerstrafle nordwarts iiber Wladikawkas nach dem Steppengebiet 
des Terek. Darin begab er sich zu den Naphthaquellen von Baku, nach 
Krasnowodsk am Ostufer des Kaspisees, nach der Landschaft Talysch am 
Siidwestrande desselben, endlich nach dem armenischen Hochlande. Hierauf 
kehrte er iiber Konstantinopel nach Hause zuriick. Die Bearbeitung seiner 
reichen Sammlungen, die allerdings nur zum Teil gliicklich in Dresden ein- 
trafen, besch&ftigte ihn mehrere Jahre, da namentlich die Bestimmung der 
niederen Tiere, von denen er allein 18000 Kafer in 1700 Arten mitgebracht 
hatte, grofle Schwierigkeiten bereitete und wegen der notwendigen Mitwirkung 
anderer Fachgelehrten viel Zeitaufwand erforderte. Folgende BUcher und 
Abhandlungen traten allmahlich als Friichte der kaukasischen Reise an die 
Offentlichkeit : Vorlaufiger Bericht (Sitzungsberichte der Isis 1876), Natur- 
wissenschaftliche Beitr&ge zur Kenntnis der Kaukasuslander (Dresden 1878), 
BeitrSge zur Kenntnis der kaukasischen Kaferfauna (Verhandlungen des 
Naturforschenden Vereins in Briinn 1878, Band 16 — 17, gemeinsam mit Hans 
Leder verfaflt), Schadel vom Schlammvulkan von Boshie-Promysl in Trans- 
kaukasien (Verhandlungen der Berliner Gesellschaft fur Anthropologic 1878) 
und Uber die kaukasische Naphthaproduktion (Dresden 1883). 

Bald nach seiner Ruckkehr verheiratete er sich, und da auch seine Ver- 
mogensverhaltnisse giinstigere geworden waren, wurde ihm wenig mehr zu 
voller Zufriedenheit gefehlt haben, wenn ihm nicht sein Gesundheitszustand 
ernste Sorge bereitet hatte. Ein Herzleiden machte sich bemerkbar und 
nGtigte ihn, fast alljahrlich Urlaub zu erbitten und l&ngere Zeit in Kurorten 
zu verweilen, zunachst meist in Italien, spater vorwiegend auf den Inseln 
der deutschen Kiiste. Dabei benutzte er jedesmal ausgiebig die Gelegenheit, 
seine Sammlungen zu vervollst&ndigen und namentlich die Insektenfauna der 
betreffenden Gegenden zu erforschen. 1882 weilte er in Vallombrosa bei 
Florenz (Beschreibung der Gegend und Verzeichnis der daselbst gefundenen 
Kafer im Globus 1888, Band 54, Nr. 14), 1883, 1884 und im Winter 1888 89 
in San Remo, von wo aus er auch Korsika besuchte (Die Riviera di Ponente, 
Weimar 1887; San Remo und seine Tierwelt im Winter, Uber Melanismus 
korsischer Kafer, beide in den Verhandlungen der Isis 1893 und 1902). Als 
1883 infolge zunehmender Herzbeschwerden Todesahnungen iiber ihn kamen, 
stellte er, um einige seiner besten kleinen Aufsatze vor der Vergessenheit zu 
retten, eine Sammlung derselben unter dem Titel: Naturwissenschaftliche 
Beitrage zur Geographie und Kulturgeschichte zusammen (Dresden 1883). 
Seit 1887 verweilte er zu seiner Erholung fast alljahrlich einige Sommer- 
wochen hindurch auf Borkum. Die Mufle des Badelebens verwendete er 
dazu, die Fauna der Insel systematisch zu erforschen und zu sammeln. Nach 
12 Jahren verdffentlichte er die Ergebnisse seiner Studien in einer als muster- 



Schneider. FUrstin Leopoldine. 49 

haft anerkannten Monographie: Die Tierwelt der Nordseeinsel Borkum unter 
Beriicksichtigung der von den iibrigen ostfriesischen Inseln bekannten Arten 
(Abhandlungen des Naturwissenschaftlichen Vereins in Bremen 1898, Band 16). 
Darin widerlegt er die bisher verbreitete Annahme von der Tierarmut dieser 
Insel und weist das Vorhandensein von nicht weniger als 2823 Arten nach, 
von denen 28 der Wissenschaft bisher unbekannt waren. 

Trotz aller Bemiihungen um seine Gesundheit verschlimmerte sich indes 
sein Herzleiden von Jahr zu Jahr. 1893 war er deshalb genStigt, sein 
Schulamt niederzulegen. Er siedelte in sein eigenes Grundstuck nach 
Blasewitz nahe bei Dresden iiber und lebte hier noch 10 Jahre ganz seinen 
wissenschaftlichen Neigungen, namentlich der Vermehrung seiner reichen 
Kafersammlung und dem Verkehr mit Freunden und Fachgenossen , mit 
denen er im Verein fur Erdkunde, in der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft 
Isis und im Entomologischen Verein Iris regelmafiig zusammentraf. Auch 
literarisch trat er noch in seinen letzten Jahren durch eine Reihe von 
kieineren Abhandlungen in verschiedenen geographischen und entomologischen 
Zeitschriften hervor. Die wertvollsten Bestande seiner Sammlungen hinterliefi 
er dem Zoologischen Museum zu Dresden. 

K. M. Heller in der »Deutschen Entomologischen Zeitschrift Iris« 1903, S. 236 — 246 
(mit Bildnis und Bibliographic). Viktor Hantzsch. 

Leopoldine FUrstin zu Hohenlohe-Langenburg, * 22. Februar 1837 in 
Karlsruhe, f 23. Dezember 1903 in Strafiburg (Elsafl). — Sie war die jungste 
Tochter des Markgrafen Wilhelm von Baden und seiner Gemahlin Elisabeth, 
geborenen Herzogin von Wurttemberg. Am 22. September 1862 vermahlte 
sie sich mit dem Fursten Hermann zu Hohenlohe-Langenburg. Dieser sehr 
glucklichen Ehe entsprossen drei Kinder: der Erbprinz Ernst, die Prinzessin 
Elise, vermahlt mit dem Erbprinzen Heinrich XXVII. Reufi j. L. und die 
Prinzessin Feodora, vermahlt mit dem Fursten Emich zu Leiningen. An der 
Seite ihres Gemahls eifrig mit der Erziehung ihrer Kinder beschaftigt, lebte 
sie abwechselnd in Karlsruhe und auf dem Schlosse Langenburg, bis im 
Herbst 1894 die Ernennung ihres Gemahls zum Kaiserlichen Statthalter des 
Reichslandes Elsafl-Lothringen die Fiirstin zu dauerndem Aufenthalte nach 
Straflburg rief. Von da an stand sie dem Fursten Hermann bei Erfiillung 
seiner mannigfachen Aufgaben in treuer Pflichterfiillung und unermiidlicher 
Hingebung zur Seite, sowohl wenn es sich um die Representation handelte, 
in welcher sie eine ebenso glanzende wie liebenswiirdige Gastlichkeit betatigte, 
als auch bei Pflege einer werktatigen Nachstenliebe, in der sie mit ihrer 
Nichte, der Deutschen Kaiserin, wie mit ihrer Cousine, der Grofiherzogin von 
Baden, wetteiferte. Den Schwachen und Kranken hilfreich zur Seite zu 
stehen, den Armen ihre Sorgfalt zu widmen, betrachtete sie als eine der vor- 
nehmsten Pflichten ihrer Stellung und was sie ihnen Gutes tat, war erfullt 
von der echten Nachstenliebe, die den Beschenkten mehr noch als die 
erhaltene Gabe erquickt und trostet. In den Versammlungen wohltatiger und 
gemeinniitziger Vereine wirkte sie mit viel Umsicht und Takt, wodurch sie 
sich im Reichsland uberhaupt in weiten Kreisen Sympathie und Vertrauen 
erwarb. Mit ihren AngehOrigen trauerten an ihrem Sarge in erster Reihe die 
Armen und Kranken. v. Weech. 

BiogT. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 8. Bd. 4 



50 



Diffene\ 



Diffene, Philipp, Geheimer Kommerzienrat, * 27. November 1833, f 4. Ja- 
nuar 1903 in Mannheim. — D. entstammte einer angesehenen Mannheimer 
Familie ; sein Vater war wahrend einer Reihe von Jahren Biirgermeister dieser 
Stadt. Fruhzeitig fur den Handelsstand bestimmt, trat er, nachdem er eine 
griindliche Schulbildung genossen hatte, in die von seinem Vater gegriindete 
Tabak- und Weingrofihandlung Sauerbeck und Diffen6 ein, der er vom Tode 
seines Vaters an als Teilhaber angehorte; spater wurde er alleiniger Inhaber 
dieser Firma, welcher er durch seine unermudete T&tigkeit eine achtung- 
gebietende Stellung erwarb. Seit 1870 war er Mitglied der Mannheimer 
Handelskammer, die ihn 1880 zu ihrem Prasidenten erw&hlte. Er hatte diese 
Stellung bis zu seinem Tode inne. Vom Jahre 1885 an vertrat er die Handels- 
kammer ununterbrochen im Ausschusse des Deutschen Handelstages, auch 
die Leitung des badischen Handelstages lag in seiner Hand. Die Bedeutung 
der Bewegung, welche seit Griindung des Deutschen Reiches den Handels- 
stand Mannheims ergriff, um sich auf dem Weltmarkte zu bet&tigen, erkannte 
sein scharfer Blick alsbald, und der Forderung der Bestrebungen der am 
Endpunkte der Rheinschiffahrt, an zwei Flussen gelegenen Stadt war unaus- 
gesetzt seine rastlose Tatigkeit, seine unermlidliche Arbeitskraft gewidmet 
Mit der Geschichte der Entwicklung und Bliite der Industrie- und Handels- 
stadt Mannheim wird sein Name immer verbunden bleiben. Auch an der 
Verwaltung der Stadt nahm Diffen6 eifrigen Anteil. Die nationalliberale 
Partei der Einwohnerschaft wahlte ihn 187 1 in den Btirgerausschufi, in welchem 
er als Mitglied mehrerer Kommissionen sich vielfach verdient machte und 
seit 1 88 1 als Vorsitzender des Stadtverordnetenvorstandes mafigebenden Ein- 
flufi ausiibte. Im Jahre 1886 wurde Diffeni nach dem Ableben des der 
demokratischen Partei angehorenden Kaufmanns Kopfer als Abgeordneter 
des Wahlkreises Mannheim — Weinheim — Schwetzingen in den Reichstag ge- 
w&hlt und errang auch bei den Neuwahlen nach der infolge der Septennats- 
frage stattgehabten Auflosung des Reichstages den Sieg iiber den demokratischen 
und den sozialdemokratischen Bewerber. Im Jahre 1890 jedoch unterlag er in 
der Stichwahl dem Kandidaten der Sozialdemokratie; 1893 lehnte er sodann 
die Annahme einer abermaligen Kandidatur ab. Im Reichstag trat er nament- 
lich bei den Verhandlungen iiber die Tabaksteuer- und Tabakzollfragen als 
Redner in den Vordergrund und erwarb sich eine angesehene Stellung durch 
seine grofie Sachkenntnis. In den politischen Fragen gehorte er dem rechten 
Fliigel der nationalliberalen Partei an, wahrend er in den wirtschaftlichen 
Fragen sich mehr dem Hnken Fliigel zuneigte, jedoch fiir einen gemafiigten 
Schutzzoll eintrat. In Baden hatte ihn schon 188 1 der Grofiherzog zum 
Mitglied der Ersten Kammer ernannt, 1893 erfolgte seine Emennung zum 
Vizeprasidenten. Auch in dieser Stellung war Diffen£ durch sein umfassendes 
Wissen, seine reiche Erfahrung und die Miifiigung in Geltendmachung seiner 
Anschauungen hochgeschatzt. In der Geschaftswelt erwies sich das Vertrauen, 
das ihm in den weitesten Kreisen geschenkt wurde, durch die Wahl zum 
Aufsichtsrate verschiedener bedeutender industrieller Unternehmungen. Staats- 
manner, Kaufleute und Industrielle widmeten Diffene bei seiner Bestattung 
auf dem Mannheimer Friedhof am 7. Januar 1903 die ehrendsten Nachrufe. 
Vgl. den Jahresbericht der Handelskammer ftir den Kreis Mannheim fttr das Jahr 1902 
und verschiedene Mannheimer Zeitungen aus dem Januar 1903. v. Weech. 



Pccht. 



51 



Pecht, Friedrich, Historien- und Portratmaler, Zeichner und Kunst- 
historiker, * 2. Oktober 18 14 zu Konstanz, f 24. April 1903 zu Munchen als 
groflherzoglich badischer Hofmaler. — Die Familie Pecht stammte aus Ost- 
preufien oder Schweden, verzog nach Unterfranken, wo der Groflvater bei 
Haflfurt eine Ansiedlung (Neudorf) griindete, daselbst unseres Kiinstlers 
Vater 1773 geboren wurde. Anfangs zur Theologie bestimmt, studierte der- 
selbe zu Bamberg und Wiirzburg, trat in die Riegersche Buchhandlung zu 
Augsburg, iibernahm eine Filiale derselben in Konstanz 1798, errichtete eine 
Buchdruckerei in Frauenfeld, begann und redigierte daselbst die »Thurgauer 
Zeitung« und eine landwirtschaftliche Monatsschrift, den »Bauernfreund«, 
heiratete die Tochter eines Kantonrates, iibersiedelte 181 2 nach Konstanz 
und etablierte dort nach Senefelders Erfindung eine lithographische Druckerei. 
Im Hungerjahre 18 17 liefl sich der unruhige, wanderlustige Mann herbei, eine 
Anzahl Arbeiter einer Petersburger Kattunfabrik zuzufiihren. Wahrend der 
Vater noch viele unniitze Projekte, auch eine Samenhandlung und Zichorien- 
fabrik betrieb, erhielt der kleine Fritz in der altertiimlichen Stadt, deren 
Kunstwerke zur barbarischen »Versch6nerung« der Vernichtung anheimfielen, 
die ersten kiinstlerischen Eindriicke. Auch die damals vielverbreiteten Bilder- 
bogen des Nftrdlinger Malers Joh. Michael Voltz (1784 — 1858) iibten grofie 
Anziehungskraft auf den Knaben, welcher bei dem Bildhauer Sporer, dem 
Zeichnungslehrer Nikolaus Hug, dem Maler Wendelin Moosbrugger und der 
schOnen Marie Ellenrieder weitere Anregung fand und die abermals in 
Schwung kommende lithographische Anstalt des Vaters als Faktor leitete, 
dabei auch Kopfe auf Stein zeichnete, darunter die Bildnisse von Wessen- 
berg, den Prinzen Louis Napoleon und dessen Mutter, der »dicken K&nigin 
Hortensia«. Seine landschaftlichen Studien boten den Stoff zu einem im 
vaterlichen Verlag erscheinenden »Bodensee-Album« (1832). Angezogen vom 
Ruf des dortigen Kunstlebens und insbesondere um sich im Gebiete der 
Lithographie weiterzubilden, ging P. nach Munchen, zeichnete an der 
Akademie gleichzeitig mit Schraudolph, Giessmann und Strahuber, wobei 
Schnorr, Heinrich Hess und Conrad Eberhard die Korrektur iibten, hospitierte 
bei Hanfstangl, wo er an einem Reiterbilde des KSnigs Otto von Griechen- 
land die Luft des Hintergrundes verbesserte und an einem Bildnisse Schellings 
von Stieler die Haare des groBen Philosophen krauselte; naturlich besuchte 
er auch mit absolutem Unverstandnis dessen Vortrage und mit gleichem 
Erfolge die Kunstexpektorationen F. von Oliviers an der Akademie; alle 
Sehenswiirdigkeiten der Stadt wurden bestaunt und eine Menge mehr oder 
minder interessanter Persdnlichkeiten, wie Saphir, Esslair, Vespermann be- 
wundert. Dazwischen gab es Kiinstlerfeste mit der veritabeln Inszenierung 
von »Wallensteins Lager«, oder eine Erstauffuhrung von Meyerbeers »Robert 
der Teufel«, dann wieder Ausfliige in die altbayerische Bergwelt, Abstecher in 
die Schweiz, nach Tirol und Innsbruck zu den erzgegossenen Grabwachtern 
am Denkmal des Kaisers Maximilian. In erstaunlicher Armut taten sich die 
jugendlichen Kunstgenossen zusammen, die vom taglichen Ertrag ihrer Arbeit 
nicht allein in frugalster Weise und buchstablich von der Hand zum Munde 
lebten, sondern auch mOglichst viel lasen und lernten und grofie Zukunfts- 
hoffnungen planten. Im Winter 1836 folgte P. einer Einladung Hanfstangls 
nach Dresden, bet&tigte sich an der lithographischen Reproduktion der 

4* 



52 



Pecht. 



dortigen Meisterwerke in der Galerie, malte eine Menge von Bildnissen, be- 
freundete sich mit Semper, Rietschel, Emil Devrient, Dahl, Friedrich, 
L. Richter, und erweiterte seinen Gesichtskreis, welcher 1838 und 1839 in 
Leipzig, insbesondere durch die Bekanntschaft mit den Tragern des »Jungen 
Deutschland« erheblichen Zuwachs fand. Nachdem P. auch noch die tonan- 
gebenden »Dusseldorfer« auf einer Berliner Ausstellung und die Erzeugnisse 
der neueren Franzosen bei einem Kunsth&ndler kennen gelernt hatte, zog er 
1839, mit guten selbstverdienten Mitteln versehen, iiber Miinchen, Konstanz, 
Karlsruhe und Strafiburg nach Paris. Delaroche bot ihm wohlwollend einen 
Platz in seinem sehr einfachen und schmucklosen, aber mit Schulern uber- 
saten Atelier. In Paris wurde P. mit dem feinen Winterhalter und in 
Versailles mit Delacroix bekannt, ebenso mit Laube, welcher ihn mit Heine 
zusammenfuhrte. P. zeichnete nicht nur Heines Portrat (lithographiert von 
P. Rohrbach), sondern schilderte auch sein ganzes Wesen (Pecht: »Aus meiner 
Zeit« 1894, I, 187). Hingerissen von der nonchalanten Grazie der Heineschen 
Lieder, die P. fast auswendig wufite, gebrauchte der Maler den unvorsichtigen 
Ausdruck »das klinge ja leicht wie aus dem Armel geschiittelt« ; da brauste 
aber der Dichter zornig auf: »wenn Sie es nur wiifiten, wie ich oft tage-, ja 
wochenlang an einem einzigen Verse herumgefeilt habe!« Dazu kann der 
Schreiber dieser Zeilen mit weiteren, wie mir diinkt, bisher nicht bekannten 
Erinnerungen dienen. Das ganze Manuskript vom »Buch der Lieder« hatte 
Heine dem um dieselbe Zeit in Paris weilenden August Lewald geschenkt. 
Lewald hiitete diese kostbare Gabe mit neidischer Sorgfalt; nur nach langen 
Bitten entschlofl sich Lewald, wie er mir 1857 wiederholt erzahlte, ein Blatt 
fur eine sehr hohe Autographenjagerin herauszuschneiden. Jede Seite dieses 
in klein Oktav geschriebenen Heftchens afcigte vielfache Korrekturen, eine 
einzige Strophe trug 17 Varianten! Leider ist dieses unbezahlbare Unikum 
unwiederbringlich verloren, da August Lewald, vor seinem am 10. Marz 187 1 
in Miinchen erfolgten Tode, alle Briefe und Autographen, samtliche Korre- 
spondenzen, Schriften und Biicher — in einem Anfall von Raserei — ver- 
brannte! — P. kam damals in Paris auch mit seinen deutschen Kollegen, 
dem Schlachtenmaler Feodor Dietz und dem zierlichen Albert Graefle, in 
Fuhlung. Den anziehendsten Eindr'uck machte jedoch Richard Wagner, der 
trotz seines schlechten Klavierspieles und der noch miiheseligeren Hand- 
habung der franzdsischen Sprache, eine Auffuhrung seines »Rienzi« an der 
grofien Oper durchzudriicken hoffte. P. war formlich fasziniert von der 
magischen Anziehungskraft, der freien Oberlegenheit, dem angeborenen Adel 
seiner Natur, seiner Leidenschaftlichkeit und dem sprudelnden Witz des erst , 
sechsundzwanzigjahrigen Komponisten, seiner Weltgewandtheit und der Un- 
erschopflichkeit, neue Hilfsmittel und Quellen zu finden und herauszuschlagen. 
Die Schilderung seiner Beriihrungspunkte mit Wagner gehGrt zu den an- 
ziehendsten Abschnitten in P.s »Lebenserinnerungen«. 1 ) In dieser Zeit war 
P. auch Zeuge der »Einholung der Leiche Napoleons von St. Helena* und 
der Enthiillung der »Juli-Saule«. Seine artistischen Pariser Eindriicke und 
Erfahrungen verwertete P. 1841 und 1842 in Konstanz als Zeichner, Portrat- 



*) In erweiterter Form in der »Taglichen Rundschau* und daraus im Feuilleton der 
Mtinchener »Neuesten Nachrichten« Nr. 171 und 172 vom 22. und 24. Juni 1894. 



Pecht. 



53 



maler und Lithograph; ein Ausflug ins Appenzellerland ergab schones 
Material zu sehr einfachen Genrebildern, darstellend z. B. : eine »Appenzeller 
Stube«, ein armes »einen Brautkranz betrachtendes Madel« oder das »Wild- 
kirchli«, welches noch lange auf seine durch J. V. von Scheffel zu erwartende 
Beriihmtheit warten mufite — Stoffe, welche im Kunstverein zu Miinchen, wo 
P. 1843 — 1844 abermals gastete, gebiihrliche Anerkennung fanden. 1 ) Auch 
»Der Wirthin Tochterlein« und die »Wallfahrt nach Kevlaar« erhielten eine 
iiber die schwarzgerauchten Wande der »Scheidelschen Kiinstlerherberge« 
hinausgehende Beachtung. P. wurde mit Kaulbach, Genelli, Enhuber, 
Albert Zimmermann und andern Koryphaen, auch mit den jungeren Malern 
bekannt, welch letztere der scharfe Kritiker noch in spaterer Erinnerung 
ziirnend apostrophierte : »Es gibt nichts Undankbareres als den Verkehr mit 
jungen Kunstlern (und P. war kaum erst in das dritte Dezennium getreten!), 
die so gar nichts zu geben haben, aber doch sehr bald die alteren zu iiber- 
sehen glauben.« Er sprach damals schon sehr doktrinar iiber eigene Er- 
fahrung! Auf wanderlustigen Streifzugen wurden Griinwald, Schaftlarn, 
Starnberg — dieses vorlaufig noch ohne Eisenbahn und Dampfschiff — 
unsicher gemacht, dann ging es iiber Murnau und Partenkirchen »ins Tirol«, 
durch das Otztal nach Meran, wo P. zwei Monate im Schlofl Tirol in Sommer- 
frische lag und Blutsbriiderschaft mit dem feinfuhligen Dichter und Maler 
Friedrich Lentner, dem sarkastischen Dr. Ludwig Steub und dem markanten 
Dr. Streiter schlofi. Das Jahr 1845 brachte ihn wieder nach Leipzig, wo im 
lebhaftesten Verkehr mit Laube, Kuranda, Kammerrat Frege, Alexander Kauff- 
mann, Moriz Hartmann, Alfred Meissner, Uffo Horn, Berthold Auerbach, 
Gustav Freytag, Julius Frobel nicht allein ihre Portrats, sondern auch eine 
Menge Bildnisse von anderen beriihmten und seitdem wieder verschollenen 
Grdflen gezeichnet wurden. Ein Abstecher nach Weimar machte ihn mit 
Bernhard Neher und Preller bekannt, auch heimste er noch allerlei Tradi- 
tionen ein und entrifi selbe der Vergessenheit z. B. : dafi sich Frau von 
Pogwisch, die Mutter von August Goethes Gattin, zu dem Ausspruch verstieg, 
daB sie »Goethen als Menschen verabscheue; es habe gewifl keinen zweiten 
Egoisten wie ihn gegeben«, womit nicht ihr Schwiegersohn, sondern der 
Vater desselben gemeint war. Wieder in Dresden (1846 — 1847) make P. 
viele hocharistokratische polnische Schonheiten, lernte auch die geistreiche 
Grafin Ida Hahn-Hahn kennen und begann sein Olbild: »Goethe nach der 
ersten Auffiihrung seiner »Iphigenie« mit Corona Schroter« — ein Thema, 
welches spater Kaulbach abermals bearbeitete. In regen Verkehr trat P. mit 
Hahnel, Ferd. Hiller, dem jugendlich iiberschaumenden Arthur von Ramberg, 
mit der Schroder-Devrient, Otto Ludwig, Semper, Rich. Wagner, Emanuel 
Geibel, Julius Schnorr und vielen anderen. Der Sommer 1847 brachte ihn 
iiber Miinchen wieder nach Meran und dann nach dem schon unheimlich 
kochenden Venedig, iiber Triest, Wien, Prag nach Dresden und Leipzig 
zuriick, wo sein Goethebild gliicklich noch einen Kaufer fand. Da es aber 

») Die »Appenzeller-Familie« wurde im Mlinchener Kunstverein zur Verlosung 1842 
ura 132 Gulden angekauft; 1843 »Der Wirthin Tochterlein« mit 294 Gulden und von dem 
Xylographen Schneider gewonnen, Aufler der »Wallfahrt nach Keviaarc wurden 1844 
noch ausgestellt eine »Mittag-sruhe schwabischer Landleute, welche von der Wallfahrt nach 
Maria Einsiedeln zurtickkehren« und »Zwei Madchen in der Kirche«. 



54 Pecht 

beim Anbruch des tollen Jahres 1848 fiir die Kunst wenig Aussicht gab, so 
nahm P., angeregt durch einen Schweizer Vetter, der als Agent eines brasiliani- 
schen Hauses grofle Geschafte mit Kaffee und Diamanten machte, einen 
uber Hamburg und England nach Amerika lautenden Pafl. Ausgestattet mit 
wohlgemeinten, in die hOchsten Kreise reichenden Empfehlungsbriefen, konnte 
der nur hOchst mangelhaft die Sprache beherrschende Portr&tmaler keinen 
festen Fufl fassen, trotz einigen (sogar fiir den Prinzen Albert) zur Zufriedenheit 
ausgefiihrten Auftragen. Er beschrinkte sich also neben den Studien in den 
Galerien, auf Studien in der aristokratischen Promenade des Hydepark und 
die nicht immer anziehenden Eindriicke des ubrigen Strafien- und Volkslebens, 
und kehrte, in rechtzeitiger Erkenntnis der Torheit, sich expatriieren zu 
wollen, und trotz der vielverheifienden Ankunft und Einladung eines zweiten 
Schweizer Vetters, ihm nach Bahia zu folgen, nach Deutschland und Frankfurt 
zuriick, um hier im politischen Gewimmel des Parlaments Stoff zu sammeln 
zu einem grofien historischen Bilde. Aber der so gewaltige Erwartungen er- 
regende Reichstag ergab wenig kunstlerische Ausbeute. P. zeichnete im 
Wetteifer mit Boddien, Adolf SchrOdter und anderen nur einen Zyklus von 
Karikaturen, welche unter dem treffenden Titel als »Atzbilder« erschienen, 
ausgestattet mit satirischen Texten des seine politischen Gegner auch aufler- 
halb der Paulskirche als »Piepmeyer« mit alien Waffen des Geistes und 
Spottes verfolgenden Joh. Hermann Detmold (* 1807, f 1856). Aufierdem 
blieb es bei Vorstudien von grofien Portrats, Gruppen - Kompositionen und 
Klubbildern und ein paar Bilderbogen mit der Ermordung von Auerswald 
und Lichnowski. Dann ging es uber Konstanz in die Meraner Sommer- 
frische und nach dem inzwischen sehr veranderten »Elbeflorenz« zuriick, wo 
P. neben dem Verkehr mit Betty Paoli, Alfred Rethel und A. von Ramberg 
Szenen und Charakterkdpfe zeichnete zu Hacklanders »Geheimen Agenten* 
oder Gutzkows »Ritter vom Geist« und einen Genrestoff aus den »Befreiungs- 
kriegen« begann. Bei einem Ausflug nach Partenkirchen, von wo P. auch 
das »Ammergauer Passionsspiel« besuchte und davon Gruppen und Kflpfe 
fiir Philipp Eduard Devrients Monographie (Leipz. 185 1) zeichnete, hatte sich 
der Kunstler eine hartnackige Augenentziindung zugezogen, welche vorerst 
das Malen und Zeichnen unm&glich machte. In der unfreiwilligen Mufie 
diktierte P. seine »Jugenderinnerungen«, die in Kiihnes »Zeitung fiir die 
elegante Welt« (abgedruckt in P.s Autobiographic »Aus meiner Zeit« 1894, 
I. B.) erschienen und Gliick machten. Da der Arzt von einem Besuche 
Italiens griindliche Heilung versprach, so kam P. darauf, dahin zu reisen 
und die Eindriicke als Schriftsteller, vielleicht sogar in illustrierter Form zu 
verwerten, wozu sich der bereitwillige J. J. Weber als Verleger einverstanden 
erkl&rte. P. ging also, ebensowenig vorbereitet, wie ehebevor fiir Paris und 
London, nach Italien, ohne besondere sprachliche oder kunsthistorische 
Kenntnisse, ausgestattet, wie er selbst mit riihrender Offenheit eingesteht, mit 
»einer unglaublichen Unwissenheit«. In Venedig abermals erkrankt, fand P. 
an dem Wiener Ministerialrat Exner 1 ) (* 1802, f 1853) einen fOrdernden 

*) Cber diesen um Venedig so hochverdienten k. k. Hofrat Franz Exner (geb. 28. Aug. 
1802), welcher schon am 19. Juni 1853 zu Padua starb, vgl. Wurzbachs »Biographisches 
Lexikon* 1858 IV", 115 ff. 



Pecht. 



55 



Freund, und einen frohlichen Kunstgenossen an dem damals seine Schwingen 
ganz virtuos entfaltenden Aquarellisten Ludwig Passini (welchem er 1879 im 
II. Bd. S. 251 ff. seiner »Deutsche Kunstler des XIX. Jahrhunderts« ein so 
schones Denkmal setzte). P. begann damals schon die Vorstudien zu 
seinem grofien und sehr respektabel durchgefuhrten, aber erst 1854 vollendeten 
Bilde, darstellend eine »Episode aus dem Einzuge der Gsterreichischen 
Truppen in Venedig 1849% wo die vielverrufenen Krieger ihre Rationen mit 
den uberall am Markusplatze herumliegenden Hungernden und Kranken 
teilten (seit 1882 im Rudolphinum zu Prag), eine Leistung, welche 1854 in 
Galvanographie durch Schweninger in vielen Kunstvereinen als Jahrespramie 
die weiteste Verbreitung erhielt. Unter den merkwurdigen PersOnlichkeiten, 
die P.s Aufmerksamkeit erregten, befand sich auch der originelle Charakter- 
kopf John Ruskins, des Vaters der englischen Pniraphaeliten, welcher damals 
uber seinen *Stones of Venice* seine lustige Frau und sie ihn in Vergessenheit 
brachte. — Ganz entziickt von den ihm friiher so wenig bekannten venetiani- 
schen Malern, die er trefflich charakterisiert (dabei begegnen ihm freilich, 
wie auch anderswo, allerlei Lapsalien, z. B. im Exkurse liber Paolo Veroneses 
»Hochzeit von Canaan «!), ging P. uber Padua, Mantua, Bologna, Florenz, 
Livorno nach Rom. Mit grofier Geschicklichkeit gelingt es ihm, die Haupt- 
personen, mit welchen P. auf l&ngere oder kiirzere Zeit in Fuhlung geriet, 
durch wenige festsitzende Striche leibhaft dem Leser vorzufiihren, so den 
alten, immergrimmigen Maler und Bildhauer Joh. Martin von Wagner, den 
idealen Landschafter Ernst Willers (1802 — 1880), den jungen gluhenden 
Bouguereau, den ehrwiirdigen Overbeck, Karl Werner und Swertschkow. Zu- 
fallig stiefi er auch mit einem jungen in gleicher Mauserung befindlichen 
Juristen zusammen, welcher mit ahnlichen Berufsschmerzen behaftet war 
und von poetischem Geist angehaucht, die Kokons seiner bisherigen Existenz 
zu durchbrechen trachtete. Wahrend P. zum Berufe des Schriftstellers 
einbiegend, seine Palette vorlaufig an den Nagel zu hangen und ein Buch 
uber Italien zu schreiben gedachte, miihte sich der damals noch namen- 
lose Jos. Viktor Scheffel, ein bisher nur widerwilliger Themis -Jiinger, der 
Muse der Malerei den Gurtel zu I6sen, ahnungslos, dafi der ihm einzig be- 
stimmte Hippogryph schon ungeduldig scharrend seines kiinftigen Reiters 
harrte. Mit liebenswiirdigster Teilnahme fur den alteren Kollegen, mit be- 
zaubernder Mischung von gesundem Menschenverstand , kdstlichem Humor 
und holder Idealitat bat der die poetischen Eierschalen noch auf dem Riicken 
tragende Maler den praktischen Kollegen, ja nicht zwischen zwei Stuhlen 
niederzusitzen, wahrend der artistische Kritiker die Seele seines Bruders in 
Apoll zu retten suchte. Sie blieben uber diesem Lebensturnier mit deutscher 
Griindlichkeit bis um die tiefste Mitternacht sitzen und »wendeten sehr viel 
feurigen italischen Weines daran, um sich gegenseitig die deutsche Tinte 
auszureden«. Fiir beide waren im Ratschlufi der G5tter indessen die 
giinstigen Wiirfel gefallen. Keiner fand »des Lotos stifle Kernfrucht, die der 
Heimat Angedenken ausl6scht« ; jeder wurde seines eigensten Berufes klar. 
Scheffel folgte dem Gangsteig zum Parnafl; P. dem ehrenden Namen eines 
scharfsinnigen Kritikers und anmutenden, gefalligen Schriftstellers, ohne 
deshalb der ausiibenden Kunst ganz treulos zu werden. Es zeigte sich 
deutlich, dafi seine Feder im friiheren Verkehr mit den Stimmfiihrern des 



56 Pecht 

»Jungen Deutschland* Schulung empfangen hatte, er handhabte sie mit 
Grazie, Humor und Sarkasmus; dabei stand dem scharfbeobachtenden Maler 
immer ein heimlicher Poet zur Seite; es fehlte ihm, wie seine farbenprSchtigen 
Schilderungen, darunter beispielsweise die hinreifienden Skizzen des »Rdmi- 
schen Kameval* beweisen, 1 ) nichts zu einem gl&nzenden Feuilletonisten und 
stilistischen Meister, als eine gediegene wissenschaftliche Bildung, die ihm 
auf seinem ganzen Lebensgang ziemlich feme geblieben war. Daher sein 
doktrinares Schwanken, welches prinzipienlos jeder neuauftauchenden Er- 
scheinung huldigend, doch alsbald wieder bedingungsweise eingeengt oder 
riickwirkend verplempert wurde. Die Folge davon ergab eine unerquickliche 
Reihe von Plankeleien um des Kaisers Bart und andere Unnotwendigkeiten, 
zahllose Verstimmungen, Anfeindungen, Empfindlichkeiten und nutzlose Ver- 
geudung der guten, unwiederbringlichen Zeit. In Summa gestaltete sich das 
unleugbare Resultat, in eine neue Tatigkeit und gangbare Wege eingelenkt 
zu haben, worauf ihm viel schw&cher begabte Naturen folgten, die gegen ihn 
das hOhnende Wort ausspielten: wohl seinen Worten zu glauben, aber nicht 
seinen Werken zu folgen! Indessen erwarb P. durch seine in Briefform ab- 
gefaflten »Sudfnichte« den unbestrittenen Ruhm eines geachteten Schrift- 
s tellers, dem spater der eines scharfen Kritikers folgte. Nach seiner iiber 
Neapel, Capri, Orvieto, Florenz, Pisa, Genua, Turin und Mailand erfolgten 
Riickkehr — der Vater war unterdessen, 1852, gestorben — verstSndigte er 
sich mit den ubrigen Erben der inzwischen nicht unbetr&chtlich ausgedehnten 
Kunstanstalt in Konstanz, heiratete seine schon friiher erkorene Braut zu 
Ulm und griindete nach einem abermaligen Winteraufenthalte zu Venedig*) 
ein behagliches Heim zu Miinchen. Hier erbliihte ihm die Aufgabe, als 
standiger Referent iiber die neuesten Erzeugnisse der Kunst und Industrie, 
iiber die Ausstellungen des In- und Auslandes in die Augsburger »AUgemeine 
Zeitung* zu berichten, eine ebenso geachtete, wie beneidete und angefeindete 
Obliegenheit, welche den vielbeweglichen Wanderer bald wieder nach Wien 
und London, nach Paris, Gent und Antwerpen, mit idyllischen Rasttagen an 
den Bodensee oder nach Berchtesgaden brachte. Damit begannen bei dem 
durch Kaulbach, Schwind und den neuauftauchenden, schnell aller Augen 
auf sich ziehenden Piloty rasch veranderten Miinchener Leben die »kritischen 
Schuljahre« P.s, welcher als Herold der neuen Ara ihren Ruhm willig, wohl- 
beredt und glanzend verkiindete. Freilich machten sich auch Meinungs- 
verschiedenheiten mit alteren und jiingeren Fachgenossen wie Ernst FOrster, 
Moritz Carriere, Feodor Dietz, Julius Grosse, Anton Teichlein und sogar mit 
Dr. Max von Pettenkofer geltend, es setzte allerlei literarisch-artistische 
Hackeleien und Lieblichkeiten, Fehden und K&mpfe, nebst blauen Augen, 



s) Vom romischen Karneval; vgl. Pecht: Sttdfrtichte. Skizzenbuch eines Malers. 
Leipz. 1853 bei J. J. Weber I, 204 ff. — Andere Proben seines perlenden Humors gab P., 
im Eingang seines Artikels iiber den »Neubau der Bayerischen Vereinsbankc (in Nr. 292 
»Allg. Ztg.« 21. Oktober 1886), in dem Bericht liber die »Elektrische Ausstellung im 
Mttnchener GlaspalasU (in Nr. 290 »AUg. Ztg.c 17. Oktober 1882) und an vielen anderen 
Stellen. 

*) Hier vollendete P. im Winter 1853 auf 1854 sein fiiiher begonnenes Bild fiber die 
»Einnahme Venedigsc (vgl. die Berichte in Eggers »Deutsches Kunstblattc, Berlin 1854, 
V, 440 [von A. Teichlein] und ebendas. 1857, VIII, 461), 



Pecht. 



57 



moralischen Beulen, ehrenvollen Narben, schwere Turniere mit Lanzen- 
gesplitter und Schwertgerassel, aber auch wieder problematische Friedens- 
schliisse und diplomatische Siegesfeierlichkeiten. Selbst mit den Redaktionen 
setzte es Spahne und Zwist, dafiir Sffneten ihm andere Blatter, wie die 
»Suddeutsche Zeitung«, die »Neue Freie Presse«, die Munchener »Neuesten 
Nachrichten« und die »Allgemeine Zeitung« ihre Spalten und Feuilletons. 
Aus den Artikeln rundeten sich in neuer Bearbeitung eigene Biicher, z, B. 
tiber »Die moderne Kunst auf der Internationalen Kunstausstellung zu 
Miinchen« (1863), iiber die Pariser (1867 und 1878) und Wiener (1873) Welt- 
Ausstellungen — alle voll Geist, Witz, Humor, wohlwollender Belehrung und 
anmu tender Unterhaltung. Schon 1859 hatte ihn der Osterreichische Lloyd 
in Triest mit einer Edition der »Meisterwerke Venetianischer Malerei« (in 
Stichen von Merz, Raab u. a.) betraut, wozu P., als zu einem popularen 
Unternehmen, die passenden Begleittexte schrieb. Das gab den Anstofi fiir 
die alsbald beliebten »Illustrationen« deutscher Kiinstler zu den Meister- 
werken der groflten Dichter, welche unter Beteiligung von Arthur von Ram- 
bferg in Leipzig (bei F. A. Brockhaus) in Stahlstich erschienen, keine eigent- 
lichen »Kompositionen«, sondern einzelneideale»Kostiim-undCharakterbilder« 
in halber Figur und Kniestiick. Von den 50 Bl&ttern zu Schiller lieferte P. 
allein 31 Zeichnungen, drei zu den Raubern, vier zu Fiesko, zwei zu Don Carlos, 
sieben zu Wallenstein, fiinf zur Jungfrau von Orleans, sechs fiir den Tell (in 
effektvollen Farbenstichen von Raab, Sichling, Schultheifl, Lammel, Geyer, 
Fleischmann, Jaquemot, Gonzenbach, Merz, Froer), darunter manches sehr 
theatralisch urgiert. Darauf folgte in gleicher Anzahl und Ausstattung eine 
»Goethe-Galerie« in 50 Blattern, ebenso »Lessing« (1857 mit 30 Blattern) 
und »Shakespeare« in 36 Tafeln, wobei Max Adamo, Fr. Schw6rer, H. Spiefl 
und andere jiingere als Mitarbeiter auftraten. Im Zusammenhange damit 
entstanden mehrere figurenreiche Olbilder P.s »Goethe am Hofe des Mark- 
grafen Carl Friedrich von Baden, bei Anwesenheit Carl Augusts von Weimar 
1775, sein Faust-Fragment vorlesend«, eine etwas gequalte und steife Arbeit, 
ganz in jener akademisch-aufgestutzten Manier, welche P. an seinen Cofiffen 
so bitterlich verhohnte (nach einer sp&teren Wiederholung gestochen von 
H. Droehmer und in Holzschnitt bei J. J. Weber in der Leipziger »Illustr. 
Ztg.«). In gleicher Weise bearbeitete P. die Szene, wie Schiller nach der 
ersten Auffuhrung der »Rauber« beim Austritt aus dem Theater von den Zu- 
hdrern erkannt und mit einem »Hochvivat« gefeiert wurde. Darauf kam noch 
ein »K6nig Lear mit Cordelia*, »Heinrich VIII. mit Anna Boleyn auf dem 
Feste des Kardinal Wolsey« (Original in Schwerin, Stich von Raab in 
Brockhaus »Shakespeare-Galerie«) und »Prinz Heinrich IV. am Sterbebette 
seines Vaters« (Stich von J. Bankel). Zur Abwechslung wurde auch einmal 
eine friihere Interieur-Studie aus dem Dogenpalast mit Figuren staffiert, eine 
»Herbststimmung« in Farbe gesetzt, ein Bildnis oder Genrestoff (»Amor einer 
Dame einflusternd«) vorgenommen. K6nig Maximilian betraute ihn mit der 
Darstellung von 12 historischen Charakterfiguren von Staatsmannern und 
Feldherren, welche in Fresko, jedoch erst 187 1, nach dem Tode des Kdnigs 
beendet wurden. Als Freskotier betatigte sich P. mit zwanzig die Geschichte 
der Stadt Konstanz behandelnden Kompositionen, welche in dem bekannten 
Konzilsaal daselbst, unter Beihilfe seines Landsmannes Fr. SchwSrer (* 1833 



58 Pecht. 

zu Weil, f 1891 in Miinchen), wobei die Bilder »Hufi auf dem Scheiterhaufen*, 
der »Einzug des Papstes Martin V.«, die »Verteidigung von Konstanz gegen 
die Schweden* und schliefilich noch im Auftrag der Grofiherzogin von 
Baden der »Empfang Kaiser Wilhelm I. in Konstanz 187 1« von P. ausgefuhrt 
wurden. 

In der langen Zeit seines vielbewegten Lebens war P. mit den besten 
seiner Zeitgenossen in personlichen Verkehr gekommen, hatte ihre Werke 
kennen gelernt und in verschiedenen Zeitschriften teilweise schon den 
Lebenden oder oftmals auch den Toten ein gebuhrendes Denkmal gesetzt. 
Diese Biographien begann P. unter dem Titel »Deutsche Kiinstler des 
XIX. Jahrhunderts« zuerst 1877 in einem Bandchen (Nordlingen bei Beck) zu 
sammeln, welchem alsbald bis 1885 noch weitere Teile (der zweite Band 
auch in neuer Auflage 1887) nachfoigten. 1 ) In diesen, mit meisterlicher 
Realistik hart herausgemeifielten Portratkopfen hat P.s Feder wohl das Beste 
geleistet. Freilich fiihrte ihm auch hier bisweilen die Vorliebe oder eine 
uniiberwindliche Abneigung die Hand, beengte und triibte den sonst freien 
Blick — wie uberhaupt eine streng objektiv-historische Anschauung nie die 
Intention derjenigen Schule war, unter deren Einwirkung seine Bildung sich 
vollzog. Er hatte bei seiner eminenten Begabung auch das nicht neidens- 
werte Talent, schnell zu vergessen oder ein kurz vorher zu emphatisches 
Wort wieder einzudammen — so betriibliche Delikte ergaben sich in auf- 
falligster Weise in den Artikeln iiber Cornelius, Defregger, Kaulbach, in der 
widerwartigen Geringschatzung von Schwanthalers grandioser Phantasie und 
Gestaltungskraft, in der volligen Charakterverschiebung des Schlachtenmalers 
Franz Adam, wie er uberhaupt den Tragern dieser Maler-Familie am liebsten 
aus dem Wege ging : auch begegnete es ihm, blofi auf sein Gedachtnis ver- 
trauend, Bilder auf andere Namen umzutaufen (so ist z. B. Langenmantels 
»Lavoisier« als Makarts Leistung ausgegeben). Aber abgesehen von solchen 
Hinfalligkeiten klingt aus diesen Portratskizzen eine Feuer- und Farbenkraft, 
ein den Leser geradezu hinreiflender und fesselnder, die bereitwilligste An- 
erkennung abnotigender Zug. Hier ist P. freilich »cum gram salts* ganz in 
seinem Element, wenn er auch die feinkritische Diplomatik eines Crowe und 
Cavalcaselle nicht im entferntesten erreicht, wie er uberhaupt immer nur 
durch das personliche Sehen, nie aber durch eigene exakte Forschung sein 
Wissen konstruierte. Blicher zu lesen, war uberhaupt nicht seine Sache und 
machte ihm Pein; ein zuverlassiges Zitat aus einem Fachwerke sucht man 
vergeblich in seinen Schriften. Dagegen ergdtzt er die Leser und Lacher 
durch uberraschende Apergus und politische Betrachtungen, die seinem 
patriotischen Herzen urplGtzlich und unerwartet wie eine Sturzwelle entquellen. 



*) Der I. Band enthalt die Namen: Cornelius, L. Richter, E. Rietschel, L. Knaus, 
G. Semper, M. v. Schwind, Anselm Feuerbach und Preller; II. Rottmann, Defregger, 
W. v. Kaulbach, Lenbach, Alfred Rethel, A. Boecklin, L. Passini, B. Genelli, A. v. Menzel 
und Makart; III. R. Mengs, Carstens, Chodowiecki, Flihrich, Hansen, Ferstel, Fr. Schmidt, 
Piloty, G. Max, Beiidemann, Lessing, A. Achenbach und B. Vautier; IV. Schinkel, 
L. v. Klenze, Overbeck, Peter von Hefi, Winterhalter, Bernhard Neher, Rahl, E. Schleich, 
A. v. Ramberg, Hahnel, Schilling, A. von Werner, Peter Janssen, — Eine pr&chtige 
Leistung ist auch P.s Charakteristik von Meissonnier in »Vom Fels zum Meer« ,Oktober 1884, 
S. 100 ff. 



Pecht. 



59 



Vasari oder Karel van Mander blieben ihm ein imaginarer, kaum vom Horen- 
sagen bekannter Begriff, ebenso Hermann Grimms Forschungen und Ergeb- 
nisse iiber Michelangelo, oder Lessings »Laokoon«. Es war ihm eine 
Leichtigkeit, die Verdienste eines Kunstlers mafllos zu erheben und demselben 
kurze Zeit darauf das gerade Gegenteil zu sagen. Cornelius und Kaulbach 
standen nicht in seiner Gnade. Piloty wurde ebenso gepriesen, wie als 
antiquierte PersOnlichkeit iiber der Bewunderung seiner Schiiler beiseite ge- 
schoben. Es gab prinzipielle Abneigungen und offene Feindschaften. Wie 
lange nergelte er an Schwind herum, bis er sich nach einer unerwarteten 
personlichen Zusammenkunft, zu dessen aufrichtigem Lobredner bekehrte. Am 
langsten und besten hielt seine Freundschaft mit Spitzweg, dessen ebenburtige, 
sarkastische Ader ihm ebenso wie Schwinds Schlagfertigkeit imponierte. 

Neben den seinen Schriftstellernamen begriindenden »Siidfriichten« und 
den immerhin auf der H6he seiner Leistungsfahigkeit stehenden »Deutschen 
Klinstlern des XIX. Jahrhunderts« entstand der leichtbegreifliche Wunsch, seine 
weitverzweigte journalistische Mosaikarbeit zu einem einheitlichen Bilde zu 
bringen. Zur Erg&nzung seiner eigenen Aufzeichnungen und Erinnerungen 
versendete er ziemlich umfassende Fragebogen zirkularschreibenmafiig an alle 
Betreffenden, die ihm ein unschatzbares, autobiographisches Material ein- 
brachten, welches er nun in seiner Weise rektifizierte und ordnend gestaltete. 
Nachdem P. schon zu Franz von Rebers »Geschichte der neueren deutschen 
Kunst« (Leipz. 1884), die Skizze iiber »Die deutscheKunst der Gegenwart« (III, 
202 — 99) 1 ) geliefert hatte, reifte endlich die »Geschichte der Miinchener Kunst 
im XIX. Jahrhundert« (Miinchen 1888 bei Fr. Brupkmann 498 S. gr. 8° aus- 
gestattet mit 40 Bilderbeilagen und zahlreichen Text-Abbildungen), ein Beweis 
seiner vielseitigen Arbeitskraft, wobei er freilich oft nach Laune oder per- 
sOnlicher Riicksicht seine feuilletonistisch verw5hnte Feder walten liefl. Ab- 
gesehen davon, dafi eine Menge guter Namen vergessen oder nur mit ober- 
flachlicher Nennung abgetan wurden, schwankt oft die Wage seines Urteils in 
bedenklicher Weise. Unser Staunen steigt durch seine Betatigung an der 
seit 1885 gegriindeten Zeitschrift »Kunst fiir Alle«, bei welchem Unternehmen 
P. zwar als nomineller Redakteur zeichnete, jedoch die eigentliche technische 
Last einer jungeren Kraft (Fritz Schwartz) iiberliefi, wahrend er mit zahllosen 
kleineren und groBeren Referaten die geistige Fiihrerschaft behauptete und 
damit den Beweis einer unermiidlichen und freundlichen Fiihlung mit den 
jeweilig auftauchenden neueren und neuesten, seiner urspriinglichen Tendenz 
vielfach entgegengesetzten Richtungen lieferte. Die proteusartige Schnellig- 
keit, sich oft sehr minderwertigen Erscheinungen entgegenkommend an- 
zuschmiegen, verleitete zu Inkonsequenzen, welche dem Unternehmen ein 
neues Publikum zufiihrten und zur Kosmopolitik des nach P.s Heimgang 
frGhlich weiter florierenden Unternehmens wesentlich beitrugen. Schliefilich 
liefi er sich, vielfachen Mahnungen entsprechend, auch noch herbei, seine 
Lebenserinnerungen unter dem Titel »Aus meiner Zeit« (Miinchen 1894 in 
zwei B&nden bei Fr. Bruckmanns Nachfolger) zu erzahlen, wobei freilich 



«) P.s Beitrag stiefi auf scharfes Urteil in Ltltzows Zeitschrift (1885, XX, 203), ebenso 
verletzten mancherlei Beitrage zu Liliencrons »Allgemeine Deutsche Biographic*, worUber 
sich Dissidien ergaben, so dafi P. als Mitarbeiter ausschied. 



60 Pecht. Albu, 

viele schon bekannte Episoden wieder zur Sprache kamen; doch hielt er 
sich in neidenswerter Frische, mit grofier Selbstbefriedigung und Ofters mit 
leichter plauderfrShlicher Ironie oder humoristischer SchSrfe auf sein langes 
Tagwerk zuriickblickend: Ein immer »cum grano salts* dankbar aufzunehmendes 
Opus; kein vollendetes Kunstwerk wie »Dichtung und Wahrheit*, aber doch 
ein Spiegel seiner Zeit und eines vielfach komplizierten Charakters, dem auch 
der fernerstehende Psycholog Teilnahme nicht versagen wird. 

Nach dem Tode seiner Frau (1874) iibernahm P.s Schwester die Stelle 
eines General-Sekretars ; da P. eine unleserliche Hand schrieb, besorgte sie 
zum Heil aller Redakteure und Setzer die Reinschrift seiner Manuskripte: 
eine hfichst humane, Nachahmung verdienende Einrichtung! 

Im Jahre 1857 malte er sein eigenes Portrat; aus dieser Zcit stammt auch eine 
Photographie im Visitenkartenformat. Beide zeigen nach Persttnlichkeit und Visage groBe 
Ahnlichkeit mit dem von Bonnet gemalten Bildnisse Leon Cogniets. Eine Holzschnitt- 
zeichnung von F. Weifi erschien in Nr. 47 »0ber Land und Meer« 1874. Die ursprttnglich 
schmachtigen Formen gingen spater in ein behabiges, eher einera Gutsbesitzer und Ritt- 
meister a 1. s. entsprechendes Embonpoint liber; das trotz der immer schiefsitzenden Brille 
scharf bohrende Auge eignete eher einem Jager und Schtitzen, der freilich oft gcnug ins 
Schwarze getroffen. So erscheint er zuerst als Titelbild zu seiner »Geschichte der Miinchener 
Kunst im XIX, JahrhunderU 1888, und in der spateren Selbstbiographie (1894). Seiner 
Leibesgestalt nach blieb P. unter dem Mittelmafi; doch sah es putzig aus, als der Maler 
etwas gebeugt und herablassend vor Adolf Menzel stehend, ihm zum Zeichen seiner Hoch- 
achtung die Hand schtlttelte. 

Aus der Unzahl von Zeitungsreferaten werden bier nur die Artikel von M. Haushofer 
(in Nr. 2675 Leipz. »Illustr. Ztg.c 6. Oktober 1894) und Dr. von Reber (in » Kunst for 
Alle« 1. Oktober 1894), beide zum 80. Geburtstage erwahnt. Das Verzeichnis aller flber 
ihn erschienenen Nekrologe geht tiber unsere Grenzen. Die ersten biographischen Notizen 
lieferte Vincenz MUllers »Handbuch von Mlinchenc 1845, S. 164. Die letzte, tibrigens er- 
ganzungsbedlirftige, aus P.s eigenen Mitteilungen stammende Aufzahlung seiner Bilder 
und Werke iindet sich in Fr. v. B5ttichers »Malerwerkenc 1898 II, 231 ff. 

Hyac. Holland. 

Albu, Isidor, Arzt und Hygieniker, zuletzt in Berlin, * 20. Januar 1837 
in Fichtberger bei Landsberg a. W., f 5. Januar 1903 in einem Sanatorium 
in Grofl-Lichterfelde bei Berlin. — A. studierte und promovierte 1864 in 
Berlin. Hier liefi er sich als Arzt in der Rosenthaler Vorstadt (Berlin N.) 
nieder und arbeitete nebenher schriftstellerisch, wobei er sich besonders 
hygienischen und epidemiologischen Studien widmete. Er verOffentlichte 
unter anderem eine deutsche Ausgabe von Riants *Le(ons (ThygUne* (1874 
unter dem Titel »Handbuch der allgemeinen persOnlichen und dffentlichen 
Gesundheitspflege«), ferner mehrere Aufsfttze iiber die Berliner Mortalit&ts- 
verhaltnisse, iiber Cholera, Pocken, Typhus und Grundwassergang in Berlin, 
gab 1879 einen hygienisch-topographischen Atlas von Berlin mit graphi- 
schen Darstellungen und drei Karten heraus und machte sich besonders 
auch dadurch verdient, dafl er lebhaft fur die Einrichtung von Krippen resp. 
Kinderbewahranstalten in den Srmeren Stadtteilen wirkte. 1882 folgte er 
einem Rufe als Leibarzt des Schahs von Persien in Teheran und Professor 
an der medizinischen Schule daselbst, von wo er etwa 1892 nach Deutsch- 
land zuriickkehrte. Er praktizierte anfangs an einem kleinen Ort im Han:, 



Albu. Bete. 6 1 

ging wieder nach Berlin und griindete hier ein Okularium zur Beschaffung 
passender Brillen und augenarztlicher Behandlung, das er bis kurz vor seinem 
Tode leitete. Wahrend seines Aufenthaltes in Persien verdffentlichte er in 
der ^Berliner klin. Wochenschr.« einen Aufruf zur Erneuerung und Erhaltung 
der noch vorhandenen, aber sehr vernachlassigten Grabstatte Avicennas, des 
beruhmten arabischen Arztes. 

♦Vergl. »Biogr. Lex. hervorr. Arxtec von Hirsch und Wernich Bd. I, Pa gel. 



Betz, Philipp Friedrich, einer der alteren und bekannteren Arzte 
Wurttembergs, * 15. Februar 18 19 in Weinsberg, f 24. September 1903 in Heil- 
bronn. — B. war der Sohn eines Strumpfstrickers, Weinschenken und Stadt- J 

rats in Weinsberg. Er besuchte bis zu seinem 14. Lebensjahre die dortige j 

Lateinschule und widmete sich, angeregt durch die glanzende Laufbahn seines 
Oheims, des hanndverschen Oberstabsarztes Dorsch in Celle, und die freund- j 

schaftlichen Beziehungen zu dem Stadtarzt Dr. Stegmeyer in Gundelsheim a. N. 
der Heilkunde, zu welchem Zweck er 1833 beim Wundarzt Stegmeier in die 
Lehre trat. 1838 kam er als freiwilliger Unterarzt flir das K. wtirttembergische 
Militar nach Ludwigsburg, nachdem er 1837 die Gehilfenpriifung mit gutem 
Erfolge bestanden hatte. Hier besuchte er nebenher das Lyzeum und erlangte 
1842 das Zeugnis der Reife fur die Universitatsstudien, die er in Tubingen 
machte und nach deren Beendigung er 1845 in Stuttgart ein Jahr lang als 
Unterarzt diente, wobei er gleichzeitig den Schulern der Kgl. Kunstschule 
anatomischen Unterricht erteilte, Nachdem er dann voriibergehend in seiner 
Vaterstadt praktiziert hatte, ubernahm er die Stelle als anatomischer Pro- 
sektor in Tubingen unter Friedrich Arnold, hielt Vorlesungen iiber Osteologie 
und Pastoralmedizin, war nebenbei eine Zeitlang Assistent an der medizi- 
nischen Klinik unter Wunderlich, machte 1848 auf Staatskosten eine wissen- 
schaftliche Reise nach Prag und Wien und liefl sich schliefilich zu dauernder 
Tatigkeit in der Gesamtmedizin 1850 in Heilbronn nieder, wo er bis zu 
seinem Lebensende in segensreichster Weise praktisch und schriftstellerisch 
wirkte. Von 1848 — 1855 war er Aeifiiger Mitarbeiter an verschiedenen Zeit- 
schriften und 1856 griindete er die sehr bekannten, weit verbreiteten und 
beliebten »Memorabilien, Monatsblatter fiir praktische und wissenschaftliche 
Mitteilungen rationeller Arzte« im Verein mit einer grofien Schar von Mit- 
arbeitern. In 44 Banden dieser Zeitschrift, die 1884 ihr 25jahriges Jubilaum 
feierte, ver5ffentlichte B. selbst 214 Originalartikel iiber die verschiedensten 
Gebiete der Medizin. 1864 erfolgte die Ubernahme des Verlags des »Irren- 
freunds«. Beide Zeitschriften hOrten mit B.s Tode zu erscheinen auf. Cbrigens 
war B. Impfgegner und ein eifriger Politiker, seit i860 Mitglied des Deutschen 
Nationalvereins, seit 1867 Mitglied der deutschen Partei in Stuttgart, 1899 
Ehrenvorstand der 1875 organisierten Heilbronner deutschen Partei. In den 
Kriegen von 1866 und 1870 leistete er aufopferungsvolle arztliche Dienste. 
1877 gab er die erste Anregung zur Griindung einer Zentralhilfskasse fiir die 
Arzte Deutschlands; auch sonst nahm er an alien Angelegenheiten des arzt- 
lichen Standes tatkraftig leitend und anregend teil, wofiir er seit 1876 dem 
Vorstande des arztlichen Bezirksvereins II angehoren durfte, bis er 1894 
zurucktrat, aus welchem Anlafi er zum Ehrenprasidenten ernannt wurde. 



62 Betz. Bumm. 

1 87 1 setzte B. die Errichtung eines Denkmals fiir bekolampadius, den Re- 
formator van Basel, in dessen Geburtsort Weinsberg durch. Spater griindete 
er einen Geschichtsverein fiir Stadt und Land Weinsberg. 1896 beging er 
sein 5ojahriges Approbationsjubilaum, wobei er eine Reihe von Ehrungen aus 
weiten Kreisen erhielt. Am 80. Geburtstage wurde er durch den Sanitatsrats- 
titel ausgezeichnet. Nachdem er mehrere Jahre an allgemeiner Altersschwache 
gekrankelt hatte, erlitt er am n. November 1902 einen Hirnschlagflufi 
(Hirnembolie), der zur Lahmung und schliefilich zum Tode fiihrte. 

VergL »Wtirtt. Med. Korrespondenzblatt« LXXIII Nr. 48 vom 28. November 1903, 
P. 855—858 nebst Bild. Pagel. 



Bumm, Anton, ordentlicher Professor der Psychiatric, Medizinalrat in 
Mlinchen, * 27. M&rz 1849, f 13. April 1903. — B. war der Sohn eines Taub- 
stummenlehrers in Wiirzburg, besuchte in seiner Vaterstadt Gymnasium und 
Universit&t und geniigte daselbst seiner Militarpflicht. 1872 erhielt er bei 
der Fakultatspriifung in alien Fachern die erste Note und promovierte in 
demselben Jahre mit einer Dissertation iiber Schufiwunden. 1873 bestand B. 
die Staatspriifung mit Nr. I und trat bald danach als Assistenzarzt in die 
von Hubrich geleitete Wernecker Kreisirrenanstalt, an der er bis 1876 tatig 
war, nachdem er inzwischen auch wissenschaftliche Reisen nach Wien, Paris 
und London gemacht hatte, wo er unter Meynert und Charcot sich in der 
Psychiatrie vervollkommnete. 1877 trat nach einer mehrmonatlichen Er- 
krankung B. bei Gudden in Miinchen als Assistent ein, wurde 1883 zweiter 
Hilfsarzt an der Kreisirrenanstalt Erlangen, jedoch schon am 1. Oktober 1884 
als Nachfolger Grasheys zum Direktor der niederbayrischen Kreisirrenanstalt 
in Deggendorf ernannt. 1888 folgte er einem Ruf in die durch Hagens 
Abgang erledigte Stellung als Anstaltsdirektor und Prof. e. o. nach Erlangen, 
1896 siedelte er als Direktor der oberbayerischen Kreisirrenanstalt und ordent- 
licher Professor der Psychiatrie nach Miinchen iiber, wo er bis zu seinem 
an einem Gallensteinleiden erfolgten Tode verblieb. B. ist aufs engste mit dem 
Entwicklungsgange der modernen Psychiatrie verkniipft. Insbesondere hat er 
sich durch seine hirnanatomischen Arbeiten einen Namen gemacht, die er 
nach der von Gudden angegebenen experimentellen Methode anfertigte. So 
verOffentlichte er u. a. Vortr&ge und Abhandlungen iiber die Verteilung des 
Sehnerven in der Netzhaut des Kaninchens (1880), iiber ein selten beobachtetes 
Markbiindel an der Basis des menschlichen Gehirns (1883), iiber das Grofl- 
hirn der Vogel (1883), eine Abhandlung, welche die erste eingehendere Dar- 
stellung der speziellen Histologic des Vogelgroflhirns bildet, iiber experimentelle 
Beitrage zur Kenntnis des Hornervenursprungs beim Kaninchen (1888), 
experimentelle Untersuchungen iiber das Corpus trapezoides und den Httr- 
nerven der Katze (1893) u. a. Mit dem letztgenannten Werke hat B. sein 
anatomisches Meisterstiick geliefert, in dem er in uniibertrefflicher Weise eines 
der schwierigsten und strittigsten Probleme der Hirnforschung zur Klarung 
brachte. Spater hat B. noch die feinere Anatomie des Ganglion ciliare be- 
arbeitet und die Ergebnisse, die einen wesentlichen Fortschritt in der Erkenntnis 
bedeuteten, in mehreren Vortragen und Abhandlungen niedergelegt. Gem 
beschaftigte sich B. mit historisch-medizinischen Studien besonders der arabisch- 



Bumm. von Eggers. Duboc. 63 

judischen Periode. Er hat Uber die Psychiatrie des Avicenna (in » Munch, 
med. Wochenschrift*) eine Abhandlung verdffentlicht und mehrere kleinere 
Studien als Manuskript drucken lassen. 

Vergl. Specht-Erlangen in »MUnch. med. Wochenschrifu 1903, Nr. 27 p. 11 62 — 1166. 

Page!. 

Eggers, Heinrich Franz Alexander Freiherr von, Botaniker, * 4. De- 
zember 1844 zu Schleswig, f 14. Mai 1903 in Leipzig. — E., dessen Vater 
K6niglich dSnischer Polizeimeister in Schleswig war unci spater in Tondern 
lebte, wurde hier und in Odensee auf Fiihnen erzogen, wo er von 1858 — 1862 
die Lateinschule besuchte. Er trat dann als Offiziersaspirant in die danische 
Armee ein und machte als solcher den Feldzug von 1864 mit. Nach dem 
Friedensschlufi nahm er seinen Abschied als Leutnant, um in fremde Kriegs- 
dienste zu gehen. Er schloB sich dem Korps osterreichisch-belgischer Frei- 
williger fur Kaiser Maximilian an, das zu Laibach in Osterreich gebildet 
wurde, und traf im April 1865 in Mexiko ein. Im Oktober 1866 wurde er 
gefangen genommen. Nach seiner Freilassung im April 1867 bereiste er den 
Siiden Mexikos und kehrte im Dezember desselben Jahres nach Kopenhagen 
zuriick. Cber seine Erlebnisse verdffentlichte E. 1869 die »Erindringer fra 
Mexiko«, ein Werk, das neben der Schilderung der kriegerischen Ereignisse 
eine Fulle feiner Beobachtungen iiber Land und Leute enthalt. Im April 1868 
wurde er als Sekondeleutnant aufs neue im danischen Heere angestellt, aber 
bereits Ende des Jahres auf seinen besonderen Wunsch zu den westindischen 
Truppen kommandiert. Er stand dann lange Jahre auf St. Thomas, seit 1878 
als Kapitan und Kompagniechef. Am 1. Dezember 1885 quittierte er den 
Dienst und lebte von nun an ausschliefilich seinen wissenschaftlichen 
Forschungen, und zwar teils in Westindien, teils in Kopenhagen. Die Re- 
sultate seiner Reisen und Studien, die in erster Linie der Flora der west- 
indischen Inseln galten, legte E. in zahlreichen Abhandlungen nieder, die in 
verschiedenen botanischen und geographischen — bei Bricka genannten — 
Zeitschriften erschienen sind. Hier sei noch auf das gr6fiere Werk » The Flora 
of St. Croix and tfu Virgin Islands* (Washington 1879) hingewiesen, sowie 
auf die beiden vortrefflichen Aufsatze »Die Insel Tobago« und »Moderner 
Plantagenbau« (Deutsche Geographische Blatter, Bd. 16, 1893, S. 1 — 20; Bd. 21, 
1898, S. 1 — 21). Die reichhaltigen Sammlungen, welche E. angelegt hat, 
besitzt zum groBten Teil das Museum von Kopenhagen. 

Vgl. H. K. Eggers, Geschichte des Geschlechtes Eggers. Bd. 1, Ploen 1879, S. 140 
— 146; Bd. 2. Harburg, 1887, S. 97 (Bildnis auf der Tafel zwischen S. 98 u. 99). — »Geo- 
graphisches Jahrbuchc, Bd. 26, 1903, S. 428. — »Globus«, Bd. 84, 1903, S. 20. — 
^Deutsche Rundschau fttr Geographic und Statistik*, Jg. 25, 1903, S. 520. — »Kieler 
Zeitungc, Morg.-Ausg. v. 26. Mai 1903. — C. F. Bricka, Dansk Biografisk Lexikon, Bd. 4, 
1890, S. 438/39. — »Botanisk Tidsskriftc, Bd. 12, 1880/81, S. 237/38. — Gothaisches 
Genealogisches Taschenbuch der Freih. Hauser. Jg. 55, 1905, S. 161. J oh. Sass. 



Duboc, Karl Julius, Philosoph und Schriftsteller, * 10. Oktober 1829 in 
Hamburg, + 11. Juni 1903 in Dresden (nicht am 12. oder 13. Juni, wie mehrfach 
angegeben wird. Herr Ed. Duboc hatte die Freundlichkeit, mir das richtige 



6 4 



Duboc. 



Datum mitzuteilen.) — D., ein Bruder des unter dem Pseudonym Robert 
Waldmuller bekannten Dichters Eduard D., war der jungste von sechs 
Geschwistern. Die Mutter gehbrte einer alten angesehenen Kaufmannsfamilie 
an, der Vater, gleichfalls Kaufmann, war ein aus Havre geburtiger Nord- 
franzose. Er starb aber noch vor der Geburt des jungsten Sohnes. Dieser 
kam, nachdem er 1844 auch die Mutter verloren hatte, zuerst zu Verwandten 
nach Offenbach, dann nach Frankfurt a. M. Hier besuchte er bis 1850 das 
Gymnasium, studierte darauf in Giefien und Leipzig Mathematik und Physik 
in der Absicht, sich spater dem Bergbaufach zu widmen. Daneben vertiefte 
er sich mit gr6fitem Eifer in philosophische Studien, die seiner Neigung und 
Begabung weit mehr entsprachen. Kranklichkeit zwang ihn jedoch, 1853 die 
Universitat zu verlassen, und »eine eigentumliche Verkettung von Lebens- 
umstanden«, wie er selbst sagt, fiihrte ihn noch in demselben Jahre nach 
Australien, von wo er erst 1857 in die deutsche Heimat zuriickkehrte. Er 
ging nach Berlin, wo er seine philosophischen Studien fortsetzte und durch 
die Doktorpromotion zum Abschlufi brachte. Dann wandte er sich dem 
Journalismus zu und wirkte zuerst als Mitredakteur der »Deutschen Zeitung«, 
die aber bald einging. Von 1861 bis 1863 stand D. als lei tender Redakteur 
an der Spitze der »Westfaiischen Zeitung* in Dortmund. In diese Zeit fallen 
seine ersten gr5fieren Aufsatze, die er in Oppenheims »Deutschen Jahrbiichem 
fur Politik und Literatur« verOffentlichte. (Jg. 1862, Bd. 2 S. 191 — 209: »Ein 
Besuch im Zellengef&ngnis zu Bruchsal«; Bd. 4 S. 118 — 138: »Wider die 
Grundanschauungen des philosophischen Idealismus«; Bd. 5 S. 378 — 397: 
»Die Gef&ngnisfrage im preufiischen Abgeordnetenhause*.) Dortmund wurde 
fur ihn noch von ganz besonderer Bedeutung, weil er hier in der Schwester 
des Kunsthistorikers Wilhelm Lubke seine Lebensgefahrtin fand. Es folgten 
Jahre aufreibender T&tigkeit im Dienste der Berliner »Nationalzeitung«, deren 
Redaktion D. bis 1870 angeh6rte. Dann aber gab er den journalistischen 
Beruf auf und zog nach Dresden, das ihm Heimat wurde und blieb. Hier 
schuf er, fern vom Larm und Treiben des Tages und doch in engster Fuhlung 
mit alien StrSmungen und Erscheinungen der Gegenwart, jene reifen und 
tiefen Werke, die in der Geschichte des deutschen Geisteslebens ihre Be- 
deutung behalten werden. 

D.s philosophischer Trieb war ein Erbteil vom Vater her, der selbst eine 
Schrift »de la dignite de Vlwmnu* (Bruxelles 1826) verdffentlicht hatte und mit 
Hegel und Reinhold in nahem Verkehr stand. Des Sohnes Fuhrer und Meister 
auf dem Wege der Erkenntnis wurde Ludwig Feuerbach, zu dem er auch in 
personliche Beziehungen trat. »Der zentrale Punkt, in dem D. an Feuerbach 
hangt«, sagt J06I, »ist der Sensualismus, d. h. die Betonung des Sinnlichen, 
Empfundenen, als des Wirklichen, Wahren«, wie denn D. »die Konzentration 
auf das Diesseits«, d. h. eben die Verweltlichung, oder spezieller »das Prinzip 
der Sinnlichkeit« als Feuerbachs Leistung betont. Im einzelnen freilich 
gingen beide wieder weit auseinander, vor allem trennte sie ein tiefer Unter- 
schied des Temperaments. D. selbst aufiert sich uber sein Verhaltnis zu 
Feuerbach einmal folgendermafien: »Ich werde haufig als Anhanger, als 
Schiiler, gelegentlich »der letzte Schiller Feuerbachs« bezeichnet. Es ist dies 
namentlich meinen spateren Schriften gegeniiber kaum aufrecht zu erhalten. 
Nur mein »Leben ohne Gott« ist noch wesentlich auf Feuerbachschem 



Duboc. 65 

Standpunkt geschrieben. In alien meinen spateren Schriften habe ich die 
sehr wesentlichen Unterschiede, die meine Auffassung von der seinigen 
trennen, wiederholt betont und hervorgehoben«. 

Das »Leben ohne Gott« erschien 1875 und ist dem Andenken Ludwig 
Feuerbachs gewidmet. Die »Untersuchungen uber den ethischen Gehalt des 
Atheismus«, welche D. hier vorlegt, enthalten keineswegs nur negative Kritik, 
sie zeigen vielmehr, wie dem Menschen, auch wenn er sich der alten, mit 
den Ergebnissen der modernen Wissenschaft unvereinbaren Gottesvorstellung 
und des Unsterblichkeitsglaubens entauflert hat, noch ein tiefes religioses 
Empfinden bleiben kann und muB. Als Kern der neuen Religiositat gilt 
dem Verfasser das Gefiihl der Ehrfurcht, der Ehrfurcht vor dem t)ber- 
ragenden. »Wer bestreiten will, dafi der Atheismus religios sein konne, mufi 
sich an dieses Buch halten«, in dem sich neben vielen andern das schone 
Wort findet: »Wer das Seinige erwartet mit einem innerlichen Gefiihl des 
Handefaltens, weil er die Lebensgesetzlichkeit desselben erkannt, und mit 
einem versohnten Sinn, weil er das Leben als der Giiter hochstes begreift, 
der wahrt die Wurde des Menschen «. Ein solcher Geist weht in dem Ganzen, 
dessen charakteristischer Schlufi in den Ruf des Psalmisten ausklingt: »Meine 
Seele durstet nach dem lebendigen Gott.« 

Derselbe hohe Idealismus, der sich in dem »Leben ohne Gott« offenbart, 
erfiillt auch D.s erstes groBeres Werk, »die Psychologie der Liebe«, mit dem 
er bereits ein Jahr zuvor, 1874, auf den Plan getreten war. Es enthalt in 
uberaus feinen Seelenschilderungen die »Naturgeschichte des Gefuhls, welches 
die Geschlechter zusammenfiihrt«. Ein Verklarungsglanz liegt uber der ganzen 
Darstellung, die nie eine auBerliche bleibt, sondern tief in das »Heiligtum 
der Liebe« hineinfiihrt. D.s Standpunkt ist ein idealer Realismus, in der 
vollen Wertschatzung des Lebens bekennt er sich auch hier schon zum 
Optimismus. Beide Werke, das »Leben ohne Gott« und die »Psychologie 
der Liebe«, bilden gewissermafien die Grundmauern zu dem Hauptwerke, in 
dem D. seine Philosophic eingehend darlegt und begrundet. Es erschien 
1 88 1 unter dem Titel »Der Optimismus als Weltanschauung und seine religios 
ethische Bedeutung fur die Gegenwart«. Eine Erganzung dazu bildet die 
Schrift »Die Tragik vom Standpunkte des Optimismus, mit Bezugnahme auf 
die moderne Tragodie« (1886). Mit scharfen Waffen wendet sich D. gegen 
den Pessimismus, der den idealen Gehalt des Seins nicht gelten lassen und 
alle Liebe und Freude aus dem Leben tilgen will. Fur ihn gibt es nichts 
Sinnloseres, als die Lieblosigkeit oder Freudlosigkeit. »Hast du die Liebe 
oder Freude verloren, so starrt dir iiberall das grofle Warum entgegen. 
Warum, wozu alles, was mich umgibt? was soil es mir? was soil ich ihm? 
Welt und Geschopf, Leben und Arbeiten, Werden und Vergehen — nichts 
hat einen eigentlichen Sinn mehr, und alles Grubeln bewahrt dich nicht vor 
dem Sturz in eine bodenlose Tiefe. Nur die Liebe rettet dir den Zusammen- 
hang des Ganzen und dich innerhalb dieses Zusammenhangs«. Mit der Preis- 
gebung des Individuums im Weltprozefi versohnt D. der Gedanke, dafi dieser 
Weltprozefl ein Lichtgestaltungsprozefi ist. Das Gewissen wird aus 
dem Prinzip des »Gebuhrenden« hergeleitet. Die Ableitung des Gewissens 
erf&hrt eine noch weit ausfiihrlichere Behandlung in dem 1892 herausgegebenen 
»Grundrifl einer einheitlichen Trieblehre vom Standpunkte des Determinismus«. 

Bio^t. Jahrbuch u. Dcutschcr Nckroloj. 8. Bd. t 



6(5 Duboc. 

D. bietet hier »eine ethische Psychologie im eudamonistischen Sinne«. (Vgl. 
auch die Abhandlung »Kant und der Eudamonismus« : Zcitschrift f. Volker- 
psychologie, Bd. 14, 1883, S. 261 — 280; Bemerkung dazu von H. Steinthal: 
S. 280 — 289; SchluBbemerkung von D.: S. 473 — 476.) Gegenuber der Maximc 
Kants »Tue, was du sollst« lautet seine Forderung »Tue, was du willst«, d. h. 
erfulle den Inhalt deines menschlichen Willens. »Den deni hochsten 
Gute nachstrebenden Gliickseligkeitstrieb voll und tatsachlich bejahen, heifit 
die Menschlichkeit vollenden, und dies fallt mit der Sittlichkeit zusammen. 
Zur Gesaintheit der ethischen Fragen nahm D. spater noch einmal Stellung 
in dem Werke »Die Lust als sozialethisches Entwickelungsprinzip. Ein Beitrag 
zur Ethik der Geschichte« (1900). 

Auch als Historiker suchte er dem Leben der Gegenwart gerecht zu 
werden und es aus der Vergangenheit zu vcrstehen. Aus diesem Streben 
erwuchs die reifste Schopfung seines Geistes, das grofie Geschichtsgemalde 
»Hundert Jahre Zeitgeist in Deutschland« (1889). »Der Psychologe, Asthetiker 
und Sozialschriftsteller habcn sich hier vereinigt, die wirren Gestaltungen, 
welche die wechselnde Zeit hcrvortreibt, zu plastischer Klarheit zu heben 
und von einer Kritik hochethischer Farbung durchleuchten zu lassen.« Das 
Ganze ist »kein ausgekliigelt Buch«, sondern erlebt und daher von so 
packender und iiberzeugender Wirkung. Auf tiefem, innerlichem Miterleben 
beruhen auch die iibrigen Arbeiten D.s, in denen er einzelne hervorragende 
Zeiterscheinungen wie die Frauenfrage, den Einflufi Nietzsches, die Emanzi- 
pation der Kunst kritisch behandelt. Cberall dringt er mit Nachdruck auf 
das Einfache und Naturgemafie und ruft die Zeit, die ihm ganz »jenseits des 
Wirklichen« zu stehen scheint, zuriick zum Wirklichen, »das ihm als das 
Gesunde, Lebensfahige heilig ist«. 

Als Essayist geniefit I), mit Recht einen besonderen Ruf. Die vier 
Sammlungen »Gegen den Stroma, »Reben und Ranken«, »Plaudereien und 
Mehr«, »Streiflichter* enthalten eine Fiille von anregenden Aufsatzen, die, 
mit Geist und Liebe gearbeitet, in ihrem edlen Mali nach Form und Inhalt 
zu dem Besten zahlen, w r as unsere Literatur auf diesem Gebiete besitzt. 

Der Feder des Poeten D. verdanken wir den Novellenstraufi »Herzens- 
geschichten« und die Gedichtsammlung ^Friih- und Abendrot«. Im letzten 
Jahrzehnt seines Lebens versuchte er sich auch als Dramatiker, ohne jedoch 
einen nennenswerten Erfolg zu erringcn. — 

In der Philosophic der Zeit wird D. seinen Platz behalten. Immer wird 
man ihn, der »der Philosophic des Todes die Philosophic des Lebens, dem 
Welthafi die Liebe entgegensetzt'<, unter den machtvollen Gegnern des Pessi- 
mismus in erster Reihe nennen, und die »schonheitsvolle Gesundheit« seiner 
vom Ideal derMenschenwurde gctragenen, aus tiefstem Wahrheitssinn und 
Freiheitsdrang geborenen Schriften wird immer wieder lebendigen Widerhall 
wecken. 

D.s ganzes Leben und Schaffen erscheint wie eine einzigartige Erflillung 
jenes Wortes, das in Heinrich von Steins »Helden und Welt < der griechische 
Weise spricht: »Meinest du denn, w r eil sie mich einen Philosophen nennen, 
ich halte Liebe und Leben fiir nichtig oder gering? Vielmehr nichts weiil 
ich sicherer als dies: wie auch immer der gewaltige, dunkle Hintergrund der 
Dinge in Wahrheit beschaffen sein mag, der Zugang zu ihm steht uns einzig 



Duboc. 6y 

in eben diesem unserem armen Leben offen, und also schlieflet auch unser 
vergangliches Tun diese ernste, tiefe und unentrinnbare Bedeutung ein. Wie 
sollte ich nun nicht auch hoffen und darauf denken mussen, diesem vergang- 
lichen Tun eine wiirdige Gestalt zu verleihen?« 

Verzeichnis der selbst&ndig erschienenen Schriften D.s: I. Die Propa- 
ganda des Rauhen Hauses und das Johannes-Stift in Berlin. Eine Warming. Leipzig 1862. 
— 2. Die bffentliche Sittenlosigkeit. Entgegnung auf die gleichnamige Schrift des Zentral- 
Ausschusses flir die innere Mission. 1. — 4. Aufl. Hamburg 1870. 5. u. 6. mit einem 
Vorwort verm. Aufl. 1870. (Anonym erschienen.) — 3. Sozialc Briefe. I. — 3. Aufl. 
Hamburg 1873. (Vgl. »Blatter f. lit. Unterhaltung*, 1873, Bd. 1, S. 269/70.) — 4. Geschichte 
der englischen Presse. Nach J. Grants Newspaper Press frei bearb. Hannover 1873. 2 * u - 
3. Ausg. Hamburg 1883. — 5. Die Psychologie der Liebe. Hannover 1874. 2. erganzte 
u. verm. Aufl. — mit Portr. in Stahlstich — 1880. 2. Aufl., 2. (Titel-)Ausg. Hamburg 1883. 
2. Aufl. Neue, mit einem Vorwort versehene Ausg. Dresden 1898. (Vgl. »Blatter f. lit. 
Unt.«, 1874, Bd. 2, S. 701/2; Br. Meyer, Zur Psychologie pier Liebe, »Deutsche Warte«c, 
Bd. 8, 1875, S. 65 — 73.) — 6. Das Leben ohne Gott. Untersuchungen liber den ethi- 
schen Gehalt des Atheismus. Hannover 1875. 2. u. 3. Ausg. Hamburg 1884. (Vgl. » Blatter 
f. lit. Unt.«, 1876, Bd. 1, S. 155; E. Pfleiderer, Der naturalistische Atheismus. Kritische Be- 
trachtungen im Anschlufl an J. Duboc: »Das Leben ohne Gott«, in: »Protestant. Kirchen- 
zeitung*, Jg. 23, 1876, Sp. 773— 787* 799— 813). — 7- Gegen den Strom. Gesammelte 
Aufsatze. Hannover 1877. 2. Ausg. Hamburg 1883, 3, Ausg. 1884. (Vgl. ^Deutsche 
Rundschau«c, Bd. 14, 1878, S. 505/6.) — 8. Die Behandlung der Prostitution im Reiche. 
Ein Beitrag zur Kritik unserer Gesetzgebung. (Aus »Magdeburg. Zeitung«.) 1. u. 2. Aufl. 
Magdeburg 1877. 3., durch einen Anhang verm. Aufl. 1879. — 9. Das »Leben ohne Gott« 
und die Kritik der *Protestantischcn Kirchenzeitung*. Eine Entgegnung. Bonn 1877. 
(Dagegen: J. Oliver, »Jenaer Literaturzeitung*, Jg. 5, 1878, S. 298/99.) — 10. Reben und 
Ranken. Studienblatter. Halle 1879. (Vgl. »Blatter f. lit. Unt.«, 1879, Bd. 2, S. 417—421; 
•Deutsche Rundschau*, Bd. 20, 1879, S. 328/29.) — n. Der Optimismus als Weltanschauung 
und seine religios ethische Bedeutung ftir die Gegenwart. Bonn 1881. (Vgl. »Philos. 
Monatshefte*, Bd. 1 8, 1882, S. 180/S3.) — 12. Ein Besuch im Versorgungshaus in Bonn. 
Hamburg 1884. — 13. Die moderne Jugendliteratur. 1. u. 2. Aufl. Hamburg 1884. (Aus: 
•Gegen den Strom.*) — 14. Plaudereien und Mehr. Aus der Studien-Mappe. Hamburg 1884. 
(Vgl. »Deutsche Rundschau«, Bd. 43, 18S5, S. 154/56.) — 15. Die Tragik vom Standpunkte 
des Optimismus, mit Bezugnahme auf die moderne Tragbdie. Hamburg 1886. (Vgl. >Philos. 
Monatshefte*, Bd. 23, 1887, S. 445/49.) — - 16. Herzensgeschichten. Ein Novellenstraufl. 

1. u. 2. Aufl. Dresden 1888. — 17. Hundert Jahre Zeitgeist in Deutschland. Geschichte 
und Kritik. Leipzig 1889. Teil 2. Eine Umschau an des Jahrhunderts Wende. 1893. 

2. Aufl. 1899. (Vgl. »Jahresberichte f. neuere deutsche Literaturgesch.* 1890, Halbbd. 2, 
S. 37, Bd. 5, 1894, IV ib: 203; »Blatter f. lit. Unt.«, 1889, Bd. 2, S. 520/21, 1893, Bd - 2 » 
S. 705; »Grenzboten<c, Jg. 49, 1890, 3. Vierteljahr, S. 113 — 117; »Magazin f. d. Literature 
Jg. 59t S. 355/59* 374/77; »Histor. Jahrb. d. Gorres-Gesellschaft«, Bd. 15, 1894, S. 397/991 
A. Berthold, J. Dubocs Hundert Jahre Zeitgeist in Deutschland. Vortrag. Leipzig 1894.) 
— 18. Grundrifl einer einheitlichen Trieblehre vom Standpunkte des Determinismus. Leipzig 
1892. (Vgl. »Philos. Monatshefte«, Bd. 29, 1893, S. 330/37, Bd. 30, 1894, S. 49 — 57; 
»Zeitschr. f. Philos. u. philos. Kritik«, N. F. Bd. 103, 1894, S. 336.) — 19. Fiinfzig Jahre 
Frauenfrage in Deutschland. Geschichte und Kritik. Leipzig 1896. (Vgl. ^Deutsche 
Literaturzeitung«, Jg. 17, 1896, Sp. 16 18 — 22.) — 20. Jenseits vom Wirklichen. Eine 
Studie aus der Gegenwart. Dresden 1896. (Dagegen: O. Bie, Gesunde u. kranke Kunst, 
»Kunstwart«, Jg. 9, 1895/96, S. 49 — 51.) — 21. Anti-Nietzsche. Erweitert. Sep.-Abdr. aus 
•Jenseits vom Wirklichen«. Dresden 1897. (Vgl. »Zukunft«, Bd. 18, 1897, S. 419: Selbst- 
anzeige; ^Deutsche Iviteraturzeitung«, Jg. 18, 1897, Sp. 646/47.) — 22. Das Ich und die 
Cbrigen. (Ftir und wider M. Stirner.) Ein Beitrag zur Philosophic des Fortschritts. 
Leipzig 1897. (Vgl. >Jahresber. f. neuere deutsche Literaturgesch.«, Bd. 8, 1897, IV 5 d: 88; 

5* 



68 Duboc. Laib. 

»Blatter f. lit. Unt.«, 1898, S. 727.) — 23. Zwei Zeitgedichte. Zur Fraucnfragc. Einc 
Epistel an die Mannerwelt. — Zur Judenfrage. Dresden 1897. — 24. Die Emanzipation 
der Kunst. Drei Briefe an einen Freund. Nebst einer Nachschrift liber »Das Modemec. 
Leipzig 1898. (Vgl. »Jahresber. f. n. d. Literaturgesch.<c, Bd. 10, 1899, l II: 85.) — 
25. Friih- und Abendrot. Gedichte. Dresden u. Leipzig 1899. (Vgl. »Zukunft«, Bd. 30, 
1900, S. 87/89: Selbstanzeige ; *Literar. Echo«, Jg. 2, 1899/1900, Sp. 1010/11: R. M. Werner, 
Optimistische Lyrik; ^Bibliographic d. deutschen Zeitschr.-Literatur.* Supplbd. 1. Bibliogr. 
d. d. Rezensionen 1900, S. 100.) — 26. Die Lust als sozialethisches Entwickelungsprinzip. 
Ein Beitrag zur Ethik der Geschichte. Leipzig 1900. (Vgl. »Zukunft«c, Bd. 34, 1901, 
S. 29/30: Selbstanzeige; »Lit. Zentralbl.«, Jg. 52, 1901, Sp. 2109; ^Deutsche Litoraturzeitungc, 
Jg. 22, 1901, Sp. 1544/46; »Neue Bahnen«, Jg. 3, 1903, S. 432 — 36.) — 27. Zusammen 
mit P. Wiegler: Geschichte der deutschen Philosophic im 19. Jahrhundert. Berlin 1901. = 
Das deutsche Jahrhundert in Einzelschriften. Bd. 1, Abth. 3. (Vgl. »Lit. Zentralbl.«c, Jg. 53, 

1902, Sp. 1293/94.) — 28. Die Freunde. Schauspiel in 4 Aufzilgen. Dresden 1902. — 
29. Streiflichter. Studien und Skizzen. Leipzig 1902. (Vgl. >Lit. Echo*, Jg. 5, 1902/03, 
Sp. 1366.) 

Quellen: In ersterLinie: K. Joel, J. D. (»Nord u. SUd«, Bd. 60, 1892, S. 318—339, 
Portr.); derselbe, J. D. Zum 70. Geburtstag (»Frankfurter Zeitung«, 1899, Nr. 279 v. 8. Okt.). 
Vgl. ferner: J. Duboc, Mein Jubilaum (»Zukunft«, Bd. 40, 1902, S. 278 — 281). — »Hamb. 
Correspondents Ab.-Ausg. v. 15. Juni 1903 (Nekrolog von E. Isolani). — »National-Zeitung« 

1903, Nr. 340, Morg.-Ausg. v. 14. Juni. — »Liter. Echo*, Jg. 2, 1899/1900, Sp. 201; Jg. 5, 
1902/03, Sp. 1372. — A. Hinrichsen, »Das literar. Deutschlafnd«, 2. Aufl. 1891, S. 294/95. 
— Brummer, »Lexikon d. deutschen Dichter u. Prosaisten d. 19. Jahrh.«, 5. Ausg., Bd. 1, 
S. 283/84, 529. — Klirschners deutscher Literatur-Kalender, 1903, Sp. 279. — Meyers 
Konversations-Lexikon, 6, Aufl., Bd. 5, 1903, S. 241/42. — O. Siebert, »Gesch. d. neueren 
deutschen Philosophic seit Hegel«. Gottingen 1898. S. 27. — Ueberweg-Heinze, »Grundri8 
d. Gesch. d. Philos.*, T. 4, 9. Aufl. 1902, S. 330. — Bibliogr. d. deutsch. Rezensionen. 
Suppl. zur ^Bibliogr. d. deutsch. Zeitschr.-Liter.«, Bd. 2, 1901, S. 54; 3, 1902, S. ioi ; 

4, 1903, S. 104. — Briefe von L. Anzengruber hrsg. v. A. Bettelheim, 1902, Bd. 1, Nr. 21 1, 
215, 219, 222, 226 u. S. 312; Bd. 2, S. 30, 239, 243. — Beziehungen zu Feuerbach: 
J. Duboc, Aus L. Feuerbachs Nachlafl (»Nord u. Siid«, Bd. 60, 1892, S. 307 — 317); der- 
selbe, Ludwig Feuerbach (»Zukunft«, Bd. 20, 1S97, S. 469 — 475). — W. Bolin, Ludwig 
Feuerbach, sein Wirken und seine Zeitgenossen. Stuttg. 1S91, S. 289 — 91, 342 — 43. — 
Ausgewahlte Briefe von u. an L. Feuerbach hrsg. v. W. Bolin. Leipzig 1904. Bd. I, 

5. 152/53; Bd. 2, S. 204/9, 252/54, 258/59, 280/S1, 284/85, 289/90, 323/25- — Vgl. auch: 
»Deutsche Warte«, Bd. 4, Hft. 10, 1873 (Acht Briefe von L. Feuerbach). Joh. Sass. 

Laib, Friedrich, katholischer Priestcr, Kunsthistoriker, * 21. September 181 9 
zu Oberndorf a. N., f 20. Januar 1903 zu Rottenburg. — L. studierte Theo- 
logie in Tubingen, wurde am 29. August 1842 zum Priester geweiht, am 
12. Juli 1846 Pfarrer in Rechberghausen, am 14. Mai 1867 Pfarrcr in Oedheim, 
am 1. Marz 1899 pensioniert. — Literarisch tatig war L. auf dem Gebiete 
der christlichen Kunst. Mit Dr. Franz Josef Schwarz zusammen redigierte 
er dieZeitschrift: »Kirchenschmuck. Ein Archiv fiir kirchIicheKunstsch5pfungen 
1 und christliche Altertumskunde. Herausgegeben unter der Leitung des christ- 
lichen Kunstvereins der Diozese Rottenburg« (27 Bande in 14 Jahrgangen, 
Stuttgart 1857 — 1870; mit einem Registerband, Ellwangen 1874). Ebenfalls 
mit Schwarz zusammen publizierte L. die folgenden Schriften: »Formenlehre 
des romanischen und gothischen Baustils« (in 1. Aufl. als 1. Vereinsgabe des 
Rottenburger Diozesanvereins fiir christliche Kunst; 2. Aufl. Stuttgart 1858; 
Titelauflage Zurich 1867); »Studien uber die Geschichte des christlichen 



Laib. Stiegele. Cramer. 6g 

Altars. Herausgegeben vom Rottenburger DiSzesanverein fur christliche Kunst. 
2. Vereinsgabe« (Stuttgart 1857); »BiMia Pauperum. Nach dem Original in 
der Lyzeumsbibliothek zu Konstanz herausgegeben und mit einer Einleitung 
begleitet von Laib und Schwarz« (Zurich 1867; 2. unveranderte Aufl. Wiirz- 
burg 1892; neue Ausgabe Freiburg i. Br. 1899). 

Vgl. Neher, Personalkatalog der Gcistlichen des Bistums Rottenburg (3. Aufl., 
Schw. GmUnd 1894), S. 87. p. Lauchert. 

Stiegele, Paul, Domkapitular in Rottenburg, * 2. Dezember 1847 zu 
Ravensburg, f 24. Februar 1903 zu Rottenburg. — St. studierte Theologie in 
Tubingen, wo er 1868 den Preis der katholisch-theologischen Fakultat und 
1870 den ersten homiletischen Preis erhielt, und wurde am 10. August 1870 
zum Priester geweiht. Hierauf war er zuerst kurze Zeit Vikar in Biberach, 
November 1870 bis 1875 Repetent im Konvikt in Rottweil. Im Fruhjahr 1875 
zu einer Reise nach Italien beurlaubt, wurde er nach seiner Ruckkehr im 
August 1875 provisorisch, seit September 1876 definitiv Kaplan in Aulendorf, 
am 17. Oktober 1878 Pfarrer in Sulmingen, am 26. September 1882 provisorisch, 
am 5. Mai 1884 definitiv Regens des Priesterseminars in Rottenburg; 1898 
Domkapitular. Als Vertreter des Domkapitels in der 2. Kammer widmete er 
sich mit einem bei seiner zarten Gesundheit seine Krafte aufreibenden Kifer 
den parlamentarischen Aufgaben, indem er insbesondere in den Kampfen um 
die konfessionelle Volksschule mit Mut und Entschiedenheit die Rechte der 
Kirche vertrat. — St. war ein Mann von reichen Kenntnissen nicht nur in 
der Theologie, sondern auf den verschiedensten Gebieten der Wissenschaft 
und Literatur. Seine bekannteste literarische Arbeit sind die in drei Auflagen 
verbreiteten »Klosterbilder aus Italien« (Stuttgart 1881; 2. Aufl. 1892; 3. Aufl. 
1893). Nach seinem Tode erscheinen »Gedenkblatter aus dem Leben und 
XachlaB des Domkapitulars Paul Stiegele«, wovon bis jetzt Band II, »Fasten- 
predigten«, herausgegeben von B. Rieg (Rottenburg 1904), vorliegt; die 
folgenden Bande sollen weitere Predigten und Vortrage, Band I ein Lebens- 
bild St.s enthalten. 

Vgl. »Augsburger Postzeitung« 1903, Nr. 46 vom 26. Februar. — »Kolnische Volks- 
zeitung« 1903, Nr. 177 vom 25. Februar. — Neher, Personalkatalog der Geistlichen des 
BUtums Rottenburg (3. Aufl., Schw. GmUnd 1894), S. 183. K. Lauchert. 

Cramer, Wilhelm, Weihbischof von Minister, * 3. Marz 181 5 zu Oelde in 
Westfalen, f 15. Marz 1903 zu Munster. — C. besuchte das Progymnasium 
zu Warendorf und das Gymnasium zu Munster, studierte dann Theologie an 
der Akademie zu Munster und wurde am 10. August 1838 zum Priester ge- 
weiht. Am 30. Oktober 1839 wurde er Kaplan zu Neuenkirchen bei Rheine, 
am 21. Oktober 1850 Pfarrer und Dechant zu Dulmen, Anfang 1864 Regens 
des Priesterseminars in Munster, am 21. Juni 1864 auch als Domkapitular 
investiert, Mai 1866 zugleich Direktor der Weltpriesterkongregation in Kevelaer. 
In den Kulturkampfsjahren, wahrend das Priesterseminar seit 1876 geschlossen 
war, der Bischof in der Verbannung weilte und eine Reihe von Pfarreien 
jahrelang verwaist standen, erwarb sich C. durch Abhaltung von Volksmissionen 
grofie Verdienste. Als der Bischof Johann Bernard Brinkmann 1884 aus der 
Verbannung zunickkehrte, ernannte er C. zum Domdechanten (als solcher 



70 



Cramer. Liebert. 



wurde er am 19. April 1884 installiert) und zum Weihbischof; am 13. Novem- 
ber 1884 prakonisierte ihn Papst Leo XIII. zum Bischof von Lykopolis /. /. /. 
und Weihbischof von Munster; am 21. Dezember 1884 wurde er von Bischof 
Brinkmann konsekriert. Er war auch papstlicher Hauspralat und Thronassistent 
— C. entfaltete auch als vortrefflicher religioser Volksschriftsteller eine un- 
ermudliche, segensreiche Tatigkeit. Als Pfarrer von Dulmen begriindete er 
1852 das Dulmener »Katholische Missionsblatt. Kin Sonntagsblatt zur religiosen 
Belehrung und Erbauung«, das er mehrere Jahrzehnte lang auch in seinem 
spatern Wirkungskreise fast ganz allein schrieb. Von seinen zahlreichen 
Gebetbiichern, Mahn- und Erbauungsschriften haben mehrere eine grofie Zahl 
von Auflagen erlebt und erfreuen sich noch einer grofien Beliebtheit. Als 
die bekanntesten darunter seien genannt: »Feuer und Schwert oder: Die 
heiligen Statten und Stunden« (Dulmen 1870; die folgenden Auflagen unter 
dem Titel:) »Auf nach Salems Hohen! oder: Die heiligen Statten und Stunden 
unseres Herrn in 40 Betrachtungen fur jeden Tag der heiligen Fastenzeit - 
(2. Aufl. 1873; 6. Aufl. 1898); »Die christliche Mutter« (Dulmen 1872; 
28. Aufl. 1899); »Der christliche Vater< (Dulmen 1873; 8. Aufl. 1897); -Die 
christliche Lehrerin < (Dulmen 1887; 4. Aufl. 1895); Der christliche Lehrer 
(Dulmen 1889; 2. Aufl. 1896). Grofiere Werke: > Das Kirchenjahr, oder 
Betrachtungen auf alle Tage des Kirchenjahres nach dessen Festen und Evan- 
gelien« (2 Bde., Munster 1877/78; 2. Aufl. 1894); »Der apostolische Seelsorger, 
oder der Seelsorger, wie er sein und wirken soll< (Dulmen 1889; 2. Aufl. 
1890; 3. Aufl. 1903); »Unser Adel oder die Kindschaft Gottes< (Dulmen 1892). 
Erwahnt sei noch die Schrift: »Wahrheit und Marchen, oder die Glaubens- 
entscheidung des 18. Juli. Ein Wort der Belehrung und Beruhigung- (Dulmen 
1870), und die Biographic: »Johann Bernard, Bischof von Miinster« (Wurz- 
burg 1875, Deutschlands Episkopat in Lebensbildern, III. Bd., 5. Heft). 

Vgl. E. Raflmann, Nachrichten von dem Leben und den Schriften Miinsterlandiscber 
Schriftstellcr, Neue Folge (Mtinster 1S81), S. 42 f. — »AIte und \cue Welt«, 37. Jahrg. 
1903, S. 571, mit Portrat. — »Literar. Handweiser« 1903, Nr. 788, Sp. 57of. — »Kolnische 
Volkszeitung« 1903, Nr. 235 vom 17. Marz. F. Lauchert. 

Liebert, Narzissus, O. S. B. } Rektor der Studienanstalt bei St. Stephan in 
Augsburg, * 18. Marz 1844 zu Augsburg, f 25. Marz 1903 daselbst. — L. be- 
suchte in seiner Vaterstadt 1854 — 1862 das Gymnasium der Benediktiner zu 
St. Stephan, trat dann im Stift St. Stephan in den Orden, legte am 20. Mai 1864 
Profefi ab, studierte an der Universitat Miinchen Theologie und Philologie und 
wurde am 30. Mai 1867 zum Priester geweiht. Im Herbst 1867 machte er das 
philologische Staatsexamen, am 27. Juni 1868 promovierte er in Wtirzburg zum 
Dr.phiL Seit Herbst 1868 wirkte er hierauf im Lehramt am Gymnasium St. Stephan, 
1868 — 70 als Gymnasialassistent, 1869 — 70 als Seminarprafekt, 1870 — 71 als 
Studienlehrer, 187 1 — 91 als Gymnasialprofessor. Schon bald lchrte er Latein und 
Griechisch in den beiden obersten Gymnasialklasscn, seit 1872 auch Hebraisch. 
Seit 187 1 war er auch Novizenmeister und Klerikerdirektor im Kloster. 1891 
wurde er Rektor der Gesamtstudienanstalt (Lyzeum und Gymnasium) und 
ubernahm auch die Professur fur Philologie und Padagogik am Lyzeum. L. 
war ein hervorragender Philologe und Schulmann, ein entschiedener Vertreter 
des humanistischen Bildungsideals. — Die schriftstellerische Tatigkeit L.s 



Liebert. Scbmid. Mitternitzncr. 



7* 



umfaQt auf philologischem Gebiete die Dissertation »De doctrina Taciti« 
(Wurzburg 1868) unci vier Hefte »Lateinische Stiliibungen« (Programme der 
kgL kath. Studienanstalt zu St. Stephan in Augsburg 1876, 1880, 1887, 1898); 
auf theologischem Gebiete Obersetzungen derHomilien des hi. Johannes Chryso- 
stomus iiber die Briefe des Apostels Paulus an die Epheser, an die Philipper und 
an die Kolosser (in: Ausgewahlte Schriften des hi. Chrysostomus, nach dem Ur- 
texte iibersetzt, Bd. VII, S. 169—558, Bd. VIII, S. 7—533, Kempten 1882 i, 
in der Bibliothek der Kirchenvater), und derDidache: »Die neu aufgefundene 
Lehre der zwolf Apostel, aus dem Urtexte iibersetzt* (Kempten 1885 in: Biblio- 
thek der Kirchenvater, Anhang zu den »Apostolischen Konstitutionen«). 

Vgl. »Augsburger Postzeitung« 1903, Nr. 70 vom 28. Marz (P. Beda Grundl). — 
Lindner, Die Schriftsteller des Benediktinerordens in Bayern, Bd. II (Kegensburg 1880), 
S. 255f.; Xachtrage (1884), S. 74. F. Lauchert. 

Schmid, Theodor, S. J., * 9. November 1837 zu Dillingen, f 9. April 1903. 
— Sch. trat am 27. September 1857 zu Gorheim in das Noviziat der deutschen 
Ordensprovinz der Gesellschaft Jesu ein. Nachdem er den gewflhnlichen 
Studiengang durchgemacht hatte, wurde er am 13. September 1868 zu Maria- 
Laach zum Priester geweiht. Er wirkte dann zwei Jahre in der Seelsorge zu 
Bonn. Seit der Verbannung aus Deutschland 1872 war er an der Stella 
matutina zu Feldkirch in vielseitiger Wirksamkeit tatig, als Lehrer der Reli- 
gion, Geschichte und Asthetik an den hoheren Gymnasialklassen, sowie 
als Prcdiger und Chordirigent. Schriftstellerisch machte sich Sch. als Asthetiker 
und Kunstkritiker auf dem Gebiete der Musik einen angesehenen Namen 
durch seine in den Stimmen aus Maria-Laach und in kirchenmusikalischen 
Organen veroffentlichten Beitriige. Als Buch erschien: »Das Kunstwerk der 
Zukunft und sein Meister Richard Wagner« (Freiburg i. Br. 1885; vorher in 
einer Reihe von Artikeln in den Stimmen aus Maria-Laach, Bd. 25 — 27, 1883^). 
Von seinen kleineren Arbeiten scien crwahnt: »Das Kunstschone in der 
Kirchenmusik* (im Cacilienkalender, herausgegeben von Haberl, Regensburg, 
fur 1883, 1884, 1885), und von seinen Beitragen zu den Stimmen aus Maria- 
Laach: »Kirchenmusikalische Briefe< (3. Bd. 1872, S. 505 — 513; 4. Bd. 1873, 
S. 436— 448, 571—583; 5- Bd- 1873, S- 277—288; 6. Bd. 1874, S. 71—83); 
Besprechungen der Passionsspiele von Vorderthiersee in Tirol (29. Bd. 1885, 
S. 511 — 526), Brixlegg (37. Bd. 1889, S. 364 — 381) und Oberammergau (39. Bd. 
1890, S. 405 — 429); vPrincipes musicae — Fiirsten der Tonkunst« (Palestrina 
und Orlando di Lasso; 47. Bd. 1894, S. 113 — 136, 264 — 286, Nachtrag 483 
bis 486); »Werke der Tonkunst aus Osterreichs alter und neuer Zeit« (49. Bd. 
1895, S. 151 — 175, 268 — 283); "Zur Choralkunde« (52. Bd. 1897, S. 175 — 199, 
289 -316); seine letzte Arbeit war ein eingehendes Referat iiber das Werk 
von R. Molitor, Die nachtridentinische Choralreform zu Rom, Bd. I und II, 
Leipzig 1901 f. (unter verschiedenen Titeln, 61. Bd. 1901, S. 404 — 414, 516 
bis 528; 65. Bd. 1903, S. 33—55, 555 572; 66. Bd. 1904. S. 84—93). 

Vgl. »Stimmen aus Maria-Laach «, 65. Bd. 1903, S. 33 f. F. Lau chert. 

Mitterrutzner, Johannes Chrysostomus, Can. reg. t emeritierter Gymnasial- 
direktor, * 30. Mai 18 18 auf clem Hollerhofe zu Tils bei Brixen, f 15. April 
1903 im Stift Neustift bei Brixen. — M. absolvierte die Gymnasialstudien 
1831 — 37 zu Brixen, wo sein geistlicher Oheim Forer, der fur seine Ausbildung 



72 



Mitterrutzner. 



sorgte, Prafekt des Gymnasiums war (f 1845), die philosophischen Studien 
1837 — 39 in Innsbruck und studierte dann in Brixen 1839 — 42 Theologie, 
wo unter seinen Lehrern Vincenz Gasser, der spatere Fiirstbischof von Brixen, 
als Professor des Alten Bundes und der orientalischen Sprachen, und Franz 
Josef Rudigier, der spatere Bischof von Linz, als Professor der Kirchen- 
geschichte waren. Unter Gasser, der auch sp£ter als Fiirstbischof sein grofler 
Gonner blieb, betrieb er mit besonderem Eifer das Studium der orientalischen 
Sprachen, aufier dem Hebraischen auch des Arabischen, Syrischen und 
Chaldaischen. Nach dreijahrigem Studium der Theologie trat er am 7. Sep- 
tember 1842 in dem Augustiner-Chorherrenstift Neustift bei Brixen in das 
Noviziat ein und erhielt statt seines Taufnamens Josef den Ordensnamen 
Johannes Chrysostomus; am 8. September 1843 legte er Profefl ab und wurde 
am 24. September 1843 zum Priester geweiht. Wahrend des folgenden Jahres 
horte er noch den vierten theologischen Kurs und bereitete sich zugleich auf 
das Gymnasiallehramt vor. Im Sommer 1844 kam er zum erstenmal nach 
Rom, wo er auBer anderen Wiirdentragern und Gelehrten insbesondere mit 
dem Kardinal Mezzofanti bekannt wurde. Zu einem zweiten langeren Studien- 
aufenthalt kehrte er 1846 nach Rom zunick, wo er diesmal von April 1846 
bis Mai 1847 blieb; am 16. Juni 1846, dem Wahltage Papst Pius 1 IX., wurde 
er Dr. theol. an der romischer* Universitat. Im Herbst 1847 wurde er Lehrer 
am Gymnasium zu Brixen, wo er abwechselnd Geschichte und Geographie 
und die klassischen Sprachen, als Freifacher auch modeme Sprachen lehrte. 
1852 ernannte ihn die Accademia di religione cattolica in Rom zu ihrem ordent- 
lichen korrespondierenden Mitglied. Seit 1851 nahm sich M. mit groBem 
Eifer der Angelegenheiten der afrikanischen Mission an; in diesem Jahre kam 
der apostolische Provikar fur Zentralafrika, Dr. Ignaz Knoblecher, den er 
schon in Rom kennen gelernt hatte, auf einer Reise nach Brixen, um den 
Marienverein zur Forderung der katholischen Mission in Zentralafrika auch 
in dieser Diozese einzuftihren. Als Vertreter des Marienvereins sammelte M. 
unermudlich Geld fur die Mission, stand den Missionaren mit Rat und Tat 
zur Seite und wurde zu alien wichtigeren Angelegenheiten der Mission zu 
Rate gezogen. 1856 reiste er selbst nach Alexandria, um acht Negerknaben, 
die in Europa ausgebildet werden sollten, abzuholen. Nach dem Tode 
Knoblechers 1858 wiinschten die Missionare dieses Missionsbezirkes ihn als 
apostolischen Provikar in Chartum; er begab sich aber zu personlicher Ver- 
handlung mit der Propaganda nach Rom und bewirkte die Ernennung des 
P. Matthaus Kirchner. Aus Manuskripten von Missionaren und nach miind- 
licher Anweisung eines nach Brixen gekommenen Negers verfaflte er in den 
sechziger Jahren die Werke: »Die Dinka-Sprache in Zentralafrika. Kurze 
Grammatik, Text und W6rterbuch« (Brixen 1866) und »I)ie Sprache der Ban 
in Zentralafrika. Grammatik, Text und W6rterbuch« (Brixen 1867). In An- 
erkennung dieser Arbeiten verlieh ihm 1867 das Institut de VAfrique in Paris 
das Diplom als President d'honneur. Wahrend des Vatikanischen Konzils war 
er als Geheimschreiber des Generalsekretars des Konzils, des Bischofs Fefiler, 
wieder in Rom. Im Jahre 1873 wurde er Direktor des Gymnasiums zu Brixen; 
1 89 1 legte er wegen fortgeschrittenen Alters und zunehmender Kranklichkeit 
dieses Amt nieder und erhielt den Titel eines k. k. Schulrates; er lehrte dann 
noch zwei Jahre am Gymnasium Italienisch, 1892/93 auch Geschichte. Im 



Mitterrutzner. 



73 



Sommer 1893 kehrte er dann in das Stift Neustift zuruck und lebte hier die 
letzten zehn Jahre bis zu seinem Tode. — M. besafi eine hervorragende 
linguistische Begabung; neben der in den Studienjahren erworbenen Kenntnis 
der klassischen und orientalischen Sprachen beherrschte er eine grofiere Zahl 
von modernen Sprachen (Italienisch, Franz6sisch, Spaniseh, Portugiesisch, 
Rhatoladinisch, Englisch, Niederlandisch, Slovenisch, Danisch), wozu noch 
die schon erwahnten Negersprachen kommen; diese vielseitige Sprachkenntnis 
erwarb ihm den Beinamen des tirolischen Mezzofanti. Von philologischen 
Arbeiten sind neben den oben genannten zwei Grammatiken die als Brixener 
Gymnasialprogramme veroffentlichten Arbeiten zu nennen: »Leichte Methode 
fur Lateiner, Italienisch zu lernen, oder: Abstammung und Verwandtschaft 
der italienischen Sprache« (Innsbruck 1851); »Die rhatoladinischen Dialekte 
in Tirol und ihre Lautbezeichnung« (Brixen 1856); »Slavisches aus dem ost- 
lichen Pustertale« (1879). Unter seiner iibrigen schriftstellerischen Tatigkeit 
nehmen die biographischen und hagiographischen Arbeiten die erste Stelle 
ein, von denen genannt seien: »Das Leben des ehrwiirdigen Dieners Gottes 
Vincenz Maria Strambi aus der Kongregation der Passionisten, Bischof von 
Macerata und Tolentino (geb. 1745, gest. 1824). Nach den Akten des Selig- 
sprechungsprozesses bearbeitet« (Schaffhausen i854);»KurzeLebensbeschreibung 
des hochw. Herrn Alois Haller, apostolischen Missionars zu Chartum in Zentral- 
afrika (geb. 1820, gest. i854)« (Innsbruck 1855); »Leben und Verehrung der 
hi. Agnes, Jungfrau und Martyrin« (nach dem Italienischen; Innsbruck 1859; 

2. Aufl. 1877); »Das Leben des seligen Paul vom Kreuze, Stifters der Kon- 
gregation der Passionisten « (aus dem Italienischen tibersetzt; Innsbruck i860); 
»Dr. Ignaz Knoblecher, apostolischer Provikar der katholischen Mission in 
Zentralafrika« (Brixen 1869); » Josef Kardinal Mezzofanti, der groBe Polyglott« 
(zuerst als Programm, Brixen 1885; 2. Titelauflage Wien 1885); »Fragmente 
aus dem Leben des Fragmentisten (J. Ph. Fallmerayer)« (Brixen 1887); »Ein 
Blatt der Erinnerung an die katholischen Missionare aus Tirol in Zentral- 
afrika« (Brixen 1890). Von anderen Arbeiten seien noch genannt: >Immer- 
wahrender katholischer Hauskalender. Ein vollstandiges Handbuch f iir katholische 
Familien« (mit Nikolaus Rothmuller; 2 Bde., Innsbruck 1848 — 51; 2. Aufl. 
1869 — 76); ^Conspectus hierarchiac catholicae per orbem t err arum tempore concilii 
oecumenici Vaticani* (Brixen 187 1). Aus dem Italienischen ubersetzte M. ins 
Lateinische: +Angclo Scotti, Afeditationes ad usum c/eri, per singulos anni dits 
sumptae ex Dominicarum eimngeliis* (4 Bde., Innsbruck 1854 — 55); aus dem 
Franzosischen ins Deutsche die »Betrachtungen fur Priester* von Chaignon 
(in 4 Bdn., Brixen 1870 — 72; die folgenden Auflagen in 5 Bdn., 2. Aufl. 1879^, 

3. Aufl. 1884 f., 4. Aufl. 1 89 if.). Fur die Kemptener Bibliothek der Kirchen- 
vater lieferte er den L, II., V. und X. Band der »Ausgewahlten Schriften des 
heiligen Chrysostomus, nach dem Urtexte ubersetzt« (1869 — 84). Nach seinem 
Tode erschien seine Autobiographic unter dem Titel: »Aus dem Schatze der 
Erinnerungen eines gliicklichen Menschen« (veroffentlicht und erganzt von 
Eduard Jochum, Brixen 1903; mit Portrat). 

Vgl. fcrner J. M. Schmidinger, Der letzte SchUler Mezzofantis; in der aAugsburger 
Postzeitungc 1903, Nr. 99 und 100, vom 3. und 5. Mai. — »Zeitschrift des Ferdinandeums 
fUr Tirol und Vorarlberg«, 3. Kolge, 47. Heft, 1903, S. 321 — 324 (mit Portrat zu S. 315). 

F. Lau chert. 



74 Beyschlag. 

Beyschlag, Robert, Genremaler, * i. Juli 1838 zu Nordlingen, f 5. De- 
zember 1903 in Miinchen. — B. entstammt ciner alten Familic, aus welcher 
schon viele namhafte Gelehrte unci Kunstler, inshcsondcre im Baufache, her- 
vorgingen. Auch Wissenschaft und Theologie sind inbegriffcn. — Seine 
rechtzeitig erkannte Begabung fiihrte ihn auf die Miinchener Akademie zu 
Philipp Foltz »aus Bingen« (wie der schrullenhafte aber ttichtige Lehrer sich 
zum Unterschiede von alien ubrigcn ^Foltzen und Yoltzen^ zu bezeichnen 
beliebte), der gerade damals ein zahlreiches Hauflein riistigcr Talente bei- 
sammen hatte, darunter Theodor Pixis, WeiBbrod, Hauschild, Schwoiser, 
Jos. Munsch, Heinrich Spiefl, Karl Baumeister u. a., welche das frisch 
aufbliihende »Jung-Muncheiv< — auch eine Art artistischen Hainbund t 
(lessen Geschichte noch eines Biographen harrt — bcgrundeten, zu (lessen 
frohlichen Festen B. riistig beitrug. Foltz hielt i\cn vielversprechenden Kunst- 
jiinger hoch; ihm imponierte auch sein klassisch geformter Kopf, welchen 
der doktrinare Professor eines kleinen Fehls wegen immer als eine > beschadigte 
Antike« pries. Mit seinen kleinen, mit Vorliebe mittelalterlich kostiimierten, 
(lurch guten Formensinn und feines Farbengefiihl ansprechenden, grofltenteils 
etwas lyrisch-sentimental angesauselten Bildern machte B. viel Gluck. Es 
gab da »Gretchen«, libellenhafte »Psyehen und Quellennymphen, Liebende, 
die ihr verschlungenes Monogramm einem alten Linden- oder Buchenbaum 
einschneiden, zartliche »Xachbarkinder<< und > Fruhlingsgriille , gluckliche, mit 
ihren holden Sprofilingen spielende Frauchen, eine »Erwartung« a la Schiller, 
wobei der schlafende Freund mit Kiissen geweckt wird. Bisweilen kleidete 
er ahnliche Stimmungen in das moderne Leben, es gab dann > Geburtstags- 
gratulationen«, »l T nterhaltungcn am Brunnen , Abschieds- und dergleichen 
nasse Szenen. Auch mit antiken Stoffen versuchte er sich, gleichfalls gliicklich: 
an einer Iphigenie, Orpheus und Eurydike, einem flotenden Hirtenparchen: 
>() du gluckliche Jugend!' Tnter dem Titel Frauenlob' veranstaltete er 
eine Internationale Sammlung von anmutigen und schonen, verschiedene 
Jahrhunderte reprasentierenden Frauenk&pfen: aus der hellenischen Welt, 
mit Oberspringung der Pfahlbauten aus dem Fruh-Christentum, der ; Gotik , 
der hollandischen und venetianischen Bltitc, im Charakter der Renaissance, 
des Rokoko, der Revolutions-, Empire- und Biedermaier-Zeit. Wiederholte 
Reisen nach Paris und Italien gaben gar keinen neuen Zuwaehs. — Ganz 
nach dem historischen - Rezept seines Meisters make B. eine Freske in die 
Galerie des bayerischen Nationalmuseums, wie d.udwig der Kelheimer mit 
dem Sultan Kamel iiber den Abzug der Kreuzfahrer unterhandelt* (1221) — 
ein »recht gut komponiertes , fest gezeichnetes und frisch koloriertes Exempel 
der damaligen Geschichtsmalerei. Dann kehrte B. in das ihm ganz zustandige 
Repertoire zuriick: Er brachte anmutende Familienszenen, wobei auch der 
leise mitspielende Humor dem Kunstler neue Freunde gewann, darunter 
»\Valdhuters Tochterlein , Die beiden Hasen« und der »Liebesdienst'< (wie 
ein kleines Stumpfnaschen ihrem Briiderchen die zerrissenen Inexpressibles 
zunaht) und dergl. Eine grolJe Anzahl fortgesetzter Krzeugnisse seines 
Fleifies, in Holzschnitt und Photographie reproduziert, darunter auch sehr 
ansprechende Bildnisse, sicherten ein dankbares Publikum dem gemutreichen 
Kunstler, welcher nach dreiwochentlicher Kraukheit einem glucklichen 
Familienleben entrissen wurde. F^ine Ausstellung seines Nachlasses im 



Beyschlag. BUrgel. 7 c 

Miinchener Kunstverein brachte 34 grSfitenteils ganz vollendete, mitunter 
aus der Glanzzeit seines Schaffens stammende Bilder und Studien; sie wurden 
am 10. November 1904 durch Carl Maurer versteigert. 

Vgl. Pccht: Geschichte der Miinchener Kunst 1888 S. 242. — Singer 1895 I 122. — 
Fr. von Botticher 1895 * 89 flf. (dabei sind 63 Nummern gewissenhaft in historischer 
Reihenfolge aufgezahlt). — Nekrologe in Nr. 340 »AUgem. Ztg.«c 8. Dezember 1903. — 
Kunstvereinsbericht fUr 1903 S. 67. Hyac. Holland. 



Burgel, Hugo, Landschaftsmaler, * 14. April 1853 in Landshut, f 3. Juli 
1903 zu Munchen. — B., Sohn eines 1869 zu Regensburg verstorbenen 
Oberpostinspektors, absolvierte das Gymnasium und widmete sich der militari- 
schen Laufbahn. Seit 1876 mit der Tochter des Philosophen und Universitats- 
professors Dr. Karl von Prantl (f 1888) verheiratet, beschaftigte sich B. in 
mehr als dilettantischer Begabung mit der Malerei, nahm 1886 einen ein- 
jahrigen Urlaub, welchen er unter August Finks Leitung so energisch be- 
nutzte, dafi er den EntschluB faflte, den militarischen Beruf mit dem kunstle- 
rischen zu vertauschen. Im Marz 1887 nahm B. seinen Abschied als 
Oberleutnant und debutierte mit Bildern aus dem Isartal (namentlich mit 
einer »Fernsicht auf die Zugspitze«) im Kunstverein und in den Jahresaus- 
stellungen des Glaspalastes. Nach Eugen von Stielers Riicktritt wurd B. als 
erster President der Miinchener Kunstgenossenschaft gewahlt, verzichtete aber 
bald auf diese Stelle, um als Vorsitzender an die Spitze der sogenannten 
Luitpoldgruppe zu treten. Mit feiner Empfindung ausgestattet, wahlte er am 
liebsten weiche, in verschleierter Atmosphare verfliefiende Stimmungsbilder, 
wozu die Eindriicke der oberbayerischen Landschaft mit ihrem Flufl-, Seen- 
und Moorgebiet die wechselreichsten Motive boten. Seine alle Jahres- und 
Tageszeiten abspiegelnden, immer in zarten Duft gehiillten Bilder wirken 
ungemein beruhigend, sozusagen kontemplativ, in einer Art unendlicher 
Melodie, mit einem alle festeren Konturen einlullenden Nirwana. Deshalb 
ermiidete auch eine Gesamtausstellung seiner Werke, wie man selbe im 
Dezember 1903 veranstaltete, den Beschauer, wahrend in kleinerer Auswahl 
unser Interesse immer gefesselt wird. »Jedenfalls war der Kunstler in seiner 
ganzen Entwicklung noch nicht zum Abschlufl gekommen, iyid der Tod hat 
ihn gehindert, seine letzten malerischen Absichten vollkommen zum Ausdruck 
zu bringen. Doch ist das, was er uns gegeben, genug, um sich daran immer 
wieder zu erfreuen« und sein fruhes Scheiden zu beklagen. Die Liebe zur 
Natur ist sein Glaubensbekenntnis, seine Religion, sein Alles, Hochstes. Ein 
triiheres Eintreten in den artistischen Berufskreis ware, wie bei J. V. von 
Scheffel, von gunstiger Folge gewesen. Seine vornehmen Zuge hat \V. Thor 
in einem trefflichen Bikinis festgehalten. Seine zahlreichen Freunde bereiteten 
ihm vor der Uberfiihrung zur Feuerbestattung nach Jena eine glanzende 
Ovation. 

Vgl. »Das geistige Deutschland* 1898 S. 94. — Alexander Heilmeyer im Miinchener 
Kunstvereinsbericht ftir 1903 S. 68. — Eine ver>tandnisinnige Besprechung von B.s Ge- 
samtausstellung seiner Bilder in Nr. 562 der »MCinchener Xeuesten Nachrichten« vom 
J. Dezember 1903. 

Hyac. Holland. 



76 Dennerlein. Eberlc. 

Dennerlein, Thomas, Bildhauer, * 1847 in Mitterteich (Oberpfalz), 
f 24. Januar 1903 zu Miinchen. — Als der Sohn eines Lehrers fruhzeitig im 
Zeichnen geiibt, tat D. sich schon auf der Kunstgewerbeschule durch originelle 
Entwiirfe, z. B. zu einem Schwarzwalder Uhrgehause, einem Handspiegel und 
dergl. hervor; auch Silhouetten 4 la Konewka (die vier Jahreszeiten, Arm 
und Reich, Sommernachtstraum, Bettelmusikanten, Jagd) und Projekte zu 
kunstgewerblichen Schopfungen wie Tiirklopfern, Tafelaufsatzen, Leuchtern, 
Tellern, Pokalen gingen aus seiner Hand hervor. Nach Ableistung seiner 
Militarpflicht im Kriege 1870/71 und wiederholten Studienreisen in Italien, 
wurde D. in hervorragender Weise bekannt durch sein Kriegerdenkmal fur 
Ulm. Darauf folgte das Modell zum kolossalen Adler mit der Merkur- und 
Neptun-Gruppe am Giebel des neuen Bahnhofgebaudes in Miinchen und die 
allegorischen, jede einen 200 Zentner schweren Merlera-Steinblock aus Istrien 
erfordernden Figuren der Regententugenden (Wahrheit und Gerechtigkeit) am 
dortigen KSnigssalon. In seine eigentlichste Bahn kam D., als Oberbaurat 
G. v. Neureuther ihm die plastische Dekoration an seinen Bauwerken, am 
Polytechnikum und neuen Kunstakademie-Gebaude, ubertrug. Hierfiir schuf D. 
nicht nur einen frOhlichen Kinderfries, sondern auch die imposante Giebel- 
Bekronung mit der klassischen Gestalt der Pallas Athene und den Nebenfiguren 
der »Poesie« und »Wissenschaft«. Die »Pallas«, welche, obwohl im Innern 
hohl, doch 45 Zentner Ton erforderte, wurde durch die Firma Villeroy und 
Boch in Mettlach gebrannt, eine vordem noch nicht ausgefuhrte Leistung. 
Von gleichem Kaliber waren jene, die pyramidale Gruppe harmonisch ab- 
schliefienden, sitzenden Seitenfiguren. Weitere Arbeiten D.s bildeten das 
Denkmal fiir den Dichter Karl Stieler in Tegernsee, das sinnige Grabmal 
fur Professor Dr. Gustav Heyer, dazu die prachtvolle Buste Gottfried von 
Neureuthers. Ein lebensgrofier Crucifixus kam in die Krypta der herzoglichen 
Familie zu Koburg. Aufierst anmutige Arbeiten lieferte D. mit einem zier- 
lichen Pagen iiber der Toreinfahrt im Hause der Baronin von Hormayer und 
der Grabfigur eines gefliigelten M&dchens. Dann entstanden die ReprSsentanten 
der »Chemie und Mathematik« (an der Luitpold-Kreisrealschule) und die 
»Industrie« als Giebelschmuck an der Hypotheken- und Wechselbank, und 
das Wappenschild an der k. Kriegsschule. Einen ehrenden Ruf an die 
Kunstgewerbeschule in Pforzheim (1876) lehnte er ab, dafur erfolgte die 
Verleihung des Professortitels an der Akademie und die Aussicht auf ehren- 
voile Bestellungen. D. war ein echter idealer Kiinstler, ein Mann ohne Arg 
und Falsch, eine edle, treue Seele. 

Vgl. Liitzows Zeitschrift 1886 XXI 673. — Fr. Pecht, Geschichte der Mttnchener 
Kunst 1888 S. 310 (mit Abb. der »PalIas«). — »Das gcistige J)eutschland« 1898 S. 123. 
— »Allgem. Ztg.« Abendblatt Nr. 27. 1903. — Kunstvereinsbericht fUr 1903 S. 68. 

Hyac. Holland. 

Eberle, Syrius, Bildhauer, k. Professor, * 9. Dezember 1844 zu Pfronten 
(Allgau), f 12. April 1903 zu Bozen. — E. fand im Hause des Vaters, eines 
landlichen Schreinermeisters, friihe Gelegenheit zum Schnitzen und Zeichnen; 
die Sehnsucht mehr zu lernen, fiihrte ihn 1862 nach Miinchen. Hier nahm 
sich der vielbeschaftigte Bildhauer Jakob Bradl mit praktischer Unterweisung 
seiner an, so dafi K. mit 21 Jahren Aufnahme an der k. Kunstakademie 



Eberle. 



77 



linden konnte und bei Professor Max Wiedemann 1866 — 1872 schnelle Fort- 
schritte raachte. Mit einer groflen Gruppe: wie ein verwundeter Soldat, von 
einem anderen unterstutzt, wahrend eine barmherzige Krankenpflegerin den 
zerschossenen Fufi verbindet, jubelnd seinen Mitstreitern den Sieg verkundet 
(vgl. Fr. Pecht in Beil. 208 »Allgem. Ztg.« 25. Juli 1872), erhielt E. die erste 
Auszeichnung und damit ein Stipendium, welches er zu einer Studienreise 
nach Norddeutschland verwendete, worauf er zu Miinchen in F. X. Rietzlers 
Atelier 1 ) zahlreiche Heiligenstatuen und Gruppen schuf, von denen die 
meisten nach iiberseeischen Landern, insbesondere nach Brasilien und Peru 
gelangten. Langere Zeit im Atelier des riihmlichst bekannten Bildhauers 
und Akademie-Professors Josef Knabl als Assistent verwendet, trat nach 
dessen am 3. November 1881 erfolgten Ableben E. als Nachfolger in diese 
Stelle. Schon fruher hatte ihn K&nig Ludwig II. mit mancherlei AuftrSgen 
betraut: fiir ihn modellierte E. die von grofier Phantasie zeugenden, zierlichen 
Projekte zu einem Tafelaufsatz, zu einem Schlitten und Prunkwagen (die 
Gipsmodelle dazu erschienen 1903 auf der Munchener Jahresausstellung im 
Glaspalast). Auch fertigte er eine lebensgrofie Statue des Konigs fiir die 
Aula des Munchener Polytechnikums (1882). Zwei Jahre vorher wurde das 
nach E.s Modell in bronziertem Zinkgufl ausgefiihrte, in Auffassung und Durch- 
bildung zu den besten Arbeiten zahlende Kriegerdenkmal zu Kempten ent- 
htillt, einen zu Tode getroffenen sterbenden Helden zeigend, uber welchem 
eine herrliche Viktoria den Siegeskranz halt. Sein Projekt fiir den monu- 
mentalen Brunnen zu Lindau erhielt 1882 den zweiten Preis. Bei der Kon- 
kunrenz um das Munchener Denkmal fiir Franz Xaver Gabelsberger, den 
Urheber der nach ihm benannten Stenographic, siegte E. uber 17 Bewerber; 
er hat den genialen Forscher, ganz im Kostiim seiner Zeit, sitzend, mit Stift 
und T&felchen in den H&nden, im tiefsten Sinnen iiber seine Erfindung, zur 
wirksamsten Darstellung gebracht. Ebenso gliicklich ist die Charakteristik 
der Briider Grimm fiir Hanau: Wilhelm, stehend, schaut dem forschenden 
Jakob — der sitzenden Figur ist ein Mantel iiber die Knie drappiert — in 
das gemeinsam gearbeitete Worterbuch. Die einen lehrenden Greis und eine 
Marchen-Erzahlerin vorfiihrenden Seitenreliefs am Sockel sind im antiken 
Stil gehalten — jedenfalls ware eine etwa an Ludwig Richters Innigkeit 
streifende Behandlung besser am Platze gewesen! Der Aufbau des Ganzen 
und die Charakteristik der unzertrennlichen Briider erhebt das Werk zu einer 
echt deutschen, nur mit Rietschels »Goethe und Schiller* vergleichbaren 
Sch5pfung. Ebenso selbstverstandlich wie monumental wirken an der die 
Isar uberspannenden Ludwigsbriicke in Miinchen, die je dritthalb Meter 
hohen, »Industrie« und »FloBfahrt« reprasentierenden groflziigigen Kalkstein- 
Figuren. Erstere wird durch eine kraftige, weibliche, durch Rad, Hammer 
und Ambos hinreichend gekennzeichnete Gestalt vertreten, die flott drapiert. 
mit energischem Sinne ihrer Probleme gedenkt; die FlOfierei, zwar keine 
Tolzer- oder Lenggriefier Kostiimfigur, aber doch hinreichend kenntlich, sitzt 
rudernd, in windflatternder Gewandung auf seinem Holzstofi: ein imponierendes 
Sinnbild der Bemeisterung des wilden Bergwassers. Zwischendurch gingen 



J ) Vgl. Biographisches Jahrbuch ftir 1900 V, 137. Aus Rietzlers Nachlafl wurden 
120 Heiligenfiguren am 14. September 1904 versteigert. 



78 Eberle. Eisenhut. 

noch viel andere Arbeiten: Ein ritterlicher S. Georg als Drachenstecher an 
der siidostlichen Ecke des mit Skulpturen uberhaupt so frohlich ausgestatteten, 
von dem geistvollen Hauberrisser erbauten neuen Rathauses, drei Figuren 
fiir das Reichstagsgebaude in Berlin, tanzende Amoretten, ein Grabmal fur 
Wiirzburg usw. Mit ganzer Hingabe arbeitete der energische Kiinstler an 
einer Reiterstatue Kaiser Wilhelms fiir Niirnberg; aber es war ihm nur mehr 
die Fertigstellung des lebensgrofien Modells gegonnt, dessen Ausfiihrung 
Rumann ubernahm. Vielfach in hastender Arbeit erschopft, suchte der tiber- 
miidete Mann Krholung in Siidtirol, wo ihn am Ostersonntag im schonen 
Bozen der Tod iiberraschte. Aus schlichten Verhaltnissen durch eigene 
Kraft emporgearbeitet, blieb er dennoch zeitlebens ein iiberaus einfacher, be- 
scheidener Mann, der moglichst zuriickgezogen nur seinen kunstlerischen 
Aufgaben und seiner Familie lebte. Vom eigenen Schaffen nie leicht be- 
friedigt, strebte er, ein echter Kiinstler, mit verzehrendem Eifer fiir jedes be- 
gonnene Werk die moglichst vollendete Formgebung zu erreichen. Eine 
Obersicht seiner plastischen Entwiirfe und Skizzen fullte auf der Miinchener 
Jahresausstellung 1903 einen ganzen Saal. 

Vgl. Fr. Pecht, »Geschichtc der Munchcner Kunst« 1888 S. 308. — »Kunst fiir Alle«c 
1889 IV 145 und 172 (mit Abbildung des Grimm-Denkmals). — Pecht in Beil. 292 »Allg. 
Ztg.« 22. Oktober 1885 liber das Gabelsberger Denkmal, dessen Abbildung in Nr. 45 
»0ber Land und Meer« 1890 64 Bd. S. 604 und Nr. 2457 »IUustr. Ztg.« Leipz., 2. August 
1890. — >St. Georg« in der »Vereinsgabe der Gesellschaft far christl. KunsU 1893. — 
»Das geistige Deutschland* 1898 S. 145. — Nekrolog (von Max Flirst) im Jahresbericht 
des »Vereins fiir christl. KunsU 1903 S. 14 fT. Hyac. Holland. 

Eisenhut, Ferencz, Genremaler, * 26. Januar 1857 zu Nemet-Pal&nka 
(Ungarn), f 2. Juni 1903 in Miinchen. — Seine ersten Studien machte E. an 
der Zeichnungsschule zu Budapest; seit 1888 in Miinchen an der Akademie 
unter W. von Diez kultivierte er mit aufierordentlicher koloristischer Be- 
gabung sein eminentes Talent. In seinen ganz vom Geiste des Orients durch- 
hauchten Bildern hatte er auf vielfachen Wanderziigen nach dem Kaukasus, 
der Tiirkei, Syrien, Agypten und Nordafrika unzahlige fremdlandische Stoffe 
gesammelt: ein kulturhistorischer Ethnograph unter seinen Kollegen. Er 
kannte das Leben in alien Erscheinungen und freute sich, wie Freiligrath als 
Dichter, uns solche Szenen in scharf charakterisierender Zeichnung und in 
der Farbenpracht der siidostlichen Welt vorzufiihren. So malte er die 
Haremsfrauen und Sklavenhandler, das Treiben und Drangen in arabischen 
Moscheen, das Marktgewiihl in den Straflen Kairos mit den seltsamen 
Industrien, mit der hochnotpeinlichen Justiz, den maurischen Badern und 
Caf^s, mit Geldwechslern in Tiflis, Tscherkessen- und Kosaken-Tanzen, 
Tatarenschulen in Baku, mit den mohammedanischen Studenten in Kairo und 
ihren gottesgelehrten Koran-exegesierenden Professoren, mit Strafiengauklern, 
bartigen Kriegern, Kaufleuten, Schuhflickern und Pfeifenbohrern, Teppich-, 
Schmuck- und Waffenhandlern in den Bazaren und Karawansereien aller 
Art. Anfanglich noch hart und trocken, wie in der »Paldnka-Illocker Dampf- 
fahre« (»Illustr. Welt« 1883 Nr. 39), fand er sich blitzschnell in Farbe, Zeich- 
nung, Stimmung und der Bewaltigung seiner Stoffe zurecht; wie ein Dichter 
griff er hinein in den vollen Volkertrubel und wo er ihn packte, da war es 



Eisenhut. Gessner. 



79 



auch interessant Was Bogumil Goltz mit der Feder schildert, erzahlt uns 
E. in kecken, lebenspruhenden Farben und mit vornehmer, wohlerwogener 
Technik. Das gruppiert sich von selbst vor den Toren einer nordafrikani- 
schen Stadt, mit Pferde- und Eselreitern und Kamelkarawanen, mft dem 
sinnberiickenden, zu einer ganzen hollischen Symphonie anwachsenden GelSrm 
und Geschrei bei Hahnenkampfen, dem Ausrufen der Wasserverkaufer, mit 
den schlangenbandigenden Musikanten , Minaretsangern , Tarabukapaukern, 
naselnden Tanzerinnen und den ernsten Briefschreibern, Rechtsanwalten und 
Marchenerzahlern ; alles in kiihler Morgenstimmung oder heifiem bleischweren 
Tagesglast, mit dem Hintergrunde weifier Mauern und schongeschwungener 
Kuppeln. Das ist der echte Orient, da weifi man doch warum man lebt! 
Auch eine »Heilung« durch Besprechung und »t)berlesen« mit Koranversen 
— wie eine Szene aus Hariris »Makamen« — den Tod des ehrwurdigen 
Btiflers, Weltweisen und Pilgers Giil-baba zu Ofen (beide im Besitz des Kaisers 
von Osterreich) und die grolie »Schlacht von Zenta« (1897 in Munchen, 
Eigentum des Bacs-Bodroger Komitates) hat er uns vorgefiihrt. Immer neue 
wechselreiche Stoffe folgten (bettelode Marabuts; gefesselte Sklavinnen im 
Harem, Kriegsbeute) voll unermudlicher Frische, welche durch Photographie 
und Holzschnitt vervielfaltigt wurden, wahrend die Originale nicht nur in 
den Kunstlervereinen, sondern auch bei hohen und allerhochsten Kunst- 
freunden, in den Galerien zu Wien, Budapest, Berlin und Munchen ihre 
ehrende Stellung fanden. Die Miinchener Kunstausstellung, auf welcher der 
Maler mit drei Bildern vertreten war, hatte kaum ihre Sale geftffnet, als E. 
nach kurzer schwerer Krankheit aus dem Leben schied. Seine zahlreichen 
Freunde und Landsleute bereiteten ihm beim Begrabnis eine besondere 
Ovation. 

Vgl. Singer 1895 I 393 (5 Zeilen!) — Fr. v. Botticher 1895 1 2 ^°- — »Das geistige 
Deutschlanck 1898 S. 154 Nr. 153. — »Allgem. Ztg.cc 4. Juni 1903. — Kunstvereinsbericbt 
1903 S. 69. — Nr. 3149 »Illustr. Ztg.« Leipz. 5. November 1903. 

Hyac. Holland. 



Gessner, Adolf, Frauenarzt, ordentlicher Professor und Direktor der Kg]. 
Universitatsfrauenklinik in Erlangen, * 4. Februar 1864, f 24. Januar 1903. — 
G. war der Sohn eines Baurats zu Friedbcrg in Oberhessen. Er studierte seit 
1883 Medizin in Giefien und Erlangen, erlangte die medizinische Doktor- 
wurde in Erlangen 1889 auf Grund einer Dissertation: »Mikroskopische 
Untersuchungen liber den Bakteriengehalt der menschlichen Hand«, wurde 
1890 approbiert, war kurze Zeit Assistent an der Wasserheilanstalt Michelstadt 
in Oberhessen, dann Assistent an der Frauenklinik in Erlangen, wo er sich 
habilitierte, war hierauf seit 1893 Assistent an der Universitats-Frauenklinik 
in Berlin und erhielt 1901 als Nachfolger Frommels das Ordinariat der Ge- 
burtshilfe und Gynakologie sowie das Direktorat der Frauenklinik in Erlangen. 
Aufler der oben genannten Doktordissertation veroffentlichte G. Abhandlungen 
uber die Nachgeburtsperiode, iiber mikroskopisch-anatomische Diagnose in 
der Frauenheilkunde, sogen. Stuckchendiagnose liber Geschwlilste u. a. 

Vgl. die im Vircbowschen Jahresbericht von 1903 I, S. 414 angegebenen Nekrologe. 

Pagel. 



80 Fuchs. Gebhard. Goll. Hadra. 

Fuchs, Siegmund, Physiolog und Ordinarius in Wien, * 9. August 1859, 
f 30. Juli 1903. — F. war der Sohn eines Apothekers zu Neusiedl am See 
in Ungarn, studierte Medizin in Wien seit 1878, besonders unter Briicke, Exner 
und v. Fleischl, war Assistent bei Langer, widmete sich anfangs der Augen- 
heilkunde, wurde 1890 Assistent am physiologischen Institut, habilitierte sich 
1895 mit der Abhandlung uber die galvanischen Vorgange in der Netzhaut, 
gab mit Immanuel Munk in Berlin das »Zentralblatt fur Physiologies heraus 
und wurde 1867 zum ordentlichen Professor fiir Anatomie und Physiologie 
der Haustiere an der Hochschule fiir Bodenkultur in Wien ernannt. F. be- 
kleidete diese Stellung bis zu seinem in Vorderbriihl bei Modling erfolgten 
Tode. Er ist Verfasser zahlreicher wertvoller Arbeiten auf seinem Spezial- 
gebiete. Das Verzeichis findet sich in den Yiekrologischen Quellen, die in 
dem unten angegebenen Jahresbericht verzeichnet sind. 

Jahresbericht von Virchow (Waldeyer-Posner) von 1903 I, S. 414. Pagel. 

Gebhard, Carl, Frauenarzt und Universitatsprofessor der Gynakologie und 
Geburtshilfe in Berlin, * 26. Oktober 1861 in Karlsruhe (Baden), f 27. De- 
zember 1903. — G. studierte in Berlin, hauptsachlich unter Olshausen, Dr. mcd. 
1887, war seit 1889 Assistent an der Kgl. Universitats-Frauenklinik (Berlin), 
seit 1894 Privatdozent fiir Geburtshilfe und Gynakologie an der Universitat 
zu Berlin und wurde 1899 zum Professor ernannt. G. wirkte seit 1889 als 
Frauenarzt in Berlin. Er veroffentlichte: »Pathologische Anatomie der weib- 
lichen Sexualorgane« (Leipzig 1899) — »Die Menstruation* (in Veits Hand- 
buch der Gynakologie 1898). Wahrend des Sommersemesters 1898 und des 
Wintersemesters 1899 erledigte G. in Greifswald einen ministeriellen Lehr- 
auftrag. Er war ein ausgezeichneter und beliebter Lehrer. 

Vgl. die in Virchows (Waldeyer-Posner) Jahresbericht von 1903 I, S« 414 angegebenen 
nekrologischen Quellen. Pagel. 

Goll, Friedrich, ordentlicher Professor der Pharmakologie in Zurich, * 1. Marz 
1829 in Ziirich, f 12. November 1903 daselbst. — G. studierte in seiner 
Vaterstadt, sowie in Wiirzburg und Paris, liefi sich 1853 in seiner Vaterstadt 
als Arzt nieder, habilitierte sich 1862 daselbst als Dozent und erlangte spater 
die erstgenannte Stellung, die er bis 1901 bekleidete, wo er in den Ruhe- 
stand trat. G. ist hauptsachlich in der Literaturgeschichte der Medizin 
bekannt als Entdecker der nach ihm benannten Riickenmarksstrange, woriiber 
er i860 die Monographic: »Beitrage zur feineren Anatomie des Riickenmarks« 
und 1864: »Verteilung der Blutgefafie auf die Riickenmarksquerschnitte« ver- 
offentlichte. Aufierdem ist G. noch Verfasser einer Erstlingsstudie: »0ber 
den Einflufl des Blutdrucks auf die Nierensekretion«, mit welcher die beziig- 
lichen Forschungsergebnisse Karl Ludwigs wesentlich erganzt wurden. 

Vgl. die im Virchowschen Jahresberichte von 1903 I, S. 414 angezeigten Nekrologe. 

Pagel. 

Hadra, Sally, Chirurg in Berlin, * daselbst 24. Februar 1856, f 20. Mai 1903. 
— H. besuchte das Friedrichsgymnasium seiner Vaterstadt. Im Oktober 1874 
machte er sein Abiturientenexamen als primus omnium. In Strafiburg begann er 
das Studium der Medizin; beinahe ware er umgesattelt, da ihm die Schrecken 



Hadra. Jiirgens. 8 1 

des Seziersaales auf die Nerven fielen. Von seinen Lehrern sind Leyden, 
Kufimaul, Freund und Hoppe-Seiler zu nennen. Die Vorlesungen h6rte er 
fast samtlich doppelt. Im Jahre 1879 machte er sein Staatsexamen und zwar 
mit solcher Auszeichnung, dafi dies ausdriicklich vom Dekan hervorgehoben 
wurde. Er machte dann eine Arbeit uber Stoffwechselversuche, die in Leydens 
Zeitschr. f. klin. Med. veroffentlicht wurde; die Versuche fiihrte er am eigenen 
Kdrper aus und magerte dabei erheblich ab. In Kreuth suchte er Erholung. 
Wie die Sektion jetzt zeigt, hatte er damals Tuberkel, die dann ausheilten. 
Er wurde Assistent bei Freund in Straflburg, dann bei Riess im Krankenhaus 
am Friedrichshain zu Berlin; schliefilich bildete er sich bei Hahn im Friedrichs- 
hain zum Chirurgen aus. Seine Poliklinik in Berlin erfreute sich grofler 
Beliebtheit. Im Jahre 1900 kaufte er sich ein Haus in der Koniggratzerstrafie, 
um dort eine Klinik anzulegen; an dem Tag, an dem der Kontrakt unter- 
schrieben wurde, stellten sich zum erstenmal Blutungen aus der Blase ein. 
H. erkannte wohl nicht ganz die Krankheit, die unaufhaltsam Fortschritte 
machte. Am 27. Februar mufiten ihn seine Angehorigen fast mit Gewalt 
seiner Praxis entziehen. Die Sektion ergab, dafi ein disseminierter Mark- 
schwamm an der vorderen Seite der Blase vorhanden war, aufierdem Sklerose 
der Coronararterien und alte Herde in den Lungen. H. war Diabetiker. 

Er war ein ausgezeichneter Diagnostiker und hatte viel Gliick bei seinen 
Operationen. Er war ein bescheidener, frohlicher Mensch. Als grofler Sports- 
mann betrieb er eifrig das Radfahren und Reiten; manchen Knochenbruch 
hat er sich auf diese Weise zugezogen. — 

Es sei noch hinzugefugt, dafi er im Verein fur innere Medizin zweimal 
das Wort ergriffen hat. Im Jahre 1886 sprach er uber Oesophaguskompressions- 
stenose durch Mediastinaltumor, und im Jahre 1898 stellte er einen Fall von 
Gastrotomie nach Witzel vor, der ideal geheilt ist. 

In der Berliner medizinischen Gesellschaft hatte er sechsmal das Wort 
zur Demonstration vor der Tagesordnung genommen. 

Vgl. Nachruf von J. Becher in der Sitzung des Vereins fiir innere Medizin vom 
25. Mai 1903 und die tibrigen inVrrchows Jahresbericht von 1903 I, S. 415, genannten Quellen. 

Pagel. 

Jiirgens, Rudolf, Patholog, Universitatsprofessor und Kustos des patho- 
logisch-anatomischen Museums in Berlin, * 19. Januar 1843 in Tengshausen 
(Oldenburg), f 11. Juni 1903 in Hollander bei Berlin -Hoppegarten. — Als 
Arzt approbiert 1873, war J- Assistent unter Virchow am pathologisch- 
anatomischen Institut in Berlin, an welchem er eine sehr umfassende 
Tatigkeit als Lehrer in Kursen fiir Arzte und Pruflinge im Staats- und 
Physikatsexamen, spater als Examinator und ganz besonders als Prosektor 
entwickelte. 1901 erhielt er den Professortitel, auch hatte er sich noch 1902 
als Privatdozent habilitiert. Sein Tod erfolgte nach langerer Erkrankung. 
Seine ziemlich zahlreichen wisssenschaftlichen Arbeiten und Veroffentlichungen 
galten der Diagnose der Amyloiddegeneration, der Lehre von den Geschwiilsten 
und von deren Beziehungen zu den Protozoen. U. a. verdffentlichte J.: 
*Experimen telle Untersuchungen iiber die Atiologie der Sarkome« (1896); 
» Uber Protozoen des Karzinoms« (1898); »Zur Atiologie des Karzinoms« (1900). 
Zahlreiche kasuistische Mitteilungen, Gelegenheitsfunde bei Sektionen etc. 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 8. Bd. 6 



82 Jtirgens, Munk. Nassc. Pfitzner. 

veroffentlichte J. in Gestalt von Vortragen und Demonstrationen in den groBen 
wissenschaftlichen Vereinen Berlins. 

Vgl. die im Vircbowschen Jahresberichte von 1903 I, S. 416 angegebene Quelle. 

Pagel. 

Munk, Immanuel, aufierordentlicher Professor der Physiologic und Ab- 
teilungsvorsteher am physiologischen Institut der Universitat in Berlin, 

* 30. Mai 1852 in Posen, f 1. August 1903 in Berlin. — M, war ein jungerer 
Bruder des beriihmten Berliner Physiologen und Akademikers Hermann M. 
Er studierte Medizin in Berlin, erlangte Hier 1874 die Approbation als Arzt 
und widmete sich seitdem ausschliefllich physiologischen Spezialstudien. Er 
habilitierte sich 1883, erhielt 1895 den Professortitel und wurde gleichzeitig 
als Nachfolger von Gad mit der Leitung der speziellen physiologischen Ab- 
teilung des genannten Instituts betraut und 1899 zum Extraordinarius ernannt. 
M. war ein ausgezeichneter Physiolog, ein bedeutender Forscher und nament- 
lich auch als Lehrer und Mensch sehr beliebt. Seine ebenso zahlreichen als 
wichtigen Arbeiten betreffen teils die Gebiete des Stoffwechsels und der 
Ernahrung, teils die Harnchemie. Er war Verfasser eines beliebten, oft auf- 
gelegten Lehrbuches der Physiologie, gab mit Uffelmann zusammen ein Werk 
heraus unter dem Titel »Die Ernahrung des gesunden und kranken Menschen *, 
redigierte gemeinschaftlich mit S. Fuchs, Wien, das Zentralblatt fur Physiologie 
und lieferte auch grofiere Beitrage fiir mehrere Sammelwerke. So bearbeitete 
er u. a. zusammen mit Salkowski den Abschnitt uber physiologische Chemie 
fiir Virchows Jahresbericht. 

Vgl. Virchows Jahresbericht von 1903 I, S. 419 und die dort genannten nekrologi- 
schen Quellen. Pagel. 

Nasse, Otto Johann Friedrich, ordentlicher Professor der Medizin zu 
Rostock, * 2. Oktober 1839 zu Marburg, f 26. Oktober 1903 zu Freiburg i. Br. 
— N. war ein Sohn von Karl Friedrich Werner N. Er studierte in Marburg, 
Berlin, Wien, war besonders Schiiler seines Vaters, E. Du Bois-Reymonds, 
C. Ludwigs urrd H. Kolbes, wurde 1862 Doktor, war seit 1866 Privatdozent 
in Halle, wurde 1872 Professor e. o. daselbst, 1880 Professor ord. der Phar- 
makologie und physiologischen Chemie in Rostock, trat 1899 krankheitshalber 
von der Tatigkeit an der Universitat zuriick und zog sich nach Freiburg i. Br. 
zuruck. N. war ein hervorragender Lehrer und Forscher. U. a. ver6ffentlichte 
erfolgende Schriften: »Beitrage zur Physiologie der Darmbewegungen« (Leipzig 
1866), »Zur Anatomie und Physiologie der quergestreiften Muskelsubstanz^ 
(lb. 1882); ferner verschiedene Aufsatze, hauptsachlich in Pfliigers Archiv 
sowie in den Sitzungsberichten der Naturforschergesellschaft zu Rostock be- 
treffend: Muskelsubstanz, Fermente, Eiweifisubstanzen, Oxydationsvorgange, 
Kohlehydrate, und zwar insbesondere Glykogen, Glykolyse, das Millonsche 
Reagens usw. 

Vgl. die in Virchows Jahresbericht von 1903 I, S.420 angegebenen nekrologischen Quellen. 

Pagel. 

Pfitzner, Wilhelm, Extraordinarius der Anatomie in Strafiburg i. E., 

* 22. August 1853 zu Oldenburg in Holstein, f 1. Januar 1903 in Strafiburg. — 



Pfitzner. von Kahlden. Boeddinghaus. 83 

P. studierte an den Universitaten Kiel, Strafiburg, Heidelberg und GGttingen, 
promovierte in Kiel 1879, wurde 1883 Assistent am anatomischen Institut in 
Strafiburg i. E., habilitierte sich 1885 fur Anatomie daselbst, wurde aufierordent- 
licher Professor 1891, aufierordentlicher Professor der topographischen Ana- 
tomie und Prosektor 1893. Er verdffentlichte iiber den Bau des menschlichen 
Extremit&tenskeletts eine Serie von ausfuhrlichen Publikationen, aufierdem 
cytologische und anthropologische Untersuchungen, so u. a. 1886 »Zur patho- 
logischen Anatomic des Zellkerns«, Beitrage zur Anthropologic u. a. 

Vgl. Virchows Jabresbericht von 1903 I, S. 421. Pa gel. 



Kahlden, Clemens von, aufierordentlicher Professor der pathologischen 
Anatomie in Freiburg i. Br., * 29. Mai 1859 in Koblenz, f 13. Marz 1903 zu 
Freiburg i. Br. — K. war 1882 in Marburg als Arzt approbiert und promovierte 
daselbst am 12. November 1882 zum Dr. med. Dann bekleidete er bis 1885 eine 
Stellung als Assistent an der chirurgischen Universitatsklinik unter Roser, war 
bis 1889 zweiter, darauf erster Assistent am pathologischen Institut in Freiburg, 
habilitierte sich 1888 als Privatdozent fiir pathologische Anatomie und erhielt 
1891 das Extraordinariat Gleichzeitig war er seit 1899 Vertreter der gericht- 
lichen Medizin an der Universitat. K. war einer der bedeutendsten Manner 
der Neuzeit in seinem Fach. Mit Ziegler gab er das Zentralblatt fiir patho- 
logische Anatomie heraus, dessen eifriger Mitarbeiter er war. Er ver6ffentlichte 
u. a, ein bis 1900 sechsmal aufgelegtes technisches Hilfsbuch zur Untersuchung 
pathologischer Praparate (Jena) und zahlreiche Artikel und Abhandlungen in 
seinem Spezialgebiet, von denen die wichtigsten in dem unten angezeigten 
Nekrolog zusammengestellt sind. 

Vgl. Virchows Jahresbericht von 1903 I, S. 416. Pagel. 



Boeddinghaus, Karl, katholischer Priester, * 25. Oktober 1835 zu Camen 
bei Dortmund, f 17. April 1903. — B. absolvierte die Gymnasialstudien und 
die theologischen Studien zu Minister i. W. und wurde am 11. Februar 1862 
zum Priester geweiht. Hierauf wirkte er zuerst fiinf Jahre als Kaplan an der 
deutschen katholischen Kirche in London; am 13. November 1867 wurde er 
Kaplan an der Pfarrkirche zum hi. Agidius in Munster, welche Stelle er bis 
1901 versah. Daneben war er insbesondere publizistisch tatig, 1870 — 82 als 
Verleger und Leiter des »Westfalischen Merkur«, in welcher Eigenschaft er 
sich in der Kulturkampfszeit um die Interessen der Katholiken grofle Ver- 
dienste erwarb. Er war auch Mitbegrunder, Vorstandsmitglied und zeitweiliger 
President des Augustinusvereins und Prises des katholischen Gesellenvereins 
in Munster. Besonders verdient machte er sich auch durch den Bau der 
katholischen Kirche und die Griindung des katholischen Kinderheims auf 
der Insel Borkum. — B. iibersetzte: »J. Morris, Kardinal Wiseman in seiner 
letzten Krankheit. Mit Autorisation ubersetzt von einem Priester der deutschen 
Mission zu London* (Munster 1865). Beitr&ge zum Miinsterischen Pastoralblatt. 
Vgl. »Literar. Handweiser«c 1903, Nr. 777, Sp. 20. — »K8lnische Volkszeitung* 1903, 
Nr. 327 vom 18. April. — Rafimann, Nachrichten von dem Leben und den Schriften Mtinster- 
landischer Schriftsteller, Neue Folge (Monster 1881), S. 25. F. Lauchert. 

6* 



84 van Ackeren. Afimann. Wetzel. 

Ackeren, Josef van, Ehrendomkapitular und Dechant in Kevelaer, 
* 4. Juli 1830 zu Nutterden bei Cranenburg (am Niederrhein), f 2. Mai 1903 
zu Kevelaer. — A. studierte in Miinchen und Minister und wurde am 17. De- 
zember 1853 zum Priester geweiht; Kaplan in Kevelaer; vorubergehend 
auf der Insel Norderney tatig; 21. September 1863 Pfarrer von Kevelaer; 
seit 1890 auch Landdechant des Dekanates Geldern; 26. Oktober 1892 
Ehrendomkapitular von Minister; Synodalexaminator, Papstlicher Hauspralat; 
machte sich wahrend seiner langjahrigen Wirksamkeit an dem Wallfahrtsorte 
sehr verdient um die Hebung desselben. * 

Vgl. »Alte und Neue Welt«, 37. Jahrg. 1903, S. 699, mit Portrat. — »K6lnische 
Volkszeitung« 1903, Nr, 370 vom 2. Mai und Nr. 373 vom 3. Mai. F. Lau chert. 

Afimann, Johann Baptist Maria, Bischof, Feldpropst, * 26. August 1833 
zu Branitz in Schlesien, f 27. Mai 1903 zu Ahrweiler. — A. besuchte das 
Gymnasium in Leobschiitz, studierte Theologie an der Universit&t Breslau 
und wurde am 15. Juli i860 zum Priester geweiht. 1861 — 64 war er 
Kooperator in Katscher bei Ratibor, Januar 1865 bis Juli 1868 Missions- 
pfarrer und Militarseelsorger in Kolberg; in dieser Eigenschaft machte er 
den Krieg von 1866 als Feldgeistlicher mit; ebenso 1870/71 den deutsch- 
franzosischen Krieg als Divisionspfarrer in Neisse, welche Stellung er 1868 
bis 1882 bekleidete. 1882 — 88 war er Propst von St. Hedwig in Berlin 
und furstbischoflicher Delegat fiir die Mark Brandenburg. 1888 wurde er 
zum katholischen Feldpropst der kgl. preufiischen Armee und der kaiser- 
lichen Marine berufen, am 1. Juni 1888 zum Titulaturbischof von Phila- 
delphia in Kleinasien prakonisiert, am 15. Oktober von Kardinal Kopp in der 
St. Hedwigskirche zu Berlin zum Bischof konsekriert. 

Vgl. »Die katholische Kirche unserer Zeit und ihre Diener in Wort und Bild« II. Bd. 
(Mtinchen 1900), S. 231 f., mit Portrat. — »Alte und Neue Welt«, 37. Jahrg. 1903, S. 7291*., 
mit Portrat. F. Lauchert. 

Wetzel, Franz Xaver, katholischer Stadtpfarrer und Dekan von Lichten- 
steig (Kanton St. Gallen) und Kanonikus, Volksschriftsteller, * 25. November 
1849 zu Rorschach, f 31. Mai 1903 zu Ingenbohl im Mutterhaus der barm- 
herzigen Sch western. — W. begann im Herbst 1863 die Gymnasialstudien in 
Schwyz, setzte sie von Herbst 1864 bis 1869 im bischof lichen Knabenseminar 
zu St. Georgen bei St. Gallen fort, studierte von Herbst 1869 bis 1873 Theo- 
logie in Innsbruck, trat dann in das St. Gallische Priesterseminar zu St. Georgen 
ein und wurde am 21. Marz 1874 in St. Gallen von Bischof Greith zum Priester 
geweiht. Zuerst wirkte er dann kurze Zeit als Professor am bischoflichen 
Knabenseminar zu St. Georgen. Nach dessen Aufhebung im Herbst desselben 
Jahres durch die radikale St. Gallische Regierung ernannte ihn Bischof Greith 
zu seinem Kanzler. 1878 wurde er Rektor der katholischen Kantonsrealschule 
und Religionslehrer an der Kantonsschule in St. Gallen; Anfang 1881 Kaplan 
und Professor an der Realschule in Uznach; November 1882 Pfarrer zu Alt- 
statten im Rheintal; 1895 Dekan des Kapitels Rheintal; 1897 zugleich 
nichtresidierendes Mitglied des Domkapitels von St. Gallen; 1899 Stadtpfarrer 
und Dekan von Lichtensteig. Aus der grofien Zahl der Schriften Wetzels, 
von denen insbesondere die seit Anfang der neunziger Jahre erschienenen 



Wetzel. Calandrelli. 85 

erbaulichen Volksschriften eine sehr starke Verbreitung gefunden haben und 
ihren Verfasser in die erste Reihe der religiSsen Volksschriftsteller neben 
Alban Stolz stellen, seien folgende genannt: »Die Wissenschaft und Kunst 
im Kloster St. Gallen im 9. und 10. Jahrhundert« (Lindau 1877; neue Aufl. 
unter dem Titel: »Das goldene Zeitalter des Klosters St. Gallen«, Ravensburg 
1900); »Illustrierte Weltgeschichte in Charakterbildern fur Schule und Haus« 
(Einsiedeln 1878; 7. Aufl. 1898); »Die Lektiire, oder: Wie soil man lesen?« 
(Lindau 1881; 2. Aufl. Ravensburg 1897); »Der selige Nikolaus von Fliie« 
(Einsiedeln 1887; 2. Aufl. Ravensburg 1895); »Phrasen« (Ravensburg 1895; 
2. Aufl. 1897); »Schlagworter« (ebd. 1895; 2. Aufl. 1897); »Das Laienapostolat« 
(ebd. 1896); »Das Vaterhaus« (ebd. 1898); »Die Weisheit in Spruchen« (ebd. 
1900); »Warum wir glauben« (ebd. 1902); »Der romische Katholizismus gegen- 
uber dem einfachen Evangelium« (ebd. 1902); »I)r. Otto Zardetti, Erzbischof 
von Mozissus. Erinnerungsblatter« (Einsiedeln 1902). 

Vgl. Adolf Fah, Der Jugendfreund und Volksschriftsteller Franz Xaver Wetzel. Ravens- 
burg 1904. Mit PortrSt. — »Schweizerisches katholisches SonntagsblatU 1903, Nr. 26 — 28. 
Portrat in Nr. 24. — »Alte und Neue Welt«c, 37. Jahrg. 1903, S. 764, mit PortrUt. 

F. Lauchert. 

Calandrelli, Alexander, Bildhauer, Professor, * 9. Mai 1834 in Berlin, 
f 26. Mai 1903 daselbst. — C. war der Sohn des Edelsteinschneiders Giovanni C, 
der im Jahre 1832 aus Italien nach Berlin berufen wurde. Er studierte an 
der Berliner Akademie in den Jahren 1848 — 52 und arbeitete dann in mehreren 
Meisterateliers. Bei Friedrich Drake zahlte er zu den besten Schiilern; gegen- 
uber dem klassisch antiken Empfinden des Lehrers und seiner von Thor- 
waldsen beeinflufiten weichen Formengebung entwickelte sich bei C. eine 
mehr realistische Auffassung und hartere Durchbildung. Er besuchte auch 
das Atelier August Ferdinand Fischers, der gleichfalls in der Richtung des 
antikisierenden Geschmacks wirkte, und dasjenige Dankbergs. Seine Formen- 
gebung wurde auch dadurch beeinflufit, dafi er sich urspriinglich mit Klein- 
kunst beschaftigte, mit der er gleich seinen Lehrern begonnen hatte: Drake 
arbeitete anfangs in Holz und Elfenbein, Fischer war Goldschmied und C. 
stellte Modelle fur Kleinplastik und Arbeiten in Wachs her. Ebenso wie 
seine Lehrer stieg auch er von diesen Anfangen bis zu monumentalen Werken 
auf und schuf eine stattliche Reihe von Denkmalern. Im Jahre 1866 eroffnete 
er ein eigenes Atelier, wo ihn zahlreiche Staatsauftrage beschaftigten. Sein 
durch Naturbeobachtung gemafiigter Klassizismus bewahrte ihn bei den grofien 
Monumenten bisweilen nicht vor dem konventionellen Denkmalschema. Als 
eine seiner besten Arbeiten gilt das Bronzerelief an der Ostseite des Sieges- 
denkmals in Berlin, wo der Auszug der Truppen und die Ersturmung der 
Duppeler Schanzen dargestellt ist. An dem aufieren plastischen Schmuck der 
Xationalgalerie in Berlin ist der Kunstler durch zwei Werke beteiligt: die 
rechte der beiden Sandsteinfiguren, welche den oberen Abschlufi der Treppen- 
wangen bilden, »der Kunstgedanke«, ferner das auf dem Podest der Freitreppe 
errichtete eherne Reiterstandbild Friedrich Wilhelms IV., das 1886 enthiillt 
wurde; an dem Sockel aus schwedischem Granit sind die traditionellen vier 
allegorischen Denkmalsfiguren angebracht, Glaube, Poesie, Philosophic und 
Geschichte, in das Postament sind Ornamentfriese eingelassen. Im Inneren 



g6 Calandrelli. Kaulbach. 

des GebSudes der Nationalgalerie, im Kuppelsaal, stammen vier der Musen- 
figuren, in Stuck mit leicht polychromer Behandlung, von C-; es sind links 
vom Eingang Erato, Melpomene, Urania, Thalia. Desgleichen die stehende 
Statue von Cornelius in der Vorhalle der Nationalgalerie und zwei Gruppen 
auf der neuen Konigsbrucke, ferner eine sitzende Statue des Peter von Cor- 
nelius, die Statue des Generals Yorck an dem Denkmal Friedrich Wilhelms III. 
in Koln, mit dessen Vollendung C. nach dem Tode Blasers betraut wurde, 
die Kolossalstatuen Kaiser Wilhelms I. und des Kurfursten Friedrich I. am 
Nationaldenkmal bei Brandenburg, die Kolossalstatue Wilhelms II. im Teltower 
Kreishaus, das Denkmal des Kurfursten Friedrich I. von Brandenburg in 
Friesack, das Reiterdenkmal Wilhelms I. in Bromberg u. a. 

Litcratur: A. Rosenberg, Geschichte der modernen Kunst, 1894. — »Kunst- 
chronik« XIV. — »Kunst fUr Alle« XVIII. — *Chroniquc des Arts ct dc la Curiositc* 1903. 

— H. W. Singer, Allgemeines Ktinstlerlexikon, 1895. — »Jahrbuch der bildenden Kun.>t« 1904. 

Dr. Hugo Schmerber. 

Kaulbach, Friedrich, Maler, Professor, * 8. Juli 1822 zu Arolsen, f 5. Septem- 
ber 1903 zu Hannover. — In der Malerfamilie K. nahm der Verstorbene neben 
seinen beruhmteren Verwandten nur einen bescheidenen Platz ein, und seinName 
blieb auf einen kleineren Kreis beschrankt; sein Onkel und Lehrer war der 
alte Wilhelm von K. (1805 — 1874), der das »tiefe Gedankenspiel des histori- 
schen Weltgeistes« malte, sein Sohn und Schuler ist Friedrich August K. 
(geb. 1850), der Maler der altdeutschen Patriziertochter, der Lautenspielerinnen 
und der elegant kostiimierten modernen Damenportrats. Mit 18 Jahren kam 
K. nach Miinchen und trat in das Atelier seines Onkels ein, wo er bis 1845 
studierte. Nach einer Reise in Italien liefi er sich eine Zeitlang in Miinchen 
selbst&ndig nieder und malte im Geiste seiner Zeit meist kolossale Historien- 
bilder, mit Szenen aus der Bibel oder aus Shakespeare: die »Kronung Karls 
des Grofien« fiir das Maximilianeum zu Miinchen, »Adam und Eva bei Abels 
Leiche«, »Othello und Desdemona«, »Julia Capulets Hochzeitsmorgen«, das 
nach vierzig Jahren vollendet und nicht lange vor dem Tod seines Schftpfers 
in Hannover erworben und der Stadt Hannover zum Geschenk gemacht wurde. 
Daneben war K. im Portratfach tatig und seine Bildnisse mit ihrer korrekten 
Eleganz und mondanen Oberflachlichkeit verschafften ihm bald einen Ruf in 
vornehmen Gesellschaftskreisen. Im Jahre 1855 wurde er nach Hannover 
berufen, wo ihn Konig Georg V. bewog, sich als Hofmaler niederzulassen 
und ihm ein Atelier nahe dem koniglichen Schlosse erbauen liefi. Hier malte 
er durch ein halbes Jahrhundert die kSnigliche Familie und andere Mitglieder 
des Adels: Bilder ohne Charakteristik des Ausdrucks und ohne Farbenreiz, 
in peinlichster Detailausfuhrung und Treue des Kostiims. Das Hauptwerk 
unter diesen ist das grofie Gruppenbild der koniglichen Familie in der 
Portratgalerie des Schlosses Hehrenhausen. Im Museum der Stadt Hannover 
befindet sich ein Portrat des Wiener Bildhauers Hans Gasser (1854) und der 
Bildhauerin Elisabeth Ney (i860). Er war Professor an der technischen 
Hochschule in Hannover. 

Literatur; »Kunst fttr Alle« XVIII und XIX. — »Kunstchronik« XIV. — *Chroniqu€ 
des Arts ct dc la Curiositc* 1903. — Boetticher, Malerwerke des 19, Jahrhunderts, 1895 — 1901. 

— >Jahrbuch der bildenden KunsU 1904. — Muthcr, Geschichte der Malcrei im 19. Jahr- 
hundert, 1893. Dr. Hugo Schmerber. 



von Kopf. 87 

Kopf, Josef von, Bildhauer, * 10. Marz 1827 zu Unlingen in Wiirttem- 
berg, f 2. Februar 1903 in Rom. — Mit K. ist einer aus der Schar jener 
deutschen Kiinstler verschwunden, die in ihrer Jugend, zur Zeit der Nazarener, 
nach Rom zogen, urn dort das Heil der Kunst zu finden; wahrend aber die 
meisten nach kiirzerem oder langerem Bleiben wieder in ihr Vaterland gingen, 
war fur K. der rdmische Aufenthalt nicht nur eine Episode, sondern er fand 
in der Stadt, wo er seine ersten bescheidenen Schritte tat und die ersten 
Krfolge gewann, fur das ganze Leben eine zweite Heimat. Sein Leben 
reprasentiert den Typus einer bewegten Kunstlerlaufbahn: vom hungernden 
Steinmetzlehrling, den der Zug der Zeit antreibt, zu Fufi nach der heifi 
ersehnten ewigen Stadt zu ziehen, wo er allein zum Kiinstler werden zu 
kdnnen glaubt, bis zum vielgeriihmten und begehrten Bildhauer, der mit den 
Hochsten der Erde verkehrt, die besten Kunstler zu Freunden hat und auf 
grofien Reisen den Spuren seiner Kunst nachgeht. Dabei durchaus keine 
grofiziigige, heldenhafte, geistreiche, prachtliebende Herrschernatur, wie wir 
uns etwa Lenbach in seinem Atelier im Palazzo Borghese denken, wo er mit 
Prinzen, Fiirstinnen und Kardinalen Feste gab und in den herrlichen Ge- 
machern traumte »der Furst Borghese zu sein«, sondern ein schlichter, 
urwuchsiger, wohl auch sarkastischer Mensch, der jeden AllerhOchsten Auftrag 
mit geschmeichelter Genugtuung in seinem Tagebuch verzeichnet und bei 
Hofballen und Festen mit dem Frack und der Etikette zu kampfen hat. — 
Ein regelrechtes Studium seiner Kunst machte er niemals durch. Seine harte 
Jugend als Sohn eines armen Bauern bildet ein langes Leidenskapitel in seinen 
Erinnerungen. Vom Maurerhandwerk entflieht er immer wieder zur Kunst 
und erwirbt sich die Anfangsgriinde bei Sickingen (Munchen), Hofmann 
(Wiesbaden) und Knittel (Freiburg i. B.). 

Fur letzteren fuhrte K. mehrere Brunnenfiguren aus, bildete sich zugleich 
im Zeichnen nach dem Modell und in Anatomie und besuchte die Universitat. 
Hier in diesem gesteigerten Leben wurde der langgehegte Wunsch, in Rom die 
hohe Kunst zu erlernen, zum Entschlufi, und ohne Mittel, ohne Empfehlungen 
verliefi er am 1. September 1852 Freiburg. Seine Fuflreise durch Tirol uber 
Verona, Venedig nach Rom, ausgestattet mit einem Pilgerbuch und hundert 
Gulden, beschreibt er selbst mit humorvoller Erinnerung; auch die Ankunft 
in Rom, am 13. Oktober war nicht glanzend, da er von seiner Unterkunft im 
Pilgerhause aus umsonst bei alien Bildhauern Arbeit suchte. Trotz alledem 
vertiefte er sich in fromm glaubigem Sinne in die Herrlichkeiten der Stadt, 
zeichnete in der franzosischen Akademie auf dem Pincio nach Modell und 
besuchte einen Kurs in der Akademie S. Luca, sobald er einen bescheidenen 
Verdienst hatte. Diesen fand er durch die Bekanntschaft mit einem papst- 
lichen Schweizer-Hellebardisten, der in seinen Mufiestunden verzierte Stuhl- 
fiifle schnitzte und ihm Arbeit gab. Endlich gelang der erste Schritt auf dem 
Wege zu eigentlich kiinstlerischer Tatigkeit, als ihn der Bildhauer Pilz aus 
B6hmen in sein Atelier aufnahm, so dafi er seine Schnitzerei aufgeben konnte. 
Seine ersten Versuche in der Bildhauerei sind ganz im Sinne streng religioser 
Kunstanschauung entstanden. Zu Ende 1853 begann er einen sitzenden 
Christus zu modellieren, ohne Modell, ohne sonstige Studien, der das Interesse 
von Cornelius und Overbeck erregte und den jungen Anfanger als wiirdiges 
Glied der Nazarenergemeinde erscheinen lieB. Sie stellten ihm empfehlende 



88 von Kopf. 

Zeugnisse aus, die an die Akademie der Kiinste in Stuttgart mit einem Brief 
an den K6nig gesendet wurden: er erhielt eine Subvention und die Auf- 
forderung noch mehr einzusenden. Der Entwurf zu dem Relief » Abraham 
verstofit die Hagar« (1854) wurde vom K6nig Wilhelm I. von Wiirttemberg 
fiir das konigliche SchloB in Stuttgart in Marmor bestellt und damit begann 
die lange Reihe der Werke, die der Kunstler fiir die wiirttembergische 
Herrscherfamilie schaffen sollte. Andere Arbeiten aus dieser Zeit waren das 
Relief »Nemesis« und die Statue der Ruth, die spater die Bezeichnung 
»Sommer« bekam und die erste der vier Figuren der Jahreszeiten wurde, die 
im Garten der kSniglichen Villa Berg bei Stuttgart aufgestellt und nachher 
in alien Grofien und Stoffen vielfach nachbestellt wurden. Auf sein Schaffen 
waren zu dieser Zeit sowohl Cornelius als der Bildhauer Wagner von Einflufi. 
Er selbst fand spater seine eigenen Sachen von damals konventionell und 
»im cornelianischen Fahrwasser« : »t)ber dem Gedanken an eine schdne Figur 
hatte ich das Individuum der Ruth vergessen: Das ahrenlesende schone 
Weib, mit dem einfachen Anzuge der arbeitenden armen Frau, die sich 
bucken und beide Arme gebrauchen und sich gegen die Sonne mit einem 
Tuche schutzen soil, liefl ich ganz aufier acht. Es kam mir nicht in den 
Sinn, einen wirklichen,. individuellen Menschen zu schaffen . . . und so das 
Sch6ne durch den Charakter in der lebensfahigen Figur zu erreichen . . . 
Die Furcht, in das Genrehafte zu fallen, verscheuchte damals jedes liebevolle 
Eingehen auf die Person, die dargestellt werden sollte.« — Vom Jahre 1857 
an wurde seine Stellung immer besser. Sein Atelier wurde von Fremden 
aufgesucht, die Kronprinzessin von Wiirttemberg und die russische Kaiserin 
machten Bestellungen, Schnaase nahm sich seiner an, ein neues grofies Atelier 
wurde bezogen, K6nig Ludwig von Bayern zog ihn zu Tisch, besonders 
russische Reisende erstanden seine Arbeiten. Der Aufschwung trug ihm sogar 
den Tadel von Cornelius ein, der ihn lieber auf der »Bahn der christlich- 
historischen Kunst« verharren gesehen hatte, als dem Verdienste nachlaufend. 
Er lernte Bocklin kennen, mit dem ihn spater Freundschaft verband, Lenbach, 
Piloty u. a. und wurde in das romische Gesellschaftsleben gezogen. Es be- 
gannen die Portratauftrage, die spaterhin den Hauptanteil seines Schaffens 
bilden sollten. Nach siebenjahrigem Aufenthalt in Rom besuchte er im 
Sommer 1859 Deutschland und diese Reise wurde ein Wendepunkt in seinem 
Leben. In Stuttgart erwarb er sich viele Freunde, wurde vom Konig und 
von der russischen Kaiserin empfangen und ins Hofleben gezogen. Von nun 
an unternahm er fast alljahrlich die Reise nach Deutschland, und es entstand 
eine Reihe von Arbeiten hauptsachlich fiir den russischen und wiirttembergi- 
schen Hof: ein Kolossalbrunnen mit iiberlebensgroflem Triton fiir die Villa 
Oranienbaum, die »Griechische Tanzerin«, das »Madchen mit Schlange,« die 
»Bathseba im Bade« (heute Sammlung der koniglichen Kunstschule in Stuttgart), 
eine Pieti fur die katholische Kirche in Stuttgart und viele Biisten. Das 
grofite Werk waren die zwei grofien Kamine fiir den weifien Saal in Stuttgart, 
die 1867 aufgestellt wurden. Der erste Entwurf mit liegenden Gestalten 
lehnte sich an die Graber der Medici an, als Gegenstand waren die vier 
Elemente gewahlt, die beim Kaminfeuer in Betracht kommen, durch die 
Figuren des Prometheus und Zephyr, der Gaa und Venus dargestellt; grofie 
Putten mit den Attributen fiir die Figuren sollten karyatidenartig an den 



von Kopf. 89 

Seiten der Offnung sich erheben, zwischen den liegenden Figuren war eine 
Uhr angebracht und in der Mitte des Kamins eine Nische mit einer Biiste. 
Der Entwurf muflte spater geandert werden, weil er in den Stil des Saales 
nicht pafite. — Den Vorschlag, als Professor an die Kunstschule in Stuttgart 
zu kommen, lehnte K. ab, dagegen ware er gerne nach Wien gegangen, wozu 
ihn Liibke aufforderte; er unternahm audi 187 1 die Reise dorthin, wurde bei 
Lutzow, Eitelberger, Makart, Ferstel u. a. wohl aufgenommen, doch aus der 
Berufung wurde nichts und die Stelle erhielt Zumbusch. 1872 modellierte er 
auf einer Reise nach Holland die Kdnigin; er besuchte auch Paris und 
London und wurde an den Hofen von Darmstadt und Weimar eingefuhrt. 
Den Winter verbrachte er regelm&fiig in Rom, fiihrte ein gastliches Haus, 
modellierte viele PortrSts von Fremden und auch eine Reihe von Statuen, 
z. B. die »Nymphe sich vor einer Eidechse furchtfend«, die Reliefs »Tanz«, 
»Poesie«, »Musik«, viele Kopien nach Antiken, »Goldschmieds T6chterlein«, 
»Eva«, y>Amore impertinentc^^ »Josef und die Frau des Potiphar« u. a. Im 
Jahre 1874 entschlofi er sich zum ersten Male den Sommer iiber nach 
Baden-Baden zu gehen, das von nun an der Hauptstiitzpunkt seiner kiinst- 
lerischen Tatigkeit werden sollte. Jeden Sommer gingen aus seinem Atelier 
eine Menge von Portr&ts und anderen Werken hervor und endlich erreichte 
er seinen Wunsch, auch die Biiste des dort weilenden Kaisers Wilhelm I. 
modellieren zu konnen. Der Grofiherzog von Baden bewog ihn, jedes Jahr 
im Sommer nach Baden-Baden zu kommen und schenkte ihm ein Atelier, 
das der Kunstler mit grofier Liebe unter Beihilfe seiner Freunde allmahlich aus- 
gestaltete und das ein Anziehungspunkt fiir die Besucher des Kurortes wurde; 
ein Sandsteinbau in italienischem Renaissancestil mit einer von zwei Saulen 
getragenen Vorhalle, innen mit Bildern seiner Freunde geschmiickt Zum 
Dank fur diese Schenkung stiftete K. eine Kolossalbuste des Kaisers, die 
vor der Trinkhalle aufgestellt wurde, und 1892 schenkte er das Atelier samt 
Inhalt dem Grofiherzog von Baden. In Gemeinschaft mit Ernst Curtius 
bereiste er 1876 Griechenland. Zu den Arbeiten aus seiner spateren Zeit 
gehdren vier Figuren fiir das Schlofi Heiligenberg: »Mignon«, »Des Madchens 
Klage«, »Amor« und »Psyche« (1889), sowie das Denkmal der Kaiserin Augusta 
in der Lichtenthaler Allee in Baden-Baden, das 1892 enthiillt wurde und das 
er als Abschlufi seiner grofieren Werke bezeichnete. — Als Bildhauer wurde 
K. in seiner Bliitezeit sehr hoch, zum Teil iibermafiig geschfitzt; er wurde 
der erste Portratist seiner Zeit genannt und seine biblischen, mythologischen 
und allegorischen Figuren fanden grofien Beifall. Nachdem er sich bald aus 
dem beschrankten Kreis der religiosen Kunst seiner ersten Jahre befreit hatte 
bildete er die ihm charakteristische Kunstanschauung allmahlich aus und 
bemiihte sich, die Grenzen seiner Begabung zu erweitern. *5eine Figuren 
sind schone, zierliche Formen in grazioser Bewegung, aber ohne den Reiz 
des Individuellen und pragnant Charakteristischen; bei den allegorischen 
Figuren mufi er die Attribute dazunehmen, um sie verstandlich zu machen, 
denn die Fortuna ohne Fiillhorn und Rad, oder die Nemesis ohne Geifiel 
und Ruder konnte ebensogut anders heifien. Die feine, weiche Marmor- 
ausfiihrung, die nur in einigen Busten weniger hervortritt, bewegt sich in der 
Manier Thorwaldsens. Selbst Cornelius fand einmal eine Madonna von K. 
zu weich und sentimental (1856). Aus den Aufzeichnungen des Kunstlers 



go von Kopf. Curtze. 

geht hervor, daB er sich der seinem Talente auferlegten Beschr&nkung wohl 
bewufit war und mehr realistische Charakteristik anstrebte, wobei ihn auch 
der Einflufi von Wagner anspornte, und daB ihn im Gefiihl dieser iiberwiegend 
formsch6nen, sanften Manier bisweilen der Wunsch iiberkam, etwas Kraftig- 
gewaltiges, womoglich Kolossales zu schaffen. Er plagt sich mit einem iiber- 
lebensgrofien Prometheus am Felsen, unternimmt einen Titanenkampf, ohne 
etwas zu erreichen; auch sein Wunsch, einen gr&fleren Denkmalsauftrag zu 
erlangen, blieb unerfiillt. In manchen seiner Busten erreichte er dennoch 
eine lebendige, ja imponierende Wirkung. Unter den zahlreichen Portrats, 
denen er ofters die Form der Herme gab, erwahnen wir: Kaiser Wilhelm I. 
(1876, Nationalgalerie Berlin) im romischen Imperatorenmantel mit dem 
Stern des Roten Adlerordens, Kaiserin Augusta aus den letzten Lebensjahren, 
im Haubchen und Diadem, Gregorovius, Ebers, Curtius, Dollinger, Delbriick, 
Hackel, Henzen, Schnaase (Relief im St&delschen Institut und Biiste auBen 
am Museum in Berlin), Liibke, Preller, Andreas Achenbach, Bocklin, Richard 
VoB, Franz Xaver Kraus, Malvida von Meysenbug und viele Mitglieder der 
Aristokratie. Im Sommer 1904 war in der Kunstausstellung zu Dresden eine 
Reihe von seinen Busten und Reliefs vereinigt, welche aus dem Besitze des 
Herrn Geh. Hofrates Prof. Graff, der Frau (). Schweter und der Frau Baronin 
von Cramer-Klett in Munchen stammten, u. a. Leo XIII. (Gipsrelief 1898), 
Bocklin (Gipsrelief 1884) und Dollinger (Marmorbiiste). Die Leitung der Aus- 
stellung hatte pietatvoll dem verstorbenen Meister einen kleinen Raum neben 
dem Hauptsaal fast ganz eingeraumt, so dafi der Gesamteindruck unbeeinfluflt 
von Vergleichen mit modernen Werken blieb; auch so aber trat die feine, 
genaue Ausfiihrung der Kopfe und Kostiime charakteristisch hervor und 
selbst ein so spites Werk, wie das Portrat des Papstes Leo XIII. (1898) 
zeigte, dafl K. den Traditionen seiner Blutezeit treu geblieben war. Im 
Jahre 1899 gab er einen starken Band »Lebenserinnerungen eines Bildhauers* 
heraus, der auch manches Interessante uber das Leben der Kunstler und 
Fremden in Rom bietet. 

Literatur: »Kunst und Kunsthandwerk* 1900 (Mit vielen Abbildungen). — Kopf, 
Lebenserinnerungen eines Bildhauers, 1899. — »Kunstchronik« XIV, Nr. I, 2, 16. — 
Adolf Rosenberg, Geschichte der modernen Kunst, 1894. — »Kunst fiir Alle«c XVIII. — 
»Illustrierte Zeitung« CXX, S. 263. — »Chroniquc des Arts ct dc la Curiositi* 1903. — 
A. Heilmeyer, Die moderne Plastik in Deutschland, 1903. 

Dr. Hugo Schmerber. 

Curtze, Maximilian, Gymnasiallehrer, Schriftsteller iiber Geschichte der 
Mathematik, * 4. August 1837 in Ballenstedt, f 3. Januar 1903 in Thorn. — 
C. war das drfctjungste unter zwolf Kindern, welche dem Geh. Medizinalrate 
Eduard Curtze, herzoglich anhaltischem Leibarzte in drei verschiedenen Ehen 
geboren wurden, und gehorte der letzten Ehe mit Johanna, geborener Nicolai, 
an. Alle Kinder, mit Ausnahme einer unverheiratet als Lehrerin in Bernburg 
lebenden Schwester, sind Maximilian im Tode vorangegangen. Der Vater 
starb 1846, worauf die Mutter nach Bernburg iibersiedelte. Im. dortigen 
Gymnasium erlangtc C. 1857 das Reifezeugnis, welches insbesondere die 
mathematische Begabung des Abiturienten hervorhob, und dem darin 
mittelbar ausgesprochenen Rate folgend bezog C. die Universitat Greifswald, 



Curtze. 



9* 



um Mathematik zu studieren. Ohne sich studentischem Verbindungsleben zu 
entziehen, widmete sich C. eifrig der von ihm gewahlten Wissenschaft. Er 
war der Schuler Grunerts, eines Mannes, der freilich zumeist durch das von 
ihm gegrundete Archiv der Mathematik und Physik und durch das unter seiner 
Leitung zu Ende gefiihrte Mathematische Worterbuch Kliigels bekannt ist, der 
aber auch zahlreiche, fiir ihre Zeit ganz gute, wenn auch durch einen Wust 
von Rechnungen etwas abschreckende Lehrbiicher und Abhandlungen verfafltc, 
und der sich seinen Schiilern als der vaterliche Freund zeigte, als welchen 
C. den am 7. Juni 1872 Verstorbenen in einem warmen Nachrufe riihmt. Das 
Jahr 1 861 brachte C. nach bestandenem Lehrerexamen an die hohere Biirger- 
schule zu Lennep in der Rheinprovinz; im April 1864 fofgte die endgiiltige 
Anstellung als Gymnasiallehrer in Thorn, und an dieser Anstalt blieb C. voile 
30 Jahre, bis er 1894 in den Ruhestand trat. Von Thorn aus gingen seine 
wissenschaftlichen Leistungen in die Welt. In Thorn begriindete er kurze 
Zeit nach der Anstellung, am 4. August 1864, sein Familienleben durch Ver- 
heiratung mit Klara Flamant, welche er seit dem Abgang zur Universitat, 
wenn nicht schon langer, als die ersehnte Lebensgefahrtin betrachtete, und 
mit welcher er in treuer Liebe bis zu seinem Tode vereint blieb. In Thorn 
erlosch sein Leben am 3. Januar 1903. 

C.s wissenschaftliche Leistungen zerfallen in drei Gruppen. Erstens hat 
er einige wenige kleinere reinmathematische Aufsatze verfafit; zweitens hat er 
Ubersetzungen italienischer Schriften von Battaglini, von Brioschi, von Cremona, 
von Gherardi, von Schiaparelli, von Sella geliefert; drittens hat er — und 
hier liegt seine wahre Lebensarbeit — geschichtlich-mathematischeForschungen 
angestellt, einer der Wenigen in Deutschland, welche, diesem Sonderfache ihre 
voile Kraft widmend, demselben mehr und mehr anerkannte Bedeutung zu 
verschaffen wufiten. C.s Tatigkeit als Schulmann litt aber keineswegs unter 
der schriftstellerischen Fruchtbarkeit. Dankbare Schiiler bestatigen, was sie 
ihm auf diesem Gebiete zu verdanken hatten. Eine tibersicht von C.s Ver- 
offentlichungen mitAusschlufi zahlreicherBiicherbesprechungen, welche meistens 
durch sachliche Berichtigungen oder Erganzungen der angezeigten Werke sich 
auszeichnen und in den verschiedensten kritischen Organen zum Abdruck 
gelangt sind, hat Herr S. Giinther einem Nachrufe in der Bibllotheca Mathe- 
matics, 3. Folge 4. Band S. 65 — 81 einverleibt. Einen anderen Nachruf hat der 
Verfasser des gegenwartigen Nekrologes in den Jahresberichten der Deutschen 
Mathematikervereinigung fiir 1903 veroffentlicht. Beiden Nachrufen ist das 
Bildnis C.s beigegeben. Haben wir, an den angegebenen Orten zu naheren 
Fachgenossen redend, den Freund von dem dahingegangenen Freunde erzahlen 
lassen, so moge hier in kiirzerer, mehr objektiver Weise iiber C. als Geschichts- 
schreiber der Mathematik berichtet werden. 

C. war noch nicht lange in Thorn ansassig, da wurde er auf einen der 
dortigen reichhaltigen Gymnasialbibliothek angehorenden handschriftlichen 
Sammelband aufmerksam, welcher dem XIV. Jahrhunderte entstammte. Ks 
war vermutlich die erste Handschrift, mit welcher C. sich zu beschaftigen 
Gelegenheit hatte, und ein gliicklicher Zufall wollte, dafi ihr Inhalt der Er- 
forschung wert war. Fand sich doch in ihr der Algorismus proportionum des 
Nicole Oresme! Verfasser und Werk waren selbst Fachgelehrten der Ge- 
schichte der Mathematik so gut wie unbekannt, und erst seit C. beide neu 



9 2 



Curtze. 



entdeckte und 1865, 1868, 1879 in immer ausfuhrlicherer Weise davon handelte, 
wurde dem gelehrten Bischof von Lisieux die Stellung einger&umt, welche 
ihm als dem hervorragendsten franzosischen Mathematiker desXIV. Jahrhunderts, 
als dem Begriinder der Rechnung mit Potenzen, auch mit solchen mit ge- 
brochenem Exponent mit Recht zukommt. 

Hatte sich C. bei dieser Gelegenheit mit der Mathematik des XIV. Jahr- 
hunderts bekannt machen miissen, so fiihrte ihn ein anderer gliicklicher Zufall 
tief in die Kenntnis der beiden folgenden Jahrhunderte. Das Leben des 
Nicolaus Coppemicus, des beriihmtesten Sohnes der Stadt Thorn, ist durch 
die Jahreszahlen 1475 unc * 1543 begrenzt. Thorner Burger hatten am 19. Fe- 
bruar 1839 einen Verein gegriindet, dessen ausgesprochener Zweck es war, 
fur die Errichtung eines Coppernicusdenkmals in Thorn zu wirken, und als 
im Oktober 1853 diese Aufgabe gel6st war, bildete sich aus dem alten 
Vereine ein neuer: der Coppernicusverein fur Wissenschaft und Kunst, der, 
wenn er auch allgemeineZwecke verfolgte, doch in erster Linie die Coppemicus- 
forschung zu fordern sich vornahm. Leopold Prowe, Oberlehrer am Thorner 
Gymnasium, Sprflfiling einer angesehenen Thorner Familie, Festredner bei der 
Denkmalsenthiillungsfeier von 1853, war die treibende Kraft des neuen Vereins. 
C. muflte, als er 1864 nach Thorn kam, zu dem Schulkollegen wie zu dem 
Vereine in nahe Beziehungen treten, mufite an den Bestrebungen des Vereins 
teilnehmen. Kann oder mufl man in den erwahnten Umstanden einen gliick- 
lichen Zufall erkennen, so war es C.s glanzende Begabung fur geschichtliche 
Forschung, welche ihm bald eine Stellung neben Prowe zuwies. C. hat in 
Prag die dort in graflich Nostizschem Besitze befindliche Originalhandschrift 
des Hauptwerkes des Coppemicus, seiner sogenannten Revolutionen, mit den 
vorhandenen Druckausgaben verglichen und so den gereinigten Text hergestellt, 
der wieder unter C.s Leitung 1873 als Jubilaumsausgabe die Presse verlieB. 
C. veroffentlichte 1874 und 1875 unter dem Titel Reliquiae Coppernkanae 
Randbemerkungen, welche Coppemicus einst in ihm angehorende Biicher ein- 
getragen hatte. Inedita Cappernkana heifit eine weitere Veriiffentlichung C.s, 
die Frucht einer 1877 auf Kosten des Fiirsten Boncompagni nach Upsala 
unternommenen Reise, deren Ergebnisse mit in Wien und in Berlin befind- 
lichen Schriftstiicken, welche noch nicht veroffentlicht waren, vereinigt wurden. 
Auch dem Studiengange des Coppemicus in Italien widmete C. seine 
Forschung, und er stieg so von Coppemicus aufwarts zu Domenico Maria 
Novara, der jedenfalls, zu Scipione del Ferro, der moglicherweise ein Lehrer 
des Thorner Astronomen war. 

Wir haben in Oresme und Coppemicus zwei Brennpunkte C.scher Forschungen 
kennen gelernt. Aber sein Gebiet erstreckte sich ungemein viel weiter. Emsiges 
Studium vorhandener Handschriftenkataloge, spater eine im Sommer 1896 im 
Auftrage der Berliner Akademie untemommene Rundreise zur Durchstoberung 
deutscher und osterreichischerBibliotheken nach mathematischen Handschrif ten 
erweiterten seinen Blick und gestatteten ihm in dem Bericht iiber jene Rund- 
reise ein Arbeitsprogramm zu enthullen, welches noch zahlreichen jungeren 
Kraften gestattet, mit Hoffnung auf Erfolg C.s Spuren nachzugehen. 

Lassen wir in aller Kurze die Namen der Schriftsteller an uns voriiber- 
ziehen, mit welchen C. sich neben Oresme und Coppemicus beschaftigt hat. 
Archimed kann hier insoweit genannt werden, als C. nachwies, dafi ein so- 



Curtze. 



93 



genannter Brief des Archimed an Konig Gebon eine spate Falschung ist, 
welche schon weit friiher als solche erkannt worden war. Wir erwahnen 
weiter die Kubikwurzelausziehung des Herrn von Alexandria, mit deren 
Diskussion C. sich beschaftigte. Wir erwahnen Diophant wegen einer lange 
verschollenen, von C. in Krakau wieder aufgefundenen griechischen Handschrift 
seiner Arithmetik. 

Orientalischer Sprachen war C. nicht machtig, aber um so genauer kannte 
und wiirdigte er im XII. Jahrhunderte durch Gerhard von Cremona und durch 
Plato vonTivoli angefertigteObersetzungen arabischerund hebraischer Schriften, 
und die Herausgabe soldier Obersetzungen war ihm besonders angelegen. 
So erschienen durch C. eingeleitet und mit Erlauterungen versehen das Buch 
der drei Briider (um 830 verfafit), der Kommentar An-Nairizis zu den 
Elementen des Euklid (um 900 verfafit), die Geometrie des Abraham Savasorda 
(im Jahre 11 17 abgeschlossen). Wir kommen noch auf die grofle Bedeutung 
zuriick, welche C. diesen Obersetzungen beilegte. 

Wir gelangen zu mittelalterlichen europaischen Schriftstellern. C. machte 
auf die in Munchen aufbewahrte alteste Handschrift der Gerbertschen Geometrie 
aufmerksam. Er lernte die dem XII. Jahrhunderte angehorende Geometrie 
des Hugo Physicus kennen, sowie einen dem gleichen Jahrhunderte ent- 
stammenden Algorismus, einen am Ende des XII. Jahrhunderts verfafiten 
Trcutatus de abaco. Sodann gab C. die Schrift De triangulis des Jordanus 
Nemorarius erstmalig heraus, vervollstandigte die altere liickenhafte Ausgabe 
von desselben Verfassers Biichern De numeris datis. Er wies nach, dafl der 
andere grofle Mathematiker des XIII. Jahrhunderts, Leonardo von Pisa, vieles 
aus der Geometrie des Savasorda entlehnte. Er wies andererseits bei Leonardo 
von Pisa auf das Vorhandensein einer Regel zur Auflosung mehrerer gleich- 
zeitig zu erfullender unbestimmter Gleichungen ersten Grades hin, welche sich 
bei dem Regensburger Mbnch Frater Fridericus von 1450, welche sich um 
die gleiche Zeit bei Regiomontanus wieder findet, welche aber auch in China 
seit dem III. nachchristlichen Jahrhunderte unter dem Namen Ta Yen bekannt 
war. Aus dem Ende des XIII. Jahrhunderts stammte der von 1291 datierte 
Kommentar des Petrus de Dacia zum Algorismus des Sacrobosco, welchen 
C herausgab. 

Wir wenden uns dem XV. Jahrhunderte zu. C. war es, der den oben 
erwahnten Frater Fridericus entdeckte, der eine neue Ausgabe des Brief- 
wechsels des Regiomontanus veranstaltete und insbesondere die fur die Kenntnis 
der damaligen Zeit so wichtigen Rechnungsausfiihrungen zum Abdruck brachte, 
welche der friihere Herausgeber, Christoph von Murr, weggelassen hatte. 
Weitere Schriften des XV. Jahrhunderts, welche durch C. bekannt wurden, 
sind das Buch De capacitate, eine Geometrie von Leonardo Mainardi, eine 
Quadratur des Kreises, eine deutsche Obersetzung des Robertus Anglicus 
von 1477. 

Im XVI. Jahrhunderte entstand die deutsche Obersetzung des unter dem 
Namen Initius Algebras bekannten Werkes, welche C. im Drucke herausgab. 

Das sind gewaltige Leistungen eines einzigen Mannes, und sie erschopfen 
noch keineswegs das Arbeitsgebiet C.s. Bald unter dieser, bald unter jener 
Spitzmarke hat C. zahreiche kleinere Notizen zum Drucke gegeben. Er hat 
sich mit dem sogenannten Josephsspiele beschaftigt, mit Witelo, mit Dominicus 



94 



Curtze. Hautmann. 



de Clavasio, mit Johannes de Lineriis, mit dem Prozesse gegen Galilei und 
mit vielem anderen. Alles, oder doch wenigstens fast alles, was wir erwahnten, 
bildete fur C. die Vorarbeit fur eine Geschichte der Geometrie im Mittelalter, 
deren Plan in seinem Riesengedachtnisse fertig dastand, an deren schriftlicher 
Ausfuhrung aber der j&he Tod ihn verhinderte. 

Zweifellos hat die Geschichtswissenschaft durch die Nichtausfuhrung des 
geplanten Werkes einen grofien Verlust erlitten. Da Aufzeichnungen nicht 
vorhanden sind, lassen sich Vermutungen iiber C.s leitende Grundgedanken 
kaum wagen. Nur einen dieser Grundgedanken glauben wir zu kennen. 
Die mittelalterlich-europaische Geometrie steht unter demEinflusse griechischer 
Wissenschaft, die in arabischer und hebraischer Sprache sich forterbte. Aber 
diese Forterbung selbst war bedingt durch eine lateinische Wiedergabe der 
auch fur die Gebildeten nicht lesbaren orientalischen Texte. Das ist die von 
C. richtig erkannte und gewiirdigte Bedeutung des Gerhard von Cremona, 
des Plato von Tivoli. Moritz Cantor. 

Hautmann, Johann, Bildhauer, * 21. April 1820 zu Miinchen, f 30. Januar 
1903 ebendaselbst. — H. stammte aus einer alten, in der Mitte des 
XVIII. Jahrhunderts von Amberg nach der bayerischen Hauptstadt iiber- 
siedelten Kiinstlerfamilie. Sein Vater, Joseph Hautmann, welcher im 
82. Lebensjahre, am 28. September 1877 starb, war ein tuchtiger Techniker 
und Steinmetz, der den siidlichen (alten) Friedhof mit Grabdenkmalern und 
Busten schmiickte. Wahrend ein jiingerer Sohn, Hippolyt Hautmann, 
rechtzeitig zur Kunst kam und sich einen guten Namen erwarb, aber schon 
1862 in Florenz, wo er seine zweite Heimat gefunden hatte, aus dem Leben 
schied, war unser hier in Rede stehende H. zum Theologen bestimmt; er 
durchlief Lateinschule und Gymnasium, sprang dann aber doch zur Kunst 
ab, genofi auf der Akademie noch die Unterweisung des alten Conrad 
Eberhard und die Aufnahme als Eleve im Atelier Schwanthalers, der jedoch 
im vollen Schaffen schon 1848 starb. Kurze Zeit stand H. als Kustos am 
sogenannten Schwanthaler-Museum, bis ihm die zahlreich zufliefienden Auf- 
trage zur Errichtung einer eigenen Werkstatt ermutigten. Er fertigte religiose 
Skulpturen fur die Kirche in Friedberg und den Dom in Augsburg, die 
Riesenstatue einer »Madonna« fur den Dom in Kaloska, ebenso formte er 
nach einer Skizze von Sjostrand ein Hochrelief in Zementgufi fiir das neue 
Akademiegebaude in Helsingfors, auch viele allegorische und dekorative 
Darstellungen, sonstigen Schmuck und Zierrat an Briicken und ftffentlichen 
Bauten. Auch viele Portratbiisten von Gelehrten (Abt Haneberg) und her- 
vorragenden Mannern (Windthorst) und anderen, die freilich nicht immer 
dem Kunstler in Original safien, darunter von dem jungen K6nige Ludwig II. 
und seiner Braut (welche in Hunderten von Abgiissen fiir alle bayerischen 
Stadte, MSrkte und Rathauser bereit stand, als das vorschnelle Versprechen 
riickgangig wurde — die fast unabsehbare Reihe von verstaubten Exemplaren 
bildete einen seltsamen Eindruck in H.s Atelier; Herzog Maximilian hatte 
den Kunstler mit dem Titel eines Hofbildhauers begnadet). Spater versah 
der patriotische Kunstler alle Justizhallen und Sitzungssale, Rentamter und 
Landgerichte mit der Buste des Prinzregenten, wozu derselbe dem Plastiker 
personlich gesessen hatte. KOnig Ludwig II. hatte H. in besondere Affektion 



Hautmann. Hirschfelder. 



95 



genotnmen und viele Auftrage fiir den Linderhof und das stolze Chiemsee- 
schlofl iibertragen, wozu H. zu langeren Studien sich nach Paris begab. Bei 
dem plotzlichen Tode des ungliicklichen Monarchen formte H. das Haupt und 
die rechte Hand des hohen Verlebten. Als Alter und Krankheit dem Bildner 
schliefilich Reserven auferlegten, konnte er sich des trostlichen Bewufltseins 
freuen, ein wenn auch von mancherlei Muhen und Sorgen nicht verschontes 
— dazu gehorte auch 1891 eine unbegreifliche Konkurserklarung — aber 
doch allzeit ehren- und verdienstvolles, vieltatiges Leben und Schaffen voll- 
endet zu haben. 

Vgl. Nr. 52 »Neueste Nachrichten* vom 2. Februar 1903 und (M. Fiirst) Rechenschafts- 
bericht des Vereins ftir christl. Kunst 1903 S. 11 ff. Hyac. Holland. 

Hirschfelder, Salomon, Genremaler, * 16. Mai 1832 zu Dettensee (Hohen- 
zollern), f 10. Mai 1903 in Miinchen. — Seit 1853 an der Akademie, bei Pro- 
fessor Ph. Foltz, machte er sich durch seine einfachen, meist heiteren Szenen 
aus dem Volksleben, in der Weise wie Kaltenmoser und Naumann einen 
geachteten Namen. Mit den beiden Genannten zeichnete er vieles fiir Steffeus 
Breslauer Volkskalender, lustige Einfalle, die der nachmals gesuchte Conrad 
Geyer auf seinen Platten in Stich iibersetzte. Seine meist kleinen Bilder 
nahmen in ihrer Technik die Wette auf mit denen anderer Zeitgenossen, dabei 
befleifligen sie sich eines guten Humors, einer heiteren Laune. Dazu gehdrten 
als Erinnerung an seine Heimat allerlei, mit der schwierigen Abfassung oder 
Lesung von Liebesbriefen vollauf beschaftigte »Schwaben-Madchen«, ein 
minniglich plauderndes Parchen, welchem unterdessen die gierigen Huhner 
die Brot- und Eiervorrate erleichtern, ein mit Bierflaschen beladener Schul- 
knabe, welcher dem Herrn Lehrer in den Weg lauft und nun verzweifelte 
Anstrengungen macht, dem hohen, derselben Quelle zusteuernden Allgewaltigen 
die gebuhrliche Reverenz zu erweisen. Zu seinen packendsten Einfallen zahlten 
zwei Kinder, wovon das dralle, breitspurig aufgepflanzte Madchen mit fest- 
geschlossenen Handen ihrem Gegenpart mit einer energischen Frage »Rechts 
oder Links* die Wahl lafit. Auch ein leichtfufiiger Fechtbruder, der auf der 
Walze bei einem Flickschuster vorspricht, zu spat aber an den Wandtrophaen, 
an Federhut und Sabel, den gestrengen Gemeindediener und rechtschaffenden 
Pfleger der Ordnung und Gerechtigkeit erkennt. Auch Bildnisse malte er 
friihzeitig, immer mit grofler Treffsicherheit und Ahnlichkeit; er »zeichnete 
mit der Farbe«, wie man damals uberhaupt den »alten Herren« nachsagen 
konnte. Die deutschen Kriegsjahre boten erwunschte Gelegenheit zu patrio- 
tischen Kriegerszenen mit braven Soldaten und schonen Krankenpflegerinnen; 
ebenso betatigte unser Maler bei Turnerfest-Zeitungen mit allerliebsten »Kraft- 
proben* seinen immer bereitwilligen Humor. Eine »Gewichts- und Brotvisi- 
tation« (Gartenlaube 1873 S. 124 und 125) ergab gleichen Anlafi, ebenso ein 
vDienstbotenbureau« oder ein »Rache ist siifi« betitelter, die Uniform seines 
Vorgesetzten tiichtig durchklopfender Offiziersbursche. H. photographierte nicht 
allein eine Menge Modelle, er arbeitete auch und experimentierte mit Ver- 
besserungen dieser Technik; er konstruierte einen Apparat mit Momentver- 
schlufi; photographierte zu einer Zeit, wo noch niemand dergleichen wagte, 
einen Taubenflug und einen Blitzzug. Vergebens suchte er seine Verbesse- 
rungen in Paris und London zu verkaufen, vergeblich nahm er ein deutsches 



g6 Hirschfelder. Hofelich. 

Patent. Umsonst — er drang nirgends durch. Auch das Problem loste er, 
drei verschiedene Einstellungen auf einer Platte zu realisieren. Die meisten 
seiner Platten uberliefi er dem Kunsthandler Ferdinand Finsterlin. AuBer- 
ordentlich musikalisch, gehdrte es zu seinen stillen Freuden, alle Instmmente 
zu spielen, voraus die Geige, und zwar mit hinreifiendem Feuer und zartester 
Empfindung. Als er sein Ende fiihlte, liefi er den ganzen Inhalt seines 
Ateliers, fertige Bilder, Skizzen, Zeichnungen, den ganzen Schatz seiner 
artistischen Habseligkeiten am 29. April 1903 durch Carl Maurer versteigern 
und begab sich darauf in das israelitische Gemeindehaus, wo er, zeitlebens 
ein strenggl&ubiger Bekenner, wenige Tage darauf aus dem Leben schied. 
»Seinen ganzen Lebensinhalt bildete die Kunst, eine Kunst, die unter Tranen 
lachelt; sie bildete das Gegengewicht zu seinen Leiden und Entbehrungen 
— in ihr fand er Trost, Frieden und reichen Segen.« 

Vgl. Fr. von B5tticber 1895 h 543- — Singer 1896 III, 182 fcZeilen!) — Nekrolog 
in Nr. 131 »Allg. Ztg.« 12. Mai 1903. Hyac. Holland. 

Hofelich, Ludwig, Xylograph und Landschaftsmaler, * 30. Oktober 1842 
in Leipzig, f 12. Januar 1903 zu Munchen. — Die Armut seiner Eltern 
notigte H., trotz aller Vorliebe zur Malerei, in der Holzschnittkunst, die er 
bei Joh. Gottfried Flegel (* 1815, f 1881) erlernte, eine sichere Erwerbsquelle 
zu suchen. In dieser Technik von i86o-«-i864 in Petersburg auflerordentlich 
tatig, studierte er nach Moglichkeit in der Eremitage an alten Meistern mit 
einem seine Gesundheit bedjohenden Feuereifer. Auch im figiirlichen Fache 
suchte H. seine Ausbildung 1867 in Berlin, Dresden und Leipzig zu erreichen. 
Abermals krank, wendete sich H. nach der siiddeutschen Alpenwelt, deren 
Schonheit ihm neue Anregung und erwunschte Heilung bot. Seit 1868 in 
Munchen ansassig, durchzog er, unausgesetzt Studien sammelnd, das ganze 
Hochland und die Schweiz. Daraus holte er seine hochpoetischen Wald- 
landschaften, hier erquickte er sich an Flufiufern und SeegelSnden, an 
traumerischen Weihern ujid Schilfwassern; ihre wechselnden Stimmungen zu 
beobachten und nachzubilden, konnte er nie ermiiden, zum weiteren Ausdruck 
am liebsten die Tierstaffage verwendend. Verlassenen, einsamen Gegenden, 
verschutteten Gebirgsstrafien folgte er nach, die Waldstille lehrte ihm ihren 
Zauber. Gleiche Intention fiihrte ihn nach seiner norddeutschen Heimat und 
gab ihm das Geleite an den oberitalischen Seen und in Torbole, am Starn- 
berger See und dem lieblich ernsten Bernried. Zuletzt brachte er noch ein 
Herbstmotiv aus dem Englischen Garten und von der Isariiberschwemmung 
bei Ismaning; beide erschienen auf der Kunstausstellung im Glaspalast 1903, 
dazu sein Selbstbildnis: im Arbeitskleid, das Pfeifchen im Mund, ruhig, ernst, 
mit stillen Augen auf den Beschauer blickend. Der griine Ehrenkranz mit 
der Trauerschleife zeigte, dafi der Maler schon unter der Erde ruhte. Eine 
verhaltnismaflig leichte Erkrankung schlofi unerwartet dieses tatige Schaffen, 
welchem die Mitwelt nicht nach vollem Verdienst entgegenkam. 

Im November 1903 erschienen im Miinchener Kunstverein an dreihundert 
Blatter mit Studien, Skizzen und Zeichnungen aus H.s Nachlafi, der dankbare 
Kaufer fand. 

Vgl. Fr. von Bfitticher 1895 1> 54^. — Singer 1896 II, 189. — Das geistige Deutsch- 
land 1898 S. 314 (Autobiographic) und Kunstvereinsbericht fUr 1903 S. 70 (von Alfred 
Niedermann). Hyac. Holland. 



Ktfppen. Mayer. 07 

Kdppen, Theodor, Historienmaler, * 27. Juli 1828 zu Brake a. d. Weser 
(Oldenburg), f 3. M&rz 1903 in Nymphenburg (Munchen). — Sohn eines Land- 
wirtes; erst Dekorationsmaler in Oldenburg, kam iiber Diisseldorf nach Miinchen 
an die unter Kaulbachs Direktion neu florierende Akademie. Die Mittel zu 
ernsteren Studien gewann K. durch geschickte Kopien nach alteren Meister- 
werken der Pinakothek, insbesondere der beriihmten Bettelknaben Murillos, 
die er, entgegen der damaligen Hausordnung, durch sehr einfache List, in der 
verpftnten Originalgrofie, mit wahrer Virtuositat anzufertigen verstand. Diese 
harmlosen Reveniien bildeten die solide Basis, um eigene Plane zu realisieren, 
wozu auch vielfache Portrats, darunter das treffliche Bildnis des Landschafts- 
malers Ernst Willers, erwiinschte Fftrderung boten. Dazu gehflrten die idealen 
Gebilde von »Nacht und Tag« (1861), welche spater mit »Morgen und Abend* 
(1867) einen Appendix erhielten. Dafi er sich auch an kilhne Probleme 
wagte, deren Realisierung eine grSflere Kraft erfordert hatte, zeugt von dem 
idealen Mute der damaligen Jugend. Hiezu zfthlt der schOn gezeichnete 
Karton »Der Mensch im Kampfe mit den Elementen* (1865), ein Stoff, 
welchen K. immer wieder vornahm, bis derselbe (1874) zu einem durch- 
gearbeiteten Olbilde reifte, welches um 6000 Gulden doch eines Kaufers 
sich erfreute. Auch eine Komposition mit »Hagen und die wilden Meer- 
maide« hatte ihn 1867 in Arispruch genommen, aber auch »Amoretten«, 
Friichte tragende italische Frauen, mit oder ohne Kinderbeigabe; italische 
Fischer und rudermachtige, hart vom Sturm bedraute Marinari\ ferner ein 
Sturm an felsiger Kuste mit umbrandetem Leuchtturm — sch&ne Friichte 
einer siidlichen Studienreise, die sich vorwiegend mit landschaftlichen Ein- 
driicken befafite, welche dem Maler bei seinem »Von den Okeaniden be- 
klagten Prometheus « (1888) gut zustatten kamen. Das fiihrte ihn wieder 
auf die Antike zuriick mit einer »Antigone und Ismene« und »Antigone bei 
der Leiche des Polyneikes«, von da gab es mit Szenen zu »Romeo und 
Julia« und »Kdnig Lear« den Obergang zu Shakespeare. 

Die Mehrzahl seiner Bilder kam mit einer »Abundantia« nach England 
und Amerika, einige erwarb die Galerie zu Oldenburg. Ein dekorativer 
Zyklus fur einen Konzertsaal gelangte nach Edinburg. K. versah auch die 
Stelle eines Lehrers bei der Prinzefi Ludwig Ferdinand. 

Vgl. Fr. v. B5tticher 1895 I, 743. — Singer 1896 I, 372. — Kunstvereinsbericht 
1903 S. 72. Hyac. Holland. 

Mayer, Friedrich Carl, Architekturmaler, Groflherz. Weimarischer Hofrat, 
* 3. Januar 1824 in T6lz, f 24. Januar 1903 zu Munchen. — M., Sohn des 
damaligen Rentbeamten Eduard Mayer, wurde zum Studium und zur Beamten- 
laufbahn bestimmt, fiihlte sich aber nach dem Vorbilde seines Urahns, eines 
wackeren Augsburger Bauherrn, unwiderstehlich zur Architektur hingezogen; 
besuchte denn auch mit der Versetzung seines Vaters nach Augsburg (woselbst 
derselbe spater im Ruhestand, 1855 und 1856, sehr hiibsche, auf gediegenen 
Studien beruhende »Skizzen« aus der dortigen Stadtgeschichte verfafite) die 
dortige Kreisgewerbe- und PolytechnischeSchule, dann die Miinchener Akademie, 
wo er sich unter Eduard Metzger, Voit u. a. (1844 — 48) ganz der Baukunst und 
den damit verbundenen praktischen Ubungen widmete. In Niimberg betatigte 
sich M. zuerst als Heideloffs Assistent am Polytechnikum (1849) und als 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 8. Bd. 7 



98 Mayer. 

Maler, wozu er auf steten Studienfahrten am Rhein und in Belgien ein herr- 
liches Material gesammelt hatte. So entstanden die anziehenden, nach 
Krelings geistreichem Vorgang, mit altertiimlichen Staffagen belebten Olbilder 
aus dem »Kreuzgang von Schulpforta«, dem »Inneren der Stiftskirche zu 
Gemrode* (1848), eine »Partie aus dem Kreuzgang des Mainzer Domes* 
(1849). Gerechtes Aufsehen machte das grofie Gemalde (1850) wie »Adam 
Krafft sein Sakramentenh&uslein dem Biirgermeister von Imhoff iibergibt* 
(Stahlstich von Hablitschek). Gleiche Teilnahme erhielt das Innere der 
Sebaldkirche mit dem Sebald-Denkmal nach dem urspriinglichen (in Wirklich- 
keit leider nur halb ausgefuhrten) Entwurfe eines seither noch unbenannten 
Meisters. Der Maler staffierte sein Bild mit dem freilich unhistorischen, aber 
sehr naheliegenden Vorgang: wie Peter Vischer das Denkmal dem Kaiser 
Maximilian erklart, der mit Veit Stofi, Wolgemut, Diirer und vielen anderen 
zum Beschauen dieses Gufiwerkes gekommen ist. Das grofie Bild erschien 
zuerst 1851 auf der Munchener Kunstausstellung, bestand hier die gef&hrliche 
Konkurrenz mit Ainmillers exzellenten »Ansichten aus der Westminsterabtei* 
und erhielt trotz diesen beiden Rivalen allgemeinen Beifall (vgl. Beilage 224 
»Neue Munchener Ztg.« 20. September 1851). Daran reihte sich 1852 eine 
Ansicht des »Nurnberger Marktplatzes mit-der Frauenkirche und dem sch5nen 
Brunnen« belebt durch die festliche Einfiihrung der Reichskleinodien 1422. 
Ferner die sogenannte »Brautture bei S. Sebald«, eine Partie aus der Michaels- 
kirche zu Hildesheim, das Kabinettstiick einer mittelalterlichen »Fabrica« mit 
dem beriihmten Erzbildner Bernward von Hildesheim (1854), ein Kirchenfest 
mit dem Motiv aus dem Augsburger Dom. Schon damals exzellierte M. durch 
die verstandnisinnige optische Konstruktion, jeder Pinselstrich war richtig 
gedacht und haarscharf an seine Stelle gesetzt, ohne dafl dadurch die Gesamt- 
haltung in Form und Farbe litt. Als gewissenhafter Techniker und Lehrer 
bewahrte sich M. 1855 — 65 an der Kreisgewerbeschule: als solcher schnitt er 
alle architektonischen Stilarten, z. B. die Konstruktion des maurischen Tropf- 
steingewolbes, in Holz, wie er iiberhaupt Modelle jeder Art, sogar Miniatur- 
backsteine, formen liefi. Wie der Maler neben seiner ausgedehnten Lehrtatig- 
keit, neben der Unzahl von Entwurfen und Werkzeichnungen fUr Hausgerate, 
Glasfenster, Tapeten und Teppichmuster, Gefafle, Metall-und Elfenbeinarbeiten, 
sowie ganzer Wohnungseinrichtungen in alien Stilarten und Geschmacks- 
richtungen fruherer Zeiten und Generationen, wie M. zu immer neuen und 
so liebe- und stimmungsvoll durchgefuhrten eigenen Bildern noch Zeit finden 
konnte, war nur seinem eisernen, andauernden Fleifle mOglich. So entstanden 
inzwischen kleine architektonische Epigramme seiner Kunst, indem er den 
alten Patrizier- und Burgerhausern der Bibra und Preller ihre malerischen Ge- 
heimnisse und poetischen Winkel ablauschte und zur erfreulichen weiteren 
Kenntnis brachte (1861). Gleich anziehende Motive sammelte er aus dem 
Dom in Magdeburg (1862), aus dem Rathaus zu Braunschweig (1863), aus 
den Furstenzimmern in Augsburg (1868). Im Jahre 1865 folgte M. einer 
ehrenvollen Berufung als Professor an die Kunstschule nach Weimar, unter 
Fortsetzung der gleichen Tatigkeit. Hatte er friiher schon die Restauration 
der hi. Kreuzkirche zu St. Johann bei Wurzburg und den Bau des sogenannten 
roten Turmes in Oberwesel (1864 — 66) gefiihrt, so leitete M. die gesamte 
Ausstattung eines Thuringer Schlosses und des Palais fiir den Herzog Moritz 



Mayer. Steub. gg 

von Sachsen-Altenburg. Dann kehrte der mit Ehren und Orden vielfach aus- 
gezeichnete Kunstler 1875 nach Niirnberg zuriick, welches er 1889 mit 
Munchen vertauschte, wo er sich ein neues, gleich gemiitliches Heim schuf 
und mit unermtidlichem Eifer, trotz seines durch gluckliche Operation 1897 
gehobenen Augenleidens, der geliebten Kunst oblag. Seine Bilder gingen ebenso 
wie die liebenswiirdigen Genrestiicke des mit M. vielfach geistverwandten 
Anton Seitz (vgl. Biogr. Jahrb. V) weit in die Welt. Stoffe hatte er fur 
mehr als eine Lebenszeit eingeheimst. Er arbeitete wie ein SchatzgrSber, der 
verborgene Kleinode der Vergessenheit entreifit und in das rechte Licht 
bringt. Eine Auswahl dieser seiner »architektonischen Novellen« erschien — 
in ihrer Weise auch h la Claude Lorrain, eine Art »Libcr vcritatis* — in 
einem mit photographischen Reproduktionen reich ausgestatteten Album (in 
Furth bei Schildknecht) und mit neuen Aufnahmen eine zweite Kollektion 
bei Joh. NShring in Ltibeck. Damit ist aber sein Lebenswerk noch immer 
nicht erschdpfend gezeichnet. In seiner Wohnung hing Bild an Bild, eine 
ganze Galerie von Zeitgenossen, deren Werke er durch Tausch, Kauf und 
Geschenk erhalten,darunter aber auch eine erklecklicheZahl eigener Schopfungen. 
— Bewundernswert blieb die Sch&rfe seiner Beobachtung und die Sicherheit 
der Hand, das reizende, bis ins kleinste gehende, in liebevollster Weise 
durchgebildete Detail, darunter z. B. die Gitter und die subtilen Dekorationen 
mit Waff en und Wappenschildern an den WSnden (Ulm) und dabei doch die 
das Ganze beherrschende einheitliche Wirkung, Haltung und Stimmung. Ebenso 
originell war seine Sammlung von eigenhSndigen Modellen. So hatte M. die 
Kopie eines »Ordinari-Flosses« aus der Erinnerung gefertigt, wie dergleichen 
noch vor einem halben S&kulum von Tolz nach Wien gingen mit allem Bei- 
werk, mit der Kochhiitte darauf, deren Insassen und der iibrigen Ladung 
von Bier- und GipsfHssern, Kohlen usw. Ebenso ein die Donau und den 
Inn aufwarts d. h. »bergfahrendes« von schweren Pferden gezogenes Fracht- 
schiff (ahnliche Szenen malte ja auch Ludwig Hartmann, vgl. Biogr. Jahrb. VII); 
dazu die wahrhafte Nachbildung eines alten echten Wirtschafts- und Bauern- 
hauses aus Lenggries oder Jachenau. Aus Platzmangel hing dergleichen mit 
anderen plastischen Reproduktionen alter, mit GetreidesScken belasteter 
Schrannenwagen, von Bierfuhrwerken und anderen zur Kunde des altbayerischen 
Volkslebens hdchst wertvollen Inventarstiicken, durch eigens konstruierte Auf- 
ziige mittelst Schniirwerk dem Augenschein schnell vermittelbar, von den 
Plafonds seiner mit Seltsamkeiten aller Art geschmuckten und iiberladenen 
Zimmer herab. M. war seit 1855 mit der Tochter eines kunstliebenden 
Nurnberger Kaufherrn verheiratet. Sein treffliches Bildnis hat Kuppelmayer 
1894 gemalt. 

Vgl. Naumann, Archiv f. zeichnende Kttnste 1870. — Westermayer, Chronik von Ttflz, 
1871, S. 182. — Regnet in Nr. 11 von Schaslers >Deutsch. Kunst-Ztg.c 1873. — Friedrich, 
Xftrnbergs Meister der Gegenwart, 1876. — Fr. von B5tticher, 1895 H* 9^o« — Nekrolog 
in Nr. 26 »Allg. Zeitg.« 1903. — Kunstvereinsbericht 1903, S. 72. 

Hyac. Holland. 

Steub, Fritz, Charakterzeichner und Karikaturist, * 11. November 1844 
zu Lindau, f 5. August 1903 zu Partenkirchen. — Als der Sohn eines be- 
habigen Kaufmanns besuchte St. die Volksschule seiner Heimat, kam dann 
zu seinem Groflvater, dem Universititsstiftungs-Administrator St. (Vater des 

7* 



100 Steub. 

Kulturhistorikers und Humoristen Dr. Ludwig St.), nach Munchen, wo er die 
Gewerbeschule absolvierte und um sich dem Maschinenbaufach zu widmen, 
das Polytechnikum in Karlsruhe auf zwei Jahre bezog. Ausgezeichnet mit 
einetn glanzenden Wissen und empfehlenden Zeugnissen fiihrte ihn, als er 
gerade daran war zu Munchen in die praktische Laufbahn einzutreten, sein 
guter Stern zu dem Maler und Xylographen Kaspar Braun, dem Begriinder 
der »Fliegenden Blatter«, der sich seiner in vaterlicher Weise annahm und 
ihn fur die artistische Laufbahn gewann. Die Akademie wird St. wohl 
schwerlich oder nur kurze Zeit besucht haben, obwohl er bei Professor Joh. 
Leonhard Raab als Zeichner, Radierer und Kupferstecher eintrat, wo eine 
Brustfellentziindung die Lehrzeit nur zu bald unterbrach. Dann warf sich 
St. auf die Xylographie, nahm seine Beschaftigung als Zeichner neuerdings 
auf und lieferte eine Reihe schnurriger Einfalle (darunter auch mit der Kon- 
struktion neuer unmoglicher Zukunftsmaschinen) fiir die »Fliegenden Blatter « 
und eine stattliche, allm&hlich uber 70 Nummern zahlende Folge fiir die 
lustigen »Munchener Bilderbogen«, alles fiir den weltbekannten Verlag von 
Braun und Schneider, der seit 1864 dieser willkommenen Kraft geme seine 
Spalten zu st&ndiger Mitarbeiterschaft offnete. Im Jahre 1872 schlofi St. eine 
Ehe mit Elise Braun, einer vielbegabten Tochter seines bisherigen Freundes 
und Prinzipals. Vorubergehend gab St. seine kOstlichen Einf&lle auch in 
anderen illustrierten Zeitschriften, z. B. in »Ober Land und Meer« (darunter 
ein Blatt mit uber ein Halbhundert der putzigsten Figiirchen aus dem 
Sommerfrischentreiben, Botanischen Charakterkopfen usw.) und Schorers 
»Familienblatt« (Die »Artistenhochzeit« in Nr. 6 des Jahrgang 1890), wie er 
auch M. Reymonds kftstliche Unica »Das Laienbrevier des H£ckelianismus«, 
dessen »Exodus des Menschengeschlechts aus Lemurien* (in drei vielaufgelegten 
Ausgaben nebst der Farge »An Bord des Julius Verne« (Bern 1878 bei George 
Frobeen u. Comp.) einer humoristisch-satirischen Weltumsegelungsnovelle, mit 
seinen neckifcchen, kongenialen Einfallen begleitete. Auch illustrierte St. eine 
Ausgabe des Don Quixote. Ein eigenes Biichlein mit tollen Scherzen und 
Schw&iken »Firlefanz« (zuerst 1874) und das possierliche Opus »Leben und 
Taten des Herkules« mit Versen des Herrn von Mieris (Franz Bonn) erhielt, 
gleichfalls bei Braun und Schneider, seinen entsprechenden Bilderschatz. Ein 
anderes, in Bild und Wort sich deckendes, damals epochemachendes und 
ganz zeitgematJes, nun leider aus dem Buchhandel verschwundenes Opus trug 
den Titel »Der deutsch-franzdsische Krieg. Eine romantische Tragddie in 
fiinf Aufziigen« (Munchen 187 1, Braun und Schneider, 4 ); dasselbe bestand 
in einer geistreichen, wSrtlichen, von keinem geringeren als Herrn von Possart 
getroffenen Auswahl aus Schillers »Jungfrau von Orleans*, welche St. mit 
44 seiner hinreiflenden Bilderscherze illustriert hatte. 

Was St.s Kunst betrifft, so begniigte er sich am liebsten mit der Dar- 
stellung von kleinen, oft nur fiinf Zentimeter hohen Charakterfiguren. Es 
sind der Mehrzahl nach kaum Einakter, wohl auch Duetten, bisweilen grSflere 
Gruppenbilder; wenn er sich ins turkische, persische oder indische Reich 
begab, auch langere Zyklen. Schon ist keine von ihnen, aber wild, gr&filich, 
turbulent und obwohl lacherliche Karikaturen, doch voll leicht erkennbarer 
schrecklicher Wahrheit. Sie waren eigentlich eine Zierde zu dem bekannten 
Buche von Rosenkranz »t r ber die Asthetik des Hafllichen«. Man sieht das 



Steub. 10 1 

Vorbild von Kaspar Brauns Lumpen, Herbert Konigs und Reinhardts Biihnen- 
kunstlem, Harburgers Geldprotzen und Bauern oder Spitzwegs Philistern. Sie 
alle aber hat St.s exzentrischer Humor weit iiberboten. Diese Strolche, 
Knoten, Fechtbrlider, Tagdiebe, Polizisten, Spieflbiirger, Hausierer, Eisen- 
bahner, Weinschmecker, Biertrinker, Bettler und Kommerzienrate, Hungerleider 
und VielfraBe, »zerstreute« Gelehrte, TragOden und Betteldichter, Kritiker, 
Schuhputzer und andere Bedientenseelen, Spitzbuben, R&uber und Doktoren 
aller Fakultaten, b5se Weiber und Giftschlangen, klatschlustige, politische 
Seifensieder, diese eingebildeten Kranken, die kochlOffelhandhabenden Zofen, 
Frauen und Kiichentrabanten, Amtsleute, F6rster, Nachtwachter, ulkende 
Studenten, Steuereinnehmer, Photographen, Anwalte und Verteidiger, das 
landplagende Heer der sogenannten »Kunstler«, Feuerfresser, Magier und 
»Professoren« jeden Kalibers: alle diese numerisch kolossalen Typen hielt St.s 
markante Figur fest mit sicheren Strichen und zielbewuflter Wirkung — in 
seiner Weise eine so originelle Erscheinung wie Oberiander, Busch, Bechstein, 
Spitzer, die teilweise in Daniel Nikolaus Chodowiecki und Jacques Callot 
ihre Vorganger hatten. 

St. war ein aufierst stiller, aber scharfsehender unermiidlicher Beobachter, 
ein wohlwollender, wortkarger und doch liebenswiirdiger Kauz. In seiner 
Jugend leuchtete aus seinem Antlitz eine madchenhafte SchOnheit, wie aus 
Fra Angelicos Engelsk&pfchen, auch spater behielt sein immer ernster Ausdruck 
einen jugendlichen Grundton, uber welchen nur die fliichtige Spur eines 
Witzes zuckte, wahrend sein Stift die tollsten Dinge zu Papier brachte. Er 
tat sich indessen nie genug, anderte unzahlige Male, bis er den gewiinschten 
zutreffenden Ausdruck fand. Ganze Bogen fullte er mit ein und denselben 
Kopfen und Figuren, immer bessernd und mit jedem Strich ringend, gerade 
so. wie Heinrich Heine unermiidlich an seinen Liedern besserte und glattete. 
St. besafi einen Schatz von Wissen aus den verschiedensten Fachern, trug 
sich mit Verbesserungen von photographischen Apparaten, experimentierte 
tage- und wochenlang in seiner Dunkelkammer, weshalb er wahrend seines 
Aufenthaltes zu Furstenfeldbruck sogar einmal den Verdacht der heiligen 
Hermandad erregte — ein den Kiinstler hochst belustigender Kasus, welcher 
mit der photographischen Aufnahme des zur Untersuchung abgeordneten 
Polizeisoldaten endete, dessen unverkennbares Konterfei alsbald die »Fliegenden 
Blotter* verewigten. Mit alien Ergebnissen der neuesten reproduzierenden 
Kunsttechnik und Forschung war er vertraut und verfiigte iiber eine viel- 
seitige Bildung und Belesenheit. Er hielt franzosische, englische und ameri- 
kanische Zeitungen, freute sich an alien Fortschritten des Reproduktions- 
verfahrens. Er hatte einen weiteren Blick als andere seiner Kunstgenossen : 
St. ehrte die Antike, ebenso die grofien Meister wie Diirer und Cornelius, 
Schwind, Richter, Rethel und Preller — sie standen ihm nicht im Wege, 
ubten aber auch keinen Einflufi und beirrten ihn nicht, da er an seiner Natur, 
wenn auch nicht im Sinne jenes stolzen •afur/i 1 to sono pittorc*, festhielt und 
auf selbsteigenen Fufisteigen weiterging. St. liebte es auf eigenem Grund 
und Boden zu sitzen, wechselte aber gern seinen Aufenthalt: bald baute er 
in Schwabing, in Bruck oder Starnberg ein echt kunstlerisches Tuskulum, um 
selbes, veranderungsbediirftig, wieder mit der Stadt zu vertauschen. Neidlos 
anerkannte er alle Bestrebungen seiner mitarbeitenden Zeitgenossen, ohne 



1 02 Steub. Kast. 

gerade von koloristischer Einseitigkeit und symbolistischen Spielereien entziickt 
zu sein. All das seltsame Getier und Edelwild, welches im deutschen Kunst- 
revier neuestens sein Wesen trieb, worauf ja auch die »Fliegenden« bisweilen 
ein lustiges Halloh anstimmten, machte ihm Freude. Der Schalk pflegte die 
Kunst des Lachens; gramliche Argerlichkeiten kannte er nicht. Aber der Mann, 
welcher gewifi Hunderttausende von Menschen zu Frohsinn, Heiterkeit und zum 
gesundesten Lachen hinrifi und dadurch als echter Humorist zu ihremphysischen 
Wohlsein wesentlich beitrug, machte nur selten von seinem Namen Gebrauch. 
Die Wenigsten wuflten denselben; ein Monogramm gebrauchte er nicht, hOchst 
selten setzte er einen nicht immer gut leserlichen Zug oder Hausbuchstaben 
dazu. Seine Freunde kannten ja jeden Strich seiner originellen Hand auf 
den ersten Blick. Und das war ihm genug. Dafur fehlt sein Name fast in 
alien Kompendien. Das schone Kunstlerschaffen wurde schliefllich getriibt: 
Im Jahre 1900 starb nach langen, schweren Leiden seine Frau. Von da an 
war seine Gesundheit erschlittert. Nun wird ihm auch die langst verdiente 
Anerkennung zuteil werden. 

Nach seinem Tode brachten die »Fliegenden«, gleichsam als *Memoires 
d'outre tombc« in Nr. 3054 und 3056 noch zwei lacherliche Proben seines 
Humors, einen moralisierenden Schnapphahn und eine kniitteldicke Bauern- 
schlagerei als Studienobjekt fiir einen reisenden Malerl In der Friihjahrs- 
sezessionsausstellung 1904 erschienen zehn Rahmen mit Feder- und Bleistift- 
zeichnungen aus verschiedenen Jahren, kflstliche SSchelchen und Blattchen, 
im Besitze von Braun und Schneider und der Maler Lipps und Thiem in 
Starnberg. 

Vgl. Kutschmann, Geschichte der deutschen Illustration 1900, S. 306 u. Morgenbl. 218 
der »Allg. Ztg.«, 8. August 1903. Hyac. Holland. 

Kast, Alfred, ordentlicher Professor der inneren Medizin in Breslau, 
* 25. Juli 1856 zu Illenau bei Achern in Baden, f 7. Januar 1903 in Nizza. — 
K. war der Sohn eines Irrenarztes, spateren Bezirksarztes und Medizinalrats 
in Freiburg, studierte in Freiburg, Heidelberg und Leipzig, hauptsachlich als 
Schuler von Erb, Baumler und Cohnheim, erlangte 1879 die Doktorwurde, 
habilitierte sich 1883 in Freiburg, wurde dort 1886 Prof. e. o., 1888 Direktor 
des allgemeinen Krankenhauses in Hamburg und folgte 1892 einem Ruf in 
die oben zuerst erwShnte Stellung nach Breslau. K. hat sich durch Ein- 
fiihrung des Sulfonals als Schlafmittel in die arztliche Therapie ein unaus- 
lOschliches Andenken gesichert. Seine weiteren wissenschaftlichen Arbeiten 
bewegen sich ebenfalls auf dem Gebiet der physiologischen Chemie. Unter 
anderem veroffentlichte er Untersuchungen uber die aromatischen Faulnis- 
produkte im menschlichen Harn, uber das Schicksal der organischen Chlor- 
verbindungen im menschlichen Organismus, uber Chlorausscheidung und Ge- 
samtstoffwechsel. Ferner ist K, Verfasser von Arbeiten zur Lehre von den 
Nervenkrankheiten, wie von Studien liber cerebrale Kinderlahmung, prim&re 
degenerative Neuritis, sogenannte subakute Ataxic, Paraplegien, traumatische 
Neurose, und zur Lehre von den inneren Krankheiten: Leukamie, arzneiliche 
Fieberbehandlung, Fieber bei Krebskranken u. a. m. 

Vgl. die in Virchows Jahresbericht von 1903 I S. 416 genannten Quellen. 

Pagel. 



von Liebig. IO3 

Liebig, Georg Freiherr von, * 17. Februar 1827 zu Giefien, f 31. De- 
zember 1903 in Miinchen. — L. war der Sohn des weltberiihmten Chemikers 
Justus v. Liebig. Er studierte in Gieflen und in Berlin, promovierte in 
Giefien 1853, machte bald darauf eine zweite Priifung in London beim Coll. 
of Surg., trat in den Dienst der englisch-ostindischen Kompagnie in Bombay 
1853 und wurde, nach dreij&hriger Dienstzeit mit englischen und indischen 
Truppen, 1856 nach Kalkutta als Professor der Naturgeschichte am Hindu- 
College berufen. Er kehrte 1858 nach Europa zuriick, wurde nach kurzem 
Aufenthalte in Berlin, um besonders die neueren Fortschritte in der Gyna- 
kologie kennen zu lernen, 1859 Bezirks- und Salinenarzt in Reichenhall, blieb 
in dieser Stellung 15 Jahre lang und gab sie 1873 auf. Er bewohnte seitdem 
Reichenhall nur w£hrend der Sommermonate, zur Ausiibung der Praxis, und 
lebte im Winter in Miinchen, wo er sich 1877 fur Klimatologie und Balneo- 
logie habilitierte. Die Titel seiner wichtigsten literarischen Arbeiten sind: 
»0ber die Respiration der Muskeln« (Muellers Archiv 1851) — »t)ber die 
Temperaturunterschiede des venOsen und arteriellen Blutes« (Jnaug.-Diss., 
Giefien 1853). Aus Indien machte er iiber eine kleine Choleraepidemie 
(Arch. f. gemeinniitz. Arbeiten) eine kurze Mitteilung, verOffentlichte zwei 
meteorologische Arbeiten im Journ, of the Asiat Society in Kalkutta, fiber 
die Bahn eines Wirbelsturmes und Abzug des Wasserdampfes von der 
Barometerhohe, den er als ungerechtfertigt nachwies. Dber die klimatischen 
Eigentfimlichkeiten, die Kurmittel von Reichenhall und deren Wirkung ver- 
offentlichte er Arbeiten im Bayerischen arztlichen Intelligenzblatt, der Wiener 
med. Wochenschrift, der Deutschen Klinik und der peutschen med. Wochen- 
schrift, zusammengefafit in der Badeschrift: »Reichenhall, sein Klima und 
seine Heilmittel« (5. Aufl. Reichenhall 1883), darunter: »Beobachtungen fiber 
Puis- und KOrpertemperatur im lauen Bade« (Arztl. Intelligenzbl. 1878). Nach 
Errichtung einer pneumatischen Kammer ffir die Anwendung des erhfthten 
Luftdruckes in Reichenhall 1866 publizierte er: »Untersuchungen fiber die 
Ventilation und Erwarmung der pneumatischen Kammern usw.« (Mfinchen 
1869) — »Ober das Atmen unter erhahtem Luftdrucke« (Zeitschr. f. Biol. 
1869) — »Die Sauerstoffaufnahme unter erhfthtem und gewdhnlichem Luft- 
drucke« (Pflfigers Archiv 1875) — »Ein Apparat zur Erklarung der Wirkung 
des Luftdruckes auf die Atmung« (Du Bois-Reymonds Archiv 1879) usw. Es 
folgten noch in Du Bois-Reymonds Archiv zwei Untersuchungen fiber »Die Puls- 
kurve« (1882, 1883) und »Die Veranderung der Pulskurve in der pneumati- 
schen Kammer* (Deutsche med. Wochenschr. 1884) — « Wirkung der saugenden 
Spannung im Pleuraraume auf die Zirkulation« (Sitzungsber. der Ges. f. 
Morphol. und Physiol., Mfinchen 1885) und »Die Wirkung des Luftdruckes 
auf die Zirkulation« (Du Bois-Reymonds Archiv 1888). Es folgten ferner 
eine Anzahl von Arbeiten fiber Beobachtungen unter dem erhohten und dem 
verminderten Luftdruck bezfiglich der Atmung, Muskelkraft, Blutdruck, Puis, 
meist in den Sitzungsber. d. Ges. f. Morphol. und Physiol, in Mfinchen, 
welche zum Teil zu einer Arbeit fiber die »Bergkrankheit« Veranlassung 
gaben (Deutsche Vierteljahresschr. f. offentl. Gesundheitspfl. XXVIII, 1896) 
und 1898 in einem Buche »Der Luftdruck in den pneumatischen Kammern 
und auf H6hen« zusammengefafit wurden. Aufier Zusammenhang mit den 
seither erwahnten Arbeiten stehen: »Gewichtsbestimmungen der Organe des 



104 von Lieb *£* Pflttger. Saenger. 

menschlichen K6rpers« (Reicherts und Du Bois-Reymonds Archiv 1874) — 
»Zur Beurteilung der Revakzination« (Deutsche Klinik 1873) — »Die NShr- 
salze und die Molke« (Vortr. Balneol. Vers., Berlin i88i;~Wiener med. Blatter 
1 881). Dazu zahlreiche andere Arbeiten und Aufs&tze teils in den bereits 
genannten Zeitschrif ten , teils in der Berl. klin. Wochenschr. und in dem 
Deutschen Archiv f. klin. Med. 

Vgl. Virchows Jahrcsbcricht von 1903 IS. 418. Pagel. 



Pfluger, Ernst, Professor der Augenheilkunde an der Universitat Bern, 
* 1. Juli 1846 zu Biiren a. d. Aare, Kanton Bern, f 30. September 1903 in 
Bern. — P. studierte in Bern, promovierte 1870, bildete sich in seinem 
Spezialfach in Utrecht und Wien unter Donders und Arlt, habilitierte sich 
in Bern, war von 1876 — 1879 aufierordentlicher und seitdem ordentlicher 
Professor der Augenheilkunde in Bern. Er war Verf. einer Reihe von Einzel- 
abhandlungen, die meist im Archiv fur Ophthalmologic, in den Berichten 
iiber die Augenklinik in Bern und im Schweizer arztlichen Korrespondenz- 
blatt verdffentlicht sind. Selbstandig erschienen u. a. »Tafeln zur Bestimmung 
der Farbenblindheit« und »Sehproben«. — Daneben hat P. noch eine popular- 
wissenschaftliche Abhandlung iiber Kurzsichtigkeit und Erziehung verfafit. 

Vgl. die in Virchows Jahresbericht von 1903 I 421 genannten Quellen. Pagel. 



Saenger, Max, ordentlicher Professor der Geburtshilfe und Gynakologie 
an der deutschen Universitat in Prag, * 14. Marz 1853 zu Baireuth, f 12. Januar 
1903 in Bubentsch bei Prag nach langerer Krankheit. — S. studierte seit 
187 1 in Wiirzburg und Leipzig, approbiert und promoviert 1876 (»Die 
Mechanik der Broncho- und Pneumorrhagien bei Tuberculosis pulmonum*), 
war bis 1878 Assistent am pathologischen Institut, sowie an der medizinischen 
Poliklinik unter E. L. Wagner, wo er auch durch den bekannten Erfinder 
der »polaren Elektrisation«, der damals an der Poliklinik wirkte, Brenner, 
Anregung zur Beschaftigung mit Nervenkrankheiten empfing. 1878 — 1881 
war S. Assistent an der Klinik von B. S. Cred6, habilitierte sich fur Geburts- 
hilfe und Gynakologie 1881 mit der Schrift: »Der Kaiserschnitt bei Uterus- 
fibromen nebst vergleichender Methodik der Sectio catsarea und Porro- 
Operation«, einer Arbeit, welche zusammen mit einer Reihe nachfolgender 
Publikationen durch Angabe von Verbesserungen der Operationstechnik, be- 
sonders der Uterusnaht, deren Geschichte ausfuhrlich gebracht wird, einen 
Umschwung zugunsten der konservativen Methode des Kaiserschnitts gegen- 
iiber der Porro-Operation bewirkte und den Weg fur eine haufigere Anwendung 
des Kaiserschnitts bei relativer Indikation zur Vermeidung der Kraniotomie 
und Embryotomie des lebenden Kindes bahnte. S. warf sich nun auf die 
moderne, operative Gynakologie, gestiitzt auf normale und pathologische 
Anatomie als wissenschaftliche Grundlagen. Er iibte bereits 1881 die grofiten 
gynakologischen Operationen aus, z. B. komplette, vaginale Totalexstirpation 
des Uterus (neben Thiersch als erster in Leipzig), schwierige Coeliotomien 
bei eitrigen Adnexerkrankungen usw. unter Asepsis und Antisepsis, deren 
Ausbildung er sich unausgesetzt widmete, mit Hilfe eigener Erfindungen und 



Saenger. Schmid-Monnard. IO5 

Verbesserungen. Sehr friih befaflte er sich mit der jetzt so sehr betonten 
mechanischen Desinfektion (Sanddesinfektion), die er nie zu uben aufhOrte 
und in der Prager Klinik (mit Schenk) in neue Bahnen lenkte. 1884 — 1887 
war S. Operateur der gynakologischen Klinik in besonderer von Cred6 ihm 
anvertrauter Stellung. Anfangs in diirftigen Mietswohnungen in der von 
Leopold iibernommenen Privatklinik tatig, konnte er erst 1890 eine alien 
modernen Anforderungen entsprechend eingerichtete Frauenheilanstalt mit 
25 Betten erSffnen, die erste nach dem Monnier-Rabitz-System mit Abrun- 
dungen der Wanddecken und Kanten ausgiebig durchgefiihrte Klinik, in der 
die Fufib&den der Operations- und Nebenraume aus unverwustlichem Xylolith 
hergestellt waren, mit zwei Laboratorien zu histologischen und bakteriologi- 
schen Arbeiten usw. 1883 griindete S. eine sehr frequentierte gynakologische 
Poliklinik, die einzige derartige in Deutschland, welche nur Studenten zu- 
ganglich war, wo jedoch in den Ferien Arztekurse stattfanden. Ende 1890 
wurde S. Professor e. o., 1897 kgl. sSchs. Med.-Rat, 1899 als Professor ord. 
und Vorstand der geburtshilflich-gynakologischen Klinik nach Prag berufen. 
S. war 21 Jahre lang Mitglied der Gesellschaft fur Geburtshilfe in Leipzig, 
wiederholt deren Vorsitzender und stellvertretender Vorsitzender, spater deren 
'Ehrenmitglied, aufierdem Mitglied bzw. Ehrenmitglied zahlreicher anderer 
gynakologischer und gelehrter Gesellschaften. Ein vollstandiges Verzeichnis 
von S.s Publikationen 1877 — 1899 umfaBt etwa 132 Nummern. Dieselben 
beziehen sich auf die verschiedensten Kapitel der Geburtshilfe und Gyn&kologie, 
Kaiserschnitt, Geschwulste, speziell Deciduoma, plastische Operationen, Retro- 
versio-flexio uteri, Atzbehandlung des Uterus, Adnexe, Tubenschwangerschaft, 
Carcinoma uteri, Hysterektomie, Operationen in der BauchhOhle, Harnorgane, 
Asepsis, aufierdem noch Reden, Nekrologe, feuilletonistische Aufsatze und 
sonstige Arbeiten nicht gynakologischen Inhalts. Die Titel der wichtigeren 
Arbeiten von S. sind in einer der unten angegebenen Quellen zusammen- 
gestellt. 

Vgl. die in Virchows Jabresbericht von 1903 I S. 422 genannten Quellen und Page!, 
Biogr. Lex. hervorr. Arzte des XIX. Jahrh. S. 1460—64. Pagel. 



Schmid-Monnard, Karl Alexander, verdienter Schulhygieniker und Arzt 
in Halle, * 11. August 1858 in Leipzig, f 10. November 1903 in Halle. — 
Sch. studierte seit 1880 Zoologie in Wurzburg, promovierte 1883 zum Dr. 
phil. mit einer Arbeit iiber Histogenese der Knochen der Teleostier, hierauf 
ging er zum Studium der Medizin iiber, das er in Giefien und Kiel erledigte, 
erlangte 1887 die Srztliche Approbation, iibernahm die Stellung als Assistent 
an der chirurgischen Privatklinik von Neuber in Kiel, siedelte 1888 nach 
Halle iiber, wo er seine Habilitation als Privatdozent vorbereitete und kurz 
vor Beendigung der beziiglichen Schrift starb. Sch. hat sich durch eine 
grdfiere Reihe wichtiger Veniffentlichungen um die Forderung schulhygieni- 
scher Bestrebungen wohlverdient gemacht. Seine schriftstellerischen Leistungen 
und Arbeiten auf diesem und anderen Gebieten der Medizin sind in den von 
der unten angegebenen Quelle genannten Nekrologen verzeichnet. 

Vgl. Virchows Jahresbericht von 1903 I S. 423. 

Page]. 



106 Steudel. Sch&ffle. 

Steudel, Wilhelm, Arzt und Sanit&tsrat in Stuttgart, * 4. April 1829 in 
Oberurbach, Oberamt Schorndorf, f 23. Juli 1903 in Stuttgart. — S. erhielt 
seine Erziehung im Hause seines Verwandten, des Dichters Ludwig Uhland, 
der ihn im Alter von fiinf Jahren an Kindesstatt aufnahm, studierte seit 1848 
Medizin in Tubingen, hauptsachlich als Schiiler von Griesinger und Viktor 
Bruns, erhielt 1853 seine Approbation als Arzt; erlangte die Doktorwurde 
1854, besuchte behufs weiterer Ausbildung Wien und Paris, wurde 1855 
Oberamtswundarzt in Boblingen, 1862 Distriktsarzt in Kochendorf, war seit 
1869 Stadtdirektionsarzt in Stuttgart und zog sich 1899 ins Privatleben 
zuriick. S. hat sich urn die Pflege und Forderung der arztlichen Standes- 
angelegenheiten durch Wort und Schrift ein grofles Verdienst erworben. Er 
begriindete den Stuttgarter Arzteverein, dessen Vorsitzender er 1880 wurde 
und war seit 1888 Vorsitzender des Bezirksvereins. Obrigens bekleidete S. 
eine Zeitlang das Amt als Examinator der Geburtshilfe in Stuttgart. Er war 
ein tiichtiger und beliebter Arzt, auflerdem ein hervorragender Schmetterlings- 
kenner. 

Vgl. die in Virchows Jahresbericht von 1903 S. 424 angegebene Quelle. 

Pagel. 

Schaffle, Albert Eberhard Friedrich, volkswirtschaftlicher und sozial- 
wissenschaftlicher Gelehrter, Schriftsteller, Universitatsprofessor, auch k. k. 
Minister, * 24. Februar 1831 zu Niirtingen im Konigreich Wurttemberg, f 25. De- 
zember 1903 in Stuttgart. — Sch.s Vater war Lehrer an der Nurtinger Real- 
schule; er bestimmte den friihzeitig aufgeweckten und strebsamen Sohn zur 
theologischen Laufbahn. Im niederen Seminar zu SchGnthal (1844 — 1848) 
eignete sich dieser eine griindliche klassische Bildung an, zeigte aber schon 
damals vorwiegende Neigung fur realistische Facher, fur Mathematik, Geschichte 
und Geographic Im Herbst 1848 trat er in das Tubinger Stift, wo zunaehst 
das Studium der Philosophie an die Reihe kam, das aber schon nach sieben 
Monaten durch die Revolution unterbrochen wurde. Man hat in der Rich- 
tung, die spater Sch.s sozialwissenschaftliche Studien nahmen, in dem syste- 
matischen Zug seines Denkens, in der Durchfiihrung des Evolutionsprinzips, in 
seiner Vielseitigkeit und in seiner formalistischen Dialektik denEinfluBderHegel- 
schen Philosophie erkennen wollen. Tatsachlich hat ihn das philosophische Studium 
als solches wenig angezogen, und die allerdings unverkennbare spekulative 
Anlage in ihm ist spater mehr durch Lotze und Albert Lange befruchtet 
worden. Immerhin darf gesagt werden, dafl in seiner Tubinger Zeit die 
Hegelsche Philosophie dort noch eine Macht war, der sich gerade die Begab- 
teren schwer entzogen. Man sog Hegelschen Geist sozusagen mit der Luft ein. 
Den aufleren Zwang der Stiftseinrichtungen aber ertrug er unmutig, zum 
geistlichen Beruf verspurte er nicht die geringste Neigung, und es war we- 
niger die jugendliche Begeisterung fiir die Revolution, als vielmehr der 
Drang, lastige Fesseln abzustreifen und der ihm drohenden Bestimmung zu 
entgehen, was ihn im Juni 1849 bewog, dem Ruf der sogenannten Reichs- 
regierung zu folgen, als diese zur Unterstutzung des badischen Aufstandes 
aufforderte. Mit anderen Studiengenossen entwich er dem Stift und wagte 
es aufs Ungewisse hin, entschlossen, alle Folgen zu tragen. Die Erfahrungen 
des abenteuerlichen Freischarenzugs waren freilich beschamend. Die grofle 



Scbaffle. 107 

Masse des Freiheitsheeres war, wie er in seinen Denkwiirdigkeiten schreibt, 
»unsagbar gemeines Gesindel«, und die einzige Frucht, die er von dieser 
kurzen, fur die Tubinger Freischar unblutigen Episode davontrug, war »der 
unausldschliche Ekel an jeder Art der ziellosen und selbstischen Volksver- 
hetzung*. Sch. kehrte nach Tubingen zuriick, aber nicht ins Stift; mit der 
geistlichen Laufbahn hatte er endgultig gebrochen. Mittellos, wie er war, 
versuchte er es nun zuerst mit dem Lehrfach. Bald aber eroffnete sich dem 
Neunzehnjahrigen eine seinen Fahigkeiten und seinem inneren Drang weit 
angemessenere Aussicht: die Familie Elben in Stuttgart berief ihn auf den 
Rat des Tubinger Geschichtsprofessors Haug in die Redaktion des Schwa- 
bischen Merkur, der er nun ein voiles Jahrzehnt, 1850 — 1860, angehorte. 
Er hat seine Pflichten als Journalist mit grdflter Punktlichkeit erfullt, doch 
war er auch von Anfang an entschlossen, dafi dies nur ein Durchgangspunkt fur 
ihn sein sollte. Gereut haben ihn die journalistischen Lehrjahre niemals. 
Er war damit in eine Schule getreten, in der er Menschen und Dinge viel- 
seitig kennen lernen konnte, in der er genotigt war, seine Kenntnisse zu er- 
weitern, das jah abgebrochene Studium wieder aufzunehmen und zu erg&nzen. 
Und nun fand er auch das Feld, das ihm zum Lebensberuf wurde. Mit 
einer erstaunlichen Arbeitskraft warf er sich auf die verschiedenen Zweige des 
Staatsrechts und der Nationalokonomie. Die journalistische Tagesarbeit und 
das theoretische Studium erganzten sich gegenseitig. »Dafi ich das Gelernte 
eigentumlich gelernt habe, dafi theoretische und praktische, wissenschaftliche 
und geschaftliche Ausbildung in engste Wechselbeziehung traten, ist fiir meine 
Entwicklung giinstig, jedenfalls entscheidend geworden.« Nach wenigen 
Jahren hatte er sich in den Staatswissenschaften eine so umfassende Kenntnis 
erworben, dafi er, nachdem ihm ein nur zweimonatiger Urlaub bewilligt wor- 
den war, die hdhere Staatspriifung fiir den Dienst im Ministerium des Innern 
mit Glanz ablegen konnte. Stets war er stolz darauf, dafi er dies fertig 
gebracht hatte einzig durch Selbststudium, ohne eine akademische Fachvor- 
lesung gehort zu haben. Er begriindete jetzt einen eigenen Hausstand; durch 
die Staatspriifung sah er sich fiir die Zukunft dkonomisch gedeckt. 

Wahrend er noch der Redaktion des »Schw&bischen Merkur« angehdrte, 
hatte er eine Verbindung angekniipft, die fiir seinen spateren Lebensgang von 
den wichtigsten Folgen war. Er trat in ein naheres Verh&ltnis zu dem Baron 
Georg von Cotta, dem er bald der tagliche Berater, der vertrauteste Freund, die 
rechte Hand wurde. Damit wurde er in eine weitere Welt eingefiihrt, auch zum 
erstenmal sein Interesse fiir Osterreich geweckt. Cottas Ehrgeiz war es damals, 
der Schaffung einer wirtschaftlichen Union mit Osterreich ebenso zu dienen, 
wie sein Vater sich um das Zustandekommen des Zollvereins verdient ge- 
macht hatte. Fiir dieses Ziel ging nun auch Sch. ins Zeug, zumal, nachdem 
er auf einer Reise nach Wien im Jahre 1857 durch Empfehlungsbriefe Cottas 
mit dem Frhrn. v. CzOrnig, dem Chef des statistischen Amtes, und mit dem 
Sektionschef im Finanzministerium v. Hock personlich bekannt geworden war. 
Cotta stellte ihm die Allgemeine Zeitung und die von ihm selbst redigierte 
Deutsche Vierteljahrsschrift zur Verfiigung, und in beiden Organen entwickelte 
der junge Schriftsteller bald eine aufierst fruchtbare Tatigkeit, politischer 
sowohl als wissenschaftlicher Art. Gleich die erste Abhandlung in der ge- 
nannten Zeitschrift (1856) zeigte bereits die Grundzuge seiner sozialpolitischen 



108 Schfcffle. 

Anschauungen. Sie war »Abbruch und Neubau der Zunft« betitelt und 
sprach sich fur berufsgenossenschaftliche Organisation, unbeschadet der Ge- 
werbefreiheit, aus. Unter Freiheit verstand er im Gegensatz zum Faustrecht 
des laisser /aire und laisser aller »die Freiheit jedes Gesellschaftsgliedes in 
in seiner organischen gesellschaftlichen Berufsfunktion*. Andere Abhand- 
lungen in diesen Jahren galten dem Aktienwesen, der Handelskrisis von 1857, 
den Wiener Zollkonferenzen, dem deutschen Gewerbe- und Heimatrecht, dem 
Miinzwesen usw. Mit dem Ausbruch des italienischen Krieges im Jahre 1859 
begann in Siiddeutschland eine leidenschaftliche Bewegung, die tatige Partei- 
nahme fiir Osterreich verlangte. Die Allgemeine Zeitung war die erste, die 
den Alarmruf erhob, und in dieser war die Stimme Sch.s eine der lautesten. 
Unermudlich und unter heftigen Angriffen auf die preuflische Politik stritt 
er fiir den Satz, dafl der Rhein am Po zu verteidigen sei, und dafi der Krieg 
des Kaisers Napoleon fur Italien nur als Vorl&ufer eines Krieges zur Erobe- 
rung der Rheingrenze gedacht sei. Mit dieser Parteinahme fiir Osterreich 
ware, als dann nach Villafranca in Deutschland die Parteien in eine groB- 
deutsche und eine kleindeutsche auseinandergingen , seine Stellung am 
»Schwabischen Merkur« kaum langer vereinbar gewesen, ware er nicht in 
dieser Zeit iiberhaupt bereits auf dem Sprung gewesen, die journalistische 
Laufbahn zu verlassen. 

Schon im Jahre 1859 hatte ihm der osterreichische Handelsminister, Frei- 
herr von Bruck, eine Stellung als Ministerialrat in Wien angeboten. Er 
lehnte ab, weil ihm die Osterreichischen Verhaltnisse zu fremd waren. Wiin- 
schenswerter schien ihm die akademische Laufbahn, in der er sich ungehin- 
dert entfalten, und neben dem Dozenten gleichzeitig Publizist bleiben konnte. 
Im Herbst i860 folgte er einem Ruf an die staatswirtschaftliche Fakult&t 
nach Tubingen. Solche Anerkennung hatte er sich durch seine schriftstelle- 
rische Tatigkeit erworben, dafl ihm sofort das Ordinariat erteilt wurde. Acht 
Jahre wirkte er nun als Lehrer an der heimischen Hochschule. Seine Zu- 
horer riihmten seinen lebendigen, anregenden Vortrag. Der Lehrauftrag um- 
fafite: Enzyklopadie der Staatswissenschaften, Nationalokonomie, Politik, 
Polizeiwissenschaft. Nebenher ging eine fruchtbare Schriftstellerei. Schon 
im Jahre 1861 veroffentlichte er ein Lehrbuch der Nationalflkonomie. Eine 
Reihe von Abhandlungen folgte, teils in der Deutschen Vierteljahrsschrift, 
teils in der Tiibinger Zeitschrift fiir die gesamte Staatswissenschaft, deren 
Redaktion er im Winter i860 ubernommen hatte, und mit Ausnahme eines 
Jahres, 187 1 — 72, bis an sein Ende fortfiihrte. Diese Abhandlungen waren 
zum Teil rein wissenschaftlichen Inhalts, iiberwiegend aber zugleich der prak- 
tischen Politik zugewandt. Damals war die Frage der Zolleinigung mit Osterreich 
durch den Abschlufi des preuflisch-franzosischen Handelsvertrags in ein kri- 
tisches Stadium getreten. Eine lebhafte publizistische Debatte entspann sich 
iiber die deutsche Verfassungsreform, und Sch. war einer der grofldeutschen 
Stimmfuhrer. Aber auch die Arbeiterfrage begann ihn jetzt angelegentlich 
zu besch&ftigen, und er war um so geneigter, Lassalles Auftreten nicht ohne 
Sympathie zu wiirdigen, als er von Anfang an dem »vulgaren Liberalismus* 
der Nationalftkonomie ablehnend gegeniiberstand, niemals an die absolute 
Harmonic der kapitalistisch-liberalen Volkswirtschaft geglaubt hatte. 

Bei seinem lebhaften Drang zu politischer Betatigung lag es nahe, sich 



Schaffle. I0o 

auch auf parlamentarischem Boden zu versuchen. Schon im Jahre 1861 nahm 
er fiir den Landbezirk Tubingen eine Wahl in die wiirttembergische Kammer 
der Abgeordneten an. Er war hier urn seiner finanziellen und volkswirt- 
schaftlichen Kenntnisse ein gesch&tztes Mitglied, wie ihm andererseits der 
Einblick in die Verwaltung, das Steuerwesen, die Wohlfahrtspflege des Staa- 
tes, den er besonders durch die Arbeiten in den Kommissionen erwarb, von 
Nutzen war. Als Mitglied der Finanzkommission hatte er neben Moritz Mohl 
den preuBisch-franzdsischen Handelsvertrag zu begutachten; er verfaflte einen 
Sonderbericht, der im Gegensatz zu Mohls extrem schutzzOllnerischem Bericht 
eine gemafiigte Freihandelsrichtung vertrat, in dem Sinne, dafi Osterreich die 
Handels- und Zollannaherung an den Zollverein ermdglicht werden sollte. 
Zu der Zeit, da sein Bericht erschien, Januar 1864, waren aber die Wiirfel 
schon gefallen; die kleineren Staaten sahen sich urn der Erhaltung des Zoll- 
vereins willen zur Annahme des Vertrages genfttigt, und der Gedanke der 
Zolleinigung mit Osterreich, fiir den Sch. bis zuletzt gekampft hatte, war 
aussichtslos geworden, ubrigens, wie er selbst einraumte, nicht bloB durch 
die Schuld der damals allmachtigen Freihandelspartei , sondern »mindestens 
ebenso« durch die Fehler der 6sterreichischen Regierung und durch die siid- 
deutschen SchutzzSllner. Nicht gliicklicher war er als einer der publizistischen 
Wortfiihrer der groBdeutschen Partei. Er hatte an der Konstituierung des 
grofldeutschen Reformvereins teilgenommen, die im Oktober 1862 zu Frank- 
furt a. M. beschlossen wurde, und war als Ausschuflmitglied auch an der 
Abfassung des Programms beteiligt. Doch hatte er keine Freude an den 
konservativen Partikularisten, Welfen und Ultramontanen, die die grofle Masse 
dieser Partei bildeten, auch nicht an der Reformakte, die Osterreich im 
Jahre 1863 auf dem Fiirstentage in Frankfurt einbrachte; er nahm dann noch, 
als die schleswig-holsteinische Erbfolgefrage den deutschen Verfassungsstreit 
abgelost hatte, an der Frankfurter Abgeordnetenversammlung teil, zog sich 
aber seitdem von dem eigentlichen Parteileben mehr und mehr zuriick, 
Diese Erfahrungen wirkten dazu mit, daB er im Jahre 1865 kein Mandat 
mehr fiir den Stuttgarter Standesaal annahm. Er hatte im Grunde eine ver- 
einsamte Stellung daselbst eingenommen, er pafite nicht recht weder in die 
politische noch in die wirtschaftliche Parteischablone. Auch hatten ihn die 
»Miserabilitaten« des kleinstaatlichen Parlamentarismus abgestoflen, und dazu 
kam noch, dafi er mit dem leitenden Minister, Freiherrn von Varnbiiler, 
auf gespanntem FuBe stand, und selbst mit seinem intimen Freunde, dem 
Unterrichtsminister Golther, zerfiel. Kurz, er verliefi die politische Biihne 
und kehrte ganz zu seinem akademischen Beruf zuriick. Aber auch in die 
Universitatsverhaltnisse hatte der politische Gegensatz eingegriffen. Im Senat 
stand sich eine kleindeutsche und eine grofldeutsche, zugleich spezifisch 
schwabische Partei gegeniiber, die, so oft es sich um eine Berufung oder um 
die Rektorwahl handelte, ihre Krafte mafien. Sch. erlitt mit seinen groB- 
deutschen Freunden mehr als eine Niederlage, so bei der Rektorwahl im 
Frfihjahr 1867, wo er selbst mit 13 gegen 17 Stimmen gegen den Kirchen- 
Mstoriker Weizs&cker unterlag. Auch gesellschaftlich stand man in getrennten 
Lagern, und es ist charakteristisch, dafi Sch., aufier mit wenigen gleichgesinnten 
Freunden, am meisten mit Mitgliedern der katholisch-theologischen Fakultat 
L'mgang pflog, deren H&upter allerdings keineswegs Ultras waren. Im 



110 Sch&ffle. 

Jahre 1867 erschien seine Nationalokonomie in zweiter, v6llig umgearbeiteter 
Auflage. Gleichzeitig vertiefte er sich in die Studien, aus denen bald dar- 
auf sein »Kapitalismus und Sozialismus« hervorging. Als aber im Fruhjahr 
1868 die Zollparlamentswahlen stattfanden, die das politische Leben in 
Wurttemberg wieder aufs tiefste aufwuhlten, liefi sich auch Sch. von neuem 
in das Parteigetriebe hineinziehen. Er nahm eine Kandidatur fur Ulm an und 
gehorte zu den siebzehn Gliicklichen, die Wurttemberg mit der Losung: keine 
Erweiterung des Zollparlaments zum Vollparlament, kein Anschlufi an den 
norddeutschen Bund, nach Berlin sandte. Aber noch w&hrend der ersten 
Tagung des Zollparlaments erhielt er durch Vermittlung des Pandektisten 
Brinz einen Ruf an die Universit&t Wien. Einen ersten Ruf dahin, der im 
Jahre 1863 durch Schmerling an ihn erging, hatte er abgelehnt. Jetzt wurde 
er unter glanzenden Bedingungen erneuert, und Sch. ziigerte um so weniger 
ihm zu folgen, als das Ministerium Varnbiiler nichts tat, ihn der Heimat zu 
erhalten. 

Im Oktober 1868 hielt der k. k. Universit&tsprofessor und Regierungsrat 
seine Antrittsvorlesung in der Aula zu Wien. Bis in den Sommer 1870 lebte 
er ganz dem akademischen Beruf, doch wirkte er durch Vortrage, deren Gegen- 
stand die Arbeiterbewegung war, iiber die akademischen Kreise hinaus. Aus 
diesen Vortragen entstand dieSchrift iiber Kapitalismus undSozialismus, die 1870 
in Tubingen erschien. In Wien glaubte er noch tiefere Einblicke als bisher in 
die Disharmonien der bestehenden Gesellschaft gewonnen zu haben; er war von 
der Unhaltbarkeit der rein liberal individualistischen oder kapitalistischen 
Gesellschaftsordnung uberzeugt und sah das Heil in einer »freiheitlich-ge- 
nossenschaftlich-korporativen Weiterbildung und Erganzung der individualistisch 
interessierten Produktionsweise in einem 6konomisch sogenannten FSderalis- 
mus oder Sozietarismus«. Fiir Osterreich speziell schien ihm das allgemeine 
Wahlrecht im Gegensatz zu der bestehenden Gruppen- und Klassenvertretung 
ein unerlaflliches Mittel zur sozialen wie auch zur politischen Reform. »Das 
zentrifugale heutige Osterreich sollte in staatsminnischer Erkenntnis seines 
Heils dem direkten allgemeinen Wahlsystem huldigen ; dieses System wird die 
groflen materiell-humanen Fragen auf die Tagesordnung bringen, und in der 
fruchtbaren Losung dieser Fragen kann Osterreich seiner zahllosen Sonder- 
schichten Herr werden, denen es dafiir im Gebiete und Umfang ihrer wahren 
Berechtigung riickhaltlose Autonomic einraumen mag.« In diesen Worten lag 
bereits sein Programm fiir die Heilung der osterreichischen Staatskrankheit. 
Seine akademischen Vorlesungen iiber Verfassungspolitik hatten ihn auch 
zu Studien iiber das Ssterreichische Staatswesen gefuhrt. »Als ich 1868 
berufen wurde, hatte ich von der inneren staatsrechtlichen und politischen 
Lage Osterreichs auch nicht annahernd eine richtige Vorstellung.« Er hatte 
mit Staatsm&nnem des absolutistisch-bureaukratischen Systems, wie Hock, in 
Beziehung gestanden, aber diese waren jetzt durch den parlamentarischen 
Zentralismus kalt gestellt. »Davon, dafi der Zentralismus iiberhaupt bereits 
bankerott war, derjenige Schmerlings und Auerspergs noch rascher und ent- 
schiedener als der absolutistische Schwarzenbergs, Stadions, Brucks und Bachs, 
hatte ich beim Obertritt nach Osterreich noch keine Ahnung.« Nun sollte ihm 
der Glaube an die Allmacht des Zentralismus zergehen. Im Umgang mit 
seinem Kollegen Habietinek, Lehrer des Zivilprozesses, und dessen deutschen 



Schaff le. HI 

und bohmischen Freunden lernte er zum erstenmal die bohmischen Verhalt- 
nisse kennen. »Durch Habietinek iiberzeugte ich mich vor allem von dem 
unbeugsamen Ernst der vereinigten streikenden tschechischen MajoritatBShmens 
und des konservativen b6hmischenHochadels,namentlich erstmal vom Charakter 
und von der Bedeutung der fiihrenden PersSnlichkeiten. Bestverleumdete und 
»Feudale« lernte ich als bedeutende, vorurteilslose und brave Menschen kennen, 
viele der liberalen TagesgOtzen des Parlamentarismus fand ich mit dem Kot 
der Korruption beschmutzt.« Wie dann Sch. allmahlich in die verhangnis- 
volle Bahn geriet, die zum Ministerium Hohenwart fiihrte, wie er das Selbst- 
vertrauen gewann, der Retter seines Adoptivvaterlandes aus seinen verfassungs- 
politischen Wirren zu werden, das hat er selbst in breiter Ausfuhrlichkeit in 
seinen Denkwiirdigkeiten erzahlt. Er wurde mit einem Grafen Diirckheim 
bekannt, der Adjutant des Kaisers Franz Joseph gewesen und jetzt Mitglied 
des Abgeordnetenhauses war. Mit diesem Diirckheim pflegte sich Sch. iiber 
verfassungspolitische Fragen zu unterhalten und eines Tages — es war im 
Februar 1870 — bat ihn jener, ihm eine Darstellung seiner »6sterreichischen 
Staatsgrundsatze« in die Feder zu diktieren. Das geschah denn »aus dem 
Stegreif*, und durch den Grafen Diirckheim gelangte das Manuskript in die 
Hande des Kaisers. Das hatte weitere Folgen, als unter dem Eindruck des 
deutsch-franzosischen Kriegs der Kaiser den Unfrieden seiner Volker doppelt 
schwer empfand und eine neue Aktion des Ausgleichs mit Bohmen beschlossen 
wurde. Es fand zunachst eine Konferenz bei Habietinek statt, der eine Denk : 
schrift des Barons von Helfert zu Grunde lag als Ergebnis einer Sondierungs- 
reise nach Prag, wo namentlich der Fiihrer der Opposition Graf Clam-Martinic 
zu Rate gezogen war, der auf der Anerkennung des bohmischen Staatsrechts 
in vollem Umfang bestand. Der Konferenz, die zunachst ohne Ergebnis war, 
wohnte auch Graf Hohenwart, der Statthalter von Oberosterreich, an, mit dem 
Sch. schon im April durch Diirckheim bekannt geworden war. Im Oktober 
wurden die Anlaufe zu einem Systemwechsel ernstlich erneuert. Diirckheim 
fiihrte Sch. zu dem Prisidenten des damaligen Ubergangsministeriums, Grafen 
Potocki, der sich gleichfalls die »Staatsgrundsatze« vortragen liefi, und am 
24. Oktober hatte Sch., durch Potocki eingefiihrt, Audienz beim Kaiser, dem 
er »unverbliimt das Verderbliche und Naturwidrige des die Bevolkerungs- 
mehrheit bedriickenden und kontumazierenden Systems einer parlamentarischen 
Nationalists- und Klassenminoritatsherrschaft« auseinandersetzte. DieseMinori- 
tatsherrschaft sei tatsachlich Herrschaft des Grofikapitals mit Unterstiitzung 
des doktrinaren Liberalismus, des Beamten-, Advokaten-, Literaten- und Pro- 
fessorentums. Als Gegengewicht gegen die Gefahr der ungarischen Pr&pon- 
deranz, fiihrte er weiter aus, miisse der Friede unter samtlichen Volkern der 
diesseitigen Reichshalfte hergestellt werden, d. h. die voile tatsachliche und 
verfassungsmaBige Gleichberechtigung unter dem Schutze des Kaisers, als des 
Fiirsten aller Kronlander. Dieser Friede aber beruhe auf dem Ausgleich 
zwischen den Deutschen und den Tschechen. Diese beiden zusammen werden 
dann einen so festen Punkt diesseits, wie die Magyaren jenseits der Leitha 
bilden. In einer zweiten Audienz am 29. Oktober beauftragte ihn der Kaiser, 
sich mit Hohenwart zur Bildung eines Kabinetts im Sinne der von ihm ent- 
wickelten Grundsatze in Verbindung zu setzen. Noch aber dauerte es Monate, 
bis das Ministerium zustande kam. Die Verhandlungen wurden im tiefsten 



1 1 2 Schaffle. 

Geheimnis gefiihrt. Beust vor alien, der Reichskanzler, durfte nichts davon 
erfahren, der schon friiher einen ZusammenstoB mit Sch. gehabt hatte, ebenso 
durften die Ungarn nichts davon wissen, und so war es eine vollige Ober- 
raschung, als am 5. Februar 187 1 die » Wiener Zeitung* die Bildung des Ministe- 
riums Hohenwart ankiindigte, das als uber den Parteien stehendes, »wahrhaft 
6sterreichisches« Ministerium eingefiihrt wurde. Sch. hatte das Ministerium 
des Handels und interimistisch das des Ackerbaus iibernommen. 

Das neue Kabinett wurde in Wien mit einem Schrei der Entriistung auf- 
genommen. Im Abgeordnetenhaus, das am 10. Februar zusammentrat, waren 
die Minister, insbesondere »der junge Herr Handelsminister aus Schwaben*, 
Gegenstand der heftigsten Angriffe von seiten der Fuhrer der Verfassungspartei, 
der Herbst, Giskra usw. Es wurde ein fdrmliches Mifitrauensvotum beschlossen 
in Form einer Adresse an den Kaiser, der aber diese Kundgebung als »fakti5se 
Opposition« abwies. Neben der Ausdehnung des Land tags wahlrechts war der 
wichtigste Teil des Programms der neuen Regierung der Ausgleich mit den 
Tschechen. Diesen nahm Sch. selbst in die Hand. Im Mai reiste er nach 
Prag und fiihrte dort die Verhandlung mit den Fiihrern der Opposition, Alt- 
und Jungtschechen. Die vereinbarten Bestimmungen wurden vom Grafen Clam 
in den vielberufenen »Fundamentalartikeln« zusammengefaflt. Die Forde- 
rungen waren: Ausgleich in denselben Formen wie mit Ungarn, Quoten- 
system wie dort, Recht der Steuer- und der Rekrutenbewilligung, Ausscheidung 
eines groflen Teils der Gesetzgebung aus der Kompetenz des Reichs und 
dessen Uberweisung an die Landtage, Verwandlung des Herrenhauses in einen 
Senat, des Abgeordnetenhauses in einen Delegiertenkongrefl, schliefilich Kr6- 
nungslandtag und KrSnung nach dem bShmischen Staatsrecht. Diese Artikel 
waren, sagt Sch., »nicht die Endverabredung des zu schaffenden Ausgleichs, 
sondern nur der Ausdruck dessen, was auBerstenfalls den Tschechen einge- 
raumt werden konnte, wenn die Vertreter der iibrigen zisleithanischen Kron- 
lander zustimmten«. Im September wurden sie dem behmischen Landtag zur 
vorlaufigen Gutheifiung vorgelegt. Spater sollte zur Abanderung des Staats- 
grundgesetzes die Zustimmung beider Hauser des Reichsrates eingeholt werden. 
Zu diesem Zweck wurden die Landtage aufgelSst, aber sofort erkl&rten die 
Deutschbohmen und der nieder6sterreichische Landtag, den n&chsten Reichs- 
rat nicht zu beschicken. Trotzdem fielen die Neuwahlen so aus, dafl die 
Regierung sicher auf eine Zweidrittelmehrheit zur Ab&nderung der Verfassung 
rechnete. Manche der Einriumungen, die der bShmischen Adelspartei gemacht 
worden waren, schienen auch Sch. und seinen Kollegen bedenklich, allein sie 
gaben sich der Hoffnung hin, dafi sich in den Verhandlungen mit den Ver- 
tretern der anderen Kronlander noch etwas davon abmarkten lassen werde. 
Eine fatalistische Hoffnung, wenn man den Tschechen ausdriicklich gesagt 
hatte, bis wohin man ihnen »£ufierstenfalls« entgegenkomme. Indessen 
waren aber die Gegner des Ministeriums eifrig bemuht gewesen, den Kaiser 
umzustimmen. In der Aula gab es aus Anlafi der Rektorinauguration eine 
grofie Demonstration, wobei die Minister beleidigt, dem Reichskanzler dagegen 
grofle Ovationen dargebracht wurden. Die Beschwerde, die Graf Hohenwart 
dariiber beim Kaiser fiihrte, wurde in einer Weise beantwortet, die ein erstes 
Zeichen war, dafl der Kaiser schwankte. In einem Kronrat am 20. Oktober 
reifte die Entscheidung. Die Reichsminister Beust und Andrassy machten 



SchaffJe. 



H3 



mit Erfolg die rechtlichen Bedenken gegen die Fundamentalartikel, wie ihre 
Gefahren far die auswartige Politik geltend. Zwei Entwiirfe eines kaiserlichen 
Reskripts an den bohmischen Landtag standen zur Debatte : Der Entwurf des 
Ministeriums Hohenwart enthielt eine verbindliche Anerkennung der Rechts- 
anspriiche des Kftnigreichs Bohmen, in dem anderen Entwurf, von den Reichs- 
ministern vorgelegt, wurde der bohmische Landtag kurz und biindig aufge- 
fordert, seine Vertreter zu dem Werk der Versohnung in den Reichsrat zu 
entsenden. Am nachsten Tag entschied der Kaiser fur den Entwurf der Reichs- 
minister. Damit war die Entscheidung gefallen. Schon am 23. Oktober uber- 
reichte Sch. dem Kaiser sein Entlassungsgesuch, das am 30. Oktober mit 
demjenigen samtlicher Minister genehmigt wurde. Die Ara Hohenwart machte 
wieder einem liberalen, zentralistischen Kabinett Platz. Kein anderes der 
vielen Ministerien, die sich an der Sisyphusarbeit des Nationalitatenausgleichs 
in Osterreich abgenutzt haben, ist den Anspriichen des bdhmischen Staats- 
rechts soweit entgegengekommen , wie das Ministerium Hohenwart, und die 
Deutschosterreicher haben es Sch. niemals vergessen, dafl er bei dieser Aktion, 
die sie als den starksten Vorstofl gegen das Deutschtum und gegen die Reichs- 
einheit betrachten, mitgetan hat, ja die fiihrende Hand gewesen ist;, er der 
Deutsche, der Ausl&nder, der nach eigenem Gest&ndnis noch vor kurzem ohne 
alle Kenntnis der dsterreichischen Staatsverhaltnisse gewesen war. Sie erachten 
es als verhangnisvoll fiir alle Zeiten, dafi die Tschechen, die so dicht vor 
dem Ziel ihrer Wunsche standen, eben dadurch in ihren Anspriichen nur be- 
starkt werden konnten. Sch. selbst blieb hartnackig uberzeugt, dafi ihm mit 
dem verwerfenden Urteil iiber seine staatsm£nnische Episode schweres Un- 
recht geschehe, dafl er mit den Fundamentalartikeln die richtige Mitte zwischen 
Zentralismus und Foderalismus gefunden habe, dafi er auf dem rechten Wege 
gewesen sei, den Volkern Osterreichs den Frieden zu bringen; er ist noch in 
seinen letzten Publikationen bemiiht gewesen, sein damaliges Regierungs- 
programm theoretisch aus seinem staatswissenschaftlichen System heraus zu 
begTunden. 

Im Besitz des Ehrenbiirgerrechts tschechischer Stadte, begleitet von den 
Verwiinschungen der Deutschen, hat Sch. nach diesem Mifierfolg als Staats- 
mann Wien im Jahre 1872 wieder verlassen. Er hat von da an in seiner 
schwabischen Heimat, erst in Cannstatt, dann in Stuttgart gelebt, als Privat- 
mann, in voller Unabhangigkeit, ganz mit seinen schriftstellerischen Arbeiten 
beschaftigt, die bis 1878 rein wissenschaftlich, von da an uberwiegend prak- 
tisch-publizistischer Art waren. Zunachst suchte er durch philosophische und 
namentlich naturwissenschaftliche Studien die Grundlage zu gewinnen fur das 
grofie Werk, das sein Hauptwerk werden sollte, und das unter dem Titel: 
»Bau und Leben des sozialen K6rpers« in 4 B&nden 1875 — 1878 erschien. 
Sch. fafite darin die gesamte soziale Tatsachenwelt zusammen, sie in ihren 
Organen, ihren Funktionen, und ihren Erscheinungsformen analysierend. Das 
Buch fiihrte den Untertitel : »Enzyklopadischer Entwurf einer realen Anatomie, 
Physiologie und Psychologie der menschlichen Gesellschaft mit besonderer 
Rucksicht auf die Volkswirtschaft als sozialen Stoffwechsel.« Er war namlich 
uberzeugt, dafl »der soziale Korper mit den Energien organischer KOrper 
und mit den Kraften der anorganischen Natur denselben aufieren Lebens- 
bedingungen gegeniibersteht, welchen auch die Organismen ihr Leben abringen*. 

Biopr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 8. Bd. 8 



114 



SchaflNe. 



Das Gleichgewicht der personlichen Bestandteile des Wirtschaftsk6rpers ist 
ihm zufolge ebenso gewissen unerschiitterlichen Voraussetzungen unterworfen, 
wie das Gleichgewicht der Bestandteile im gesunden MenschenkSrper. In diesem 
Sinne ubertrug er den Gedanken der organischen Einheit vom Menschenkorper 
auf Wesen und Bau des sozialen Korpers. Man hat ihn deswegen der biolo- 
gischen Schule zugezahlt, ihn als »Organiker« bezeichnet, seine Abhangigkeit 
von Spencer behauptet. Er selbst hat stets mit Nachdruck betont, dafi er 
die Analogien, die er in alien sozialen Erscheinungsgebieten fand und durch- 
zufiihren suchte, eben nur Analogien seien, nicht Homologien, nur Gleichnisse, 
die zur Verdeutlichung dienen, Mittel der Pfadfindung. Dafi Spencer auf 
ihn von Einflufl gewesen sei, hat er ausdriicklich bestritten. Wirklich finden 
sich die Ansatze zu seiner Auffassung von der gesellschaftlichen Entwicklung 
der Massen schon in seinen friihesten Schriften. 

Eine solche Gesamtdarstellung der Gesellschaft in alien ihren Funktionen 
und Einrichtungen von der sozialen Zelle bis hinauf zu den staatlichen Ge- 
bilden, zu Schule und Wissenschaft, zu Kunst und Religion war in Deutsch- 
land noch nicht geleistet worden. Mit ungemeinem Scharfsinn, in einer 
freilich ,oft gesuchten Terminologie ist die bauliche und die funktionelle 
Differenzierung der Gesellschaft durchgefiihrt, sind die verschlungenen Kreis- 
laufe des in Ompfen aller Art sich dahinwalzenden Menschenstroms verfolgt, 
ist der gesellschaftliche Daseinskampf als ein Fortschreiten von Vernichtung 
durch ausweichende Anpassung zu immer mehr Gesellschaftsbildung, mithin 
zur Zivilisation, zu Recht, Sitte und Moral beschrieben. »Schaffle hat zum 
erstenmal in das funktionelle Zusammenspiel der gesellschaftlichen Erschei- 
nungen Licht gebracht. Der von ihm geschaffene Begriff der gestaltlichen 
und funktionellen Differenzierung der Gesellschaft stellt eine so bedeutende 
Gedankenleistung dar, dafi von ihm mehrfach die Griindung neuer Teildiszi- 
plinen ausgegangen ist, und er noch auf lange Zeit hinaus die sozialwissen- 
schaftliche Einzelforschung befruchten wird.« (Spann.) 

Doch wie der menschliche Korper, so hat auch der soziale K6rper seine 
Krankheiten und Mifibildungen, der Kreislauf wird gehemmt und kommt ins 
Stocken, das Gleichgewicht der evolutionistischen Fortschrittsbewegung der 
Gesellschaft erleidet Stftrungen, daher die Notwendigkeit heilend einzugreifen, 
daher bei Sch. neben seinem theoretischen Aufbau der best&ndige Drang, 
sich von der Anschauung des Ganzen aus in den Tatsachen zu orientieren 
und sein Wort in die brennenden Zeitfragen zu werfen. Dazu empfing er 
nun einen machtigen Anstofi durch den groflartigen Ausbau der deutschen 
Reichspolitik, wie er sich unter Bismarcks Fiihrung vollzog. Der ehemalige 
Grofideutsche hatte sich bald mit der Bismarckschen SchGpfung ausges6hnt T 
und sie zog ihn um so mehr an, er sah sich um so starker zum Mitschaffen 
angeregt, je mehr die Wirtschaftspolitik des Reiches in Bahnen einlenkte, die 
im Einklang mit seinen wissenschaftlichen Grundansichten waren. »Bismarcks 
Staatskunst hat mich von nun an immer starker gefesselt.« Hatte er zum 
Sozialistengesetz eine gegnerische Stellung eingenommen, so stand dagegen 
seine Feder in der Frage der Reichseisenbahnen , des Tabakmonopols, auch 
in Sachen der Kolonialpolitik und des Flottenausbaus auf des Kanzlers Seite. 
Eine grofie Reihe von staatswissenschaftlichen Abhandlungen erschien in dieser 
Zeit, meistens in der von ihm redigierten Zeitschrift; sie betreffen die Ver- 



Schaffle. 



"5 



fassungspolitik, die Theorie der Volksvertretung, die Verhaltniswahl, die Ein- 
richtung von Wirtschaftskammern, Arbeiterversicherung, Arbeiterschutz , Woh- 
nungsreform, agrarische Probleme; Aufsatze, die dann in den zwei Banden 
der »Kern- und Zeitfragen* gesammelt sind und die wohl eine grofiere Wir- 
kung gehabt hatten, wenn nicht Sch.s Schreibart an einer gewissen Umstand- 
lichkeit und Schwerfalligkeit litte. Am meisten Aufsehen machte seine Schrift: 
•Quintessenz des Sozialismus«, der er gleichsam als ErgSnzung »Die Aussichts- 
losigkeit der Sozialdemokratie« folgen liefl, zwei Schriften, die aufs Neue 
bewiesen, dafi er sich in keine Parteischablone einfiigen liefl, und die nur 
scheinbar einander widersprachen. Schon in seinem Hauptwerk hatte er 
ausgefuhrt, dafl die geschichtliche Entwicklung unaufhaltsam der sozialistischen 
Organisation der Gesellschaft zustrebe; er nehme, hatte er gesagt, den Sozi- 
alismus »sehr ernsthaft* , k6nne aber fur jetzt »weder die tatsachlichen 
Bedingungen noch die klaren Gedanken vorfinden, wie sie ein alsbaldiger und 
positiver Durchbruch des Kollektivismus heischen wurde'. Einmal hat Sch. 
auch das biographische Gebiet betreten. Er schrieb fiir die »Allgemeine 
Zeitung« und spater fiir Bettelheims »Fiihrende Geister* ein Lebensbild des 
Buchhandlerfiirsten Johann Friedrich Cotta. Die hervorragende Beteiligung 
Cottas an den wiirttembergischen Verfassungsk&mpfen 1815 — 181 9, sowie dessen 
Verdienste um das Zustandekommen des Zollvereins hat Sch. zum erstenmale 
aktenmafiig belegt. 

Die Frage der Arbeiterversicherung hat ihn auch einmal in persOnliche 
Beriihrung mit Bismarck gebracht. Als Bismarcks erster Unfallversicherungs- 
entwurf erschien, unterzog ihn Sch. einer Kritik in der »Allgemeinen Zeitung« 
und schickte diese Arbeit im Oktober 188 1 dem Reichskanzler zu. Es kniipfte 
sich daran ein l&ngerer Briefwechsel, und die Folge war, das Sch. dem Reichs- 
kanzler einen ausgearbeiteten Gesetzesentwurf fiir Gesamtorganisation einer 
berufsgenossenschaftlichen Arbeiterversicherung iibersandte, worin er besonders 
die Vorziige einer korporativen, beruflich und territorial gegliederten Ver- 
sicherung im Gegensatz zur Schablone der Privatversicherung hervorhob. 
Zuletzt wurde er auch zu einer pers&nlichen Besprechung mit dem Fursten 
nach Berlin eingeladen, die am 3. Januar 1882 stattfand. Der Verkehr mit 
Bismarck kam dann aber ins Stocken; dieser zog der Gesamtorganisation ein 
bedachtiges Vorgehen Schritt fiir Schritt vor, iiberliefi die weitere Ausfiihrung 
der Entwiirfe seinen R&ten, und so wurde die Sache, die sich Sch. als eine 
einheitliche zusammenh&ngende Organisation gedacht hatte, »zunachst zerhackt, 
plan- und einheitslos* gemacht. Immerhin blieb ihm die Genugtuung, dafl 
seine Anregungen nicht ganz unwirksam gewesen waren, und dafi nach seinem 
Rat der Anfang mit der Krankenversicherung gemacht wurde. 

Zu seinem 70. Geburtstag, 24. Februar 1901, sind Sch. zahlreiche Beweise 
von Ehrung und Anerkennung aus den Kreisen der Fachgenossen zuteil ge- 
worden. Besonders erfreute ihn eine Festschrift, die ihm von sechs akade- 
mischen Lehrern: Biicher, Fricker, Funk, Mandry, v. Mayr, Ratzel gewidmet 
wurde. In demselben Jahre griff er noch einmal mit fast leidenschaftlichem 
Eifer in eine Tagesfrage ein: er unterwarf den neuen schutzz6llnerischen 
Zolltarifentwurf einer schneidenden Kritik. In der Bevorzugung der agrarischen 
Interessen erblickte er einen st6renden Eingriff in die naturgemafie soziale 
Entwicklung. Er fiirchtete, dafi ein starker Schutzzoll der hauptsachlichsten 



1 16 Schaffle. 

Erzeugnisse des Groflgrundbesitzes, statt die technische und wirtschaftliche 
Energie der Latifundientrager zu erzielen, vielmehr ihnen eine Art von Ruhe- 
polster geben m6chte, wodurch die Auslese im Lebenskampf der Nation zu 
ihren Gunsten in rucklaufigem Sinn beeinflufit werde. Auch zur Beurteilung 
der Landwirtschaftsbedringnis suchte er den weitesten, den soziologischen 
Gesichtskreis zu gewinnen. Das letzte, was er schrieb, war von dem gleichen 
Gedanken erfullt; es sind die Neuen Beitrage zur Grundlegung der Soziologie, 
die 1903 und zum Teil erst 1904 nach seinem Tode in seiner Zeitschrift er- 
schienen. Sch. unternahm darin eine umfassende Revision der Grundbegriffe 
seines Hauptwerks und schlofl mit dem bezeichnenden Satze: »Von Hause 
aus verfehlt miifite eine Therapie erscheinen, welche auf internationaler 
Verkehrshemmung begriindet ware. Das hauptsachlichste Mittel zur Abhaltung 
und Einschrankung der internationalen StOrungsinterdependenz, die Hemmung 
des Guterverkehrs durch Protektion und Prohibition, stellt sich unter dem 
soziologischen Gesichtspunkt als ein bestenfalls nur beschranktes wirkungs- 
fahiges Heilmittel nationaler Politik dar.« 

Mitten aus der Arbeit rief ihn der Tod. Am 25. Dezember 1903 erlag 
er einer rasch verlaufenden Nierenkrankheit. Bis dahin durfte sich der stark- 
gebaute Mann einer Konstitution erfreuen, die unablassiger geistiger Produktion 
gewachsen war. In den Jahren 1899 bis 1901 schrieb er seine Lebenserinne- 
rungen nieder, die nach seinem Tode verCffentlicht worden sind. Man gewinnt 
aus ihnen den Eindruck einer kraftvollen, auf sich selbst gestellten, ihres Wertes 
vollbewufiten Pers6nlichkeit. »Einsam und trotzig«, dieses Motto steht iiber 
dem Buche — eine treffende Selbstcharakteristik. Was Sch. geworden ist, 
ist er durch sich selbst geworden. Er ist keiner wissenschaftlichen Schule 
beizuzahlen und hat auch nur kurze Zeit im Bann einer politischen Partei 
gestanden. Aufrecht und stolz auf seine Unabhangigkeit ist er durchs Leben 
gegangen. Er riihmte sich, dafi kein Orden seine Brust bedeckt hat Charak- 
tere, die sich einsam, aus eigner Kraft ihre Stellung erkampfen, nehmen leicht 
etwas hartes, herbes an: liebenswiirdige Ziige wird man bei ihm nicht ent- 
decken. Auch erkennt man leicht, dafi er nicht zufrieden war mit der An- 
erkennung, die er gefunden; er hatte eine starke Anlage zu argwohnischen 
Anwandlungen, die sich bis zu einer Art von Verfolgungswahn steigern konnten. 
Mit bitterem Groll gedachte er mancher Zeitgenossen, wahrend er seinen grofi- 
deutschen Freunden von vormals und den Gesinnungsgenossen, die er in 
Osterreich gefunden, eine warme Anhanglichkeit bewahrte. Aus seiner poli- 
tischen Vergangenheit war ihm etwas Zwiespaltiges geblieben, auch als er 
sich ganz mit den Aufgaben des neuen Reiches erfiillte. Ob er mit wirklicher 
Befriedigung auf sein Leben zuriickgeblickt hat? Auf politischem Boden war 
ihm eine Enttauschung nach der anderen beschieden gewesen. Die Zoll- 
einigung mit Osterreich, die Bundesreform nach dem grofideutschen Programm, 
der Ausgleich des Volkerstreits in Osterreich — an diesen Unmoglichkeiten 
hat er sich vergebens abgearbeitet. Er verbarg kaum die Empfindlichkeit 
dariiber, dafi man ihn in Wien so sang- und klanglos hatte fallen lassen und 
dafi auch sein Zusammenarbeiten mit Bismarck im Sande verlief. Ein origi- 
naler Denker ist er in seiner Wissenschaft gewesen und das ist seine bleibende 
Bedeutung. »An schSpferischer Kraft und Urspriinglichkeit, an Tiefe und 
Selbstandigkeit des Denkens, an Unverzagtheit der Meinungsauflerung werden 



Schaffle. Klopp. j j 7 

ihn wenige seiner Zeitgenossen erreichen« (K. Biicher). Seine sozialwissen- 
schaftlichen »Entdeckungen«, wie er sie selbst nennt, haben Widerspruch 
erfahren, aber auch die Gegner stellen nicht in Abrede, dafi sie ein Ferment 
der sozialpolitischen Entwicklung geworden sind. 

Schaffles Schriften in Buchform sind: Die Nation alokonomie oder allgemeine Wirt- 
schaftslehrc, Leipzig 1861. Die 2. Auflage erschien unter dem Titel: Das gesellschaftliche 
System der menschlichen VVirtschaft, Tubingen 1867. 3. Aufl. in 2. Bdn., Tubingen 1873. 

— Uber die ethische Seite der nationalokonomischen Lehre vom Wert, Tubingen 1862. — 
Die nationalokonoraische Theorie der ausschliefienden Absatzverhaltnisse , Tubingen 1867. 

— Kapitalismus und Sozialismus, Tubingen 1870. 2. Aufl. 1878. — Die Quintessenz des 
Sozialismus, Gotha 1875. '3- Aufl . 1891. — Bau und Leben des sozialen Korpers, 4 Teile, 
Tubingen 1875—78. 2. Aufl. 2 Bde. 1896. — Enzyklopadie der Staatslehre, Tubingen 1878. 

— Die Grundsatze der Steuerpolitik, Tubingen 1 880. — FUr Internationale Doppelwahmng. 

— Der korporative Hilfskassenzwang, Tubingen 1882. 2. Aufl. 1884. — Die Inkorporation 
des Hypothekenkredits, Tubingen 1883. — Vereinigter Versicherungs- und Spardienst bei 
Zwangsnilfskassen, Tubingen 1884. — Die Aussichtslosigkeit der Sozialdemokratie, Tubin- 
gen 1885. 4. Aufl. 1891. — Gesammelte Aufsatze, 2 Bde., Tubingen 1885—87. — Be- 
k amp fun g der Sozialdemokratie ohne Ausnahmegesetz, Tubingen 1890. — Kern- und Zeit- 
fragen, Berlin 1894. Neue Folge 1895. — Die Steuern, 2 Bde., Leipzig 1895—97. — 
Neuer Beitrag zur nationalen Wohnungsreform (gemeinschaftlich mit P. Lechler), Berlin 1897. 

— Die staatliche Wohnungsfttrsorge, Berlin 1900. — Ein Votum gegen den neuesten Zoll- 
tarifentwurf, Berlin 1901. — Aus meinera Leben, 2 Bde., Berlin 1905. 

AuBerdem mehrere Artikel im »Staatsworterbuch« von Bluntschli und Brater, und im 
>Handworterbuch der Staatswissenschaften* ; zahlreiche Aufsatze und Abbandlungen in der 
>Deutscben Vierteljahrsschrift« , in der »Zeitschrift fUr die gesamte Staatswissenschaftc , in 
der »Allgeroeinen Zeitung«, im »Schwabischen Merkur«, in der »Zukunft« usw. 

Hauptquelle der Biographic sind die DenkwUrdigkeiten : Aus meinem Leben. Dazu 
vergl. Karl Bticher und Dr. Othmar Spann in der »Zeitschrift fUr die gesamte Staatswissen- 
schaftc, 60. Jahrg. 1904. Dr. H. Losch im »Schwab. Merkur«, 5. Marz 1904. K. Jentsch 
in der Wiener »Zeit«c, 27. Dez. 1903. W. Lang. 

Klopp, Onno, Historiker, kgl. hannoverscher Hofrat, * 9. Oktober 1822 
in Leer, f 9. August 1903 in Wien. — K. war von den zwolf Kindern des 
Kaufmanns Wiard Klopp in Leer in Ostfriesland das fiinftalteste. K.s Vater 
machte die Befreiungskriege 18 14 und 181 5 als freiwilliger jager unter preu- 
flischer Fahne mit und vermahlte sich bald nachher mit Klara Verford aus 
Vechta. Die Familie Klopp, seit Generationen in Leer ansassig, war lutherisch. 
Wiard Klopp starb schon im 42. Lebensjahre an einer akuten Krankheit. 
K. wurde, nachdem er das Progymnasium in Leer durchgemacht und seine 
Begabung zum Studium bewiesen, auf das Gymnasium nach Emden geschickt. 
Hier genofi er unter tiichtigen Lehrern eine vortreffliche Vorbildung, so dafi 
er mit einem glanzenden Maturitatszeugnisse Ostern 1841 die Univefsitat 
Bonn beziehen konnte. Dort horte er hauptsachlich philologische Vorlesungen. 
Er trat dem Korps Westphalia bei. Ostern 1842 ging er nach Berlin, wo er 
philologische und theologische Kollegien besuchte; das fiinfte und sechste 
Semester brachte er wieder in Bonn zu. Im April 1844 wurde er in GOttingen 
immatrikuliert und begann sich nun auf das philologische Staatsexamen vor- 
zubereiten, welches er im Fruhling 1845 m ^ se ^ r gutem Erfolge ablegte. 
Bald darauf wurde er in Jena zum Doktor der Philologie promoviert, Auf 
der Ruckreise in seine Heimat stellte er sich in Hannover dem Oberschul- 



1 1 8 KIoPP- 

kollegium vor, urn seine Bewerbung fiir das Lehrfach anzumelden. Im Ok- 
tober 1845 engagierte derMagistrat von Osnabriick K. als Lehrer am dortigen 
Ratsgymnasium und er blieb in dieser Stellung bis zum Juli 1858. Das Jahr 
1848 wirkte nach der Richtung anregend auf K., dafi es ihm ein Antrieb 
wurde, auf die geschichtliche Entwickelung der bestehenden politischen Ver- 
haltnisse zuriickzugehen. Auf dem padagogischen Gebiete hatte K. sich schon 
vorher schriftstellerisch betatigt durch die Schrift: Die Reform der Gymnasien 
in Betreff des Sprachunterrichtes. Er plaidierte in derselben fiir Einfuhrung 
der modernen Sprachen auf dem Gymnasium, und zwar gleich zu Beginn des 
philologischen Unterrichtes ; die al ten Sprachen sollten auf die neuen folgen. 
AuBerdem schrieb er viel in Zeitschriften. Zu seinen ersten geschichtlichen 
Arbeiten geh&rte eine Studie iiber die Wiedertaufer, welche in der Munchener 
Hauschronik 1852 erschien. Die bedeutendste Arbeit, welche K. als Kolla- 
borator am Ratsgymnasium zu Osnabriick schrieb, war eine dreibandige Ge- 
schichte Ostfrieslands. Bei dem dritten Bande kam K. in Konflikt mit den 
Standen von Ostfriesland, welche ihm bereits zu den ersten beiden Banden 
eine Subvention hatten zukommen lassen und nun bei der Subvention des 
dritten Bandes den Tadel hinzufiigten, das Buch sei feindselig gegen den 
Konig Friedrich II. von Preufien. K. verweigerte die Annahme dieser Sub- 
vention, die von einem Tadel begleitet war, fiir den nicht einmal der Versuch 
eines Beweises erbracht. Die Sache machte grofles Aufsehen und Konig 
Georg V. von Hannover wies dem Historiker, dem er schon fiir den zweiten 
Band eine goldene Medaille hatte uberreichen lassen, die Subventionssumme 
aus seiner Kasse an. K. begab sich, um seinen Dank abzustatten, in die 
Sommerresidenz des K6nigs auf Norderney und dieser erflffnete dem Gelehrten, 
dafi er ihn in seine Dienste nehmen wolle. Allein die Minister fanden keine 
geeignete Stelle fiir K. Inzwischen hatte dieser mit der Lehrerlaufbahn, die 
ihn nicht befriedigte, abgeschlossen und war auch ohne eine gesicherte 
Stellung zu haben mit seiner Familie nach Hannover ubersiedelt , im Ver- 
trauen darauf, dafi er sich durch den bereits erworbenen Ruf eine Position 
erringen werde. Die journalistische Laufbahn hatte ihm eine solche sofort 
verschafft, allein er hatte die ausgesprochene Neigung des Forschers, dem die 
Journalistik nicht zusagte. Im Jahre 1859 machte K. eine Reise nach Eng- 
land und besuchte auf dem Riickwege in Belgien den Grafen Villermont, 
der gleich ihm Tillystudien betrieb. In jener Zeit spannte K. seine Arbeits- 
kraft aufs aufierste an. Im Jahre i860 erschien »K6nig Friedrich II. von 
Preufien und die Deutsche Nation«, im Jahre 1861 » Tilly im dreifiigjahrigen 
Kriege« in zwei Banden, aufierdem die »Kleindeutschen Geschichtsbaumeister* 
und eine Reihe kleinerer Schriften. Der Tilly namentlich machte grofies 
Aufsehen. Der Kaiser von Osterreich, der KOnig der Belgier und der Kdnig 
von Hannover verliehen K. beinahe gleichzeitig ihre goldenen Medaillen fiir 
Wissenschaft und Kunst. K6nig Max von Bayern sandte ein Handschreiben 
und der Konig der Belgier liefi durch seinen Sekretar versichern, dafi er den 
Tilly ganz gelesen habe. 

Im Jahre 1861 stellte K. durch den Minister Grafen Kielmansegg beim 
Konige Georg V. den Antrag, ihm die Herausgabe der Werke von Leibniz zu 
iibertragen. Die Genehmigung erfolgte bald und in den nachsten Jahren war 
die Durchforschung des gcsamten literarischen Nachlasses von Leibniz auf 



Klopp. Up 

der Kgl. Bibliothek zu Hannover K.s Hauptaufgabe. K. hat die Schreibweise 
Leibniz festgestellt, denn unter den Hunderten von Unterschriften des groflen 
Gelehrten fand sich keine mit Leibnitz. Nebenher beschaftigten K.s rastlosen 
Geist viele andere Probleme. Er war fiir Norddeutschland einer der bedeu- 
tendsten Fiihrer der grofldeutschen Partei. In Folge dessen hatte er eine 
ausgebreitete Korrespondenz und schrieb mehrere Broschiiren sowie zahlreiche 
Artikel in Zeitschriften und Zeitungen iiber diese Fragen. Der dsterreichische 
Gesandte in Hannover, Graf Ingelheim, war ihm ein treuer Freund und Gonner, 
ebenso die Legationsrate Baron Brenner und Herr von Pilat. K. fand 1862 
auch Zeit, GfrOrers Gustav Adolph in vierter Auflage durchgesehen und 
verbessert herauszugeben. Wahrend des Furstentages in Frankfurt 1863 tagte 
daselbst auch eine grofldeutsche Versammlung, welche K. besuchte und wo 
er sehr geehrt wurde. Zugleich arbeitete er an einem grofierenWerke »Deutsch- 
land und das Haus Habsburg*, welches jedoch unvollendet geblieben ist. 
Im Jahre 1866 war es bis zu Karl V. gediehen und das Kapitel »Karl V.« liefl 
K. 1867 in den Miinchener historisch-politischen Blattern als Studie erscheinen. 

Zu Beginn des Jahres 1865 schuf der KSnig Georg V. die Stelle eines 
Referenten fiir das Archivwesen des Landes und betraute K. als Archivrat 
mit den Agenden desselben. K. bereiste die Landesarchive Aurich, Osnabruck, 
Stade und Hildesheim und machte in Bezug auf das Belassen der Archivalien 
in den Provinzen und das Zentralisieren derselben in der Residenzstadt Vor- 
schlage, die heute im Prinzip nach langem Fiir und Wider fiir die Ordnung 
der preuflischen Staatsarchive angenommen sind. Im Herbste 1865 unter- 
nahm K. eine Reise nach Osterreich, die er bis nach Pola ausdehnte. In 
Wien besuchte er in der Abteilung der Staatskanzlei fiir die deutschen An- 
gelegenheiten die Barone Meysenbug, Biegeleben und Gagern und betrieb 
Nachforschungen in den kaiserlichen Archiven. Er hatte auch Audienz beim 
Kaiser. Im Dezember 1865 machte K. im Gefolge des KSnigs die Feier mit, 
welche in seiner Heimat zur Erinnerung an die fiinfzigjahrige Vereinigung 
Ostfrieslands mit Hannover abgehalten wurde. 

Von Beginn des Jahres 1866 an war K. nicht mehr im Zweifel, dafi es 
zum Kriege zwischen Osterreich und Preufien kommen und auch Hannover in 
Mitleidenschaft gezogen wurde. Im April fand er eines Tages in der »Zeitung 
fur Norddeutschland« einen preufienfreundlichen Artikel; er schrieb mit Rot- 
stift unter den Titel des Blattes »Organ fiir die preuBische Provinz Hannover« 
und unterbreitete es so dem Minister Grafen Platen. »Sie sehen zu schwarz«, 
erwiderte dieser. K. hatte jedoch offiziell an politischen Beratungen der 
Regierung keinen Teil und ist auch vom KOnige niemals zu solchen heran- 
gezogen worden. Seine Vortnige bei dem KOnige betrafen hauptsachlich 
historische Fragen. Nur wenn Graf Platen einen dsterreichfreundlichen 
Artikel im offiziosen Blatte wiinschte, berief er K., die preufienfreundlichen 
schrieb Oskar Meding. Bei den Hannoveranern war K. mit dem Odium be- 
haftet, dafi er sie katholisch machen wolle. Anlafi dazu gab ihnen, dafi er 
einmal einen Vortrag iiber Leibniz* Verhaltnis zu den kirchlichen Reunions- 
versuchen gehalten hatte und dafi er seine Tochter zu den Ursulinen in die 
Schule schickte. Weiter hatte es keine Gefahr. 

Am 15. Juni 1866 stellte Preufien an Hannover das Ultimatum, entweder 
Biindnis mit Preufien oder Krieg. Georg V. wahlte den Krieg. Fiir K. ware 



1 20 Klopp. 

ein Verbleiben in Hannover unter preuflischer Okkupation sehr unangenehm 
geworden, allein es kam nicht dazu. Vor seiner Abreise zur Armee nach 
Gottingen erteilte der Konig den Befehl, dafi K. ins Hauptquartier folgen 
solle. In Gottingen stellte sich die Notwendigkeit heraus, Fiihlung mit dem 
Bundestagspr&sidium in Frankfurt zu haben. Graf Platen hielt Umfrage, wer 
die gefahrliche Tour unternehmen wolle. Mehrere weigerten sich; K. erklarte 
sich bereit. Er fuhr nachmittags ab und war nach ununterbrochener Wagen- 
fahrt am nachsten Tage abends 7 Uhr bei Baron Kiibeck in Frankfurt. Elf 
Uhr nachts setzte er sich wieder in den Wagen und urn 3 Uhr friih des zweiten 
Tages machte er seine Meldung beim Grafen Platen. Er war auf der ganzen 
Tour nicht eher angehalten worden, als bei den eigenen Vorposten. Der 
Rat, den K. vom Bundestagsprasidium mitbrachte, war der, die hannoversche 
Armee moge durchs Werratal auf Fulda marschieren, wo die Konzentration 
des 8. Armeekorps geplant war, sowie die Vereinigung mit den Bayern. Allein 
der hannoversche Generalstab entwarf den Plan, iiber Heiligenstadt, Miihl- 
hausen, Eisenach vorzuriicken. So geschah es und K. befand sich am 23. Juni 
im Hauptquartier zu Langensalza. Hier machte sich von neuem das Be- 
durfnis nach Fuhlung mit den siiddeutschen Verbiindeten geltend und aber- 
mals erklarte sich K. bereit, die verwegene Tour zu unternehmen, welche 
direkt durch die feindlichen Vorposten fiihrte. Die Einzelheiten dieser Tat 
sind K.s Geheimnis geblieben, bekannt ist nur, dafi K. in der Nacht vom 
23. auf den 24. Juni Langensalza verliefi und in den ersten Nachmittagsstunden 
des 25. Juni vor dem General von der Tann im bayerischen Hauptquartier 
zu Bamberg stand. Der Kommandierende, Prinz Karl von Bayern, ebenso wie 
sein Generalstabschef von der Tann verhielten sich gegenuber den Nach- 
richten, die K. von der Stellung der Hannoveraner gebracht hatte, teilnahmslos. 
K. hatte sofort den Eindruck, dafi die Absicht, eine Vereinigung mit der 
hannoverschen Armee herbeizufiihren, nicht bestehe. Schon von Lichtenfels 
aus hatte K. seine Nachrichten iiber die Stellung der Hannoveraner nach 
Wien, Munchen und Frankfurt depeschiert. Aus dem bayrischen Hauptquartier 
machte er sich selbst nach Wien auf den Weg. Er berichtete dem Kaiser 
iiber den Stand der Dinge und reiste in Begleitung des hannoverschen Ge- 
sandten in Wien, von dem Knesebeck, wieder ins bayrische Hauptquartier 
zuriick. Inzwischen hatte am 27. Juni das fur die Hannoveraner siegreiche 
Treffen bei Langensalza stattgefunden, jedoch zwei Tage darauf hatte Kdnig 
Georg V. daselbst kapituliert. Klopp begab sich nach Frankfurt zur Dispo- 
sition des Baron Kiibeck und reiste, als die Preufien herannahten, iiber Munchen 
nach Wien, wo bald darauf KOnig Georg V. eintraf. K. war der Verfasser des 
Friedensansuchens, welches Georg V. von Wien aus an den Konig Wilhelm 
nach Nikolsburg sandte, welches aber von diesem nicht angenommen wurde. 
K. blieb im Dienste seines K6nigs. In den ersten Jahren nach dem Kriege 
veroffentlichte er aufler einer zweiten Auflage des Werkes »Friedrich II. von 
Preufien« mehrere Broschiiren zur Klarstellung der Vorg&nge von 1866. Dann 
begab er sich an Vorstudien zu seinem groflen Werke: Fall des Hauses Stuart 
und Sukzession des Hauses Hannover in Grofibritannien und Irland im Zu- 
sammenhange der europaischen Angelegenheiten (1664 — 17 14). Im Jahre 1870 
studierte er zu diesem Zwecke in den Londoner Archiven. 

Die Vollendung der Leibniz-Ausgabe, von welcher er bis 1866 fiinf Bande 



Klopp. 12! 

hatte erscheinen lassen, wurde K. unm5glich gemacht durch die Weigerung 
Bismarcks, ihm aus der Bibliothek in Hannover ferner Material verabfolgen 
zu lassen. Die franzOsische Akademie der Wissenschaften erliefi 1869 ein 
Schreiben an K., in welchem sie die Unterbrechung der Ausgabe im Interesse 
der Wissenschaft bedauerte. K. hatte jedoch aus der Zeit vor 1866 noch so 
viel Material zusammengerafft und durch Mittelspersonen nachher sich zu 
verschaffen gewufit, dafi er die ganze historisch-politische Serie in 11 Banden 
abgeschlossen edieren konnte, den letzten Band im Jahre 1884. 

In das Jahr 1873 fallt K.s Ubertritt zur katholischen Kirche. Seit seiner 
Schrift »Katholicismus, Protestantismus und Gewissensfreiheit«, welche 1857 
erschien, erwog er, wie aus verschiedenen Aufzeichnungen hervorgeht, die 
Frage, ob er seiner Oberzeugung, dafi die katholische Kirche die wahre sei, 
durch den formellen Cbertritt gerecht werden musse. Dazu kam, dafi seine 
Frau von Haus aus katholisch war und seine Kinder, denen er darin Freiheit 
gelassen, sich fur die katholische Kirche erklart hatten. Als K. dem Kdnige 
Georg V. seinen Entschlufi anzeigte, erwiderte ihm dieser, dafl er, ohne durch 
die vorgebrachten Griinde von der Notwendigkeit des Glaubenswechsels iiber- 
zeugt zu sein, ihm dennoch darin voile Freiheit lassen musse. Die lebhafte 
wissenschaftliche Korrespondenz, welche der Konig mit K. unterhielt, erlitt 
keine Unterbrechung. Es liegen aus den Jahren 1869 bis 1878 siebzig Hand- 
schreiben des Konigs an K. vor. 

In der Mitte der 7oer Jahre des vorigen Jahrhunderts begann K.s Geschichts- 
unterricht beim Erzherzoge Franz Ferdinand, der einige Jahre darauf auch 
auf den Erzherzog Otto ausgedehnt wurde. Noch wahrend der Dauer dieser 
Stunden begann K. den Unterricht beim Herzoge Albrecht von Wurttemberg. 
K.s immense Arbeitskraft war alien Anforderungen gewachsen. Er hatte gleich- 
zeitig umfangreiche Studien in den kaiserlichen Archiven zu machen. Von 
1875 bis 1888 erschien durchschnittlich in jedem Jahre ein Band vom Fall 
des Hauses Stuart. Im Jahre 1882 verliefi das Werk »Das Jahr 1683 und der 
folgende grofle Turkenkrieg bis i699« die Presse. Nebenher hatte K. stets eine 
ausgebreitete Korrespondenz, kam seinen dienstlichen Verpflichtungen gegen 
den K6nig Georg V. nach, die mit haufigen Reisen nach Gmunden verkniipft 
waren und besorgte die Angelegenheiten seiner Familie auf das sorgfaltigste. 

Georg V. starb am 12. Juni 1878 in Paris. K. begab sich zur Leichenfeier 
dorthin, sowie zur Beisetzung nach Windsor. Von dort reiste er nach Gro- 
ningen in Holland, wo eine Zusammenkunft mit seiner betagten Mutter statt- 
fand. Preufiisches Gebiet wagte K. nach 1866 nicht mehr zu betreten. Zum 
funfzigjahrigen Priesterjubilaum des Papstes Leo XIII. 1888 widmete K. dem- 
selben die eben vollendete Herausgabe des Briefwechsels zwischen dem Kaiser 
Leopold I. und dem Kapuziner Marco d'Aviano. Nach Vollendung von »Fall 
des Hauses Stuart« begab sich K. an eine neue Auflage von Tilly, welche 
jedoch unter der Arbeit zur »Geschichte des dreifiigjahrigen Krieges bis zum 
Tode Gustav Adolfs« in vier Banden anwuchs. Aufierdem beschaftigten ihn 
mehrere grofie Entwiirfe, die nicht druckreif geworden sind: die Geschichte 
der Reformation, die Geschichte des Deutschordens in Preufien, die Erlangung 
der preufiischen KGnigskrone und andere. 

K. hatte sich bis ins hohe Alter einer guten Gcsundheit erfreut. Seinen 
8i.Geburtstag feierte er unter zahlreichen Teilnahmsbezeugungen seiner Freunde 



122 KIopp. 

von nah und fern, aber ein halbes Jahr darauf erlitt er einen Schlaganfall, 
von dem er sich nicht mehr erholte. Er starb in seinem Hause in Wien- 
Penzing am 9. August 1903. 

K. hatte von Jugend auf ein lebhaftes Interesse an grofien Weltbegeben- 
heiten; ein starkes PflichtbewuBtsein und ein unwiderstehlicher Drang zur 
Erforschung der Wahrheit wohnte ihm inne. So viele Gegner er auf dem 
wissenschaftlichen und politischen Gebiete hatte, sie haben ihm in seinen 
Schriften keine nennenswerten Unrichtigkeiten nachweisen konnen. Von den 
meisten wird die Klarheit seiner Darstellung geriihmt. Durch das Streben 
jedoch, kurz und klar zu sein, erscheinen seine Satze hie und da allzu kom- 
pakt. Er war fur die Quellenforschung philologisch vorgeschult wie wenige 
seines Faches, zudem las er alle Kultursprachen vom Schwedischen bis zum 
Portugiesischen. Zur Wurdigung seiner Tatigkeit folgen die Namen der 
historischen Personlichkeiten, die er eingehend in seinen Werken behandelt 
hat: Barbarossa, die Habsburger, namentlich Karl V., Ferdinand II., Leopold I., 
Maria Theresia, Melanchthon, Moriz von Sachsen, Tilly, Wallenstein, Gustav 
Adolf, Ludwig XIV., Leibniz, Wilhelm III. von England, die letzten Stuarts, 
Prinz Eugen, Friedrich II. von PreuOen. Johannes Janssen nannte K. den 
ersten zeitgenossischen katholischen Historiker. 

An Auszeichnungen besafi K. das Ritterkreuz des hannoverschen Guelphen- 
ordens, das Ritterkreuz I. Klasse des hannoverschen Ernst Augustordens, die 
hannoversche goldene Medaille fiir Wissenschaft und Kunst, die Langensalza- 
medaille, das Kommandeurkreuz des osterreichischen Leopoldordens, die 
osterreichische goldene Medaille fiir Wissenschaft und Kunst, das Komman- 
deurkreuz des papstlichen St. Gregoriusordens, das Ehrenkreuz pro eccksia et 
pontifice, die belgische Medaille fiir Wissenschaft und Kunst. 

Als Quelle fiir vorstehende Daten hat der gesamte handschriftliche Nachlafi von K. 
gedient, der sich im Besitze des Sohnes Finanzrat Dr. Wiard Klopp, Wien XIII 1 befindet. 
Ein Portrat von K., gemalt von Heinrich Vossberg, befmdet sich im Schlosse des Herzogs 
von Cumberland in Gmunden, ein anderes, gemalt von Baronin Wilhelmine Vogelsang, im 
Besitze des Sohnes. 

Es folgen die bedeutenderen Werke von K. : 1. Die Reform der Gymnasien in betreflf 
des Sprachunterrichtes. Ein Entwurf. Leipzig. Reichenbach 1848. — 2. Die Grundrechte 
des deutschen Volkes, mit allgemein fafi lichen Erlauterungen nebst der deutschen Reichs- 
verfassung. Osnabrlick. Rackhorst 1849. — 3- Gudrun, der deutschen Jugend erzahlt. Leipzig. 
Weidmann 1850. — 4. Geschichten, charakteristische Zlige und Sagen der deutschen Volks- 
stamme aus der Zeit der Volkerwanderung bis zum Vertrage von Verdun. Nach den Quell en 
erzahlt. 2 Teile. Leipzig. Weidmann 185 1. — 5. Leben und Taten des Admirals de Ruiter. 
Mit de Ruiter's Portrat. Holzschnitt. Hannover. RUmpler 1852. 2. (Titel-) Ausg. 1858. — 
6. Geschichten und Charakterztige der deutschen Kaiserzeit von 843 — 1125. Nach den 
Quellen erzahlt. Leipzig. Weidmann 1852. — 7. Deutsche Geschichtsbibliothek odcr Dar- 
stellungen aus der Weltgeschichte fiir Leser aller Stande. Unter Mitwirkung verschiedener 
Gelehrter. 4 Biinde. Hannover. RUmpler 1853 — 1856. — 8. Geschichte von Ostfriesland. 
3 Biinde. Hannover. Rtimpler 1854 — 58. — 9. Studien liber Katholizismus, Protestantismus 
und Gewissensfreiheit in Deutschland. (Anonym.) Schaffhausen. Hurter 1857. — 10. Wird 
Deutschland wieder katholisch werden? Von dem Verfasser der Studien tiber Katholizismus, 
Protestantismus und Gewissensfreiheit. (Anonym.) Schaffhausen. Hurter 1859, — il.Das 
Restitutions -Edikt im nordwestlichen Deutschland. Aus den Forschungen zur deutschen 
Geschichte. 1. Band. Gottingcn. Diedrich i860. — 12. Der Konig Friedrich II. von PreuBen 
und die deutsche Nation. Schaffhausen. Hurter i860. — 13. Das Verhaltnis von Leibniz zu 



KIopp. 123 

den kirchlichen Reunions versuchen in der 2. Halfte des 17. Jhrdts. Vortr. im hist. Ver. f. 
Nicdersachsen. Abdnick aus der Zeitschrift des Vereins. Hannover. Janecke 1861. — 14. Tilly 
im 30jahr. Kriege. 2 Bande. Stuttgart. J. G. Cotta 1861. — 15. Die gothaische Auffassung 
der deutschen Geschichtc und der National-Vercin. Mit Beziehung auf die Schrift des Herra 
Sybel: Die dcutsche Nation und das Kaisertum. Hannover. Klindworth 1862. — 16. OfTcner 
Brief an den Herrn Professor Hausser in Heidelberg, betr. die Ansichten liber den Konig 
Friedrich II. von Preuflen. Hannover. Klindworth 1862. — 17. Nachtrag zu dem offenen Brief 
an den Herrn Professor Hausser in Heidelberg, betr. die Ansichten tiber den Konig Friedrich II. 
von PreuBen. Hannover. Klindworth 1862. — 18. Kleindeutsche Geschichtsbaumeister. Frei- 
burg i. B. Herder 1863. — 19. Morgenstudien tiber die Regierungskunst von dem Konige 
Friedrich II, von Preuflen, genannt der Grofle, geschrieben fUr seinen Neffen. Originaltext 
mit gegentiberstehender Obersetzung. (Anonym.) Freiburg. Herder 1863. — 20. Gustav Adolph, 
Konig von Schweden und seine Zeit von A. F. Gfrorer. 4. Aufl. nach dem Tode des Ver- 
fasscrs durchgesehen und verbessert. Stuttgart. Krabbe 1863. — 21. Die Werke von Leibniz 
gemaB seinem handschriftlichen Nachlasse in der kttnigl. Bibliothek zu Hannover. Durch 
die Munifizenz Sr. Maj. des Konigs von Hannover ermbglichte Ausgabe. I. Reihe. Historisch- 
politische und staatswissenschaftliche Schriften. 1. — 11. Bd. Hannover. Klindworth 1864 — 1884. 

— 22. Leibniz, der Stifter gelehrter Gesellschaften. Vortrag bei der 23. Versammlung deutscher 
Philologen und Schulmanner zu Hannover. Leipzig. Teubner. 1864. — 2^. Lcibnitii dc 
cxpcditionc Atgyptiaca Ludovico XIV. Franciac rcgi proponcnda scrip ta omnia quae super - 
sunt adjecta praefationc historicocritica. Hannovcrac. Typis Klindworthianis 1864. — 
24. Leibniz, Vorschlag einer franzosischen Expedition nach Agypten. Cbersichtlich , mit 
Wiedcrgabe einiger der hauptsachlichsten SchriftstUcke in deutscher Obersetzung und mit 
kritischer Berticksichtigung frtiherer Publikationen. Hannover. Klindworth 1864. — 25. Ein 
patriotisches Wort an meine Landsleute von einem Hannoveraner. (Anonym.) Wien. Tendler 
1866. — 26. Studie tiber den Kaiser Karl V. (Anonym.) Historisch-politische Blatter. Bd. 60. 
5 Folgen. Mtinchen 1867. — 27. Der Ktfnig Friedrich II. von Preuflen und seine Politik. 
2. neugearbeitete Auflage. SchafThausen. Hurter 1867. — 28. Die preuflische Politik des 
Fridericianisraus nach Friedrich II. SchafThausen. Hurter 1867. — 29. Leibniz Plan der 
Grilndung einer Sozietat der VVissenschaften in Wien. Wien. K. k. Hof- und Staatsdruckerei 
1868. — 30. Rtickblick auf die preuflische Annexion des Kbnigreichs Hannover. Mtinchen. 
J. G. Weiss 1868. 2 Auflagen. — 31. Wer ist der wahre Erbfeind von Deutschland? (Anonym.) 
Mtinchen. Weiss 1868. — 32. Die Hannoveraner vor Eisenach am 24. Juni 1866. OfTenes 
Sendschreiben als Antwort an den koburgischen Minister Herrn von Seebach. Wien. Brau- 
mfiller 1869. — 33. Das preuflische Verfahren in der Vermbgenssache des Konigs von 
Hannover mit Aktenstticken. Wien. Braumuller 1869. — 34. Der evangelische Ober-Kirchenrat 
in Berlin und das Konzil. (Anonym.) Freiburg i, B. Herder 1869. — 35. Bandhauer, Zacharias, 
die Katastrophe von Magdeburg 1631. Auszug aus dessen Tagebuch mit einer kritisch- 
bistorischen Cbersicht. Freiburg i. B. Herder 1874. — 36. Der Fall des Hauses Stuart und 
die Sukzession des Hauses Hannover in Grofl-Britannien und Irland im Zusammenhange der 
europaischen Angelegenheiten von 1660 — 1714. 14 Bande. Wien. Braumuller 1875 — 1888. 

— 37. Zur Ehrenrettung von Leibniz. Sendschreiben an die kbnigliche Akademie der Wissen- 
schaften zu Berlin. Germania 1878. — 38. Konig Georg V. Every inch a king. Hannover. 
Weichelt 1878. — 39. Das Jahr 1683 und der folgende grofle Ttirkenkrieg bis zum Frieden 
von Carlowitz 1699. Graz. Styria 1882. — 40. Zur zweiten Sacularfeier des 12. September 
1683. Graz. Styria 1882. — 41. Corrispondenza c pis to I arc tra Lcopoldo I. impcratore ed il 
P. Marco d Avian o Capuccino. Dai Manoscriiii originali tratta c pubblicata. Graz. Styria 
1888. — 42. Der 3ojahrige Krieg bis zum Tode Gustav Adolfs 1632. 2. Ausgabe des 
\V r erkes: Tilly im 30jahrigen Kriege. Band 1, 2, 3. I und II. Paderborn. Schbningh 1891. 

— 43. Philipp Melanchthon 1497 — 1560. Germania. Berlin 1897. — Sagen der Vblker- 
wanderung, Geschichten der sachsischen und salischen Kaiser, sowie Admiral de Ruiter 
(Nr. 5, 6 und 7) sind neu aufgelegt bei Wchberg, Osnabrlick 1905. — Nachrufe: »Hist.- 
pol. Blatter* CXXXI1, 8 (1903). »Jahrbuch der Gcs. f. bild. K. u. hist. Alt. in Emden« 
1905- Dr. Wiard Klopp. 



124 Lazarus. 

Lazarus, Moritz, ordentlicher Honorarprofessor der Philosophic an der 
Universitat Berlin, Geheimer Regierungsrat, * 15. September 1824 in Filehnc 
(Provinz Posen), f 13. April 1903 in Meran (Tirol). — L. war der Sohn einer 
judischen, in grofiem Ansehen stehenden Kaufmannsfamilie. Sein Vater, Aaron 
Levin Lazarus (f 26. Februar 1874), gehorte zu den Schulern des grdfiten 
Talmudisten deutscher Zunge am Anfange des vorigen Jahrhunderts, namens 
Akiba Eger, Oberrabbiner von Posen. Alter Gepflogenheit gemaB, vertrug 
sich der kaufmannische Beruf mit der nebenamtlichen Ehrenfunktion eines 
Rabbinatsmitgliedes und Mitvorstehers der Talmudschule zu Filehne bei Levin 
Lazarus durchaus. Den Einflufl des Vaters auf den kiinftigen Philosophen 
konnen wir nicht hoch genug anschlagen. H&tte Vater Lazarus die an ihn 
gerichteten Briefe seines beriihmt gewordenen Sohnes ebenso sorgfaltig be- 
hiitet und getreulich aufbewahrt, wie beispielsweise die Eltern Herbert Spen- 
cers, so kftnnte man etwaige Lucken der Lazarus'schen Biographie aus diesen 
Briefen, die meist in hebraischer Sprache oder doch mit hebraischen Lettern 
niedergeschrieben waren, mit Leichtigkeit rekonstruieren. Mdgen sich auch 
zwischen Vater und Sohn ganze Welten an Anschauung und Kenntnissen, an 
Eindriicken und Empfindungen dazwischen geschoben haben, so daB der 
kulturliche Abstand zwischen den zwei Generationen, denen Vater und Sohn 
angehflrten, nicht nach Jahrzehnten, sondern nach Jahrhunderten gemessen 
werden mufite, so bildete das Familiengefuhl auf der einen, das religiose 
Empfinden auf der anderen Seite ein Bindeglied von unzerreiflbarer Starke 
zwischen ihnen. Denn Moritz Lazarus war nicht e^wa wie Spinoza ein philo- 
sophierender Jude, sondern wie Mendelssohn ein judischer Philosoph. 

In die im Jahre 1834 begrundete deutsche Schule in Filehne konnte 
Moritz Lazarus aus konfessionellen Grunden nicht eintreten; er erhielt daher 
— vom Vater fur den Kaufmannsstand bestimmt — eine vorwiegend talmudi- 
sche Bildung, wie dies in besseren judischen Familien noch in der ersten 
Halfte des Jahrhunderts, im Osten zumal, durchgangiger Brauch war. Sein 
Geburtsort war ein konfessionell-nationaler Mikroskosmus. Das Stadtchen von 
3000 Einwohnern z&hlte zu je einem Drittel etwa Katholiken, Protestanten 
und Juden. Unweit seines Geburtsortes lag ein polnisches DOrfchen (Neu- 
teich), das in Anlage und Gesittung ein Modell der »polnischen Wirtschaft* 
darstellte, wahrend sein Geburtsort die »deutsche Zivilisation« reprasentierte. 
^Dieses Bild«, sagte Lazarus spater, »konnte ich nicht aus der Seele bekommen. 
Weshalb diese Unordnung unmittelbar neben der Zivilisation? Was wir natio- 
nale Unterschiede nennen, war fiir mich ein Rfitsel, das mir nachging. Die 
nationale Entwicklung in der Verschiedenheit der Kultur in alien Lebens- 
formen war es, was sp&ter einen so betrSchtlichen Teil meines Lebens aus- 
gefiillt, was kristallisiert zur Entdeckung des Begriffs der Volkerpsychologie 
gefiihrt hat.« 

Eben diese »Entdeckung«, welche L. stets als sein eigentliches Lebens- 
werk selbst angepriesen hat und von alien anderen als seine entscheidende 
Leistung angesehen wissen wollte, wurde unmittelbar nach seinem Tode zum 
SchibbolethabsprechenderKritik auf der einen, verhimmelnderLobeserhebungen 
auf der anderen Seite. Der Berliner Literarhistoriker Richard M. Meyer ver- 
offentlichte in der »Zeitschrift des Vereins fiir Volkskunde« (Bd. Ill, 320 — 324), 
die ihrerseits nur eine Fortsetzung der von Lazarus mit seinem Schwager 



Lazarus. 1 2 5 

Steinthal begrundeten und 20 Jahre fortgesetzten »Zeitschrift fiir Vdlkerpsycho- 
logie und Sprachwissenschaft« ist, einen Nachruf auf L., in welchem das 
Verhaltnis dieses vdlkerpsychologischen Dioskurenpaares wie folgt gekenn- 
zeichnet wird: »Im ubrigen stellte sich die Arbeitsteilung im Anfang wohl 
fast wie nach den Worten der Bibel zwischen Moses und Aaron: Steinthal 
legte die Worte in den Mund des Bruders, der fiir ihn zum Volke redete.« 
Darob ergrimmte die dem Meister Lazarus treu anhangende Verehrerschaar. 
In ihrem Namen fiihrt Alfred Leicht, Lazarus der Begriinder der Volkerpsycho- 
logie, Leipzig, Diirr, 1904, den umstSndlichen dokumentarischen Nachweis, 
der sich auf die Worte Steinthals stiitzt: »Die Ehre, Begriinder der VOlker- 
psychologie zu sein, kommt nicht mir, sondern dem Herrn Professor Laza- 
rus zu.« 

Dieser Prioritatsstreit, der unerquicklich heftige Formen angenommen hat, 
der aber — nach der chronologischen Seite — unzweifelhaft zu Gunsten L.s 
entschieden ist, ficht die Wissenschaft um so weniger an, als es heute durchaus 
fraglich ist, ob eine Volkerpsychologie als Wissenschaft mdglich sei, vor allem 
aber, ob sie als gesonderte Disziplin Daseinsberechtigung habe. Der Urn- 
stand, dafi W r ilhelm Wundt seine Untersuchungen iiber Sprache, Mythos und 
Sitte »V6lkerpsychologie« iiberschrieben hat, »erhartet« noch lange nicht die, 
mit Meyer zu sprechen, »angefochtene Berechtigung« dieser Disziplin. Man 
vergleiche Wundts Aufsatz iiber »Wege und Ziele der V6lkerpsychologie« 
(Philos. Studien, Bd. IV; 1888), und man wird die Umgrenzung, innerhalb 
deren Wundt eine Volkerpsychologie zulaflt, an den L.'schen Anspriichen 
gemessen, recht enge finden. Augenblicklich werden diese Grenzen in einer 
Preisaufgabe der Berner Universitat (L. hat bei seinem Wegzug aus Bern 
einen kleinen Fonds gestiftet, der uns gestattet, alljahrlich eine philosophische 
Preisfrage auszuschreiben und mit einem bescheidenen Preise zu bedenken), 
des Naheren untersucht: »V6lkerpsychologie einst und jetzt« ist das Thema 
betitelt, das einen Bearbeiter gefunden hat, iiber dessen Resultat hier noch 
nicht gesprochen werden kann. Im ubrigen hat bereits einer meiner Schiiler, 
Lazarus Schweiger, den genannten Lazaruspreis fiir nachbenannte Arbeit 
erhalten: » Philosophic der Geschichte, Volkerpsychologie und Soziologie«, 
erschienen in meinen »Bemer Studien zur Philosophic und ihrer Geschichte«, 
Bd. XVII, 1900. Das Gleiche gilt von den Arbeiten J. Seligers, »Das soziale 
Verhalten des menschlichen Individuums zur menschlichen Gattung« und 
Hermann Kleins, individual- und Sozialethik in ihren gegenseitigen Be- 
ziehungen« (Berner Studien, Bd. XXXVI und XXXVII, 1904). An der Statte, 
die den Hohepunkt in der akademischen Wirksamkeit von L. bedeutete, ja 
nach eigener Aussage iiberhaupt den Zenith seines Lebens darstellte — an 
der Universitat Bern — wird der Volkerpsychologie, seinem Lebenswerke, 
fortgesetzte Aufmerksamkeit gewidmet. Wenn hier die Ergebnisse nicht 
durchweg zu deren Gunsten ausfallen, so liegt dies wohl daran, dafi uns 
55 Jahre von der Begrundung der Volkerpsychologie trennen. Wir arbeiten 
mit anderen Methoden, nach anderen Gesichtspunkten, zu anderen Zwecken 
und gelangen demgemafi zu vollig anderen Ergebnissen. Die Pietat gegen 
Personen hat immer und unter alien Umstanden hinter den Pflichten gegen- 
iiber der Wissenschaft zuriickzutreten. Es ist ewig schade, dafi Steinthal sich 
in Paris so wenig von Comte beeinflussen liefi, dafi er vielmehr ziemlich 



126 Lazarus. 

abschatzig unci wegwerfend iiber den Verfasser d?r »phih$ophie positive « an seinen 
Freund und nachmaligen Schwager L. berichtete. Ein vertieftes Studium von 
Comte, Condorcet und Vico hatte Steinthal und seinen Pylades L. davon 
iiberzeugt, dafl Comte im wesentlichen schon hatte, wonach sie suchten. Der 
Name f reilich war ein anderer, philosophisch verungliickter : Soziologie. Aber 
die Sache war vorhanden. Spencers von Comte inspirierte »Soziologie«, die 
theoretische sowohl als auch die deskriptive, baut in Wirklichkeit jenes 
System aus, zu welchem L. und Steinthal in mehr als 25J£hriger gemeinsamer 
Arbeit nur Bausteine geliefert haben. Um die Art dieser Zusammenarbeit noch 
mit einem Worte zu streifen, so verteilte sich die Schillersche Forderung vom 
Zusammenstimmen von » Anmut und Wurde« dergestalt, dafl auf Seiten L.s 
die Anmut, auf Seiten Steinthals die Wiirde vertreten war. Dafl die Anregung 
zur VSlkerpsychologie von L. ausging, scheint mir ausgemacht. Ebenso halte 
ich die entscheidende Arbeit des Jahres 1851 »uber den Begriff und die M6g- 
lichkeit einer V6lkerpsychologie« in den Hauptziigen fur das Erzeugnis L.schen 
Geistes, so dafl die zeitliche Prioritat nicht beanstandet werden kann. Aber, 
wer wie ich den Vorzug hatte, dem Castor wie dem Pollux der Vdlker- 
psychologie gleich nahe zu stehen und besonders mit Steinthal Jahre hin- 
durch nachbarlich-freundschaftliche Beziehungen zu pflegen, wobei ich aus 
meiner grenzenlosen Verehrung fur diesen »Wissenschafts-Heiligen» niemals 
und niemandem gegeniiber einen Hehl machte, der wird der Wahrheit die 
Ehre geben mussen: die Arbeitsleistung ruhte vorwiegend, wenn nicht aus- 
schliefilich auf den Schultern von Steinthal, w&hrend der Arbeitsertrag, nartir- 
lich der ideelle, von Seiten Steinthals so geteilt wurde, dafl er die grofiere 
Halfte dem damals noch vergotterten Schwager iiberwies. In den ersten 
Jahren hat L. noch Beitrage und Besprechungen beigesteuert, aber man 
nehme die letzten 12 Bande der Zeitschrift zur Hand, und man wird sich 
uberzeugen, dafl von einer Mitarbeit L.s — abgesehen natiirlich von 
der Mitunterzeichnung des Titelblatts — verschwindend wenig zu spuren 
ist. Was mit Divination, Grazie, glucklicher Eingebung und gefalliger, fur 
damalige Ohren einschmeichelnder Ausdrucksweise zu erreichen war, das be- 
sorgte L. mit Anmut, wo es hingegen aufs Bohren in die Tiefe, aufs Graben 
in den unteren Schichten des Wissens, aufs Schiirfen hinter und jenseits der 
Oberflache ankam, da war die Wiirde Steinthals am Platze. Mochten immer- 
hin die Gegner von L. in die Welt hinausposaunen, seine Redeweise sei nicht 
zierlich, sondern geziert, nicht graziOs, sondern kokett, nicht Natur, sondern 
Pose, so verschlagt diese iible Nachrede gegeniiber der Tatsache nichts, dafl 
L. gerade auf Schweizerboden , wo fiir alles, was Kiinstlichkeit und Mache 
heiflt, nur Hohn und Spott zu ernten ist, die nachhaltigste Wirkung geubt 
und die dauerndsten Spuren hinterlassen hat. 

Der aufiere Lebensgang von L. entbehrt nicht jener Tragik, die alien t)ber- 
gangsmenschen, welche den Weg vom seelischen Ghetto zum westeuropaisch- 
amerikanischen Kultursystem zuriickgelegt haben, unabtrennbar anhaftet. Eine 
gewisse Unrast der Produktion und ein nervos-mifitrauisches Schielen nach 
rechts und links, ob man ihm den Obergangscharakter entweder wirklich 
anmerke, oder nur fiihlen lassen wolle, sind psychologisch naheliegende, 
wenn nicht ganz unausbleibliche Folgen dieser wie aller ZwitterzustSnde. Selbst 
die vielbesprochene Eitelkeit, der lch-Kultus, die Selbstbeweihr&ucherung, 



Lazarus. 1 2 7 

die gar manchen abstiefi, hangt mit diesem Obergangscharakter zusammen. 
Dim war es gelungen, in einer einzigen Generation Jahrhunderte der Kultur- 
entwicklung behende und unauffallig zu iiberspringen, vom Talmudschiiler 
des Ostens zum gefeiertsten popular-philosophischen Schriftsteller des Westens, 
ja zum Rector magnificus einer deutsch-schweizerischen Universitat empor- 
zuklimmen, ohne jenes »sacrijizio del intettetto« dargebracht zu haben, das 
den Taufschein als unerlafiliches Eintrittsbillet in die Walhalla des akade- 
mischen Lehrerberufs forderte. Und ware L. seinem Lehrerberuf in Bern 
treu geblieben, so wiirde sioh sein aufleres Leben vielleicht minder glanzvoll, 
aber sein wissenschaftliches Wirken sicherlich unvergleichlich reicher und 
machtvoller entfaltet haben. 

Dem Kaufmannsstande — er war Kaufmannslehrling in Posen — sagte er 
ebenso rasch Valet wie Schopenhauer. Wie dieser bereitete er sich privatim auf s 
Gymnasium vor, das er 1844 in Braunschweig bezog und 1846 mit dem testimonium 
maturitatis verliefl. Direktor Kriiger und der Herbartianer Griepenkerl, seine 
Lehrer, erkannten die hohe Begabung von L., die dieser besonders in einem 
Vortrag ^Religion als Bildungsmittel* an den Tag gelegt hatte. Vortrage 
waren uberhaupt sein wissenschaftliches Lebenselement; er war der geborene 
Redner und Essayist. Wenn man mit der Lupe zusieht, stellen sich alle 
Werke von L., selbst die anscheinend geschlossensten , wie »Das Leben der 
Seele«, als Vortrage, Gelegenheitsschriften oder Essays dar. Und wenn seine 
»Ethik des Judentums« der Form nach ein Ganzes, Einheitliches zu sein be- 
absichtigt oder pratendiert, so wird der Kenner unschwer die Faden heraus- 
finden, mit welchen die einzelnen Essays notdiirftig zu einem anscheinenden 
Ganzen zusammengenaht sind. Das Abrupte, Aphoristische, der Gedanken- 
splitter, das Pl6tzliche, der Einfall — das ist das wissenschaftliche Lebens- 
element von L. 

Schon in Braunschweig begann er Kant, Hegel und Herbart zu lesen, 
daneben besonders Geschichte der Philosophic zu studieren. Im Sommer 1845 
war er mit seinem Lehrer Griepenkerl, einem Herbart-Schuler, schon »Bruder in 
Herbart*; sie sind gemeinschaftlich photographiert, wobei L. ein Bild Herbarts 
in der Hand hielt. Die geschlossene Art des Denkens, wie sie Herbart unter Zu- 
grundelegung der Erfahrung als entscheidender Wissensquelle auszeichnete, war 
fur L. schon wahrend seiner Studienzeit in Berlin bestimmend, der Hegelschen 
Denkmethode zu entsagen, um sich der herbartischen — ohne auf des Meisters 
Worte zu schw6ren — anzuschliefien. Neben den philosophischen und ins- 
besondere psychologischen Studien beschaftigten theologische und philologische 
Arbeiten den lebhaften und regsamen Geist des jungen L. Unter den Philo- 
logen zogen ihn besonders die sprachphilosophischen Vorlesungen Heyses an, 
in dessen Hause er verkehren durfte. Hier wurden zwei Freundschaften 
angekniipft, die in das Leben von L. tief eingegriffen haben; denn Heyse 
vermittelte die Bekanntschaft mit dem etwas alteren Steinthal, der spater sein 
engster wissenschaftlicher Bundesgenosse und Schwager werden sollte, zugleich 
aber lernte er den jugendlichen Poeten Paul Heyse kennen, der ihm gemutlich 
wie literarisch sehr nahe stand. Paul Heyse hat der ersten Frau von Lazarus, 
geb. Lebenheim, einen Band Novellen gewidmet. 

Im Jahre 1849 promovierte Lazarus mit der Dissertation »de educations 
aesthetics in Halle zum Doktor. Hier kniipfte L., ahnlich wie Schillers grund- 



1 28 Lazarus. 

legende Briefe »Uber die asthetische Erziehung des Menschen« (1795), an den 
Erziehungswert des Schonen und den Bildungswert der Kunst an. Der Hori- 
zont war, entsprechend der Jugend und vollig andersartigen Begabung des 
Disserenten, naturlich enger. Schillers Briefe bildeten ein Seitenstuck zm 
Lessings »Erziehung des Menschengeschlechts«, sofern Schiller der Kunst 
jene weltgeschichtliche sozialpadagogische Rolle uberbinden wollte, die 
Lessing der Religion zugewiesen hatte; den Aufstieg vom Not- und Zwangs- 
staat zum moralischen und Vernunftstaat sollte nach Schiller die Kunst und 
nur sie bewirken. Bei L. hingegen ist der ihn beherrschende volkerpsycho- 
logische Gedanke mafigebend: Was haben die einzelnen Volker zur Ent- 
wicklung des Schonen beigetragen? 

Wie eine Fortsetzung seiner Dissertation nimmt sich die Schrift aus, 
mit welcher L. (1850) zum ersten Male vor eine breitere Offentlichkeit trat: 
»Die sittliche Berechtigung Preufiens in Deutschland« — eine iSngst ver- 
griffene Schrift, die L. nicht neu auflegen wollte. Im Anschlufi an seinen 
Lehrer W. Adolf Schmidt, dessen »Preufiens deutsche Politik« ihn machtig 
anregte, untersucht L. das Wesen des Volksgeistes im allgemeinen und das 
des preufiischen im besonderen, wobei die staatliche Vorherrschaft Preufiens 
mit dessen politisch-kultureller und asthetisch-intellektueller Uberlegenheit 
begriindet wird. Bald darauf trat L. mit dem hervor, was er sein eigenes 
nannte, der Volkerpsychologie. In Prutz' »Deutsches Museum« verOffent- 
lichte er 1851 »Ober den Begriff und die Moglichkeit einer V6lkerpsychologie«. 
Hier untersucht L. in geschlossenem Zusammenhange, was ihm zuvor dunkel 
und ahnungsvoll, wie im DSmmerschein, vorgeschwebt haben mochte: den 
Begriff des Gesamtgeistes. 

Dafl damit eine neue Wissenschaft begriindet sei, mochte L. wohl an- 
nehmen. Der frdhlichen Entdeckerfreude, dem begliickten und verziickten 
Heurekaruf des jugendlichen Enthusiasten mag man zugute halten und 
menschlich nachfuhlen, dali ihn diese vermeintliche »Entdeckung«, die er in 
drei Wochen mit fieberhaften Pulsschlagen zu Papier brachte, bis er unter 
der Last des Geleisteten erschopft zusammenbrach, in alien Fasern seines 
Seins erschauern machte. Auf geschichtliche Distanz gesehen, wird die Be- 
geisterung fiir diese angebliche neue Wissenschaft merklich abkiihlen miissen; 
sie ist in demselben Mafie neu, wie sie Wissenschaft ist. Was ihre Neuheit 
angeht, so ist ihr Problem nicht viel jiinger als die Philosophic selbst. Die 
Lehre des Aristoteles vom »Gesamtgeist« der Menschen, der allein unsterb- 
lich sei (voO; rotr^ixo; und voO; raftr^ixrf; heiflt das Problem bei den spateren 
Kommentatoren, Aristoteles selbst spricht nur von -otoOv), birgt das Modell 
aller Vdlkerpsychologie in sich. Die Einheit des Wollens als Staatsziel 
ist ein alter Grundgedanke Platons, der iibrigens Thraker, Sky then und He- 
lenen schon ganz im Sinn von L. v6lkerpsychologisch typisiert und charak- 
terisiert. Und schliefilich ist das philosophische Zentralproblem des ganzen 
Mittelalters — das sogenannte Universalienproblem — nichts anderes, als die 
Grundfrage von L.: wie verhalt sich der Einzelne zum Allgemeinen? Nur 
engt L. sein Thema auf das Verhaltnis des Einzelmenschen zum Gattungsgeist, 
zum Volks- oder Nationalgeist ein. Aber damit ist keine neue Problem- 
stellung gegeben, sondern das alte Universalienproblem erhalt durch L. eine 
»v6lkerpsychologische« — wir wiirden heute sagen: »soziologische« — Biegung. 



Lazarus. 



129 



Das L.sche Problem ist vielmehr nur ein soziologischer Spezialfall des um- 
fassenderen Universalienproblems. Was ist friiher und dem Werte nach 
h6her: das Einzelne oder das Allgemeine, das Exemplar oder die Gattung, 
die Einzelempfindung oder der logische Begriff, das einzelne Individuum oder 
seine Religions-, Volks- und Nationalgemeinschaft, der einzelne Burger oder 
der Staat? 

Von alien mittelalterlichen Bearbeitern des Universalienproblems abge- 
sehen, ist Hegels Lehre vom »objektiven Geist« das unmittelbare Vorbild 
wie von Lazarus »Gesamtgeist«, so von Wundts Kollektivwillen und dem, 
was die Allerneuesten Universalgeist nennen. Aristoteles und Hegel sind 
die wahren und eigentlichen V&ter dieses Gedankens, den L. und Wundt 
adoptiert und in ihrer Weise umgedeutet haben. 

Naturlich hat L. dem Platonismus neue Seiten abgewonnen. In den 
»einleitenden Gedanken iiber V6lkerpsychologie«, mit welchen die Lazarus- 
Steinthalsche Zeitschrift fur Volkerpsychologie und Sprachwissenschaft sich 
1859 so glucklich einfiihrte, da6 bis auf den heutigen Tag nichts Er- 
schdpfenderes und Gerundeteres vorliegt, als sie diese Programmschrift bietet, 
empfangt der soziologische Platonismus, wie ich die Weltanschauung von L. 
taufen m&chte, Zuzug und Bereicherung von entlegenen Enden. Der Gesamt- 
geist — die platonische Idee in soziologischer Fassung — ist nach L. das 
Friihere und Urspriinglichere, und der Einzelgeist empfangt von ihm wie 
sein Dasein, so sein Recht. Er hebt das Individuum nicht ganz auf, wie Plato, 
aber er gliedert es restlos in die Gattung ein. »Ich ringe uberall danach, 
den Gesamtgeist zu erkennen, zu halten und das Individuum doch nicht zu 
verlieren«, schreibt er einmal an Graffunder. Durch L. Volkerpsychologie soil 
der Gesamtgeist zum »wissenschaftlichen Selbstbewufitsein« gefiihrt werden. 
L. unterscheidet vier Formen des Gemeinlebens: Sprache, dffentlicher Dienst, 
dffentlicher Geist und Gesetzgebung. In den »synthetischen Gedanken und 
V6lkerpsychologie« (Bd. III. der Zeitschrift) werden diese Gedanken dahin 
ergdnzt, dafi sich der objektive Geist in funf verschiedenen Betatigungsarten 
offenbart. Das »Verhaltnis des Einzelnen zur Gesamtheit« hat L. noch 
gesondert in einer feinsinnigen Untersuchung behandelt, der man, wie alien 
Schriften von L. vorbehaltlos nachriihmen kann, sie sei im Stile edelster 
Popularitat geschrieben. Die Wissenschaft wahrhaft gefordert hat Steinthal, 
die Wissenschaft aber verbreitet und in weite Schichten getragen zu haben, ist 
das bleibende Verdienst von L. 

Damit sind die ubrigen philosophischen Schriften von L. (Das Leben der 
Seele in Monographien iiber seine Erscheinungen und Gesetze, 1. Aufl. 1856, 
3. Aufl. 3 Bde. 1883 — 1897; Ober den Ursprung der Sitten, i860; Ober die 
Ideen in der Geschichte, 1861; Zur Lehre von den Sinneserscheinungen, 1867; 
Ein psychologischer Blick in unsere Zeit, 1872; Ideale Fragen in Reden und 
Aufs&tzen, 1878; Erziehung und Geschichte, 1881; Ober die Reize des Spiels, 
1883; Padagogische Berichte, herausgegeben von A. Leicht, 1903; Die Sprache, 
Schmidt's Encyklopadie) in der Hauptsache gekennzeichnet. Was L. einmal 
von der Legendendichtung sagt, sie »sei nicht architektonisch, sondern nur 
ornamental* (Ethik des Judentums I, 36) gilt von der philosophischen Per- 
sonlichkeit und der schriftstellerischen Eigenart von L. : das Ornamentale 
erdriickt das Architektonische. Unter dem bizarren Schndrkel des Rede- 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 8. Bd. Q 



1 30 Lazarus. 

schmucks und einer schwellenden Rhetorik, die uns heute sprachlich etwa 
anmutet wie Barock im Baulichen, entgleitet uns unversehens die gerade Linie 
im Gedanklichen, das Monumentale, die dialektische Gotik. Nichts welkt 
schneller, als ein uberladener Stil, der den Zeitgenossen vielleicht mqndet, 
der nachfolgenden Generation aber siifilich, schal und bitter schmeckt. Zur 
Erklarung und Rechtfertigung dieser L. eigentiimlichen Darstellungsart, von 
welcher der gelassene, gefeiltere, vbrnehm unparteiliche Stil seines Schwagers 
Steinthal so wohltuend absticht, soil hier darauf hingewiesen werden, dafi L. 
von Hause aus der geborene philosophische Essayist und Redner, nicht aber 
ein geduldiger Forscher und folgerichtiger Zuendedenker war. Keines seiner 
Werke zeigt Geschlossenheit der Konzeption. Selbst das »Leben der Seele*, 
nach Aufien hin sein Hauptwerk, stellt sich der nachpriifenden Forschung als 
ein Sammelwerk dar, dessen einzelne Bestandteile — zu verschiedenen Zeiten 
und bei mannigfaltigen Anlassen erfaflt und vorgetragen — haufig nur lose 
zusammengehalten werden durch die Gemeinsamkeit des Titels und die ein- 
heitliche PersSnlichkeit des Verfassers. Ein systemgerechter Denker im Stile 
seines erbitterten Gegenfufllers, Hermann Cohen, war L. niemals, am aller- 
wenigsten in seiner »Ethik des Judentums« (Bd. I, 1899), iiber welche sich 
Cohen in der Braun'schen »Monatsschrift« (Bd. 43, S. 385 ff.) so herb und 
schroff, so mafilos abweisend ausgelassen hat. Will man diese »Ethik« iiber- 
haupt noch zu L.s philosophischen Werken, und nicht zu seinen (sogleich 
zu besprechenden) jiidisch-apologetischen oder richtiger theologischen Werken 
zahlen, so gebietet uns das wissenschaftliche Gewissen, unbeschadet aller 
Piet&t und herzlichen Verehrung, die wir der Persdnlichkeit des Lehrers 
zollen, das Werk — in Methode und Aufbau — als einen philosophischen 
Mifigriff zu bezeichnen. 

Wenn ich am Eingange dieser Darlegungen L. mit Mendelssohn einen 
judischen Philosophen, und nicht, wie Spinoza, einen philosophierenden 
Juden nannte, so wollte ich nicht bloB auf seine praktische Wirksamkeit, als 
PrSsidenten zweier jiidischer Synoden (in Leipzig und Augsburg), als Mit- 
begrunder und Kurator der Berliner »Hochschule fiir die Wissenschaft des 
Judentums«, als AufklSrer und Verklarer des Judentums in Wort und Schrift 
(Was heiflt national?; Unser Standpunkt; An die deutschen Juden; Auf Moses 
Mendelssohn; Auf Michael Sachs; Rede auf Auerbach; Der Prophet Jeremi as), 
sondern wesentlich und vorzuglich auf seine »Ethik des Judentums« hinweisen. 
Dem aufieren Aufbau nach gewinnt es zu Anfang den Anschein, als habe 
man es mit einem methodisch durchgebildeten religionsphilosophischen 
System zu tun. Aber sehr bald verliert sich das Architektonische, urn dem 
Ornamentalen Platz zu machen. Der Spieltrieb gewinnt die Oberhand — 
der Bautrieb tritt ganz in den Hintergrund. Von wirklichen Religions- 
philosophen — Saadia, Bachja ibn Pakuda, Juda Halevi, Salomon ibn Gabirol, 
Abraham ibn Daud, den beiden Ibn Esra, Maimonides, Gersonides, Chasdai 
Creskas, und Josef Albo — ist so gut wie nichts zu verspiiren. Die Mehr* 
zahl der Genannten wird nicht einmal erw&hnt, dafur aber ein so unsicherer 
Kantonist im Religionsphilosophischen wie Fassel herausgestrichen. 

Das judische Schrifttum der talmudischen Zeit, in welchem L. der 
Absicht, wenn auch nicht dem vollen Umfange und der tiefgehenden Wirkung 
nach vorzugsweise orientiert ist, kennt einen halachischen (gesetzgebenden) 



Lazarus. 



13' 



und aggadischen (auslegenden) Teil. Letzterer arbeitet vorwiegend mit 
Allegorien und Analogien, mit symbolischer Deutung und Exegese, mit 
Legende und Mythos. Diese Allegorese ist keine Sondererscheinung der 
judischen Literatur, sondern eine Teilerscheinung einer generell verbreiteten 
Literaturgattung, jener Allegorese namlich, aus welcher auf hellenischer Seite 
die kynischen Wanderredner und ersten christlichen Prediger hervorgegangen 
sind, wahrend auf der jiidischen die sogenannte »midraschische« Literatur 
von der streng halachischen sich abzweigte. So haben die Stoiker z. B. Alle- 
gorese getrieben, indem sie die Richtigkeit irgend einer ihrer paradoxen Be- 
hauptungen durch das Alter der Autoritaten decken wollten, auf die sie sich 
beriefen — meist auf Homer, Hesiod und Pindar. Da die homerischen Zitate zu 
ihrem Paradaxon meist nicht buchstablich und restlos passen wollten, so wurden 
sie so lange gedrechselt und grammatisch verrenkt, bis sie annahernd jenen Sinn 
ergaben, den der sprachgewandte Stoiker zur BekrSftigung seiner These gerade 
brauchte. Die quaternio terminorum und alle Arten wie Abarten der Zirkel- 
und Fehlschliisse, der Fang- und Trugschliisse, wie sie in den Sophisten- 
schulen heimisch waren, gelangten in der stoischen Allegorese zu hohem 
Ansehen. Ein paralleler Vorgang spielte sich in der talmudischen und midraschi- 
schen Literatur ab. Unter Zugrundelegung irgend eines Bibeltextes, der 
noch grtfBere Autoritat fiir sich in Anspruch nehmen konnte, als etwa der 
Homertext in den Augen der Stoiker, wird eine landl&ufige Wahrheit ent- 
weder gewaltsam in diesen Text hineingelesen, oder noch gewaltsamer aus ihm 
herausgelesen. Legenden, Parabeln, Analogien, Tropen, Gleichnisse, Scherz- 
worte, figiirliche Ausschmiickungen, zuweilen direkte Wortspiele (Calem- 
bourgs) werden zur Bekraftigung des Thema probandum herangezogen, aber 
der Triumph ist erst dann vollkommen und abschliefiend, wenn der Nachweis 
gelingt, dafi jenes »quod erat demonstrandum* schon offenkundig oder andeutend 
*in der Bibel steht«. Je versteckter, gesuchter, gepreflter jene Bibelstelle 
erscheint, damit sie den gewollten Sinn und beabsichtigten Nachweis hergibt, 
desto grofler ist die Kunst des Auslegens (Maggid). Von dieser Literaturgattung 
der Allegorese zweigt sich auf jiidischer Seite die Homilie, die sabbatliche 
Auslegung des Wochenabschnittes der Bibel, auf der christlichen die Predigt 
ab, der in der Regel ein biblischer Text untergelegt wird, dessen figiirliche 
Ausdeutung und Anpassung auf den aktuellen Fall die Kunst des Kanzel- 
redners ausmacht. 

In dieser Kunst war L. unbestrittener Meister. Von alien Kanzelrednern, 
die ich je gehdrt habe, verstand es keiner, die Bibeltexte so sinnvoll und 
feinfuhlig, so kunstgerecht und wirkungsvoll dem behandelten Stoffe — 
scheinbar ungezwungen und absichtslos — einzufiigen und anzugliedern, 
wie L., wie es denn iiberhaupt wenige zeitgen6ssische Redner gegeben haben 
mag, die so zundend und elektrisierend die H6rer im Banne zu halten ver- 
mochten. Die imposante Erscheinung, der schone Gesichtsausdruck, das 
weiche, lachelnde, grundgiitige Auge, die feierliche Haltung verbunden mit 
einer melodiosen, einschmeichelnden Stimme und einer sorglich gefeilten, 
bestechend durchsichtigen Sprache — das alles pradestinierte ihn zum Kanzel- 
redner. So ist er denn auch ein »Jellinek I ) des Katheders« genannt worden. 



«) Jellinek (Prediger in Wien) war der berUhratcste judische Kanxelredner seiner Zeit. 

9* 



I j 2 Lazarus. 

Der hSchste Ruhmestitel auf der Kanzel kann indes ein VerhSngnis auf 
dem Katheder sein. L. wurde namlich, auf Betreiben des Philologen Ribbeck, 
urn Ostern i860 an die Universitat Bern berufen, wo ihm eine auflerordent- 
liche Professur fiir VSlkerpsychologie iibertragen wurde. Die Berner Tatigkeit 
bezeichnet in jeder Richtung den HGhepunkt in seinem Leben. Hier las er 
iiber alle Gebiete der Philosophic vor einem aus alien Fakultaten sich 
rekrutierenden Auditorium. Hier stieg er in iiberraschend kurzer Zeit zum 
Dekan und — ein akademisches Unikum — gleichzeitig zum Rektor auf, in 
welcher Eigenschaft er die Universitat Bern gelegentlich einer akademischen 
Feier in Wien in so glanzender Rede vertrat, dafl die Hdrer jener merk- 
wiirdigen Improvisation heute noch, nach einem Menschenalter, den Ein- 
druck festhalten. Auch die in Bern entstandenen Arbeiten sind freilich, 
wie fast alles, was L. schrieb, Reden; so die Antrittsrede iiber »den Ursprung 
der Sitten«, so die Rektoratsrede »iiber die Ideen in der Geschichte«; end- 
lich die wichtigen Arbeiten »Verdichtung des Denkens in der Geschichte* 
und die (schon erwahnten) »synthetischen Gedanken zur V6lkerpsychologie«. 
Uber diesen Arbeiten liegt Sonne. Die v6llig andersartige Umgebung, der 
vertraute Freundeskreis, den er hier gefunden und bis zu seinem Tode treu 
bewahrt hat, der Kollegien- und Examenzwang — das alles hat wissenschaft- 
lich derartig auf ihn eingewirkt, dafi er sich die Kanzelberedsamkeit, die ihm 
im Blute steckte, abzugewShnen schien, um sich der gedrungeneren akademi- 
schen Vortragsweise immer entschlossener anzunahern. In diesem Milieu 
hatte er ohnehin fiir seinen Hang zur Allegorese wenig Resonanz gefunden, 

Zu seinem Ungluck verliefi L., ohne triftigen Grund, das geliebte Bern. 
Der Mangel an Ausdauer, der sich an seinen philosophischen Schriften ge- 
racht hat, hatte wohl den verhangnisvollen Entschlufl, die Berner Professur 
— er war inzwischen Ordinarius geworden — ohne jedes Aquivalent auf- 
zugeben, zur Reife gebracht. Die Verwaltung eines seiner Frau zugefallenen 
Vermdgens (Grundbesitz in Leipzig) und der Wunsch, grofiere gesellige Kreise 
in seinem gastlichen Hause zu vereinigen, mochten die aufleren Beweggriinde 
gewesen sein. L. war in Bern auf dem besten Wege, sich innerlich zu 
sammeln, zu geschlossener Arbeitsweise durchzuringen, manche Kanten ab- 
zuschleifen und Schlacken seines Wesens zu iiberwinden. Da trieb es ihn 
hinaus in das larmende Gesumme der Grofistadt oder auf seinen in der 
Nahe Leipzigs belegenen schSnen Landsitz (Schonfeld). Im Dezember 1865 
nahm er seinen Abschied, nicht ohne auf sein Professorengehalt zu verzichten 
und den falligen Anteil dem schon erwahnten Lazarus-Preise zuzufiihren. 
Zwei Jahre privatisierte L. Michaelis 1868 begann er die ihm ubertragenen 
Vorlesungen an der Berliner Kriegsakademie, wo der damalige Kronprinz 
und nachmalige Kaiser Friedrich sein Horer und aufrichtiger Bewunderer 
war. Versuche Ribbecks, L. fiir Kiel zu gewinnen, scheiterten am Wider- 
stande der Theologen. VSllig unmotiviert wurden im Herbst 1872 L. die 
Vorlesungen an der Kriegsakademie wieder entzogen, indem man das Lehr- 
fach, das sich nur zu grofier Erfolge riihmen durfte, plfitzlich ganz eingehen 
liefi und bis auf den heutigen Tag nicht wieder in den Lehrplan der Kriegs- 
akademie aufgenommen hat. Bald darauf, im Mai 1873, hatte L. die Genug- 
tuung zum ordentlichen Honorarprofessor der Berliner Universitat ernannt zu 
werden, und hier hat er ein Vierteljahrhundert etwa als vielbewunderter 



Lazarus. 



133 



Lehrer gewirkt. Zur Feier seines siebzigsten Geburtstages gewahrte ihm Kaiser 
Wilhelm den Titel eines Geheimen Regierungsrates und die Juristenfakultat 
der Universitat Bern ernannte ihn zum Ehrendoktor der Jurisprudenz. Das 
^Hebrew Union College* von Cincinnati erteilte ihm den Titel eines Doktors 
der Theologie. Doch diese Auflerlichkeiten vermochten L., der im Jahre 1895 
eine zweite Ehe mit der Schriftstellerin Nahida Remy einging, dariiber nicht 
hinwegzutauschen, dafl Bern fiir ihn das »verlorene Paradies« war und blieb. 
L. stattete mit seiner zweiten Frau, gleich nach der Eingehung seiner zweiten 
Ehe, Bern einen Besuch ab, um fiir die Ernennung zum Ehrendoktor zu 
danken, und die ganze Universitat versammelte sich zu seinen Ehren. An 
diesem Tage wurden mir die Worte klar, die L. einst seinem Freunde 
Graffunder schrieb: »Karri6re habe ich, mit Ausnahme der in der Schweiz, 
nicht gemacht.* Er hatte von Hause aus das Talent zu einem ganzen 
Philosophen, aber im Gewiihl und Getriebe des gerauschvollen Alltags, der 
geselligen Verbindungen, die er suchte und fand, der politischen Kleinarbeit, 
der agitatorischen Tatigkeit in Vereinen, der Verwaltungsarbeit in der 
ajiidischen Gemeinde« Berlins und der »Hochschule fiir die Wissenschaft des 
Judentums* usw. war vieles verzettelt und in Kleinmiinze verausgabt. Die 
Tatigkeit in den jiidischen Synoden vollends weckte in ihm jene latent gewordene 
»aggadistische« Rhetorik, die als gehOrtes Wort hypnotisierend gewirkt haben 
mag, aber als gelesene Rede sich heute recht abgeblaflt ausnimmt. Leider 
hat L. diesen Kanzelton, den er in Bern ziemlich abgelegt hatte, wieder 
aufgenommen, seinen spateren Schriften, besonders den apologetischen und 
polemischen einverleibt und schliefllich in die »Ethik des Judentums* ver- 
pflanzt, wo alles gut Geschaute, klar Erfafite und treffsicher Gepackte iiber- 
wuchert wird von einer uberuppigen Allegorese, einem Rankenwerk glanzend 
gedeuteter Midraschim und geistreich paraphrasierter Bibelworte, die sich in 
einer Predigtsammlung ebenso vortrefflich ausnehmen wiirden, wie sie in 
einem streng wissenschaftlichen Werk durchaus verfehlt sind. 

Uber L.s Bedeutung fiir das moderne Judentum, seine Mendelssohnrolle 
in der zweiten Halfte des neunzehnten Jahrhunderts steht es uns an dieser 
Stelle nicht an, ein Urteil abzugeben. Dafl er nur das Gute gewollt hat, 
werden nicht einmal seine erbittertsten Feinde bestreiten; dafl er es aber 
immer erreicht hat, wagen selbst seine feurigsten Fiirsprecher nicht zu be- 
haupten. Eine kraftigere Mischung mit den edlen, vornehm-selbstlosen 
Eigenschaften seines Schwagers Steinthal hatte ihm wie intellektuell, so auch 
charakterlich treffliche Dienste geleistet. Denn mag er auch der Beste seiner 
Art gewesen sein, die Art selbst wird nicht als die beste gelten diirfen. Er 
hatte auch dem modernen Judentum unvergleichlich mehr sein kOnnen, wenn 
er weniger hatte sein wollen. 

Miide und resigniert ist L. in Meran, mitten in der vorbereitenden Arbeit 
fur den zweiten Band seiner »Ethik des Judentums«, sorgsam gepflegt von 
seiner tapferen Gattin, fiir immer entschlummert. Fern vom Gerausch der 
Grofistadt ruht das Grab eines Denkers, dem die GroBstadt selbst zum Grabe 
geworden war. 

Literatur ttber Moritz Lazarus: E. Berliner, Prof. Lazarus und die offentliche Meinung 
1877; Thomas Achelis, Moritz Lazarus (Sammlung der V r ortrage von Virchow und Holtzen- 
dortT, Heft 333); B. Mlinz, 1900; M. Brasch, Nord und Slid, Sept. 1894; J. Wohlgemuth, 



134 



Lazarus. Cremer. 



1903; A. Leicht, Lazarus, der Begriinder der Vtflkerpsychologie, 1904. Auf die wissen- 
schaftliche Bedeutung von Lazarus gehen cin; Th. Ribot, La psyckologie allemancU eon- 
tcmporaine ; Bougie, Les sciences societies en Allemagne % 1896 (sehr liebevoll, die beste 
WUrdigung von Lazarus) ; Robert Flint, History of the Philosophy of History in France and 
Germany (letztes Kapitel); Ch. Rappaport, Zur Charakteristik der Methode und Haupt- 
richtungen der Philosophic der Geschichte (1904 franzbsisch erschienen), in meinen »Beraer 
Studien* Bd. Ill ; L. Schweiger, Philosophic der Geschichte, Volkerpsychologie und Soziologie 
in ihren gegenseitigen Beziehungen, »Berner Studien« Bd. XVIII; J. Goldfriedrich, Die 
historische Ideenlehre in Deutschland, Kapitel 5; The Jewish Encyclopedia, Bd. VII, 1905, 
Artikel Lazarus, all wo hebraische und cnglische Nachrufe in gr&fierer Anzahl angefuhrt 
werden. 

Bern. Ludwig Stein. 

Cremer, Hermann, Z>. thiol, und Dr.jur^ Prof. derTheologie, Kon sis tori al rat, 
* 18. Oktober 1834 in Unna (Westfalen), f 4. Oktober 1903 in Greifswald. — 
In Halle und Tubingen theologisch vorgebildet und darauf uber 10 Jahre 
(1859 — 70) im geistlichen Amt als Pfarrer von OstSnnen bei Soest praktisch 
und wissenschaftlich bewahrt, wurde C. 1870 als ordentlicher Professor nach 
Greifswald berufen und hat dort, seit 1886 auch dem pommerschen Konsistorium 
angehorend und wiederholt in Provinzial- und Generalsynode t£tig, eine iiber- 
aus lebhafte Wirksamkeit als theologischer Lehrer wie auf dem Boden des 
kirchlichen und kirchenpolitischen Lebens entwickelt. »Denn umfangreiches 
Wissen, Scharfe des Denkens und Klarheit des Ausdrucks verbanden sich bei 
ihm in einzigartiger Weise mit Interesse und Sinn fur praktische Fragen . . . 
Wenn die juristische Fakultat ihm im Hinblick darauf honoris causa die WQrde 
eines Doctor juris verlieh, so entsprach diese von ihm dankbar empfundene 
Anerkennung durchaus der Wirklichkeit« (V. Schultze in »Greifswalder Ztg.«, 
vgl. Evangel. Kirchenztg. Sp. 1006). — Mit schriftstellerischer Arbeit hat er 
friih begonnen; in der Stille seines westf&lischen Landpfarrhauses entstanden 
bereits die Schriften: »Die eschatologische Rede Jesu, Matth. 24 u. 25« (i860); 
»Der biblische Begriff der Erbauung« (1863); »Die Wunder im Zusammenhang 
der gottlichen Offenbarung« (1865); »Biblisch-theologisches Worterbuch der 
neutestamentlichen Gracitat« (1867), letzteres ein Werk, das, bis 1900 in neun 
Auflagen verbreitet, den Ruhm seiner theologischen Gelehrsamkeit begriin- 
dete. Noch gehoren der Zeit vor seiner Berufung nach Greifswald an die Ab- 
handlungen uber den »Zustand nach dem Tode« (1868, 1901 in 6. Auflage er- 
schienen), und liber »Vernunft, Gewissen und Offenbarung« (1869). — Das 
theologisch-praktische Gebiet betrat er mit Schriften uber »Die kirchliche 
Trauung« (1875), »Aufgabe und Bedeutung der Predigt« (1877, 2. Auflage 1892); 
»Befahigung zum geistlichen Amt« (1878, 2. Auflage 1900); »Unterweisung im 
Christentum« (1884, 2. Auflage 1899), denen sich spaterhin die Streitschriften 
»Zum Kampfe um das Apostolikum« (1892, 7. Auflage 1893), uber »Duell und 
Ehre* (1894, 3. Auflage 1896), uber »Das Wesen des Christentums« (1902, gegen 
Harnack) anschlossen. Speziell theologisch-wissenschaftlicher Natur ist seine 
»Theologische Prinzipienlehre« (1884, 2. Auflage 1889), die Festrede im Luther- 
jahre uber »Reformation und Wissenschaft« (1884), die apologetischen Unter- 
suchungen uber den »Einflufi des christlichen Prinzips der Liebe auf die 
Rechtsbildung und Gesetzgebung« (1889), uber »Die Fortdauer der Geistes- 
gaben^ (1890), uber »Die Gebetsverheiflungen« (1891, 2. Auflage 1899), uber 



Cremer. K tilling. 13c 

»Glaube, Schrift und heilige Geschichte« (1896), iiber »Die christliche Lehre 
von den Eigenschaften Gottes« (1897), iiber »Weissagung und Wunder« (1900), 
iiber »Die Bedeutung der Gottheit Christi fiir die Ethik« (1901). In dem von 
Zdckler herausgegebenen »Handbuch der theol. Wissenschaften« (3. Auflage 
1889) hat C. die Dogmatik bearbeitet. Einen bedeutsamen Beitrag zur neu- 
testamentlichen Theologie bildet seine »Paulinische Rechtfertigungslehre im 
Zusammenhange ihrer geschichtlichen Voraussetzungen« (1899, 2. Auflage 1900). 
Seinen zahlreichen Schiilern, die besonders in seinem homiletischen Seminar 
von ihm vielseitige Fftrderung empfingen, sowie einer dankbaren Horergemeinde 
hat er mit seiner Predigtsammlung: »Das Wort vom Kreuz« (1891, 3. Auflage 
1900) eine bleibende Gabe hinterlassen. So hat sein Tod — nach langerem 
Unwohlsein durch plOtzlichen Gehirnschlag — einem ungewohnlich wirkungs- 
reichen Leben das Ziel gesetzt. 

Ernst Cremer, Mitteilungen aus dem Leben und Heimgang von H. C, »Gedenk- 
btetter« 1904. Kohlschmidt 

KdUing, Wilhelm, £>. theol., Pfarrer und Superintendent in Plefi, * 11. Sep- 
tember 1836 in Pitschen (Oberschlesien), f 21. Februar 1903 in PleB. — Nach 
Ruckkebr aus dem Hause des Groflvaters, wo er seine Kindheit und erste 
Jugend verlebte, ins v&terliche Pfarrhaus Roschkowitz, kam K. verhaltnismafiig 
spat, erst im Alter von i5 x /i Jahren, durch seinen Vater vorbereitet, auf das 
Magdalenen- Gymnasium zu Breslau, wo er sich indes bald durch eminente 
Arbeitslust und grofle Begabung insbesondere fiir alte Sprachen und Geschichte 
vorwarts brachte, so dafi er mit 21 Jahren zur Universitat Breslau ubergehen 
konnte. Eine Predigt, die er im sechsten Semester fiir den ihm befreundeten Pastor 
Buschke in Prochlitz hielt, bestimmte den dortigen Kirchenpatron, Grafen Ritt- 
berg, ihn zum Nachfolger des inzwischen verstorbenen Freundes zu designieren. 
So kam K. am 1. Oktober 1861 zunachst als Pfarrvikar nach dem drei Ortschaften 
umfassenden, fast ganz polnischen Kirchspiel, und hat nach wohlbestandenem 
zweiten Examen hier seit Juni 1862 als Pfarrer noch 11 Jahre mit Erfolg ge- 
wirkt. 1873 berief ihn der Fiirst von Plefi in die deutsche Gemeinde seines 
Stammsitzes; im folgenden Jahre wurde K. mit Superintendentur und Kreis- 
schulinspektion betraut. Seit 1881 gehOrte er der schlesischen Provinzial- 
synode an, die ihn von 1884 an wegen seiner allseitig anerkannten theologischen 
Gelehrsamkeit in die Prufungskommission fiir Theologiestudierende deputierte 
und 10 Jahre spater auch zur preufiischen Generalsynode entsandte. In dem 
Lehrkursus fiir positive Theologen, den 1896 der damalige Superintendent 
von Weferlingen (jetzt zweiter s&chsischer Generalsuperintendent) D. Holtzheuer 
als Gegenstiick zu den Bonner Ferienkursen in seinem Pfarrhause eingerichtet 
hatte, hat K. im ersten wie in den beiden folgenden Jahren iiber Dogmatik 
vorgetragen, und zwar ganz im Geist seiner altlutherischen Vorbilder und 
Glaubenszeugen M. Chemnitz, Joh. Gerhard und Agidius Hunnius und durch- 
aus auf dem Grunde des Dogmas wortlichster Verbalinspiration der Bibel. — 
Diesem Dogma gait auch das zweite seiner literarisch-theologischen Haupt- 
werke (das erste ist die »Geschichte der Arianischen Haresie« 2 Bde. 1874/83): 
>Theopneustie« (1890/01), dem er 1890 die »Prolegomena zur Lehre von der 
Theopneustie« hatte vorausgehen lassen; nach K.s Darstellung sind die bibli- 
schen Schriftsteller kaum etwas anderes als mechanische Werkzeuge des den 



1 36 Railing. Nehmiz. 

Bibelwortlaut ihnen diktierenden heiligen Geistes. Diese »Diktattheorie« hat 
in K. ihren konsequentesten Verfechter in der Gegenwart gehabt. Ein anderes 
Zentraldogma fiir K.s Gedankenkreis war die Lehre vom heiligen Geiste und 
der Wesenstrinit&t Gottes iiberhaupt, die er auch gerade mit Bezug auf die 
dritte Person in der Gottheit nicht zu einer blofien »Offenbarungstrinitat« 
verfliichtigen lassen wollte; ihr ist seine »Pneumatologie oder die Lehre von 
der Person des heiligen Geistes« (1894) gewidmet. Seine letzte grofie theolo- 
gische Schrift gait der »Lehre von der stellvertretenden Genugtuung«, der 
y>Saiisf actio vicaria* Christi (2 Bde. 1897/99), die ira forensischen Sinne als Forde- 
rung der Gerechtigkeit Gottes gegeniiber unserer Schuld ihm der wesentlichste 
Punkt in der Lehre von der Versdhnung und Rechtfertigung war. Im Somtner 1900 
erlitt er, wohl infolge der Oberanstrengung bei einer Generalvisitation, einen 
Blutsturz. Noch raffte er sich auf zu einer letzten kleinen Schrift selbst- 
biographischer Art: »4o Jahre im Weinberge Christi, lose Blatter als Beitrage 
zur praktischen Theologie« 1901; und noch einmal war es ihm 1902 vergftnnt, 
an den Arbeiten der theologischen Prufungskommission in Breslau und an 
einer Tagung des Lutherischen Vereins sogar als Vorsitzendcr und Vortragender 
teilzunehmen, ja im Herbst beschaftigten ihn neue theologisch-wissenschaft- 
liche Plane. Doch im Angesicht des nahenden Friihlings ward er aus seinem 
arbeitsvollen Leben durch sanften Tod abgerufen. 

>Evangel. Rirchenztg.« 1903 Nr. 10, 12, 13. Kohlschmidt. 

Nehmiz, Hugo, Generalsuperintendent, * 6. November 1845 * n Sagan, 
f 28. August 1903 in Breslau. — Nur 2 l j% Jahre hat N. als erster Geistlicher an der 
Spitze der Kirche seiner Heimatprovinz gestanden, der er in seiner geistlichen 
Arbeit auch nur diese kurze letzte Zeit seines Lebens angehort hat Er war 
geboren als Sohn des Superintendenten Adolf N. in Sagan, erhielt aber seine 
Gymnasialbildung auf der Klosterschule zu Rofileben in der Provinz Sachsen 
und ging 1863 zum theologischen Studium nach Halle, spater nach Tubingen 
(wo er sich besonders Becks Fiihrung hingab) und kehrte 1866 nach Halle 
zuriick, wo er im Sommer 1867 die erste theologische Priifung bestand. Eine 
kurze Tatigkeit als Hauslehrer in Hamburg brachte ihn in Verbindung mit 
dem damals an der Anschar-KapeJle dort wirkenden (sp&teren rheinischen 
Generalsuperintendenten) Wilhelm Baur, dessen Gehilfe in der Stadtmission 
er ward. Zwei Jahre darauf, im Mai 1869, legte er in Magdeburg sein zweites 
Examen ab und trat bald darauf als Domhilfsprediger hier sein erstes geist- 
liches Amt an. 1873 wahlte ihn die dortige St. Ulrichsgemeinde zu ihrem 
zweiten Prediger. Doch schon 1876 schied er von hier, um die Stelle des 
leitenden Geistlichen am Diakonissenhause Bethanien in Berlin zu ubernehmen. 
Nach fast i7Jahriger Arbeit, 1893, rief ihn von da die Domgemeinde nach 
Magdeburg zuriick, indem er zugleich dem Koniglichen Konsistorium als Rat 
beitrat. Um Ostern 1901 folgte er dem ehrenvollen Rufe in die Generalsuper- 
intendentur Schlesiens, doch schon als leidender Mann. Einzelne schwierige 
Zwischenfalle kirchenregimentlicher Art (Streit im Samariterordensstift Krasch- 
nitz, Versagung der Bestatigung des als Pfarrer in Liegnitz gewahlten P. Dr. 
Franke) mogen seine Gesundheit weiter untergraben haben. Sein Begrabnis 
am 31. August bezeugtc aber weitgehende Liebe und Anerkennung, die er 
sich in kurzer Zeit erworben. Der plotzliche Tod des Prasidenten des Preulii- 



Nehmiz. Schultz. Gitlbauer. 137 

schen Oberkirchenrates D. Barkhausen wahrend der Trauerfeier im Hause hat 
dieselbe zu einer einzigartig erschutternden werden lassen. 

Kohlschmidt. 

Schultz, Heinrich Hermann, D. theoL, Dr.phiL, Prof, und Konsistorialrat, 
Abt von Bursfeldc, *3o. Dezember 1836 in Liichow (Hannover), f 15. Mai 1903 
Gottingen. — In Gottingen und Erlangen hat S. 1853 — 56 sein theologisches 
Studium absolviert, in Gottingen hat er von 1876 an fast drei Jahrzehnte als 
theologischer Lehrer gewirkt und seiner hannoverschen Heimat den Hauptteil 
seiner Lebensarbeit gewidmet. Nach kurzer Lehrtatigkeit in Hamburg (1857 
bis 1859) trat er a ' s Repetent, 1861 als Privatdozent dem theologischen Lehr- 
korper seiner Heimatuniversitat bei. Bereits 1864 berief ihn Basel als ordent- 
lichen Professor fiir alttestamentliche Theologie; 1872 siedelte er als solcher 
an die neuerrichtete Straflburger Fakultat uber. Schon zwei Jahre spater folgte 
er einem Rufe nach Heidelberg, und wieder zwei Jahre darauf durfte er in 
Gottingen seinen Lehrstuhl dauernd aufschlagen. 1881 trat er hier ins Kon- 
sistorium ein und erhielt 1890 die Wiirde eines Abts von Bursfelde. Am be- 
kanntesten und einfluBreichsten unter seinen theologischen Werken ist das 
Lehrbuch der alttestamentlichen Theologie geworden, das von 1869 bis 1895 
funf Auflagen erlebte, 1892 auch ins Knglische ubersetzt wurde und von Auflage 
zu Auflage mehr den Ergebnissen der historisch-kritischen Bibel-Wissenschaft 
Rechnung trug, so dafi es zu einem recht eigentlichen »Studentenbuch« wurde. 
Doch auch Fragen der Dogmatik, der Kirchengeschichte und der kirchlichen 
Praxis sind von ihm behandelt worden : so erftrterte seine Habilitationsschrift 
von 1 86 1 »Die Voraussetzungen der christlichen Lehre von der Unsterblich- 
keit«; 1869 nahm er »Zu den kirchlichen Fragen der Gegenwart« das Wort und 
behandelte »Die Stellung des Glaubens zur heiligen Schrift« (2. Auflage 1877). 
1881 veroffentlichte er die drei kleinen Schriften: »Die Lehre von der Gottheit 
Christi% »Das katholische und das evangelische Lebensideal« und »Zur Lehre 
vom heiligen Abendmahl«, die beiden erstgenannten Themen spezifisch im 
Sinne der Ritschl'schen Schule. Sein »Grundrifl der evangelischen Dogmatik« 
von 1890 erschien nach zwei Jahren in 2. Auflage, zwischenein(i89i)ein »Grundrifi 
der evangelischen Ethik« (2. Auflage 1897) und bald (1894) der »Grundrifl der 
christlichen Apologetik«. So waren bei ihm vor den alttestamentlichen die 
systematischen Fragen in den Vordergrund getreten. Doch ergriff er auch 1892 
noch einmal das Wort uber die 10 Jahre spater durch den Bibel-Babel-Streit 
so brennend gewordene Frage: »Das Alte Testament und die evangelische 
Gemeinde«. — Erst nach langem und schwerem Leiden hat der Tod seiner 
riistigen Arbeitskraft das Ende gebracht. Kohlschmidt. 

Gitlbauer, Michael, Dr. phiL, Professor der klassischen Philologie an der 
Wiener Universitat, * 3. September 1847 zu Leonding bei Linz in Obertister- 
reich, f 31. Mai 1903 zu Wien. — Sohn eines armen Schmiedes, besuchte G. 
das Gymnasium zu Linz, trat 1865 in das Augustiner-Chorherren-Stift St. Florian 
bei Linz ein, wurde 1870 zum Priester geweiht, fungierte zwei Jahre als Hilfs- 
priester in Ried, dann als Kustos der ansehnlichen Munzensammlung des 
Stiftes, auch kurze Zeit als Professor der Moral am theologischen Hausstudium 
des Stifts. 1873 bezog er die Wiener Universitat auf drei Jahre zu philo- 



1^8 Gitlbauer. 

logischen Studien, die er ein weiteres Jahr an der Berliner Universitat fort- 
setzte, wo er auch in Mommsens Seminar arbeitete. 1876 erwarb er das 
Doktorat, 1877 habilitierte er sich in Wien mit einer Schrift tiber den Sltesten 
Wiener Livius-Kodex. 1879 wurde er zum auflerordentlichen Professor ernannt, 
1900 erhielt er den Titel eines ordentlichen Professors. Er leitete das philo- 
logische Proseminar. 

G. war ein Schiiler Wilhelms von Hartel. Er verliefi aber immer mehr 
jene Prinzipien der konservativen Kritik, die sich heute zum Vorteil einer 
gedeihlichen wissenschaftlichen Entwicklung durchgesetzt haben. Er suchte 
uberall Neues, Gewagtes, Kiihnes auf. Darin lag seine Bedeutung, aber auch 
seine Tragik. Denn wahrend er einerseits mit Recht auf die Unsicherheit 
aller unserer handschriftlichen t)berlieferung aufmerksam machte, vertraute 
er doch anderseits in einem bisher kaum erhorten Grade den Hilfsmitteln 
moderner Kritik und Methode. Er begniigte sich nicht mit vorsichtiger 
Skepsis und mit der Feststellung der grofieren oder geringeren Glaubwiirdig- 
keit der Uberlieferung; er versuchte oft in uberkiihner Weise das Urspriing- 
liche herzustellen. So war er der Uberzeugung, dafi unser jetziger Casartext 
ein Erzeugnis antiker Schulpedanterei sei. Casar selber habe in uniibertreff- 
licher Pragnanz einfach geschrieben: »Galliae partes tres.* Das sei in den 
Schulen mannigfach erlauternd ausgefiillt worden, bis der schwerfallige Satz 
unserer Vulgata entstand: *Gallia est omnis divisa in partes tres*. Er suchte 
diese Wandlung mit Scharfsinn und Griindlichkeit aus alien Varianten der 
Handschriften exakt zu erweisen. Ahnlich zeigte er, wie aus Ciceros ursprung- 
lichem echten Ausruf +Qiwusque tandeml* allmahlich der jetzige vollstSndigere, 
aber mattere Satz entstanden sei tQuousque tandem abutere, Catilina, patientta 
nostra!* 

Die griechischen Tragodien waren ihm in ihrer jetzigen Textgestalt ahn- 
liche Aufschwellungen des urspriinglich viel knapperen Dialogs. Und zwar 
waren es schon die nachsten Erben der Tragiker oder die Dramaturgen der 
nachsten Generation gewesen, die solche erweiterte Ausgaben veranstaltet 
hatten. Der plausible Grund dazu ware darin gelegen, dafi die Dramen nur 
bei ihren Urauffiihrungen den Schmuck der musikalischen Chdre hatten. Als 
mit dem Ende des 5. Jahrhunderts der kostspielige Chor abkam, hatte man 
das Bediirfnis gefiihlt, den Abgang durch reichlicheren, rhetorischeren Dialog 
zu ersetzen. 

In den griechischen Rednern suchte er den kunstvollsten Numerus nach- 
zuweisen, so dafi die also erhaltenen Gebilde sich fast den Gesetzen der Vers- 
und Strophenbildung zu unterwerfen schienen. t)berhaupt setzte er sowohl 
fur den prosaischen wie fur den poetischen Ausdruck der Griechen eine be- 
wufite Gesetzlichkeit voraus, wie sie bisher unerhort war. 

Das weiteste Interesse erregte sein Versuch, nachzuweisen, dafi die Ger- 
mania des Tacitus ein Lehrgedicht, in jambischen Senaren abgefaflt, darstelle. 
Er bemiihte sich, durch die geringsten Veranderungen des Textes, meist durch 
blofies Umstellen der Worte die urspriinglichen Verse wiederherzustellen. 
Aber gerade der Unglaube und der Widerstand, den diese Aufstellung erfuhr, 
hat ihn immer mehr verbittert und wohl auch seine Krankheit und seinen 
Tod beschleunigt. Er hatte bereits eine kostspielige Ausgabe der Germania 
drucken lassen, die durch Anordnung der Lesarten in vier Farben eine un- 



Gitlbauer. 



139 



mittelbare Anschauung des ursprunglichen und des jetzigen Verh&ltnisses des 
Textes geben sollte. Denn er meinte auch hier, dafi schon die antiken Hand- 
schriften zum Schulgebrauch eine Auflosung der poetischen in die prosaische 
Worrfolge begonnen hatten. So viel er gerade auf diese Entdeckung und 
auf die Methode ihrer kritischep Beweisfuhrung hielt, so hat er doch in letzter 
Stunde die Ausgabe des fertigen Druckwerks aufgegeben. Ich weifi nicht, 
ob er sie auf einen spateren giinstigeren Zeitpunkt verschieben wollte, wie 
er selber andeutete. In seinem Nachlafi haben sich einige vollstandig ge- 
druckte Exemplare vorgefunden. 

G.s Hauptpublikation sind seine »Kritischen Streifziige«, eine Sammlung 
mannigfaltiger Aufsatze aus alien Gebieten der Philologie. (Freiburg im Breis- 
gau 1886, Herder. 8°, XI u. 481 S.) 

Seine andern philologischen Schriften sind: +De Codice Liviano vetustissimo 
Vindoboncnsi.* Wien 1876, Gerold. 8°, IV u. 133 S. — »Sophokleische Studien.« 
Sep.-A. a. d. Zschr. f. d. osterr. Gymn. XX VIII. 1877. — »Verbesserungsvorschlage 
zu Ciceros Epp. ad fam.« Sep.-A. aus »Wiener Studien«. 1879. — »Ein Wort 
uber Madvigs Emtndationes Livianae.* Zschr. f. d. osterr. Gymn. 1878. — »Pa- 
laographische Nachlese.« Zschr. f. d. osterr. Gymn. 1878. 

Textausgaben veranstaltete er von Horaz (Wien 1881, Gerold), von Babrius 
(Wien 1882, Gerold), von Cornelius Nepos (Freiburg i. Br. 1883, Herder; 4. Auf- 
lage 1893, dazu auch eine Ausgabe *with a Vocabulary in English*), von Casars 
gallischem Krieg (Freiburg i. Br. 1884 u. 1885, Herder), von Platons Laches 
(Freiburg i. Br. 1884, Herder), von Tacitus Annalen (Freiburg i. Br. 1887, Herder). 
Die Antigone des Sophokles hat er nach den bereits erwahnten kiirzenden 
Prinzipien und »nach eigener Sichtung des griechischen Textes« ubersetzt 
(Allg. Bucherei, Wien Nr. 6, Braumiiller; mit Vertonung der Gesangsteile durch 
Richard Kralik). Bedeutsam fiir seine Methode ist besonders: P. Terenti 
Adelplwe. Principia critica secutus ab usitatis diversa recensuit M. G. Cum specimine 
editionis quadricoloris (Wien 1896, Fr. Doll). 

G. war aber vor allem Spezialist auf dem Gebiete der antiken Tachy- 
graphie. Hier hat sein Scharfsinn groflte Anerkennung errungen. Darauf 
beziehen sich folgende Veroffentlichungen: »Die Oberreste der griechischen 
Tachygraphie im Codex Vat. Gr.« Zwei Abteilungen. Denkschriften d. kais. 
Akad. d. W. Phil.-hist. Klasse, XXVIII 1878 u. XXXIV 1884 (auch Separatab- 
druck). — Transskription und orientierende Bemerkungen zu den zwei tachy- 
graphischen Tafeln XXVI u. XXXI in »Schrifttafeln zur Gesch. d. griech. 
Schrift« von W'ilh. Wattenbach. 2. Heft. Berlin 1877. — »Gardthausen und die 
griech. Tachygraphie«, Beilage zum Korrespondenzblatt des Kgl. stenogr. In- 
stituts zu Dresden, 1879 Nr. 5, S. 18 ff. — »Die Stenographic der Griechen 
und R6mer« (Sep.-A. aus dem »Vaterland«). Wien 1894, Fr. Doll. Mit einer 
Beilage. — »Die drei Systeme der griechischen Tachygraphie. « Mit 4 Tafeln. 
Denkschr. d. kais. Akad. d. W. Phil.-hist. Klasse XLIV, 1886, auch separat. — 
»Zur altesten Tachygraphie der Griechen. « Festbuch zur hundertj. Jubelfeier 
der deutschen Kurzschrift. Herausgeg. v. Dr. Chr. Johnen. Berlin 1896. Verlag 
von Ferd. Schrey. — »Studien zur griechischen Tachygraphie. « Archiv fiir 
Stenographic von Dr. Curt Dewischeit, Berlin. 53. Jahrg. 1901 u. 54. Jahrg. 1902. 

G. hat auch gedichtet, lateinisch und deutsch. Hierher gehoren niehrere 
Novellen, unter dem Pseudonym Burgholz in Zeitschriften veroffentlicht, latei- 



1^0 Gitlbauer. von Salmuth. 

nische Gedichte an Papst Leo XIII. und andere Persbnlichkeiten, deutsche 
lyrische und scherzhafte Gedichte in Anthologien und in Gelegenheitsdrucken. 
Shakespeares »Sturm« hat er »nach eigener Sichtung des englischen Textes« 
iibersetzt fiir das 5. Heft der Allg. Biicherei (Wien, Braumiiller). 

Als Mitredakteur des Wiener »Vaterlan<^« hat er vor allem zahlreiche 
Leitartikel iiber franzosische Verhaltnisse und Politik geschrieben. Eine »Rede 
am Stiftungsfest des katholischen Studentenvereins Austria«, die 1881 bei 
F. Eipeldauer, Wien, gedruckt wurde, hat viel Aufsehen und ihm manche 
Verdriefllichkeit erregt. 

Sein handschriftlicher Nachlafi enthalt aufier seinen Kollegienheften eine 
Sammlung sorgfaltig ausgearbeiteter Predigten. Nur zwei davon sind gelegent- 
lich im Druck erschienen: »Maria, ein dreifaches Vorbild des Priesters.* 
Freiburgi.Br. 1884, Herder. »DasPriesteramt ein Engelamt.« Linzi89i,Sobotka. 

Von eigenen Erlebnissen erzahlen lebendig die »Reisebilder aus Schwaben- 
land und der Schweiz.« Wien 1883, Kirsch. 

Unvollendet geblieben ist die kritische Ausgabe der Psalmenkommentare 
des heil. Augustinus, die er fiir die Sammlung der lateinischen Kirchenvater 
im Auftrag der Wiener Akademie der Wissenschaften vorbereitete. Die Reisen, 
durch die er sich in den Besitz des handschriftlichen Apparats setzte, haben 
seine Lebenskraft, die schon durch Enttauschungen auf seiner wissenschaft- 
lichen Laufbahn im innersten angegriffen war, vollends erschSpft. Von Haus 
aus eine frohmiitige, naive, fast kindliche Natur, sanguinisch, liebenswiirdig, 
vertrauensvoll , freundschaftsbediirftig, unterlag er im Kampf fiir seine origi- 
nellen Anschauungen, die er bis in ihre letzten Konsequenzen zum Siege zu 
fuhren verzagen muflte. Seine geistvolle Arbeit wird nicht ganz vergebens 
sein. Manche seiner Grundsatze werden bei vorsichtigerer Behandlung einst 
noch der Philologie zum Nutzen oder zur Anregung gereichen kSnnen. 

Richard v. Kralik. 

Salmuth, Ludwig Frhr. von, General der Kavallerie, * 1. August 182 1 zu 
Ballenstedt a. H., f 19. Januar 1903 in Schoneberg b. Berlin. — 1840 als 
Fusilier mit der Aussicht auf Beforderung in das 9. Infanterie-Regiment ein- 
getreten, riickte S. bereits in demselben Jahre zum Portepeefahnrich auf und 
liefi sich als solcher im Dezember zum 10. Husaren-Regiment versetzen, wo 
er kaum ein Jahr spater zum Sekondeleutnant avancierte. 1847 nahm er an 
dem franzosischen Feldzuge in Algier teil, wobei er leicht verwundet wurde. 
In die Heimat zuruckgekehrt, war S. 1848— 1849 zur Militar-Lehrschmiede, 
1849 — 185 1 zur Militar-Reitschule kommandiert, wurde 1853 Adjutant der 

7. Kavalleriebrigade, im April zum 8. Husaren-Regiment versetzt und im Fe- 
bruar 1854 Adjutant der 7. Division. Als solcher stieg er nach einigen Mo- 
naten zum Premierleutnant auf und erhielt im August 1857 seine Ernennung 
zum Rittmeister. In diesem Dienstgrade im Oktober in die Front zuriick- 
versetzt, erhielt S. zunachst die Fuhrung einer Schwadron des damaligen 

8. Landwehr-Husarenregiments, wurde 1858 Eskadronschef und 1859 zum 
Garde-Kurassierregiment versetzt. Bei der Reorganisation der preufiischen 
Armee fiihrte S. zuerst eine Schwadron des kombinierten Garde-Dragoner- 
regiments, erhielt i860 eine solche als Chef in dem neuformierten 2. Garde- 
Dragonerregiment und im Juni 1864 das Kommando als Adjutant des 



von Salmuth. von Schulenburg. ia\ 

Generalkommandos des Gardekorps. 1866 zum Major befordert, nahm er in 
dieser Stellung an dem Feldzuge von 1866 gegen Osterreich, und zwar an den 
Gefechten von Nachod, Soor und Koniginhof sowie an der Schlacht bei 
K5niggratz teil, wurde Ende Oktober von seinem Kommando enthoben, etats- 
mafiiger Stabsoffizier in seinem Regiment und 1868 Kommandeur derBliicher- 
husaren (Pommersches Husarenregiment Nr. 5) in Stolp. 1869 zum Oberst- 
leutnant aufgestiegen, fuhrte S. seinen Truppenteil 1870 in den Krieg gegen 
Frankreich und machte dort die Schlacht bei Sedan, die Einschlieflung von 
Paris, die Gefechte bei Petit Bic&tre, bei Marolles und Artenay, das Treffen 
bei Coulmiers, die Schlacht bei Orleans, das Gefecht bei Meung, die Schlacht 
bei Beaugency-Cravant usw. mit. Fur vor dem Feinde bewiesene Tapferkeit 
erhielt S. beide Klassen des Eisernen Kreuzes sowie verschiedene andere hohe 
Auszeichnungen. 187 1 zum Oberst befdrdert, bekam er das Kommando der 
7. Kavalleriebrigade, wurde 1876 Generalmajor und als solcher 1881 mit der 
Fiihrung der 7. Division beauftragt, an deren Spitze er 1882 als General- 
leutnant trat. Als solcher leitete S. die Kavallerieiibung beim IV. Armee- 
korps und nahm 1887 den Abschied. 1895 erhielt er den Charakter als Ge- 
neral der Kavallerie. 

Nach den Akten. Lorenzen. 

Schulenburg, Werner von der, Generalleutnant, *3o. Januar 1836 zu 
Glogau, f 9. Oktober 1903 zu Potsdam. — Aus dem Kadettenkorps als Portepee- 
f&hnrich dem Infanterie-Regiment Nr. 20 iiberwiesen, avancierte S. 1857 # zum 
Sekondeleutnant, war i860 zur Gewehr-Priifungs-Kommission in Spandau 
kommandiert, wurde darauf zum Infanterie-Regiment Nr. 60 versetzt und 186 1 
beim Landwehr-Regiment Nr. 20 beschaftigt. Im Feldzuge von 1864 in 
Schleswig focht er mit seinem Truppenteil bei Windebye und Missunde gegen 
die Danen, nahm an der Belagerung und Erstiirmung der Duppeler Schanzen 
teil und zeichnete sich bei dem Obergang nach der Insel Alsen aus, so dafi 
er aufier einer Belobigung noch den Roten Adler-Orden IV. Kl. mit Schwertern 
erhielt. WShrend des Krieges wurde S. 1864 zum Premierleutnant befordert, 
war nach dem Frieden als Adjutant des 3. brandenburgischen Landwehr- 
regiments Nr. 20 kommandiert, machte 1866 im Feldzuge gegen Osterreich 
die Schlacht bei Koniggratz mit und fungierte von 1866 — 1868 als Regiments- 
adjutant, in welcher Stellung er drei Monate in Neu-Strelitz bei Einrichtung des 
neuen Landwehr-Bezirkskommandos tatig war. 1869 zum Hauptmann und 
Adjutanten der 11. Division ernannt, am folgenden 18. Juni unter Belassung 
in seinem Kommando zum westpreuflischen Fusilier-Regiment Nr. 37 versetzt, 
trat S. 1869 als Adjutant zum General-Kommando des III. Armeekorps iiber 
und machte bei diesem den deutsch-franzosischen Krieg von 1870/71 mit. 
Er nahm wfthrend desselben an den Schlachten bei Spicheren, Vionville und 
Gravelotte, der Einschlieflung von Metz, dem Gefechte bei Bellevue, der 
Schlacht bei Beaune la Rolande, dem Gefechte bei Bellegarde, der Schlacht 
bei Orleans, den Gefechten bei Gien, Coulommiers, Azai-Mazange, Epuisay, 
Montaill£ und Ardenay, sowie an der Schlacht bei Le Mans teil und wurde 
nach der Riickkehr in die Heimat 1873 als Kompagniechef in das 8. branden- 
burgische Infanterie-Regiment Nr. 64 versetzt. 1876 erfolgte mit der Beforde- 
rung zum Major S.s Versetzung in die Abteilung fur personliche Angelegen- 



f a 2 von Schulenburg." von Gemmingen. von Hoffmann. 

heiten im Kriegsministerium, welche Stellung er 1882 mit der eines Bataillons- 
kommandeurs im 3. thuringischen Infanterie-Regiment Nr. 71 vertauschte, bis 
er im Januar 1884 als Oberstleutnant und etatsmafiiger Stabsoffizier in das 
hohenzollernsche Fusilier-Regiment Nr. 40 kam. 1887 mit der Fiihrung des 
6. brandenburgischen Infanterie- Regiments Nr. 52 beauftragt, erhielt er am 
14. Mai jenes Jahres das Kommando dieses Truppenteils als Oberst, das er 
bis zum 24. Marz 1890 behielt, an welchem Tage er, zum General aufgeriickt, 
Kommandeur der 19. Infanterie-Brigade wurde. In dieser Stellung verblieb 
er bis zu seiner erbetenen Verabschiedung 1892. 

Nach den Akten. Lorenzen. 

Gemmingen, Julius Frhr. von, General der Infanterie, * 15. Juli 1844 zu 
Grunau in Westpreufien, f 23. Oktober 1903 zu Berlin. — Nach beendigter 
Ausbildung im Kadettenkorps wurde G. 1862 als Sekondeleutnant in das 
Garde-Fusilier-Regiment eingereiht. 1866 wurde er dem Ersatzbataillon des 
Regiments zugeteilt, nach Beendigung des Feldzuges zum Adjutanten des 
3. Bataillons ernannt und 1867 in das anhaltische Infanterie-Regiment Nr. 93 
versetzt. Auch bei diesem Truppenteil fungierte G. zunachst als Adjutant des 
Zerbster Bataillons und darauf als Regimentsadjutant, als welcher er 1869 
zum Premierleutnant aufriickte. Im Feldzuge von 1870/71 nahm er an der 
Unternehmung gegen die Festung Toul, an den Schlachten bei Beaumont und 
Sedan sowie an der Belagerung von Paris teil und wurde nach der Ruckkehr 
in die Garnison 1873 von der Stellung als Regimentsadjutant enthoben. In 
demselben Jahr zum Hauptmann und Kompagniechef befttrdert, trat G. 1877 
in den Grofien Generalstab uber und wurde am 25. April 1878 in den General- 
stab der 21. Division in Frankfurt a. M. versetzt, wo er 1881 zum Major avan- 
cierte, in welchem Dienstgrade er 1882 zum Generalstabe des XI. Armeekorps in 
Kassel kam. 1884 unter Riickversetzung in den Grofien Generalstab zum Kriegs- 
ministerium kommandiert und im Juli desselben Jahres zum Allgemeinen Kriegs- 
departement versetzt, tat G. vom Juli 1867 ab beim 3. Garde-Regiment z. F. 
Dienst, wurde Bataillons-Kommandeur in diesem Regiment und kam 1888 als 
Oberstleutnant und etatsmafiiger Stabsoffizier in das 7. thiiringische Infanterie- 
Regiment Nr. 96. 1888 zum Chef des Generalstabes VII. Armeekorps ernannt, 
riickte G. 1890 zum Oberst auf, wurde 1892 Kommandeur des 4. Garde-Regi- 
ments z. F. und trat 1894 als Generalmajor zu den Offizieren von der Armee 
uber. Einige Zeit darauf zum Kriegsministerium kommandiert, ubernahm G. 
die Leitung des Militar-Okonomie-Departements, wurde 1897 Generalleutnant, 
1898 Kommandeur der 8. Division, 1901 vielgeriihmter Pr&sident des neu- 
errichteten Reichs-Militargerichts. Seine Beforderung zum General der In- 
Infanterie erfolgte 1902. 

Nach »Milit&r-Zeitung«. Lorenzen. 

Hoffmann, Karl Ritter von, K6nigl. Bayerischer General der Infanterie, 
* 2. Dezember 1832 zu Regensburg, f 3. Februar 1903 zu Munchen. — Nach 
Durchlaufen der unteren Dienstgrade wurde H. 1853 zum Leutnant, 1861 zum 
Oberleutnant, 1866 zum Hauptmann im Infanterie -Leib- Regiment befdrdert. 
Als solcher nahm er an dem Kriege gegen Preufien teil und zeichnete sich 
im Feldzuge von 1870/71 gegen Frankreich bei W5rth aus. Namentlich aber 



von Hoffmann, von Bumke. J43 

bewahrte er in dem blutigen Ringen urn Bazcilles in der Schlacht bei Sedan 
eine ganz bewundernswcrte Ruhe und Kaltbliitigkeit. Hier liefi er, als eine 
franzosische Kompagnie mit gefalltem Bajonett auf die seinige losstiirmte, Halt 
machen und nachdem der Feind auf etwa ioo Schritte herangekommen war, 
zur Salve anlegen. Als H. bemerkte, daB einige seiner Leute hierbei muckten, 
liefi er in aller Ruhe wieder absetzen und kein Mann feuerte trotz der Nahe 
der Gefahr, aber es muckte auch keiner als nun zum zweiten Male angelegt 
wurde, und auf das Kommando »Feuer« rollte die Salve dem Feinde auf 
50 Schritt Entfernung entgegen. Der Sturm war abgeschlagen. H. behauptete 
dann noch einige Zeit hindurch seine Stellung, muflte sich endlich aber mit 
einem Verlust von 43 Toten, darunter 3 Offiziere, zuriickziehen. Auch im Ge- 
fecht bei Villepion tat H. sich ruhmvoll hervor, nahm in der Schlacht bei 
Loigny-Poupry ein bereits an die Franzosen verloren gegangenes Wald- 
stiick wieder und vertrieb bei Orleans den Feind zweimal mit dem Bajonett 
aus seinen Stellungen. In der Schlacht bei Beaugency-Cravant wurde er ver- 
wundet. Nach dem Feldzuge trat H. zum Generalstabe iiber, riickte 1873 zum 
Major und 1876 zum Oberstleutnant auf, als welcher er an die Spitze des 4. In- 
fanterie-Regiments Konig Karl von Wurttemberg trat. In dieser Stellung zum 
Oberst befordert, erhielt er unter Stellung a la suite der Armee 1885 das Patent 
als Generalmajor, wurde am 1. Dezember zum Kommandanten von Ulm, 1886 
zum Kommandeur der 6. Infanterie-Brigade, und 1880 zum Generalleutnant er- 
nannt. Am 9. Mai jenes Jahres trat H. als Kommandeur an die Spitze der 
3. Division und wurde am 23. Mai 1893 Chef des Generalstabes auch mit Wahr- 
nehmung der Geschafte als Inspekteur der Militar-Bildungsanstalten beauftragt. 
Mit dem Charakter als General der Infanterie erhielt er 1895 den nachge- 
gesuchten Abschied. 

Nach »Militar-Zeitung«c. Lorenzen. 

Bumke, Julius von, Generalleutnant, * 21. Mai 1832 zu Zehdenick im 
Kreise Templin, f3i. Januar 1903 zu Berlin. — Nach vollendeter Erziehung 
auf der Ritterakademie in Brandenburg a. H. bezw. im Gymnasium zum grauen 
Kloster in Berlin, wurde B. 1849, a ' s Pionier auf Beforderung dienend, in die 
5. Pionier-Abteilung eingestellt und ein Jahr spater zur 3. Pionier-Abteilung 
versetzt. Wahrend des Besuches der Vereinigten Artillerie- und Ingenieur- 
schule in Berlin 1850 — 1853 riickte er 1852 zum Sekondeleutnant auf und 
trat nach Verlassen der Schule zur 8. Pionier-Abteilung iiber. Drei Jahre 
spiter zum Adjutanten der 7. Pionier-Abteilung ernannt, kam B. 1859 zum 
Fortifikationsdienst nach Mainz, wo er zum Premierleutnant avancierte. 1862 
der 2. Reserve-Pionier-Kompagnie iiberwiesen, besuchte er von 1861 — 1864 
die Kriegsakademie in Berlin, war im Anschlufi hieran zur Ausbildung in der 
franzSsischen Sprache auf zwei Jahre nach Paris kommandiert, erhielt 1864 
das Hauptmannspatent und fand nach seiner Ruckkehr Verwendung als Ad- 
jutant der 3. Ingenieur-Inspektion, in welcher Eigenschaft er bis zum Aus- 
bruche des Krieges von 1866 t&tig war. Den Feldzug machte er im Siid- 
westen von Deutschland mit, wurde 1866 dem Chef des Generalstabes der 
Armee zugewiesen, kam im Oktober zum Generalstabe des VIII. Armeekorps, 
machte im Jahre 1867 eine Erkundungsreise nach Frankreich und avancierte 
1868 zum Major. 1869 hielt B. sich zu Erkundungszwecken abermals zwei 



\aa von Bumke. Hochapfel. 

Monate hindurch in Frankreich auf und zog bei Ausbruch des Krieges von 
1870/71 im Generalstabe seines Armeekorps iiber die franzOsische Grenze, wo 
er an den Schlachten bei Spicheren, Vionville und Gravelotte, der Belagerung 
von Metz, an dem Gefecht bei Bertaucourt les Thennes, an der Schlacht bei 
Amiens, an dem Gefecht bei Buchy sowie an den Schlachten an der Hallue, 
bei Bapaume und St. Quentin teilnahm. Als General v. Goeben im Januar 1871 
den Oberbefehl iiber die 1. Armee iibernahm wurde B. mit der Fiihrung der 
Geschafte als Ober-Quartiermeister beauftragt und vertrat sp&ter den Chef des 
Stabes der Armee. Fur seine Verdienste mit dem Eisernen Kreuz 2. und 
i. Klasse sowie mit dem Orden four It miritt ausgezeichnet, erhielt er im Marz 
das Kommando des I. Bataillons Infanterieregiments Nr. 74, avancierte 1873 
zum Oberstleutnant und wurde 1874 mit Fiihrung der Geschafte als Chef des 
Stabes der General-Inspektion des Ingenieurkorps und der Festungen beauf- 
tragt. 1875 zum Chef des Stabes der genannten General-Inspektion, 1876 zum 
Oberst, 1882 zum Generalmajor, 1883 zum Inspekteur der 2. Ingenieur-Inspek- 
tion sowie zum Prases der Priifungs-Kommission des Ingenieurkorps und 1885 
zum Inspekteur der 3. Ingenieur-Inspektion ernannt. 1887 wurde ihm der 
Charakter als Generalleutnant, 1896 der Adel verliehen. 

Nach »Milit&r-Zeitungc Lorenzen. 

Hochapfel, Helwig Reinhard, Maler, * 28. April 1823 zu Cassel, f 7. Juni 
1903 daselbst. — H. war ein Sohn des Hofschlossermeisters Heinrich H. zu 
Cassel. Seine kiinstlerische Ausbildung erhielt er auf der dortigen Kunst- 
akademie, wo Werner Henschel, Ruhl, L. Grimm u. a. seine Lehrer waren. 
Nach mehrjahrigem Aufenthalt in London und Miinchen liefi er sich 1849 
als Dekorationsmaler in seiner Vaterstadt nieder. Seine dekorativen Arbeiten 
wurden sehr geschatzt. So malte er u. a. 1857 die Trinkhalle zu Bad Nauheim 
und das Innere des Casseler Hoftheaters. Die neun Musen an der Decke 
des Zuschauerraums schuf er nach Skizzen seines Schwagers, des Schlachten- 
malers Adolf Northen aus Hann.-Mlinden (f 1876), mit dessen Schwester Char- 
lotte er seit 1852 in glucklicher Ehe lebte. Auch im WilhelmshOher Schlofi 
hat er mancherlei kiinstlerische Arbeiten ausgefiihrt, den grofien Stammbaum 
des hessischen Fiirstenhauses im Kuppelsaal vollendet und den Rittersaal der 
L5wenburg ausgemalt. Die Innendekoration des Schlosses zu Friedelhausen 
(Rabenau) sowie die der neuen Casseler Gemaldegalerie ist gleichfalls zum 
groBen Teil unter seinen H&nden entstanden. H. machte zuerst seine Mit- 
biirger, die ihn seit 186 1 in den Biirgerausschufi bezw. Stadtrat gewahlt hatten, 
in der »Hessischen Morgenzeitung« auf die SchSnheiten des »malerischen 
Cassels« aufmerksam, deren er manche auf die Leinwand bannte. Seine alt- 
kasseler Straflenbilder fanden vielen Beifall und werden auf seinen Wunsch 
nach Fertigstellung des neuen Gebaudes der Casseler Murhardbibliothek in 
deren Besitz iibergehen. In seinen letzten Jahren beschaftigte sich H., der auch 
als ausgezeichneterRestaurator alter Olbilder gait, viel mit poetischen Versuchen, 
ohne jedoch die Kinder seiner Muse der Offentlichkeit zu iibergeben. Auch 
seine Geschichte des Casseler Weinbergs, auf dessen H6he er sich als einer der 
ersten Ansiedler ein idyllisches Heim errichtet, ist bis jetzt ungedruckt geblieben. 

Hoflfmeister, Casseler Kinder in Piderits Gesch. v. Cassel, 2. Aufl., S. 473. — Hessen- 
land 17, 166, — Familiennachrichten. Ph. Losch. 



Klingelh5fcr. Merkel. 1 4 5 

KlingelhSfer, Fritz, Maler, *4. Mai 1832 zu Marburg i. H., f 9. November 
1903 daselbst. — Sein Vater war der Amtswundarzt Friedrich Jacob Theodor 
K. zu Marburg. Schon in seinem 16. Jahre kam er nach Cassel auf die dortige 
Kunstakademie, die er bald darauf mit der Dusseldorfer vertauschte. Aber 
lange hielt er es auch hier nicht aus. Als junger Mensch von 19 Jahren ging 
er uber den Ozean nach Nordamerika, wo er zwei Jahrzehnte verweilte und 
auch am Sklavenkrieg der Union gegen die Siidstaaten teilnahm. Von grOfiter 
Bedeutung fiir seine kunstlerische Entwickelung war seine Reise nach West- 
afrika, die er im Jahre 1872 in Begleitung eines Freundes unternahm. Hier 
an den Ufern des Kongo, des Kamerunflusses und im Nigerdelta bis herauf 
nach dem griinen Vorgebirge sammelte er nicht nur zahlreiche ethnographisch 
und naturgeschichtlich interessante Gegenstande, Waffen und Geratschaften, 
die z. T. spater in den Besitz des Berliner Museums fur Volkerkunde iiber- 
gegangen sind, sondern auch viele reizvolle Motive fiir seine Tropenland- 
schaften, die er spater nach der Ruckkehr in die Heimat ausgefuhrt hat. 
Zweimal war K. in Afrika, dann liefi er sich 1878 in seiner Vaterstadt Mar- 
burg nieder, der er seitdem treu geblieben ist. Hier hat er viel gemalt, ohne 
jedoch mit seinen Bildern in weiteren Kreisen bekannt zu werden, da er bei 
seinem ausgesprochenen Widerwillen gegen Kunstausstellungen es vermied, 
seine Bilder in der Welt herumzusenden. Eine Anzahl seiner Landschaften 
hat er indessen im Jahre 1894 in Marburg ausgestellt. K.s Eigenart war die 
Darstellung exotischer Landschaften, die teilweise von packender Wirkung 
sind. Seit der Ruckkehr in die alte Heimat malte er auch zahlreiche Land- 
schaften aus der Umgegend von Marburg, die wegen ihrer Naturwahrheit und 
Farbentechnik die Anerkennung nicht nur seiner Freunde, sondern namhafter 
Kunstgrdflen, wie Carl Bantzers und H. von Volkmanns fanden. 

Nekrologe in »Oberhessische Zeitung« vom 11. November 1903, — Hessenland 17, 
306 u. 317, Ph. Losch. 

Merkel, Walther Emil, Maler, * 12. Juli 1863 zu Cassel, f 7. Dezember 
1903 zu Wehlheiden. — M. besuchte die Casseler Kunstakademie, an der sein 
Vater Carl Gottlob M. (f 1897) seit 1854 ajs Lehrer der Zeichenkunst und 
architektonischen Ornamentik unterrichtete. Der talentvolle Sohn errang sich 
den Preis der Bose-Stiftung und konnte damit 1895 zu seiner weiteren Aus- 
bildung nach Munchen gehen. Spater kehrte er nochmals nach Oberbayern 
zuruck, um in Ailing und Wessling zu studieren, wo auch sein Freund und 
Landsmann, der im Jahre 1902 verstorbene Hans Fehrenberg sich manches 
schSne Motiv fiir seine Landschaften geholt hatte. Wie Fehrenberg, so war 
auch M. vorzugsweise Landschaftsmaler. Seine Studien aus der Umgegend 
von Cassel, besonders aus dem Habichtswalde und dem Druselthale sind fein 
erapfunden und gut ausgefuhrt. Aber auch im Portratfach hat M. Gutes ge- 
leistet und es fehlte ihm darin nicht an Auftragen. Besonders bekannt machte 
er sich durch sein Bildnis Landgraf Philipps des Grofimutigen, das er im 
Jahre 1891 nach einem Holzschnitt Brosamers fiir die neue Aula der Univer- 
sitat Marburg malte. Eine verkleinerte Ausfuhrung dieses Gem&ldes ist im 
Besitz e der Casseler Landesbibliothek. Im Friihjahr 1902 wurde M. krank. 
Ein Winteraufenthalt in Italien vermochte sein Brustleiden nicht zu lindern. 
Nur 40 Jahre alt, ist er in dem Casseler Vororte Wehlheiden gestorben. 

Nach dem Xekrolog von W. Schafer im Hessenland 18, 15. Ph. Losch. 

BiogT. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 8. Bd. IO 



1^6 Bellingrath. Luntz. 

Bellingrath, Ewald, Dr.-Ing., Generaldirektor der »Kette« (deutsche Elb- 
schiffahrtsgesellschaft), * 18. April 1838 in Barmen, f 22. August 1903 in 
Dresden. — B. entstammte einer angesehenen, industriellen Familie Barmens; 
nach Absolvierung der polytechnischen Studien, dencn er in Luttich, Karls- 
ruhe und Zurich oblag, widmete er sich einige Jahre der damals machtig 
aufbluhenden Stahlindustrie. Im Jahre 1869 begriindete er die Gesellschaft 
»Kette« in Dresden, die zunachst die Elbe mit einer von Bohmen bis 
Magdeburg reichenden Kette belegte. Spater wurde unter seiner Leitung 
auch auf der Saale, auf dem Neckar, Main und auf der Moldau die Ketten- 
schleppschiffahrt eingefiihrt. Nachdem im Jahre 1874 die Kettenlegung auf 
der ganzen Elbe beendet war, wurden an Stelle der nur 100 bis isot Lade- 
fahigkeit besitzenden Frachtschiffe solche von 400 bis 700 t eingefuhrt. Hier- 
durch, sowie durch rationelle Frachttarifeinrichtungen vermehrte sich der 
Verkehr in 15 Jahren um etwa das Zehnfache. 

B. verstand es, befahigt durch seine gediegenen wissenschaftlichen Kennt- 
nisse einerseits und durch den tiefen, verstandnisvollen Einblick in die Be- 
diirfnisse des industriellen Lebens anderseits, die Fortschritte der Wissenschaft 
fiir die Vervollkommnung der Binnenschiffahrt trefflich auszunutzen und auch 
die ersteren wesentlich zu fordern. Glanzende Beweise hierfiir sind seine 
»Studien iiber Bau und Betriebsweise eines deutschen Kanalnetzes« (1879) und 
die Schaffung einer mustergiiltig ausgestatteten Versuchsanstalt zur Bestimmung 
der Widerstande der Schiffskorper im Wasser. In Anerkennung seiner grofien 
Verdienste auf dem Gebiete der Technik wurde B. im Jahre 1901 von der 
Technischen Hochschule in Dresden zum »Ehrendoktor« ernannt. 

B. war eine vornehme Natur; er verleugnete auch inmitten der regsten 
Erwerbstatigkeit niemals seinen idealen Sinn, bewahrte stets ein lebhaftes 
Interesse fiir Kunst und Wissenschaft und fflrderte in uneigenniitziger Weise 
den Ausbau der Technik. 

Literatur: »Zentralblatt der Bauverwaltungoc 1901, S. 207 und 1903, S. 440; >Zcit- 
scbrift des osterreichischen Ingenieur- und Architektenvereins 1903, S. 576. A. Birk. 

Luntz, Viktor, Professor an der Akademie der bildenden Kiinste in Wien, 
* 8. Marz 1840 in Ybbs a. d. Donau (N. 0.), f am 12. Oktober 1903 in Wien. — 
L. hatte seine kiinstlerische Ausbildung an der Architekturschule der Akademie 
der bildenden Kiinste zu Wien unter van der Null, v. Siccardsburg und 
Schmidt (i860 — 1864) erhalten; dann trat er in Schmidts Atelier, wo er sich 
der mittelalterlichen Baukunst widmete. Seine Tatigkeit in diesem Atelier 
unterbrach eine zweijahrige Reise nach Italien, der Schweiz, nach Deutsch- 
land, Spanien, Portugal und Frankreich mit Hulfe des groflen Staats-Reise- 
stipendiums, das ihm die Akademie in Anerkennung seiner — ohnehin schon 
durch den Gundel- und Fugerpreis ausgezeichneten — Leistungen verlieh. 
Als Schmidts Mitarbeiter war L. beim Bau der St. Othmarkirche unter den 
Weifigarbern und beim Bau des Rathauses in Wien tatig. Gelegentlich der 
SchluBsteinlegung bei letzterem erhielt er das Ritterkreuz des Franz Josef- 
Ordens und das Biirgerrecht der Gemeinde Wien. 

Im Jahre 1885 wurde L. als Nachfolger Ferstels an die Technische 
Hochschule und im Jahre 1891 als Nachfolger Schmidts an die Akademie 
der bildenden Kiinste berufen, wo er mit groflem Pflichteifer und inniger 



Luntz. BischoflT v. Klammstein. 1 47 

Freude die mittelalterliche Baukunst lehrte; ein jaher Tod machte seinem 
Wirken vorzeitig ein Ende. 

Von den Werken dieses charaktervollen, einfachen und bescheidenen 
Mannes, dessen edles Denken und Handeln ihm treue Freunde erwarb, seien 
erwahnt: die Mausoleumsbauten in Gurkfeld und Warnsdorf, die Grabdenk- 
maler fur seine Eltern und seine Frau, der Jubilaumsbrunnen in Scheibbs, 
die Jubil£umskirche in Wien, die Restaurierung der »Spinnerin am Kreuz« 
und der Kirche »Maria am Gestade« in Wien. L. war Grunder und Ehren- 
mitglied bezw. Ehrenvorstand der » Wiener Bauhutte« und Mitglied der 
Zentralkommission fiir Erhaltung der Kunst- und historischen Denkmaler. 

Literatur: »Zeitschrift des osterrcichischen Ingenieur- und Architektenvereins« 1903, 
S. 635; mit Bild. A. Birk. 

Bischoff v. Klammstein, Friedrich, k. k. Sektionschef im Eisenbahn- 
ministerium, * 14. November 1832 in Graz, f 26. Februar 1903 in Wien. — 
Einer der alten Garde der Ingenieure, die beim Baue der Semmeringbahn 
ihre erste praktische Ausbildung erhielten, hat B. durch voile funfzig Jahre 
mit ungeschwachter geistiger Kraft in seinem Berufe gewirkt und an der 
Schaffung bedeutsamer Werke durch 26 Jahre in leitender Stellung teil- 
genommen. Eine wechselreiche, verschiedene Gebiete des Eisenbahnbaues 
und des Eisenbahnbetriebes umfassende Berufstatigkeit in dem jiingeren 
Lebensalter befahigte ihn ganz besonders zu der leitenden Tatigkeit, mit der 
er sein Schaffen und Wirken erfolgreich kronte und beschlofi. 

Nach Vollendung der Semmeringbahn trat B. in die Dienste der Siid- 
bahngesellschaft, wo er u. a. auch die wichtigen Materialgeschafte fiihrte. 
Im Jahre 1869 iibernahm er die Stellvertretung des leitenden Oberingenieurs 
der Generalbauunternehmung fiir die ungarischen Staatsbahnlinien Hatvan — 
Miskolcz und Zakany — Agram, sowie der ungarischen W r estbahn Raab — Graz. 
Hier wurden ihm Aufgaben nicht nur bautechnischer, sondern auch wirtschaft- 
licher und finanzieller Natur, so dull er sich umfassende kaufmannische 
Kenntnisse erwarb, die ihn spater wie selten Einen geeignet erscheinen 
lieBen, die oft schwierigen und heiklen Kndaustragungen zwischen Bauherrn 
und Unternehmer in einer beide Teile zufriedenstellenden Weise zu losen. 

Im Jahre 1875 — nach Vollendung der genannten Bahnbauten in Ungarn 
— trat B. in die Dienste der Kaiserin Elisabeth-Westbahngesellschaft, die 
ihn schon im nachsten Jahre mit der Leitung des gesamten Bahnerhaltungs- 
dienstes betraute, den er in mustergiiltiger Weise reorganisierte. Bei der 
Verstaatlichung der Westbahn (1882) wurde B. Abteilungsvorstand der 
k. k. Staatsbahnen, als welcher er zwei Jahre spater den Titel und Charakter 
eines Hofrats erhielt. Eine grofie Reihe von Neubauten, darunter den Um- 
bau des Untersteintunnels und die Vollendungsarbeiten an der Arlbergbahn 
und der galizischen Transversalbahn hat B. in dieser Stellung geleitet. Er 
verstand es, tiichtige Fachleute heranzuziehen und sie fiir seirie Anschauungen 
zu begeistern; er verstand es, die technischen Fortschritte zu verwerten, neue 
anzuregen und fiir die Durchfuhrung schwieriger Probleme die richtigen 
Pfade zu weisen, auf denen seine Mitarbeiter riistig vorwarts zu schreiten 
vermochten. In dieser Hinsicht mufi seine Tatigkeit in der eben gekenn- 
zeichneten Periode voll anerkannt und von diesem Standpunkte aus miissen 

10* 



I48 Bischoflf v. Klammstein. Borsdorf. 

auch die ihm zuteil gewordenen Auszeichnungen, so die Erhebung in den 
Adelsstand, beurteilt werden. Diese hervorragenden Eigenschaften lieflen ihn 
auch als den rechten Mann fur die Leitung der im Jahre 1895 neu ge- 
schaffenen k. k. Baudirektion erscheinen, welcher u. a. der Bau der Wiener 
Stadtbahn ubertragen wurde. Im Jahre 1897 erhielt B. den Titel und 
Charakter eines Sektionschefs und am 1. Juli 1902 trat er nach Vollendung 
der Stadtbahn und Auflosung der Baudirektion fur dieselbe in den Ruhestand. 

Grofie Verdienste hat B. um den Osterreichischen Ingenieur- und Archi- 
tektenverein sich erworben, in dessen verschiedenen Komitees er aufier- 
ordentlich eifrig wirkte. B. hat die Flu fieisenf rage aufgerollt und an der 
gedeihlichen Losung derselben hervorragenden Anteil genommen. In den 
Jahren 1887 und 1888 war er auch Vorsteher dieses Vereins. Als Mitglied 
der Prtifungskommission fiir die zweite Staatsprufung und fiir die Ingenieur- 
Diplomspriifung aus dem Ingenieurbaufache an der k. k. technischen Hoch- 
schule in Wien wird ihm ein wohlwollendes und mildes Urteil nachgeruhmt. 
B. bekleidete auch seit 1891 das Ehrenamt eines Vorsitzenden im Preisausschusse 
des Vereins deutscher Eisenbahnverwaltungen. 

Ein Herzschlag machte seinem Leben, das er nach seiner Pensionierung 
ausschliefllich seiner Familie widmete, ein jahes, aber glucklicherweise 
schmerzloses und sanftes Ende. Sein rauhes, mitunter barsches Wesen hat 
ihm nicht allenthalben Liebe gewonnen — aber die ihn naher kannten, 
riihmten sein weiches Herz. 

Literatur: »Zeitschrift des Osterreichischen Ingenieur- und Architektenvereinsc 1903, 
S. 235; mit Bild. A. Birk. 

Borsdorf, Alfred Theodor Wilhelm, * 9. April 1865 zu Potsdam, f 10. Juni 
1903 auf Capri. — B. besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt und stu- 
dierte seit 1882 in Berlin bei Tobler und Zupitza romanische und englische 
Philologie. Im Jahre 1885 wandte er sich nach Genf, verlebte den darauf- 
folgenden Winter in Italien, ging dann nach Paris zu Gaston Paris und kehrte 
nach Berlin zuriick, wo er am 11. Januar 1890 promovierte. Seine Disser- 
tation behandelt die Burg im »Claris und Laris« und im »Escanor«. Die 
kulturgeschichtlichen Ergebnisse waren um so reichhaltiger, da er neben dem 
Bau der Burg auch die Lebensutensilien und Lebensgewohnheiten der Burg- 
insassen in den Kreis seiner Betrachtung zog. Zudem ergab die Beschrankung 
des Themas auf zwei gleichaltrige Gedichte interessante Beitrage zur fran- 
zosischen Bedeutungslehre. Der Arbeit fehlte darum auch die Anerkennung 
der Fachkritik nicht, Ende 1892 wurde B. zum Professor der romanischen 
Sprachen und Dozenten der altdeutschen Philologie am University College zu 
Aberystwith, einer der drei konstituierenden Hochschulen der neugegriindeten 
Universitat in Wales, ernannt. 

Im Umgang war B. von auflerster Liebenswiirdigkeit und ausgesuchter 
Hoflichkeit, fast mehr Franzose als Deutscher — auch hatte er eine Fran- 
zosin zur Frau: gegen seine Lehrer zeigte er eine dankbare Anhanglichkeit. 
Er besafl ein unendlich reiches Wissen; sein langjahriges Lungenleiden aber, 
dem er allzufriih erlag, hinderte ihn an der Verwertung. Nur ein einziges 
Denkmal seiner literarischen Wirksamkeit zeugt von den bedeutsamen Ent- 
wiirfen, die er vorhatte. Es sind zwei kritische Essays iiber Taine und 



Borsdorf. Werner. Przewloka. Bartsch. J40 

Herbert Spencer. Der Schlufi lautet: We venture to hope that the foregoing 
considerations have proved that it is not possible to take Science of Literature in the 
sense in which Taine understood it, nor yet in that suggested by Spencer. It is 
clear that the attempt to introduce the methods of natural or mathematical science 
into criticism must be abandoned. Truth is elsewhere, and the task still remains 
of discovering the principles upon which a literary science may be founded. But 
before this neta work could be undertaken it was meet and necessary to discuss 
attempted solutions of the problem which, though defective, yet as the work of genius 
command attention and respect. In welcher Richtung er selbst die L6sung des 
Problems suchte, ist leider nicht ersichtlich. 

Werke: Die Burg ira ^Claris und Larisc und im »Escanor«. Berlin 1890. (Vergl. 
daiu Vollmollers krit. Jahresbericht liber die Fortschritte der romanischen Philologie I, 423 
und Romania, Paris 1890, p. 374.) — Science of literature. On the literary theories of 
Taine and Herbert Spencer. Two lectures. London 1903. 

Quellen: Die Vita der Dissertation. Briefliche Mitteilungen von Prof. Tobler in Berlin 
und Prof. Eth^ in Aberystwith. Der einzige Nekrolog findet sich in der akademischen 
Zeitschrift *The Dragon*, Aberystwith November 1903. Curt Michaelis. 

Werner, Karl Friedrich Heinrich Eugen, Ministerialrat, * als Sohn eines 
Guter-Dirigenten der Berlin-Anhalter Eisenbahn am 8. April 1849 zu Berlin, 
f 10. Juni 1903 daselbst. — W. studierte auf den Universitaten Berlin und Mar- 
burg, trat im Marz 1870 in den Justizdienst, wurde 1. Oktober 1879 Staats- 
anwalt, am 1. Oktober 1891 Oberlandesgerichtsrat in Celle, 17. September 1896 
Geheimer Justiz- und vortragender Rat im Justizministerium, 3. Oktober 1899 
Geheimer Ober-Justizrat , Dezernent fur Bau- und Gef&ngniswesen. Er erhielt 
verliehen das Eiserne Kreuz II. Kl., Ehrenkreuz des Lippeschen Hausordens, 
den Roten Adlerorden IV. Kl. (1898), III. Kl. (1901), auch das japanische 
Kommandeurkreuz des Ordens der »Aufgehenden Sonne« (1901). 

Gefl. Mitteilung aus dem Kgl. Preufl. Justizministerium. — ^Deutsche Juristen-Zeitung« 
*9°3 S. 313. A. Teichmann. 

Przewloka, Thomas, Ju§tizministerialrat, * als Sohn eines Gutsbesitzers 
in Niederkunzendorf am 7. Dezember 1852, f am 26. September 1903 zu Berlin. 
— P. studierte in Breslau und Berlin, trat im Juni 1877 in den Justizdienst, 
wurde 1. September 1882 Amtsrichter in Beuthen, 31. Marz 1893 Landrichter in 
Berlin, 16. April 1896 Landgerichtsrat, 25. Juni 1898 Kammergerichtsrat, 16. Jan. 
1899 Geheimer Justiz- und vortragender Rat im Justizministerium, mit gesetzgebe- 
rischen Arbeiten bei Inkrafttreten des Burgerlichen Gesetzbuchs betraut, 22. Mai 
1903 Geheimer Ober-Justizrat, Inhaber des Roten Adlerordens IV. Kl. 1901. 

Gefl. Mitteilung aus dem Kgl. Preufl. Justizministerium. — ^Deutsche Juristen-Zeitung«c 
1903 S. 289, 468. A. Teichmann. 

Bartsch, Max, Geheimer Ober-Justizrat, * 1833 zu Sprottau, f 20. August 
1903 zu Breslau. — B. trat 1854 in den Justizdienst, wurde 1859 Gerichts- 
assessor, 1862 Kreisrichter in Gleiwitz, 1873 Kreisgerichtsrat, 1877 Tribunalsrat 
in KOnigsberg i. Pr., 1879 Landgerichtsdirektor, 1887 Landgerichtsprasident 
in Bartenstein in Ostpreufien, 1895 nach Breslau versetzt, wo er die Leitung 
des Landgerichts und den Vorsitz in einer Zivilkammer ubernahm, 1898 Ge- 
heimer Ober-Justizrat mit dem Range der Rate zweiter Klasse. 

»Breslauer Zeitung« 1903 Nr. 585 vom 21. August 1903. A. Teichmann. 



150 



Goeckc. Groschuff. 



Goecke, Franz Friedrich Wilhelm, Geheimer Justizrat, * 30. Januar 1824 
als Sohn des Justiz-Hauptkassenrendanten G. in Paderborn, f am 31. Mai 1903 
zu Koln. — Nach beendeten Studien trat G. mit 20 Jahren als Auskultator 
beim Stadt- und Landgericht ein und liefl sich 1846 behufs Ausbildung als 
Notariatskandidat in den Bezirk des damaligen Rheinischen Appellations- 
gerichts versetzen, wurde 1849 Notar, zuerst in Viersen, dann 1857 in Lutze- 
rath, 1861 in Ottweiler, 1870 — 76 in Erkelenz, endlich in K6ln. Er war Mit- 
begriinder des Notariatsvereins fur Rheinpreuflen und entfaltete fur die Orga- 
nisation eines selbstandigen Notariats auf wissenschaftlicher Grundlage eine 
sehr segensreiche Wirksamkeit als Mann von strenger Gewissenhaftigkeit in 
der Amtswaltung, von groflem Patriotismus und persSnlicher Liebenswiirdig- 
keit, viel wirkend fur Aufbluhen und Gedeihen des Inselbades Norderney. 
1894 wurde er durch eine kiinstlerisch ausgestattete Adresse der Kurgaste 
dieses Bades und am 9. November 1894 bei seinem 50-jahrigen Amtsjubilaum 
vielerseits geehrt. Er war Inhaber des Roten Adlerordens III. Kl. mit der 
Schleife und der Kriegsdenkmiinze von 1870/71 fur Nichtkombattanten, Vor- 
sitzender des deutschen Notarvereins. 

»Kolnischc Zeitung* 1903 Nr. 472, 473. — »Deutsche-Juristen Zeitung* 1903 S. 289. 

A. Teichmann. 

Groschuff, Albert, Geheimer Ober-Justizrat, * als Sohn des Rechtsanwalts 
und Notars, Justizrats Karl G. am 1. April 1835 zu Berlin, f am 26. Februar 1903 
daselbst. — Nach Besuch der Universitaten Erlangen und Berlin begann G. 
seine juristische Laufbahn als Staatsanwalt (187 1) beim Kammergericht in 
Berlin, wurde 1879 I. Staatsanwalt in Altona, dann 1888 — 1891 in gleicher 
Eigenschaft am Landgericht I. Berlin, in welcher Zeit er sich z. B. im Straf- 
verfahren gegen Heinrich Geffcken zu betatigen hatte, wodurch er natiirlich 
mit Fiirst Bismarck in Beriihrung kam. 1891 siedelte er an das Oberlandes- 
gericht in Celle iiber und wurde bald (1. Februar 1892) zum Vorsitzenden des 
Strafsenats des Kammergerichts ernannt, in welcher Stellung er eine un- 
gemein umfassende Tatigkeit entfaltete. Denn der Geschaftsbereich dieses 
einzigen Kammergerichtsstrafsenats ist nach $ 50 des preufiischen Ausfiihrungs- 
gesetzes vom 24. April 1878 ein hochst ausgedehnter. Im Besitze der fiir 
seine hohe Stellung erforderlichen Geistes- und Herzensgaben hatte er stets 
den Blick auf das Ganze gerichtet und verlor sich nie in kleinliche Dinge. 
Sehr grofie Verdienstc erwarb er sich u. a. dadurch, dafi er die zahllosen 
preufiischen Polizeiverordnungen der verschiedensten Bezirke, deren Rechts- 
giiltigkeit nach und nach zweifelhaft geworden war, sehr streng auf diesen 
Punkt hin priifte und damit viele als nicht mehr giiltig ausschied. Viele 
Arbeitslast wurde ihm auch durch den haufig eintretenden Wechsel der Mit- 
glieder dieses Gerichtshofes, was die ruhige und geordnete Geschaftsleitung 
sehr erschwerte. Zudem war er noch Mitglied des Disziplinarhofes fiir die 
nicht-richterlichen Beamten, auch des Disziplinarsenats und des grofien Diszi- 
plinarsenats, endlich Vorsitzender der Disziplinarkammer fiir die Schutzgebiete. 
Seine umsichtige Geschaftsfuhrung erfreute sich auf alien Seiten, bei den 
Parteien wie bei Staats- und Rechtsanwalten, gleich freudiger Anerkennung. 
Literarisch hatte er sich nur durch eine kurze Besprechung der »Verantwort- 
lichkcit des Redaktcurs periodischcr Druckschriften fiir die durch die Presse 



Groschuff. PereTs. I c | 

begangenen strafbaren Handlungen* im Archiv von Goltdammer und Hahn 
Bd. XXIII 27 ff. bekannt gemacht (1875), wurde dann aber vom Verlagsbuch- 
handler Otto Liebmann in Berlin bei Griindung der »Deutschen Juristen- 
Zeitung* als Mitarbeiter gewonnen. Seine Abhandlung »Die Sitzungspolizei- 
befugnisse des Vorsitzenden gegeniiber dem StaatsanwalU war der erste fur 
diese Zeitung gelieferte Beitrag, dem noch viele andere (z. B. 1896 Nr. 12 und 
14; 1897 Nr. 4 und 14; 1900 Nr. 13 und 24; 1901 Nr. 12) und sehr gut redi- 
gierte Berichte uber die Rechtsprechung des Strafsenats des Kammergerichts 
folgten. Er liefi sich ferner zu der verdienstlichen Herausgabe »Die preufii- 
schen Strafgesetze« 1894 zusammen mit Senatsprasident beim Kammer- 
gericht G. Eichhorn und Landgerichtsrat Dr. Delius gewinnen, deren zweite 
Bearbeitung vor seinem Tode noch rechtzeitig im Manuskript fertig gestellt 
wurde. An Anerkennungen erfuhr er am 22. Marz 1897 anlafilich der Zentenar- 
feier die Verleihung der Erinnerungsmedaille, im Dezember 1897 des Titels 
^Geheimer Ober-Justizrat« und am 18. Januar 1901 des Roten Adlerordens II. Kl. 
mit Eichenlaub. 

Kammergerichts rat Dr. Kronecker in d. »Deutschcn Juristen-Zeitung« 1903, Nr. 6, S. 143. 
— Otto Liebmann im »Gerichtssaal« Bd. 62, S. 307 — 314. — Be it rage zur Erlauterung des 
Dcutschen Rechts Bd. 48, S. 187. — Ztsch. f. Dcutschcs BUrgerliches Recht und franzosisches 
Zivilrccht Bd.XXXV, 317, 575. A. Teichmann. 

Perels, Ferdinand, Wirklicher Geheimer Rat, Direktor im Reichsmarine- 
amt und Professor der Rechte an der Universitat Berlin, * zu Berlin am 
30. Juni 1836, fam 24. Dezember 1903. — P. besuchte 1849 — 54 das Friedrich- 
Werdersche Gymnasium zu Berlin und trat nach Absolvierung des juristischen 
Studiums am 29. Oktober 1857 als Auskultator im Appellationsbezirke Naum- 
burg in den Justizdienst ein, wurde 4. Juni 1859 Kammergerichtsreferendar, 
20. April 1862 Gerichtsassessor. Nunmehr wandte er sich dem Militarjustiz- 
dienste zu, wurde 29. Oktober 1863 Garnisonsauditeur in Spandau, 1865 in 
Rendsburg, 1866 Divisionsauditeur in Neifie. Nach Cbertritt in die neu- 
geschaffene Bundeskriegsmarine war er vom 1. Februar 1867 bis 1877 Audi- 
teur der Marinestation der Ostsee in Kiel, seit Anfang der siebziger Jahre 
zugleich Lehrer fur VOlkerrecht, See- und Militarrecht an der Marineakademie. 
Am 21. August 1877 wurde er zum Wirklichen Admiralitatsrat, vortragenden 
Rat und Auditeur der Kais. Admiralitat in Berlin ernannt, 188 1 Geheimer 
Admiralitatsrat, 11. Januar 1892 Wirklicher Geheimer Admiralitatsrat, Direktor 
des Verwaltungsdepartements des Reichsmarineamts und stellvertretender 
Bevollm£chtigter zum Bundesrat fur das KOnigreich Preufien. Seine reichen 
Kenntnisse auf dem von ihm mit Vorliebe gepflegten Spezialgebiete konnte 
er auf das trefflichste verwerten, nachdem er fur Vorlesungen uber inter- 
national es und deutsches Seerecht im Jahre 1900 zum ordentlichen Honorar- 
professor an der Universitat Berlin ernannt worden war. Im Militarverhaltnis 
war er Major der Seewehr. Wenige Stunden vor seinem Hinscheiden erfuhr 
er noch seine Emennung zum Ehrendoktor der Greifswalder Juristenfakult&t. 
Der amtliche Nachruf des Staatssekretars des Reichsmarineamts von Tirpitz 
schildert ihn als einen Mann von hervorragenden Geistesgaben, von edlem 
und liebenswurdigem Charakter, als wohlwollenden Vorgesetzten seiner Unter- 
gebenen und als treue Stiitze seiner Vorgesetzten. Mit grofiter Sicherheit 



152 



Perels. Schmidt 



beherrschte er ein eng umschriebenes, doch tSglich an praktischer Wichtig- 
keit zunehmendes Rechtsgebiet, das Seerecht; er nahm emsigen Anteil am 
Ausbau der Flotte und ihrer Vervollkommnung, wie Verwendung im Dienste 
des Vaterlandes. Im Jahre 1879 in das Institut de droit international gewahlt 
(seit 1885 Mitglied), nahm er an mehreren Sitzungen desselben teil und 
lieferte u. a. das Referat liber die friedliche Blokade (vgl. Annuaire IX, 275 ff.) 
fur die Heidelberger Sitzung vom 7. September 1887, sowie Thesen betreffend 
die submarinen Kabel in Kriegszeit (ebd. XIX, 302). Kleinere wissenschaftliche 
Arbeiten veroffentlichte er in verschiedenen amtlichen Zeitschriften und Ver- 
ordnungsblattern, in den Annalen des Deutschen Reichs 1876, S. 1101 — 11 10 
(»Reichs-Oberseebeh6rde und Untersuchungen von Seeunfallen«), im Archiv fur 
offentliches Recht I, 461 — 497, 677 — 704 (»Rechtsstellung der Kriegsschiffe 
in fremden Hoheitsgewassern«), in v. Stengels WOrterbuch des deutschen 
Verwaltungsrechts die Artikel »Blockade« (I, 223), »Durchsuchungsrecht« 
(I, 293), »Embargo« (I, 354), »Kaperei« (I, 703), »Kontrebande« (I, 840), 
> Kriegshafen« (I, 872), »Kriegsmarine« (II, 1010), »Prisenangelegenheiten« 
(II, 305). Hervorragende grOfiere Arbeiten sind »Das internationale dffentliche 
Seerecht der Gegenwart«, Berlin 1882 (franz. von L. Arndt 1884, auch russisch 
von Lilienfeld 1884), 2. Aufl. 1903; »Handbuch des allgemeinen dffentlichen See- 
rechts im Deutschen Reiche«, Berlin 1884 (mit Spilling); »Das Reichsbeamten- 
gesetz< t, Berlin 1890; »Das allgemeine ciffentliche Seerecht im Deutschen Reiche. 
Sammlung der Gesetze und Verordnungen«, Berlin 1901, mit Erganzungsband 
»Die Seemannsordnung vom 2. Juli 1902 und ihre Nebengesetze«, Berlin 1902. 
Auch riihrt von ihm der Entwurf einer Strandungsordnung (1873) her. 

Felix Stoerk, Nekrolog in der »Zeitschr. f. intemat. Privat- und. Offentliches RechU, 
Bd. XIV (1904) S. 225/26. — Gefftllige Mitteilungen des Sohnes, Privatdozenten Dr. jur. Kurt 
Perels in Kiel. — Tableau general de V Institut de droit international 1873 — 92, Paris 1893, 
S. 325. — »Annuaire de l' Institut* XVIII, 276; XIX, 388. — »Jurist. Literaturblattc 1904, 
S. 47. — Chronik der Kgl. Friedrich Wilhelms-Universitat Berlin f. d. Rechnungsjahr 1900 
(Halle a. d. S,), S. 8. — von Stengels Wtfrterbuch d. dtscb. Verwaltungsrechts, 3. Erganzungs- 
band 1897, S. 228, 256, 258. — >Zeitschr. f. HandelsrechU LII, 368. — Kirchenheims 
Zentralblatt I, 312; III, 463; XXIII, 88. — >Zeitschr. f. intemat. Privat- und Strafrechtc XI, 
543. — » Revue de droit international* XIV, 340; XXXIV, 692. » Journal de Clunet* 1884, 
S. 680 [» Tables generates du Journal* III (1905), 718]. — Felix Stoerk im Ann. de Vinst. 
de droit international XX ( 1 904) 264 — 2 66. A.Teichmann. 

Schmidt, Karl Adolf, Geheimrat, Prof. Dr. jur. in Leipzig, * 4. November 
1815 zu Allstedt (Sachsen-Weimar), f 24. Oktober 1903 zu Baden-Baden. — 
Sein Vater Georg Friedrich August war zuletzt Superintendent und Kirchenrat, 
Jenenser Ehrendoktor der Philosophic (1847), gestorben 16. Januar 1858 in 
Ilmenau, so daB sich der Sohn ofters »Schmidt von Ilmenau« nannte, zur 
Unterscheidung z. B. von Karl Adolf Sch., Oberappellationsgerichtsrat in 
Celle, Verfasser der Werke »Der prinzipielle Unterschied zwischen dem rdmi- 
schen und germanischen Rechte« (Rostock und Schwerin 1853), und »Die 
Rezeption des r6mischen Rechts in Deutschland« (Rostock 1868). In seiner 
Jugend war er Spielkamerad der Enkel Goethes, als junger Mann sah er 
den Dichterfursten auf dem Totenbette. Er studierte die Rechtswissenschaften 
in Jena und wurde fiir gute L5sung der gestellten Preisfrage in der Arbeit •De 
suwessionc Jisci in bona vacantia ex jure romana* } Jena 1836, mit dem ersten Preise 



Schmidt. 



153 



belohnt, dessen er sich freilich nicht sehr erfreuen konnte, da Prof, von Schroter, 
Oberappellationsgerichtsrat in Parchim, zu gleicher Zeit eine zum selben 
Resultate gelangende Abhandlung in der »Zeitschr. f. Zivilrecht und Prozefl«, 
Bd. X, 89 ff. erscheinen liefi, was ihn veranlafite, diesen letzteren anzugreifen, 
wie uberhaupt dieses Thema damals von mehreren Schriftstellem unabhangig 
voneinander aufgegriffen wurde (vgl. Vangerow, Pandekten, 6. Aufl. 2. Abdr. 
II, 671). Zur Erlangung der Doktorwiirde verftffentlichte er »M. Tullii 
Ciceronis pro Roscio comoedo oratio illustrata, edita«, Jena 1839, und habilitierte 
sich 1840 in Jena fur romisches Recht, wurde 1843 aufierordentlicher Professor, 
ging 1849 als ordentlicher Professor nach Greifswald, 1850 nach Freiburg i. B., 
wo er sich sehr bald in sympathischer Umgebung wohl fiihlte und mannig- 
fache Ehrungen erfuhr; so vertrat er langere Zeit die Universitat in der 
I. badischen Kammer. Sein Lieblingsstudium war von Anfang an die Be- 
schaftigung mit dem rOmischen Recht, fur dessen Auslegung er durch griind- 
liche philologische Kenntnisse wohl vorbereitet war. Er war ausgezeichnet 
als Lehrer, seine ZuhSrer stets auf den Kern der Institute so eindringlich 
hinweisend, dafl seine Ausfiihrungen bei vielen zeitlebens wOrtlich haften 
blieben. Uberall durchdrungen von gesunder Auffassung cles Wertes prak- 
tischer Verwendung, war er einer unbedingten, blinden Verehrung des romi- 
schen Rechts vollig fremd. Im Friihjahr 1869 nach Bonn ubergesiedelt, ging 
er schon im Herbste dieses Jahres nach Leipzig, wo er ^ Jahre emsig wirkte. 
Seine wissenschaftlichen Arbeiten sind vielfach grundlegend gewesen und 
haben fiir die Folgezeit die Bahn gebrochen. Es gehftren hierhin »Zivilistische 
Abhandlungen«, Bd. I, Jena 1841; »Das Interdiktenverfahren der Romer. In 
geschichtlicher Entwicklung«, Leipzig 1853; »Das formelle Recht der Not- 
erben«, Leipzig 1862 und »Das Pflichtteilsrecht des patronus und des parens 
manumissor*, Heidelberg 1868. Kleinere Arbeiten sind »Kritische Bemerkungen 
zu T. Livii histor. lib. XLI, Kap. 8, 9 : D. Ulpiani fragm. tit. / S 1 2 ; f r. 1 §1 
D. de inspkiendo ventre*, Freiburg 1856 und y>Commentatio de originibus legis 
cutionum*, Freiburg 1857 (Einladungsprogramm zur 4. Sakularfeier der Uni- 
versitat), sowie »Die Persflnlichkeit des Sklaven nach romischem Recht«, 1. Abt. 
(Programm z. Feier des Geburtsfestes des GroBherzogs, Freiburg 1868) Der 
Leipziger Zeit geh6ren an »Das Hauskind in mancipio. Eine rechtgeschicht- 
liche Abhandlung«, Leipzig 1879; J> Uber die legis actio per judkis postulationetw 
(Zeitschr. d. Savigny-Stiftung II, 145 — 164); »Zur Lehre vom internationalen 
Rechtsverkehr der R6mer« (ebd. IX, 122 — 143); »Ober die superficies* (ebd. 
XI, 121 — 164); »Die Anfenge der bonorum possession (ebd. XVII, 324 — 328). 
Bei Ubernahme des Rektorats behandelte er das deutsche Recht (Rektorats- 
reden v. 31. Okt. 1873, S. 26—45, Rede v. 31. Okt. 1874, S. 3—21). Die 
philosophische Fakultat der Universitat Leipzig ernannte ihn am Tage seiner 
vor 50 Jahren erfolgten Promotion zum Dr. juris (6. Februar 1889) zum Ehren- 
doktor, die Stadt Leipzig mit Ehrenburgerbrief vom 13. Dezember 1895 zu 
ihrem Ehrenbiirger. Bis in seine letzten Tage war er ein eifriges Mitglied 
der nationalliberalen Partei und auch in deren Vorstande in Leipzig. Am 
1. Oktober 1901 schied er aus (Rektoratswechsel an der Univ. Leipzig am 
31. Okt. 1902, S. 11) und siedelte nach Karlsruhe in Baden iibcr, durch seine 
zweite Ehe besonders mit diesem Lande verbunden. Krankheitshalber begab 
er sich 1903 nach Baden-Baden, wo er am 24. Oktober verschied. 



I za Schmidt, von Weinrich. von Leipziger. 

Josef Kohler im » Jurist. LiteraturblatU 1904, Nr. 155 vom 15. Mai, S. 97 98. — 
Meyers Konvers.-Lexikon (5) 1897, Bd. 15, S. 556, — Klirschners deutscher Literatur- 
kalender ftir 1902, S. 1252. — Richters krit. Jahrbb. I, 309 flf. — Krit. Vierteljahresschr. V, 
135. — Zarnckes Literar. Zentralblatt 1862, Sp. 1037; 1903, Sp. 1491. — Biedennann, 
Goethes Gespriiche VIII, no. — Gefl. Mitteilungen des Herrn Prof. Dr. Friedrich Schur, 
rus$. Staatsrat in Karlsruhe. A. Teichmann. 

Weinrich, Karl von, Konigl. Bayerischer General der Kavallerie, * 22. Sep- 
tember 181 5 zu Aschaffenburg, f 19. Oktober 1903 zu Miinchen. — W. trat 
1834 als Junker in das bayerische 4. Chevaulegers- Regiment »K6nig« ein, 
riickte 1836 zum Unterleutnant und 1847 unter Versetzung in das 2. Chevau- 
legers-Regiment »Taxis« zum Oberleutnant auf. In diesem Dienstgrade war 
er kurze Zeit als Adjutant zur 2. Kavallerie-Brigade kommandiert, kam als- 
dann in das 4. Chevaulegers-Regiment zuruck und wurde 1848 zum Adjutanten 
bei der 2. Armeedivision ernannt. In dieser Stellung verblieb W. bis er 1849 
in den Frontdienst seines Regiments zurucktrat, mit dem er im Juni genannten 
Jahres an die wurttembergische und im Herbste des folgenden Jahres an die 
sachsische Grenze marschierte. 1851 dem Kommandierenden General des 
II. bayerischen Armeekorps als Adjutant zugeteilt, wurde er bald darauf zum 
Rittmeister im 1. Chevaulegers-Regiment befordert, 1855 in gleicher Eigen- 
schaft zum 4. Chevaulegers-Regiment versetzt und i860 zum Major ernannt 
1863 ging W. auf einige Zeit nach Osterreich, um sich iiber den Dienst bei 
den dortigen Ulanen-Regimentern zu unterrichten. Am Kriege von 1866 gegen 
Preufien nahm er als Oberstleutnant teil, machte die Gefechte bei Dermbach, 
Kissingen, Uettingen und Rofibrunn mit, wurde nach dem Friedensschlusse 
Kommandeur des 5. Chevaulegers-Regiment und im Mai 1867 zum Oberst 
befordert. Nach der Mobilmachung von 1870 fand W. Verwendung als Vor- 
postenkommandeur in der Pfalz zwischen Zweibriicken und dem linken Ufer 
des Rheins, wo ihm zu seinem Regiment noch ein Infanterie- und ein Jager- 
Bataillon zugewiesen waren, riickte darauf mit seinen Chevaulegers liber die 
franzosische Grenze und machte die Schlacht bei Worth, die Einschliefiung 
von Marsal, die Schlacht bei Sedan, das Gefecht bei Plessis Piquet und die 
Belagerung von Paris mit. Nach der Riickkehr in die heimische Garnison 
wurde er 1873 zum Generalmajor und Kommandeur der 2. Kavallerie-Brigade 
und 1878 zum Generalleutnant und Kommandeur der 3. Division befordert. 
Mit dem Charakter als General der Kavallerie erhielt W. 1884 den nachge- 
suchten Abschied. 

Nach den Akten. Lorenzen. 

Leipziger, Ernst von, General der Kavallerie, * 31. Januar 1837 zu Niemegk, 
Kreis Bitterfeld, f 21. November 1903 zu Berlin. — Nachdem L. seine Er- 
ziehung im Domgymnasium zu Naumburg und an der Landesschule zu Pforta 
erhalten hatte, trat er als Avantageur beim 3. Ulanenregiment in den 
Koniglichen Dienst. Zum Sekondeleutnant aufgeriickt, fungierte er eine Reihe 
von Jahren als Adjutant dieses Regiments, wurde 1866 Premierleutnant und 
kommandierte im Kriege gegen Osterreich die 3. Schwadron seines Truppen- 
teils, mit der er bei Gitschin sowie in der Schlacht bei Koniggratz focht. 
Nach der Riickkehr in die Heimat mit der Fiihrung der 5. Schwadron be- 



von Leipziger. von Kirchbach. Schmidt. i r e 

auftragt, ruckte er 1867 zum Rittmeister und Eskadronschef auf, zog 1870 an 
der Spitze seiner Schwadron mit gegen Frankreich ins Feld, wo er sich das 
Eiserne Kreuz II. Klasse erwarb. Einige Jahre nach dem Friedensschlusse 
verblieb L. noch in der Front, wurde 1874 als Hauptmann in den Grofien 
Generalstab versetzt und, nachdem er 1875 zum Major aufgeriickt war, zum 
Generalstabe der Kavallerie-Di vision des XV. Armeekorps kommandiert. 1880 
zum Grofien Generalstabe zuriickgetreten, erhielt er zunachst vertretungsweise 
die Fuhrung des 2. Hessischen Husarenregiments Nr. 14 in Kassel, ruckte im 
September 1881 zum Oberstleutnant auf und wurde 1882 endgiiltig als Komman- 
deur an die Spitze des Regiments gestellt. In dieser Stellung verblieb L., 
1886 zum Oberst aufgestiegen, bis er 1887 behufs Ubernahme des Kommandos 
der 27. Kavallerie-Brigade (2. Konigl. Wurttembergischen) nach Wurttemberg 
kommandiert wurde. Ein Jahr spater als Kommandeur der 8. Kavallerie- 
Brigade nach Erfurt versetzt, ruckte L. 1889 zum Generalmajor auf, wurde 1891 
zum Fiihrer der 9. Division ernannt, an deren Spitze er als Generalleutnant 
trat. 1893 zum Gouverneur von K6ln ernannt, erhielt L. 1896 den Charakter 
als General der Kavallerie und 1897 den erbetenen Abschied. 

Nach den Aktcn. Lorenzen. 

Kirchbach, Hans Adolf von, Konigl. Sachsischer Generalmajor, *26,Oktober 
1834 zu Dresden, f 9. Februar 1903 ebenda. — Nach dem Besuch des Kadetten- 
korps seiner Geburtsstadt in die Armee iibergetreten, erhielt K. im Jahre 1853 
das Offizierspatent, wurde 1859 Oberleutnant und 1866 Hauptmann. Die 
Feldziige von 1866 bezw. von 1870/71 gegen Preufien und Frankreich machte 
er beim 4. Bataillon der Brigade Kronprinz mit Auszeichnung mit, namentlich 
tat er sich im letzteren Kriege hervor und wurde am Tage nach der Schlacht 
bei Sedan vom Prinzen Georg von Sachsen in Ansehung seines tapferen Ver- 
haltens mit Siegesdepeschen nach Dresden geschickt. Mit dem Eisernen Kreuz 
2. Klasse und dem Ritterkreuz 1. Klasse des Sachsischen Verdienstordens mit 
der Kriegsdekoration geschmuckt, ruckte K. nach Beendigung des Feldzuges 
im Mai 1873 zum Major auf, wurde im Juni 1878 zum Oberstleutnant und 
1881 als Bataillons-Kommandeur im Infanterieregiment Nr. 103 zum Oberst 
befordert. 1885 als Kommandeur an die Spitze des 9. Infanterieregiments 
Nr. 133 gestellt, schied K. 1887 als Generalmajor aus dem aktiven Dienst. 

Nach »Militar-Zeitung«c. Lorenzen. 

Schmidt, Otto, Generalleutnant, * 16. April 1845 zu Kassel, f 5- Februar 1903 
ebenda. — Aus dem Kadettenkorps seiner Vaterstadt trat S. am 31. Mai 1864 
in das damalige 3. Kurhessische Infanterieregiment als Fahnrich iiber, kam 
am folgenden 11. September als Leutnant in das 1. Infanterieregiment, mit 
dem er gegen Preufien focht. Nach dem Frieden wurde S. in den Verband 
der preufiischen Armee aufgenommen und dem Infanterieregiment Nr. 81 
iiberwiesen, mit dem er 1870/71 als Bataillonsadjutant ins Feld zog, an der 
Einschliessung von Metz, Diedenhofen, und Mezteres, in der Schlacht bei 
Noisseville, an den Gefechten bei Chieulles, Peltre sowie bei Bellevue teil- 
nehmend. Am 28. Oktober 1870 zum Premierleutnant befordert, wurde er 
nach der Riickkehr in die Heimat Regimentsadjutant, stieg am 21. November 
zum Hauptmann auf und erhielt im Februar 1877 eine Kompagnie. In den 



[Cj6 Schmidt, von Estorff. 

Jahren 1879 bis 1887 fungierte S. als Adjutant beim Generalkommando des 
XL Armeekorps, wurde am 18. April 1882 zum 4. Thiiringischen Infanterie- 
Regiment Nr. 72 versetzt, 1885 vorpatentiert und am 20. Februar 1886 zum 
Major befordert. In diesem Dienstgrade kam er am 16. Juli 1887 als Bataillons- 
Kommandeur in das 1. Schlesische Grenadierregiment und am 18. April 1891 
als etatsmafliger Stabsoffizier in das 2. Groflherzoglich Hessische Infanterie- 
regiment Kaiser Wilhelm Nr. 116, avancierte im darauf folgenden Monat zum 
Oberstleutnant und erhielt am 14. Mai 1894 unter Befdrderung zum Oberst 
das 3. Rheinische Infanterieregiment Nr. 29. Im weiteren am 17. Juni 1897 
mit der Fuhrung der 65. Infanterie-Brigade beauftragt, stieg S. am folgenden 
2o f Juli zum Generalmajor auf und trat an die Spitze der von ihm gefuhrten 
Brigade. Am 16. Juni 1900 erhielt er den nachgesuchten Abschied, wobei ihm 
der Charakter als Generalleutnant verliehen wurde. 

Nach den Akten. Lorenzen. 

Estorff, Eggert von, Generalmajor z. D., * 1. November 1831 zu Verden, 
f 10. Februar 1903 zu Eldingen bei Celle. — Einer alten hannoverschen Offiziers- 
familie entstammend, trat E. nach vollendeter Erziehung auf der Ritterakademie 
in Luneburg und im vormaligen KOniglich Hannoverschen Kadettenkorps am 
1. April 1850 als Kadett in das Hannoversche Garde-Jager-Bataillon ein, wurde 
am 1. Januar 1851 zum Leutnant und nach einem Kommando zur Artillerie 
am 1. Oktober 1856 zum Premierleutnant befdrdert. Von diesem Zeitpunkte 
an besuchte er bis 1. April 1857 die Militar-Akademie in Hannover, war 
wahrend der Okkupation von Holstein durch hannoversche und sSchsische 
Truppen 1863/64 Kommandant des Depots seines Bataillons und focht nach 
Ausbruch des Krieges von 1866 bei Langensalza gegen die Preufien. Nachdem 
die hannoverschen Offiziere von K6nig Georg V. ihres Eides entbunden worden 
waren und E. den nachgesuchten Abschied erhalten hatte, trat er in den 
Verband der preuflischen Armee uber, wurde am 1. M&rz 1867 mit seinem 
Dienstgrade beim 1. Thiiringischen Infanterie-Regiment Nr. 31 angestellt und 
bereits am folgenden 11. April zum Hauptmann und Kompagniechef befdrdert 
Als soldier riickte er 1870 gegen Frankreich ins Feld, focht am 20. August 
bei Beaumont und wurde am 26. September desselben Jahres in das 3. Magde- 
burgische Infanterie-Regiment Nr. 66 versetzt. Mit diesem nahm E. an der 
Einschliefiung von Paris teil und riickte mit dem Eisernen Kreuze 2. Klasse 
geschmuckt nach dem Frieden in die Garnison Magdeburg ein. Am 15. Marz 
1875 zum Major, am 15. September 1882 zum Oberstleutnant befordert, wurde 
er am 15. Marz 1886 Kommandeur des 1. Schlesischen Grenadier- Regiments 
Nr. 10 und kurz darauf Oberst. Nach fast 23/ 4 jahriger Tatigkeit wurde E. am 
13. Dezember 1888 in Genehmigung seines Abschiedsgesuches zur Disposition ge- 
stellt und am 1. Januar 1889 als Redakteur des Militar-Wochenblattes nach Berlin 
berufen. Langer als 10 Jahre hat er in dieser Stellung gewirkt. Alle, die mit 
ihm wahrend jener Zeit in Beriihrung gekommen sind, werden seine Punkt- 
lichkeit und Ordnungsliebe, sein Entgegenkommen und mafivolles Urteil, seine 
Sachlichkeit, ganz besonders aber seine Selbstlosigkeit zu wurdigen wissen. 
Als Verfasser selbstSndiger Schriften ist er zweimal an die Offentlichkeit 
getreten, und zwar auf sehr verschiedenen Gebieten. Einmal mit »Taktische 
Betrachtungen uber das Infanteriegefecht auf dem Schlachtfelde von Grave- 



von Estorff. Kirchner. 



157 



lotte-St. Privat« im Jahre 1888 und ferner 1899 mit »Laienbetrachtungen iiber 
die Kraft der Bibel im Wissen und Glauben«, welche die Ansichten eines 
glaubigen Lutheraners zum Ausdruck bringen. — Von der Schriftleitung des 
Militar-Wochenblattes zuriickgetreten , zog E. sich in die engere Heimat, in 
die Luneburger Haide, nach dem in der Nahe von Celle belegenen Dorfe 
Eldingen zuriick. Hier gedachte der korperlich noch rustige General den 
Rest seiner Lebenstage fern vom Getriebe der Welt, in dessen Mitte er so 
lange gestanden, zu verbringen und seiner Lieblingsbeschaftigung, dem edlen 
Waidwerk, nachgehen zu konnen. Leider war es ihm nicht lange vergonnt 
dieser Neigung leben zu durfen. Ein sich einstellendes schweres Herzleiden 
und das Schwinden des Augenlichtes notigten ihn bald, der Jagd mehr und 
mehr zu entsagen. Ein sanfter Tod endete seine Leiden. 

Nach »Militar-Wochenblatt«. Lorenzen. 

Kirchner, Theodor, Komponist, * 10. Dezember 1823 in dem sachsischen 
Dorfe Neukirchen bei Chemnitz, f 18. September 1903 in Hamburg. — Seine 
Kinderjahre verlebte K. in dem ostlich von seinem Geburtsort gelegenen 
Wittgensdorf, wohin sein Vater, der Lehrer war, bereits 1826 ubersiedelte. 
In der dortigen Dorfkirche erlernte der Knabe schon sehr friih unter vater- 
licher Anleitung das Orgelspiel, in welchem er es rasch zu einer groflen 
Fertigkeit brachte. Mit 12 Jahren wurde er in die Biirgerschule zu Chemnitz 
aufgenommen. Hier erhielt er dann auch den ersten methodischen Musik- 
unterricht und machte in kurzer Zeit so bewundernswerte Fortschritte, dafi 
sein Lehrer, der Musikdirektor Stahlknecht, erklarte, ihn nicht weiter f5rdern 
zu konnen. Der Vater beschlofi daher, sich nach Leipzig zu wenden, um 
dort die Frage zur Entscheidung zu bringen, ob sein Sohn die Musik als 
Lebensberuf ergreifen solle. So wurde K. 1838 im Alter von 14 Jahren 
Mendelssohn und dem Kantor der Thomasschule Christ. Theodor Weinlig 
vorgestellt und blieb dann auf beider dringendes Anraten in Leipzig. Von 
da ab gehOrte sein Leben ganz der Musik. Als Lehrer hatte Mendelssohn 
besonders den ausgezeichneten Organisten an der Nikolaikirche, Karl Fer- 
dinand Becker, empfohlen, bei dem K. sich im Orgelspiel und in den theo- 
retischen F'achern weiterbildete. Daneben trieb er sehr grundliche musikalische 
Privatstudien. Auch lernte er allmahlich verschiedene hervorragende Person- 
lichkeiten der Leipziger Musikwelt kennen, darunter vor allem Robert Schu- 
mann, zu dem er sich vom ersten Augenblick an mehr als zu jedem andern 
leidenschaftlich hingezogen fiihlte, und dessen Kunst fur die seinige von 
der allergrofiten Bedeutung wurde. In ihm fand K. eine gleichgestimmte, 
wahlverwandte Kunstlerseele. Schumanns aus unergriindlich tiefem Empfinden 
geborene Musik mit ihrer bliihenden, lebenswarmen Romantik ergriff ihn im 
innersten Wesenskern, und ihre Zaubertone, die wie »klingendes Licht« in 
sein Herz fielen, erhellten ihm mit einem Male in leuchtender Klarheit den 
Weg, den sein eigener Genius ihn fiihren wolke. So wurde er der unmittel- 
bare Nachfolger des Meisters und derjenige Vertreter der Schumannschen 
Schule, der ihren Charakter am treusten und reinsten gewahrt hat. Mit wie 
echtem Verstehen Schumann seinerseits das Streben des von ihm hochge- 
schatzten jiingeren Freundes begleitete, das lafit sich schon aus seiner Be- 
sprechung der Kirchnerschen Lieder op. 1 erkennen, die 1843 in der »Neuen 



I58 Kirchner. 

Zeitschrift fur Musik« erschien und mit den Worten schlieBt: »man schreibe 
sich schon jetzt den Namen dieses talentvollen Musikers zu denen, die einen 
guten Klang in der Folge zu bekommen verheifien.« In demselben Sinne 
auflert sich Schumann verschiedentlich in seinen Briefen. »In Kirchner allein 
find* ich eine warme Musikseele«, schreibt er am 19. Juni 1843 an Verhulst, 
und an einer andern Stelle nennt er K. »das bedeutendste produktive Talent* 
unter alien Zoglingen des neugegrundeten Leipziger Konservatoriums. In 
dieses war K. besonders auf Mendelssohns Wunsch im Friihjahr 1843 als 
erster Schiiler eingetreten, nachdem er inzwischen ein Jahr in Dresden zuge- 
bracht und sich bei Joh. Schneider mit groflem Erfolge im Orgelspiel ver- 
vollkommnet hatte. Sein neuer Studienaufenthalt in Leipzig war indessen 
nur von kurzer Dauer, bereits im Herbst 1843 folgte er einem Ruf als Orga- 
nist nach Winterthur. Damit beginnt der zweite Abschnitt von K.s Kunstler- 
laufbahn, zugleich die glucklichste und sorgenfreiste Zeit seines ganzen 
Lebens. Fast dreifiig Jahre blieb er in der Schweiz, wo er sich von Anfang 
an vollig heimisch fiihlte. Hier fand er die treusten Freunde, denen er 
lebenslang eine riihrende Anh&nglichkeit bewahrte, hier schuf er, getragen 
von der Liebe und Verehrung aller, denen seine Kunst frohe, wahrhaft lebens- 
werte Feierstunden bereitete, eine Reihe seiner schonsten Werke. 1862 ging 
er nach Zurich, wo er die Stelle eines Dirigenten der dortigen Abonnements- 
konzerte und bald auch noch das Amt eines Organisten an St. Peter uber- 
nahm. Sein Nachfolger in Winterthur wurde Hermann Goetz. In Zurich 
lernte der Klinstler auch Richard Wagner kennen, doch eine Briicke wollte 
sich nicht zwischen ihnen schlagen. Sie lebten in verschiedenen Welten. 
Uberhaupt vermochte K. mit der von Berlioz, Liszt und Wagner ausgehenden 
neueren Richtung niemals innere Fiihlung zu gewinnen. Um so glucklicher 
gestaltete sich sein Verhaltnis zu Brahms, der ihm als die Vollendung der 
deutschen Musik gait Er traf ihn zum erstenmal im Sommer 1865 in Baden- 
Baden, und bald verband die beiden eine immer engere, festgegriindete 
Freundschaft. Mit der ganzen Wucht seiner musikalischen Pers6nlichkeit 
trat K. begeistert fiir die Schdpfungen des Freundes ein und war einer der 
ersten, die das gewaltige D-moll-Konzert offentlich zu Geh6r brachten. Sehr 
oft wirkte K. von Zurich aus auch in Baseler Konzerten mit, besonders gern 
ubertrug man ihm bei den groBen Auffiihrungen im Munster die Orgelpartie, 
und auch hier feierte seine abgeklSrte, durchgeistigte Kunst, so oft er kam, 
einen neuen Triumph. 1868 verheiratete er sich mit der ^ebenso schdnen 
wie liebenswiirdigen« Sangerin vom Ziiricher Stadttheater Maria Schmidt 
Vier frohe Jahre verlebte K. dann noch in der Schweiz. Im Spatsommer 1872 
aber wandte er sich nach Deutschland zuriick, ohne jedoch in der alten 
Heimat das ersehnte Gliick zu finden. Im Gegenteil es begann jetzt fur ihn 
eine Zeit ruhelosen Wanderns und schwerer Sorgen und Kampfe um die 
Existenz. In Meiningen, wohin ihn der Herzog als Musiklehrer fiir die Prin- 
zessin Maria berufen hatte, war seines Bleibens nicht lange. Die Hofluft mit 
ihrem Etiquettenzwang sagte seiner nach ungebundener Freiheit diirstenden 
Seele nicht zu. Er suchte daher die l&stigen Fesseln sobald wie mGglich 
abzustreifen. Mit neuen Hoffnungen ging er 1873 als Direktor der neu ins 
Leben gerufenen Musikschule nach Wurzburg. Doch auch hier vermochte er 
sich den Verhaltnissen nicht anzupassen, zum Beamten war er ebensowenig 



Kirchner. 



159 



geschaffen wie zum Hofmann. Kompromisse verstand er nicht zu schlieBen, 
und die Rucksichtslosigkeit seines Temperaments, liber die er nicht immer 
Herr blieb, bereitete ihm bei der Ausiibung seiner Pflichten manche Schwierig- 
keit. Er legte daher nach kaum zweijahriger Tatigkeit die Stelle in Wiirz- 
burg nieder und zog nach Leipzig, um hier als ganzlich unabhangiger Kiinstler 
von Privatstunden und dem Erwerb aus seinen Kompositionen zu leben. Im 
Gegensatz zu friiheren Jahren, in denen K. nur mit sehr wenigen Werken 
hervortrat — 1870 stand er noch bei der Opuszahl 10 — entfaltete er jetzt 
eine aufierordentliche Produktionskraft, und es zeigte sich, dafl die auflere 
Not die starken Schwingen seines Geistes nicht zu lahmen vermochte. Alle 
Kompositionen dieser Zeit sind reine, in sich vollendete Kunstwerke, nur 
an Einem fehlte es ihnen, sie eigneten sich nicht zur Marktware, mit der 
die Verleger ein Geschaft machen konnten. K. sah sich daher bald ge- 
zwungen, auch andere Wege zu gehen und sich mit Bearbeitungen aller Art, 
Transskriptionen von Liedern und dergl. zu befassen. Auch auf diesem Ge- 
biete hat er die musikalische Literatur um wirkliche Schatze bereichert, die 
alle das Geprage ernster Kiinstlerschaft tragen. Am bittersten mag er den 
harten Druck des Lebens empfunden haben, wenn er, was nicht selten vorkam, 
bestellte Arbeiten sozusagen handwerksmaflig liefern mufite. Ein Lichtblick 
in triiber Zeit war die im Friihling 1880 unternommene Reise in die Schweiz, 
wo der Klinstler zu den alten Freunden noch zahlreiche neue gewann. Die 
Riickkehr nach Leipzig aber brachte keine Besserung in seinen Verhaltnissen, 
er griff daher wieder zum Wanderstab und versuchte in Dresden festen Fufi 
zu fassen. Es gelang ihm auch, am Dresdener Konservatorium eine freilich 
sehr niafiig besoldete Stelle als Lehrer fiir Ensemble und Partiturspiel zu 
erhalten. Alle andern Erwartungen aber, mit denen er gekommen war, 
schlugen fehl, und Mitte der achtziger Jahre gestaltete sich seine auflere Lage 
so trostlos, dafl verschiedene seiner Freunde, darunter Brahms, Biilow, Grieg, 
Herzogenberg, Joachim und Konstantin Sander in Leipzig, gemeinsam einen 
Aufruf zur Bildung eines Ehrenfonds fiir K. erlieflen. Sie hatten einen so 
gunstigen Erfolg damit, daB binnen kurzem eine erhebliche Summe zur Ver- 
fiigung stand, durch welche der &ufiersten Not gewehrt und auch die Zukunft 
der Familie einigermaflen sicher gestellt werden konnte. K. selbst aber litt 
es nicht mehr lange in Dresden, 1890 trennte er sich von den Seinigen und 
liefl sich in Hamburg nieder, wo sich ihm endlich in seinem hohen Alter 
dank der treuen und liebevollen Fiirsorge einer hochherzigen Hamburger 
Familie nach langer Irrfahrt eine sichere Zuflucht bot. Es ist hier nicht der 
Ort, den inneren Griinden der tragischen Schicksale nachzuforschen, die K. 
in der zweiten Halfte seines Lebens so schwer bedr&ngten. Auch von ihm 
wird Theodor Storms ernstes Wort gelten: »Vom Ungliick erst zieh* ab die 
Schuld«. Seine Kunst aber — und auf sie allein kommt es hier an — hat 
er durch alle Stiirme und Wirrsale siegreich hindurch gerettet, und wer sich 
in sie versenkt, dem wird er immer als ein Geweihter, eine Lichtgestalt 
erscheinen. 

Theodor Kirchners Musik — »des Erdenlebens schweres Traumbild 
sinkt«, ein wundersamer Stimmungszauber nimmt uns gefangen, eine Welt 
voll Schdnheit, Geist und Anmut tut sich auf. — Von Schumann ging K. 
aus, doch trotz der engsten Anlehnung an sein grofies Vorbild, ist er niemals 



1 60 Kirchner. 

sein bloBer Nachahmer gewesen, in allem was er schuf, zeigte er sich als 
eine durchaus selbstandige Kiinstlernatur. Man hat es K. zum Vorwurf ge- 
macht, dafi ihm nie ein Werk grofien Stiles gelungen sei. Allein er kannte 
die Grenzen seines KOnnens viel zu genau und iibte stets eine viel zu strenge 
Selbstkritik, als dafi er sich je hatte verleiten lassen sollen, Wege zu wandeln, 
fur die seine Kraft nicht ausreichte. Er war der Meister dcr musikalischen 
Kleinkunst, besonders auf dem Gebiet des kleinen Klavierstiicks steht er 
einzigartig und uniibertroffen da, hier liegt seine eigentliche Bedeutung. 
Genialer Erfindungsreichtum, lebendigste Frische, bestrickende Melodik 
zeichnen alle diese Kompositionen aus, welche die zartesten und leiden- 
schaftlichsten Empfindungen einer echten Kunstlerseele wiederspiegeln. Die 
Form erscheint immer streng durchgebildet und in sich geschlossen. Es ist 
durchaus nicht immer leicht, dem Kiinstler zu folgen, er erfordert oft reifes 
Verstandnis und intimes, eindringendes Studium. Allein, wer tief hinabtaucht 
in die kristallreine Flut seiner Tone, der findet die Perle am Grunde. 

Eine gute, auf griindlicher Kenntnis beruhende Ubersicht und Analyse 
der Kirchnerschen Tondichtungen gibt Niggli in seinem unten erwahnten 
Essay. Hier sei nur fliichtig an die schdnsten seiner Werke erinnert, zu 
denen vor allem die »Klavierstiicke« op. 2, die allbekannten »Albumblatter« 
op. 7, sowie die Clara Schumann gewidmeten »Praludien« op. 9 gehdren. 
Der ganze Kirchner lebt auch in den »Nachtbildern« op. 25, und ebenso 
zahlen op. 56 »In stillen Stunden« und die »Romantischen Geschichten* 
op. 73 zu den kdstlichsten und poesievollsten Offenbarungen seines Geistes. 
Auch unter K.s Liedern finden sich Schatze von hinreifiender Kraft und 
SchOnheit, so das vielgesungene »Sie sagen, es wire die Liebe« aus op. 1, 
und das tief innige »Was gibt doch der Sonne den herrlichsten Glanz« (op. 6). 
Aus der spateren Zeit stehen die Lieder op. 40 und 50 obenan. Erstere 
gelten dem Andenken seines fruh verstorbenen Freundes Franz v. Holstein. 
Auflerst wirkungsvoll ist auch das herrliche »Liebeserwachen« (op. 67), eine 
der duftigsten Bliiten in dem reichen Kranze der Kirchnerschen Lieder. 
Unter seinen wenigen Kammermusikwerken diirfte das Klavierquartett op. 84 
(C-moll) das bedeutendste sein. Das sch6ne Streichquartett G-dur op. 20 
gehorte seinerzeit zu den von dem beriihmten Florentiner Quartett bevor- 
zugten Kompositionen. Voll entziickenden Humors sind die Novelletten 
op. 59 fur Klavier, Violine und Cello. Mit einem Wort mufi hier auch noch 
der ausgezeichneten Bearbeitungen K.s gedacht werden, auf die wir schon 
oben kurz hingewiesen haben, der gradezu meisterhaften Klavier-Arrangements 
einzelner Lieder von Brahms, Schumann und Franz, sowie um nur einiges 
noch zu nennen, der hervorragenden Transskription des Schumannschen »Faust€ 
und des Brahmsschen Requiems fur Klavier allein. 

In alledem lebt der Herzschlag wahrer Kunst, jeder spurt ihn, so oft er 
Kirchnersche Weisen vernimmt. Allein den ganzen unsagbaren Zauber seiner 
Musik werden wir nie mehr empfinden. Der enthiillte sich in seiner vollen 
Tiefe nur dann, wenn der Meister selbst am Fliigel safi und seine eigenen 
Sachen oder Schumann und Chopin spielte, oder wenn er etwa vollendet, 
wie es kein anderer vermochte, seinen Freund Stockhausen zum Gesang be- 
glcitete. Wie seelenvolles Singen war sein Spiel, und die Macht seiner Tdne, 
in denen er das drangende Leben der eigenen Brust ausstrdmte, packte die 



Kirchner. [gr 

ZuhSrer mit Allgewalt. So schreibt Wilhelm Baumgartner einmal iiber ein 
Konzert, welches Clara Schumann und Stockhausen unter Mitwirkung von K. 
im Februar 1862 in Zurich gaben: »Die Krone des Abends war die Dichter- 
liebe, ein Liederkreis von Heine, komponiert von Schumann, vorgetragen 
von Stockhausen und begleitet von Kirchner. Das Ganze ein Gufi, voll 
Poesie, Stimmung und hdherer Auffassung. K. I6ste seine schwere Aufgabe 
als Kunstler, jeder Ton bewu6t mit Hingebung und vollster Beherrschung 
des Kunstwerkes, ganz in Schumann eingelebt und verwebt. Der Eindruck 
auf mich war grofi und unvergefilich«. Ahnliches bezeugen alle, denen es 
vergonnt war, K. am Klavier zu h6ren oder seinem wundervollen Orgelspiel 
zu lauschen. Wir werden es nimmer erleben. Er, der so Grofies iiber 
Menschenherzen vermochte, ruht »im Bann des ew'gen Schweigens«. Und 
doch, was er geschaffen, bleibt uns und denen, die nach uns kommen, un- 
verloren. Denn es ist echte Musik, die K. uns geschenkt hat, gesund und 
kerndeutsch. Wie sollte sie nicht leben! 

Vgl. A. Niggli, Th. K. Ein biographisch-kritischer Essay. Leipzig und Zurich: 
Gebr. Hug (1888). (Sep.-Abdr. aus der »Schweizerischen Musikzeitungc, Jg. 27, 1887, 
Nr. 6 — 13.) — Derselbe, Th. K. Ein Gedenkblatt (»Schweiz. Musikzeit.c, Jg. 44, 1904, 
Nr. 1 — 2). — ■ »Die Musik*, Jg. 3, 1903/04, Hft. 2, S. 115 — 117 (Nekrolog von J. Sittard 
mit vortrefFl. Bildnis). — »Die Musikwoche«c, Jg. 1903, Nr. 37 (Portr.), Nr. 38 (Nekrolog 
von S. Karg-EIert). — »Neue Musik-Zeitung« (Stuttgarter), Jg. 25, Nr. 1 v. 22. Okt. 1903 
(\V. Wintzer, Personliches von Th. K.). — »Der Klavier-Lehrer«, Jg. ?6, 1903, S. 312 — 315, 
361 — 363 (Nekrolog von A. Morsch). — »Neue musikalische Presses, Wien, Jg. 12, 1903, 
Nr. 19 (Nekrolog von A. Smolian). — »The Monthly Musical Record*, Vol. 33, 1903, 
S. 204 — 205 (Nekrolog von Christina Struthcrs). — >Neue Zttrcher Zeitung« v. 24. Sept. 

1903. — ^Hamburg. Correspondent*, Morg.-Ausg. v. 19. Sept. 1903. — »Neue Zeitschrift 
fflr Musikc, Bd. 55, 1861, S. 153—156, 165—167 (Schumanniana Nr. 6. Die Schu- 
mann'sche Schule. II. Th. K. — Als Geburtsjahr ist hier irrtUmlich 1824 angegeben). 
— »Signale ftir die musikalische Welt«, Jg. 18, 1860, S. 27; Jg. 31, 1873, s - 337/3 8 ; 
Jg. 34, 1876, S. 65/66; Jg. 45, 1887, S. 1057/58; Jg. 61, 1903, S. 874. — »Musikalisches 
Ontralblattc, Jg. 1, Leipzig 1881, Nr. 26. — H. Riemann, Geschichte der Musik seit 
Beethoven, 1901, S. 613/14. — Derselbe, Musik -Lexikon, 6. Aufl. 1905, S. 660/61 mit 
»einer fast vollstandigen Liste von K.s Originalkompositionen*. — A. Ehrlich, Beriihmte 
Klavierspieler der Vergangenheit und Gegenwart, 2. Aufl., Leipzig 1898, S. 155/56. — 

C. F. Weitzmann, Geschichte des Klavierspiels und der Klavierliteratur, 2. Ausg. (1879), 
S. 176. — R. Schumann, Gesammelte Schriften Uber Musik und Musiker. 4. Aufl. Neue 
Ausg. v. F. G. Jansen, Bd. 2, 1891, S. 427 — 428, 484. — H. Erler, ^Robert Schumann's 
Leben«. >Aus seinen Briefen«. 1887. Bd. 1, S. 324/325; 2, S. 174, 195. — R. Schu- 
manns Briefe. N. F. Hrsg. v. F. G. Jansen, 2. Aufl. 1904, S. 229, 230. — J. V. Widmann, 
Johannes Brahms. Berlin 1898, S. 15. — M. Kalbeck, Johannes Brahms. Bd. 1, 

1904, S. 283/84. — Musikerbriefe aus fUnf Jahrhunderten, hrsg. von La Mara. Bd. 2, 
S. 321 — 323 (Brief K.s an seinen Bruder Otto, Winterthur 10. Febr. 1854). — Hans v. 
Bttlow, Briefe u. Schriften. Bd. 3, 1896, S. 86; vgl. S. 139, 286, 294, 418, 436. — L. 
Nohl, Neues Skizzenbuch, 2. Ausg. Mlinchen 1876, S. 153 ff. — L. Ehlert, Aus der 
Tonwelt Essays. Berlin 1877, S. 244. — W. J. v. Wasielewski, Aus siebzig Jahren. 
LebeDserinnerungen. 1897, S. 35/36. — (C. Widmer), Wilhelm Baumgartner. Zurich, 

D. Bttrkli, 1868, S. 132/33. — W. Kienzl, Miscellen. Leipzig 1886, S. 76/77. — Person- 
liche Mitteilungen uber K. verdanke ich Frau Musikdirektor Kaslin in Aarau, die mir auch 
cine Rcihe von Briefen K.s freundlichst zur Verfligung stellte. 

Job. Sass. 

Biogr. Jahrbuch u. Dcutschcr Nekrolog*. 8. Bd. 1 1 



l62 Steiner. 

Steiner, Kilian, Dr., * 9. Oktober 1833 in Laupheim (Wurttemberg), 
f 25. September 1903 in Stuttgart. — Der Unterzeichnete bringt hier auf 
Wunsch des Herausgebers die Worte zum Abdruck, welche er im Krema- 
torium in Heidelberg zum Gedachtniss des Freundes sprach, lafit aber einige 
Notizen iiber den Lebensgang vorangehen. 

Kilian Steiner stammt aus jiidischen Kreisen Oberschwabens. Sein Vater 
hat erst 1828 mit zwei Briidern den Familiennamen Steiner angenommen, 
wie es iiberall die neuere Gesetzgebung verlangte. Er hiefi Victor, ist am 
1. September 1790 geboren, am 14. Juli 1865 gestorben; die Mutter Sophie, 
geb. Reichenbach, war 1800 geboren, starb 14. Oktober 1866. Wesen, Charakter 
und aufiere Erscheinung soil Kilian wesentlich von ihr haben. Uber die beider- 
seitigen Grofieltern sind nur Namen, Geburts- und Sterbetage iiberliefert. Wesen 
und Erscheinung St.s waren in so vielfacher Beziehung iiberwiegend germanisch, 
oberschw&bisch, dafi man unwillkiirlich an eine vielleicht weit zuriickliegende 
Blutmischung zwischen judischer und germanischer Rasse denkt. 

Die Eltern lebten in bescheidenen Verhaltnissen ; der Vater war Handels- 
mann, Landwirt und Brauer; er hatte, als die wurttembergische Regierung 
Schlofi und Gut Laupheim verkaufte, dieses erhebliche Anwesen mit Andern 
iibernommen. Er mufite sich schwer durchschlagen; hatte elf Kinder, 
welche von 1819 — 1840 geboren wurden. Kilian war das achte Kind, be- 
suchte die Volksschule in Laupheim und erhielt zugleich lateinischen Unter- 
richt beim katholischen Geistlichen; 1844 — 49 wurde er Schiller des Stuttgarter, 
1849 — 5 1 des Ulmer Gymnasiums, wo der spatere Oberstudienrat Hassler, als 
Leiter der Anstalt, sich seiner sehr annahm. Von den fiinf SGhnen war Kilian 
der einzige, der eine hohere wissenschaftliche Ausbildung erhielt; die andern 
wurden Kaufleute und Brauer. 

Von 185 1 — 58 studierte St. in Tubingen und Heidelberg, machte dann 
seine juristischen Staatsexamina, liefi sich 1859 * n Heilbronn als Advokat 
nieder und siedelte 1865 nach Stuttgart iiber, wesentlich auf Wunsch seiner 
politischen Freunde (der deutschen Partei) und in Zusammenhang mit den 
Pl&nen, eine grofie wurttembergische Bank zu grunden. Er war von Anfang 
an der Rechtsrat und geistige Leiter der 1869 gegriindeten Vereinsbank, deren 
Geschichte er 1894 schrieb: » Wurttembergische Vereinsbank, Rechenschafts- 
bericht iiber die ersten 25 Gesch&ftsjahre 1869 — 18930c. Dieser Bericht ist 
ein sehr wertvoller Beitrag zur deutschen Bankgeschichte. 1 ) 

Am 17. Oktober 1869 verheiratete sich St. mit Clotilde Goldschmidt, 
geb. Bacher, die ihm zwei Tdchter erster Ehe mitbrachte; er liebte sie wie 
seine eigenen und gab ihnen seinen Namen; aus seiner Ehe gingen drei 
Kinder hervor, Victor geb. 1870, jetzt Rechtsanwalt in Kolmar, Lisi geb. 
1872, Mut geb. 1876. Alle drei sind verheiratet. 

Uber die »zwei Seelen« in seiner Brust, von denen die eine ihn nur nach 
idealen Giitern streben, die andere ihn zu einem der ersten unserer grofien 
Unternehmer und Kartellgriinder werden liefi, sei es gestattet hier eine Brief- 
stelle von ihm anzufiihren (wohl an seine Mutter gerichtet, aus den fiinfziger 
Jahren): »Was die innere Geschichte meines hiesigen Lebens betrifft, so kann 



«) Ich hoffe, ihn demnSchst in meinem Jahrbuch fttr Gesetzgebung des Deutschen 
Reiches (1905) zu vcrtfffentlichen. 



Steiner. 1 63 

ich hier freilich nur vom allgemeinsten sprechen. Ich wurde durch die Zeit, die 
ich daheim verlebte, von meinem sonstigen Streben weit abgezogen; es waren 
meist nur materielle Interessen, die ich urn mich sah und ich war geneigt, 
auch fur meinen Teil darnach zu streben, diesem Interesse zu genligen. Ich 
fiihlte aber bald, dafi es in meinem Herzen und in meinem Geiste leer und 
leerer wird und wie ich hieher kam, da erfiillte mich wieder die ganze 
Sehnsucht nach der fruheren Zeit, wo nicht das ganze Ziel meines Strebens 
auf Erlernung meines Handwerkes gerichtet war, sondern ich voll Eifer fur 
das Gute und Schone ein h6heres Ziel fur das Leben verfolgte. Leider ge- 
hort Bildung, die wahre und echte, immer mehr zu den seltenen Dingen; 
der materielle Erwerb erfiillt alle Kopfe und Herzen. Ich schlug von Anfang 
an einen anderen Weg ein und bin wieder auf ihn zuriickgekommen, um auf 
demselben zu verharren.« 

Die Politik, die Wissenschaft, die Literatur, die Kunst waren es, welche 
ihn freundschaftliche Bande mit Wallesrode, Leuthold, Wilhelm Raabe, Moritz 
Hartmann, Wilhelm Jensen, Adolf Seeger, Pfizer, Freiherrn v. Stauffenberg, 
Berthold Auerbach, Paul Heyse, J. Viktor v. Scheffel, Herrn v. Putlitz (dem 
Karlsruher Intendanten), mit Bamberger, Lasker, Rickert kniipfen lieflen. Als 
Fiihrer der deutschen Partei stand er in enger Fuhlung mit dem preuflischen 
Gesandten von Rosenberg; Minister von Varnbiiler hatte dauernden Verkehr 
mit ihm, ebenso stand Finanzminister v. Riecke ihm nahe und der langjahrige 
ausgezeichnete stille Lenker der wurttembergischen Politik, der Geheime 
Kabinetschef v. Griesinger. Manche der Tubinger Professoren sahen ihn 
gerne und schatzten ihn hoch; es seien nur die beiden Kanzler Rumelin 
und Weizsacker genannt. 

Teils als alte Freunde, teils als neue Geschaftsgenossen traten die fuhren- 
den Berliner und Wiener Finanzmanner in engere Beziehung zu ihm, vor 
allem Adalbert Delbriick, Werner und Georg v. Siemens, Steinthal (Deutsche 
Bank), Finanzminister Depretis. 

In den achtziger und neunziger Jahren entstanden die Beziehungen zu 
Laistner, Bettelheim, Adolf Kroner, German v. Bohn, Gabillon, Sudermann, 
Lenbach, Erich Schmidt, Bernhard Suphan. 

Eine vornehme und behagliche Gastfreundschaft fiihrte diese und zahl- 
reiche andere bedeutende Manner im Sommer immer wieder nach Niedernau 
und Laupheim. Er hatte 1877 das Sommerhaus des Klinikers Niemeyer in 
Niedernau erworben, schuf dort an sonnigem Waldabhang einen ganz eigen- 
artigen Waldpark, mit halbsudlichen Gartnereien verbunden. In spateren Jahren 
wohnte er im Sommer auf Schlofl Laupheim; er begriindete dort in kiirzester 
Zeit nicht bloB eine Musterlandwirtschaft ersten Ranges und eine technisch 
vollendete Brauerei, sondern auch wieder einen Ziergarten und einen Park, 
der anmutig das hochliegende alte Schlofigebaude umgibt. — Immer mehr 
zog er sich von der geschaftlichen Tatigkeit zuriick, sammelte Bilder, Kunst- 
gegenst&nde, wertvolle literarische Manuskripte — die Zukunft seiner Kinder 
ordnend, fertig mit dem irdischen Leben, ruhig und gelassen den Tod er- 
wartend. 

Von den judischen und den christlichen Pfaffen wollte er nichts wissen. 
Mit hochstehenden protestantischen Geistlichen hat er gerne verkehrt, engste 
Beziehungen zu ihnen gehabt. Meine Gedachtnisrede auf ihn lautet: 



164 Steiner. 

Werte Trauerversammlung! Wir haben uns vor dem Sarg unseres Freundes, 
des teuren Anverwandten, des Mitarbeiters und Chefs, des Dr. Kilian v. Steiner 
hier versammelt, urn ihm ein letztes Lebewohl zuzurufen, ehe seine irdische Hulle 
in Asche zerfallt, wie er es angeordnet hat. Ich schatze mich gliicklich, von 
der Familie berufen zu sein, als sein altester Freund hier den Gefuhlen Aus- 
druck zu geben, die uns alle beseelen. Es sind die bitteren Gefuhle des 
Schmerzes, dafi wir von dem unvergefilichen, seltenen Manne uns trennen 
sollen, der in der Tat in seiner Familie, in seinen Geschaftsbeziehungen, bei 
seinen Freunden eine unausfullbare Lucke hinterlaflt. Er war der beste 
Gatte, der treueste Vater, der Berater aller seiner Verwandten, der hingebendste 
Freund seiner Freunde, er war ein Geschaftsmann ganz grofien Stils, ein 
guter Jurist, derzum koniglichen Kaufmann geworden war; einer der fiihrenden 
Geister beim Ubergang der deutschen Volkswirtschaft aus der Enge klein- 
biirgerlicher Verhaltnisse zur Weltmacht, zur Groflindustrie, zur modernen 
Geld- und Kreditwirtschaft in den letzten vierzig Jahren. 

Wie wurde ihm mflglich, so Grofles zu leisten? Er stammte aus be- 
scheidenen Verhaltnissen; doch konnten ihn seine trefflichen Eltern aufs 
Gymnasium nach Ulm und Stuttgart senden. Er entwickelte sich nicht rasch, 
einer seiner Lehrer soil dem Vater geraten haben, ihn ein Handwerk lenien 
zu lassen. Schon damals wird er den Zug bedachtiger Vorsicht und Umsicht 
gehabt haben, der langsam voranging, um erst wenn er ganz festen Boden 
unter den Fuflen hatte, zu urteilen und zu handeln. Er hat dann in den 
Fiinfzigerjahren in Tubingen und Heidelberg Jura, Geschichte, Philosophic 
und Literatur studiert und getrieben. Seine geistige Lebensluft blieb der 
humane Idealismus, der, aus unserer grofien Literaturperiode stammend, damals 
noch voll und ganz die besseren, hochstrebenden Geister beherrschte. Es ist 
bezeichnend, dafl er bis an sein Lebensende humanistisches Gymnasium und 
juristisches Studium auch fur die beste Vorschule des grofien Kaufmanns hielt 
und dafi er, den Schillerverein griindend und unterstiitzend, gleichsam seinen 
Jugendidealen Altare errichtete. Ich glaube, man wird sagen konnen, er 
wire nach seinen innersten Neigungen stets am liebsten der Literatur, der 
Kunst, der Wissenschaft treu geblieben. Fur UniversitStsprofessoren behielt 
er zeitlebens eine — ich mochte fast sagen ubertriebene — Schwache und 
Verehrung. 

Ich hatte St. kennen gelernt, als ich am ersten Tag meines Tiibinger 
Aufenthalts in der »Traube<* einen Platz am studentischen Mittagstisch suchte 
und zufallig neben ihn kam. Aus dem gemeinsamen Essen erwuchs unsere 
Bekanntschaft, die bald zur Freundschaft und Gesinnungsgenossenschaft in 
philosophischen, ethischen, politischen, sozialen und anderen Idealen wurde. 
Schon damals hatte der Umgang mit ihm einen unwiderstehlichen Reiz. 
Als er nach einigen Semestern Tubingen verliefi, wurde ich der Erbe seines 
Zimmers im Ammermullerschen Hause. Er sollte nun bald sein Brot ver- 
dienen und wandte sich als unbekannter, junger Advokat nach Heilbronn, 
wo er aufier mir wohl nur Dr. Paul Buttersack sen. naher kannte. Nicht ganz 
leicht wurde es ihm, sich eine geachtete, lohnende Stellung zu erk&mpfen. 
Manche, die spater seine gehorsamen Diener waren, traten ihm zuerst un- 
freundlich entgegen. Er entwaffnete alle durch seine Ruhe und Liebens- 
wurdigkeit, durch seine juristischen und geschaftlichen Fahigkeiten. Ich war 



Steincr. 1 65 

186 1 bis 1864 auch viel in Heilbronn; er war ein fast taglicher Cast in un- 
serem Hause. Neben der laufenden Advokatenarbeit ergriff ihn die Politik; 
ein begeisterter deutscher Patriot trat er fur Preuflens Fiihrung, fur die An- 
nahme des franzosischen Handelsvertrags und derartiges ein. Bald war man 
auch in Stuttgart auf ihn aufmerksam geworden. Gustav Miiller zog seine 
grofie, schriftstellerische und gesch&ftliche Kraft in den Dienst der Losung 
der wurttembergischen Bank- und Kreditfragen. Er iibersiedelte nach Stutt- 
gart und war von Anfang an die Seele der neuen, 1869 eroffneten Vereins- 
bank. Auch in Berlin bemerkte man seine Bedeutung. Dr. Delbriick, der 
fruhere Chef des grofien Bankhauses Delbriick, Leo und Co., erzahlte mir 
einmal, Ende der Sechzigerjahre habe er von dem ihm damals noch wenig 
bekannten Dr. Steiner eine kleine Denkschrift iiber eine wichtige volkswirt- 
schaftliche Frage (vielleicht iiber die Neugriindung der Berliner Banken 

1868 bis 1 871) erhalten, die so prazis, so durchdacht, so grofl in ihren Kon- 
zeptionen gewesen sei, dafi er sofort begriffen habe, welchen Wert es hatte, 
ihn zu allem Moglichen heranzuziehen. 

Daneben aber hielt ihn bis in die Siebzigerjahre die Politik gefangen. 
Er wurde in Wiirttemberg einer der Fiihrer der Deutschen Partei. Er hat 
vor allem in den grofien Entscheidungsjahren 1866 und 1870 eine bedeutsame 
Rolle in Stuttgart gespielt. Der leitende Minister v. Varnbiiler, der 1866 den 
PreuBen das vae victis zurief und auch 1870 nicht ganz sicher war, in welchem 
Lager Wurttembergs Vorteil und Zukunft liege, kannte und schatzte St. sehr 
hoch; er sprach ihn damals viel, er merkte, dafi dieser durch seine auswar- 
tigen Verbindungen doch oft viel besser unterrichtet sei als er; er fiihlte wohl 
auch die Wucht und Kraft des nationalen Gedankens, der ihm in St. so klug 
und gemafiigt, so iiberzeugend entgegentrat. Das einzelne aus diesen Be- 
ziehungen kann hier nicht besprochen werden. 

So kam er auf die Mittagshohe seines Lebens 1870 bis 1890, nachdem er 

1869 sich auch sein eigenes Heim gegriindet, seine Jugendliebe heimgefiihrt 
hatte; nicht lange nachher hat er in dem stillen Niedernau sich einen idyllischen 
Waldgarten mit Sommerhaus geschaffen. Er lebte nun mehr und mehr ganz 
den grofien Geschaften: Er nahm tatigen Anteil an der Geschaftsleitung der 
ersten deutschen Effekten-, namlich der »Deutschen Bank«, an der Begriindung 
und Ausfuhrung der Anatolischen Bahnen, er baute das wiirttembergische 
Bankwesen vollends aus; er wurde der finanzielle Berater und stellvertretende 
Vorsitzende der Gesellschaft, die das gr6flte deutsche Verlagsinstitut schuf, 
indem sie eine Anzahl groflerer Verlagsgeschafte zur »Union« zusammenfafite 
und damit die Cotta'sche Buchhandlung und den Verlag der Gartenlaube in 
Verbindung brachte; er war eine Hauptperson bei der Schaffung des Pulver- 
und Dynamitkartells, bei dem riesenhaften Aufschwung der Badischen Anilin- 
und Sodafabrik; er hat jahrelang daran gearbeitet, das ungesunde Monopol 
der Rothschilds und ihrer Klientel durch ebenbiirtige Fusionen zu brechen. Er 
hat mit das grofie Heilbronner Salzwerk geschaffen und sein Gedanke war 
es, soviel ich weifi, dafi dieses grofie Unternehmen einst der Stadtgemeinde 
anheimfallen sollte. Heute wiirde man das Munizipalsozialismus nennen. Bei 
St. war es das einfache Gefiihl der Gerechtigkeit, an derartigen aus der Ge- 
meindemarkung hervorgehenden Reichtumern in irgend einer Form die ganze 
Gemeinde teilnehmen zu lassen. Doch ich darf mich nicht in die Einzel- 



1 66 Steiner. 

heiten verlieren, soviel noch zu erw&hnen ware. Ich bemerke nur noch, dafl 
seit den neunziger Jahren die ungeheuer werdende Geschaftslast und das 
herannahende Alter ihn veranlafiten, sich etwas von diesen grofien Unter- 
nehmungen zuriickzuziehen, und dafl er nun die freien Stunden seiner Sechziger- 
jahre ganz dem Plane widmete, in Laupheim, wo seine Eltern einst schon 
eine kleine Landwirtschaft und Brauerei betrieben hatten, eine grOflere Muster- 
wirtschaft zu errichten. Seine Kase- und Butterproduktion machte ihm hier 
nun so viel Freude, wie vorher die grofien Kartellgriindungen. Er brachte 
es in wenigen Jahren so weit, dafl angesehenste Landwirte aus nah und fern 
nach SchloB Laupheim wallfahrteten , urn die Geheimnisse dieses technisch 
vollendeten, trotz der landwirtschaftlichen Not lukrativen Betriebes zu er- 
griinden. 

Ich frage noch einmal, wie kam dieser humane Idealist zu solchen prak- 
tischen Erfolgen? Was war psychologisch die Ursache derselben, was machte 
den Kern seines geistigen Wesens aus? Ich hOrte oft sagen: Ja, der St. hat 
eben eine gllickliche Hand. Aber die Hand und das Gliick machts nicht, 
sondern der Kopf, der Charakter, das Gemiit, die ganze Seele und alle ihre 
Krafte. Man hat ihn ein Geschaftsgenie genannt; ich mftchte sagen, er hatte 
grofle geniale Ziige, aber sie waren in erster Linie solche der Willensenergie, 
der Verstandesscharfe, der Herzensgiite und der Gemutswarme. Es will mir 
vorkommen, seine ganzen Geistes- und Gemiitskrafte seien, wie man es nur 
bei wenigen begnadigten Menschen trifft, von besonders starker Erregbarkeit 
und besonders grofier Feinheit gewesen; er beobachtete besser als andere, 
seine Fahigkeit, Menschen und Verhaltnisse zu durchschauen, in ihren Folgen 
zu schatzen, war grOfier; alle Eindriicke auf seine Seele waren starker, seine 
Anschauungsbilder von der Welt waren lebendiger, seine Fahigkeit, zu handeln, 
weitumspannende Verhaltnisse konzentriert als Einheit zu fassen, war grdfier 
als bei andern Menschen. Er hatte, was fur den handelnden Menschen das 
wichtigste ist, ein seltenes Augenmafi fur richtige und rasche Einschatzung 
der Krafte, der Menschen, der Verhaltnisse, die ihm gegeniiberstanden ; er 
sah stets das Grofie sofort grofi, das Kleine klein. Und deshalb stimmten 
auch seine Erwartungen mit den spatern Folgen. Nichts hat ihn gliicklicher 
gemacht, als wenn in seinen grofien Geschaftskombinationen nach Monaten 
und Jahren die Dinge sich so gestalteten, wie er vorausgesagt hatte. Nichts 
erhahte auch sein Ansehen in der grofien Geschaftswelt mehr, als diese Treff- 
sicherheit in der Voraussicht der privat- und volkswirtschaftlichen Entwick- 
lungsprozesse. 

Aber wer so geartet ist, wer ein so viel feineres Instrument der Seele 
besitzt, der leidet auch darunter. Bis zum physischen Schmerz konnte jede 
wichtige politische, geschaftliche, Familiennachricht ihn erregen; er konnte 
dann wie abwesend erscheinen, sich in sich selbst verschliefien, um Herr zu 
werden iiber die Erregung; er war dann nicht fahig, dariiber zu reden, wie 
er iiberhaupt leicht als still, als verschlossen erschien, nur schwer sein Innerstes 
aufschlofi, auch nur selten den Vertrautesten sein Herz und seine letzten Ge- 
danken ganz eroffnete. Er sprach leicht stockend; er liebte es, oft nur in 
Andeutungen zu reden, auch wo er sich aufschlofi. Fernstehenden erschien 
er stets mehr als die Herrschernatur, die mit Sicherheit ihre Wege geht und 
gebietet. So hat ihn auch Lenbach in seinem Bilde erfafit. Auch in der 



Stciner. 1 67 

Familie erschien er als herrschender Patriarch; ich mufite, wenn ich ihn da 
lenken und bestimmen sah, oft an die Worte Ulpians denken : pater familias 
est, qui in domo dominium habet. 

Er war daneben die Giite, die Leutseligkeit, die Liebenswiirdigkeit, die 
Weichheit selbst; er war ein unverbesserlic(ier Idealist und Optimist; er sah 
stets mehr das Gute in den Menschen als das Schlechte, weil er selbst inner- 
lich so gut war. Er war auch in den Geschaften Optimist, sonst hatte er 
nicht so Grofies geschaffen; der ganz groBe Unternehmer ist wie der groBe 
Staatsmann nicht moglich ohne eine groBe produktive, an den Fortschritt der 
Welt, an hohere, bessere Formen der Zukunft glaubende Phantasie. Aber 
dieser Optimismus verband sich bei St. mit scharfster Erfassung des Wirk- 
lichen und mit der hochsten Energie des Wollens; er setzte alles daran, das 
zu verwirklichen, was er hoffte und wiinschte. Und jeder grofle Wille zwingt 
das Schicksal bis auf einen gewissen Grad. 

In diesen Eigenschaften liegen die Geheimnisse seiner grofien Erfolge, 
auch die Erklarung so vieler kleinen Ziige seines Wesens. Am meisten fiel 
auf, dafi er fast scheu, keusch sich stets in den Hintergrund druckte; er hatte 
eine formliche Angst, mehr zu scheinen als er sei, ja nur entfernt zu verraten, 
was er GroBes sei und leiste. In seinen Geschaftsberichten sprach er nie von 
sich, es hatte da stets den Anschein, als ob andere das Grofie gemacht. Er 
hat kaum je offentlich gesprochen, so viel er anderen mit seinen Gedanken 
und RatscKIagen unter die Arme gegriffen hat. Die Ursache lag eben in 
seiner Sensibilitat; er wurde nur im stillen Kammerlein Herr iiber seine 
Gedanken und Erregungen, im grofien Kreise fiirchtete er die Gewalt der 
letzteren. 

Auch im kleineren Kreise seiner groBen Geschaftsfreunde liefi er, so wird 
mir erzahlt, gerne zunachst andere reden. Aber zuletzt, wenn alles durch- 
einander ging, kein rechter Ausweg denkbar schien, dann erhob er sich, trug 
klar und sicher seinen wohliiberlegten Plan vor; dann sanken die Nebel und 
alle fiihlten, daB St. der Meister war, dafi man ihm folgen und gehorchen 
musse. Mochten andere, wie sein Freund Georg von Siemens, oft genialer 
und kiihner sein, er war vorsichtiger, solider; von Siemens' Planen scheiterte 
auch mancher, von den seinigen kaum jemals einer. 

Bequem war er auch seinen Freunden, seinen Kollegen und den Ver- 
waltungsraten, seinen Direktoren und Beamten nicht immer. Nicht blofi, 
dafi er viel forderte, weil er selbst viel leistete. Er hatte vor allem strenge 
Vorstellungen iiber Soliditat, Rechtlichkeit, erlaubte Geschaftsmaximen. Nicht 
bloB, weil er selbst innerlich eine so vornehme, idealistische Natur war, weil 
ihm die Sache stets iiber dem augenblicklichen Geldgewinn stand, sondern 
weil er auch mit weitem Horizont die Tragweite der ungeheuren Umwalzung 
unserer Betriebsformen iiberblickte, weil er die Gefahren einer ungesunden 
und die Bedingungen einer gesunden Entwicklung dieser neuen wirtschaft- 
lichen Welt erkannte. 

Er sah, dafi wir nur mit diesen neuen Formen der Aktiengesellschaft, 
der Fusion, des Kartells und Trusts rasch vorankommen, den anderen 
Nationen die Stange halten konnen. Er war einer der ersten, der diese 
Formen praktisch anwandte, ihnen Gestaltung, rechtliche Form, wirtschaftliche 
Ausfuhrung gab. Aber er sah auch, dafi damit eine andere Welt wirtschaft- 



1 68 Steiner. 

licher Motive entstanden war, dafi nur Menschen mit viel hoherer Bildung 
und Schulung und mit ganz anderem Pflicht- und Verantwortlichkeitsgefuhl, 
mit ganz anderem sozialem Sinn diese grofleren Institute richtig und segens- 
reich leiten konnen. Ihn selbst charakterisierte ein seltenes und strenges 
Pflichtgefuhl. Der blofle Gelderwerb, der habsuchtige Egoismus der Geld- 
macher erschien ihm stets verachtlich. Er sah, dafi unsere Zeit an dem 
Laster der Habsucht der oberen Klassen scheitern kann, und dafi die Leitung 
der grofien Kombinationen von Geschaften nicht blofi die Eigenschaften des 
geriebenen Geschaftsmannes, sondern, wenn man so sagen darf, auch die 
des Staatsmannes erfordere, dafi diese Leitung nicht blofi auf den Gewinn 
der Aktionare, sondern ebenso auf das Gesamtwohl gerichtet sein musse. 
Als wir einmal von seinen Erfolgen und seinem Reichtum sprachen, sagte 
er: »Ja, ich bin reich geworden, aber ich habe es nie erstrebt; wenn ich es 
gemacht hatte, wie so manche in ahnlicher Stellung, ich hatte das Zwei- und 
Vier- und Mehrfache erwerben konnen. Aber ich wollte anderen stets ein 
gutes Beispiel geben.« Er fugte bei: »Ich sah es geradezu als meine wichtigste 
Aufgabe und Pflicht an, in den Aufsichtsraten, den Direktoren und Beamten 
der grofien Unternehmungen ein Geschlecht von Mannern zu erziehen, das nicht 
in erster Linie fur sich erwerben will; diese grofien Betriebe konnen nur mit 
einem kaufmannisch-technischen Beamtentum gefiihrt werden, das sich bewufit 
ist, fremde Gelder zu verwalten, im Dienste anderer und der Gesamtheit zu 
stehen.« Oft hat St., besonders in den letzten zehn Jahren, daruber geklagt, 
welchen Widerstand er in dieser Beziehung finde, welche Kampfe ihm durch 
seinen Standpunkt erwachsen. Die kurzsichtigen Geldmacher begriffen ihn 
nicht, wenn er es streng verpSnte, dafi die Aufsichtsrate einer Aktiengesell- 
schaft in Hausse und Baisse der eigenen Aktien spekulieren. Aber oft 
ruhmte es St. auch, dafi er da und dort unendlich viel Gutes mit diesen 
Prinzipien geschaffen, dafi die Bliite dieser und jener seiner Lieblings- 
schopfungen auf diesem Geiste beruhe. Ebenso erkannte St. aber, dafi 
die neuen Grofibetriebe nur mit einem geistig, technisch, politisch und 
moralisch sich hebenden Arbeiterstand auf die Dauer gedeihen konnen. Er 
konnte fur diesen Gedanken stets aufs neue sich erw&rmen und ereifern. Er 
furchtete sich nicht vor dem steigenden Selbstbewufitsein der Arbeiter, vor 
ihren politischen und beruflichen Organisationen. Er war der Antipode jener 
Scharfmacher unter den Groflunternehmern, die in jeder Lohnforderung eine 
Antastung ihres Herrenrechtes sehen. Ich glaube, dafi St. stets meine sozial- 
politischen Anschauungen, die er nicht blofi als Freund, sondern auch als 
Sozialpolitiker mit Teilnahme verfolgte, billigte. 

Er hatte eben hier wie iiberall den grofien Blick fur die Zukunft und 
die letzten, inneren Zusammenhange neben der klaren und niichternen Er- 
fassung der Wirklichkeit. Er drang auch hier vor bis zu den obersten und 
ersten Ursachen des Menschenlebens, des menschlichen Handelns: Moralische 
und geistige Krafte erkannte er iiberall als die letzten Motoren. Er stand 
cbenbiirtig neben Richard Rosicke, den wir neulich in Berlin zu Grabe 
geleitet. Hoffen wir, dafi das Schicksal uns auch kiinftig immer wieder 
solche Manner gibt, dann steht es gut um unsere Zukunft. 

Teurer Freund! Lebe wohl! Wir danken Dir fur alles, was Du uns, was 
Du Tausenden, was Du clem Vaterlande. warst. Verehrt, geliebt, bewundert 



Steiner. Neckelmann. j fig 

wie wenige scheidest Du aus dem Leben. Deine Werke folgen Dir nach. 
Den unendlichen Schmerz, den Dein Tod uns bereitet, hat jeder von uns 
fur sich je nach seinem religiOsen, seinem philosophischen Standpunkt im 
Innern durchzukampfen und abzumachen. Aber das Eine werden wir uns 
alle als Trost sagen kftnnen: Kein Mensch lebt umsonst — auch fur den 
Zusammenhang unseres irdischen gesellschaftlichen Daseins. Und vollends 
der nicht, der so reich begabt, an solcher Stelle wie Du auf Tausende wirkte. 
Was ein Leben, wie das St.s an guten Ideen, Gefiihlen, Handlungen in sich 
barg, an neuen Einrichtungen erzeugte, das ist mit dem Tode nicht verloren. 
Es sind SamenkOrner, die tausendfache Frucht tragen, die in uns immer neue 
Auferstehung, Kraftigung und Ausbreitung erleben. Denn 

»Wer den Besten seiner Zeit genug getan, 
Der hat gelebt fiir alle Zeiten!* 

Gustav Schmoller. 

Neckelmann, Skjold, Professor fiir Architektur an der Technischen Hoch- 
schule in Stuttgart, * 24. November 1854 in Hamburg als Sohn eines aus 
Danemark stammenden Kaufmanns, f 13. Mai 1903 in einer Nervenheilanstalt 
zu Neckargemund bei Heidelberg. — Nach dem Besuch der Schleidenschen 
Schule in Hamburg erlernte N. von 1870— 1873 das Maurerhandwerk, wahrend 
or gleichzeitig in den Wintermonaten in der Hamburger Bauschule griind- 
liche Fachstudien trieb. Ostern 1873 trat er in das Bureau des Architekten 
Martin Haller ein, bezog jedoch schon im folgenden Jahre die Akademie 
der bildenden Kunste in Wien, wo er sich unter Theophil v. Hansen sechs 
Semester hindurch mit solchem Eifer dem Studium widmete, dafi man seinen 
Fleifi mit einem Stipendium belohnte, das ihm die erste Reise nach Italien 
ermdglichte. Konnte der Aufenthalt dort auch nur von kurzer Dauer sein, 
so wurde er doch von wesentlicher Bedeutung fiir N.s kiinstlerische Entwicke- 
lung. Die nachhaltigen Eindrucke, die er damals von den Werken der groflen 
Meister der Renaissance empfing, legten den Grund fiir seine ganze spatere 
Stilrichtung, die er selbst einmal als »italienische Renaissance mit leichten 
Ankl£ngen an die Antike« charakterisiert. Nach voriibergehender T&tigkeit 
in Wiesbaden und Berlin wandte er sich fiir ein Jahr nach Paris und beschlofi 
dann seine Lehr- und Wanderzeit durch eine zweite Reise nach Italien, dessen 
Wunderwelt sich ihm nun in fiinf gliicklichen Monaten in ihrer ganzen Fiille 
und Tiefe erschlofl. Nach Hamburg zuriickgekehrt verband N. sich zu ge- 
meinsamem Wirken mit dem ihm befreundeten Architekten Franz Schmidt. 
Die praktischen Aufgaben, vor die er sich gestellt sah, geniigten jedoch seinem 
hochstrebenden Geiste nicht; auch zahlreiche Wettbewerbe, an denen er sich 
beteiligte, fiihrten, obgleich sie seinen Arbeiten reiche Anerkennung brachten, 
doch nicht zu dem ersehnten Erfolg eines monumentalen Auftrags fur die 
Vaterstadt. N. beschlofi daher, Hamburg zu verlassen. Im Sommer 1885 ging 
er nach Leipzig, wo er sich an den urn zehn Jahre alteren August Hartel 
anschloB. Im Verein mit diesem Meister schritt er nun von Erfolg zu Erfolg 
und durfte es erleben, dafi sich die kiihnsten Traumc seiner Jugend glanzend 
verwirklichten. Die geniale Gestaltungskraft, die in N. rege war, erwachte 
jetzt zu vollem Leben und liefi ihn Werke schaffen, die hochste Anerkennung 
und Bewunderung fanden. Fur eine ganze Reihe von Entwiirfen wurden 



1 70 Neckelmann, Souchay. 

beiden Kunstlern hervorragende Auszeichnungen zuteil. Bei dem internatio- 
nalen Wettbewerb um Plane fiir die Fassade des Doms zu Mailand lieferten 
sie eine Arbeit, die unter den fiinfzehn besten ihren Platz erhielt und N. die 
Ernennung zum Mitglied der Mailander Akademie eintrug. Das Jahr 1888 
brachte ihnen erste Preise fiir ihre Entwurfe fiir das Landesgewerbemuseum 
in Stuttgart und fiir das Landesausschufigebfiude in Straflburg i. E. Nachdem 
ihnen auch die Ausfiihrung des letzteren sowie der Landesbibliothek daselbst 
iibertragen war, verlegten sie 1889 ihren Wohnsitz nach Straflburg. Aber 
schon 1890 siedelte N. zur Ausfiihrung des Landesgewerbemuseums nach 
Stuttgart iiber. Kaum hatte er das Werk begonnen, als ihm infolge des Todes 
seines Freundes Hartel die iiberaus schwere Aufgabe zufiel, die gemeinsam 
ubernommenen Arbeiten nunmehr samtlich allein zu vollendcn. Dazu kam, 
dafi er, im Oktober 1892 als Nachfolger des Baudirektors C. v. Leins zum 
ordentlichen Professor fiir Architektur an der Technischen Hochschule in 
Stuttgart berufen, sich den Pflichten dieses neuen Amtes mit demselben Feuer- 
eifer hingab, der ihn bei allem Tun beseelte. Aber schliefllich iiberstieg das 
Obermafi der an ihn gestellten Anforderungen seine KrSfte und legte den Keim 
fiir die spatere schwere Erkrankung, die den zum Hochsten ringenden Kiinstler 
noch vor Vollendung des 50. Lebensjahres hinwegraffte. Das erhabenste Denk- 
mal seiner Kunst, das man mit Recht sein eigentliches Lebenswerk genannt 
hat, bleibt das Stuttgarter Landesgewerbemuseum, das im Grofiten wie im 
Kleinsten den ganzen Reichtum seines schopferischen Geistes offenbart. Als 
akademischer Lehrer erfreute sich N. eines ganz besonderen Rufes und einer 
von Jahr zu Jahr wachsenden Zahl von Schulern, die er wie kein anderer 
fiir den idealen Beruf der Baukunst zu begeistern wuflte. Als Mensch ge- 
wann er sich die Liebe und Zuneigung aller, denen er nahe trat; »in Stutt- 
gart sah er sich von der ganzen Gesellschaft geradezu auf HSnden getragen.« 
Viel zu friih ist er dahingegangen, aufs tiefste betrauert von alien, die ihn 
kannten und schatzten. Die Friichte seines Lebens aber dauern, und der 
Geist, der in den Werken seiner Kunst lebendig ist, wird immer fortwirken. 

Ver b ffentlichungen: Ornamentale Phantasien. Berlin 1880. — Dekorative 
Skizzen. Lfg. 1. 2. (Je 10 Tafeln.) Leipzig 1886 — 87. — Denkmaler der Renaissance 
in Danemark mit beschreibendem Text von F. Meldahl. (47 Taf.) Berlin 1888. — Zusammen 
mit A. Hartel: Aus unserer Mappe. Auswahl hervorragender Entwurfe. 1886 — 87. (36 Taf.) 
Leipzig 1888; Serie 2. (40 Taf.) Berlin 1889. — Architektonische Studien. EntwUrfe von 
Studierenden der Kgl. Technischen Hochschule zu Stuttgart. Hrsg. unter Leitung von S. N. 
(25 Taf.) Stuttgart 1897. — Das Koniglich Wiirttembergische Landes - Gewerbemuseum in 
Stuttgart. Berlin 1898. 

Vgl. > Deutsche Bauzeitung«, Jg. 37, 1903, S. 266/67. — »Zentralblatt der Bauver- 
waltung*, Jg. 23, 1903, S. 321/22 (Bildnis). — »Hamb. Correspondentc, Ab.-Ausg. v. 25. Mai 
1903. (Ein Hamburger Kiinstler v. J. Faulwasser.) — »Gewerbeblatt aus WUrttembergc, Jg. 55, 
1903, Nr. 20. — »Schwiibische Chronik« (des Schwab. Merkurs 2. Abteilung) 1903, Nr. 219 
v. 13., 225 v. 16. u. 226 v. 18. Mai. — Das Koniglich Wtirttembergische Landes-Gewerbe- 
museum in Stuttgart. Festschrift zur Einweihung des neuen Museumsgebaudes. Stuttgart 
1896, S. 75 ff. Joh. Sass. 

Souchay, Konrad Theodor, Dichter, * 30. Dezember 1833 in Liibeck, 
f 26. Dezember 1903 in Cannstatt. — S., der Sohn eines wohlhabenden Kauf- 
herrn — die Familie stammte urspriinglich aus Frankreich — verlebte seine 



Souchay. Sittard. j j j 

Jugend in seiner Vaterstadt, wo er bis zu seinem 13. Jahre das Katharineum 
besuchte. Seine weitere Ausbildung empfing er in der Benderschen Erzie- 
hungsanstalt in Weinheim bei Heidelberg und auf dem Stuttgarter Obergym- 
nasium, wo er sich ein Semester lang aufhielt. Entschlossen , Landwirt zu 
werden, machte er zunachst auf verschiedenen norddeutschen Giitern eine 
praktische Lehrzeit durch und bezog dann auf ein Jahr die landwirtschaft- 
liche Akademie in Hohenheim. Von hier aus verkehrte er haufig mit Stutt- 
garter Kiinstlern, und unter dem EinfluB dieser Kreise sowie seiner eigenen 
kiinstlerischen Neigungen, die ihn vor allem auch zur Musik hinzogen, 
kostete es ihn manchen Kampf, bei dem erwahlten Beruf auszuharren. Doch 
blieb er fest, kehrte nach Norddeutschland zuriick, praktizierte noch ein Jahr 
auf der Lubecker DomSne Behlendorf und ubernahm dann das in anmutigster 
Gegend an den Ufern des Wardersees gelegene Gut Margarethenhof in Holstein. 
Sp£ter jedoch in die Lage versetzt, unabhangig leben zu kdnnen, verkaufte 
er seinen Besitz und siedelte 1863 nach Stuttgart uber. Ende der sechziger 
Jahre zog er zu kurzerem Aufenthalt nach Heidelberg und liefi sich 187 1 
dauernd in Cannstatt nieder. 

S. war ein feinsinniger, formgewandter Lyriker, zugleich ein durch und 
durch musikalischer Dichter. Die Musik seiner Verse ist in mancher tief 
empfundenen Komposition lebendig geworden. Seinen ersten »Gedichten«, 
die er 1873 herausgab, folgten spater noch die drei Sammlungen »Frisch vom 
Herzen! Lieder und Dichtungen« (1886), »Lieder des Lebens. Neue lyrische 
und epische Dichtungen* (1899) und »Elegien« (1902). Daneben schuf er 
eine stattliche Anzahl von Texten fur Oratorien und Kantaten. — Eng mit 
Suddeutschland verwachsen blieb S. doch der echte Niedersachse. »In sich 
geschlossen, unermiidlich an der eigenen Weiterbildung arbeitend, ein Feincl 
des Scheins und der Mode, allem Kliquenwesen abhold, freimiitig bis zur 
Derbheit, selbstSndig denkend, mit einem raschen, doch meistens treffenden 
Urteil iiber Menschen und Dinge, wies er energisch alles von sich ab, was 
seinem Geschmack und seinem Gewissen zu wider war, was seine Kreise 
storen konnte. Wen er in sein Herz blicken liefi, der erkannte, wie viel 
echtes Gold die oft rauhe Schale barg. Auch seine Gedichte zeugen davon, 
sie sind ein treuer Spiegel seines innersten Wesens, vor allem seiner hohen 
Liebe zu der ihm vorangegangenen Gattin — einer Tochter des Tubinger 
Professors Knaus — seiner warmen Begeisterung fur alles vaterlandische Grofie, 
seiner Versenkung in die Wunder der Natur und in die Reize der deutschen 
Erde. Ein Lobgesang z. B. wie »Gru8 dir, mein Cannstatt« ist dieser Stadt 
noch von keinem Dichter erklungen. Und doch hat sich S. sein Leben lang 
nach seiner nordischen Heimat und den Ufern der Trave zuriickgesehnt.« 

Vgl. »Schwabische Chronikc (des »Schwab. Merkurs* 2. Abt.), Mittagsblatt v. 28. De- 
zember 1903. — »Kieler Zcitung«, Morgenausgabe v. 1. Januar 1904. — »Niedersachsen«c, 
Jg. 9, Nr. 8, S. 133. — BrOrnmer, >Deutsches Dichter -Lexikon.« Nachtrag. Eichstatt imd 
Stuttgart 1877, S. 125/126. — Derselbe, »Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten des 
19. Jahrh.c, 5. Ausg., Bd. 4. S. 103/104, 452. — Kiirschners »Deutscher Lit.-Kal.« , 1903, 
Sp. 1306 (Verzeichnis der Werkc). — >Niedersachsisches Dichterbuch« hrsg. v. R. Eckart. 
Bremen 1890, S. 327ff. Joh. Sass. 

Sittard, Joseph, Professor, Musikschriftsteller und Kritiker, *4. Juni 1846 
in Aachen, f 24. November 1903 in Hamburg. — Korperliche Leiden und 



j 72 Sittard. von Scherzer. 

Gebrechen, mit denen S. von Jugend auf kSmpfen muflte, vermochten seine 
geistige Entwicklung nicht zu beeintrSchtigen. Mit eiserner Willensstiirke 
uberwand er immer wieder alle Hindernisse und durfte schliefilich einen vollen 
Lebenserfolg sein eigen nennen. Von 1868 — 1872 besuchte er das Stuttgarter 
Konservatorium, wo er besonders Orgelspiel, Gesang und Musikgeschichte 
studierte. Seine Leistungen in der Abgangspriifung waren derartig hervor- 
ragend, dafi er sofort als Lehrer fiir die genannten Facher angestellt wurde. 
Nebenher widmete er sich bald auch einer ausgebreiteten schriftstellerischen 
und kritischen Tatigkeit, schrieb wahrend mehrerer Jahre die Musikkritiken 
im »Staatsanzeiger fiir Wurttemberg« und trieb ausgedehnte archivalische 
Quellenstudien, als deren Frucht er spSter die zweibandige »Geschichte der 
Musik und des Theaters am Wurttembergischen Hofe« herausgab. Fiir dieses 
Werk verlieh ihm der KOnig von Wurttemberg die grofle goldene Medaille 
fiir Kunst und Wissenschaft. 1885 verliefi S. die schwabische Hauptstadt und 
ging nach Hamburg. Hier trat er als Nachfolger von Ludwig Meinardus in 
die Redaktion des »Hamburgischen Correspondenten« ein, dem er als Musik- 
kritiker, Feuilleton-Redakteur und Leiter der »Zeitung fiir Literatur, Kunst 
und Wissenschaft« 18 Jahre lang in unermiidlicher Arbeitsfreudigkeit gedient 
hat. »Eine heilige Pflicht war es ihm, den ihm anvertrauten Bezirk geistiger 
Tatigkeit rein und frei zu halten von allem Gemeinen.« Als Kritiker waltete 
er mit »tiefem Ernst der kiinstlerischen Forderungen und warmem Enthusias- 
mus fiir alles Sch6ne und Grofie in der Musik, mit umfassendem Wissen und 
scharfem asthetischen Urteil« seines Amtes. Wahrheit war ihm oberstes Ge- 
setz. So erwarb er sich sehr bald eine hochgeachtete und einfluflreiche Stellung 
im hamburgischen Musikleben, von dessen historischer Entwicklung er in 
seiner wertvollen »Geschichte des Musik- und Konzertwesens in Hamburg* 
ein anschauliches Bild entworfen hat. 

Schriftenyerzeichnis : 1. Compendium der Geschichte der Kirchenmusik, mit bcsonderer 
Berticksichtigung des kirchlichen Gesanges. Von Ambrosius zur Neuzeit. Stuttgart 1881. — 
2. Felix Mendelssohn-Bartholdy. (Samml. musikal. Vortrage. Hrsg.: Paul Graf Waldersee. 33.) 
Leipzig 18S1. — 3. Gioachimo Antonio Rossini. (Samml. musik. Vortr. 47. 48.) Leipzig 
1882. — 4. Zur EinfUhrung in die Aesthetik und Geschichte der Musik. Stuttgart 1885. 

— 5. Das I Stuttgarter Musikfest am 17., 18. und 19. Juni 1885. Eine kritische Rlick- 
schau. Stuttgart 1885. — 6. Die Musik-Instrumente auf der Hamburgischen Gewerbe- und 
Industrie-Ausstellung J889. Altona 1889. — 7. Studien und Charakteristiken. I — III. Ham- 
burg und Leipzig 1889. — 8. Geschichte des Musik- und Konzertwesens in Hamburg vom 
14. jahrhundert bis auf die Gegenwart. Altona 1890. — 9. Zur Geschichte der Musik und 
des Theaters am Wurttembergischen Hofe. Nach Originalquellen. Bd. 1 — 2. Stuttgart 1890 

— 1 89 1. — 10. Kritische Briefe liber die Wiener internationale Musik- und Theater-Aus- 
stellung. Hamburg 1892. — n. In der Sammlung >Der Musikfuhrer«, 1895: Erlauterungen 
zu Bach, H-moll Messe (Nr. 19, 20); Beethoven, C-dur Messe (Nr. 30), Missa solemnis 
(Nr. 47, 48), 9. Symphonie (Nr. 4); Brahms, Akadem. Kest-OuvertUre, Tragische Ouverttire 
(Nr. 25), Schicksalslied , Gesang der Parzen (Nr. 37); Handel, Messias (Nr. 42, 43). — 
12. Mitarb. an: Beethovens Symphonien erlaut. Stuttgart 1896, 2. Aufl., 1900; Brahms, 
Erliiut. seiner bedeutendsten Wcrke. Stuttgart 1897; Die beliebtesten Chorwerke erlaut. 
Stuttgart 1898. — Vgl. »Hamb. Correspondent*, Abendausgabe v. 24. u. 26. November 1903. 

Joh. Sass. 
Scherzer, Karl von, Forschungsreisender und Staatsmann, * 1. Mai 182 1 
in Wien, f 19. Februar 1903 zu Gorz. — Sch. entstammt einem drei Jahr- 
hunderte alten protestantischen Patriziergcschlechte der ehemaligen reichs- 



von Scherzer. 



173 



freien Stadt Eger, das gleich alien protestantischen Familien dieser Stadt 
unter dem Drucke der Gegenreformation zur Zeit des Kaisers Ferdinand II. 
zum Wanderstab greifen jnuflte. Sein Vater Johann Georg kam zu Anfang 
des 19. Jahrhunderts aus Zirndorf bei Niirnberg als armer Bauerssohn nach 
der Kaiserstadt und brachte es allmahlich zu Wohlhabenheit. Er erfreute 
sich als Besitzer des seinerzeit beriihmten Vergniigungslokals »zum Sperl« 
einer groflen Volkstiimlichkeit. Der Eltern innigster Wunsch war es, dafi 
Karl fur die Beamtenlaufbahn herangebildet werde. Eine an Widerwillen 
grenzende Abneigung gegen dieselbe und die Begeisterung flir die Technik 
veranlafiten ihn aber, ein Jiinger Gutenbergs zu werden. Er trat 1834 
als Lehrling in die Hof- und Staatsdruckerei ein und wurde schon nach 
zwei Jahren freigesprochen. Sodann begannen die Wanderjahre, die ihn zu- 
erst nach Leipzig, wo er bei F. A. Brockhaus arbeitete, und hierauf nach Paris 
fiihrten, wo er in der damaligen Imprimeric royak tiichtige Fachstudien machte. 
Von Paris begab er sich nach London, wo er die beruhmtesten Druckereien 
besuchte und in der Bibliothek des Britischen Museums emsig linguistischen 
und geographischen Studien oblag. In der Vaterstadt gedachte er die auf 
der Wanderschaft gesammelten Erfahrungen zu verwerten, aber mit Riicksicht 
auf seine ausgesprochen freiheitliche Gesinnung wurde ihm vom Wiener 
Magistrat die Genehmigung zur Errichtung einer Buchdruckerei und Verlags- 
buchhandlung im grofien Stile versagt. Er zog sich nun fur einige Jahre in 
die Einsamkeit zuriick und lebte seinen Lieblingsstudien. Das ereignisreiche 
Jahr 1848 fand ihn jedoch auf seinem Posten. Enge Freundschaft verband 
ihn mit Fischhof, Brestel, Schuselka, Kudlich und anderen Fuhrern der Linken. 
Seiner unermiidlichen Tatigkeit verdanken die Buchdrucker Wiens die Regu- 
lierung des Lohntarifs und die Aufhebung der Sonn- und Feiertagsarbeit. 

Fur seinen Lebensgang entscheidend war der Aufenthalt in Meran im 
Fruhling 185 1. Er lernte dort den Naturforscher Moriz Wagner aus Baireuth 
kennen, der damals von einer Forschungsreise aus dem Kaukasus zuriick- 
gekehrt w r ar. Dieser gewann ihn fiir eine auf drei Jahre berechnete gemeinsame 
Reise nach Amerika. Am 13. Mai 1852 schifften sie sich nach New York ein. 
Sie bereisten ganz Kanada, sowie fast samtliche Staaten der Union; die 
ersten Grofien der Vereinigten Staaten wetteiferten darin, ihnen mit Rat und 
Tat beizustehen. So ward es ihnen moglich, eine seltene Sammlung urkund- 
licher, ganz neuer Materialien uber Land und Leute, iiberPolitik und Volks- 
wirtschaft zustande zu bringen. Sodann bereisten sie die damals wissenschaftlich 
noch ganz unbekannten fiinf Staaten Zentralamerikas. Sie besuchten unter 
den grofiten Gefahren Gegenden, die niemals vor ihnen ein Europaer betreten, 
sie bestiegen Vulkane, um Hohen und Vegetationsgrenzen kennen zu lernen, 
legten naturwissenschaftliche Sammlungen an, machten sich mit den Sitten 
und der Sprache halbwilder Stamme vertraut, suchten die Reste indianischer 
Denkmaler in den Wildnissen von Guatemala auf und beuteten wahrend der 
Regenzeit die Archive und Bibliotheken der Hauptstadt aus. 

Die Jahre 1855 und 1856 widmete Sch. der Ausarbeitung des reichen 
Materials teils in selbstandigen Werken, teils in kleinen gediegenen Abhand- 
lungen, die in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie der Wissenschaften 
veroffentlicht wurden. Seine Publikationen erregten in den weitesten Kreisen 
berechtigtes Aufsehen. Ihnen hat er es zu danken, dafi er gewissermafien 



74 



von Scherzer. 



zum geistigen Fuhrer der von dem damaligen Marine-Oberkommandanten 
Erzherzog Ferdinand Max ausgeriisteten Novara-Expedition ausersehen wurde. 
Er arbeitete rastlos, urn sich fur sie gebiihrend vorzubereiten. Eine umfassende 
Korrespondenz mit hervorragenden Gelehrten wurde eingeleitet, um deren 
Wiinsche, Ratschlage und Winke kennen zu lernen und diese wahrend der 
Reise verwerten zu konnen. Dieses Vorgehen hatte zugleich den Vorteil, das 
Interesse der wissenschaftlichen Welt an der Expedition zu steigern, weil 
dadurch zahlreiche Gelehrte gleichsam zu Mitarbeitern an dem im Laufe der 
Expedition durchzufuhrenden wissenschaftlichen Programme wurden. Nament- 
lich in England bekundete sich eine grofie Teilnahme fiir das ftsterreichische 
Unternehmen. Manner wie Lyell, Huxley, Darwin, Gray, Robert, Owen, 
Carpenter, Hooker, Goodser u. a. gaben Sch. nicht allein wertvolle Winke, 
sondern unterstiitzten auch seine Bestrebungen durch Geleitbriefe an befreun- 
dete Fachgenossen in fernen Erdteilen. Selbst Empfehlungen der Londoner 
Bibelgesellschaft fehlten nicht, und Sch. hahm sie um so freudiger an, als 
ihm die wesentlichen Dienste in dankbarer Erinnerung waren, die ihm eng- 
lische MissionSre, welche vielfach zugleich Arzte und Sprachforscher sind, 
auf seinen friiheren Reisen leisteten. — Eine Reise nach Deutschland sollte 
den brieflichen Verkehr und die mundliche Besprechung mit Gelehrten in der 
Heimat noch vervollstandigen. Sch. begab sich nach Munchen, wo er mit 
Liebig, Siebold, Bischoff, Peschel, Fallmerayer, Moriz Wagner u. a. die Auf- 
gaben der Expedition eingehend erftrterte. Noch lohnender war sein Auf- 
enthalt in Berlin, wo damals noch Alexander von Humboldt und Karl Ritter 
als Sterne erster Grolie am wissenschaftlichen Himmel leuchteten. 

Die groflartigen Leistungen der ersten Gsterreichischen Weltumseglungs- 
expedition sind bekannt. Der von Sch. bearbeitete beschreibende Teil der 
Expedition hatte einen in der Geschichte des deutschen Buchhandels geradezu 
beispiellosen Erfolg, da an 29000 Exemplare verkauft wurden. Justus von 
Liebig bezeichnete das Werk »als eine Naturgeschichte der merkwurdigsten 
Art, als ein Monument fiir die Novara-Reise und fiir den deutschen Geist, 
denn nur ein Deutscher konnte es zustande bringen*. Eine ebenso glanzende 
Aufnahme fand der ebenfalls von Sch. bearbeitete statistisch-kommerzielle 
Teil. Ihm gebiihrt aber auch das Verdient, das gesammelte linguistische, 
ethnographische, anthropometrische und kraniologische Material, das von Fach- 
gelehrten bearbeitet wurde, gesichtet zu haben. 

Als die Ssterreichische Regierung 1868 eine Expedition nach Ostasien 
sendete, um mit den Regierungen von Siam, China und Japan Handelsvertrage 
abzuschlieBen, begleitete sie Sch. als »erster Beamter des handelspolitischen 
und wissenschaftlichen Dienstes«. 1872 wurde er Generalkonsul in Smyrna, 
wo er eine Monographic iiber die geographischen, wirtschaftlichen und intel- 
lektuellen Verhaltnisse von Vorderkleinasien schrieb, welcher der bedeutende 
NationalSkonom Emile de Laveleye nachriihmte, »dafl man die ganze Erde wie 
sein eigenes Vaterland kennen wurde, wenn man iiber die verschiedenen 
Lander gleich vorziigliche Monographien besafie«. 1875 wurde Sch. General- 
konsul in London und 1878 wurde er in gleicher Eigenschaft nach Leipzig 
versetzt, wo er zugleich als diplomatischer Vertreter bei den fiinf sogenannten 
kleindeutschen Hofen wirkte. In diese Zeit f£llt das Erscheinen seines hoch- 
bedeutenden Werkes: »Das wirtschaftliche Leben der V6lker«, in dem das 



von Scherzer. Bokelmann. 



175 



universelle Arbeitsgebiet der Kulturvolker, die Weltarbeit, sozusagen in ihren 
wichtigsten Funktionen dargestellt und die hauptsachlichten Elemente und 
Faktoren, welche die wirtschaftliche Tatigkeit des Menschengeschlechtes be- 
einfluflen, in ihrer allmahlichen Entwicklung bis zum gegenwartigen Stand- 
punkte bei alien Handelsvolkern der Erde geschildert werden. Als er ein 
Exemplar dieses Werkes, dessen Erscheinen mit den Zeiturastanden, mit der 
von nationaler Begeisterung getragenen kolonialpolitischen Bewegung gliicklich 
zusammenfiel, dem Fursten Bismarck iiberreichte, dankte dieser nicht nur in einem 
aufierst schmeichelhaften Schreiben, sondern lenkte auch in einem besonderen 
Zirkular die Aufmerksamkeit aller Botschaften und Konsularamter des deutschen 
Reiches auf das Buch. Es ist dies um so bemerkenswerter, als der Reichs- 
kanzler vier Jahre vorher wegen der von Sch. an seiner Schutzzollpolitik ge- 
ubten Kritik sich bei der osterreichischen Regierung beschwert, in der »Nord- 
deutschen Allgemeinen Zeitung« einen fulminanten Artikel gegen den Kritiker 
veranlafit und in einer Weise, dafi es ihm zu Ohren kommen mufite, die 
AuBerung getan hatte: »Der osterreichische Generalkonsul in Leipzig tate 
besser, um die osterreichischen als um die deutschen Zollverhaltnisse sich zu 
kummern«. 

Sch. schloli 1897 seine Laufbahn als Generalkonsul in Genua ^b. Seither 
lebte er bis zu seinem am 19. Februar 1903 erfolgten Tode in stiller Zuriick- 
gezogenheit in Gorz, mit der Ausarbeitung seiner fiinf Erdteile umfassenden 
Lebenserinnerungen beschaftigt. 

Zahlreiche Ehrungen sind dem ehemaligen Setzerlehrling erwiesen worden: 
er war Ehrendoktor der philosophischen Fakultat der Universitat Giefien, 
Ehrenmitglied der Gesellschaft der Arzte in Wien, der geographischen, ethno- 
logischen und anthropologischen Gesellschaft in London und der Royal Asiatic 
Society in Bombay, auflerordentliches Mitglied der statistischen Zentralkom- 
mission in Wien, korrespondierendes Mitglied der Wiener und Munchner Aka- 
demie der Wissenschaften, der Societe dc Statistique in Paris und des Institut 
Internationale dc Statistique in Rom, Mitglied der Leopoldinisch-Carolinischen 
Akademie der Naturforscher, Meister des Freien Deutschen Hochstifts zu Frank- 
furt am Main, korrespondierendes Mitglied des Museums fur Kunst und In- 
dustrie, der geologischen Reichsanstalt und der Landwirtschaftsgesellschaft in 
Wien, der russischen Gesellschaft der Naturforscher in Moskau, der Gesell- 
schaft fur Erdkunde und der internationalen Vereinigung fiir vergleichende 
Rechtswissenschaft und Volkswirtschaftslehre in Berlin, des Museums fiir Vftlker- 
kunde in Leipzig und vieler anderer gelehrter Gesellschaften. 

Seine Werke: Republik Costa Rica. 1855. — Reisen in Nordamerika. 1855. — Wande- 
rungen durch Nicaragua, San Salvador und Honduras. 1856. — Beschreibender Teil der Reise 
der Novara um die Erde. 2. Aufl. 1864. — Aus dem Natur- und Volkerleben im tropischen 
Amerika. 1864. — Statistisch-kommerzieller Teil der Novara -Expedition. 2. Aufl. 1867. — 
Osterreichisch-ungariscbe Expedition nach Siam, China und Japan 1868/70. 1871. — Smyrna. 
1873. — Weltindustrien. 1880. — Wirtschaftliche Tatsachen zum Nachdenken (Kritik der Bis- 
marckschen Schutzzollpolitik). 1881. — Das wirtschaftliche Leben der Volker. 1885. — Der 
wirtschaftliche Verkehr der Gegenwart. 1891. Bemhard Mtinz. 

Bokelmann, Wilhelm Hieronymus, Geheimer Regierungsrat, bis 1893 
Direktor des Schleswig-holsteinischen landwirtschaftlichen General vereins, 
* 21. Mai 1822 als Sohn des Koniglich danischen Ministerresidenten Geheimen 



1 76 Bokelmann. 

Legationsrats W. Bokelmann in Hamburg, f 3. Dezember 1903 in Kiel. — 
B. besuchte das Gymnasium in Altona, studierte in Kiel und Heidelberg die 
Rechte und bestand 1846 in Kiel mit glanzendem Erfolge das juristische 
Examen. In dem Erhebungskampf des Jahres 1848 schlofl er sich dem 
Rantzauschen Freikorps an. Nach Beendigung ues Feldzuges wurde er zum 
Senator in Altona ernannt, im Januar 1853 aber von der danischen Regierung 
seines Amtes enthoben. Die Altonaer Biirgerschaft wahlte ihn darauf sofort 
zum Stadtverordneten. Da die Zeiten jedoch einer wirklich fruchtbringenden 
often tlichen Tatigkeit wenig giinstig waren, beschlofi B. sich der Landwirt- 
schaft zu widmen. Er kaufte 1855 den Hof Rethwischhdhe bei Oldesloe, 
den er 18 Jahre lang bewirtschaftete, bis er 1873 seinen Wohnsitz in Kiel 
nahm. Sehr bald schon hatte er sich unter den Landwirten seiner Heimat 
ein hohes Vertrauen und Ansehen erworben. 1867 berief ihn der schleswig- 
holsteinische landwirtschaftliche Generalverein zum vorsitzenden Direktor. In 
dieser hochbedeutsamen, verantwortungsvollen Stellung, welche B. 26 Jahre 
hindurch in ununterbrochener Folge bis zu seinem freiwilligen Rucktritt im 
Jahre 1893 bekleidete, hat er sich um die Forderung der schleswig-holsteinischen 
Landwirtschaft unvergangliche Verdienste erworben. Mit ganz besonderem 
Geschick wufite er ihre Interessen zu vertreten bei der durch die Ereignisse 
des Jahres 1864 bedingten Neugestaltung der Verhfiltnisse. Ebenso rastlos 
war er bestrebt, die mancherlei Aufgaben, vor die sich die Landwirtschaft 
bei fortschreitender Entwicklung gestellt sah, mit tatkraftiger Initiative einer 
gliicklichen L6sung entgegenzufiihren. Dahin gehOrt unter anderem die Be- 
grundung des Instituts der Wanderlehrer sowie die Errichtung eines agri- 
kulturchemischen Laboratoriums, das bald zu einer landwirtschaftlichen 
Versuchsstation erweitert wurde. Auch als Mitglied des preuflischen Landes- 
okonomiekollegiums, des deutschen Landwirtschaftsrats, des Bezirkseisenbahn- 
rats und der Zentralmoorkommission hatte B. kein anderes Ziel im Auge, 
als die Macht, das Gedeihen und den Einflufi der heimischen Landwirtschaft 
zu mehren und zu sichern. In nicht minder hervorragender Weise betatigte 
er sich als Volkswirt; sein weiter Blick und kluger Rat ist mancher Ein- 
richtung zum Besten der arbeitenden Klassen, deren Wohl ihm ganz besonders 
am Herzen lag, zugute gekommen. Einen Einblick in die verschiedenen 
Gebiete der Lebensarbeit des hochverdienten Mannes, die er alle von Grund 
aus beherrschte, gewahren die zahlreichen Abhandlungen und Aufsatze, in denen 
er seine Gedanken und Erfahrungen niedergelegt hat. Eine kurze Ubersicht 
uber die wichtigsten dieser wertvollen Arbeiten, die, in Zeitschriften zerstreut, 
sich der allgemeinen Kenntnis v6llig entziehen, moge dazu beitragen, sie 
auch fur die Folge nutzbar zu machen. 

»Landwirtschafdiches Wochenblatt fUr Schleswig-Holstein«, 1872, Nr. 47— 49: Wie ist 
dem drohenden Arbeitermangel abzuhelfen? — 1875, Nr. 5: Die Regelung des Kostenwesens 
in Auseinandersetzungssachen. — 1882, Nr. 6: Versichening gegen Hagelschaden ; vgl. 
auch Xr. 9 und 10. — 1883, Nr. 16: Maikafer; Nr. 17: Gritndung einer Arbeiterkolonie; 
Nr. 25 — 29: Die bauerlichen Verh&ltnisse der Provinz Schleswig-Holstein. — 1885, Nr. 9 
und 10: Einige Betrachtungen tiber Getreidezolle. — 1886, Nr. 43 : Der Anschlufi des Ver- 
bandes der Viehzuchtvereine an den Generalverein. — 1887, Nr. 17: Verhandlungen im 
deutschen Landwirtschaftsrat Uber die Kunstbutterfrage ; Nr. 39: Ansiedelung in der Pro- 
vinz Posen und Westpreufien ; Nr. 50: Cher die Aufhebung des Identitatsnachweises bei der 
Ausfuhr des Getreides. — 1889, Nr. 6, 8, 15, 17: Cber Dienstboten und Arbeiter; Nr. 21 und 



Bokelmann. Scheppig. Milchhoefer. \nj 

22: Strikes. — 1890, Nr. 31: Mitteilungen tiber eine Rundreise im Hochmoor. — 1891, 
Nr. 14: Das Besteuerungsrecht der landwirtschaftlichen Vereine; Nr. 17: Der Bauernverein ; 
Nr. 44: Die Bekampfung der Tuberkulose; vgl. auch Nr. 11. — 1893, Nr. 11 und 12: 
Doppel wanning; vgl. auch Nr. 22. — 1894, Nr. 5 und 6: Die Landwirtschaftskammer. — 
1895, Nr- x : Vertretung der Kreise in den Landwirtschaftskammern ; Nr. 6 — 9: Der General- 
verein. — 1897, Nr. 17: Was ist Politik? — Man vgl. ferner: Schleswig-Holsteinische An- 
zeigen, 1895, S. I29ff. — Schriften des deutschen Vereins ftir Armenpflege und Wohltatigkeit, 
Heft 24, 1896, S. 30. — Protokolle der 25. und 26. Sitzung der Zentralmoorkommission, 

1890, S. 78 — 84, Protokoll der 35. Sitzung, 1895, S. 162 ff. — Mitteilungen des Vereins zur 
Forderung der Moorkultur im Deutschen Reiche, Jg. 11, 1893, S. 226ff. — Verschiedene 
Referate in den V T erhandlungen des Kftnigl. Landesbkonomiekollegiums, Berlin 1879, 1882, 

1 89 1. — Diejenige Arbeit, auf die B. innerlich den grbfiten Wert legte, eine umfangreiche 
Studie iiber »Gewinnbeteiligung« ist ungedruckt geblieben. Das Manuskript befindet sich 
im Besitz des Herrn Rechtsanwalts B. in Kiel. 

Vgl. Alberti, Schriftsteller-Lexikon, 1866—1882, Bd. 1, S. 57/58, 466. — »Kieler 
Zeitungc, Morg.-u. Abd.-Ausg. v. 4. Dezember 1903. — »Nord-Ostsee-Zeitung«, Mittags-Ausg. 
v. 4. Dezember 1903. — »Landwirtschaftl. Wochenblatt ftir Schleswig-Holstein«, Jg. 42, 
Nr. 52 v. 23. Dezember 1892 (Biogr. Skizze v. Generalsekretar Boysen mit Bildnis), Jg. 53, 
Nr. 50 v. 11. Dezember 1903 (Nekrolog von H. Breyholz). — J. H. Eckardt, Von Kieler 
Biirgern (»Nord-Ostsee-Zeitung«, Abd.-Ausg. v. 8. Dezember 1903). — A. Emmcrling, Agri- 
kulturchemische Untersuchungen. Festschrift. Kiel 1895 (nicht im Buchhandel), S. 1 — 10. 

— FUr personliche Mitteilungen Uber B. sowie ftir die Zusammenstellung der von ihm ver- 
fafiten Aufsatze bin ich Herrn Geheimen Regierungsrat Prof. Dr. Emmerling in Kiel zu 
aufrichtigem Danke verpflichtet. Joh. Sass. 

Scheppig, Richard, Professor, Oberlehrer am Reform-Realgymnasium zu 
Kiel, * 17. November 1845 zu Sondershausen, f 24. Dezember 1903 in Kiel. 

— S. bezog 1864 die Universitat Heidelberg, studierte zwei Semester lang 
Jura, dann jedoch Geschichte und Philologie in Leipzig, Berlin und Halle, 
wo er 1869 zum Dt . phil. promovierte und im August 1870 auch das Staats- 
examen bestand. Nachdem er bis 187 1 als Lehrer an der Fellenbergschen 
Erziehungsanstalt in Hofwyl bei Bern tatig gewesen war, hielt er sich von 
1872 — 1876 als Mitarbeiter an Herbert Spencers » Descriptive Sociology* in 
London auf. Ostern 1876 folgte er einem Ruf an die Kieler Realschule, seit 
1888 war er zugleich Direktor des Museums fur Volkerkunde in Kiel. Die 
Schule hat mit dem Heimgegangenen einen ihrer treusten Diener, die Wissen- 
schaft einen iiberaus tatigen Forderer verloren. S. war ein Charakter von 
lauterster Reinheit, ein Mann von edler, vornehmer Denkweise und tiefer, 
wahrer Herzensfreundlichkeit. Das Sonnige, Warme, das in seinem Wesen lag, 
gestaltete den Verkehr mit ihm stets zu einem besonders begluckenden. Er 
bleibt unvergessen. 

Vgl. Alberti, Schriftsteller-Lexikon, 1866 — 1882, Bd. 2, S. 212. — »Kieler Zeitung«> 
Morg.-Ausg v. 25., Abd.-Ausg. v. 28., Morg.-Ausg. v. 30. Dezember 1903. — S.s %Vita« am 
SchluB seiner Dissertation 9 De Posidonio Apamcnsi rcrum gentium terrarum scrip/ore 1 . 
Halle 1869. — Jahresbericht d. Reformrealgymnasiums, Kiel, Schuljahr 1903/04, S. 18. — 
Herbert Spencer, An Autobiography. Vol. 2. London 1904, S. 266 f., 270, 349 f. 

Joh. Sass. 

Milchhoefer, Arthur, ordentlicher Professor der Archaologie an der Uni- 
versitat Kiel, * 21. Marz 1852 zu Schirwindt in Ostpreufien, f 7. Dezember 
1903 in Kiel. — M., der Sohn eines angesehenen Arztes, erhielt seine Vor- 

Biojr. Jahrbuch u. DeuUcher NeVrolojj. 8. Bd. 12 



1 78 Milchhoefer. 

bildung auf dem Gymnasium in Tilsit. Seine akademischen Studien begann 
er in Berlin, wo er sich namentlich an Ernst Curtius anschlofi, und setzte 
sie spater in Munchen fort, nachdem er inzwischen als freiwilliger Kranken- 
pfleger am deutsch-franzdsischen Kriege teilgenommen hatte. 1873 promo- 
vierte er in Munchen mit der von Curtius angeregten Dissertation »t)ber den 
Attischen Apollon«. Das Staatsexamen bestand er in Kdnigsberg und war 
darauf vom Winter 1875/76 bis zum Herbst 1876 am Wilhelmsgymnasium in 
Berlin tatig. Noch in demselben Jahre ging M. als Stipendiat des archao- 
logischen Instituts zu langerem Aufenthalt nach Griechenland. Damit begann 
fur ihn ein iiberaus reicher und gliicklicher Lebensabschnitt. Sehr bald fiihlte 
er sich dort v6llig heimisch, der Zauber des attischen Bodens nahm ihn ganz 
gefangen und hat ihn dann nie mehr losgelassen. Von auBerordentlicher 
Bedeutung war es fur ihn, dafl er gerade damals nach Griechenland kam, 
als mit Schliemanns Ausgrabungen fur die Wissenschaft des griechischen Alter- 
tums und das Studium der alten Kunst eine neue grofle Zeit anbrach. Von 
Schliemanns PersOnlichkeit fiihlte sich M. von Anfang an machtig angezogen, 
und die Bekanntschaft beider Manner gestaltete sich bald zu dauemder 
Freundschaft. Welch ungeheures Erlebnis fur den jugendlichen Gelehrten, 
an der Seite eines solchen Meisters bei jenen ersten epochemachenden Ent- 
deckungen gegenwSrtig und an einigen sogar selbst beteiligt zu sein. Speziellere 
Forschungen widmete er besonders der Landschaft Attika, wo er mit seiner 
scharfen Beobachtungsgabe auf mannigfachen Kreuz- und Querzugen viele 
kostbare Schatze der Vergangenheit ans Licht gezogen hat. In Attika wurzeln 
die Keime aller Arbeiten seines spateren Lebens, die namentlich drei Ge- 
biete, die Topographie sowie die alteste Kunst und Religion behandeln. 
Den Sommer 1877 verlebte M. in Neapel, den folgenden Winter in Rom, 
der Friihling des nachsten Jahres aber sah ihn wieder in Athen. Nach 
Deutschland zuriickgekehrt, weilte er 1880 als Assistent von E. Curtius in 
Berlin, wo er mit Schliemann zusammen die trojanischen Altertiimer ordnete. 
1882 habilitierte er sich als Privatdozent in Gottingen, ging aber schon 1883 
als aufierordentlicher Professor nach Munster. In demselben Jahre erschien 
M.s erstes grdfieres Werk, »Die Anfange der Kunst in Griechenland«, worin 
er zum erstenmal auf Grund der neuen Funde in der sogenannten mykenischen 
Kultur neben den Einflussen des Ostens eine durchaus selbstandige Kunst 
auf hellenischem Boden nachweist. Als Mittelpunkt der mykenischen Kultur 
bezeichnete er die Insel Kreta. Seine scharfsinnige Hypothese, welche hier 
»den Ursprung der altesten mykenischen Kunstindustrie« suchte, ist durch die 
spateren Ausgrabungen auf Kreta vollauf bestatigt worden. 1886/87 unter- 
nahm er eine zweite Reise nach Athen, die hauptsachlich der Topographie 
von Attika gait. Hire Ergebnisse sind in der »t)bersicht der Schriftquellen 
zur Topographie von Athen« niedergelegt, die einen wichtigen Bestandteil 
der 1891 verttffentlichten »Stadtgeschichte von Athen« von E. Curtius bildet. 
Seit 1895 wirkte M. als ordentlicher Professor in Kiel. Aus einer an schOnen 
Erfolgen reichen Lehrtatigkeit heraus ist er abberufen worden, ehe es ihm 
vergonnt war, in einem letzten von ihm geplanten Werke, das tiefgreifende 
religionsgeschichtliche Untersuchungen grdflten Stils umfassen sollte, seine 
Lebensarbeit zum Abschlufi zu bringen. 

Aufier den bereits im Text genannten veroffentlichte M. noch folgende selbstandige 



Milchhoefer. Sartori. 



179 



Schriften: Die Museen Athens. Athen 1881. — Die Befreiung des Prometheus, ein Fund ' 
aus Pergamon. 42. Program m zum Winckelmannsfeste der archaol. Gesellschaft zu Berlin. 
Berlin 1882. — Untersuchungen liber die Demenordnung des Kleisthenes. (Aus: Abhandl. 
d. Berl. Akad. d. Wiss.) Berlin 1892. — Zusammen mit A, Furtwangler u. G. K&rte: 
Archaologische Studien, Heinr. Brunn zur Feier seines sojahr. Doktorjubilaums dargebracht. 
Berlin 1893. — Das archaologische Skulpturenmuseum der Kieler Universitat Kiel 1896. 

— Rede zum Winckelmanntage am 9. Dezember 1895 (t)ber die Ausgrabungen in Mykena). 
Kiel 1896. — Rede zum Winckelmanntage 1898 (Von der Akropolis Altathens). Kiel 1898. 

— Ober die alten Burgheiligtumer in Athen. Progr. Kiel 1899. — Ober die Graberkunst 
der Hellenen. Rede. Kiel 1899. — Die Tragodien des Aschylus auf der BUhne. Rede. 
Kiel 1900. — Erlauternder Text zu Curtius und Kaupert, Karten von Attika. Heft 1 — 5, 
7 — 9. 1 88 1 — 1900. 

Vgl. S. Sudhaus, Gedachtnisrede auf A. M. gesprochen bei der akademischen Trauer- 
feier am 12. Dezember 1903 (Chronik der Universitat Kiel f. d. Jahr 1 903/1 904, S. 54 — 63). 

— »Archaologischer Anzeigerc, Beiblatt zum Jahrb. des Archaolog. Instituts, 1903, 4, S. 213. 

— R. Kukula, »Bibliograph. Jahrb. d. deutschen Hochschulen*, 2. Aufl. 1892, S. 621. — 
»Kieler Zeitungc, Abd.-Ausg. v. 7., Morg.-Ausg. v. 8. u. 13. Dezember 1903. — Ober 
M.s Beziehungen zu Schliemann vgl. seine beiden Aufsatze »Heinrich Schliemannc und 
»Erinnerungen an Heinrich Schliemann« (^Deutsche Rundschau*, Bd. 28, 1881, S. 392 — 
416; Bd. 67, 1891, S. 278—289). Joh. Sass. 

Sartori, August Anton Heinrich, Geheimer Kommerzienrat, Schiffsreeder 
und Kaufmann, * 16. Juni 1837 in Liibeck, f 15. Oktober 1903 in Kiel. — 
S., dessen Vater dem Handwerkerstande angehOrte, machte, nachdem er mit 
15 Jahren die Schule verlassen hatte, zunachst in Liibeck eine dreij&hrige 
Lehrzeit durch, war darauf bei einem Kieler Schiffsmakler tStig und begriindete 
am 1. Januar 1858 in Kiel die Schiffsmakler- und Speditionsfirma Sartori 
& Berger, die sich seit 1862 auch der Reederei zuwandte. Unter der genialen 
Leitung seines Begriinders wuchs das Geschaft im Lauf der Jahre aus kleinen 
Anfangen zu immer grofierer Bedeutung heran und steht heute bluhend und 
hochangesehen da. S. aber liefi sich daran nicht geniigen, sein starker 
Gemeinsinn trieb ihn von jeher, sein Leben in den Dienst der Offentlichkeit 
zu stellen und fur die Gesamtheit einzutreten. Vor allem lag ihm das Wohl 
und Wehe der Stadt Kiel am Herzen. Die grofiartige Entwicklung Kiels 
wahrend der letzten vierzig Jahre ist mit dem Namen S.s unauflOslich ver- 
bunden, ja man kann sagen, sie verkorpert sich geradezu in diesem Manne. 
Schon als junger Anfanger hatte er die Vorziige der gunstigen Lage des Ortes 
erkannt, und fest iiberzeugt von der Zukunft Kiels, setzte er begeistert alles 
daran, diese Zukunft lebendige Gegenwart werden zu lassen, und soviel in 
seiner Macht stand, dazu beizutragen, die Stadt zu einem Zentralpunkt ersten 
Ranges zu gestalten. In diesem Sinne waf er in erster Linie unablassig be- 
miiht, das Verkehrswesen Kiels auszubauen und der Stadt neue Verbindungs- 
wege zu Wasser und zu Lande zu erschlieflen. So ist z. B., um nur auf eins 
hinzuweisen, die wichtige deutsche Postdampferlinie Kiel — KorsOr S.s eigenstes 
Werk. Auch als Mitglied des Stadtverordnetenkollegiums, dem er seit 1872 
angehorte, sowie als Vorsitzender der Kieler Handelskammer und des Kieler 
Nautischen Vereins hat er in gliicklichster Weise an der Losung der groflen 
wirtschaftlichen Aufgaben Kiels mitgearbeitet. Damit aber ist die Wirksamkeit 
dieses aufierordentlichen Mannes nicht im entferntesten erschopft. Weit iiber 
die Grenzen Kiels hinaus suchte er deutschen Handel und Wandel zu fordern. 

12* 



j 80 Sartori. Grassauer. 

Als Vorsitzender des Deutschen Nautischen Vereins hat er der gesamten 
deutschen Seeschiffahrt die hervorragendsten Dienste geleistet. Auch fur die 
Erweiterung der deutschen Wasserstrafien trat er stets aufs neue ein und 
brachte den Arbeiten des Zen tral vereins fur Hebung der deutschen Flufl- und 
Kanalschiffahrt die lebhafteste Anteilnahme entgegen. Auf diesem Gebiete 
hat er sich auch schriftstellerisch betatigt. (Vgl. »Kiel und der Nord-Ostsee- 
Kanal«, Berlin 1891; »Der Nord-Ostsee-Kanal und die deutschen Seeh&fens 
Berlin 1894; »Der Elbe-Kiel-Kanal«, Berlin 1898.) 

S.s Name wird immer mit Ehren genannt werden. Ein besonders dank- 
bares Andenken aber wird die Stadt Kiel ihm bewahren, der sein Leben 
lang ihre Interessen zu den seinigen gemacht hat. Wohl dem Gemeinwesen, 
dem ein Mann geschenkt wird, der an der Schwelle einer neuen Zeit, wie 
sie in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts fur Kiel heraufzog, 
klaren Blicks das Richtige erkennt und mit zaher Energie die rechten Mittel 
findet und durchsetzt, die Stadt einer neuen Bliite entgegenzufiihren. Das 
hat S. fiir Kiel getan. Darin ruht seine Bedeutung. 

Vgl. P. Chr. Hansen, August Sartori, ein Kieler Grofikaufmann. Vortrag, gehalten am 
13. November 1904 in Kiel. (Mit Bildnis.) Kiel, Druck des Verlags der »Nord-Ostsee-Zeitung€ 
1904. — »Kieler Zeitungc, Abd.-Ausg. v. 16., Morg.-Ausg. v. 20. Oktober 1903, Morg.- 
Ausg. v. 15. November 1904. — »Nord-Ostsee-Zeitung«c, Abd.-Ausg. v. 8. Dezember 1903. 
— »Daheimc, Jg. 40, Nr. 6 v. 7. November 1903 (Nekrolog mit Portrat). — »Deutsch- 
Nautischer Almanach«, Jg. 6, 1905, S. 6. J oh. Sass. 

Grassauer, Ferdinand, Dr, phil., k. k. Hofrat, Geograph, Universitats- 
Bibliothekar und Vorstand der Wiener Universitats-Bibliothek, * 26. Juni 1840 
in Sallingstadt in Nieder-Osterreich, Gerichtsbezirk Zwettl, f 25. Oktober 1903 
in Klosterneuburg. — Gr. hatte eine sehr harte Jugend durchzumachen. Im 
Alter von 6 Jahren verlor er seinen Vater, der Schullehrer in Sallingstadt und 
im Alter von 33 Jahren am Typhus gestorben war. Da die Mutter, eine 
energische und intelligente Frau, noch fiir drei Kinder zu sorgen hatte, kam er 
zu seinem vaterlichen Grofivater, der Kurschmied im Stifte Zwettl war, und 
besuchte nicht nur die dortige Volksschule, sondern wurde auch von ihm fiir 
den geistlichen Stand bestimmt. 185 1 — 53 machte er die zwei ersten Gym- 
nasialklassen an dem Privatgymnasium des Stiftes, setzte dann die Gymnasial- 
studien in Krems bis zum AbschluB fort, trat am 13. August 1859 als Novize 
in das Stift ein und studierte als Kleriker dieses Klosters zwei Jahre Theologie 
am geistlichen Institut in Heiligenkreuz. Immer mehr war er jedoch zur Uber- 
zeugung gelangt, dafl er sich im geistlichen Stande niemals zufrieden fiihlen 
werde, weshalb er um seine Entlassung aus dem Stifte bat. Obwohl er 
auch ferner in freundschaftlichen Beziehungen zum Stift blieb, war Gr. zeit- 
lebens erfullt von durchaus freisinnigen Anschauungen. Er begab sich hierauf 
nach Wien, und da seine Verhaltnisse ihn ntttigten, sich selbst zu erhalten, 
trat er nach einer unentgeltlichen Praxis bei der Tabak- und Stempelbuch- 
haltung in den Dienst der obersten Rechnungs-Kontrollbehorde (1862). Da 
jedoch eine Anstellung daselbst durch ein Staats-Priifungszeugnis liber Staats- 
Rechnungswissenschaft bedingt war, hSrte er diese an der juridischen Fakultat 
und legte die Priifung dariiber ab, worauf er als Akzessist definitiv angestellt 
wurde (1863); 1864 riickte er zum Rechnungs-Offizial III. Klasse vor. Wegen 



Grassauer. X 8 1 

Aufldsung der Hof- und Staatsbuchhaltungen traf ihn unerwartet und ohne 
Verschulden das Loos der Quieszierung, doch blieb er als Kalkulant beim 
Obersten Rechnungshof in Verwendung. Daneben horte er 1863 — 66 mit Er- 
laubnis seiner BehOrde an der philosophischen Fakultat historische und 
geographische Kollegien; er tat dies mit solchem Eifer, dafi er Mitglied des 
historischen Seminars wurde. 1866 erwarb er den Doktorgrad, 1867 legte er 
die Lehramtspriifung ab und erlangte fur Geschichte und Geographie ftir das 
ganze Gymnasium die Lehrbefahigung, die er als Probekandidat am akade- 
mischen Gymnasium und als Supplent am Real-Obergymnasium auf der Land- 
strafie in Wien ausubte; mehrere Jahre unterrichtete er auch an dem De- 
merghelschen Privat-Institut. In dem 1873 ausgestellten Verwendungszeugnis 
ruhmt der Direktor des Landstrafler Gymnasiums Dr. Gernerth, Gr. »habe die 
ihm iibertragenen Aufgaben zur vollen Zufriedenheit gelost und verdiene 
wegen der Gewissenhaftigkeit, mit welcher er den Unterricht leitete, wegen 
der sehr guten Erfolge, die er mit den Schulern erzielte, wegen der Sorgfalt, 
die er auf die Aufrechterhaltung der Diszipl in verwendet, wegen der sehr humanen 
Behandlung der Schiiler und der Urbanit&t im Verkehr mit den AngehSrigen 
der Schuler, und wegen seiner ruhigen, besonnenen und musterhaften Haltung 
aufs beste empfohlen zu werden«. Was hier dem Lehrer nachgeriihmt wird, 
gehSrt zum Grundzug seines Wesens und betatigte er auch in seinem spSteren 
amtlichen Wirkungskreis, der seine Lebensstellung werden sollte. 

Gr. war namlich schon 1867 in den Bibliotheksdienst eingetreten. Um 
eine seinen wissenschaftlichen Studien entsprechende Stelle zu erhalten und 
sich dauernd aus der schwierigen Lage zu befreien, in die er durch die un- 
verschuldete Quieszierung geraten war, hatte er sich um eine Amanuensisstelle 
an der Wiener Universitats-Bibliothek beworben, die er auch erhielt. Rasch 
durchlief er die weiteren Stufen im Bibliotheksdienste ; 1868 wurde er bereits II., 
1870 I. Skriptor, 1875 Kustos an derselben Bibliothek. Es kamen ihm aufler 
seinen literarischen, sprachlichen und fachwissenschaftlichen Kenntnissen als 
ehemaligem Buchhaltungsbeamten auch seine Vertrautheit im Rechenfache 
und im Verwaltungsdienste sehr zustatten; sie pradestinierten ihn auch fiir 
die leitende Stelle, die ihm in einem fiir die Bibliothek und ihren Leiter 
schwierigen und bedeutungsvollen Zeitabschnitt zufiel. Als namlich der Neu- 
bau der Wiener Universitat geplant wurde und beschlossen ward, auch die 
Universitats-Bibliothek in dem neuen, von Heinrich von Ferstel zu erbauenden 
Palast unterzubringen , sprach sich der damalige Bibliothekar Dr. Friedrich 
Lei the nicht nur dagegen aus — er trat dafiir ein, dafl die Bibliothek in 
ihrem bisherigen Standort als allgemeine 5ffentliche Bibliothek verbleibe und 
in der neuen Universitat eine fiir die Studierenden und die Professoren be- 
stimmte Haus- und Fachbibliothek eingerichtet werde — sondern er ging in 
seiner ablehnenden Haltung so weit, dafi er schliefilich jede Mitwirkung ver- 
sagte und erkl&rte, in die neue Bibliothek keinen Fufi setzen zu wollen. Gr. 
wurde als Vertreter der Bibliothek in die Kommission gewahlt, die den Plan 
fiir die Ubersiedlung und Einrichtung entwerfen sollte, und, obwohl auch er 
mit Einzelheiten des Plans, so namentlich was die Anlage eines grofien Lese- 
saales betrifft, mit Ferstel nicht iibereinstimmte — Gr. trat in einer mit Sach- 
kenntnis gefiihrten Diskussion fiir die Schaffung mehrerer kleinerer Lesesale 
ein — , suchte er doch, soweit ihm dies mOglich war, die Interessen der 



1 82 Grassauer. 

Bibliothek zu wahren. Als dann (1884) die Ubersiedlung der Bibliothek be- 
vorstand, trat Leithe einen langeren Urlaub an und Gr. wurde provisorisch 
mit der Leitung betraut. Als erste und schwierigste Aufgabe oblag ihm nun 
die Ubersiedlung der Bibliothek, eine Aufgabe, bei der praktischer Blick, 
besonnene Routine und organisatorisches Talent am meisten erforderlich sind. 
Nach einem von Gr. entworfenen Plan wurde der ganze damalige Bestand der 
Bibliothek von iiber 300000 Banden, zahlreichen Doubletten, ungebundenen 
Broschuren, Zeitungen, Kunstblattern in 12 Arbeitstagen im September 1884 
aus der alten in die neue Bibliothek ubertragen und hier in den neuen Re- 
positorien so untergebracht, dafi die Benutzung der Bibliothek sofort moglich 
gewesen ware, wenn die baulichen Arbeiten und die inneren Einrichtungen 
nicht die Eroffnung der Bibliothek um einige Wochen hinausgeschoben hatten 
— eine glanzende Leistung, die Gr. die wohlverdiente Anerkennung in Biblio- 
thekskreisen des In- und Auslandes eintrug. Es sei noch erwahnt, dafi ein 
erheblicher Teil der praliminierten Kosten erspart werden konnte, da die 
Ubersiedlung in 12 statt in 24 Tagen bewerkstelligt wurde. 

Mit der Ubersiedlung der Bibliothek begann aber auch eine neue Ara 

fur die Wiener Universi tats -Bibliothek, die fur alle Zeiten mit dem Namen 

Gr.s verkniipft ist. Obwohl er auch ferner nur als erster Kustos mit der 

Leitung der Bibliothek betraut blieb, mufite sofort den geanderten Verhalt- 

nissen entsprechend eine ganzliche Umgestaltung, sowohl was die Fiihrung 

der Bibliotheksagenden, als was die Aufstellung der Werke in der Bibliothek 

betrifft, eintreten. Die neuen Raume boten namlich, wenn die in der alteu 

Bibliothek durchgefiihrte Aufstellung nach Literaturfachern — innerhalb der 

Facher geschieden und besonders numeriert nach den Formaten — bei- 

behalten werden sollte, so wenig Stellraum, dafi sich sofort Platzmangel fuhlbar 

gemacht hatte. Dieser &ufiere Grund war vornehmlich der zwingende fiir 

die Anderung der Aufstellung, so dafi fortan alle Werke ohne Rucksicht auf 

den Inhalt fortlaufend numeriert werden (numerus currcns) und nur das 

durch die Hohe der Bande bestimmte Format bei der Aufstellung beruck- 

sichtigt wird. Fur diese aus Raumriicksichten unerlafiliche fortlaufende Nume- 

rierung machte Gr. auch eine Reihe innerer Griinde geltend. Auf das Fiir 

und Wider dieser Aufstellungsart, fiir die iibrigens bereits auf das Beispiel 

anderer Bibliotheken hingewiesen werden konnte, kann hier nicht eingegangen 

werden; es sei nur erwahnt, dafi sie nach dem Vorgang der Wiener Universitats- 

Bibliothek seither in vielen anderen, so auch an der Hofbibliothek, Eingang 

gefunden hat. Vorerst wurde nur die Aufstellung nach dem numtrus currcns 

fur den neuen Zuwachs genehmigt, dann aber als Konsequenz davon auch 

die Ubernahme des ubersiedelten Bestandes in die neue Aufstellung. Aus 

inneren Griinden mufite jedoch die ganze friihere Katalogisierung einer griind- 

lichen Revision unterzogen werden, so dafi als Voraussetzung fiir die langst 

notwendig gewordene Neuanlage des alphabetischen Haupt-Kataloges, der 

ganze Bestand, der dadurch auch eine grofie Bereicherung erfuhr, eigentlich 

neu katalogisiert wurde. Fiir die Beschreibung wurde unter Gr.s Leitung eine 

eingehende Instruktion ausgearbeitet, ferner fiir den nach Vollendung des 

alphabetischen Kataloges in Angriff zu nehmenden systematischen Katalog 

ein Schema ausgearbeitet. Schon als Leiter der Bibliothek hat Gr. den inneren 

Geschaftsgang umgestaltet, und eine Reihe von Einrichtungen getroffen, die 



Grassauer. j8? 

das Institut auf eine hohere wissenschaftliche Stufe zu heben und eine bessere 
Schulung des Beamtenkorpers anzubahnen geeignet waren. Dahin gehoren die 
Referatseinteilung, dafi nach Tunlichkeit die einzelnen Wissenschaftsgruppen 
von Fachmannern geleitet werden, die in den ihnen anvertrauten Fachern 
alle Agenden selbst zu fuhren haben, und die Einfuhrung von regelmafiigen 
Bibliothekssitzungen, an denen alle Beamte teilnehmen ; es werden die behord- 
lichen Verfiigungen mitgeteilt, allgemeine und besondere Fragen besprochen 
und die Literaturreferate vorgetragen. 

August 1885 wurde Gr. zum Universitats-Bibliothekar und Vorstand der 
Bibliothek befordert, nachdem Leithe zum Bibliothekar der Wiener technischen 
Hochschule ernannt worden war. Wahrend der 18 Jahre seiner Vorstand- 
schaft war Gr. bestrebt die Wiener Universitats-Bibliothek weiter auszugestalten. 
Die erwahnte Neukatalogisierung wurde zu Ende gefuhrt und der neue alpha- 
betische Bandkatalog in Angriff genommen, die Bibliotheksdotation wurde 
unter ihm allmahlich von 15000 auf 30000 Gulden erhoht, wozu gelegentliche 
aufierordentliche Kredite fiir einzelne Zweige kamen; die Zahl der systemi- 
sierten Beamtenstellen von 10 auf 19 gebracht, wozu noch eine groflere Anzahl 
adjutierter und nichtadjutierter Praktikanten trat; auch die Zahl der Diener 
erfuhr eine erhebliche Vermehrung. Den gesteigerten Anforderungen wurde 
durch Vermehrung der Leseraume und der Bureaus, ferner der Lesestunden 
Rechnung getragen; der neue Katalog und die Ausgestaltung des biblio- 
graphischen Apparates bedingte ferner die Erweiterung des Katalogzimmers, 
deren Fertigstellung allerdings erst in die Zeit nach seinem Ausscheiden fallt. 
Durch liberale Handhabung der Ausleiheordnung wurde die Benutzung, soweit 
es innerhalb der bestehenden Vorschriften moglich war, erleichtert, der Du- 
blettenverkehr der osterreichischen Bibliotheken unter Mitwirkung Gr.s geregelt, 
endlich unter seiner Leitung der »Generalkatalog der laufenden periodischen 
Druckschriften« (Wien 1898) herausgegeben , in dem die Periodica und ihre 
Bestande in den einzelnen Universitats-, Studien- und technischen Bibliotheken 
Osterreichs (in einem Anhang die nur in der Hofbibliothek vorhandenen) 
verzeichnet werden. Damit wurde die Benutzung dieses wichtigen Literatur- 
zweiges bedeutend erleichtert. 

Fiir die Beurteilung der Tatigkeit Gr.s als Universitatsbibliothekar und 
ihrer Erfolge muss man sich die Schwierigkeiten vor Augen halten, die er 
zu uberwinden hatte. Weniger als in anderen Staaten war fiir das Bibliotheks- 
wesen in Osterreich geschehen: es fehlte dafur das richtige Verstandnis und 
vielfach fehlt es ja heute noch, so sehr auch die Verhaltnisse sich gebessert 
haben m6gen. Bei der Bedeutung, die der Wiener Universitats-Bibliothek als 
groBter staatlicher Bibliothek Osterreichs zukommt, mufite ihre Entwicklung 
naturgemafi von groflem Einflufl auf das gesamte Bibliothekswesen sein. Tat- 
sachlich hat die Wiener Universitats-Bibliothek unter Gr. und durch ihn einen 
grofien Aufschwung genommen, der sie, soweit sie auch noch immer an 
Mitteln hinter den groBen weltberiihmten Bibliotheken des Auslandes zuruck- 
bleibt, was ihre Verwaltung und Benutzung betrifft, in die vorderste Reihe 
ruckte; noch grOfler war freilich dieser Fortschritt in relativer Hinsicht, wenn 
man n£mlich die Riickstandigkeit friiherer Zeiten ins Auge fafit. Es ist das 
urn so hoher anzuschlagen , als Gr. die Kenntnis der Einrichtungen fremder 
Bibliotheken aus eigener Anschauung fehlte; erst 1890 machte er im Auftrage 



1 84 Grassauer. 

des Unterrichtsministeriums eine Studienreise nach Deutschland, Frankreich, 
England und Holland, fiber die er dann einen ausftihrlichen Bericht erstattete. 
Die Durchsetzung der von Gr. angestrebten Ausgestaltungen war jedoch, ins- 
besondere soweit die Erhohung des sachlichen und persSnlichen Aufwands 
durch sie bedingt war, mit solchen Schwierigkeiten verbunden, die auch eine 
energischere Natur, als Gr. war, hatte erlahmen lassen. Sein Interesse fiir 
das Aufblfihen des Bibliothekswesens in Osterreich bekundete er auch durch 
den Eifer, mit dem er die Griindung und die TStigkeit des »Osterreichischen 
Vereins fur Bibliothekswesens forderte, der vom Unterzeichneten angeregt 
und vorbereitet worden war. In der konstituierenden Versammlung dieses 
Vereins hielt er einen weitausblickenden Vortrag fiber »Ziele und Aufgaben 
des modernen Bibliothekswesens«. In diesem Zusammenhange sei noch er- 
wahnt, dafi Gr. bereits 1883 ein sehr brauchbares »Handbuch ffir osterreichische 
Universitats- und Studien-Bibliotheken« (Wien, Graeser) veroffentlicht hat, das 
eine gute Anleitung ffir die Verwaltung kleinerer und grofier Bibliotheken 
und im Anhang eine Zusammenstellung aller einschlagigen behordlichen Ver- 
ffigungen, Erlasse und Verordnungen enthalt. Die Tatigkeit Gr.s fand darin 
ihre Anerkennung, dafi er 1893 den Titel eines Regierungsrates, gelegentlich 
seiner Pensionierung (1903) den eines Hof rates erhielt; der Ssterreichische 
Verein ffir Bibliothekswesen ernannte ihn, der seit der Grfidung dessen erster 
Obmann-Stellvertreter war, zu seinem Ehrenmitgliede. 

Auch auf seinem engeren Fachgebiet, der Geographie und namentlich 
der 6sterreichischen Landeskunde, war Gr. erfolgreich literarisch tatig. Seine 
»Landeskunde von Osterreich- Ungam* (1875), die beiden in » Holders Geo- 
graphischer Jugend- und Volksbibliothek« 1879 erschienenen BSndchen: »Die 
Alpen« und »Die Donau« sowie der im selben Jahr in der Sammlung »Die 
Lander Osterreich -Ungams in Wort und Bild« erschienene Band »Das Erz- 
herzogtum Osterreich ob der Enns« erfreuten sich beifalliger Aufnahme; fiber 
die geographische und kartographische Literatur erschienen zahlreiche Rezen- 
sionen aus seiner Feder in der »Zeitschrift ffir die osterreichischen Gymnasien*. 
Seit Ende 1881 war er auch Mitarbeiter der »Allgemeinen Enzyklopadie«, 
hg. v. Ersch u. Gruber; 1887 wurde er von Kronprinz Rudolf in das Redaktions- 
komitee des Werkes «Die osterreichisch-ungarische Monarchic in Wort und 
Bild« als Referent ffir landschaftliche und topographische Schilderungen be- 
rufen. Mit emsigem Fleifi sammelte er das Material ffir ein grofi angelegtes 
»Repertorium der geographisch-statistischen Literatur Osterreich- Ungarnss 
das sein Lebenswerk werden sollte, das herauszugeben ihm jedoch nicht 
beschieden war. Auf dem Wiener internationalen Geographen-Kongrefi legte 
er eine Druckprob^ vor; der Beifall, den sie von fachmannischer Seite fand, 
veranlaflte wohl die Wiener geographische Gesellschaft sich daffir zu inter- 
essieren, doch blieb die notwendige materielle Unterstfitzung aus. 

Gr. war von mittelgrofier Statur und erfreute sich stets ungestorter Ge- 
sundheit. In frfiheren Jahren oblag er gern dem Jagdvergnfigen als Gast der 
Stifte Zwettl und Klosterneuburg; spater mufite er wegen zunehmender Kurz- 
sichtigkeit ihm entsagen. Seit dem Jahre 1886 besafi er ein Haus samt Garten 
in Klosterneuburg; Gartenarbeiten und Baumkulturen boten ihm Erholung 
von literarischen und amtlichen Arbeiten. In den letzten Jahren war eine 
merkliche Mfidigkeit eingetreten; anfangs 1903 trat mit Heftigkeit ein Ubel 



Grassauer. Zeller. Benfey(-Schuppe), 185 

auf, das wohl schon lSngere Zeit ihm unbewufit das ZerstOrungswerk vollzogen 
hatte; Diabetes im Verein mit einer Nierenentzundung warfen ihn aufs Kranken- 
lager und nach voriibergehender kurzer Erholung starb er, wenige Monate 
nach seiner Pensionierung. An seiner Bahre trauerten seine Witwe (Lina 
geb. Weinberger, Tochter des Landgerichtsrates W. in Salzburg), mit der er 
in glucklicher Ehe seit 1876 lebte, und zwei T6chter. Am 27. Oktober wurde 
er unter grofler Teilnahme auf dem Friedhofe zu Klosterneuburg bestattet. 

Literatur: Fur den vorstehenden Nekrolog konnten urkundliches Material, femer 
Mitteilungen der Witwe Gr.s und des mit Gr. befreundeten Archivars des Stiftes Zwettl, 
Dr. Benedikt Hamraerl, woftlr auch hier Dank gesagt wird, benutzt werden. Vergl. aufierdem: 
Haas >Die Cbersiedlung der k. k. Universitats-Bibliothek in Wien« (Zentralbl. f. Bibliotheks- 
wesen II 312 ff); Frankfurter »Die k. k. Universitats-Bibliothek in Wien« (Das Archiv II 34 iff., 
>Das Bibliothekswesen* (Kaiser Franz Joseph I. und seine Zeit I 124 flf), »Erneuerung des 
alpbabetischen Bandkataloges der Wiener Universitatsbibliothek* (Zentralbl. f. Bibliotheksw. 
XIX 175 ff); Meyer »Die alte und die neue Wiener Universitats-Bibliothek « (Mitt. d. osterr. 
Ver. f. Bibliothekswesen IV 56 ff); B(ohatta) »Dr. FerdinandGrassauer f« (ebenda VII 193, vgl. 
auch ebenda VI 155). Dr. S. Frankfurter. 

Zeller, Eduard Maximilian, Jurist und Dichter, * 28. Marz 1822 in Stutt- 
gart, f daselbst 7. Septbr. 1903. — Er war der Sohn eines Ober-Medizinal- 
rats, besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt und studierte dann in Tubingen 
und Zurich die Rechtswissenschaft. Nachdem er von 1843 a ^ zwe * Jahre 
hindurch im wurttembergischen Staatsdienst beschaftigt gewesen, liefl er sich 
1845 * n Calw als Advokat nieder, wurde 1849 in die aufst£ndische Bewegung 
Wurttembergs zur Herstellung der deutschen Einheit verwickelt und begab 
sich als politischer Fluchtling in die Schweiz und 1850 nach den Vereinigten 
Staaten von Nordamerika, wo er erst in New-York und zuletzt in Michigan 
als Lehrer seinen Unterhalt fand. 1863 kehrte er nach erfolgter Begnadigung 
nach Europa zuriick und liefl sich in Stuttgart als Rechtsanwalt nieder. 
Neben seiner Praxis beteiligte er sich vielfach am offentlichen Leben; er 
wurde zum Obmann des Biirgerausschusses, in den Gemeinderat und in die 
evangelische Landessynode gewahlt. 1880 gab er seine Praxis und offentliche 
Tatigkeit auf und widmete sich hinfort literarischen Studien und seiner 
poetischen Neigung. Er veroffentlichte »Geistliche Lieder« (1882), »Geistliche 
Lieder zu den Evangelien. 1. Kirchenjahr« (1891) und »Vier Marchen in 
Versen« (1900). 

Personliche Mitteilungen. Franz Brummer. 

Benfey (-Schuppe), Anna, Musiklehrerin und Schriftstellerin, * zu Lan- 
deck in Schlesien, f am 27. Mai 1903 in Weimar. — Ihr Geburtsjahr ist nicht 
bekannt geworden. Sie war die Tochter eines hSheren Justizbeamten, der 
spater nach Brieg, Groflglogau, Breslau und zuletzt als Obertribunalsrat nach 
Berlin versetzt wurde. Schon in friiher Jugend offenbarte sich bei der Tochter 
ein poetisches Talent, das indessen bald durch eine grofie Leidenschaft flir 
die Musik zuriickgedrangt wurde. Als zwanzigjahriges Madchen erhielt sie 
in Glogau durch Ludwig Meinardus Unterricht in der musikalischen Kom- 
position, worauf sie als Musiklehrerin in dem Ursulinerinnenstift daselbst 
angestellt wurde. In Breslau setzte sie ihre Studien unter dem Kirchen- 
komponisten Moritz Brosig fort, und in Berlin verdankte sie dem Komponisten 



1 86 Benfey(-Schuppe). Berdrow. von Breidenbach. 

Georg Vierling und dem Konzertmeister Hubert Riefi manche Forderung in 
der Komposition. Sie widmete sich nun ganz der Musik, erteilte Musik- 
unterricht und komponierte Chor- und Orchesterwerke, von denen besonders 
die Musik zu Shakespeares Romeo und Julia bekannt geworden ist und am 
Hoftheater in Gotha und am Stadttheater in Breslau zur Auffiihrung gelangte. 
Nachdem Anna Schuppe langere Zeit in Ungarn, Wien und Dresden als 
Musiklehrerin gewirkt, verheiratete sie sich, schon in alteren Jahren, 1879 m it 
dem Schriftsteller Rudolf Benfey, einem begeisterten Frobelianer. Sie hatte 
mit ihm lange iiber gemeinschaftliche geistige Interessen korrespondiert, und 
als der Gelehrte sterbenskrank bei den Barmherzigen Schwestern in Miinchen 
lag, wiinschte er sie noch einmal zu sehen. Als er genesen, schlofi er, der 
Jude, mit ihr, der Katholikin, den Bund zur gliicklichsten Ehe. Das Paar 
lebte dann in der Folge in Weimar, Graz, Wien, Dresden und Jena, wo 1891 
der Gatte starb. Die Witwe verlegte danach ihren Wohnsitz erst nach 
Gorlitz und 1892 nach Weimar, und hier ist sie im Krankenhause gestorben. 
Erst nach ihrer Verheiratung, und nachdem sich eine zunehmende Schwer- 
horigkeit bei ihr eingestellt hatte, so dafi sie ihre musikalische Tatigkeit 
aufgeben mufite, begann sie sich als Schriftstellerin zu betatigen. In den 
ersten Jahren schrieb sie ausschliefilich Marchen und Erzahlungen fur Kinder, 
dann Erzahlungen fur junge Madchen und schliefilich auch griifiere Arbeiten, 
von denen besonders die Novelle »Fridolin, ein Jiinger Gutenbergs« (1895) 
und der Roman »Gliihendes Eisen« (1900) hervorzuheben sind. 

Adolf Hinrichsen: »Das literarische Deutschlanck, 1891, S. 97. — »Dichterstimmen 
der Gegenwaru, Jahrg. 1903, Heft 11. Franz Briimmer. 

Berdrow, Otto, Schriftsteller und Dichter, * 26. Mai 1862 in Stralsund 
(Pommern), f daselbst 6. Februar 1903, — Er war der Sohn eines Lehrers 
und bereitete sich gleichfalls auf den Beruf eines solchen vor. Nachdem er 
das Gymnasium seiner Vaterstadt und das Lehrerseminar in Franzburg be- 
sucht hatte, wirkte er seit 1882 als Lehrer in Wangen bei Greifswald und in 
Richtenberg und seit 1886 in Giebichenstein bei Halle a. Saale. Hier be- 
nutzte er fleiflig die Gelegenheit, Vorlesungen an der Universitat zu horen, 
und es war besonders Rudolf Haym, der einen bestimmenden Einflufl auf 
sein literarisches Schaffen gewann. 1888 kehrte er in seine Vaterstadt zuriick, 
wo er zuletzt an einer Knaben-Mittelschule als Lehrer tatig war. Als Schrift- 
steller pflegte er zunachst das Gebiet der Literaturgeschichte und der Bio- 
graphie, wie seine »Frauenbilder aus der deutschen Literaturgeschichte « (1895, 
2. Aufl. 1900), »Friedrich Perthes, ein deutscher Buchh&ndler« (1897), »Rahel 
Varnhagen, ein Lebensl. und Zeitbild« (1900, 2. Aufl. 1902) und »Pastor 
Hammer, ein Zeitbild« (Roman, unter dem Pseudonym Leopold Guthart, 1896) 
bezeugen. Seine Gedichte »Still und bewegt« (1903) berechtigten zu Hoff- 
nungen; da erlag der Dichter im besten Mannesalter einer tiickischen Lungen- 
entziindung. 

Personliche Mitteilungen. — »Preuflische Lehrerzeitung« vom 14. Febraar 1903. 

Franz Briimmer. 

Breidenbach, Emilie von, Schriftstellerin, * 7. Januar 1838 in Konstanz, 
f 16. April 1903 daselbst. — B. war die Tochter eines Freiherrn von Eisen- 



von Breidenbach. 1 87 

decker unci seiner zweiten Gemahlin, einer Livlanderin, und kam, da ihre 
Mutter bei der Geburt starb, schon im ersten Lebensjahre nach Genf in Pflege, 
wo sie bis zum dritten Jahre verblieb. Ins Vaterhaus zuriickgekehrt, erhielt 
sie eine sorgfaltige Erziehung, die spater, in Erziehungsinstituten zu Genf 
und Dresden, ihren Abschlufi erhielt. Ihre Ausbildung, besonders in Sprachen, 
Musik und Zeichnen, war eine vorzugliche. Dazwischen fielen alljahrlich 
grofiere Reisen durch die Schweiz, nach Italien, Frankreich und England. 
Spater kamen traurige Zeiten fur die Schriftstellerin. Ihre Schwester, der sie 
besonders zugetan war, starb nach kurzer Ehe; der Vater, obwohl selbst 
kranklich, schlofi zum viertenmal eine Ehe und gab seiner Tochter eine 
Stiefmutter, die jener das Leben im Elternhause zur Qual machte, weshalb 
sich Emilie entschloB, ihrem verwitweten Schwager, dem hessischen Gesandten 
Freiherrn von Breidenbach in Stuttgart, die Hand zum Ehebunde zu reichen, 
um so dem Sohne ihrer verstorbenen Schwester die Mutter zu ersetzen (1863). 
Aber auch in den neuen Verhaltnissen blieb ihr der Kummer nicht erspart, 
und 1882 traf sie der schwerste Schlag: sie verlor den Gatten durch den 
Tod. Die Nervenerschutterung, welche dieser Verlust zur Folge hatte, machte 
einen Aufenthalt in Meran notig, und hier, unter dem segensvollen Einflufi 
der sie umgebenden Natur, versuchte sie, in geistiger Arbeit ihrem Leben 
einen neuen Anhalt zu geben. Die Frucht der ersten Aufierung ihrer Gefuhls- 
stimmung waren die »Natur- und Lebensbilder« (1885), deren Drucklegung 
kein Geringerer als Karl Gerok veranlaflte. Nach der Ruckkehr aus Meran 
siedelte sie sich versuchsweise auf dem Schlofi Louisenberg bei Mannenbach 
am Untersee im Kanton Thurgau an, das sie einige Jahre spater kauflich 
erwarb. Hier fand sie ihren inneren Frieden und die freudigste Schaffenslust. 
Werke des Wohltatigkeit und schriftstellerische Tatigkeit fullten fortan ihr 
Leben aus. Die freundschaftlichen Beziehungen zu den badischen, wurttem- 
bergischen und hohenzollernschen Hofen gewahrten ihr manche angenehme 
Abwechselung, und wahrend des Sommers bot ihr Schlofi gastlich mancher inter- 
essanten Pers5nlichkeit lieben Aufenthalt. Wahrend des Winters unternahm sie 
monatelange Reisen, besonders nach England, meist philanthropischen Werken 
gewidmet; das Wirken des ihr befreundeten Barnardo, des Retters unglucklicher 
Kinder, schildert sie in ihrer Erzahlung »Sibyllas Traum und anderes« (1887). 
Mit der ihr gleichfalls befreundeten Mifi Fanny Gumbleton, griindete sie 1885 
in Torquay ein Heim fur arme heimatlose, der Schwindsucht verfallene 
Madchen, das sie auch in der Feme behiitete und unterstiitzte. Das Ent- 
stehen dieses Liebeswerkes schilderte sie in der Schrift »Drei Monate in 
England, ein philanthropischer Rundgang« (1890). Andere Schriften von ihr 
sind noch »Das Bargli Hus Vreneli« (1886), eine Erzahlung, in der die 
Sitten des Schweizervolkes trefflich gezeichnet sind, der Roman »Schatten 
und Licht« (1888), »Drei Novellen« (1889), die Episoden aus dem Leben 
der Dichterin schildern, die Erzahlungen »Bunte Ranken« (1895) und die 
Reiseskizzen »Erinnerungen aus alter und neuer Zeit« (1898). Seit dem 
Jahre 1899 lebte Frau v. Br. in Konstanz und dort ist sie auch, viel zu friih 
fur die Armen und Notleidenden, gestorben. 

PersOnliche Mitteilungen. — Sophie Patacky: »Lexikon deutscher Frauen der Federc, 
1898. Bd. 1, S. 103. — Lina Morgenstern: »Die Frauen des 19. Jahrhunderts« , 1891. 
Bd. 3, S. 302. Franz Brummer. 



X88 von Larisch. von Trotha. 

Larisch, Karl von, General der Kavallerie, * 2. August 1824 zu Kiimm- 
ritz, Kreis Luckau, f 3. Oktober 1903 zu Haus Boeckey bei Glasersdorf, Kreis 
Liiben in Schlesien. — L. trat am 1. November 1841 als Avantageur in das 
6. Kurassierregiment ein. 1843 Sekondeleutnant, bekleidete er 1847 — 1850 
die Stellung als Regimentsadjutant, zu welchem Zeitpunkte er in das 5. Ku- 
rassierregiment versetzt wurde. Am 1. Juli 1859 wurde L. als Eskadronschef 
in das neugebildete posensche Ulanenregiment Nr. 10 versetzt. Bei diesem 
Truppenteil machte er die Besetzung der russischen Grenze in den Jahren 
1863 und 1864 mit, 1866 wurde er zum Major befdrdert. Bei der bald dar- 
auf eintretenden Mobilmachung kam L. als Generalstabsoffizier zu der kom- 
binierten Land wehr-Kavallerie-Di vision des I. Reserve-Armeekorps, machte 
hier den Feldzug gegen Osterreich mit und trat nach dem Frieden als etats- 
mafiiger Stabsoffizier zum Dragonerregiment Nr. 15 iiber. 1869 erhielt er 
seine Ernennung zum Kommandeur des magdeburgischen Kurassierregiments 
Nr. 7 und riickte am 26. Juli 1870 zum Oberstleutnant auf. Leider war es 
L. im Feldzuge von 1870/71 gegen Frankreich nicht vergSnnt, mit seinem 
Regiment die beruhmte Attacke bei Vionville zu reiten, da er infolge eines 
am 1. August erlittenen Armbruches erst am 6. September zu seinem Truppen- 
teil zuriickkehren konnte. Im weiteren Verlauf des Krieges nahm L. mit 
seinem Truppenteil an der Belagerung von Paris, an den Gefechten bei 
Mantes, Evreux, der Schlacht von Le Mans und dem Gefecht bei Bernay teil, 
stieg am 18. Januar 1872 zum Oberst auf und erhielt am 15. Juni 1875 die 
5. Kavalleriebrigade. 1876 zum Generalmajor befcirdert, trat L. am 11. No- 
vember als Kommandeur an die Spitze der 6. Division und am 15. Januar 
1887 in den Ruhestand. 1890 erhielt er den Charakter als General der 
Kavallerie. 

Nach den Akten. Lorenzen. 

Trotha, Ernst von, Generalleutnant, * 24. Juni 1819 zu Neubeesen im Saal- 
kreise, f 29. Januar 1903 zu Skopau bei Merseburg. — Als Avantageur im 
Januar 1837 in das Garde -Jagerbataillon eingetreten, erhielt T. 1838 das 
Patent als Sekondeleutnant, wurde auf seinen Wunsch 1841 zum 10. Husaren- 
regiment versetzt, riickte 1843 zum Premierleutnant auf und war von Oktober 
1854 bis Marz 1859 a ' s Eskadronsfiihrer zum 10. Landwehr-Husarenregiment 
kommandiert, wahrend welcher Zeit er zum Rittmeister avancierte. Unterm 
12. Marz 1859 dem Husarenregiment Nr. 8 als Eskadronschef (iberwiesen, trat 
er, nachdem er den Sommer hindurch eine Schwadron des mobilen 8. Land- 
wehr-Husarenregiments gefiihrt hatte, als Eskadronschef zu dem neuerrichteten 
rheinischen Dragonerregiment Nr. 5 iiber. 1863 wurde T. in das schlesische 
Ulanenregiment Nr. 2, 1864 unter gleichzeitiger Beforderung zum Major in 
das brandenburgische Dragonerregiment Nr. 2, 1866 als etatsmafliger Stabs- 
offizier in das 2. brandenburgische Ulanenregiment Nr. 11 versetzt, in welcher 
Stellung er den Feldzug von 1866 gegen Osterreich mitmachte, und in diesem 
an dem Gefecht bei Sichrow, sowie an der Attacke gegen osterreichische 
Kiirassiere in der Schlacht bei KGniggratz teilnahm. Nach dem Feldzuge 
trat T. 1867 als Kommandeur an die Spitze des oldenburgischen Dragoner- 
regiments Nr. 19, das er bereits seit Monaten gefiihrt hatte; wurde 1868 
Oberstleutnant und bei Ausbruch des Krieges gegen Frankreich 1870 zum 



von Trotha. von Gemmingen. Geibel. 180 

Oberst ernannt. Im Feldzuge nahm er mit seinen Dragonern an der Schlacht 
bei Spicheren und Vionville, an der Belagerung von Paris, sowie an den Ge- 
fechten bei Ch£risy und Bu teil. Ganz besonders zeichnete T. sich mit 
seinem Regiment in der Schlacht von Vionville aus, wo er in dem Reiter- 
kampfe bei Ville sur Yron 9 Offiziere, 104 Unteroffiziere und Mannschaften, 
sowie 99 Pferde verlor. Das Regiment verblieb unter seinem Kommando, als 
zur Okkupationsarmee gehOrend, bis zum Juli 1873 in Frankreich. Nach der 
Riickkehr in die heimische Garnison erhielt T. das Kommando der 9. Ka- 
valleriebrigade, avancierte 1874 zum Generalmajor und trat 1875 zu den 
Offizieren von der Armee iiber. Am 1. November 1875 erhielt er den er- 
betenen Abschied, 1895 den Charakter als Generalleutnant. 

Nach den Akten. Lorenzen. 

Gemmingen, Wilhelm Frhr. von und zu, General der Kavallerie, 
* 17. April 1827 zu Gemmingen im Kreise Heidelberg, f 18. Oktober 1903 zu 
Karlsruhe in Baden. — G. trat 1842 als Kanonier in die badische Artillerie 
ein, avancierte 1845 zum Portepeefahnrich, 1846 zum Leutnant. 1849 erhielt 
er das Kommando, das von den Insurgenten weggeschleppte Kriegsmaterial 
an der schweizerischen Grenze zu sammeln und zu ordnen, war 1852 dienst- 
lich nach Darmstadt, Koburg, Weimar und Dresden entsendet, ruckte 1852 
zum Oberleutnant auf, wurde 1853 Brigadeadjutant und 1859 zum Haupt- 
mann und Batteriechef befordert, auch i860 zum Vorstand des 3. Remon- 
tierungsbezirks ernannt. Im Winter 1863 zu 1864 war er in dieser Stellung 
dienstlich in Ungarn beim Ankauf von Remonten tatig. 1867 wurde G. unter 
gleichzeitiger Ernennung zum Major und Ordonnanzoffizier des Grofiherzogs 
in das damalige 3. Dragonerregiment »Prinz Carl« versetzt, fungierte in den 
Jahren 1867 und 1868 abermals als Vorstand der Remonteankaufskommission 
im Auslande und trat 1868 in den Generalstab iiber. 1869 erhielt er das 
Kommando des 3. Dragonerregiments »Prinz Carl«, das er 1870 gegen Frank- 
reich ins Feld fiihrte, wobei er, mittlerweile zum Oberstleutnant aufgestiegen, 
die Belagerung von Strafiburg, die Gefechte bei Bruy6res und Dijon, sowie 
die Schlacht an der Lisaine mitmachte. Nach dem Kriege wurde G. als 
Oberstleutnant und Kommandeur des 3. badischen Dragonerregiments »Prinz 
CarW Nr. 22, bis dahin 3. Dragonerregiment »Prinz Carl« in den Verband der 
preufiischen Armee aufgenommen und ruckte 1873 zum Oberst auf. 1876 
wurde er mit der Fuhrung der 21. Kavalleriebrigade beauftragt, an deren 
Spitze er im folgenden November endgiiltig trat. 1878 zum Generalmajor 
befdrdert, erhielt G. 1883 unter gleichzeitiger Ernennung zum Generalleutnant 
das Kommando der 14. Division, das er 1886 mit demjenigen der 21. Divi- 
sion vertauschte; 1888 trat er in den Ruhestand. 

Nach den Akten. Lorenzen. 

Geibel, Stephan, Buchhandler und Buchdrucker, * 15. Juli 1847 * n Buda- 
pest, f 6. Januar 1903 in Altenburg (S.-A.). — Kommerzienrat Stephan G. war 
der Sohn des Budapester, sp&ter Leipziger Hofbuchhandlers Geibel, der am 
Aufschwung der ungarischen Literatur des vorigen Jahrhunderts einen wesent- 
lichen Anteil hatte. Nach sorgfaltiger Erziehung im Elternhause trat G. zur 
Erlernung der Buchdruckerkunst bei F. A. Brockhaus in Leipzig ein, ging 



1 go Geibel. Hagemeister. 

dann nach Gotha, urn sich danach ganz der buchhandlerischen Laufbahn 
zuzuwenden. In Leipzig, Genf und Bonn hatte er als Gehilfe gearbeitet, als 
ihm und drei Leipziger Firmen die Pierersche Hofbuchdruckerei in Altenburg 
zum Kauf angeboten wurde. Am 2. Januar 1872 ubernahm er als Leiter 
diese Druckerei, die er in mehr als dreifiigjahriger rastloser Arbeit mit zum 
ersten graphischen Institut Deutschlands emporbrachte. G. war es in erster 
Linie, der Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts der sehr im 
Argen liegenden Buchdruckerkunst neues Leben einhauchte. Den Ruf seiner 
Firma als graphische Musteranstalt hat er dauernd erhdht. 

Im Jahre 1888 begriindete G. einen eigenen Verlag, dessen Grundstock 
Erwerbungen aus dem Julius Niednerschen Verlage in Wiesbaden, darunter 
die bekannten Schriften des Volks- und Jugendschriftstellers Wilhelm Oertel 
von Horn, waren. Auch die Oertelsche »Spinnstube«, jenes ausgezeichnete 
Volksbuch, das zu vielen Tausenden alljahrlich als Kalender ins Volk ging, 
hat G. noch eine Reihe von Jahren, bis 1895, fortgefiihrt. Neben einer Reihe 
gern gelesener und weitverbreiteter Jugendschriften, so von Noeldechen, 
Schupp, Bomel u. a., verlegte G. auch die religiosen Schriften des Pastors 
Funcke in Bremen u. v. a. 

Der grofien deutschen Buchdruckergilde hat G. durch seine langjahrige 
tatige Mitwirkung an deren Bestrebungen die wertvollsten Dienste geleistet. 

Quell en: »Zeitschrift ftir Deutschlands Buchdruckerc, 1903 Nr. 3; Schmidt, ^Deutsche 
Buchhandler«, IV. Bd. Rudolf Schmidt. 

Hagemeister, Johann Carl Paul Wilhelm, Jurist und Historiker, 
* 13. Juni 1826 in Stralsund, f 27. Marz 1903 in Greifswald. — Sohn des 
Stralsunder Biirgermeisters Carl H., aus einer alten, im 13. Jahrhundert in 
Pommern eingewanderten niederdeutschen Familie, welche in der amtlichen 
Stellung eines Hagemeisters (Magister indaginis) das Dorf Helmshagen bei 
Greifswald begriindete, und von dort nach Greifswald, Grimmen und Stral- 
sund iibersiedelte, wo sich die amtliche Bezeichnung in den Familiennamen 
»Hagemeister« umwandelte. Seit 1357 in Greifswald und seit 1566 in Stral- 
sund durch zahlreiche Mitglieder im Rate vertreten, gehftrte die Familie zum 
Patriziat und fiihrte als Wappenemblem eine Rose im Schilde und auf dem 
Helme. Nach dem Muster dieser Vorfahren widmete sich H. gleichfalls der 
Rechtswissenschaft, studierte in Halle, Heidelberg und Berlin, wurde 1849 
Auskultator, 185 1 Referendar, 1855 Assessor, 1858 Kreisrichter und 1868 
Kreisgerichtsrat in Stralsund, legte dies Amt aber nieder, wirkte seit 187 1 
dort als Rechtsanwalt mit dem Titel »Justizrat«, und seit 1876 als Land- 
syndikus, als Rechtsbeistand der neuvorpommerschen Stande, und starb 
am 27. Marz 1903 infolge eines Schlaganfalles. Neben dieser praktischen 
Amtstatigkeit widmete sich H. mit Vorliebe historischen und antiquarischen 
Forschungen, fiir welche ihm im Ratsarchiv und in den zahlreichen Denk- 
malern der Kirchen und Kloster seiner Vaterstadt ein reiches Material vorlag. 
Dieses verwertete er nach zwei Richtungen, einerseits durch Aufstellung sorg- 
faltiger, nach urkundlichen Belegen ausgefiihrter Genealogien alter Familien, 
von denen einige handschriftlich vorliegen, andere in der Zeitschrift des 
Vereins »Herold« erschienen sind; andererseits durch Nachweisung, Restau- 
ration und Beschreibung der Stralsunder Bau- und Kunstdenkmaler, welche 



Hagemeister. Kiem. igi 

Forschungen auch vom Baumeister v. Has el berg bei der Bearbeitung der 
»Baudenkmaler des Reg.-Bez. Stralsund« Heft 5, 1902 benutzt worden sind. 
Namentlich ist H.s Forderung der Erneuerung der alten Wandmalereien in 
der Nikolaikirche hervorzuheben, fur welche er auch die bewahrten Kunst- 
historiker Dr. Crull in Wismar und Prof. Knackfufi in Kassel zu interessieren 
wuflte, und welche auch fur den Chor derselben durch die Maler Grimmer 
und Winter ausgefuhrt wurde. Ebenso erhielt auf seine Veranlassung das 
Gebaude des Swarteschen Ganges, einer vom Ratsherrn Arndt Swarte im 
Jahre 1569 begriindeten Stiftung fur alte Dienstboten, welcher er als Patron 
vorstand, eine Restauration, bei welcher die Wappen der um dieselbe beson- 
ders verdienten Familien Wardenberg, Swarte und Hagemeister neben dem 
Eingange angebracht wurden. Auch gehorte er zu den Hauptf6rderern des 
dem Biirgermeister Lambert Steinwig (f 1629) auf dem Alten Markt vor dem 
Rathause im Jahre 1904 errichteten Denkmals, welches dessen ruhmvoller 
Tatigkeit bei der Belagerung Stralsunds durch Wallenstein gewidmet ist. 
Von H.s kunsthistorischen Forschungen, welche im Druck erschienen, sind 
zu erwahnen: Sammlung von Bildnissen der Stralsunder Ratsherren, 1889; 
Die alte Uhr in der Nikolaikirche, 1895; Der Schwarze Gang, 1896; Ein 
Gang durch die Nikolaikirche in Stralsund, in erster Bearbeitung 1890, in 
zweiter Bearbeitung 1900, mit der Beschreibung ihrer zahlreichen Kunstwerke, 
eine Reihe von Schriften, durch welche ihm, ebenso wie durch die Erhaltung 
der Denkmaler, ein bleibendes Andenken in seiner Vaterstadt gesichert ist. 
Quellen: Handschr. Selbstbiographie. Nekrolog »Strals. Zeitung*, 1903, Nr. 78. 
Perstfnliche Erinneningen. Pyl. 

Kiem, Martin, O. S. B., Subprior in Gries, Historiker, * 8. Februar 1829 
zu Algund in Tirol, f 13. Juni 1903 im Stift Gries bei Bozen. — K. machte 
seine Gymnasialstudien am Benediktiner-Gymnasium zu Meran, trat dann 
1847 im Stift Gries in den Orden, legte am 16. September 1849 Profefi ab, 
machte die philosophischen und theologischen Studien an der Hauslehranstalt 
und wurde am 15. Februar 1852 zum Priester geweiht. Hierauf wurde er 
nach Sarnen in der Schweiz (Obwalden) gesandt und wirkte 29 Jahre bis 
1 88 1 als Gymnasialprofessor an der kantonalen Lehranstalt daselbst, zu deren 
Hebung er neben dem Rektor P. Augustin Griiniger hervorragend mitwirkte. 
Nach der Griindung des mit dem Gymnasium verbundenen Konvikts war er 
1868 — 1872 Prafekt desselben. 1881 wurde er als Stiftsdekan in das Stift 
Gries zuruckberufen; 1894 legte er dieses Amt aus Gesundheitsrucksichten 
nieder und wurde Bibliothekar, seit 1897 zugleich Subprior. — Wahrend der 
Jahre seiner Wirksamkeit in Sarnen beschaftigte sich K. eingehend mit der 
Geschichte von Obwalden. Eine Reihe von Abhandlungen und Publikationen 
von Urkunden-Regesten veroffentlichte er in der Zeitschrift »Der Geschichts- 
freund<' (Einsiedeln), Bd. 18 — 30, 1862 — 1872; grofiere Arbeiten sind darunter: 
»Die Alpenwirtschaft und Agrikultur in Obwalden seit den altesten Zeiten« 
(21. Bd. 1865 S. 144 — 231); »Die Entwicklungsgeschichte und die Landam- 
manner von Unterwalden ob dem Wald. 1304 — 1872« (28. Bd. 1873 S. 208 
bis 277). In den 1864 — 1873 von *hm jahrlich verfafiten Programmabhand- 
lungen des Gymnasiums zu Sarnen gab er teils Beitrage zur Geschichte der 
Lehranstalt, teils behandelte er in einer Reihe von Programmen die 



Ip2 Kiem. Eberle. Jakob. 

Geschichte der Pfarrei Sarnen. Als selbst&ndige Schrift erschien: »Der selige 
Nikolaus von Flue* (nach dem gr6fieren Werk von Ming, Ingenbohl 1862; 
2. Aufl. 1879); spater: »Der selige Nikolaus von Flue, ein Vorbild fur alle 
Christen « (Einsiedeln 1881). Nach der Ruckkehr K.s nach Gries erschien 
zuerst die Urkundenpublikation: »Das Kloster Muri im Kanton Aargau. 

A. Acta Murcnsia oder Acta fundationis. B. Urkunden und Briefe. C. Necro- 
logium Hermetisvillanum* (in: Quellen der Schweizer Geschichte, Bd. Ill, 
Abteilung 3, Basel 1883). Auf die Abhandlung: »Inneres Leben und aufiere 
Tatigkeit der Muri-Konventualen aus dem Zeitraum von 1684 — 17760c (Studien 
und Mitteilungen aus dem Benediktinerorden, 6. Jahrg. 1885 Bd. I S. 392 
bis 397; Bd. II S. 135 — 145, 342 — 348) folgte dann K.s Hauptwerk, die zwei- 
bandige »Geschichte der Benediktinerabtei Muri-Gries (ad S. Martinum — ad 

B. V. Afariam)* (Stans 1888, 1891). Kleinere Mitteilungen erschienen in der 
»Zeitschrift des Ferdinandeums fur Tirol und Vorarlberg« (3. Folge, 33., 36. 
und 37. Heft, 1889, 1892 und 1893). In den letzten Jahren folgten noch 
die Schriften: »Leben des hi. Martinus, nebst Erw&gungen und Gebetbuch* 
(Brixen 1898); »Augustin Vigil Nagele, letzter Pralat des Augustiner-Chor- 
herrenstiftes zu Gries bei Bozen (1790 — 181 5) und seine Zeit« (Innsbruck 1899). 

Vgl. Studien und Mitteilungen aus dem Benediktinerorden, 24. Jahrg. 1903 S. 554 f. 
— »Der Geschichtsfreund«, 58. Bd. 1903 S. XXXI— XXXIII. (Aus dem »Vaterland€.) — 
Scriptorcs Ord. S. Benedict! qui iy jo — 1880 futrunt in impcrio Austriaco-Hungarico 
{Vindobonat 1881) p. 231 s. F. Lauchert. 

Eberle, Melchior, C. S. B., Subprior von St.Bonifaz in Munchen, * 27. Marz 
1828 zu GroBkissendorf bei Giinzburg, f 10. Juli 1903. — E. absolvierte das 
Gymnasium bei den Benediktinern zu St. Stephan in Augsburg, trat dann 
1850 daselbst in das Noviziat, legte am 6. Januar 185 1 Profefi ab, studierte 
Theologie und Philologie an der Universitat Munchen und wurde am 4. Mai 
1853 zum Priester geweiht. Er wirkte dann als Lehrer am Gymnasium zu 
St. Stephan, von 1859 — 1878 als Studienlehrer am Ludwigsgymnasium in 
Munchen, nachdem er 1859 in das Kloster St. Bonifaz in Munchen uber- 
getreten war; 1878 — 1884 war er Beichtvater in Frauenchiemsee, dann Seel- 
sorger an der Filialkirche St. Benedikt in Munchen; seit 1899 Subprior im 
Stift St.Bonifaz. — Schriften: »Lourdes und seine Wunder« (Augsburg 1892); 
»Der hi. Bonifazius, Apostel von Deutschland« (ebd. 1893). Artikel »Frauen- 
chiemsee« in Seb. Brunners Benediktinerbuch (Wurzburg 1880). 

Vgl. »Augsburger Postzeitung* 1903, Nr. 155 vom 15. Juli. — Lindner, Die Schrift- 
steller des Benediktinerordens in Bayern, NachtrSge (Regensburg 1884), S. 78. 

F. Lauchert. 

Jakob, Georg, Domdekan in Regensburg, Kunsthistoriker, * 16. Januar 
1825 zu Straubing, f 12. Juli 1903 zu Regensburg. — J. absolvierte das 
Gymnasium in Straubing, studierte dann Theologie in Munchen und empfing 
am 9. Juli 1849 in Regensburg die Priesterweihe. Nachdem er zuerst einige 
Jahre in der Seelsorge gewirkt hatte, wurde er Prafekt im Klerikalseminar 
zu Regensburg, wo er insbesondere Vorlesungen uber kirchliche Kunst hielt. 
1858 wurde er Spitalpfarrer in Straubing; 1862 Domvikar in Regensburg, 
zugleich provisorischer Regens des Priesterseminars; 1881 Domkapitular; am 



Jakob. Brtill. 193 

8. Mai 1897 Domdekan; Dr. theoL h.e. — Hauptwerk: »Die Kunst im Dienste 
der Kirche. Ein Handbuch fur Freunde der kirchlichen KunsU (Landshut 
1857; 5. Aufl. 1901). Ferner: »Die feierliche Einweihung der Kirchen* (1850; 
2. Aufl. 1864); »Dr. Josef Amberger, Domkapitular in Regensburg« (Regens- 
burg 1890); gab heraus: +Beati Alberti Magni de sacrosancto corporis Domini 
sacramento strmones* (Regensburg 1893). Mehrere grOfiere Artikel zur christ- 
lichen Kunst in der zweiten Auflage des Kirchenlexikons von Wetzer und 
Welte. — J.s Bedeutung als Kunsthistoriker wiirdigt Domkapitular Schniitgen 
in der Zeitschrift ftir christliche Kunst (1903, Nr. 7, Sp. 224) folgendermafien: 
»Der kirchlichen Kunst mit Einschlufi der Musik hat er seit ihrem Wieder- 
aufleben, also iiber ein halbes Jahrhundert, in reinster Absicht, vollkommenster 
Hingabe, erfolgreichster Weise gedient, ernst und griindlich als Forscher, 
kenntnisreich und anregend als Lehrer, fruchtbar und zielbewuflt als Schrift- 
steller. Seinen strengen Grundsatzen, die nicht auf Vorurteil oder Eigensinn, 
sondern auf griindlichen Studien der Quellen, der Denkm£ler, der Literatur 
beruhten, ist er treu geblieben bis an sein Ende. Der tiefe Einblick in die 
Vorzuge der mittelalterlichen Kunst, die er in ihrem Zusammenhang mit 
Liturgie, Symbolik usw. mehr wie fast alle andern erfafit hatte, war ihm 
zugleich eine Schutzwehr gegen die nivellierenden und modernisierenden 
Bestrebungen, die den Zusammenhang mit der Vergangenheit auch auf dem 
von der Tradition besonders behiiteten kirchlichen Kunstgebiete abzuschwachen, 
wenn nicht gar aufzulSsen drohen.« 

Vgl. >Augsburger Postzeitungc 1903, Nr. 155 vom 15. Juli; Jahrg. 1899, Nr. 153 
vom 8. Juli. F. Lauchert. 

Briill, Andreas, katholischer Pfarrer von Plittersdorf bei Godesberg, Pa- 
tristiker und Sozialpolitiker, * 5. Juni 1845 zu Boslar bei Jiilich, f 24. Juli 1903 
zu Kissingen. — B. besuchte das Kaiser Karls-Gymnasium in Aachen bis 
1867, begann dann die philosophischen und theologischen Studien im Collegium 
Germanicum in Rom, setzte sie an der Universitat Bonn fort und empfing am 
24. August 187 1 in Koln die Priesterweihe. Hierauf wirkte er sechzehn Jahre 
als Vikar und Lehrer an der h5heren Stadtschule zu Schleiden. 1874 promo- 
vierte er in Freiburg i. Br. zum Dr. theoL 1888 wurde er Pfarr-Rektor an 
der St. Albertuskirche in Munchen-Gladbach; 15. Mai 1894 Pfarrer von Plitters- 
dorf. — Die friiheren literarischen Arbeiten von B. bewegen sich auf dem 
Gebiete der Patristik und sind vorzugsweise den apostolischen Vatern ge- 
widmet: »Ursprung und Verfasser des Briefes des Clemens von Rom an die 
Korinther« (in der Tubinger Theologischen Quartalschrift 1876); »Das Zeugnis 
des Clemensbriefes iiber den Tod des Apostels Petrus in Rom« (Theolog. 
Quartalschrift 1877); ^Clemens von Rom und der Hirt des Hermas« (Theolog. 
Quartalschrift 1878); »Der Episkopat und die Ignatianischen Briefe« (Theolog. 
Quartalschrift 1879); »Zur altesten Geschichte des Primates in der Kirche« 
(Theolog. Quartalschrift 1880); »Ursprung des ersten Clemensbriefes und des 
Hirten des Hermas« (Theolog. Quartalschrift 1882); »Der Hirt des Hermas, 
nach Ursprung und Inhalt untersucht« (Freiburg i. Br. 1882); »Der erste Brief 
des Clemens von Rom an die Korinther und seine geschichtliche Bedeutung« 
(Freiburg i. Br. 1883); »Uber die Echtheit der Martyrakten des hi. Ignatius* 
(Theolog. Quartalschrift 1884); »Die Clemensromane und der Primat der 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog-. 8. Bd. 1 1 



1 94 BrUll. Oswald. 

romischen Kirche« (Theolog. Quartalschrift 1891). Ferner verfafite er eine in 
einer Reihe von Auflagen vorliegende »Bibelkunde fur hohere Lehranstalten 
und Lehrerseminare sowie zum Selbstunterrichte« (zuerst Freiburg i. Br. 1877 
unter dem Titel »Bibelkunde fur Praparandenanstalten und Lehrerseminare*; 
8. Aufl. 1902) und ein »Lehrbuch der heiligen Geschichte, zunachst fiir die 
oberen Klassen hoherer Lehranstalten« (Freiburg i. Br. 1884). Seit seiner 
Wirksamkeit in M.-Gladbach arbeitete er sich eifrig in das Studium der 
sozialen Frage ein und war auch literarisch auf diesem Gebiete tatig durch 
Artikel in Zeitschriften, sowie im Staatslexikon der Gorres-Gesellschaft und 
im Jenaer Handworterbuch der Staatswissenschaften. Den letzten Jahren 
gehoren einige Beitrage zur Erklarung der Leidensgeschichte Jesu Christi an: 
»Jesus vor Annas« (Katholik 1899, I); »Die sieben letzten Worte Jesu* 
(Katholik 1900, I); »Die Ergreifung und (Jberlieferung Jesu an Pilatus* 
(Theolog. Quartalschrift 1901). Aus seinem Nachlasse wurde das treffliche, 
die Grundgedanken der Apologetik der Kirche in gemeinverstandlicher Weise 
zusammenfassende Schriftchen veroffentlicht: »Die wahre Kirche Christie 
(Freiburg i. Br. 1903). 

Vgl. »Kolnische Volkszeitung« 1903, Nr. 639 vom 31. Juli. — »Echo der Gegenwartc 
(Aachen), Nr. 524 vom 26. Juli. — »Literar. Handweiser« 1903, Nr. 779, Sp. ill f. 

F. Lauchert. 

Oswald, Heinrich, Professor der Theologie in Braunsberg, * 3. Juni 181 7 
zu Dorsten in Westfalen, f 7. August 1903 zu Braunsberg. — O. besuchte da* 
Progymnasium zu Dorsten, dann 1834 — 1836 das Gymnasium zu Miinster, 
studierte dann in Miinster Theologie und Philologie und wurde daselbst am 
13. Juni 1840 zum Priester geweiht. Hierauf setzte er seine Studien noch an 
der Universitat Bonn fort, wurde am 15. Juli 1843 zu Miinster Lie. theoL und 
habilitierte sich 1845 als Privatdozent an der theologischen Fakultat in Miinster. 
1846 wurde er Professor der Dogmatik an der philosophisch-theologischen 
Lehranstalt zu Paderborn; 1. Marz 1855 erteilte ihm die theologische Fakultat 
zu Miinster die theologische Doktorwurde; 1875 Professor der Dogmatik am 
Lyceum Hosianum in Braunsberg; papstlicher Hauspralat. — O. war als 
Dogmatiker sehr bedeutend. Sein Lebenswerk liegt in einer Reihe von 
grdfieren Einzelwerken vor, in denen er im Laufe der Jahre fast die gesamte 
katholische Dogmatik behandelte: »Die dogmatische Lehre von den heiligen 
Sakramenten der katholischen Kirche« (2 Bde., Miinster 1856^; 5. Aufl. 1894); 
»Eschatologie, das ist die letzten Dinge dargestellt nach der Lehre der katho- 
lischen Kirche« (Paderborn 1868; 5. Aufl. 1893); »Die Lehre von der Heiligung, 
das ist Gnade, Rechtfertigung, Gnadenwahl im Sinne des katholischen Dogmas 
dargestellt« (Paderborn 1872; 3. Aufl. 1885); »Die Erlosung in Christo Jesu 
nach der Lehre der katholischen Kirche dargestellt« (2 Bde., Paderborn 1878; 
2. Aufl. 1887); »Religiose Urgeschichte der Menschheit, das ist der Urstand 
des Menschen, der Siindenfall im Paradiese und die Erbsiinde, nach der 
Lehre der katholischen Kirche dargestellt« (Paderborn 1881; 2. Aufl. 1887); 
»Angelologie, das ist die Lehre von den guten und bosen Engeln« (Pader- 
born 1883; 2. Aufl. 1889); »Die Schopfungslehre im allgemeinen und in 
besonderer Beziehung auf den Menschen« (Paderborn 1885; 2. Aufl. 1893); 
»Die dogmatische Theologie, das ist die Lehre von Gott in seinem Sein und 



Oswald. Gebele. Huhn. 



195 



Leben* (2 Bde. Paderborn 1887). Eine schon friiher erschienene »Dogmatische 
Mariologie« (Paderborn 1850) war wegen einiger dogmatisch unkorrekten 
Thesen 1856 auf den Index gekommen und vom Verfasser zuriickgezogen 
worden. Die friihesten Arbeiten O.s waren eine Reihe von grSfleren und 
kleineren exegetischen und dogmatischen Abhandlungen, die 1844 — 48 in dem 
»Katholischen Magazin fur Wissenschaft und Leben« (Miinster) erschienen. Ferner 
sind noch die akademischen Programme und Reden zu nennen: »De institutions 
theologicae via ac ration*. Oratio academka solemnise (Paderborn 1850); y>Orationes 
academicae tres f quibus doctrinae de S. Eucharistia aliquot loci illustrantur* 
(Paderborn 1855); »Das grammatische Geschlecht und seine sprachliche 
Bedeutung. Eine akademische GelegenheitsschrifU (Paderborn 1866); »Dt 
generis humani in Protoparente lapsi ad recuperandam in Christo salutem divimtus 
instituta praeparatione commentation (2 Teile, im Index Lectionum fiir Sommer 1876 
und Winter 1882/83. Braunsberg 1876, 1882). 

Vgl. E. Rafimann, Nachrichten von dem Leben und den Schriften Mtinsterl&ndischer 
Schriftsteller (MUnster 1866), S. 247 f.; NeueFolge (1881), S. i6of. — »Literar. Handweiser« 
1903, Nr. 779, Sp. 112. — »Augsburger Postzeitung« 1903, Nr. 149 vom 8. Juli. 

F. Lauchert. 

Gebele, Eugen (Taufname Ernst), O.S.B. y Abtvon St. Stephan in Augsburg, 
* 10. April 1836 zu Osterbuch bei Wertingen, f 8. August 1903 zu Augsburg. 
— G. besuchte die Gymnasien zu St. Stephan in Augsburg und zu Dillingen, 
absolvierte die philosophischen Studien am Lyzeum zu Augsburg, das Studium 
der Theologie an der Universitat Munchen und wurde am 21. Juli 1861 zum 
Pri ester geweiht. Hierauf wirkte er im Weltpriesterstande mehrere Jahre in 
der Seelsorge, zuerst als Kaplan in Langenreichen, 1862 — 63 in Oberdorf, 
seit 1863 als Stadtkaplan bei St. Max in Augsburg. 1868 trat er daselbst im 
Stift St. Stephan in den Benediktinerorden und legte am 6. Januar 1869 Profefi 
ab. 1870 promovierte er in Munchen zum Dr. phil. Von 1870 bis 1878 war 
er als Lehrer der Religion, Geschichte und Geographie, von 1878 bis 1889 
als Professor der Geschichte und seit 1879 zugleich der Religion am Gymnasium 
zu St. Stephan t&tig; seit 1880 zugleich als Professor der Philosophic und 
Geschichte am Lyzeum. Am 11. Marz 1889 wurde er zum Abt des Stiftes 
gewahlt, am 28. April benediziert. Unter seiner Regierung erfolgte der An- 
schlufi des Klosters an die bayerische Benediktinerkongregation, deren Prases 
er zur Zeit seines Todes war. — Schriften: »Das Leben und Wirken des Bischofs 
Hermann von Augsburg vom Jahre 1096 — 1133. Nach den Quellen bearbeitet« 
(Dissertation; Augsburg 1870); »Kriegfiihrung der franzdsischen Rhein- und 
Moselarmee in Schwaben und Bayern, zun&chst im ehemaligen Furstbistum 
Augsburg, im Jahre 1796* (2 Teile; Programme der kgl. kath. Studienanstalt 
zu St. Stephan in Augsburg fiir 1883/84 und 1885/86; Augsburg 1884 und 1886). 

Vgl. »Augsburger Postzeitungc 1903, Nr. 177 vom 11. August — Lindner, Die 
Schriftsteller des Benediktinerordens in Bayern, Bd. II (Regensburg 1880), S. 258. 

F. Lauchert 

Huhn, Georg Adalbert, Stadtpfarrer von hi. Geist in Munchen, * 19. April 
1839 zu Orb in der DiSzese Wurzburg, f 11. August 1903 zu Aussee in 
Steiermark. — H. absolvierte die Gymnasialstudien in Aschaffenburg, studierte 
dann Theologie in Wurzburg, wo er sich als Schuler von Hettinger, Hergen- 

13* 



I q6 Huhn. Grimmich. 

rother und Denzinger ein gediegenes theologisches Wissen aneignete, und 
empfing am 23. April 1862 daselbst die Priesterweihe. Hierauf wirkte er 
zuerst zwei Jahre als Hilfspriester in Elsenfeld bei Aschaffenburg, im Sommer 
1864 a ' s Kurprediger in Bad Kissingen, von November 1864 bis Ende 1870 
als Stadtkaplan bei St. Agatha in Aschaffenburg. Am 1. Januar 187 1 wurde 
er Stadtpfarrprediger an der Maria-Hilf-Kirche in der Miinchener Vorstadt Au. 
In den Jahren 1875 — 188 1 gehorte er auch dem bayerischen Landtage an als 
Abgeordneter fur Munchen II. Am 29. Juli 1883 wurde er als Stadtpfarrer 
von hi. Geist in Munchen installiert; 1895 Prosynodalexaminator und erz- 
bischoflicher geistlicher Rat; 1899 papstlicher Hauspralat. In den ersten 
Jahren seiner Wirksamkeit als Pfarrer fiihrte H. die Erweiterung und Restau- 
rierung seiner Pfarrkirche durch; in seinen letzten Lebensjahren erfolgte unter 
seiner eifrigen Mitwirkung die im Interesse der Seelsorge notwendig gewordene 
Teilung der durch die Ausdehnung der Stadt immer mehr angewachsenen 
Pfarrei und der Bau der neuen Pfarrkirche St. Maximilian. H. war ein Mann 
von aufierordentlichen Rednergaben, einer der bedeutendsten und beliebtesten 
Prediger Miinchens und ein im ganzen katholischen Deutschland mit Ver- 
ehrung genannter Redner, der so oft nicht nur" in katholischen Vereinen und 
Versammlungen Miinchens und Bayerns, sondern auch auf einer Reihe der 
Generalversammlungen der Katholiken Deutschlands eine grofie Zuhorerschaft 
fur die hochsten Ideale begeisterte. Seine klar und logisch durchdachten 
Predigten und Reden wirkten nicht sowohl durch rhetorische Kunste, als 
durch ihren inneren Gehalt und durch die Macht der Uberzeugung. Unvergefi- 
liche Verdienste hat er sich insbesondere in den ersten siebziger Jahren urn 
die katholische Sache in Munchen erworben durch sein mannhaftes Auftreten 
in Wort und Schrift gegen die konzils- und kirchenfeindliche Bewegung. — 
H.s literarisches Hauptwerk ist die »Geschichte des Spitales, der Kirche und 
der Pfarrei zum hi. Geist in Munchen « (2 Abteilungen, Munchen 189 1 — 93). 
Ferner ist zu nennen: »Robert Emmet. Eine Erzahlung aus der Geschichte 
Irlands« (Munchen 1874), und aus der Zahl seiner kleineren Gelegenheits- 
schriften und einzeln gedruckten Reden: »Eine Ministerantwort im Lichte 
der Wahrheit« (Freiburg i. Br. 1871); »D6llingers alte und neue Hoffnungen« 
(Munchen 1874); »Der Kampf in Spanien und seine Bedeutung« (Munchen 1875); 
»Die neuere Geschichte der Ehescheidung« (Munchen 1890); »Die St. Maxi- 
milianskirche in Munchen. Festschrift zur Feier der Einweihung dieser Kirche 
am 6. Oktober i90i« (Munchen 1901). Nach seinem Tode wurde heraus- 
gegeben: »Seele Christi heilige mich! 14 Predigten iiber das Gebet des 
hi. Ignatius« (Munchen 1904; 1. bis 3. Aufl.; mit Portrat). Wie man hort, 
wird die Herausgabe einer Auswahl von sonstigen Predigten und Reden H.s 
vorbereitet, ein Plan der freudig zu begrufien, und dessen baldige Verwirk- 
lichung dringfcnd zu wiinschen ist. 

Vgl. P. Grafll, Pralat Adalbert Huhn, Stadtpfarrer von hi. Geist in Mttnchen (Munchen 
1903; mit Portrat). — »Augsburger Postzeitung« 1903, Feuilleton von Nr. 204, 205, 207 — 209. 

F. Lauchert. 

Grimmich, Virgil, O. S.B. Professor der Theologie an der deutschen 
Universitat in Prag, * 13. November 1861 zu Kaaden in Bohmen, f 14. August 
1903 zu Prag. — G. trat 1880 zu Kremsmiinster in den Benediktinerorden, 



Grimmich. Schroder. 



197 



studierte 1881 — 1885 Theologie an der Lehranstalt in St. Florian (Oberoster- 
reich) und wurde 1885 zum Priester geweiht. Nachdem er hierauf einige 
Zeit als Kooperator in Weifikirchen in der Seelsorge gewirkt hatte, ging er 

1886 zum weiteren Studium der thomistischen Philosophic nach Rom, wo er 
am 13. April 1888 Dr. phiL wurde. 1888 — 1897 wirkte er als Professor fur 
christliche Philosophie und alttestamentliches Bibelstudium an der Lehranstalt 
in St. Florian; April 1897 wurde er aufierordentlicher Professor fur christliche 
Philosophie und Padagogik an der Universitat Wien; Januar 1901 ordentlicher 
Professor der Moral theologie an der deutschen Universitat in Prag; im Juni 
1903 zum Rektor fiir das nachste Studienjahr gewahlt. — Werke: »Lehrbuch 
der theoretischen Philosophie. Auf thomistischer Grundlage« (Freiburg i. Br. 
1893); »Lehrbuch der allgemeinen Erziehungslehre. Zunachst zum Gebrauche 
fiir Lehrer- und Lehrerinnenbildungsanstalten« (Wien 1898); »Der Religions- 
unterricht an unseren Gymnasien« (Wien und Leipzig 1903). Ferner bearbeitete 
G. die 10. — 12. Auflage des »Handbuchs der Pastoraltheologie von Ignaz 
Schuch« (10. Aufl. Innsbruck 1896, n. Aufl. 1899, 12. Aufl. 1902). Erwahnt 
sei noch die Abhandlung: »Der Seelenbegriff in der neueren Philosophie« (in 
der Wiener Zeitschrift »Die Kultur«, 1. Jahrg., 1899/1900, S. 81 — 95, 178 — 201). 

Vgl. »Kolnische Volkszeitung« 1903, Nr. 690 vom 17. August. — Guppenberger, 
Bibliographic des Klerus der Dibzese Linz (Linz 1893), S. 67. — >Literar. Handweiserc 
1903, Nr. 780, Sp. 157. F. Lauchert. 

Schrdder, (Peter) Joseph, Professor der Theologie in Miinster, * 26. April 
1849 zu Beek, Pfarre Wiirm (Rheinland), f 5. September 1903 zu Elberfeld. — 
Sch. besuchte das Gymnasium zu Neufi und studierte dann 1867 — 74 Philo- 
sophie und Theologie im Collegium Germankum zu Rom, wo er 1873 Dr.phil^ 
1874 Dr. theoL wurde und am 18. Mai 1873 die Priesterweihe empfing. Da 
der Kulturkampf seine Anstellung in der Heimat zunachst verhinderte, iiber- 
nahm er die Stelle eines Professors der Philosophie am bischOflichen kleinen 
Seminar in St. Trond in Belgien, wo er langere Jahre tatig war; einige Zeit 
wirkte er dann auch als Professor am Priesterseminar in Liittich. Im Oktober 

1887 wurde er Pfarrverwalter von St. Johann Baptist zu Koln, 1888 Professor 
an dem wiedereroffneten Priesterseminar daselbst. 1889 ging er nach Amerika 
als Professor der Dogmatik an der neu errichteten katholischen Universitat in 
Washington, in welcher Stellung er bis 1898 wirkte und sich auch um die 
Interessen der katholischen Deutschen daselbst sehr verdient machte. Ostern 
1898 wurde er als Professor der Dogmatik an die Akademie Miinster i. W. 
berufen; bei deren Erhebung zur Universitat war er Rektor 1902/03. Er 
war auch papstlicher Hauspralat und Ehrendomherr von Liittich. Fiir Herbst 
1903 hatte er einen Ruf an die neu errichtete katholisch-theologische Fakultat 
in Strafiburg als Professor der Pastoraltheologie angenommen, starb aber am 
5. September an Lungenentziindung zu Elberfeld, wohin er sich vor der 
beabsichtigten tlbersiedelung zur Erholung begeben hatte. — Grofiere Schriften: 
*Sur la tolirance de PEglise* (1879); »Der Liberalismus in der Theologie und 
Geschichte. Eine theologisch-historische Kritik der Kirchengeschichte des 
Professors Dr. F. X. Kraus« (Trier 1883); »Cfwrch and Republic* (1891). 

VgL »K6lnische Volkszeitung* 1903, Nr. 749 vom 6. September. — »Augsburger 
Postzeitung* 1903, Nr. 201 vom 10. September. — >Literar. Handweiserc, Nr. 780, Sp. 157 f. 

F. Lauchert. 



198 von Secger. 

Seeger, Hermann von, bedeutender Strafrechtslehrer, * zu Stuttgart am 
18. August 1829, f zu Tubingen am 12. Juni 1903. — S. stammte aus einer 
alten schw£bischen Familie. Sein Vater war Obertribunalprokurator in Stutt- 
gart, 1844 — 48Mitglied der wiirttembergischen Abgeordnetenkammer, 1848 — 52 
Vorstand des VaterlSndischen Vereins, eines Vorlaufers der heutigen Deutschen 
Partei, ein in Rechtspflege und Politik wohlbekannter Mann. Der Sohn 
studierte 1847 — 51 in Tubingen und schlofi sich der Burschenschaft Germania 
an, an deren Spitze er eine Zeit lang trat und der er zeitlebens Anhanglich- 
keit bewahrte. 1852 machte er sein Staatsexamen als Jurist und war dann 
einige Jahre beim Stadtgericht und dem Kriminalamt in Stuttgart und beim 
Gerichtshof in Esslingen tatig. Er doktorierte in Tubingen 1854 mit der 
Arbeit »De rcpetitione ob turpem rem datorum cessante propter dantis turpi tudinem* , 
worauf er sich fur die strafrechtlichen F£cher habilitierte. 1858 wurde er 
aufierordentlicher, 1862 wirklicher aufierordentlicher Professor, nach dem Tode 
von Geib (1864) Mitglied der Juristenfakultat und ordentlicher Professor. Einen 
bald darauf erhaltenen Ruf nach Basel lehnte er ab. 1874/75 bekleidete er 
das Rektorat der Universitat und stellte sich begeistert in den Dienst der 
nationalen Sache wie der evangelischen Kirchengemeinde. 1875 in den Pfarr- 
gemeinderat gew&hlt, war er lange Zeit auch Mitglied des Didzesanausschusses 
und wahrend zweier Wahlperioden Stellvertreter des Abgeordneten zur Landes- 
synode. Solange die Tiibinger Fakultat noch Spruchkollegium war und Rechts- 
gutachten abzugeben hatte, konnte er als Referent auch sich praktisch juristisch 
bet&tigen, z. B. als Referent der Fakultat in ihrer Eigenschaft als Kassationshof 
fur die ehemalige freie Stadt Frankfurt am Main. Mit grofiem Eifer lag er 
seinen Vorlesungen ob und liebte den Verkehr mit seinen Schiilern, von denen 
er sehr verehrt wurde. Seine wissenschaftliche Tatigkeit war ziemlich aus- 
gedehnt. Es sind hier zu nennen seine Gedachtnisrede auf Prof. Dr. Anton 
Mayer, Tubingen 1857, seine »Abhandlungen aus dem Strafrechte«, Bd. I, 
Tubingen 1858 (seinem Vater Karl August Friedrich S. gewidmet), mit Er- 
orterungen iiber die Todesstrafe und die Notwehr, Bd. II, 1 »Cber die riick- 
wirkende Kraft neuer Strafgesetze«, ebd. 1862 (Karl Georg von Wachter ge- 
widmet); »Uber die Ausbildung der Lehre vom Versuch der Verbrechen in der 
Wissenschaft des Mittelalters« (Festschrift), Tubingen 1869, und »Cber das Ver- 
haltnis der Strafrechtspflege zum Gesetz im Zeitalter Ciceros«, ebd. 1869 (Fest- 
schrift fur von Wachter); »Ober den Versuch der Verbrechen nach romischem 
Recht«, ebd. 1879; »Die strafrechtlichen consilia Tubingensia von der Griindung 
der Universitat bis zum Jahre i6oo«, (aus »Beitrage zur Geschichte der Uni- 
versit&t Tubingen«, 1877); »Gutachten f. d. dtsch. Juristentag iiber den norddtsch. 
St.-G.-B.-Entwurf (in den Verhandl. IX 174 — 197) und Abhandlung in Golt- 
dammers Archiv XVIII 227 — 247; »Ober Zusammenflufl des einfachen und 
betniglichen Bankerottes« (ebd. XX 137 — 163); »Strafrechtspflege und Wissen- 
schaft in ihren wechselseitigen Beziehungen« (Gerichtssaal XXIV 107 — 127, 
205 — 218); »Karl Georg von WSchter« (Unsere Zeit 1880 II, 732 — 740); »Die 
Befugnis des mit der Voruntersuchung beauftragten Amtsrichters zur Eroffnung 
derselben« (Gerichtssaal XXXIII 241 — 246); »t)ber Besteuerung der Konsutn- 
vereine« (Ztschr. f. freiwill. Gerichtsbarkeit und Gemeindeverwaltung XXIX); 
»Der Felonie-Prozefl gegen Herzog Ulrich von Wurttemberg* (in der Tiibinger 
Festgabe zum 25. Juni 1889); »Die Strafrechtstheorien Kants und seiner Nach- 



von Seeger. Weiss. jqq 

folger im Verhaltnis zu den allgemeinen GrundsStzen der kritischen Philo- 
sophie* (in der Festgabe fur A. F. Berner, Tubingen 1892). An der »Allg. 
Dtsch. Strafrechtszeitung« von v. Holtzendorff war er als Mitherausgeber be- 
teiligt gewesen. Geschwachte Gesundheit veranlaflte ihn, von seinem akade- 
mischen Lehramte zuriickzutreten (1. Oktober 1901), bei welchem AnlaQ ihm 
das Kommenthurkreuz II. Klasse des Friedrichsordens verliehen wurde. Nach 
schwerem Leiden verstarb er am 12. Juni 1903. Durch testamentarische Ver- 
ftigung ging seine Bibliothek in den Besitz des juristischen Seminars der 
Universitat Tubingen iiber. Die Ehe mit Emilie geb. Roman war kinderlos 
geblieben. 

»Schwabischer Merkur« 1903, Nr. 268. — ^Deutsche Juristen-Zeitungc 1903, S. 313. — 
»Gerichtssaalc XXII 159, XXXIII 551. — Ztschr. von v. liszt XI 216, XIII 553. — KlUpfel, 
Lniversitat Tttbingen, 1877, S. 139. — Kukula, »Allg. deutscher Hochschulen-Almanach«, 
Wien 1888, S. 803; Kukula >Bibliographisches Jahrbuch der deutschen Hochschulenc, Inns- 
bruck 1892, S. 854/855. A. Teichmann. 

Weiss, Olga, Blumen- und Stillebenmalerin, * 18, September 1853 zu 
Miinchen, f 30. Juni 1903 ebendaselbst. — Ihr Vater, Joseph Andreas W. 
(* 31- Juli 1 8 14 zu Freising, f 20. April 1887), war, als Landschafter und Archi- 
tekturmaler von 1839 — 52 bei Herzog Max Eugen von Leuchtenberg in Peters- 
burg tatig, mit dem Titel eines Hofmalers nach Miinchen zuriickgekehrt, wo 
er ein schflnes Haus erwarb, welches er mit kunstlerischer Laune zu einem 
wahren Atelierbijou ausstattete. Hier wurde die Tochter schon in fruhester 
Jugend mit Pinsel und Farbe so vertraut, dafi bei ihren glanzenden Anlagen 
kein Zweifel iiber ihren kiinftigen Beruf walten konnte. Sie ersetzte dem 
Vater reichlich den Verlust seines einzigen, zu den schOnsten Hoffnungen 
berechtigenden Sohnes, welcher im deutsch-franzOsischen Kriege 1870 auf 
dem Felde der Ehre blieb. Ausgestattet mit einer ungewOhnlichen Vor- 
bildung, besuchte Olga W. die damals begriindete Kunstgewerbeschule fur 
Madchen, widmete sich unter Prof. Theodor Spiess kunstgewerblichen Studien 
und ging dann auf Wunsch ihres Vaters bei Prof. Heinrich Stelzner zum 
Zeichnen nach der Antike und dem lebenden Modell, zur Stillebenmalerei in 
Aquarell, Tempera und 01 iiber. Infolge ihrer aufierordentlichen Fahigkeiten 
wurde ihr 1879 das Lehrfach fiir Blumenzeichnen und Malen an derselben 
Anstalt iibertragen, wobei sie ihr Talent und ihre reichen Kenntnisse zum 
Xutzen ihrer Schiilerinnen entfaltete, die sich in ihre Klasse drangten, welche in 
manchem Semester iiber 80 Elevinnen zahlte, und die sie ihrer ebenso liebens- 
wurdigen als auch energischen PersOnlichkeit wegen hoch verehrten und 
liebten. Dabei benutzte Olga W. eifrigst jeden freien Augenblick zur eigenen 
Forderung und Weiterbildung, zu originellen SchOpfungen von aufierst natiir- 
lich und geschmackvoll geordneten und virtuos, mit taufrischer Duftigkeit 
wiedergegebenen Blumenstiicken, insbesondere von Malven, Rosen und Trauben, 
welche anfangs noch in Aquarell, alsbald aber auch im Olbild zu einer Spezialitat 
der Kiinstlerin sich gestalteten. Dagegen ist sie mit den kostlichsten Pro- 
dukten ihres unversiegbaren Humors niemals, wenigstens nicht unter ihrem 
Namen, in die Offentlichkeit getreten. Sie liebte und handhabte die Kari- 
katur sowohl in einzelnen Bl&ttern wie in ganzen, von poetischen Texten 
begleiteten Episoden und Zyklen. Damit erfreute sie ihren intimsten Freundes- 



200 Weiss, von Wahl. 

kreis, immer aber in einer Weise, dafl auch der jeweilig von diesem Konfetti- 
regen Betroffene sicherlich zuerst in die herzlichste Heiterkeit versetzt 
wurde. Dieser Grundzug ihrer Kunst bildete den Hauptreiz ihres Privat- 
lebens und zugleich die Gegenwirkung zu einem schweren Leiden, welches 
anfanglich arglos, dann aber unverkennbar und von der Kiinstlerin vollstandig 
mit bewufiter Folgerung erkannt, die letzten zwanzig Jahre ihres Lebens 
immer drohender begleitete. Olga W. war eine seltene Natur: hochbegabt 
und bescheiden, often und wahr, von unermiidlichem Pflichteifer und goldener 
Freundestreue, eine echte Kiinstlerin, die verdientermafien von ihren Schiile- 
rinnen enthusiastische Verehrung genofi. Eine sch6ne Seele im reinsten Sinne 
des Wortes. Ihr zahlreicher artistischer Nachlafi fiillte mit 60 Bildern, Studien 
und Skizzen den grOfiten Saal des Kunstvereins, die an einem Tage verkauft 
waren. Die Exposition im Glaspalast 1903 zeigte nur ein Blatt mit etlichen 
Herbstzeitlosen, aber auch dieses voll Wahrheit und Eleganz. Darunter hing 
der wohlverdiente Lorbeerkranz. 

Vgl. Kunstvereins-Bericht f. 1903 S. 73 ff. (C v. B.). — Nr, 304 »Xeueste Nachrichtenc 
3. Juli 1903. Hyac. Holland. 

Wahl, Alexander von, Bildhauer und Maler, * 22. Dezember 1839 zu 
Affick in Livland, f 2. Dezember 1903 in Munchen. — Nach Absolvierung des 
Gymnasiums ging W. an die Petersburger Akademie, um sich bei dem durch 
seinen »Pferdebandiger« an der Newabriicke und die Gruppen vor dem Ber- 
liner Schlofl bekannten Peter Clodt, Baron von Jiirgensburg (f 1867), zum 
Plastiker zu bilden. Nach griindlichen Vorstudien iibersiedelte W. nach 
Munchen zu Professor von Widnmann, wo er (1866) eine Statue des geblen- 
deten »Polyphem« modellierte, wie der wiitende Zyklop den gewaltigen Stein- 
wurf dem kiihnen Stadteverwuster Odysseus nachsendet. Auf diese mit der 
grofien silbemen Medaille gekrSnte Arbeit folgte 1866 die Grupppe eines 
gegen zwei heidnische Esten kampfenden Deutschherren-Ordensritters, eine 
charaktervolle, von grofier technischer Gewandtheit zeugende und deshalb 
gleichfalls pramiierte Leistung. Nach wiederholten Reisen in Deutschland, 
Italien und Griechenland liefl er sich bleibend in Munchen nieder, wo er 
die lebensgroflen Figuren eines tanzenden Faun und einer Bacchantin mo- 
dellierte und sein kiihnstes Werk vollendete: die von einem Tiger bedrohte 
Nomadenfamilie: Vergebens, dafl der alle Krafte anspannende Mann sein 
mutiges Weib und das zagende Kind zu verteidigen trachtet — ihr Leben 
ist doch »Rettungslos verloren!« Der Aufbau der nach alien Seiten mit 
stupenden Studien durchgebildeten, mit packender Wahrheit in den feinsten 
Linien harmonisch gearbeiteten Gruppe ergab eine bewundernswerte SchOpfung, 
welche 1879 au * der internationalen Ausstellung ausgezeichnet, leider immer 
vergeblich einer Bestellung oder Ausfiihrung in Stein oder Bronzegufl harrte. 
Gleichzeitig entstanden mehrere exzellente Marmorbiisten , z. B. der kunst- 
sinnigen Baronin von Moltke (f 1878) und ihrer Schwester, der feinfuhligen 
Malerin Alexandra von Berckholtz (f 1899). Dann aber wendete W. sich zur 
Kabinetsplastik und schuf kleine, kaum 40 cm hohe Charaktertypen von est- 
landischen Bauern, oder lieber noch jene in ihrer feinen Detaildurchbildung 
an Horschelts Zeichnungen erinnernde Tscherkessenkrieger und -streiter, voll 
tiefer Empfindung, grofier Wahrheit und SchOnheit Diese lauernden Berg- 



von Wahl. Budaker. 201 

jager und zielsicheren Schiitzen, diese steinschleudemden Tartaren gelangen 
ihm mit virtuoser Treue. Auch modellierte W. eine ganze Reihe von ent- 
ziickenden kleinen Tierbildern: komische Katzen, Hasen und Affen, eine 
Entenfamilie, possierliche Eichkatzchen, dazwischen alle Rassen Pferde, B&ren 
und Eulen, aber auch estnische Bettler und Slovaken, Charaktertypen aus 
der franzosischen Revolution, Eber, Ziegen, Indianerjager und berittene Rot- 
haute, welche in Bronze und anderen Abgiissen weite Verbreitung fanden. 
PlGtzlich verliefi er die Plastik und warf sich ganz auf die Malerei, trat sogar 
bei W. von Diez in die Schule und erschien mit einem 6fter variierten, am 
Sterbebette der einzigen Tochter seine verborgenen Schatze jetzt nutzlos aus- 
kramenden »Geizhals« als gewiegter Genremaler. Ebenso griff er auf seine 
fruheren Tscherkessen, Kaukasier und Kosaken zuriick, mit ihren malerischen 
Trachten, k6stlichen Waffen und struppigen Rossen. Ein paar kleine emi- 
nente Olbilder dieser Art erwarb Prinzregent Luitpold. Auch an heiteres 
Genre wagte sich der immer ernsthafte Mann, z. B. mit einem »Unerwarteten 
Quartett«, bei welchem ein unmusikalischer Spitz pldtzlich in ein Dilettanten- 
Trio heulend einfallt. Endlich entsagte der durch Krankheit vielfach ver- 
hinderte und verstimmte Kunstler auch der Palette und genoB der wohlver- 
dienten Ruhe im Kreise seiner zahlreichen, hochbegabten Kinder. 

Vgl. »Ober Land und Meer« 1885, 55. Bd. S. 104 (Im Griinen bei Tiflis); Nr. 2239 
»Illustr. Ztg.c Leipzig, 29. Mai 1886 (Zu spat) und »Kun$t ftir Alle« 1887, II, 238 (Der 
Geizhals); »Cber Land und Meer« 1887, 58. Bd. S. 688 (Kosaken-KUnste) ; Fr. v. BOtticher, 
1901, III, 966. Nekrolog in Nr. 336 »Allg. Ztg.c, 4. Dezember 1903. 

Hyac. Holland. 

Budaker, Georg Gottlieb, Schulmann und Pfarrer, *am 1. Mai 1825 
in Bistritz in Siebenbiirgen, f ebenda am 21. Juni 1903. — Friihzeitig verlor 
B. den Vater und wurde mit drei Schwestern von seiner umsichtigen Mutter 
erzogen. Nachdem er die vierte Klasse des evangelischen Gymnasiums seiner 
Vaterstadt absolviert hatte, kam er auf die Wiener-Neustadter Militar-Akademie 
(1839). Aber schon nach zwei Jahren verliefi er diese Anstalt, da er ihren 
militarischen Zwang nicht zu ertragen vermochte und kehrte in die Heimat 
zuriick. Hier besuchte er nun das Obergymnasium und legte 1844 die 
Maturitatsprufung ab. Zwei Monate darauf begab er sich an die Universitat 
nach Leipzig, um Theologie zu studieren, doch besuchte er auch mathema- 
tische und geschichtliche Vorlesungen. Aufierhalb der Universitat verkehrte 
er mit Robert Blum und dem Literaten Seibt, mit Zarncke und R. Heinze. 
Gegen seinen Wunsch mufite B. Leipzig schon nach zwei Semestern ver- 
lassen, da er an einer Demonstration der Protestanten und Liberalen gegen 
den damaligen Kronprinzen Johann, der zur Besichtigung der Kommunalgarde 
nach Leigzig gekommen war, tatigen Anteil genommen. Angezogen von der 
deutsch-katholischen Bewegung ging er hierauf nach Breslau und vollendete 
hier seine Hochschulstudien. Im Jahre 1847 kehrte er nach Bistritz zuriick 
und wurde fur kurze Zeit Lehrer an der dortigen M£dchenschule. Auch an 
der neuerrichteten Biirgerschule, an die B. iibersetzt wurde, war seine T&tig- 
keit nur von kurzer Dauer. Nachdem er vor dem Domestikalkonsistorium 
seine Dissertation iiber den Atheismus verteidigt hatte, wurde er an das Gym- 
nasium seiner Vaterstadt berufen. An den Sturmen des Jahres 1848/49 hat 
B. seinen selbstverstandlichen Anteil gehabt, indem er die Waffen fur den 



202 Budaker. 

Kaiser und sein eigenes Volkstum ergriff und als Hauptmann der zweiten 
Bistritzer Biirgerwehrkompagnie einen Teil des Burgerkrieges mitmachte. Der 
zuriickgekehrte Friede fand B. wieder als Lehrer am Gymnasium. Durch 
sein organisatorisches wie durch sein Lehrertalent lenkte er die Auf- 
merksamkeit der maflgebenden Kreise derart auf sich, dafl er, nur 28 Jahre 
alt, am 20. Juni 1853, mit der Leitung des Gymnasiums betraut wurde. 
Mehr als neun Jahre hat B. diese Stelle bekleidet. Es war eine schaffens- 
freudige Zeit, denn in ihr erfolgte auch in Bistritz die Einfiihrung des oster- 
reichischen Organisationsentwurfes fur die Gymnasien, der einen Markstein 
und zugleich grofien Fortschritt der s&chsischen Gymnasien in Siebenbiirgen 
bedeutet. B.s Verdienst ist es, wenn das Bistritzer Gymnasium bald mit den 
Schwesteranstalten der evangelischen Landeskirche Siebenbiirgens wetteifem 
durfte. An den Arbeiten seiner Kirche nahm B. schon seit dem Jahre i860 
unmittelbaren Anteil. In diesem Jahre berief namlich die Regierung iiber 
Anregung des evangelischen Oberkonsistoriums auf den 1. August Vertrauens- 
manner nach Hermannstadt, darunter auch B., damit diese ihre persdnlichen 
Uberzeugungen und Ratschl&ge beziiglich der »Provisorischen Vorschrift fur 
Vertretung und Verwaltung der evangelischen Kirche in Siebenbiirgen* darlegten. 
Nach eingehenden Beratungen geschah dieses in einer Denkschrift, die die 
Grundlage fur die von der Regierung herausgegebenen »Provisorischen Bestim- 
mungen« abgegeben hat, auf Grund deren 1861 die Landeskirchenversammlung 
zusammentrat, um im autonomen Wirkungskreis der Kirche eine Verfassung 
zu geben. Von dieser Zeit an ist B. unermudlich im Dienste seiner Landes- 
kirche gestanden. Schon 1865 berief ihn die Landeskirchenversammlung in 
die oberste Kirchen- und Schulbehdrde, in das Landeskonsistorium, und er- 
neuerte diese Berufung immer wieder, so dafi B. bis an das Ende seines 
Lebens dieser Behorde, und zwar als geistliches Mitglied, angehort hat. Schon 
im Dezember 1862 namlich war B. als Pfarrer in den Dienst der evangelischen 
Gemeinde in Lechnitz getreten. Als solcher, wie spater (seit 1875) als Pfarrer 
von Bistritz, hat er sich mit seinen besten Kr£ften bemuht, das religidse Leben 
in den seiner seelsorgerischen Leitung anvertrauten Gemeinden zu hegen und 
zu pflegen, nicht allein nur aus dem Grunde, weil er dies zu tun fur seine 
Pflicht hielt, sondern auch deswegen, weil er die Uberzeugung hatte, dafl dem 
Verfalle des Volkslebens meistens der Verfall des religiSsen Lebens voraus- 
geht, dafl mit dem Abgang, mit dem Entschwinden der religiftsen Uber- 
zeugung das Leben selbst firmer, kalter und idealloser wird. 

Geradezu zum lebendigen Mittelpunkte des kirchlichen Lebens im Nftsner- 
gau wurde B., als ihm im Jahre 1882 das Dechanat des Bistritzer Kirchen- 
bezirkes iibertragen wurde. Vierzehn Jahre hindurch hat er dieses ehrenvolle 
Amt bekleidet und es erst dann niedergelegt, als er es fur geboten hielt, sich 
wenigstens teilweise zu entlasten. Denn grofl war die Last, die auf B.s 
Schultern lag. Jahrzehnte hindurch ist er namlich auch der politische Fuhrer 
seiner engeren Volksgenossen gewesen. Schon 1863 war er vom Bistritzer 
Landwahlkreis als Abgeordneter in den Hermannstfidter Landtag entsendet 
worden, wo er sich als schlagfertiger Redner bewfihrte; 1870 wurde er von 
demselben Wahlkreis in die sachsische Universitat gewfihlt. Er hat bis zu 
seinem Tode dieser KOrperschaft als eines seiner bewahrtesten Mitglieder 
angehOrt. 



Budaker. Neumann. 



203 



Doch auch damit war die Tatkraft B.s keineswegs erschopft. So ist er 
u. a. alien volkswirtschaftlichen Unternehmungen des sachsischen Volkes von 
jeher nahe gestanden. Noch als Stadtpfarrer von Bistritz iibentahm er die 
Mission durch eine gewerbliche Studienreise in die Bukowina und Moldau 
zur Hebung des Gewerbes und des Handels seiner Vaterstadt beizutragen. 
In seinem Berichte iiber diese Studienreise (Hermannstadt, in Kommission bei 
Franz Michaelis 1882) zeigt er sich als scharfer Beobachter und tiichtiger 
Kenner der Siebenburger Verhaltnisse. Literarisch ist B. ausser hier und der 
gelegentlichen Mitarbeit an der Tagespresse weniger hervorgetreten. Die be- 
deutendste Leistung B.s auf schriftstellerischem Gebiete ist die im Bistritzer 
Gymnasialprogramm im Jahre 1855 veroffentlichte historische Arbeit: Die 
Erbgrafschaft von Bistritz, die auch heute noch lesenswert ist. Ein giitiges 
Geschick hat es B. vergonnt bis zum letzten Tage seines Lebens fiir sein 
Volk zu wirken. Noch am Vortage seines Hinscheidens namlich hatte er als 
Schulinspektor an den offentlichen Priifungen des evangelischen Gymnasiums 
in Bistritz mit gewohnter Ausdauer teilgenommen. Am Morgen des zweiten 
Prufungstages traf ihn ein Schlagfluss, der schon abends seinen Tod zur 
Folge hatte. 

Vgl. D. Fr. Teutsch, Denkrede auf Gottlieb Budaker und Heinrich Wittstock. »Archiv 
des Vereins flir SiebenbUrgische Landeskunde«. N. F. XXXII. Bd., 207 ff. — Dr. Fr. Schuller, 
•Schriftstellerlexikon der SiebenbUrger Deutschen«. IV. Bd. Hermannstadt, Druck und Ver- 
lag von W.Krafft, 1902. F. Schuller. 

Neumann, Friedrich Emil, Akademieprofessor und Landschaftsmaler, 
* 7. Juli 1842 zu Pojerstiten (Kr. Fischhausen), f 4. Januar 1903 zu Cassel. — 
Einem kleinen Dftrfchen des ostpreufiischen Samlandes entstammend, kam N. 
friih nach Konigsberg, wo er das Seminar und die Malerakademie besuchte. 
Er bestand das Examen als Elementar- und Zeichenlehrer, sowie das all- 
gemeine Organistenexamen, worauf er 1865 eine Elementarlehrerstelle am 
Friedrichs-Kollegium zu Konigsberg erhielt. Wahrend dieser Zeit konnte er 
seine Studien an der dortigen Kunstakademie weiter fortsetzen, bis er 1867 
als Zeichenlehrer an die hShere Biirgerschule zu Wriezen a. O. berufen wurde. 
Im Herbst 1870 vertauschte er diese Stelle mit einer gleichen an der hoheren 
Biirgerschule zu Cassel. Sein hervorragendes zeichnerisches Talent veranlaBte 
ihn nach neun Jahren seine bisherige Laufbahn aufzugeben und sich aus- 
schlieBlich der Kunst zu widmen. Er studierte weiter an der Casseler Kunst- 
akademie, bis er im Jahre 1884 als Lehrer der Landschaftsklasse desselben 
Instituts angestellt wurde. In dieser Stellung hat er iiber zwanzig Jahre bis 
zu seinem Tode gewirkt. 1890 erhielt er den Professortitel. — N. war ein 
aufierordentlich fleifiiger Maler und Lehrer, der einen groflen Schiilerkreis 
um sich versammelte. Auf groflen Studienreisen nach Norwegen, Schottland 
und Korsika, die er teilweise in Gesellschaft des kunstsinnigen Kasseler In- 
tendanten Barons v. Gilsa unternahm, sammelte er das Material fiir seine 
Landschaften, die von dem kunstliebenden Publikum mehr und mehr geschatzt 
wurden. Besonders seine Marinestiicke, von denen eins von der Casseler 
Galerie erworben wurde, sowie seine Hochgebirgslandschaften fanden vielenBei- 
fall. Aber auch seine liebevoll und fein ausgefiihrten Darstellungen aus der land- 
schaftlich so reizvollen Umgegend Cassels, seine kleinen pittoresken hessischen 



204 Neumann. Zottmayr. Mtthl. 

Dorfbilder verdienen wegen der gliicklichen Wahl der Motive, der trefflichen 
Ausfiihrung und geschickten Farbengebung das Lob derer, die nicht allein 
auf die moderne Malweise sezessionistischer Landschaftler eingeschworen sind. 
N. war eine liebenswiirdige Pers6nlichkeit, die sich auch aufierhalb seines 
grofien Schulerkreises allgemeiner Beliebtheit erfreute. In den letzten Jahren 
seines Lebens fing er, der als leidenschaftlicher Naturfreund und Jagdlieb- 
haber sich bisher der besten Gesundheit erfreut hatte, an zu kr&nkeln und 
starb nach langem schweren Leiden an einem Gehirnschlag. 

Vgl. >Das geistige Deutschland am Ende des 19. Jahrhundertsc I, 484. — C Acker- 
mann, Statist. Riickschau auf 100 Semester der Realschule zu Cassel (1893) 22. — CasseL 
Tageblatt und Anzeiger vom 5. Januar 1903. — Familiennachricbten. Ph. Losch. 

Zottmayr, Nina, geb. Hartmann, Opernsangerin, * 30. August 1836 zu 
Aachen, f 24. Februar 1903 zu Kassel (die Angabe in Eisenbergs Biihnen- 
Lexikon f 4. Okt. 1890 ist irrig). — N. Z. war die Tochter des Musikdirektors 
Franz Hartmann, der sp&ter als Konzertmeister in C6ln wirkte. Am dortigen 
Konservatorium empfing sie ihren ersten Musikunterricht und war speziell 
die Schulerin des KammersSngers Ernst Koch. Sie begann ihre Biihnenlauf- 
bahn in Graz, wohin sie nach einem kurzen Engagement in Frankfurt spater 
noch einmal zuriickkehrte. Am 30. Juni 1861 wurde sie in Munchen die Gattin 
des Tenoristen Max Zottmayr, der seitdem Jahre 1868 als ungemein beliebter 
Heldentenor am Casseler Hoftheater tatig war. Ein Jahr sp&ter folgte sie ihrem 
Gatten an dieselbe Biihne, auf der sie am 6. Juni 1869 als »Fides« im Propheten 
zum ersten Male auftrat. Dem Casseler Hoftheater gehorte sie dann von 1869 
bis 1882 ununterbrochen an als eins der hervorragendsten Mitglieder des 
dortigen Opernensembles. Die Z. war eine mit bedeutenden Stimmitteln 
begabte und kunstlerisch trefflich ausgebildete Altistin, die in ihre Rollen 
stets einen grofien Zug zu legen wufite. Ihre Hauptrollen waren die »Selica« 
in der Afrikanerin, »Amneris« in A'ida, »Orpheus«, »Ortrud« u. a. Als eine 
ihrer Glanzleistungen gait die »Fides« im Propheten, wobei ihr das treffliche 
Zusammenspiel mit ihrem Gatten, der den »Johann von Leyden« sang, zu 
statten kam. In voller Riistigkeit verliefi die S&ngerin im Jahre 1882 die 
Biihne, um sich von da an dem Gesangsunterricht zu widmen, in dem sie 
gleichfalls treffliche Erfolge aufzuweisen hatte. Zu ihren Schiilerinnen zahlt 
u. a. die bekannte Altistin Luise Geller-Wolter, auch der namentlich in 
Amerika so gefeierte Tenorist Andreas Dippel ist aus ihrer Schule hervor- 
gegangen. 

Familiennachrichten. — » Casseler Tageblatt* vom 25. Febraar 1903. 

Ph. Losch. 

MShl, Heinrich, Meteorologe und Geologe, * 31. Dezember 1832 zu 
Rauschenberg, + 14. Oktober 1903 zu Cassel. — Von seinem Geburtsort, dem 
kleinen Stadtchen Rauschenberg in Oberhessen, wo sein Vater Ludwig M. als 
Lehrer und Kantor wirkte, kam M. schon in seiner Jugend nach Cassel auf die 
polytechnische Schule, die wegen ihrer vortrefflichen Lehrkr&fte einen weiten 
wohlverdienten Ruf besafi. Von 1851 — 53 besuchte er sodann die UniversitSt 
Marburg, um Mathematik und Naturwissenschaften zu studieren. Nachdem er 
sein Staatsexamen bestanden hatte, war er eine kurze Zeit als Hilfsgeologe 
an der kurhessischen geologischen Landesanstalt und dann 1854 als Prakti- 



JVIdhl. von Petersdorff. 



205 



kant an der Casseler Polytechnischen Schule t£tig, bis er im folgenden Jahre 
von der Regierung an die neubegrundete Realschule zu Hofgeismar versetzt 
wurde. Wahrend seiner dortigen Tatigkeit als erster Lehrer der Anstalt erteilte 
M. zugleich Unterricht an den Handwerksschulen zu Hofgeismar und Greben- 
stein, sowie an der Landwirtschaftsschule zu Beberbeck, wo er neben der 
Mathematik auch Vermessungskunde, Nivellieren und Bonitieren lehrte. 186 1 
siedelte M. wieder nach Cassel iiber und wurde im folgenden Jahre zum 
beauftragten Lehrer der dortigen Realschule ernannt. Auf Vorschlag der 
philosophischen Fakult&t der Universitat Marburg, die ihn 1862 zum Dr.phil. 
promoviert hatte, wurde er im Sommer, 1865 an die Polytechnische Schule 
zu Cassel versetzt, deren Lehrkdrper er bis zu ihrer Aufhebung im Jahre 1888 
angeh6rte. Seine Lehrfacher waren . besonders Technologie, Geognosie und 
Mathematik. — M. war schon friih schriftstellerisch tatig. In seiner Hofgeis- 
marer Zeit hatte er ein Lehrbuch der Arithmetik verfaflt. Dann wandte er 
sich besonders der geognostischen Erforschung seines Heimatlandes zu, der er 
mehrere Monographien und zahlreiche kleinere AufsStze gewidmet hat. Wir 
nennen nur »Urgeschichte des kurhessischen Landes« (1863), »Kurhessens 
Boden und Bewohner« (1865), »Gesteine der Sababurg in Hessen« (1872), und 
»Entstehung und Formung der Casseler Gegend« (1878). Auch iiber die 
> Basal te und Phonolythe Sachsens« veroffentlichte er 1874 eine umfangreiche 
Arbeit. Auf Anregung H. W. Doves beschaftigte sich M. auch mit meteoro- 
logischen Untersuchungen. Er errichtete mehrere meteorologische Stationen 
in Kurhessen und berichtete seit 1863 regelm&fiig in der Landwirtschaftlichen 
Zeitung bezw. in den Jahresberichten des Vereins fur Naturkunde zu Cassel 
iiber die kurhessischen Witterungsverhaltnisse. Als Leiter der von ihm be- 
griindeten Casseler Beobachtungsstation, der er bis zu seinem Tode vorstand, 
war M. in Cassel eine populare Personlichkeit. Er war langere Zeit Vor- 
sitzender des Vereins fiir Naturkunde und des Gartenbauvereins und seine 
zahlreichen fiir ein grGfieres Publikum bestimmten wissenschaftlichen Vortrage, 
die er in diesen und anderen Vereinen hielt, erfreuten sich grofler Beliebtheit. 
M.s Schriften sind, abgesehen von den obenangefiihrten, zum grofien Teil in 
Zeitschriften zerstreut. Von seinen sonstigen Werken sei noch die »Wandkarte 
von Hessen« in neun Blattern (1867), ein »Topogr.-geognost. Plan von Cassel« 
(1878), sowie der »Illustr. Fiihrer durch Wilhelmshohe« (1883) erwahnt. Dafi 
der vielseitige Gelehrte auch ein gewandter Landschaftszeichner war, beweisen 
mehrere Ansichten von Beberbeck und Hofgeismar, die er in seinen Jugend- 
jahren in Lithographie veroffentlichte. 

Vgl. Ackermann, Statist. RUckschau auf 100 Semester der Realschule zu Cassel (1893) 
S. 21. — Poggendorff, Biogr.-lit. Handwttrterbuch 3, 923. — Vortrag von Hessler im Verein 
ftir Erdkunde zu Cassel. »Cassel. Tagebl.« v. 24. Dezember 1903. — »Hessenland« 17, 305. 

Ph. Losch. 

Petersdorff, Ernst von, Generalleutnant, * 22. August 1841 zu Friedeberg 
in der Neumark, f 25. Februar 1903 in Berlin. — i860 trat P. als Sekonde- 
leutnant aus dem Kadettenkorps in das 1. Garderegiment zu Fufi iiber und 
nahm nach einem dreijahrigen Kommando an der Unteroffizierschule Potsdam 
von 1863 — 1866, in letzterem Jahre an dem Kriege gegen Osterreich teil. 
In der Schlacht bei K6niggratz schwer verwundet, riickte P. 1866 zum Premier- 



2o6 von Petersdorff. Hasse. 

leutnant auf, besuchte von 1867 bis Juli 1870 die Kriegsakademie und ver- 
blieb bei Ausbruch des deutsch-franzosischen Krieges zunachst beim Ersatz- 
bataillon seines Regiments. Im August zum Adjutanten beim Gouvernement 
der Festung Mainz und zum Hauptmann in diesem Verhaltnis befordert, trat 
er 187 1 zum Regiment zuriick und hatte als Chef der 6. Kompagnie die 
ehrenvolle Aufgabe, unseres jetzigen regierenden Kaisers Majestat in alien 
Zweigen des Dienstes zu unterweisen. 1878 zum Kommandeur der Unter- 
offizierschule Potsdam berufen, stieg P. in dieser Stellung am 18. Oktober 1879 
zum Major auf, trat 1882 alsBataillonskommandeurzum Regiment zuriick, wurde 
1884 Fliigeladjutant Kaiser Wilhelms des Grofien und 1885 zum Oberstleut- 
nant befordert. Als solcher erhielt er 1888 das Kommando der Schlofigarde- 
Kompagnie, wurde in demselben Jahre Mitglied der General-Ordenskommission, 
trat nach dem Ableben Kaiser Wilhelms I. als Fliigeladjutant zu Kaiser Fried- 
rich III. iiber und erhielt 1888 ein Kommando zur Dienstleistung beim 
2. Garderegiment zu Fufi, dessen Fiihrung er nach einigen Wochen iibernahm, 
bis er am 9. Juli von dem Kommando zur General-Ordenskommission ent- 
hoben, am 4. August zum Oberst und Kommandeur jenes Truppenteils avan- 
cierte. Weiterhin wurde P. in der Rangliste als Fliigeladjutant weiland 
Kaiser Wilhelms I. weitergefiihrt und 1890 mit der Fiihrung der 9. Infanterie- 
brigade betraut, an deren Spitze er, zum Generalmajor aufgeriickt, endgiiltig 
am 15. Dezember gestellt wurde. 1894 erhielt P. unter Beforderung zum 
Generalleutnant die 1. Division, deren Kommando er 1895 mit demjenigen 
der 17. Division vertauschte, bis er 1897 den erbetenen Abschied erhielt. 
Nach den Akten. Lorenzen. 

Hasse, Wilhelm, Oberst, * 12. Marz 1830 zu Minden in Westfalen, 
f 5. Februar 1903 zu Berlin. — Von seinem Dienstantritt im Jahre 1847 bis 
zum 22. Juni 1878 stand H. fast ununterbrochen im jetzigen 1. westfalischen 
Feldartillerieregiment Nr. 7. Im Feldzuge von 1870/71 in Frankreich zeich- 
nete er sich in der Schlacht bei Gravelotte ganz besonders aus und hat sich 
und seiner Batterie einen unverganglichen Namen in der Geschichte der 
deutschen Artillerie erworben. Mit seiner Batterie in eine Stellung, die Front 
gegen die Ferine Moscou, vorgezogen, prasselte hier ein unaufhorliches Ge- 
wehr- und Mitrailleusenfeuer aus den von den Franzosen besetzten Schutzen- 
graben von Point du jour in die rechte Flanke der Batterie. Alle Offiziere 
verloren die Pferde unter dem Leibe; mit jedem Augenblick stiirzten Mann- 
schaften und Pferde zusammen. Zwei seiner Offiziere waren sogleich schwer 
verwundet; er selbst erhielt am rechten Unterarm einen Streifschufi, wodurch er 
gezwungen wurde, einen Augenblick das Kommando an den noch unver- 
wundeten Sekondeleutnant Hoeckner abzugeben. Doch gelang es der Batterie, 
das Feuer zu eroffnen, und offenbar war die Wirkung sehr gut. Mehrfach 
wurden die Versuche franzosischer Batterien, bei Moscou-Ferme Stellung zu 
nehmen, vereitelt. Der erste Zug der Batterie beschofl auf Befehl H.s die 
Schiitzengraben von Moscou auf 900 Schritt, der zweite und dritte Zug rich- 
teten ihr Feuer auf Moscou und Umgebung auf 11 00 Schritt. Hinter dem 
Gehofte standen dichte feindliche Kolonnen. Die Verluste der Batterie 
wuchsen von Minute zu Minute. Nach Ablauf von i'/i Stunden lag ein 
grofier Teil der Mannschaft teils tot, teils verwundet am Boden; die gefechts- 



Hasse. von Heuser. 



207 



fahigen Leute reichten nur noch zur Bedienung eines Geschiitzes aus. Auch 
die Munition ging zu Ende; Ersatz war nicht zur Hand, da die Munitions- 
wagen durch die auf der Strafle eingetretene Truppenansammlung aufgehalten 
waren. 

In der Artillerielinie bei Gravelotte blieb die verzweifelte Lage der 
Batterie nicht unbemerkt. Der Kommandeur der Artillerie der I. Armee, 
Generalleutnant Schwarz, sandte ihr mehrmals Befehl, die gefahrvolle Stellung 
zu raumen. Allein schon war Hauptmann H. nicht mehr in der Lage, Be- 
wegungen vornehmen zu kSnnen, da 73 Pferde (einschl. 4 Offizierspferde) durch 
feindliche Geschosse getStet waren. Durchdrungen von der Wichtigkeit 
seiner Stellung fiir die Festhaltung des miihsam erk&mpften Bodens auf dem 
Ostrande des Mancetales erklarte zudem H., lieber sterben als zuriickgehen 
zu wollen. Das Feuer wurde fortgesetzt, bis die ganze Munition verschossen 
war. Da brachte der Abteilungskommandeur (Major Coester) persSnlich die 
zur Bespannung n6tigen Zugpferde heran und erteilte nochmals der Batterie 
den Befehl zum Zuriickgehen. Wahrend die Bespannung erganzt wurde, 
uberschiittete der Feind die nun g&nzlich wehrlose Truppe von neuem mit 
einem Kugelregen, in welchem vielfach die erst frisch eingestellten Pferde 
fielen. Endlich gelang es, die Geschutze bewegungsfahig zu machen. Im 
Schritt verliefl die heldenmiitige Batterie den ruhmvoll behaupteten Posten. 
Die von Kugeln durchlOcherten Protzen waren mit Schwerverwundeten be- 
laden ; Fahrer und Reiter waren abgesessen. Von dem Massenfeuer der Fran- 
zosen verfolgt, ging die Batterie auf der Chaussee nach Gravelotte zuriick. 
Mit schrecklich gelichteten Reihen, aber in ungebrochener moralischer Kraft 
erreichte die Batterie Gravelotte. Lauter Jubel empfing sie dort; bewegt 
kufite General Schwarz Hauptmann H. vor der Front. Der Riickzug der 
Batterie H. war im wahren Sinne des Wortes zu einem Triumphzug ge- 
worden. 

Hauptmann H. riickte nach dem Feldzuge zum Major auf und wurde 
Abteilungskommandeur im Regiment. 1878 schied er aus dieser Stellung 
aus und iibernahm das Kommando des 8. Trainbataillons; 1882 trat er, in- 
zwischen zum Oberstleutnant bef6rdert, aus dem aktiven Dienst aus. Das 
Eiseme Kreuz 2. und 1. Klasse schmuckten seine Brust. 

Nach den Aktcn und der Regimentsgeschichte. Lorenzen. 



Heuser, Alexander von, Pascha, Kbniglich Preufiischer Major a. D. und 
Kaiserlich Ottomanischer Divisionsgeneral, * 12. August 1839 zu Schwedt a. O., 
t 11. November 1903 zu Konstantinopel. — H. kam 1857 als charakterisierter 
Portepeefahnrich aus dem Kadettenkorps zum 6. Kiirassier- Regiment Kaiser 
NikolausL von Rufiland, wurde 1858 Sekondeleutnant und 1862 zum damaligen 
Militar-Reitinstitut in Schwedt a. O. kommandiert. 1864 im Feldzuge gegen 
D&nemark in Schleswig erhielt H. fiir die von ihm vor dem Feinde bewie- 
sene Tapferkeit den roten Adlerorden IV. Klasse mit Schwertern, zeichnete sich 
im Kriege gegen Osterreich in der Schlacht bei Koniggratz aus, wurde dem- 
n&chst zum Premierleutnant befordert und auf zwei Jahre zur Militir-Reit- 
schule in Hannover kommandiert. Den Feldzug von 1870/71 in Frankreich 
machte H. als Rittmeister und Chef der 4. Eskadron seines Regiments mit, 



2q8 von Heuser. Goldschmidt von Lindhamer. Mootz. 

stieg 1879, unter Beibehaltung der Eskadron, zum Major auf und nahm 1880 
den Abschied, urn in tlirkische Dienste zu treten. Hier erklomm er rasch 
die Stufenleiter der militarischen Hierarchie bis zum Divisionsgeneral und 
erlag nach reger Tatigkeit einem langwierigen Leiden. 

Nach »Milit&r-Zeitung«. Lorenzen. 

Goldschmidt, Albert, KSniglich Preufiischer Musik-Direktor und Leutnant 
a. D., * 16. September 1823, fn. November 1903 zu Liegnitz. — Bei einer 
Gesamtdienstzeit von iiber 55 Jahren, gehOrte G. 49 Jahre, und zwar von 
1849 — 1896 dem Grenadier-Regiment K6nig Wilhelm I. (2. Westpreuflisches) 
Nr. 7 an, mit welchem Truppenteil er dieFeldziige von 1866 gegen Osterreich 
und 1870/71 gegen Frankreich in alien Ehren mitmachte. Seine Dienstzeit 
hatte G. 1843 beim Musikkorps des 31. Infanterie-Regiments begonnen und 
war 1848 in dasjenige des 26. Infanterie-Regiments iibergetreten ; 1849 kam 
er in das damalige 7. Infanterie-Regiment. 

Nach »Militar-Zeitung«. Lorenzen. 

Lindhamer, Karl Ritter von, K6niglich Bayerischer Generalleutnant z. D., 
* 19. August 1828 zu Miinchen, f 21. Januar 1903 ebenda. — 1848 zum Infanterie- 
leutnant befordert, diente er lange Jahre im 2. Regiment, wo er 1859 zum 
Oberleutnant und 1866 zum Hauptmann aufstieg. Als solcher nahm er 
an dem ungliicklichen Kriege gegen Preuflen teil und wurde nach dem 
Friedensschlufl in den General-Quartiermeisterstab berufen. Im Kriege von 
1870/7 1 gegen Frankreich fand er Verwendung im Generalstabe des 2. bayerischen 
Armeekorps, in welcher Tatigkeit er sich das Eiserne Kreuz 2. Klasse und 
andere Dekorationen erwarb. Auch nach der Riickkehr in die Heimat blieb 
L. im Generalstabe, wo er 1872 zum Major aufriickte, erhielt dann die Fuhrung 
eines Bataillons des Infanterie-Leibregiments, avancierte zum Oberstleutnant 
und wurde bald darauf Chef des Generalstabes des 2. Armeekorps. 1878 er* 
hielt L. das Patent als Oberst, wurde 1881 Kommandeur des 18. Infanterie- 
Regiments und 1885 als Generalmajor an die Spitz der 5. Infanterie-Brigade 
gestellt. 1889 fur seine Person geadelt, trat L. im gleichen Jahre als General- 
leutnant in den Ruhestand. 

Nach den Akten. Lorenzen. 

Mootz, Johann Georg, Grofiherzoglich Hessischer Generalleutnant a la suite y 
♦1807, fi5. Oktober 1903 zu Darmstadt. — M. gehOrte von 1841 — 1845 der 
ehemaligen Grofiherzoglich Hessischen Pionierkompagnie, zurzeit 9. Kom- 
pagnie des Infanterie-Leibregiments Grofiherzogin (3. Grofiherzoglich Hessisches) 
Nr. 118 als Oberleutnant und vom 20. Marz 1847 bis zu seiner 1851 er- 
folgten Zuriickversetzung in den General-Quartiermeisterstab als Hauptmann 
an. Bei AuflOsung der Grofiherzoglich Hessischen Armee trat M. nicht mit 
in den Verband der Preuflischen Armee iiber, avancierte aber a la suite weiter 
bis zum Generalleutnant. Die Beforderung in diesen Dienstgrad erhielt M. 
1896 fast 90 Jahre alt. 

Nach >Militar-Zeitung«. Lorenzen. 



Reichmann. von Holstein. 



209 



Reichmann, Theodor, Opemsanger (Bariton), * 18. Marz 1849 zu Rostock 
(Mecklenburg), f 22. Mai 1903, Marbach am Bodensee. — Urspriinglich zum 
Handelsstande bestimmt, wendete sich R., einer leidenschaftlichen Neigung 
zur Musik folgend, dem Gesange zu. Er studierte bei Prof. Johann Refl, 
diesem bei mehrmaligen Ubersiedelungen von Stadt zu Stadt folgend. Spater 
bildete er sich noch — wenn auch kurze Zeit — bei Mantius und Lamperti (1873). 
In Magdeburg (Sept. 1869), Rotterdam (1870 — 71), Koln (1871—72) und Strafi- 
burg (1872 — 74) reift er zum Buhnensanger heran, durch sein machtiges, 
iiberaus wohllautendes Organ, seine vornehme, echte und innige Vortragsart 
und sein wohldurchdachtes Spiel immer weitere Kreise von Verehrern seiner 
Kunst gewinnend. Nach kurzem Engagement in Hamburg folgte er 1875 einem 
Rufe an das Hoftheater in Munchen, wo er unter Fuhrung Levis bald zu 
einem Sanger und Darsteller ersten Ranges sich entwickelte. Richard Wagner 
wurde auf ihn aufmerksam und zog ihn zu den Festspielen nach Bayreuth 
heran, wo er namentlich als erster Interpret des Amfortas Unvergefiliches 
bot (1882). — Von Munchen aus an das Hofopern theater nach Wien berufen, 
trat er am 1. Juni 1883 in dieses Institut ein; in kiirzester Zeit z&hlte er zu 
den ausgesprochensten Lieblingen des Publikums. Daher wurde sein, durch 
eine Kollision mit den Theatergesetzen unvermeidlich gewordener Abgang 
von Wien (8. April 1889) allgemein schwer bedauert. Am schwersten aber 
wohl von R. selbst, .der mit der ganzen Warme seines Herzens an Wien, den 
Wienern, an seinem Wiener Wirkungskreis hing. Glanzend verlaufende Gast- 
spielreisen nach England, Amerika und Rufiland brachten ihm Ehren in Fulle, 
machten ihn zum reichen Mann; immer wieder aber tauchte er in Wien auf, 
in seinen Konzerten — das Theater war ihm verschlossen — von dem ihn 
leidenschaftlich verehrenden Publikum bejubelt. Endlich kam zwischen ihm 
und dem lange genug grollenden Direktor W. Jahn eine Versohnung zustande. 
Am 1. September 1893 trat R. wieder in den Verband der Hofoper und wurde 
zum k. k. KammersSnger ernannt. Zehn Jahre wirkte er nun mit ungeschwachter 
Kraft. Nach kurzem Kr£nkeln starb er. gelegentlich eines Erholungsaufent- 
haltes in Marbach am Bodensee. Am 1. Oktober 1904 wurde auf seinem Grab 
im Jerusalemer Friedhofe in Berlin ein von W. Sipperling entworfenes und 
ausgefiihrtes Denkmal enthiillt. R. war in Rollen, die Pathos, breiten Vor- 
trag, tiefe Innerlichkeit verlangten, von keinem der zeitgenSssischen Sanger 
ubertroffen, kaum erreicht. Vampyr, Heiling, fliegender Hollander waren 
seine Glanzpartien. Man glaubte ihm, wie keinem anderen, das Damonische. 
Nach langer Arbeit hatte er sich aber auch in den Hans Sachs R. Wagners 
eingelebt und gab damit eine wahrhaft riihrende Gestalt. Alles GraziGse, 
leichthin Liebenswiirdige lag ihm feme. Ebenso versagte im Konzert seine 
weniger auf das Musikalische als auf das Theatralische gestellte Kunst. — R. 
war ein offener, ehrlicher Charakter, der in dem seltsamen Kampfe von Inter- 
essen und Instinkten, wie ihn das Theater mehr als irgend ein anderer Beruf 
mit sich bringt, stets unbenihrt, unbefleckt blieb. 

Nach Riemanns Musiklexikon, Mitteilungen der Herren Graf u. Wogerer und eigenen 
Notizen. R. Heuberger. 

Holstein, August von, Generalleutnant z. D., *3i. Mai 1847 zu Wismar, 
f 19. August 1903 zu Schwerin in Mecklenburg. — Nach dem Austritt aus 

Biogr. Jahrbuch u. Deutschcr Nckrolog. 8. Bd. j* 



210 von Holstcin. von Schtinau-Wehr. 

dem Schweriner Kadettenkorps kam H. 1864 als Unteroffizier in das Mecklen- 
burgische 2. Infanterie-Regiment, stieg dort noch im gleichen Jahre zum 
Portepeefahnrich auf und wurde 1865 als Sekondeleutnant zum Grenadier- 
Garde-BataillondesMecklenburgischen i.Infanterie-Regiments versetzt. 1867 trat 
er zum Groflherzoglich Mecklenburgischen Grenadier-Regiment Nr. 89 fiber und 
wurde mit diesem im Oktober 1869 in den Verband der preufiischen Armee 
aufgenommen. Zum Regimentsadjutanten ernannt, war H. im Feldzuge von 
1870/71 in Frankreich t£tig, nahm an den Belagerungen von Metz und Toul, 
an der Einschlieflung von Paris, am Gefecht bei Dreux sowie am Loire- 
Feldzuge teil und riickte nach dem Frieden 1872 zum Premierleutnant auf. 
1874 erhielt er zun&chst ein Kommando als Adjutant zur 10. Infanterie-Brigade 
und ein solches zum Grofien Generalstabe, bis er 1878, unter Befftrderung 
zum Hauptmann und Belassung beim Grofien Generalstabe, in den General 
stab der Armee versetzt wurde. 1879 kam H. zum Generalstabe des I. Armee- 
korps, 1882 zu demjenigen der 17. Division, wurde 1884 Kompagniechef im 
Infanterie-Regiment Nr. 85, 1885 wiederum in den Grofien Generalstab und 
einige Wochen darauf zum Generalstabe des VIII. Armeekorps versetzt. Nach 
seiner Befftrderung zum Major, die 1885 erfolgte, erhielt H. 1890 einBataillon 
des KSnigin Augusta Garde-Grenadier-Regiments Nr.4, riickte 1891 zum Oberst- 
leutnant auf, wurde im Juni desselben Jahres Chef des Generalstabes des 
VIII. Armeekorps und trat 1893 an die Spitze des Infanterie-Regiments Nr. 137. 
In dieser Stellung wurde H. 1894 Oberst, 1897 Generalmajor und Komman- 
deur der 34. Infanterie-Brigade und 1899 zur Disposition gestellt. 1902 wurde 
ihm der Charakter als Generalleutnant verliehen. 

Nach den Akten. Lorenzen. 



Schdnau-Wehr, Max Frhr. von, Generalleutnant und Kommandant von 
Karlsruhe, * 16. April 1847 zu Karlsruhe in Baden, f2i.M£rz 1903 ebenda.— 
Nach Besuch des badischen Kadettenkorps trat S. 1866 in das damalige 
badische Feldartillerie-Regiment iiber, avancierte am 20. Juni 1866 zum Offizier 
und nahm an dem Kriege jenes Jahres gegen Preufien teil. Nach dem Feld- 
zuge von 1870/71, in dem er sich das Eiserne Kreuz 2. Klasse sowie eine 
badische Kriegsdekoration erworben hatte, wurde S. im Juli 187 1 als Sekonde- 
leutnant in den Verband der preufiischen Armee aufgenommen und als 
solcher der 14. Artillerie-Brigade zugewiesen. Dort riickte S. zum Premier- 
leutnant auf und kam bei der Trennung der Feld- und Fufiartillerie 1872 in 
das badische Feldartillerie-Regiment Nr. 14, wurde 1873 Adjutant der 7. Feld- 
artillerie-Brigade und am 15. Juli, unter Entbindung von diesem Kommando, 
in das 1. Garde-Feldartillerie-Regiment versetzt. Weiterhin 1877 zum Haupt- 
mann aufgestiegen, wurde S. 1888, unter Befftrderung zum Major, Fliigeladjutant 
des Grofiherzogs von Baden, avancierte 1893 zum Oberstleutnant, erhielt 
darauf den Rang eines Regimentskommandeurs und 1896 das Patent als 
Oberst. Nachdem S. 1899 zum Generalmajor und unter Enthebung von der 
Stellung als Fliigeladjutant zum Kommandanten von Karlsruhe ernannt worden 
war, wurde ihm 1903 der Charakter als Generalleutnant verliehen. 
Nach den Akten. 

Lorenzen. 



von Hartlieb. von Hodenberg. 211 

Hartlieb gen. Wallsporn, Maximilian von, KOniglich Bayerischer General- 
major z. D., * 9. Januar 1840 zu Zusmarshausen in Bayern, f am 18. M&rz 1903 
in Munchen. — H. wurde 1859 zum Unterleutnant im 1. Artillerie-Regiment 
ernannt und 1866 zum Oberleutnant befdrdert. Nach dem Kriege mit Preufien 
kam er 1868 in das 3. Artillerie-Regiment, wo er zuerst als Bataillonsadjutant 
und seit 1870 als Regimentsadjutant titig war, in welcher Stellung er im 
Feldzuge gegen Frankreich zunichst beim immobilen Regimentsstabe zuriick- 
blieb, bis er unter Versetzung zum 1. Artillerie-Regiment zum Hauptmann 
aufgeriickt, 1871 mit einer neuerrichteten Parkbatterie zum Belagerungskorps 
vor Belfort geschickt wurde. Im April kam er mit seiner Batterie nach 
Munchen zuriick, war bis 187 1 Mitglied der Eisenbahn-Linien-Kommission 
in Karlsruhe in Baden und 1872 Mitglied der Artillerie -Beratungs-Kom- 
mission in Miinchen, wurde bald darauf zur Preuflischen Artillerie-Priifungs- 
Kommission in Berlin berufen und a la suite des 1. Feldartillerie-Regiments 
gestellt. Von dieser Stellung enthoben, trat H. 1877 a ^ s Batteriechef zu letz- 
terem Regiment zuriick, avancierte 1880 zum Major, am 23. November zum 
etatsmSfiigen Stabsoffizier und bald darauf zum Abteilungskommandeur bis 
ihm 1886 die Leitung der Artillerie- und Ingenieurschule als Direktor iiber- 
tragen wurde. Als solcher riickte H. 1886 zum Oberstleutnant und 1888 zum 
Oberst auf, wurde 1889 mit Wahrnehmung der Geschafte des Direktors der 
Kriegsakademie beauftragt, erhielt 1893 das Patent als General major und trat 
1895 in den erbetenen Ruhestand. Die Artillerie wird ihn nicht vergessen. 

Nach »Milit&r-Zeitung«. Lorenzen. 

Hodenberg, Gottlob Frhr. von, KOniglich Sachsischer General der In- 
fant erie z. D., * 11. Oktober 1838 zu Harburg im ehemaligen Kdnigreich 
Hannover, f am 1. April 1903 zu Klein-Zschocher bei Leipzig. — Bei seinem 
Ausscheiden aus dem damaligen h anno verschen Kadettenkorps wurde H. 1856 
der Artilleriebrigade als Portepeejunker uberwiesen, riickte im darauffolgenden 
November, unter Versetzung zum 3. Artilleriebataillon, zum Leutnant und 1859 
zum Oberleutnant auf. 1861 als Generalstabsoffizier 2. Klasse zum General- 
stabe in Hannover kommandiert, fand er vielfach Verwendung bei topo- 
graphischen Aufnahmen, war in den Jahren 1863 und 1864 zur Dienstleistung 
dem hannoverschenCambridge-Dragonerregiment sowohl, als auch dem 1. JSger- 
bataillon zugeteilt und wurde 1866 Generalstabsoffizier 1. Klasse. Den Krieg 
gegen Preufien 1866 machte er im Generalstabe des kommandierenden Gene- 
rals der hannoverschen Armee mit und nahm in dieser Dienststellung an der 
Schlacht bei Langensalza teil. Nach dem Frieden trat H., da die ehemalige 
hannoversche Armee zu bestehen aufhOrte, zur sachsischen Armee iiber, wo 
er 1867 Anstellung fand und zum Hauptmann und Kompagniechef im 2. Gre- 
nadier-Regiment Nr. 102 ernannt wurde, aber bereits 1868 zur taktischen 
Abteilung des sachsischen Generalstabes kam. 1870 dem sachsischen 
Generalkommando als Generalstabsoffizier uberwiesen, machte er als solcher 
den Feldzug von 1870/71 in Frankreich mit, wo er sich in den Schlachten 
und Gefechten, die das sachsische Armeekorps zu bestehen hatte, so hervortat, 
daft ihm die 2. und 1. Klasse des Eisernen Kreuzes verliehen wurde. 187 1 
wurde H. in den preuflischen Generalstab berufen, um an der von der kriegs- 
geschichtlichen Abteilung ubernommenen Abfassung des Generalstabswerkes 

14* 



212 von Hodenberg. von Bauer, von Marchtaler. 

mitzuarbeiten, wobei man ihm insbesondere die Darstellung der Anteilnahme 
der sachsischen Truppen an den Kampfen bei St. Privat ubertrug. Wahrend 
dieses Zeitraumes 1873 zum Major beftJrdert, ging H. 1875 nach Dresden zuruck, 
wurde Generalstabsoffizier der 1. Infanterie-Division und 1878 als solcher dem 
Generalkommando zugewiesen. Kurz darauf zum Oberstleutnant befordert, 
erhielt er 1879 das Kommando des 1. Bataillons 1, (Leib-)Grenadier-Regiments 
Nr. 100 und im Jahre 1882 das Patent als Oberst. 1883 zum Kommandeur 
des 2. Grenadier-Regiments Nr. 101 ernannt, erhielt H. 1887 das Kommando 
der 6. Infanterie-Brigade Nr. 64, wurde 1888 zum Generalmajor und 1890 zum 
General a la suite des K6nigs Albert von Sachsen und im Januar 1892, unter 
gleichzeitigem Aufriicken zum Generalleutnant, zum diensttuenden General- 
adjutanten des Konigs ernannt. 1893 trat er an die Spitze der 2. Division 
Nr. 24, erhielt 1896 das Patent als General der Infanterie und 1897 den nach- 
gesuchten Abschied. 

Nach »Militar-Zeitung«c. Lorenzen. 

Bauer, Georg von, Generalmajor z. D., * 12. August 1823 zu Kassel, 
f 1. Januar 1903 ebenda. — Nach Absolvierung des ehemaligen kurhessischen 
Kadettenkorps in seiner Vaterstadt, trat B. 1841 als Portepeefahnrich in das 
kurhessische Artillerie-Regiment iiber, erhielt am darauffolgenden 30. Juli das 
Sekondeleutnantspatent und machte 1849 den Feldzug gegen Danemark mit, 
erhielt die Premierleutnantssterne und war 1850 — 1852 zum Generalstabe, 
zum Kadettenkorps und zum Oberbefehlshaber der hessischen Truppen 
kommandiert, worauf er 1854 zum Hauptmann aufriickte, 1855 Batterie- 
chef und 1865 Major wurde. Am Feldzuge gegen Preufien nahm B. teil, 
nach dessen fur sein engeres Vaterland ungliicklichen Ausgang er als Major 
und Abteilungskommandeur im Festungs-Artillerieregiment Nr. 2 zur preu- 
flischen Armee ubertrat. 1869 zum Oberstleutnant befordert und gleich- 
zeitig in das Feldartillerie-Regiment Nr. 2 versetzt, kommandierte B. im deutsch- 
franzosischen Kriege die 3. Abteilung dieses Truppenteils, mit dem er sich 
in der Schlacht von Gravelotte, vor Metz und Paris, in der Schlacht bei 
Villiers sowie spater im Osten Frankreichs im Verbande der Sudarmee aus- 
zeichnete. 187 1 erhielt er den Charakter als Oberst und 1872, unter Ver- 
leihung des Patents als solcher, das Kommando des Feldartillerie-Regiments 
Nr. 10, das er 1874 mit dem der 8. Feldartillerie-Brigade vertauschte. 1876 
zum Generalmajor befordert, trat B. 1879 * n den erbetenen Ruhestand und 
wurde 1891 wegen der im Kriege wie im Frieden geleisteten Dienste geadelt. 

Nach »Militar-Zeitung«. Lorenzen. 

Marchtaler, Anton von, K6niglich Wurttembergischer Generalleutnant, 
* 21. April 1821, f 1 1. Juli 1903. — M. trat bei der reitenden Artillerie ein, 
avancierte im Oktober 1839 zum Unterleutnant und fiihrte im Feldzuge des 
Jahres 1866 gegen Preufien, mittlerweile zum Hauptmann aufgeriickt, die 
1. Batterie. Wegen der vor dem Feinde im Gefecht bei Tauberbischofsheim 
bewiesenen Bravour wurde ihm die wiirttembergische goldene Militar-Verdienst- 
medaille verliehen. 1867 zum Major und Kommandeur der 1. Abteilung des 
wurttembergischen Feldartillerieregiments befordert, zog er 1870 mit dieser 
gegen Frankreich ins Feld und hatte das Gliick, die kleine Festung Lichten- 



von Marcbtaler. Saul. 



213 



berg durch eine mehrstlindige Beschiefiung zur Obergabe zu zwingen. Fiir 
sein tapferes Verhalten vor Paris, am 30. November und 2. Dezember 1870 
bei Villiers bezw. Champigny. erhielt er zu dem bereits verliehenen Eisernen 
Kreuz 2. Klasse auch noch das 1. Klasse. Bei der Neuordnung der wurttem- 
bergischen Wehrmacht im Jahre 1872 wurde M. Oberst und Kommandeur des 
Feldartillerieregiments Nr. 13 und bei der spateren Teilung des Truppenteils 
in zwei Regimenter Kommandeur des Feldartillerieregiments Nr. 29. 1875 
mit dem Range als Brigade-Kommandeur zum Stabe der preufiischen 2. Feld- 
artilleriebrigade kommandiert, wurde M. im folgenden Jahre an die Spitze 
der wiirttembergischen 13. Feldartilleriebrigade gestellt, inzwischen zum General- 
major aufgestiegen, 1882 zum Generalleutnant befOrdert und 1883 auf sein 
Ansuchen verabschiedet. 

Nach »Schw&bischer-Merkur«. Lorenzen. 



Saul, Daniel Johannes, Journalist und Dichter, * 2. September 1854 zu Bal- 
horn, f 8, Oktober 1903 zu Jugenheim. — Im alten Pfarrhause zuBalhorn inNieder- 
hessen stand S.s Wiege. Sein Vater war der PfarrefLudwigS., ein strengglaubiger 
frommer Mann, der in der hessischen Geistlichkeit auch als Herausgeber des 
vielgelesenen Sonntagsboten aus Kurhessen eine nicht unbedeutende Rolle 
spielte. Bis zum 15. Jahre genofi der Sohn den Unterricht des Vaters, der 
friiher selbst Lehrer an der Casseler Kadettenanstalt gewesen war, dann kam 
cr auf das Gymnasium zu Hersfeld, wo er im Jahre 1875 sein Abiturienten- 
cxamen bestand. Im Herbst desselben Jahres bezog er die Universitat Leipzig, 
um sieben Semester lang Philologie und Philosophic zu studieren. Inzwischen 
hatte sich in seinem elterlichen Hause zu Balhorn mancherlei ver£ndert, was 
nicht ohne Folge fiir die Zukunft des Sohnes sein sollte. Sein Vater, ein Freund 
und Anh&nger der Briider Vilmar, hatte sich dem Protest eines grofien Teils 
der hessischen Geistlichkeit gegen die unionistischen Mafiregeln des preufiischen 
Kirchenregiments angeschlossen, und gehorte zu den 43 hessischen Pfarrern, 
die dann infolge ihrer »Renitenz« gegen das von ihnen nicht anerkannte neue 
Konsistorium abgesetzt wurden. Der alte Pfarrer S. hatte zwar die Freude und 
Genugtuung, dafl der uberwiegendeTeil seiner Gemeinde ihm treu blieb und trotz 
aller Lockungen und Verfolgungen nicht zu dem »Staatspfarrer« in die Kirche 
ging, aber lange sollte er seine Absetzung, die er nie anerkannte, nicht iiber- 
leben. Nach dem Tode seines Vaters, der am 28. Juli 1877 erfolgte, war 
Daniel S. ganz auf sich selbst angewiesen. Zum Eintritt in den preufiischen 
Schuldienst zeigte er wenig Neigung, auch waren die Chancen in dieser 
Laufbahn fiir den Sohn des renitenten Pfarrers wohl nicht die giinstigsten 
gewesen. So entschlofi er sich denn, seine Universit&tsstudien abzubrechen 
und Journalist zu werden. Schon als Student hatte er Beziehungen zu der 
» Frankfurter Zeitung« angekniipft, die dazu fiihrten, dafi er 1879 in deren 
Redaktion eintrat. Da seine Existenz in dieser Stellung gesichert erschien, 
konnte S. nunmehr auch daran denken, einen eigenen Hausstand zu griinden. 
Im Jahre 1881 vermahlte er sich mit Elly Benn, die ihm eine sorgsame Gattin 
und treue Mitarbeiterin wurde. Zwftlf Jahre lang blieb S. in Frankfurt, 
dann siedelte er im Sommer 1891 als Korrespondent und Vertreter der 
'Frankfurter Zeitung« fiir Wurttemberg nach Stuttgart iiber, von wo er aufier 



214 



Saul. 



seinen regelmafiigen Berichten manches gediegene Feuilleton fur sein Blatt 
lieferte. 

Nicht nur fiir die »Frankfurter Zeitung« war S. journalistisch tatig. Er 
beteiligte sich im Jahre 1886 an der Griindung der der Pflege hessischen 
Heimatsinnes gewidmeten Zeitschrift »Hessenland«, die manchen Beitrag aus 
seiner Feder erhielt. Als im Jahre 1894 der erste Redakteur des »Hessen- 
land«, Ferdinand Zwenger, plOtzlich starb, da ubernahm S. die Redaktion. 
Die Schwierigkeiten, die durch die weite Entfernung vom Erscheinungsort 
bedingt waren, veranlaflten ihn freilich nach Jahresfrist dies Amt wieder 
niederzulegen. 

S.s Beitrage zum »Hessenland« waren vorzugsweise poetischer Natur. 
Schon friih hatte er neben seiner journalistischen Tatigkeit zu dichten begonnen. 
1889 erschien sein Lustspiel »Die Stoiker«, das zuerst am Koniglichen Theater 
zu Cassel, dann auch in Frankfurt und an einigen anderen Biihnen aufgefiihrt 
wurde. Dann erschien 1894 eine kleine Sammlung seiner »Gedichte«, wahrend 
eine grofie Anzahl weiterer Gedichte und Erzahlungen im »Hessenland« und 
anderswo zerstreut erschienen sind. S. gehorte unstreitig zu den besten hessi- 
schen Lyrikern der neueren Zeit. Seine Gedichte sind keine Dutzendware, 
sondern zeichnen sich »durch eigenartige Empfindung, durch tadellose Form 
und einen gliicklichen, oft volksliedartigen knappen Ton« (Schoof) vorteil- 
haft vor vielen andern aus. Die weltschmerzliche Stimmung, die in einigen 
seiner Gedichte zum Ausdruck kommt, erscheint nicht als moderne Kunstelei, 
sondern als ein Ausflufi wahrer und echter Empfindung. Dabei fehlte es dem 
Dichter auch nicht an echtem Humor, wie u. a. einige in seiner heimatlichen 
Mundart gedichtete Strophen beweisen. 

Dieser Mundart, die er trotz jahrzehntelanger Abwesenheit von der Hei- 
mat gut beherrschte, setzte S. noch ein besonderes Denkmal durch seinen 1901 
erschienenen »Beitrag zum hessischen Idiotikon«, der eine allerdings nicht voll- 
standige Zusammenstellung charakteristischer Ausdriicke und Redewendungen 
aus seinem in sprachlicher Hinsicht interessanten Heimatsdorf Balhorn (das 
direkt an der niederdeutschen Sprachgrenze gelegen ist) darbietet; von weiteren 
wissenschaftlichen Arbeiten S.s ist noch zu nennen seine Schrift »Zur Begren- 
zung des Pyrrhonismus«, auf Grund derer er sich im Jahre 1892 die philo- 
sophische Doktorwiirde der Universitat Tubingen erwarb. 

In Stuttgart nahm S. lebhaften Anteil am offentlichen und politischen 
Leben. Durch das Vertrauen seiner demokratischen Parteifreunde wurde er in 
den Landesausschufl der wiirttembergischen Volkspartei berufen. Ein schweres 
Lungenleiden, dessen Keime schon seit langerer Zeit vorhanden waren, machte 
indessen seiner Tatigkeit in der wiirttembergischen Hauptstadt ein vorzeitiges 
Ende. Sein leidender Zustand zwang ihn, seine Stelle bei der »Frankfurter 
Zeitung« aufzugeben. Im Jahre 1902 verlegte er seinen Wohnsitz nach Jugen- 
heim an der Bergstrafie, wo er unter der liebevollen Pflege seiner Gattin, mit 
der er in kinderloser Ehe lebte, Genesung zu finden hoffte. Seine Hoffnung 
war vergebens. 

Vgl. Nekr. von W. Bennecke in »Hessenland« 17, 268. »Hessische Bliitterc 1903 
Nr. 2998. — Brtimmer, Lexikon der deutschen Dichter 3, 389. — Schoof, Die deutsche 
Dichtung in Hessen 223 f. 

Ph. Losch. 



Klingelhoffer. 2 1 5 

Klingelhdffer, Otto, Regierungsrat, * n. Januar 1812 zu Dorheim, f 1. Ja- 
nuar 1903 zu Darmstadt. — Im kurhessischen Amtshause zu Dorheim bei 
Nauheim in der Wetterau erblickte K. das Licht der Welt. Er besuchte 
von seinem 14. Lebensjahre an das Gymnasium zu Hanau und bezog dann 
im Sommer 1831 die Universitat GieBen, wo er drei Semester hindurch Jura 
studierte und mit feuriger Begeisterung der Burschenschaft angehorte. Es war 
die Zeit der heftigsten Gahrung in der deutschen Studentenschaft. Die Bundes- 
beschliisse von 1832 fuhrten zu dem Sturm auf die Frankfurter Wachen, an dem 
die Burschenschafter von Giefien besonders beteiligt waren. K. war schon im 
Herbst 1832 nach Heidelberg ubergesiedelt und wenn er auch an dem Frank- 
furter Attentat nicht unmittelbaren Anteil nahm, so fand er doch in Heidel- 
berg mehrfach Gelegenheit, seine alten Giefiener Freunde, die wegen ihrer 
revolutionaren Umtriebe verfolgt wurden, bei der Flucht uber die franzosische 
und schweizer Grenze zu unterstiitzen. Nach Beendigung seiner Universitats- 
studien trat K. 1835 in den kurhessischen Staatsdienst, war als Referendar 
bez. Assessor in Kassel und Hanau beschaftigt und wurde dann Kreissekretar 
in Hersfeld und 1847 Landrat in Ziegenhain. Seine auf den Idealen seiner 
burschenschaftlichen Studienzeit basierende unverhohlene liberale Gesinnung 
hatte ihn also bisher in seiner Beamtenlaufbahn nicht gehemmt. Als aber 
nach den Stiirmen des Jahres 1848 die Hassenpflugsche Reaktion in Kur- 
hessen einsetzte, schlofi sich K. der bekannten Beamtenrevolution von 1850 
gegen den verhaflten Minister an; die Folge war, dafl er zur Strafversetzung 
verurteilt und 1851 uberhaupt zur Disposition gestellt wurde. Diese Maflregel 
hat er der kurhessischen Regierung nie verziehen. War er schon vorher kein 
sonderlich begeisterter Hesse gewesen, so sah er von nun an sein Heil nur in 
PreuBen. Nach einem kurzen Aufenthalt in Eschwege, siedelte er im Spatherbst 
185 1 nach der kurhessischen Stadt Bockenheim uber, die damals noch vor den 
Toren Frankfurts lag, um sich fortan nationalokonomischen und finanzwissen- 
schaftlichen Studien zu widmen. Hier gelang es ihm durch den Assessor 
Zitelmann Beziehungen zu dem neuernannten preufiischen Bundestagsgesandten 
Otto v. Bismarck anzuknupfen, der den gegen seine Regierung grollenden kur- 
hessischen Beamten mehrfach uber die kurhessischen Angelegenheiten zu Rate 
zog. In Bismarcks Auftrag arbeitete K. eine Denkschrift uber die kurhessische 
Verfassungsfrage aus und ruhmte sich spater, durch seine Darstellung eine 
Wandlung in Bismarcks Anschauungen liber das Verhaltnis PreuBens zu 
Osterreich veranlafit und seinen HaB gegen die alte Kaisermacht genahrt 
zu haben. K.s Beziehungen zur preuBischen Gesandtschaft dauerten bis zum 
Abgang Bismarcks nach Petersburg fort. Die Vermittelung ging durch die 
H&nde Zitelmanns, der nach Bismarcks Abgang gleichfalls Frankfurt verliefi. 
Im Einverstandnis mit dem preufiischen Gesandten verfafite K. damals ver- 
schiedene politische Flugschriften, wobei er namentlich in der anonymen 
Schrift »Die deutsche Einheit und die kurhessische Verfassung« (Frankfurt 
1859) das Programm der Einigung Kleindeutschlands unter preufiischer Fiihrung 
im Sinne der Bismarckischen Politik entwickelte. Trotz seiner frondierenden 
Stellung wurde K. 1863 wieder in den kurhessischen Staatsdienst aufgenommen 
und war von da bis 1866 Regierungssekretar zu Marburg i. H. Im Juni 1866 
erfullte sich sein sehnlicher Wunsch, der Sieg PreuBens uber den Bund und 
Osterreich. Als aktiver kurhessischer Regierungsbeamter konnte er es iiber 



2l6 Klingelhoflfer. Daudert. 

sich gewinnen — wie er selbst erzahlt — , den als Eroberer in Marburg 
einruckenden Preufien jubelnd entgegenzugehen und ein Hurrah auf sie aus- 
zubringen! Nach der Annexion Kurhessens wurde K. zum Mitglied der 
Eisenbahndirektion Cassel und 1867 zum Regierungsrat ernannt. Mit der 
Eisenbahndirektion siedelte er dann im Jahre 1872 nach Frankfurt a. M. bezw. 
Sachsenhausen iiber und wirkte dort bis 1882, wo er in den Ruhestand trat. 
Nach seiner Pensionierung zog er nach Darmstadt, wo er noch iiber 20 Jahre 
in geistiger Regsamkeit und Frische lebte. Seine schriftstellerische Tatigkeit 
setzte er bis in sein hohes Alter fort. Als ihm 1893 nach funfzigjahriger gluck- 
licher Ehe seine feinsinnige kiinstlerisch begabte Frau Anna geb. Eulner ge- 
storben war, da setzte er ihr ein Denkmal, indem er ihr franzosisch ge- 
schriebenes Tagebuch (sie war zu Briissel geboren) 1895 veroffentlichte. Ein 
Jahr spitter veroffentlichte er die Schrift »Das Reichswahlgesetz«, in der er 
fur Beschrankung des Wahlrechts eintrat. Seine letzte Schrift »Paradoxa, 
historisch-politische« (Giefien 1900) gleichsam sein politisches Glaubens- 
bekenntnis widmete er der deutschen Burschenschaft. Bezeichnend fur die 
Anschauungen des 88jahrigen Greises ist es, dafi er in dieser Schrift zur Er- 
richtung eines Denkmals fur die Urheber des Frankfurter Attentates aufforderte. 
So blieb er den Idealen seiner Jugend bis ins Alter treu. Hochbetagt, fast 
91 Jahre alt, erlag er am 1. Januar 1903 einem Influenzaanfall. 

Autobiographische Aufzeichnungen find en sich in den obenerwahnten »Paradoxac. 
Als Manuskript gedruckt. GieBen 1900. — Vgl. ferner »Tagebuch einer Frau.« Leipzig 
1895. — Nekrolog von H. Haupt in Beil. 35 z. »Tagl. Rundschau* v. 1903. — >Hcssen- 
land« 17, S. 43. Ph. Losch. 



Daudert, Ernst Wilhelm, Dichter, * 10. Februar (22. Februar n. St.) 1829 
in Riga, f 5. Januar 1903 in Freiburg (Baden). — Er erhielt eine fur den 
Handelsstand bestimmte Ausbildung, zuletzt in der damaligen Handelsklasse 
der Rigaer Kreisschule, versah spater die Stelle eines Korrespondenten ver- 
schiedener Sprachen in mehreren angesehenen Handelshausern seiner Vater- 
stadt und griindete 1852 daselbst ein eigenes Handelshaus. Sein Beruf bot 
ihm vielfach Gelegenheit zu groflen Reisen durch Deutschland, Holland und 
Belgien, und bei seiner Vorliebe fur literarische Beschaftigung wurde er auch 
mit der franzosischen, englischen und danischen Sprache und deren Literatur 
vertraut. 1868 wurde er zum Ratsherrn erwahlt; als solcher war er 20 Jahre 
hindurch Mitglied und spater Prases des Komitees, dem die Verwaltung des 
Rigaischen Theaters anvertraut war. Fur dasselbe schrieb er auch das Fest- 
spiel »Schillers 46. Geburtstag«, das auch anderswo zur Auffiihrung geiangte. 
Nach Auflosung des Rigaischen Rats zog sich D. auch vom Geschaftsleben 
zuriick und siedelte 1891 mit seiner Familie nach Freiburg in Baden iiber, 
wo er ganz seinen literarischen Neigungen lebte. Aus seiner Rigaer Zeit 
stammen noch zwei Bandchen Poesien, von denen das erste, »Gedichte« (1876), 
unter dem Pseudonym Ernst Wildau erschien. Der zweiten Sammlung »Lebens- 
bliiten. Lieder« (1884) sollte eine Fortsetzung folgen; doch ist der Dichter 
nicht mehr zur Ausgabe derselben gekommen. 

Personliche Mitteilungen. — Adolf Hinrichsen : Das literarische Deutschland, 1887, S. 108. 

Franz Brummer. 



Dietlein. Engelien. 217 

Dietlein, Hermann Rudolf, Schulmann, * $. M&rz 1823 in Delitz a. Berge 
(Provinz Sachsen), f 16. Juli 1903 in Halle a. S. — D. war der Sohn 
eines Lehrers und verlebte seine Knabenjahre in Ldbnitz a. d. Mulde, wohin 
scin Vater versetzt worden war. Auf dem Seminar in Eilenburg bildete er 
sich 1838 — 42 zum Lehrer aus und wurde nach erlangter Befahigung Lehrer 
der Knaben der Offiziersfamilien des 3. Husarenregiments in Diiben. 1846 
ging er an die Madchenbiirgerschule nach Halle a. S., 1849 als erster Lehrer 
nach Wartenburg a. d. Elbe und 1874 als Rektor nach Schafstadt. 1889 trat 
er in den Ruhestand und siedelte nach Halle a. S. iiber, wo er sich mit 
regem Interesse den offentlichen Angelegenheiten widmete, auch langere Zeit 
als Stadtverordneter und Mitglied der Schulkommission t&tig war. Er kampfte 
gegen die Reaktion auf schulpolitischem Gebiete durch Wort und Schrift fiir 
die Volksbildung und die Entwickelung des Schulwesens. Er war Mitbegriinder 
des Lehrer- und Pestalozzi-Vereins der Provinz Sachsen (1862), redigierte auch 
zwei Jahre lang das »Schulblatt der Provinz Sachsen«, Von seinen zahlreichen 
Schriften fur die Hand der Schiiler und Lehrer nennen wir nur »Der ver- 
einigte Anschauungs 1 , Sprach-, Schreibleseunterricht auf der Unterstufe« (1874) 
— »Der Sprachschiiler« (5. Aufl. 1880) — »Wegweiser fiir den Schreibunter- 
richt« (4. Aufl. 1895) — »Anforderungen an den ersten Leseunterricht« (1894) 
und die gemeinschaftlich mit seinem Bruder verfafiten Biicher »Die deutsche 
Fibel nach der Normal w6rtermethode« (112. Aufl. 1898) — »Deutsches Lese- 
buch fur mehrklassige Burger- und Volksschulen« (in vier verschiedenen Aus- 
gaben 1870 — 90) — »Aus deutschen Lesebiichern. Dichtungen in Poesie und 
Prosa, erlautert fiir Schule und Haus« (III, 1880 ff.). 

»Padagogische Zeitung*. Berlin. Jahrg. 1903, S. 562. — H. Ktihn: Lehrer als Schrift- 
steller, 1888, S. 32. — Adolf Hinrichsen: Das literarische Deutschland, 1891, S. 274. 

Franz Briimmer. 

Engelien, A u gust Karl Hermann, padagogischer Schriftsteller, * 24. August 
1832 zu Landsberg a. d. Warthe, f 21. Juni 1903 in Berlin. — Er war der 
Sohn eines Schneidermeisters und erhielt seine Schulbildung in der hoheren 
Biirgerschule seiner Vaterstadt, die er 1849 absolvierte. Noch zu jung, um 
ins Lehrerseminar aufgenommen werden zu konnen, iibernahm er zunachst 
eine Hauslehrerstelle in der Familie des Gutsbesitzers Zastrow und trat dann 
Ostern 1850 in das Seminar fiir Stadtlehrer in Berlin ein. 1853 bis i860 unter- 
richtete er an verschiedenen hoheren Privatschulen Berlins und wurde dann 
Lehrer an einer stadtischen Gemeindeschule. Seit 1870 Leiter (von 1878 ab 
mit dem Titel Rektor) der 30. Gemeindeschule, verwaltete er dieses Amt bis 
zu seinem Cbertritt in den Ruhestand. Bei dieser Gelegenheit wurde ihm 
der Charakter als »Professor« verliehen, eine fiir einen preufiischen Volks- 
schullehrer seltene Auszeichnung. — E. hat sich als Schriftsteller besonders 
auf dem Gebiete des deutschsprachlichen Unterrichts betatigt. Seine »Gammatik 
der neuhochdeutschen Sprache« (1867, 4. Aufl. 1891) hat in Lehrerkreisen viele 
Anerkennung und Verwertung gefunden. Dasselbe gilt von seiner »Schul- 
grammatik der neuhochdeutschen Sprache« (1872. 5. Aufl. 1884), von seinem 
»Leitfaden fur den deutschen Sprachunterricht« (II, 1862), der zum Teil in 
100. Auflage erschienen ist, und von seinem »GrundriB der Geschichte der 
neuhochdeutschen Grammatik und der Methode des grammatischen Unter- 



2l8 Engelien. Oppcl. von Levetzow. 

richts in der Volksschule« (1885). Mit dem Seminar- Oberlehrer Professor 
H. Fechner in Berlin gab er heraus »Deutsches Lesebuch. Nach den Quellen 
bearbeitet* (in drei verschiedenen Ausgaben 1873 — 7<>), das noch heute zu den 
besten Buchern dieser Art gehftrt, und »t)bungsstoff fiir den Unterricht in der 
deutschen Rechtschreibung* (1881. 10. Aufl. 1902). 

H. KUhn: Lehrer als Schriftsteller. Leipzig 1888, S. 40. — Adolf Hinrichsen: Das 
literarische Deutschland, 1891, S. 330. Franz Brummer. 

Oppel, Karl, P&dagog und Schriftsteller, *g. August 1 816 in Frankfurt a. M., 
f daselbst 12. (n. a. 11.) Mai 1903. — O. wurde von seinem Vater, einem ehr- 
samen Schneidermeister mit zahlreicher Familie, fur den Kaufmannsstand be- 
stimmt, obwohl der Sohn nicht die geringste Neigung dazu verspurte. Den 
Zwiespalt ldsten endlich die Lehrer des Knaben, welche diesen dem Lehrer- 
berufe zuflihrten und ihm durch unentgeltlichen Privatunterricht eine tuchtige 
Vorbildung gaben. Nachdem O. 1833 — 35 das Seminar in Esslingen besucht 
hatte, trat er als Lehrer an der Weififrauenschule in seiner Vaterstadt ins Amt. 
Energisch arbeitete er an seiner Fortbildung, so dafl er 1847 an die Muster- 
schule (Realschule 1. Ordnung) berufen ward und sich 1859 an der Universitat 
Giefien die WUrde eines Dr. phil. erwerben konnte. Im Jahre 1879 trat er in 
den Ruhestand. Aus Gesundheitsriicksichten siedelte er 1883 nach dem kleinen 
Schweinfurt iiber, wo er als Schriftsteller tatig war und zahlreiche popul&r- 
wissenschaftliche Vortrage hielt. Nach einem Jahrzehnt kehrte er in seine 
Vaterstadt zuriick. Als Schriftsteller trat er zuerst mit einer Broschttre >Pesta- 
lozzis Leben, Wollen und Wirken« (1845) auf. In dem »Buch der Eltern* 
(4. Aufl. 1896) bot er seine reichen Erfahrungen alien denen dar, die ein 
Interesse fiir die Heranbildung der kommenden Generation haben. In gleicher 
Richtung bewegen sich auch seine »Briefe uber Knabenerziehung« (1858). Ein 
Ergebnis seiner Sgyptologischen Studien sind seine Schriften »AlULgyptische 
Glaubenslehre« (1859), »Freimaurerei und agyptisches Priestertum« (i860) und 
»Das Wunderland der Pyramiden« (4. Aufl. 1881). Daran reihen sich zahl- 
reiche Jugendschriften und novellistische Arbeiten, darunter die St&dtege- 
schichten »Aus alien Gauen des Vaterlandes« (2. Aufl. 1896). 

Adolf Hinrichsen: Das literarische Deutschland, 1891, S. 1000. — Frankfurter 
Tagesblatter. Franz Brummer. 

Levetzow, Albert von, Wirklicher Geheimer Rat, Landrat und Landes- 
direktor a. D., ReichstagsprSsident, * 12. September 1828 auf Gossow bei Kftnigs- 
berg in der Neumark, f 12. August 1903. — Sohn eines Rittergutsbesitzers 
besuchte L. das Marienstiftgymnasium in Stettin, wo er 1856 das Zeugnis der 
Reife erhielt. Er studierte Rechts- und Staatswissenschaft zuerst in Berlin, 
dann Heidelberg, wo er als Saxo-Borusse aktiv war und sich bis zum Herbst 
1848 aufhielt und schliefllich in Halle. Nach bestandenem Auskultatorexamen 
trat er 1849 in den Staatsdienst, zunachst in Landsberg, wo er zugleich sein 
Jahr beim dortigen 2. Dragonerregiment abdiente, dem er spater als Reserve- 
offizier bis zum Major angeh6rt hat. 1855 wurde er Gerichtsassessor und 
zugleich Hilfsrichter in Frankfurt a. O. und K6nigsberg in der Neumark. 1857 
arbeitete er, zum Regierungsassessor ernannt, als Hilfsarbeiter im Kultus- 
ministerium unter Raumer und Bethmann-Hollweg. 1859 traf ihn die teil- 



von Lcvetxow. 2 19 

weise Mobilmachung bei seinem Regiment, worauf er Anfang i860 das vSter- 
liche Gut Gossow unter Beurlaubung aus dem Staatsdienst iibernahm. Im 
Februar 1861 schied er endgiiltig aus dem Staatsdienst aus, urn sich zunachst 
offentlich im engeren Heimatdienst und in den Provinzial- und Volksver- 
tretungen zu betatigen. So wurde er 1863 zum Mitglied des brandenburgischen 
Provinziallandtages gew&hlt, k&mpfte in Osterreich mit und wurde 1861 von 
seinem Heimatskreise Kftnigsberg in der Neumark zum Landrat gewahlt und 
am 6. Januar folgenden Jahres mit der Verwesung vorlMufig betraut. 

Der Norddeutsche Reichstag z&hlte ihn in seinen Reihen, doch liefi er 
sich in den Deutschen nicht w£hlen, sondern widmete sich ausschliefllich den 
Kreisgeschaf ten , die er erst nach seiner Erwahlung zum Landesdirektor der 
Provinz Brandenburg 1876 abgab. Da sein Amtssitz Berlin war, wurde er 
wieder Mitglied des Reichstags von 1877 — 1884 und sodann von 1887 — 1903. 
1881 wurde er President der brandenburgischen Provinzialsynode und im 
November dieses Jahres zum Pr&sidenten des Reichstages erwahlt, in welcher 
Eigenschaft er auch amtlich bei der Eroffnung des Gotthardtunnels anwesend 
war. 1884 wurde er Ehrenkommendator und Schatzmeister des Johanniter- 
ordens und Mitglied des Preuflischen Staatsrats. 1886 brachte ihm den Kanzler 
des Johanniterordens und die kdnigliche Ernennung als Mitglied der General- 
synode. 1888 wurde er Kommendator der brandenburgischen Provinzial- 
genossenschaft des Johanniterordens und bei seiner Wiederwahl in den Reichs- 
tag dessen President. 1889 wurde ihm der Rang der Rate I. Kl. verliehen 
und im folgenden Jahre wurde er aus allerhOchstem Vertrauen ins Herrenhaus 
berufen. 1892 erhielt er das Pr&dikat »Exzellenz« als Wirklicher Geheimrat, 
wurde 1894 Domherr von Brandenburg, Dr. juris honoris causa der Universitat 
Halle und Ehrenbtirger in Friesack. 

1895 legte er in der bekannten dramatischen Sitzung infolge der ver- 
weigerten Ehrung des Altreichskanzlers zu dessen 80. Geburtstage die Wurde 
des Pr&sidenten nieder und schied im folgenden Jahre aus seinem hohen 
Provinzialamt, nachdem er vorher zum Ehrenbiirger von Neudamm ernannt 
worden war. Die groflen Bander des Roten Adlerordens und Kronenordens 
schmuckten ihn, denen 1901 noch die Brillanten zum Roten Adlerorden I. Kl. 
folgten. In diesem Jahre legte er das Amt eines Kommendators des Johanniter- 
ordens nieder, w&hrend er erst im Todesjahr die Kanzlerwiirde in die H&nde 
des Herrenmeisters zuruckgab. 

Er war mit Charlotte von Oertzen vermahlt, die ihm 1901 im Tode voran- 
ging. Ihn iiberlebt nur ein einziger Sohn als Erbe des vSterlichen Besitzes. 

Dieser auflere Lebensgang bezeichnet zugleich seine politische Entwick- 
lung und die einzelnen Phasen seiner offentlichen Tatigkeit. Das Sturm jahr 
1848 sah ihn in Heidelberg, wo freilich der MilitSLraufstand erst sp£ter los- 
brach. Vorl&ufig war der junge Student mehr Korpsbursche als Politiker und 
gewann der revolutionaren Bewegung und den Einheitsbestrebungen kein 
Interesse ab, obwohl ein preufiisches Kaisertum schon damals zu seinen 
Idealen zahlte. Erst als Landrat nahmen ihn die Offentlichen Angelegen- 
heiten in Anspruch*, aber seine Gewissenhaftigkeit kam schon damals zum 
Ausdruck, dafi er nur seinem Staatsamt, das ihn so eng mit der Heimat ver- 
band, seine ganzen Krafte widmete. Erst als er sich ausschliefllich der Be- 
wirtschaftung seiner Guter widmete und in der Winterszeit doch Mufie fur 



220 von Levetzow. 

eine weitere Besch&ftigung fand, stellte er seine Person fur die Reichstags- 
wahl zur Verfugung. Er bewahrte gleich bei seinem parlamentarischen Auf- 
treten ein diplomatisches Talent in der Versohnung der Gegensatze, wenn er 
audi bei seiner verhaltnismafiigen Jugend noch nicht zu einer auflerlich 
leitenden Stellung innerhalb der Frakrion gelangte und infolge des Reichstags- 
prasidiums erst nach Manteuffels Riicktritt 1896 den Vorsitz der Fraktion 
iibernahm. Nachdem er als erster Landesdirektor seiner Heimatprovinz und 
hervorragender Organisator der neuen Provinzialverwaltung ein berechtigtes 
Ansehen unter seinen Standes- und Parteigenossen gewonnen hatte, wurde er 
bei der Wiederwahl 1877 der parlamentarische Leiter der ganzen K&rperschaft. 
Freilich war er, urn seine Krafte nicht zu zersplittern, nicht zugleich der 
Vorsitzende im konservativen Elfer-Ausschufi, ein Amt, das einer jiingeren, 
aber nicht minder bew&hrten Kraft, seinem spateren Nachfolger im Provinzial- 
amt, Exzellenz von Manteuffel, bis zur Gegenwart iibertragen blieb. Als 
Parlamentarier wie als Mensch war er stets von gleich bleibender Liebens- 
wiirdigkeit unter verbindlichsten Formen, ohne jedoch jemals seiner festen 
Willensmeinung etwas zu vergeben. Er konnte sogar sehr bestimmt trotz 
aller persGnlichen Freundlichkeit auf seinem Willen beharren, wenn er seine 
Meinung fur die richtige hielt Den Reichstag hat er mit fester Hand regiert, 
ohne jemals zu starken Worten seine Hilfe zu nehmen. Freund und Feind 
gehorchten ihm willig, so dafi alte Parlamentarier die Ansicht vertreten, dafi 
er bisher der beste President des hohen Hauses gewesen ist. In seiner parla- 
mentarischen Tatigkeit offenbarte sich auch der Ernst seines Offentlichen 
Strebens und die Tiefe seiner Kenntnisse, sowie die Geschaftsgewandtheit 
des geschulten Beamten. 

Trotz seiner hervorragenden parlamentarischen Stellung war er daher 
auch kein blotter Berufspolitiker, sondern widmete seine Hauptkraft seinem 
Amte. Die Stellung des Landesdirektors verbindet staatliche und kommunale 
Aufgaben in gliicklicher Weise mit einander und gestattet eine engere Fiihlung 
mit den Eingesessenen als sonstige Staatsamter. War L. auch nicht Schopfer 
der neuen Provinzialselbstverwaltung, so war er doch deren hervorragendster 
Vertreter. Die Einrichtung der Provinz Brandenburg war keineswegs leicht, 
da der voile Steuers&ckel der Hauptstadt der Provinz nicht untersteht, anderer- 
seits die Residenzen des Hofes in Berlin und Potsdam gewisse Anspriiche an 
die Provinzialverwaltung in der Wegehaltung stellen, die ein besonderes Ge- 
schick erfordern. Sein sicherlich sachverstandiger Amtsnachfolger, der oben 
erwahnte Frhr. v. Manteuffel, hat bestatigt, dafi der Geschaftsbereich seines 
Vorgangers so hervorragend ausgestaltet war, dafi er nur in einer Richtung 
an ihn die bessernde Hand anlegen mufite. Die Unterbringung der neuen und 
stetig wachsenden BehSrden war so wenig vollkommen, dafi sich eine wiirdigere 
Unterkunft erforderlich machte. Dem Neubau hatte L. tunlichst widerstanden, 
da ihm der Sinn fur eine selbst notwendige Aufierlichkeit vttllig abging. Er 
war eben ein vornehm bescheidener Mann, dessen edle Gesinnung im Amt 
und im Parlament auch allseitig anerkannt wurde. 

Daher bet£tigte er sich auch mit hervorragendem Eifer auf dem Gebiete 
eines ritterlichen Liebeswerks, indem er als Wiirdentrager des Johanniterordens 
in den verschiedensten und wichtigsten Ehrenstellungen der ritterlichen Ver- 
einigung seine Dienste in aufopfernder Weise lieh. Gleich Bismarck pflegte 



von LeveUow. Brugier. 221 

er seine Reden mit einem lateinischen Spruche zu schmucken, eine Ange- 
wohnheit, die mit dem Schwinden der Oberschatzung humanistischer Bildung im 
Abnehmen begriffen ist. Doch zeigte diese fremdlandische Wiirze deutschen 
Wortes die Scharfe und Klarheit L.scher Gedanken. Seine Tatigkeit als 
Parlamentarier und Beamter hat gezeigt, dafl er bei aller Vertretung konser- 
vativer Parteiinteressen niemals die staatsmannische Vorurteilslosigkeit ver- 
gessen hat, die sich iiber die Parteien erhebt. Da aber die Politik nur im 
Rahmen der Fraktionen erfolgen kann, mit denen auch die Regierung zu 
rechnen hat, so glich er in hervorragender Weise allgemeine und partei- 
politische Interessen aus. Er gehorte.zu den wirksamen Forderern der kon- 
servativen Partei, die unter seinem Beistand erst die einflufireiche Stellung 
wieder erlangt hat, die ihr in der Jugend des Reichs durch die Bekampfung 
des leitenden Staatsmannes abhanden gekommen war. Bei allem PreuBentum 
des markischen Junkers wufite er, was er seinem grofien Vaterland schuldig 
war und leitete die konservative Reiohstagsfraktion in diesem Sinne, wie ja 
auch ihr Name den preufiischen Partikularismus abgestreift hat. 

Den heroischen Augenblick in seinem offentlichen Wirken bildet die 
Niederlegung des Reichstagsprasidiums. Der Vorgang beruhte nicht auf einer 
gewissen Amtsmudigkeit, da er auch weiter dem Parlament angehorte und 
als Fraktionsvorsitzender tatig blieb, mag er auch, wie den ein Jahr spater 
folgenden Riicktritt von seiner Provinzialstellung, bei zunehmendem Alter die 
Aufgabe der Reichstagsleitung schon vorher erwogen haben. Ausschlaggebend 
war die ehrliche Entriistung iiber die Haltung des Zentrums, die er als eine 
Krankung fur die Volksvertretung mit Recht empfand. Als ihn der Kaiser 
durch einen beruhmten Parlamentarier und Jugendfreund iiber sein Verhalten 
bei der etwaigen Ablehnung der parlamentarischen Ehrung Bismarcks sondieren 
liefl, antwortete er dem Frager, dafl er dann sofort das Presidium niederlegen 
wiirde, wie ja auch die konservativen Parteien es ablehnten, einen Nachfolger 
aus ihren Reihen zu wahlen. Der patriotische Zorn iiber die Undankbarkeit 
der ausschlaggebenden Partei war also der Grund des dramatischen Auftritts 
im Reichstag, obwohl er aus wirtschaftlichen Riicksichten doch das gemauserte 
Zentrum nicht mehr als reichsfeindlich ansah. 

Auch seine Tatigkeit auf den evangelischen Synoden nahm er ernst und 
gehort der strengsten Richtung an, wie er iiberhaupt eine tief religiose Natur 
war, ohne seinen Glauben anderen aufdrangen zu wollen. 

Er war das Ideal eines wahrhaft vornehmen und daher bescheidenen 
Mannes, ein echter markischer Junker, dessen Zerrbild in gegnerischer Be- 
leuchtung die Welt sonst nur anerkennen will, ein Edelmann nach Geburt 
und Gesinnung. Kurd v. Strantz. 

Brugier, Gustav, Miinsterpfarrer inKonstanz, Literarhistoriker, * 1 8. August 
1829 zu Tauberbischofsheim, f 13. September 1903 zu Konstanz. — B. studierte 
Theologie zu Freiburg i. Br. und wurde am 10. August 1852 zum Priester 
geweiht. 1852 — 60 war er Kaplan in Karlsruhe, 1860—74 Klosterpfarrer in 
Rastatt, zugleich Lehrer an der hdheren Tochterschule daselbst, seit 1874 
Miinsterpfarrer in Konstanz, wo er unter zunachst sehr schwierigen Verhalt- 
nissen sehr segensreich wirkte; papstlicher Hauspralat, erzbischoflicher geist- 
Hcher Rat, Dr. tfuol. h. c. (von der Universitat Freiburg i. Br.). — B. verfaflte 



222 Brugier. Holzammer. 

eine beliebte »Geschichte der deutschen Nationalliteratur. Fiir Schule und 
Selbstbelehrung* (Freiburg i. Br. 1865, 11. Aufl. 1904; seit der 4. Aufl. 1874 
mit der Zugabe einer »Kurzgefafiten Poetik«, die 1888 auch fiir sich erschien), 
eine oft gedruckte »Kurze liturgische Erkl&rung der heiligen Messe* (Frei- 
burg i. Br. 1866, 17. Aufl. 1898) und die Festschrift: »Das goojahrige Jubilium 
des hi. Konrad, gefeiert zu Konstanz vom 25. November bis 3. Dezember 1876* 
(Freiburg i. Br. 1877). 

Vgl. »K5lnische Volkszeitungc 1903, Nr. 773 vom 14. September. — »Literarischer 
Handweiser« 1903, Nr. 780, Sp. 158. F. Lauchert. 

Holzammer, Johann Baptist, Domkapitular und Regens des Priester- 
seminars in Mainz, * 1. Mai 1828 zu Mainz, f 24. September 1903 daselbst. — 
H. absolvierte das Gymnasium in seiner Vaterstadt Mainz, studierte dann 
zwei Semester, 1848—49, in Gieflen und drei Semester, 1849—51, in Tubingen 
Theologie, vollendete seine Studien in dem wieder eroffneten Priesterseminar 
in Mainz, in das er im Sommer 1851 eintrat, und empfing am n. Juni 1852 
die Priesterweihe. Wenige Tage darauf reiste er nach Mecklenburg ab, um 
das Amt eines Hausgeistlichen bei dem eben konvertierten Freiherrn von der 
Kettenburg zu Matgendorf anzunehmen; aber schon Anfang September wurde 
er, obwohl er seine Tatigkeit dort auf Abhaltung des Gottesdienstes fiir die 
katholischen Hausgenossen beschrankte, als Opfer der mecklenburgischen 
Intoleranz gegen die Katholiken von der Regierung ausgewiesen, nachdem 
die von dem Freiherrn unternommenen Schritte, sich sein Recht auf freie 
Religionsiibung zu wahren, erfolglos geblieben waren (vgl. Briick, Geschichte 
der katholischen Kirche in Deutschland im 19. Jahrh., Bd. Ill, S. 189 ff.). 
Nach Mainz zuriickgekehrt, wurde H. im Herbst 1854 Dozent am Priester- 
seminar fur alttestamentliche Exegese und biblische Einleitungswissenschaft; 
am 20. August 1857 wurde er zum Professor ernannt. 1865 verlieh ihm die 
theologische Fakultat der Universitat Wien die theologische Doktorwiirde 
honoris causa. Seit 1865 war er auch Vorsitzender des Diozesankomitees fiir 
den Verein vom heiligen Grabe und seit 1866 geistlicher Leiter der Kon- 
gregation der Englischen Fr&ulein fiir die DiSzese Mainz. Als nach den 
Kulturkampfsjahren der bischofliche Stuhl wieder besetzt war, ernannte ihn 
Bischof Haffner am 29. September 1886 zum Domkapitular und nach dem 
Tode Moufangs am 15. Marz 1890 zum Regens des bischGflichen Seminars. — 
Seine wissenschaftlichen Hauptarbeiten sind die Ausgabe von »Guiliclmi Estii 
in omnes D. Pauli Epistolas, item in catholicas Commentarii* (3 Bde., Mainz 1858 f., 
als 2. Auflage nach der Ausgabe von Sausen), und die Neubearbeitung von 
J. Schusters »Handbuch zur biblischen Geschichte. Fiir den Unterricht in 
Kirche und Schule, sowie zur Selbstbelehrung«, das er von der 2. Auflage 
an herausgab (2. Aufl. Freiburg i. Br. 187 1 — 75, 2 Bde.; 5. Aufl. 1890 — 91), 
und das, schon in der 2. Auflage durchgreifend umgearbeitet, von der 
3. Auflage (1877 f.) an vollstandig sein eigenes Werk geworden war, dem im 
den spateren Auflagen auch die auf einer Reise in das heilige Land 1881 
gewonnene eigene Anschauung zugute kam. Kleinere Schriften: »Passions- 
biichlein. Betrachtungen iiber das Leiden des Herrn, nach dem heiligen 
Rhabanus Maurus« (Mainz 1865); »Der biblische Sch&pfungsbericht und die 
Ergebnisse der neueren Naturforschung« (Frankfurt a. M. 1867; Broschiiren- 



Holz&mmer. Wicbner. 223 

verein, 3. Jahrg. Nr. 4); »Der Mensch und seine Stellung unter den organischen 
Wesen* (Frankfurt a. M. 1867; Broschiirenverein, 3. Jahrg. Nr. 10); »DieBildung 
des Klerus in kirchlichen Seminarien oder an Staatsuniversit£ten« (Mainz 1900). 
Dazu kommen Aufs&tze im »Katholik« und in der Osterreichischen Viertel- 
jahresschrift fiir katholische Theologie, und eine Reihe von Beitnigen zu den 
fiinf ersten B£nden der 2. Auflage des Kirchenlexikons von Wetzer und Welte, 
aus dem Gebiete der biblischen Geschichte und Altertumskunde. 

Vgl. Jak. Schafer, Dr. Joh. Holzamraer, Domkapitular und geistlicher Rat, Regens des 
bischttfl. Priesterseminars zu Mainz. Eine Lebensskizze (Mainz 1903, mit Portrat). Dasselbe 
aoch im »Katbolikc 1903, Bd. II. — »Augs burger Postzeitungc 1903, Nr. 216 vom 27. Sep- 
tember. — F. Falk, Bibelstudien in Mainz (Mainz 1901), S. 309 f. F. Laucjiert. 

Wichner, Jakob, O. S. B., Historiker, * 22. Juli 1825 zu Graz, f 21. Oktober 
1903 im Stift Admont. — W. absolvierte das Gymnasium und die philo- 
sophischen Studien in seiner Vaterstadt Graz und trat dann am 7. September 
1846 im Stift Admont in den Benediktinerorden. Die theologischen Studien 
machte er im Stift, legte dann am 11. Juli 185 1 Profefi ab, wurde am 27. Juli 
185 1 zum Priester geweiht und feierte am 10. August seine Primiz. Hierauf 
wirkte er bis 1870 in der Seelsorge, zuerst als Aushilfspriester im Stift, von 
Febniar 1852 bis 1854 als Kaplan in St. Michael ob Leoben, dann zehn Jahre 
als Kaplan in St. Lorenzen im Paltental; am 16. Juni 1864 wurde er Pfarrer 
in Kleinsdlk, von wo er auch die Pfarre GrofisOlk mitprovidierte, 1866 Pfarrer 
in Ardning. Im August 1870 kehrte er in das Stift zuriick, wo er das Amt 
des Archivars Ubernahm und die Neuordnung der dem Brande am 25. April 
1865 entgangenen Reste des Archivs durchfiihrte. Seit 1878 bekleidete er 
auch das Amt des Bibliothekars und erwarb sich um die Ordnung und 
Katalogisierung der mehr als 80000 Bande zahlenden Stiftsbibliothek hervor- 
ragende Verdienste. Nach der Ruckkehr in das Stift beginnt auch seine 
ausgedehnte, auf archivalische Forschungen gestiitzte schriftstellerische Tatig- 
keit insbesondere zur Geschichte des Stiftes. Seit 1883 war W. auch Korre- 
spondent der k. k. Zentralkommission fiir Erforschung und Erhaltung der 
Kunst- und historischen Denkmale, seit 1886 Ehrenmitglied des Museum 
Francisco-Carolinutn in Linz, seit 1900 Ehrenmitglied des historischen Vereins 
fur Steiermark (dessen Mitglied er seit 1858 war), seit '1901 Ehrenmitglied 
des Geschichtsvereins fiir Karnten in Klagenfurt. Am 8. Juli 1889 ernannte 
ihn die theologische Fakultat in Wurzburg zum Dr. theoL — W.s Haupt- 
werk ist die vierbandige »Geschichte des Benediktinerstiftes Admont« . (Graz 
1874 — 1880). Selbstandig in Buchform erschienen ferner die Schriften: »Die 
Stiftsbibliothek zu AdmonU (Graz 1881; 2. Aufl. Briinn 1897); »Kloster 
Admont in Steiermark und seine Beziehungen zur Kunst« (Wien 1888); 
•Geschichte des Clarissenklosters Paradeis zu Judenburg in Steiermark « (Wien 
1888; als Separatausgabe aus dem Archiv fiir Gsterreichische Geschichte, 
73. Bd. 1888); »Jagd und Fischerei des Stiftes Admont bis zur 2. Halfte 
des 18. Jahrhunderts« (Graz 1890); »Kloster Admont und seine Beziehungen 
zur Wissenschaft und zum Unterricht« (Graz 1892); »Die Propstei Elsendorf 
und die Beziehungen des Klosters Admont zu Bayern* (Miinchen 1899; 
Altbayerische Forschungen I); »Gebhard, Erzbischof von Salzburg« (Briinn 1900). 
Aufierdem verOffentlichte er in verschiedenen Zeitschriften, insbesondere in 



224 



Wichner. Franzius. 



den Mitteilungen des historischen Vereins fur Steiermark 1873 — 1897, in den 
Beitr&gen zur Kunde steiermarkischer Geschichtsquellen 1874 — 1883, in den 
Studien und Mitteilungen aus dem Benediktiner- und dem Zisterzienserorden 
1880 — 1894, und an anderen Orten, eine lange Reihe von historischen Studien 
hauptsachlich zur Geschichte des Stiftes Admont, auch uber dessen Bibliothek 
und Archiv, urkundliche Mitteilungen aus dem letzteren, dann auch verschiedene 
andere Beitriige zur steiermarkischen Geschichte und Kulturgeschichte. Davon 
seien nur einige grGflere Arbeiten hier genannt: In den Beitragen zur Kunde 
steiermarkischer Geschichtsquellen: »Ober einige Urbare aus dem 14. und 
15. Jahrhundert im Admonter Archive^ (13. Bd. 1876, S. 33—109); »Materialien 
zur Geschichte verschiedener Pfarren und Kirchen in und auBer Steiermark* 
(18. Bd. 1882, S. 1 — 42). In den Mitteilungen des historischen Vereins fur 
Steiermark : »Beitr&ge zu einer Geschichte des Heilwesens, der Volksmedizin, 
der Bader und Heilquellen in Steiermark bis inkl. Jahr 1700* (^. Heft 1885, 
S. 3 — 123); »Zur Musikgeschichte Admonts* (40. Heft 1892, S. 3 — 57). In den 
Blattern des Vereins fur Landeskunde in Nieder6sterreich 1894: »DasBenediktiner- 
stift Admont in seinen Beziehungen zu Nieder6sterreich«. In den Mitteilungen 
der Gesellschaft fiir Salzburger Landeskunde: »Das Benediktinerstift Admont 
und seine Beziehungen zum Erzstifte und Lande Salzburg* (36. Vereinsjahr 
1896, S. 133 — 251). Im 4. Beiheft zum Zentralblatt fiir Bibliothekswesen 
erschien: »Zwei Bucherverzeichnisse des 14. Jahrhunderts in der Admonter 
Siftsbibliothek« (Leipzig 1889). Fiir Sebastian Brunners »Benediktinerbuch« 
(Wiirzburg 1880) schrieb W. die historische Skizze: »Abtei Admont in Steier- 
mark* (S. 40 — 75). 

Vgl. den Nekrolog von P. Florian Kinnast in den Studien und Mitteilungen aus dem 
Benediktinerorden, 25. Jahrg. 1904, S. 429 — 440 mit W.s Portrat. (Gibt ein vollstandiges 
Verzeichnis der in Zeitschriften erschienenen und der im Manuskript hinterlassenen Arbeiten.) 

— Scrip tores O.S.B. qui ifjo — 1880 fuerunt in imperio Austriaco-Hungarico (Vindobonac 
1 881), S. 510. — Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaisertums Osterreich, 55. Teil 
(Wien 1889), S. 216-218. F. Lauchert 

Franzius, Ludwig, Oberbaudirektor, * 1. Marz 1832 zu Wittmund in Han- 
nover, f 23. Juni 1903 in Bremen. — Nach Absolvierung seiner Studien im 
Jahre 1858 zum Wasserbau-Kondukteur und 1864 zum Wasserbau-Inspektor 
in Hannover emannt, war F. in verschiedenen Stellungen tatig, unter denen 
besonders der Auftrag zum Bau der Papenburger Seeschleuse hervorgehoben 
zu werden verdient. Nach Einverleibung Hannovers in Preuflen erfolgte seine 
Berufung als Hilfsarbeiter in das Ministerium der offentlichen Arbeiten und 
als Lehrer an die Bauakademie nach Berlin. Im Jahre 1876 leistete F. der 
wiederholten Einladung Bremens Folge und ubernahm den neu geschaffenen 
Oberbaudirektorposten dieser Stadt. Nun beginnt fiir F. jene groBe, weit 
umfassende Tatigkeit, welche ihn von Erfolg zu Erfolg fuhrte und seinen 
Namen weit uber die Grenzen Deutschlands hinaustrug. »Der rechte Mann 

— sagte Sympher in seinem Nachrufe (s. u.) — fand in Bremen den rechten 
Ort fiir seinen Schaffensdrang.« Hier loste er zunachst eine Reihe grofler 
wasserbautechnischer Fragen, wie die Umgestaltung Bremens zu einem See- 
hafen durch die Korrektion der Unterweser, die Schaffung neuer Hafenanlagen 
in Bremerhaven, die Sicherung der Stadt gegen die verheerenden Hochwasser 



Franzius. Sitte. 



225 



der Weser usw. Auch das staatliche Hochbauwesen unterstand seiner 
Leitung; seine schopferisch tatige Kiinstlernatur iibte hierbei vielfach einen 
bestimmenden Einflufi aus. Zahlreich sind die Gutachten, die F. iiber Kanal- 
bauten, Hafenanlagen und dergleichen abzugeben hatte. F. war iiberdies 
auch schriftstellerisch t&tig; weit bekannt ist seine Mitarbeiterschaft am Hand- 
buch der Ingenieurwissenschaften. 

Aber damit ist die umfangreiche Tatigkeit dieses nimmer rastenden 
Geistes nicht erschopft! Als Mitglied des Hochwasserausschusses, der Akademie 
des Bauwesens und des Reichsgesundheitsamtes stellte F. seine umfassenden 
Kenntnisse bereitwillig in den Dienst seines weiteren Vaterlandes; in den 
Wanderversammlungen des Verbandes deutscher Architekten- und Ingenieur- 
Vereine, bei den internationalen Schiffahrtskongressen war er stets hervor- 
ragend beteiligt. An aufieren Ehren fehlte es ihm nicht; F. war Besitzer 
hoher Orden, der preufiischen grofien goldenen Medaille fiir Verdienste um 
das Bauwesen und der goldenen Pelford-Medaille der Institution of civil En- 
gineers in London; der Architektenverein zu Berlin und der Zentralverein 
fiir Hebung der deutschen Flufi- und Kanalschiffahrt ernannten ihn zu ihrem 
Ehrenmitgliede und die Technische Hochschule zu Berlin verlieh ihm die 
Wurde eines Ehren-Doktor-Ingenieurs. 

Der tuchtige Fachmann war aber auch ein treuer Freund, ein heiterer 
Gesellschafter, ein wohlwollender freundlicher Chef, ein sorgender Vater und 
zartlicher Gatte; Milde und Ernst liegen in dem vornehmen Antlitz, das sein 
Bild zeigt und dessen hohe gefurchte Stirn und scharfblickende Augen den 
Denker und Forscher verkiinden. 

Literatur: Sympher ira »Zentralblatt der Bauverwaltung* 1903, S. 318, mit Bild. 

A. Birk. 

Sitte, Camillo, Regierungsrat, Direktor der Staatsgewerbeschule in Wien, 
* 17. April 1843 in Wien, f 16. November 1903 ebenda. — Eine eigenartige 
Personlichkeit, von machtigem Schonheitsgeflihl, von echt germanischem Geiste, 
voll Freude an allem Grofien und Erhabenen, reich an Idealen, dabei kampfes- 
froh und stets kampfbereit, voll glanzender Beredtsamkeit und nie versagender 
Schlagfertigkeit — so fesselte S. auch jene, die seine Ideen nicht zu den 
ihrigen machen konnten oder denen seine Anschauungen nicht verstandlich 
erschienen. S., Sohn eines Wiener Architekten, hatte die Technische Hoch- 
schule in Wien besucht, Vorlesungen an der Universitat gehort und sich 
durch weite Reisen gebildet. Er war Direktor der Salzburger und spater der 
Wiener Staatsgewerbeschule; aufier dem Titel eines Regierungsrates war ihm 
auch der eiseme Kronenorden III. Klasse verliehen worden. Die Mechitharisten- 
kirche in Wien, die Pfarrkirche und das Rathaus in Privoz, das Jagdhaus in 
Zbirow, viele Zinshauser, Villen und Schulen, die Stadterweiterungsplane von 
Reichenberg, Olmutz und Privoz gehoren zu seinen bedeutendsten kunstle- 
rischen Leistungen. Seine Haupttatigkeit entfaltete er auf dem Gebiete des 
Stadtebaues; sein grofiartiges Werk iiber »den Stadtebau nach kiinstlerischen 
Grundsatzen« wurde ins Franzosische und Englische iibersetzt. Das Werk: 
*Der Stadtebau nach seinen wirtschaftlichen Grundsatzen« blieb leider un- 
vollendet. Die von ihm gegnindete Zeitschrift »Der Stadtebau« erschien erst 
nach seinem Tode. Von seinen anderen schriftstellerischen Arbeiten seien 

BiogT. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 8. Bd, j r 



226 Sitte. Ktihler. Stambke. 

genannt: » Richard Wagner und die deutsche Kunst«, »t)ber dsterreichische 
Bauernmajoliken« und »Neue kirchliche Architektur in Osterreich«. S. war 
ein begeisterter Verehrer Wagners und es war sein Lieblingsthema, die Ober- 
einstimmung zwischen Musik und Baukunst zu erl&utern. Ein Schlaganfall 
entrifl ihn unerwartet seiner vielseitigen schOpferischen T&tigkeit. 

»Zeitschrift des Ostcrreichischen Ingenieur- und Architckten-Vcrcins* 1903, S. 671, mit 
Bild; Schweizerische Bauzeitung 1903, II, S. 249. A. Birk. 

K5hler, Heinrich, Geh. Regierungsrat, Professor an der Technischen Hoch- 
schule in Hannover, * 12. Januar 1830 in Kassel, f 20. Februar 1903 in Han- 
nover. — K. hatte seine Ausbildung im Architekturfache auf der hSheren 
Gewerbeschule und auf der Kunstakademie seiner Vaterstadt erhalten und 
sich dann dem Eisenbahnbau zugewendet. Hier fand er natiirlich nicht die 
Befriedigung, die er suchte, weshalb er gleich vielen jungeren Architekten 
jener Zeit im Jahre 1856 nach Paris ging, welche Stadt damals durch ihre 
kunstlerische Entwicklung, ihre grofien Kunstschatze und durch den Umfang 
und die Bedeutung der in Ausfuhrung begriffenen architektonischen Bauten 
eine machtige Anziehungskraft ausiibte, und zwar um so mehr, als in Deutsch- 
land wenig Regsamkeit auf diesem Gebiete herrschte. K. war viele Jahre 
im Atelier des Architekten Hittorf tatig, der u. a. den ersten modernen Bahn- 
hofsbau — die Empfangshalle des Nordbahnhofs in Paris — ausfuhrte. Im 
Jahre 1863 folgte K. einem Ruf an die Technische Hochschule in Hannover, 
wo er iiber Antike und Renaissance zu lehren hatte. In dieser Stellung ver- 
blieb er bis zu seinem Tode. K.s Aufenthalt in Paris hat seine Kunstauf- 
fassung dauernd beeinflufit; sie hatte mehr oder weniger alles Nationale 
abgestreift und einen weiteren, internationalen Ausblick gewonnen. Gothik 
und deutsche Renaissance blieben ihm ein fremdes Gebiet, w&hrend die 
Antike, namentlich auch mit Berucksichtigung ihrer farbigen Erscheinung, 
und die italienische Renaissance in ihrer klassischen Fassung fur seine prak- 
tische und lehramtliche TStigkeit jederzeit mafigebend waren. K. fdrderte 
auch in erfolgreicher Weise das Kunstgewerbe und begriindete als Vorstands- 
mitglied des Gewerbevereins aus Vereinsmitteln die erste kunstgewerbliche 
Lehranstalt in Hannover. Die Heiterkeit und Giite seines Gemiites erwarben 
ihm zahlreiche Freunde und Verehrer. Veroffentlicht hat K. nur ein einziges 
grOfieres Werk: » Polychrome Meisterwerke der monumentalen Kunst in Italien* ; 
dasselbe — ein Ergebnis seiner Studienreisen in Italien — enth&lt prachtig 
ausgefiihrte farbige Darstellungen italienischer Innenraume. 

Literatur: »Zentralblatt der Bauverwaltung« 1900, S. 36 und 1903, S. 112 mit Bild. 

A. Birk. 

Stambke, Moritz, Geheimer Oberbaurat, * 23. Februar 1830 zu Klein- 
Liibars, f 18. Februar 1903 zu Berlin. — Auch einer der alten Eisenbahn- 
garde, der mit dem Eisenbahnwesen , das er kennen lernte, da es noch in 
der Kindheit sich befand, grofl geworden ist und sich entwickeln konnte — 
einer von denen, die im Eisenbahnwesen lernten, schufen und lehrten. Fast 
28 Jahre lang — von 1853 bis 1881 wirkte St. als Maschinenmeister, Ober- 
maschinenmeister und Direktionsmitglied im Dienste der Bergisch-Markischen 
Eisenbahn; am 19. April 1881 wurde er als Hilfsarbeiter in das Ministerium 



Stambke. Hoffmann. 227 

der offentlichen Arbeiten berufen, wenige Monate sp&ter zum Geheimen Baurat 
und 1887 zum Geheimen Oberbaurat ernannt. So unterstand ihm seit 1881 
die gesamte Eisenbahnmaschinentechnik in Preuflen, die unter seiner Leitung 
eine tiefgehende Ausgestaltung erfuhr; es sei an den Ausbau der Normalien 
fur Betriebsmittel, Wasserstationen, Drehscheiben und Schiebebiihnen erinnert. 

Im Jahre 1895, bei der Neuorganisation des preufiischen Eisenbahnwesens, 
schied St. aus seiner Stellung im Ministerium; 1899 legte er auch sein Amt 
als Vorsitzender der technischen Priifungs- und Ober-Priifungskommission 
nieder. St. war auch Mitglied der Akademie des Bauwesens. Besondere 
Tatigkeit entfaltete er als Mitglied des Vereins deutscher Maschineningenieure. 

Literatur: >Annalen filr Gewerbe und Bauwesenc 1903, 1, S. 105: mit Bild. 

A. Birk 

Hoffmann, Otto, Professor Dr., Schulmann und Herderforscher, * 9. Ok- 
tober 1839 in Berlin, f 21. Mai 1903 in Steglitz. — H. besuchte das Gymnasium 
zum grauen Kloster, studierte dann in Berlin, unterrichtete einige Zeit am 
Gymnasium in Potsdam und ist dann von 1866 bis Ostern 1903, wo er in 
den Ruhestand trat, am Kollnischen Gymnasium in Berlin als Lehrer t&tig 
gewesen. Die in Berlin im Anfang der siebziger Jahre als Folge des plOtz- 
lichen und machtigen Aufschwunges eingetretene Wohnungsnot veranlaflte ihn 
1873 s * c h * n dem nahen Steglitz niederzulassen , dessen damals noch ganz 
landliche Zustande durch den starken Zuflufi stadtischer Bevdlkerung rasch 
verandert wurden. H. hat der Ordnung dieser Verhaltnisse eine lebhafte 
Tatigkeit gewidmet, anfangs oft im Konflikt mit der noch uberwiegend bSuer- 
lichen Gemeindebehflrde, spater als angesehenes Mitglied derselben. Nament- 
lich sei hervorgehoben die Griindung eines Fortbildungsvereins, einer Fort- 
bildungsschule, einer volkstiimlichen Bibliothek und die Anregung zur 
Errichtung einer Realschule. Gegen Ende der achtziger Jahre n6tigte ihn 
Krankheit, seine kommunale und 6ffentliche Tatigkeit einzuschranken, er 
widmete nun seine Mussestunden mehr als bisher literarischen Studien. Er ver- 
tiefte sich in die Literatur des 18. Jahrhunderts und beschaftigte sich besonders 
eingehend mit Herder. Aus diesem Herderstudium sind folgende Schriften her- 
vorgegangen: Herders Briefwechsel mit Nicolai. 1887. — Herder-Funde aus 
Nicolais allgemeiner deutscher Bibliothek. 1888. (Programm des Kollnischen 
Gymnasiums.) — Herders Briefe an Johann Georg Hamann. 1889. — Der 
Wortschatz des jungen Herder, ein lexikalischer Versuch. 1895. (Programm 
des Kollnischen Gymnasiums.) Ferner hat er den 14. und den 32. Band der 
Suphanschen Herderausgabe bearbeitet und war auch noch an dem jetzt im 
Erscheinen begriffenen 33. Schlufibande beteiligt, dessen Nachwort nach der 
Absicht des Herausgebers ein Ehrendenkmal fur seinen Freund und treuesten 
Heifer werden soil. H. hatte sich so vollstandig in Herders Wesen hinein- 
gedacht, dafi er die tiefste Wirkung hervorbrachte, als er bei einem Stiftungs- 
feste der Gesellschaft fur deutsche Literatur eine noch ungedruckte Kanzel- 
rede aus Herders rigischer Zeit nicht vorlas, sondern wirklich predigte, so wie 
ihr Stil und alles, was wir von Herders Art wissen, es fordern. Er gab den 
vollen Eindruck einer lebendigen Reproduktion ohne die geringste Schau- 
spielerei, aus den toten Lettern wehte der starke Odem des Sprechers, nicht 
Schreibers, des »Redners Gottes*. (Mitteilung von Professor Erich Schmidt.) 

i5* 



228 Hoffmann. Goose. 

Auch bei scheinbarer Mikrologie seiner Studien blieb H. stets ein freier Geist, 
er betrachtete die Ergebnisse seiner Arbeit nur als kleine Bausteine und war 
gern bereit, damit die Arbeit anderer zu unterstiitzen. Aufier den vorstehend 
genannten Arbeiten hat H. noch zwei Schulbiicher verdffentlicht, die sich 
durch geschickte Auswahl des Stoffes und durch sachkundige Erkl&rung aus- 
zeichnen : Correspondence de Fridiric le Grand avee Volfaire und Taine, Origines 
de la France contemporaine. (Rengerscher Verlag in Leipzig, erste Auflagen 
1889 u. 1891.) 

Mehr noch als durch seine Schriften wirkte H. durch seine in hohem 
Grade liebenswerte, herzhafte PersSnlichkeit und durch den unversieglichen 
Humor, der ihn auch in den schwersten Priifungen und bei langer schmerz- 
hafter Krankheit nicht verliefl. H. war zugleich musikalisch und poetisch 
begabt. Was er dachte und fiihlte gestaltete sich ihm leicht zu dichterischer 
Form. Seine sangbaren Lieder und die zahlreichen Gedichte, die zum Teil 
scherzhafter Art waren, wlhrend sich in andern tiefes religiOses Gefiihl aus- 
sprach, hat er in bescheidener Auffassung ihres Wertes niemals verdffentlicht, 
sondern nur seinen Freunden zuganglich gemacht. Einige Lieder aus seiner 
Studentenzeit werden in der Landsmannschaft, welcher er damals angehorte, 
noch jetzt allj&hrlich bei grSfleren Festlichkeiten gesungen. 

Paul Goldschmidt. 

Goose, Sophus, Dr., Justizrat, * 30. Juni 1839 in dem oldenburgischen 
St&dtchen Neuenburg, f 14. Mai 1903 in Essen a. Ruhr. — G. studierte zuerst 
in Berlin, dann ging er nach Heidelberg, wo er aufier juristischen auch ge- 
schichtliche Vorlesungen h5rte und sich an Ludwig Haeussers historischen 
Obungen beteiligte. Wahrend der Ferien trieb er in Munchen Kunstgeschichte 
mit Alfred Woltmann, der damals selbst noch Student war, bald aber als 
Kunstforscher und Kunsthistoriker sich einen grofien Namen erwarb. Nachher 
besch&ftigte sich G. in Leipzig und dann wieder in Berlin mit juristischen 
und volkwirtschaftlichen Studien. 

Zwei wissenschaftliche Arbeiten seiner Jugendzeit fanden vielfachen Bei- 
fall. Seine Doktor- Dissertation liber die rechtlichen Wirkungen des Zufalls 
(De casu quaedam observations . Berlin 1866), wurde von ihm auf Iherings Wunsch 
etwas erweitert in deutscher Sprache ausgearbeitet und so in die Jahrbiicher 
fur Dogmatik des Rechts (Februar 1868) aufgenommen. Die zweite Schrift 
ging aus der Praxis des Vorbereitungsdienstes an einem oldenburgischen Ge- 
richtshofe hervor. G. hatte eine Sache zu bearbeiten, in welcher der Richter 
nach dem oldenburgischen Strafgesetz auf Landesverweisung erkennen wollte. 
G. machte indessen geltend, dafi dies nach der eben in Kraft getretenen Ver- 
fassung des norddeutschen Bundes gegen Angehftrige eines anderen Bundes- 
staates nicht zul£ssig sei. Seine Ansicht fand die Zustimmung des obersten 
Gerichtshofes und wurde dann, als G. sie auch in der Offentlichkeit vertrat 
(Holtzendorffs Allgemeine Deutsche Strafrechtszeitung, Juli 1868), von alien 
Seiten als zutreffend anerkannt. Hervorragende Fachm&nner rieten ihm, sich 
ganz der juristischen Wissenschaft zu widmen und sich an einer Universitat zu 
habilitieren. G. aber zog die Praxis vor. Er glaubte, eine mehr praktische 
als wissenschaftliche Begabung zu haben, wollte indessen nicht fur sich selbst 
als Kaufmann t&tig sein, sein Ideal war vielmehr als Beirat grofier kauf- 



Goose. 



229 



minnischer Unternehmungen, gewissermafien, wie er sich ausdriickte, als ihr 
tjuristisches Gewissen* zu wirken. 

Er wurde im Dezember 1868 Anwalt am Amtsgericht Oberstein im olden- 
burgischen Fiirstentum Birkenfeld, Ostern 1870 kehrte er nach Berlin zuruck 
als stellvertretender Direktor der von der New-Yorker Lebensversicherungs- 
Gesellschaft Germania neubegriindeten europaischen Abteilung. Zwei Jahre 
spiter, im April 1872, siedelte G. nach Essen uber, um in die »Prokura« der 
Firma Friedrich Krupp einzutreten. Herr Alfred Krupp wiinschte sich mit 
Rucksicht auf sein Alter und auf den wachsenden Umfang seiner Unter- 
nehmungen von der unmittelbaren Leitung des Geschaftes zuriickzuziehen 
und iibertrug diese einem aus Technikern, Kaufleuten undjuristen bestehenden 
Kollegium, das damals »Prokura«, spater zutreffender »Direktorium« genannt 
wurde. G. ist zehn Jahre lang ein bedeutendes Mitglied dieses Kollegiums 
gewesen. Zunachst handelte es sich um den Ausbau und die Durchfiihrung 
der neuen Einrichtung fiir die Verwaltung der Werke , uqi die Ausarbeitung 
der dazu erforderlichen organisatorischen Bestimmungen und Regulative. Seine 
Einwirkung beschrSnkte sich aber nicht auf das administrative und juristische 
Gebiet, auch an der kaufmannischen Leitung des Unternehmens ist er in 
hervorragender Weise beteiligt gewesen. Namentlich hat er die Verhand- 
lungen uber die Aufnahme einer Anleihe von 30 Millionen Mark, spater iiber 
die Umwandlung dieser Anleihe, ebenso wiederholt die wichtigsten Verhand- 
lungen mit den Regierungen auswartiger Staaten persdnlich gefiihrt. Zeit- 
weilig konnte er wohl als der Mittelpunkt der »Prokura«, als der eigentliche 
Leiter des Unternehmens angesehen werden. Auf Krupps Vorschlag wurde 
er 1877 vom Kaiser durch die Verleihung des Titels Justizrat ausgezeichnet. 
Spater stimmten seine Ansichten nicht ganz mit denen Krupps Uberein, er 
zog sich deshalb etwas zuruck und schied 1882 bei dem Ablauf seines zehn- 
jahrigen Kontraktes aus, um sich als Rechtsanwalt in Essen niederzulassen, 
blieb aber sowohl mit der Familie wie mit dem Geschafte Krupps in naher 
Verbindung. Noch 1890 wurde er von Herrn Krupp, der damals als einziger 
Wahler erster Klasse in seiner Abteilung drei Mitglieder der Stadtverordneten- 
Versammlung zu ernennen hatte, mit einem dieser Mandate betraut. 

Auch als Rechtsanwalt fand G. sehr schnell ein ausgedehntes Arbeitsfeld, 
sein Rat wurde von vielen Seiten in Anspruch genommen, er wurde jetzt in 
der Tat, wie er in der Jugend gewunscht hatte, der Vertrauensmann zahl- 
reicher gewerblicfier Unternehmungen, der Syndikus grofier wirtschaftlicher 
Vereine. 

Schon wahrend seiner Tatigkeit bei Krupp war G. Mitglied der Essener 
Handelskammer geworden und von dieser als ihr Vertreter zu den deutschen 
Handelstagen geschickt worden, war er in den Vorstand des Vereins der 
deutschen Eisen- und Stahlindustriellen, in den Ausschufl des Vereins zur 
Wahrung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen von Rheinland und 
Westfalen gewahlt worden. In diesen und vielen anderen wirtschaftlichen 
Vereinigungen hat er mitgewirkt an den Bemuhungen, die Regierung fiir den 
Cbergang zum Schutzzollsystem zu gewinnen und ist er mit Erfolg fiir eine 
sozialpolitische Gesetzgebung tatig gewesen. 

Der gewinnende Eindruck seiner schlichten und liebenswiirdigen Persdn- 
lichkeit wurde verstarkt durch seine vielseitige fachmannische Erfahrung, durch 



23O Goose. Wittstock. 

rasche Auffassung sowohl kaufm&nnischer und juristischer als auch technischer 
Fragen, durch Klarheit im schriftlichen wie im miindlichen Ausdruck. Sein 
auf seelischer Harmonie beruhender gesunder Humor, die ihm eigene ruhige 
Sachlichkeit machten ihn ebenso zum gewandten Geschaftsmann wie auch 
zum guten Gesellsch after. Allerdings ist er in grdfieren Versammlungen 
niemals als Redner aufgetreten, seine Einwirkung machte sich vornehmlich 
geltend in den Beratungen der Ausschiisse, in der Formulierung von Antragen, 
in den Verhandlungen mit den leitenden M&nnern der einzelnen Parteien. 
Gerade im persfinlichen Verkehr war sie oft von entscheidender Bedeutung. 

Paul Goldschmidt. 

Wittstock, Albert, Pfidagog und Dichter, * 20. August 1837 in Wuster- 
hausen a. d. Dosse (Mark Brandenburg), f 16. Januar 1903 in Leipzig. — Seinen 
Vater, einen Landwirt, verlor er schon im Alter von sechs Jahren. Zwei Jahre 
spater verkaufte dip Mutter ihr Besitztum, zog nach Neuruppin und wurde 
hier in zweiter Ehe die Gattin des Kaufmanns Wirth. Albert absolvierte das 
dortige Gymnasium und stand nun vor der Wahl eines Berufs, die um so 
schwerer war, da er inzwischen auch seine Mutter verloren hatte und die 
Vermdgenslage seines Stiefvaters in bedenkliche Schwankungen geraten war. 
Aber kurz entschlossen ging er nach Berlin, um sich an der dortigen Univer- 
sitat erst theologischen, dann aber vorwiegend philologischen Studien zu 
widmen. Als Frucht der ersteren kann seine grftfiere Dichtung »Golgatha« 
(1859) angesehen werden. Nachdem W. 1859 * n Berlin vor der Priifungs- 
kommission sein Examen als Lehrer an hdheren Schulen bestanden, folgte er 
i860 einem Rufe als Lehrer am deutsch - evangelischen Gymnasium nach 
Oedenburg in Ungarn, wo er ein Jahr blieb, ging dann als Hauslehrer nach 
Wien, wo er auch an Schuselkas »Reform« mitarbeitete und 1862 die »Jahr- 
biicher fur das evangelische Schulwesen in Osterreich« herausgab. Darauf 
kehrte er nach Deutschland zuriick, erwarb sich die Wurde eines Dr. pML 
wirkte zunachst als Gehilfe Gaspeys an dessen englischem Institut in Heidel- 
berg und seit 1865 als Lehrer an einer h5heren Burgerschule in Frankfurt a. M. 
Da zu jener Zeit die neuere Philologie an den deutschen Hochschulen nur 
sehr durftig vertreten war, so fafite W. den Entschlufl, sich hierin tiichtig 
auszubilden, um dann die akademische Laufbahn einzuschlagen. Er ging 
deshalb 1866 als Lehrer an die Institution Internationale in Genf, 1867 nach 
London und 1868 nach Paris, wo er an der Schule St, Thomas d'Aquin wirkte 
und an der Universit&t eingehende Studien der franzosischen Sprache betrieb. 
Bei Ausbruch des deutsch-franzdsischen Krieges kehrte er nach Deutschland 
zuriick, wurde 1870 Rektor in PSfineck inThiiringen und 1872 Schuldirektor 
in Reudnitz bei Leipzig. Trotz seiner groflen Arbeitslast — er hatte mehrere 
Jahre hindurch eine Realschule, eine Volks- und Burgerschule und eine Fort- 
bildungsschule gleichzeitig zu leiten — fand er doch Zeit, seine p&dagogischen 
Erfahrungen in einer Reihe wertvoller Werke und Schulschriften niederzulegen, 
unter denen hervorzuheben sind: »P£dagogische Wanderungen« (1879), »Ge- 
schichte der deutschen Padagogik« (2. Aufl. 1887), »Lessings Erziehung des 
Menschengeschlechts als p&dagogisches System« (1887), »Die Erziehung im 
Sprichwort« (1888), »Die grofie ethische Stromung in unseren Tagen« (1892), 
»Das asthetische Erziehungssystem« (1896), »Erziehungsaufgaben in unserer 



Wittstock. Zastrow. 2 3 1 

Zeit« (1899), »Franz6sische Sprachlehre fiir den formal bildenden UnterrichU 
(2. Aufl. 1883), »Einfuhrung in die englische Sprache« (1878)', » The Ancient 
Classics. Englisches Lesebuch« (1880) u. a. Nebenher gingen dann auch 
einige poetische Arbeiten, wie »Der Turm zu Babel « (Drama 1875), »Die 
Bine* (Idylle a. d. Mark Brandenburg, 1892) und »Reimspruchbuch der deut- 
schen Volksweisheit« (1899). Im Jahre 1888 war W. in den Ruhestand getreten 
and nach Leipzig iibergesiedelt. Der Herzog von Meiningen ehrte ihn 1901 
durch Verleihung des Titels »Hofrat.« Zwei Jahre nach seinem Tode (1905) 
erschienen seine nachgelassenen Gedichte unter dem Titel »Das Hohelied 
der Natur«. 

Personliche Mitteilungen. — Unterhaltungsblatt zum »Kreisblatt ftir das Westhavellandc 
Tom 4. Januar 1885. — Das literarische Leipzig 1897, S. 131. 

Franz Briimmer. 



Zastrow, Karl {rede Hermann), Jugendschriftsteller, * 11. April 1836 in 
Prenzlau, fg. Februar 1903 in Berlin. — Sein Vater, aus dem Milit&rstande 
hervorgegangen, bekleidete spater ein kleines Amt bei der Post. Der talent- 
voile Knabe erhielt den ersten Unterricht in der Garnisonschule zu Prenzlau 
und trat nach seiner Konfirmation eine Beschaftigung in der dortigen Magistrats- 
kanzlei an, wo er sich der besonderen Gunst des bekannten Oberbiirger- 
meisters Grabow zu erfreuen hatte. 1854 trat er als Freiwilliger in das 
2. Garderegiment zu FuB in Berlin ein, wurde nach zwei Jahren Unteroffizier 
und Bataillonsschreiber und arbeitete, um sich fiir die Zahlmeisterlaufbahn 
vorzubereiten, in seinen dienstfreien Stunden beim Rechnungsfiihrer oder er 
nahm Unterricht in den fremden Sprachen und der Mathematik. Infolge 
einiger Gelegenheitsgedichte erfreute er sich des besonderen Interesses der 
Offiziere seines Bataillons und erlangte durch ihre Vermittelung Zutritt in 
manchen gebildeten Kreis. Er horte Vorlesungen iiber Philosophic und 
Geschichte und benutzte auch die KOnigliche Bibliothek in Berlin. Nach 
Beendigung seiner Milit£rdienstzeit hatte er vor, sich dem Lehrfach zu widmen. 
Doch entschlofl sich Z. sp£ter, eine Stellung bei der Niederschlesisch-M&rkischen 
Eisenbahn anzunehmen. 1862 gab er unter dem Titel »Traum und Leben« 
seine Poesien heraus. Das darin enthaltene Marchen »Arthur« bewog einen 
angesehenen Buchhandler Berlins, Z. zur Abfassung eines Marchenbuchs fiir 
die Jugend aufzufordern. Bald erschienen denn auch »Aus der Marchenwelt« 
(1863) un ^ »Ernst und Scherz fiirs Kinderherz« (1865), und damit war sein 
Beruf als Jugendschriftsteller entschieden. An 100 Biicher hat er seitdem fiir 
die Jugend geschrieben. Auflerdem auch Novellen (»Zwei Seelen«, 1868 — 
»Nachtviole«, 1870 — »Schneeglockchen«, 1869), Romane wie (»Mifiverstand- 
nisse«, II, 1873 — "Die Klarinette als Talismann% II, 1874 — »Im graflichen 
Hause«, 1878 — »Leidenschaftliche Herzen«, 1870 — »Ein Familiendrama«, 
1879), Schwanke, Lustspiele und Humoresken flossen aus seiner Feder. In 
seinem Berufe, zuletzt als Eisenbahnbetriebssekretar, war Z. bis zu seinem 
Tode tStig. 

Perstfnliche Mitteilungen. — Adolf Hinrichsen: Das literarische Deutschland, 1891, 
S. 1415. — Wrede und Reinfels: Das geistige Berlin. Bd. I, 1897, S. 584. 

Franz Briimmer. 



232 Schneider. 

Schneider, Wilhelm, Koniglich bayerischer Hofschauspieler und Regissear, 
* 19. September 1847 in St. Petersburg, f 17. Oktober 1903 auf Ludwigshohe 
bei Miinchen. — Sch. war der Sohn eines deutschen Buchhandlers, der, wie 
nicht wenige seiner Berufsgenossen, nach Petersburg verschlagen worden war. 
Als der Vater friih gestorben, kehrte die Mutter in die schlesische Heimat, 
nach Neisse, zuriick. Der junge Sch. zeigte schon auf dem Gymnasium Biihnen- 
talent, noch mehr aber Begeisterung furs Theater und spielte als Gymnasiast 
dem gerade durchreisenden Dawison etwas vor. In Breslau, auf der Universitat, 
ist diese Neigung dann machtig gewachsen und hat endlich zur Entscheidung 
gefiihrt. An Alfred von Wolzogen, den damaligen Intendanten des Schweriner 
Hoftheaters empfohlen, erhielt Sch. dort sein erstes Engagement, nachdem er 
bei Emil Neumann, dem Dramaturgen des Friedrich Wilhelmstadtischen 
Theaters theoretische, auf einem Dilettantentheater Urania praktische Studien 
getrieben hatte, zwei Monate in Liebau (Kurland) gespielt und aus dem 
deutsch-franzftsischen Kriege heil in die Heimat zuriickgekehrt war. In Be- 
nedix' Aschenbrddel betrat er als jugendlicher Liebhaber zum erstenmal die 
Schweriner Hofbiihne. Die dort verlebten sieben Jahre zahlte er zeitlebens 
zu seinen gliicklichsten. Herr von Wolzogen ward ihm ein hochverehrter 
kiinstlerischer Erzieher und Gflnner. Er und sein Schiller muBten aber bald 
erkennen, dafl die imposante Erscheinung Sch.s ihn mehr zum Heldenvater 
geeignet erscheinen lasse, und so machte er denn sehr friih schon (als Leopold 
in Anna-Liese) den Cbergang in dieses Fach, dem er nun treu blieb. Vom 
August 187 1 bis zum 1. Mai 1878 war er in Schwerin glucklich, um dann 
nach einem erfolgreichen Gastspiel als Odoardo in Emilia Galotti und Alba 
(Egmont) nach Miinchen zu ziehen, das er nicht mehr verlassen sollte. Schon 
1881 wurde Sch. zum Regisseur des Hofschauspiels ernannt. Am 20. Mai 1903 
feierte er unter grofien Ehren das Fest seiner 25jahrigen ZugehOrigkeit zum 
Miinchener Hoftheater — als schwerkranker Mann. Von diesem Tage an, 
der ihm viele Aufregungen, wenn auch der freudigsten Art, gebracht hatte, 
ging es schlechter. Ein langerer Urlaub konnte nichts mehr bessern. Am 
28. August desselben Jahres spielte er zum letztenmal den Thoas, am 1. Sep- 
tember trat er ahnungslos zum letztenmal als Stiftsherr in Philippis »Groflem 
Licht« auf — es war sein 4125. Abend — und am 17. schlief er, nachdem 
die Arzte durch alle mSglichen Experimente seinem tiickischen Leiden bei- 
zukommen getrachtet hatten, mit den in Prosa iibersetzten Schluflworten 
seines Wallenstein: »Nun will ich noch ein bischen schlafen!« still und fiir 
immer ein. Seine Freunde hatten schon lange vorher mit Besorgnis den 
rapiden Verfall seiner stattlichen Gestalt, seine immer haufiger auftretenden 
Gedaditnisschwachen, die sich in oftmaligem Versprechen auflerten, mit angst- 
licher Sorge bemerkt. Sch. hatte schon in Schwerin die Schauspielerin Emilie 
Hennies geheiratet und sich spater in LudwigshGhe, einem Vorort Munchens, 
eine Villa gebaut, an der er mit verh&ngnisvoller Freude hing. In seiner 
Doppeleigenschaft als vielbeschaftigter Schauspieler und als Regisseur war 
er immer unterwegs und konnte sich wenig Ruhe gflnnen, und als nun gar 
seine Tochter Elisabeth, sein einziges Kind, zum Theater ging und er es 
glucklich durchgesetzt hatte, dafi sie nach einem Jahre schon von Schwerin, 
wo auch sie debiitiert hatte, ans Miinchener Hoftheater kam, gingen seine 
Sorgen nicht mehr aus: er hatte nun Ehrgeiz fiir zwei und litt unendlich 



Schneider. Bausewein. 233 

outer der natiirlich minder allgemeinen Anerkennung, welche die weit weniger 
begabte Anfangerin an der St&tte seiner T&tigkeit fand. Neben der grdfiten 
Freude, mit seiner Tochter zu spielen, standen hart diese Enttauschungen und 
nur seltene Ruhepausen in seinem geliebten Familienheim. — Sch.war ein iiberaus 
intelligenter und fleifliger Schauspieler. Mit einer wahren Heldenfigur begabt, 
war er eine urdeutsche Erscheinung, eine Eiche, die alle uberragte und schon 
deshalb unwillkurlich imponierte. Mehr von norddeutscher Kiihle, ersetzte 
er, was ihm an fortreiBendem heifiem Kiinstlertemperament mangelte, durch 
uberzeugende Kraft und Bestimmtheit des Ausdrucks, der durch ein prachtiges 
sonores, kaum zu ermiidendes Organ getragen war. Er verdarb nie eine Rolle, 
erfreute selbst in humoristischen Chargen und ist stets eine wahre Stiitze des 
Repertoires gewesen. Seine besten Leistungen waren u. a. : Giitz, Wallenstein, 
Lear, Odoardo Galotti, Verrina, Meister Anton und besonders der ErbfSrster, 
als welcher er noch kurz vor seinem Tode die Freude hatte, sich mit seiner 
Tochter den Berlinern in einem Miinchener Ensemblegastspiel zeigen zu 
kdnnen. 

Biographien Sch. sind in »Ludwig Eisenbergs Biographischem Lexikon der Deutschen 
Bfihnec und im » Theater- Aim an ach der Deutschen BtthnengenossenschafU (16. Jahrgang 1905) 
erschienen. 

Miinchen. Alfred Frhr. v. Mensi. 

Bausewein, Kaspar, Kflniglich bayerischer Hofopern- und KammersSnger, 
* 15. November 1838 zu Aub bei Ochsenfurt in Bayern, f 18. November 1903 
in Miinchen. — B. war der Sohn eines armen Schneiders in dem fr&nkischen 
Stadtchen Aub, und Schneider sollte auch der kleine Kaspar werden. Aber 
er wollte nicht. Er wollte hoch hinaus: er hatte studieren mogen. Schweren 
Herzens schickten ihn die Eltern nach Wiirzburg ins Lehrerseminar, wo er 
gar fleifiig studierte und die besten Anlagen zeigte. Seine musikalischen 
F&higkeiten zogen aber die Aufmerksamkeit des Schulrats Marschall auf ihn, 
und dieser veranlafite ihn, sich in Miinchen von Franz Lachner priifen zu 
lassen. Als mit der ersten Note absolvierter Seminarist, aber blutarmer Teufel 
ging B. zu Lachner, der von seiner Bafistimme so iiberrascht und entziickt 
war, dafi er ihn sofort dem Intendanten des Hof theaters empfahl. B. kam 
so in den Opernchor; er wollte aber Solosanger werden und so ging er zum 
beriihmten Tenor Dr. Hartinger, der sich von der Biihne zuriickgezogen hatte, 
aber als Gesanglehrer sehr gesucht war. Am 1. Oktober 1858 war B. fur die 
Miinchener Oper engagiert worden, und der Sarastro war seine erste Solo- 
rolle. Nun ging es rasch aufwarts. Musikalisch durch und durch, beherrschte 
B. das ganze seriflse und Buffoba&fach, war Meister im Contrapunkt, spielte 
Klavier, Harmonium, Orgel, Cello, Violine und Guitarre und — blieb dabei 
als das niitzlichste Mitglied der Oper mit einer l&cherlich kleinen Gage der 
Miinchener Oper treu bis zum letzten Athemzuge: das Muster eines bescheidenen, 
selbstgeniigsamen und ehrlichen Kunstlers, der keinen Feind hatte und an 
innerem Wert die meisten seiner gefeierten und besser bezahlten Berufsge- 
nossen weit iibertraf. B. war der erste Pogner in den Meistersingern , der 
erste Fafner im Rheingold, der erste Hunding in der Walkiire. Die An- 
strengungen der groflen Wagnerauffiihrungen in den siebziger Jahren trugen 
ihm zwar Ruhm, aber auch eine Stimmbandererkrankung ein, an der er fast 



234 Bausewcin. Stenglein. 

zwei Jahre zu leiden hatte. Er ging nun langsam ins BaBbuffofach liber, 
in dem er bis zuletzt keinen Rivalen hatte und in dem er auch heute nocb 
unersetzt geblieben ist. Ein schOner Charakterkopf auf einer derben guten 
Figur, musterhafte Aussprache, grofies Spieltalent und ein kttstlicher, feiner 
Humor pridestinierten ihn ganz besonders fiir diesen Rollenkreis. B. sprang 
aber, stets hilfsbereit, immer noch in seri6sen Bafirollen ein fiir beurlaubte 
oder kranke Kollegen und begehrte fiir sich niemals einen besonderen Urlaub. 
Sein Biirgermeister in Zar und Zimmermann, sein Basilio im Barbier von 
Sevilla, sein Leporello, Rocco, Kaspar und Marcell waren bis zuletzt einzig. 
In Fra Diavolo nahm er — es war ein trauriges Familienfest — 1900 seinen 
Abschied von der Biihne — nach allgemeinem Urteil viel zu friih. Aber er 
sah fast nichts mehr. Der bekannte Augenarzt Herzog Carl Theodor operierte 
ihn in Tegernsee gliicklich am Staar, und am Tegernsee hatte sich B. auch 
ein kleines LandhSuschen erbaut. Es war ihm nicht lange vergonnt, es im 
Kreise der Seinen zu geniefien: ein schweres Leberleiden rifl diesen Pracht- 
und Kemmenschen rasch auf die Bahre: am 18. November 1903 nahte ihm 
der Tod als Erlftser aus schweren Leiden. Er war lange vorher durch den 
Kammersangertitel und durch die Verleihung der Goldenen Medaille fur 
Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet worden. 

Biographien: in »Ludwig Eisenbergs Biographischem Lexikon der Deutschen Btihnec, im 
16. Jahrgang, 1905, des »Theater-Almanachs der Deutschen BUhnengenossenschaft« und im 
Almanach der KQnigl. Hoftheater in Mttnchen (1904 mit Bild). 

Miinchen. Alfred Frhr. v. Mensi. 

Stenglein, Melchior, Reichsgerichtsrat a. D., *4. Oktober 1825 zu Bam- 
berg, f8. Juli 1903 zu Tegernsee. — In St. verlor die deutsche Strafrechts- 
wissenschaft einen ihrer tiichtigsten und freimiitigsten Vertreter, einen Mann 
von grofiem Scharfsinn nnd von Vielseitigkeit, von einer fast unbegrenzten 
Arbeitskraft und Arbeitsfreude. Sein Vater war der in der Verwaltungskarrtere 
schliefllich zum Regierungsprasident von Oberfranken in Bayreuth empor- 
gestiegene Staatsrat und Exzellenz St., seine Mutter (die er schon im Alter 
von zwei Jahren verlor) eine geb. von Kammerlohr, von der die einzige 
Schwester stammte, verheiratet mit dem Appellationsgerichtsrat von Enhuber. 
Nach zehnjahrigem Witwerstande heiratete der Vater in zweiter Ehe Frei- 
fr&ulein Marie von Egloffstein, die bis zu ihrem Tode im Alter von 92 Jahren 
einen grofien, wohltStigen Einflufl auf den sie kindlich verehrenden Stiefsohn 
ausubte. Der Vater starb 68 Jahre alt. Der Sohn studierte in Heidelberg 
und Wiirzburg die Rechtswissenschaft, trat 1. Mai 1849 in den bayerischen 
Justizdienst, wurde 1854 Staatsanwaltssubstitut, 1857 zweiter Staatsanwalt in 
Passau, 1864 erster in Miinchen, 1868 Appellationsgerichtsrat und vortragender 
Rat im Justizministerium, nahm 1872 seinen Abschied und amtierte bis 1879 
als Rechtsanwalt in Miinchen. Von 1863 bis zum 30. September 1879 gehdrte 
er der bayerischen Abgeordnetenkammer an, und zwar bis 1869 als Mitglied 
der grofldeutschen liberalen Partei, von da an der vereinigten liberalen Partei. 
Er verfaflte den ersten Entwurf des Gesetzes vom 30. Januar 1868 iiber die 
Wehrverfassung, das in Bayern die allgemeine Wehrpflicht einfiihrte und war 
Berichterstatter des Ausschusses iiber das Militarstrafgesetzbuch und die 
Militarstrafgerichtsordnung. Auch war er 1873 bis 1876 Mitglied des Reichs- 



Stenglein. 235 

tags, in dem er der nationalliberalen Partei angeh6rte. Fur die von C. F. Doll- 
mann herausgegebene»Gesetzgebung des Kbnigreichs Bayern seit Maximilian II. « 
gab er in Teil III Bd. I Heft 3 das Gesetz vom 28. Marz 1852 betr. die gewerbs- 
mafligen Gutszertriimmerungen i860 heraus, sowie 1868 in Teil II Bd. V das 
Gesetz vom 30. Januar 1868 betr. die Wehrverfassung und 1870 in Teil I 
Bd. IV Heft 4 das Gesetz vom 23. Februar 1868 betr. die AblSsbarkeit der auf 
Grund und Boden haftenden oder mit einer Gewerbsrealitat verbundenen Ehe- 
haftsverh&ltnisse, sodann einen »Kommentar uber das Strafgesetzbuch fiir 
das Konigreich Bayern und das Gesetz uber die Einfiihrung des Strafgesetz- 
buches und des Polizeistrafgesetzbuches in 2 Teilen«, Munchen 1861 — 62, liefl 
auch von 1862 bis 1879 eine »Zeitschrift fiir die Gerichtspraxis und Rechts- 
wissenschaft in Bayern« erscheinen, um fiir die durch die neue Gesetzgebung 
uber Strafrecht und StrafprozeB hervorgerufenen Fragen einen Sprechsaal zu 
eroffnen. Vorangegangen war eine wertvolle »Sammlung der deutschen Straf- 
gesetzbiicher* in 13 Bandchen, Munchen 1857. Im Jahre 1855 heiratete er in 
Bayreuth Fraulein Emma von Regemann, Tochter des Rittergutsbesitzers und 
Kdniglich bayerischen Hauptmanns a. D. Herrn v. R. und seiner Ehefrau geb. 
Freifraulein Riihle von Lilienstern. Aus dieser sehr gliicklichen Ehe stammen 
zwei Sohne und eine Tochter Marie, seit 1881 verheiratet mit Prof. Dr. Edm. 
Leser in Halle. Vom 1. Oktober 1879 an war er bis Ende 1888 Reichsanwalt 
unter von Seckendorff und Dr. Hermann Tessendorff, dann wurde er 1. Januar 
1889 Reichsgerichtsrat und amtierte bis Ende 1897, trat dann in den Ruhe- 
stand und verlegte seinen Wohnsitz nach Halle. Er iibernahm die Redaktion 
des »Gerichtssaales« von Bd. XLII an und fiihrte sie bis Bd. LXII; selbst 
schrieb er darin die meisten Kritiken mit lebendigster Feder und quellender 
Frische wesentlich vom Boden der sogenannten klassischen Schule aus, doch 
immerhin manchem Neuem grSfites Interesse und Verstandnis entgegen- 
bringend. Von seinen vielen wertvollen Beitr£gen fiir diese Zeitschrift (vgl. 
das Verzeichnis von Dr. jur. Georg Maas, Bibliothekar im Reichsmilit&rgericht 
S. 105 s. h. v.), sei nur der letzte grofle Beitrag genannt »Zur Reform der St. P. 0.« 
in Bd. LXII, 241 — 288, 321 — 361. Daneben war er vielfach tatig bei Heraus- 
gabe der »Deutschen Juristen-Zeitung«, die er mit Prof. Dr. Laband und Rechts- 
anwalt Dr. Staub 1896 gegriindet hatte, in Gutachten fiir die Verhandlungen 
des Deutschen Juristentages (vgl. IX, I 1 — 15, XIV, I 2 89 — 98; XIX, II, 249 — 258; 
XXII, I, 108—122; XXIV, I, 90—106; XXVI, I, 56—62), bei der Zeitschr. f. d. 
ges. StRW. von v. Liszt (vgl. HI, in — 143 Gliicksspiel und Wette, IV, 487 — 498 
Begiinstigung und Beihilfe zur Selbstbefreiung). Nur seine fast unbegrenzte 
Arbeitskraft und seine grosse Arbeitsfreude machten es mciglich, dafl er eine 
Reihe grofier Arbeiten bald aufeinander veroffentlichen konnte, so »Die Straf- 
prozeB -Ordnung fiir das Deutsche Reich vom 1. Februar 1897 nebst dem 
Gerichtsverfassungs-Gesetz vom 27. Januar 1877 und den Einfuhrungsgesetzen 
zu beiden Gesetzen,« NOrdlingen 1885, 2. Aufl. 1889; »Lehrbuch des Deutschen 
Strafprozefirechtes«, Stuttgart 1887; Riidorffs Kommentar zum Strafgesetzbuch 
fur das Deutsche Reich, 3. Aufl. Berlin 1881, 4. Aufl. 1892, Nachtrag 1873; die 
grofle Arbeit »Die strafrechtlichen Nebengesetze des Deutschen Reichs« (mit 
Dr. H. Appelius und Dr. G. Kleinfeller) , Berlin 1893, 2. Aufl. von St. allein 
1895 — 98, 3. Aufl. 1901 — 03; daraus besonders »Die Post-, Bahn- und Tele- 
graphengesetzgebung des Deutschen Reichs«, 2. Aufl. und »Die Reichsgesetze 



236 Stenglein. 

zum Schutz des geistigen und gewerblichen Eigentums«, 3. Aufl.; »Lexikon 
des Deutschen Strafrechts nach den Entscheidungen des Reichsgerichts* in 
2 Banden, Berlin 1900, Nachtrag von Reichsgerichtsrat Galli 1904; »Kommentar 
zur Militarstrafgerichtsordnung vom 1. Dezember 1898 nebst dem Einfiihrungs- 
gesetz, den Nebengesetzen und den Ausfuhrungsvorschriften«, Berlin 1901. In 
juristischen Tagesfragen, die die offentliche Meinung erregten, nahm er frei- 
miitig das Wort — und dies war oft recht scharf, so jugendfrisch, wie es bei 
alteren Leuten nicht haufig angetroffen wird. So konzentrierte sich sein In- 
grimm auf das Institut der Gerichtsherrn im Militarstrafprozefi, fiir ihn ein 
Uberbleibsel der mittelalterlichen Landsknechte; daher auch seine leiden- 
schaftliche Abneigung gegen die Hineinziehung militarischer Gesichtspunkte 
in die Fragen objektiver Gerechtigkeit in mehreren Aufsatzen zum Krosigk- 
prozefi gegen das Verhalten des Generalleutnants von Alten und den Geheimen 
Kriegsrat Cr. Romen, wahrend er dann einen Aufsatz von Dr. A. Briickmann 
ohne weiteres in den »Gerichtssaal« aufnahm und diesem allerdings eine lange 
Entgegnung beifiigte (Bd. 60 S. 13 iff.)- Fur eine weise Beschrankung der An- 
erkennung des Satzes ^ignorantia juris noceH trat er noch kurz vor seinem Tode 
(»Dtsch. Jur.-Ztg.« 1903 S. 330) ein. Neben der Jurisprudenz zog ihn die Ge- 
schichte der neueren Zeit und das Studium der Kunst am meisten an, wie er 
denn in Munchen viele Beziehungen zu befreundeten Kunstlern eifrig pflog. Mit 
dem russischen Hofmaler von Kotzebue war er besonders eng verbunden und 
konnte unter dessen Fiihrung tagelang sich an den Schatzen des Louvre 
ergotzen. Er war ein grofler Naturfreund und machte deshalb ofters Reisen 
in Gemeinschaft mit seiner Gattin, auf denen er von den Strapazen der Schreib- 
tischarbeit sich erholte. Er liefi sein Licht nicht gem vor den Leuten leuchten; 
im Stillen trat er fur die heiligsten Guter der Menschheit ein, wirkte an der 
Spitze eines Vereins zur Bekampfung der Unsittlichkeit; stets hilfsbereit, wuBte 
er doch Grenzen zu ziehen in seiner groflen Herzensgute, so dafi Unwiirdige 
nicht an ihn herankamen. Seine letzten Lebensjahre wurden getriibt durch 
die Fortschritte einer tiickischen Krankheit, der er in Tegernsee erlag. Seine 
Asche ruht in Jena. Seine Verdienste waren geehrt worden seitens der 
Juristenfakultat in Erlangen durch Verleihung des Ehrendoktorats 1893, das 
Comthurkreuz des K. sachs. Albrechtsordens 1892 und den Roten Adlerorden 
II. Kl. mit Eichenlaub 1897. 

Nekrolog von Otto Liebmann (^Deutsche Juristen-Zeitung« 1903 Nr. 15. vom I.August 
mit Bild, auch vor Nr. 17/18). — Gef. Mitteilungen der Witwe und des Herrn Prof. Dr. Edm. 
Leser in Halle. — »Die ersten 25 Jahre des Reichsgerichts* (Sonderheft des Sachsischen Archivs 
fUr Deutsches BUrgerliches Recht). Leipzig 1904. S. 26, 42, 71, 109, 111, 137. — A. Briick- 
mann in der Zeitung »Der Tag« vom 1. Juli 1903. — >Leipziger Tageblatt« (dessen 
treuer Mitarbeiter St. lange Jahre hindurch war) vom 10. Juli 1903. — Dr. Georg Maas, 
die Arbeit des Deutschen Juristentages an der Reform des Strafrechts sett dem Inkrafttreten 
des Reichsstrafgesetzbuchs (Verh. d. 27. J.-T. Ill, 1904, S. 210, 239, 241, 243). — Thomsen, 
Gesamtbericht fUr i860 — 1885, Berlin 1885, S. 125, 129, 131, 157, 160, 162, 165, 166, 
172, 178, 181, 184, 192. — Krit. Vierteljahresschrift XLIV 226—232. — Zarnckes Lit. 
Centralblatt 1902, Sp. 330, 438. — Zeitschr. f. d. ges. Strafrechtswissenschaft XXII, 430. 
— Ktlrschners Literatur-Kalender auf das Jahr 1902, S. 1395. — Zeitschr. f. d. ges. Staats- 
wissenschaft L, 377 (Register fur Bd. 1— 60 1 Beilage zu Bd. 61, S. 60). — Zeitschr. ftir 
Deutsches BUrgerliches Recht und franzosisches Zivilrecht XXXV 126. 

A. Teichmann. 



Starke, von Manteuffel. 



237 



Starke, Wilhelm Gustav Karl, vortragender Rat im Justizministerium 
zu Berlin, * 26. Februar 1824 in Lauban i. Schl., f 10. Marz 1903 zu Berlin, 
Sohn des Geheimen Justiz- und vortragenden Rats St. im Justizministerium 
zu Berlin, besuchte die Universitaten Berlin und Heidelberg, um die Rechts- 
wissenschaften zu studieren, wurde am 21. Marz 1849 Assessor, 7. Marz 1851 
Staatsanwalt in Lauban, 12. Januar 1870 Kammergerichtsrat, 6. Dezember 1873 
Geheimer Justiz- und vortragender Rat im Justizministerium, 24. Dezember 1876 
Geheimer Ober-Justizrat, 1883 juristischerEhrendoktor der Fakultat in G6ttingen, 
feierte 2. Oktober 1893 sein Jubilaum und wurde am 1. Oktober 1896 mit dem 
Charakter als Wirklicher Geheimer Ober-Justizrat, Rat I. Kl. pensioniert Er 
wurde geehrt durch Verleihung des belgischen Leopoldordens (Kommandeur- 
kreuz) 1877, des japanischen Ordens von der »Aufgehenden Sonne« II. Kl. 1882, 
des Komthurkreuzes mit dem Stern des Franz Josefsordens 1883, mehrerer 
preuflischer Orden, zuletzt des Sterns zum Roten Adlerorden II. Kl. mit Eichen- 
laub 1893 und des Kommandeurkreuzes II. Kl. mit Eichenlaub des Ordens 
vom Zah ringer Ldwen und des Sterns zu demselben Orden. Als Dezernent 
und aufieramtlich machte er sich verdient um die Besserungsfiirsorge fiir ent- 
lassene Strafgefangene und das Gefangniswesen. Wertvoll ist sein auf eigenen 
im Lande gemachten Studien beruhendes Werk »Das belgische Gefangnis- 
wesen. Ein Beitrag zu den Vorarbeiten fiir die Gefangnisreform in Preuflen,« 
Berlin 1877. Weniger befriedigt das spatere Werk »Verbrechen und Ver- 
brecher inPreuflen 1854 — 1878. Eine kulturgeschichtliche Studie,« Berlin 1884. 
Unter seiner Leitung nahm das Heimathaus fiir Tttchter hftherer Stande einen 
bedeutenden Aufschwung. Seine Vaterstadt hatte ihn zu ihrem Ehrenburger 
ernannt. 

Gef. Mittcilung aus dem Kgl. PreuB. Justizministerium. — »Norddeutsche Allgemeine 
Zcitung* 1903, Nr. 60 v. 12. Marz. — Gerichtssaal XXX, 232 — 235, XXXVI 388 — 390. 
— Zcitschr. von v. Liszt IV 323 — 24, 391 — 414. — v. Holtzendorff und v. Jagemann, 
H&ndbuch des Gefangniswesens 171, 275; II 380. — Souvenir du III. Congres peniientiaire 
international, Rome 1885 p. 34. A. Teichmann. 

Manteuffel, Rudolf von, General leu tnant, * 4. Juni 181 7 zu Barwalde, 
Kreis Neustettin, f 27. Februar 1903 zu Charlottenburg. — Nach dem Besuch 
des Kadettenkorps wurde M. 1834 dem 30. Infanterie- Regiment iiberwiesen, 
jedoch bereits am 10. Oktober 1836 zum 14. Infanterie-Regiment versetzt, wo 
er 1837 zum Sekondeleu tnant aufriickte. 1846 bis 1850 Adjutant und Rech- 
nungsfuhrer des 2. Bataillons (Bromberg) 14. Land wehr- Regiments wurde er 
1851 Regimentsadjutant und 1852 zum Premierleutnant befSrdert. Zwei Jahre 
spater erhielt M. 1853 ein Kommando als Adjutant zur 8. Infanterie-Brigade, 
wurde 1855 Hauptmann und 1856 als Adjutant zum General -Kommando 
VI. Armeekorps kommandiert. In dieser Stellung wurde M. 1856 dem 22. In- 
fanterie -Regiment aggregiert und 1857 in dieses eingereiht, kam 1858 als 
Kompagniechef in das 10. Infanterie-Regiment und stieg 1859 zum Major auf. 
Bei der Reorganisation der Armee trat er zum 6. kombinierten Infanterie- 
Regiment, dem spateren 1. niederschlesischen Infanterie-Regiment Nr. 46 als 
Bataillonskornmandeur liber, stieg 1864 zum Oberstleutnant auf und ging als 
solcher 1866 gegen Osterreich, wo er an den Gefechten bei Nachod, Skalitz, 
Schweinschadel und Gradlitz sowie an der Schlacht bei KOniggratz teilnahm, 



238 von Manteuffel. Senfft von Pilsacb. 

bis er mit dem Kommando des zur Mainarmee gehttrenden 5. westfalischen 
Infanterie-Regiments Nr. 55 beauftragt wurde. Dieses konnte er noch im 
Gefechte bei Gerchsheim sowie bei der Beschieflung von Wiirzburg komman- 
dieren. 1866 wurde M. zum Oberst befOrdert, erhielt 1868 das Kommando 
des mecklenburgischen Fusilier- Regiments Nr. 90 und bei Ausbruch des 
Krieges gegen Frankreich im Juli 1870 dasjenige der mecklenburgischen 34. In- 
fanterie- Brigade, mit der er sich bei den Einschliefiungen von Metz, Toul 
und Paris, den Gefechten von Dreux, La Madeleine, Bouvet und Bellfime usw., 
in den Schlachten von Orleans, Beaugency und Le Mans vielfach auszeichnete. 
Am 18. Januar 187 1 zum Generalmajor aufgestiegen, mit dem Eisernen Kreuze 
2. und 1. Klasse und vielen anderen Orden geschmiickt, trat M. 1876 zum 
Generalleutnant befflrdert, an die Spitze der 6. Division und wurde 1879 in 
Genehmigung seines Abschiedsgesuches zur Disposition gestellt. 

Nach den Akten. Lorenzen. 

Senfft von Pilsach, Hugo, K6niglich S&chsischer General der Kavallerie 
z. D., * 20. April 1821 zu Dresden, f27- Juni 1903 in Gttnsdorf. — Nach be- 
endigter Erziehung im Dresdener Kadettenkorps wurde S. am 1. Januar 1839 
dem damaligen 2. leichten Reiterregiment »Prinz Johann« zugeteilt, wo er noch 
im selben Jahre das Leutnantspatent erwarb. Von regstem Wissensdurst be- 
seelt, machte er in den Jahren 1846 und 1847 eine grdflere Reise durch das 
siidliche Europa und nach dem Orient, riickte 1849 zum Oberleutnant auf 
und nahm an den Straflenkampfen in seiner Vaterstadt teil. 1852 zum Ritt- 
meister befdrdert, wurde er zur Dienstleistung beim KOnig Johann von Sachsen 
kommandiert und kam i860 als Eskadronschef in das Garde -Reiterregiment. 
In dieser Dienststellung war S. unausgesetzt bemuht die Kavallerie aus den 
schwerfalligen Verhaltnissen des langen Friedensdienstes herauszubringen, 
frischen, frGhlichen Reitergeist zu fGrdern und nach alien Richtungen zu ver- 
treten. Bei der Entwickelung neuer Verhaltnisse wurde S. vielfach zu Rate 
gezogen, 1861 nach Bayern und Osterreich und 1862 nach Ungarn zum An- 
kauf von Remonten geschickt. Durch sein Beispiel reiterlicher Tuchtigkeit 
brachte er in der Tat auch frischeres Leben in die heimische Reiterei und 
konnte 1863, zum Major aufgeriickt, mit seinem Regiment nach Holstein zu 
den Exekutionstruppen kommandiert, die von ihm vertretene, auf rationeller 
Kampagnereiterei beruhende, kriegsmafiige Ausbildung in der Praxis erproben. 
1865 zum Oberstleutnant ernannt, zog er 1866 als Oberst und Kommandeur 
des 2. Reiterregiments an der Seite der Osterreichischen Truppen gegen Preufien 
ins Feld und nahm an dem Gefechte bei Gitschin sowie an der Schlacht bei 
KOniggratz teil. Nach der Ruckkehr in die Heimat gnindete S. den Groflen- 
hainer Parforce-Jagdklub, wurde 1869 Kommandeur der 2. Kavallerie-Brigade 
Nr. 24 und im Januar 1870 Generalmajor. In dieser Stellung zog er 1870 
mit seiner Brigade iiber die franzOsische Grenze und nahm an der Schlacht 
von Gravelotte - St. Privat , dem Reitergefecht bei Busancy, dem Gefecht von 
Nouart, den Schlachten bei Beaumont und Sedan, der Belagerung von Paris, 
an der Schlacht von St. Quentin und vielen Gefechten und Treffen riihm- 
lichsten Anteil. Mit dem Eisernen Kreuz 2. und 1. Klasse dekoriert, wurde 
S. drei Jahre nach der Ruckkehr aus dem Felde 1874 zum Generalleutnant 
und Kommandeur der s&chsischen Kavalleriedivision ernannt und 1887 in 



Senfft von Pilsach. von Nostitz-Drzewiecki. Fuchs von Bimbach. 239 

Genehmigung seines Abschiedsgesuches unter Beforderung zutn General der 
Kavallerie und Stellung a la suite des 2. Husaren-Regiments Kronprinz Friedrich 
Wilhelm desDeutschenReiches und von Preufien Nr. 19 zur Disposition gestellt. 
Nach >Militar-Zeitung«. Lorenzen. 



Nostitz-Drzewiecki, Hans Florian von, Koniglich Sachsischer General- 
leutnant, * 18. August 1837 zu Dippoldiswalde, f 7. Marz 1903 zu Mentone. — 
1854 als Fahnrich beim Garde- Reiterregiment eingetreten, riickte N. noch 
in demselben Jahre zura Leutnant auf, wurde 1862 zum Oberleutnant befordert 
und zum 3. Reiterregiment versetzt bezw. zum Generalstabe kommandiert. 
Im Feldzuge von 1866 focht er an der Seite der Gsterreichischen Truppen 
gegen Preufien und nahm mit Auszeichnung an dem Gefecht bei Gitschin 
sowie an der Schlacht bei Koniggratz teil. Bei der Neuordnung der sach- 
sischen Wehrmacht nach preufiischem Muster wurde N. zum Rittmeister und 
Eskadronschef befordert, focht im Feldzuge von 1870/71 in Frankreich mit 
seiner Truppe in den Schlachten bei Beaumont und Sedan und beteiligte 
sich an der Einschliefiung von Paris. In die heimische Garnison zuruck- 
gekehrt, wurde er 1872 Direktor der Militar-Reitanstalt und riickte 1873 zum 
Major auf. In diesem Dienstgrade wurde N. 1876 mit derFuhrung des Garde- 
Reiterregiments beauftragt, dessen Kommando er 1878 endgtiltig erhielt, in 
welchem Jahre ihm auch ein Patent als Oberstleutnant verliehen wurde. 
Weiterhin avancierte er am 1. April 1887 zum Generalmajor und Komman- 
deur der 2. Kavallerie-Brigade Nr. 24 und wurde 1890 als Generalleutnapt 
zur Disposition gestellt. 

Nach den Akten. Lorenzen. 



Fuchs von Bimbach und Dornheim, Reinhold Frhr., Koniglich Bayerischer 
Kammerer, Generalleutnant a la suite der Bayerischen Armee und Prases der 
Koniglich Preufiischen Artillerie-Priifungskommission, *2i. Mai 1845 zu Wiirz- 
burg, f 27. Juni 1903 zu Charlottenburg. — Nach Besuch der Pagerie in Munchen 
trat F. in die bayerische Artillerie ein und wurde am 25. August 1863 zum 
Unterleutnant im 2. Artillerie-Regiment ernannt. In dieser Dienststellung zog 
er 1866 mit gegen Preufien ins Feld, erhielt 1868 die Oberleutnantssterne und 
nahm in diesem Dienstgrade am Feldzuge von 1870/71 in Frankreich teil, 
wo er sich das Eiserne Kreuz erwarb. Nach Beendigung des Krieges ver- 
blieb er bis 1877 bei seinem Truppenteil, in welchem Jahre F., zum Haupt- 
mann avanciert, in das 2. Fufiartillerie-Regiment kam. 1880 zum Referenten 
bei der Inspektion der Artillerie und des Trains ernannt, wurde er 188 1 zur 
preufiischen Artillerie-Priifungs-Kommission kommandiert und am 10. Juli 1885 
zum Major befordert. 1886 wurde er unter Belassung in seinem Kommando 
nach Preufien etatsmafiiger Stabsoffizier im 1. Fufiartillerie-Regiment vacant 
Bothmer und 1887 a la suite dieses Regiments gestellt, 1888 zum Oberst- 
leutnant, auch 1889 mit dem Range eines Regiments-Kommandeurs bekleidet. 
1891, erhielt F. das Oberstpatent, 1895 den Rang eines Brigadekommandeurs, 
wurde am darauffolgenden 1. April zum Prases der preufiischen Artillerie- 
Prufungs-Kommission ernannt, 1896 zum Generalmajor und 1899 zum General- 



24O Fuchs von Bimbach. von Berenhorst. 

leutnant befordert. — F. war eine hochbedeutende Persflnlichkeit und auf dem 
Gebiete der artilleristischen Wissenschaft eine von alien Seiten rtickhaltlos 
anerkannte Autoritat, ein Mann der goldenen Praxis, der nie der grauen 
Theorie untertan wurde. Beide Waffen, mit denen er zu arbeiten hatte — 
Feldartillerie und Fufiartillerie — sind ihm zu grofiem Dank verpflichtet, denn 
ganz besonders fruchtbringend war seine jahrelange Mitarbeit bei den Ver- 
suchen der Artillerie-Prufungs-Kommission. Mit den grofien Fortschritten der 
artilleristischen Waffentechnik der Neuzeit wird sein Name dauernd verbunden 
sein. An der Neubewaffnung der Feldartillerie mit dem Geschiitz 96 sowie 
mit dem Feldhaubitzmaterial 98 war er hervorragend beteiligt, ebenso bei 
der Ausgestaltung der schweren Feldhaubitze fur die Fussartillerie, durch 
deren Einfiihrung die Verwendung der Fufiartillerie im Feldkriege einen 
mfichtigen Schritt vorwarts getan hat. Mit dem gleichen Verstandnis, welches 
F. den Aufgaben der Artillerie im Feldkriege entgegenbrachte, widmete er 
seine grofie Arbeitskraft der Ausgestaltung der Fufiartillerie fur den Belagerungs- 
und Festungskrieg. Ganz besonderes Interesse hatte der General auch fiir 
die Entwickelung der artilleristischen Sprengstoffe. Auf diesem Gebiet der 
artilleristischen Waffentechnick hat er bis zu seinem Tode mit ganz besonderer 
Hingabe mitgearbeitet — F. war ein uberaus liebenswiirdiger, ritterlicher Mann 
von grofier Herzensglite, der mit strengstem Gerechtigkeitssinn das grftflte 
Wohlwollen fiir seine Untergebenen verband, ein geistvoller Redner, der mit 
wenig Worten stets den Nagel auf den Kopf traf. Sein Andenken wird in 
der deutschen Artillerie fortleben. 

Nach »Militar-Wochenblatt«c. Lorenzen. 



Berenhorst, Adolf von, Generalmajor a. D., herzoglich anhaltischer Ober- 
stallmeister und Kammerherr, *am 6. August 1820 zu Dessau, f am 18. April 1903 
ebenda. — Der Verewigte war ein Nachkomme des Fursten Leopold von 
Anhalt-Dessau und der Tochter des Schultheifien Soldner zu Elrich, spateren 
Ehefrau des fiirstlich anhalt-dessauischen Hof- und Amtsrats Rode. Sein 
Vater, Georg Hans v. B., war herzoglich anhalt-dessauischer Kammerherr und 
Kabinettsrat, sein Grofivater, Sohn des Fursten Leopold, Georg Heinrich v. B., 
herzoglich anhalt-dessauischer Hofmarschall, Schlofihauptmann und President 
der Rechnungskammer. — B. trat im Jahre 1838 als Avantageur in das preufiische 
12. Husarenregiment ein, avancierte hier bis zum Portepeefahnrich, worauf er 
1840 seinen Abschied aus preufiischen Diensten erbat und im anhaltischen 
Bataillon in Dessau als Unterleutnant Dienste nahm. 1846 zum Oberleutnant, 
1848 zum Hauptmann und Kompagniefuhrer und 1850, zunachst unter Bei- 
behaltung der Kompagnie, zum personlichen Adjutanten des Herzogs von 
Anhalt-Dessau-Kothen ernannt, wurde B. spater, unter Belassung in der Stellung 
als Adjutant, seinem Bataillon aggregiert und weiterhin zum Kommandeur 
der anhaltischen Jager-Brigade ernannt. i860 zum Major befordert und 1865 
zum Oberstleutnant aufgestiegen, trat er 1867 in den Verband der preufiischen 
Armee iiber und wurde dem Herzog vonAnhaltals Fludeladjutant iiberwiesen. 
1868 avancierte B. zum Oberst und nahm neun Jahre spater als Generalmajor 
seinen Abschied. 

Nach »Militiir-Zeitung«. Lorenzen. 



Kttbner. 



241 



KSbner, Siegfried Ernst, Chefredakteur der Nationalzeitung. * 15. Juni 
1844 in Breslau, f 6. April 1903 in Berlin. — Uber den Lebensgang und 
die Lebensziele K.s gibt am besten der Selbstnekrolog Auskunft, den er 
in einem verschlossenen Brief e bei der Redaktion der » Nationalzeitung* 
hinterliefi, als er sich am 28. Marz 1903 verabschiedete — unsicher, ob er 
seine Kollegen im Leben wiedersehen werde. 

»Im Begriff, mich einer Operation zu unterziehen, die mOglicherweise 
meinen Tod herbeifuhren kann, mSchte ich ein paar Notizen iiber meinen 
Lebensgang niederschreiben. Der Anfang meiner publizistischen Tatigkeit liegt 
schon so weit zurtick, und ich habe es so wenig geliebt, von mir selbst zu 
sprechen, dafl diese Notizen vielleicht willkommen sein werden. Ich bin am 
15. Juni 1844 in Breslau geboren. Ich verlor meine El tern, als ich kaum 
neun Jahre alt war, und bin in den beschranktesten Verhaltnissen aufge- 
wachsen. So muflte ich das Gymnasium verlassen, bevor ich es ganz durch- 
gemacht hatte, und wurde gegen meinen Willen zum Kaufmann bestimmt; 
aber ich war vom ersten Augenblick an entschlossen, es nicht zu bleiben. 
Die Breslauer Universitatsbibliothek hat damals wohl wenige so eifrige Be- 
nutzer gehabt wie mich. Jahrelang habe ich nur wenige Stunden in der Nacht 
geschlafen und den Rest derselben und jede freie Tagesstunde wissenschaft- 
lich gearbeitet. Ich hatte zuerst die Absicht, sobald ich mich aus dem auf- 
gedrungenen Stande wurde freimachen konnen, Geschichte zu studieren, und 
mein lebhaftes Interesse ist ihr immer zugewandt geblieben. Aber die gewal- 
tige politische Bewegung der ersten sechziger Jahre, der Verfassungsstreit 
und die nationale Frage zogen mich in ihren Bannkreis, und ich entschlofi 
mich, Journalist zu werden um politisch zu wirken. 

Noch in Breslau, dann in Berlin, wohin ich 1865 gekommen" war, wandte 
ich mich neben geschichtlichen Studien staatsrechtlichen und volkswirtschaft- 
lichen zu. Ich hatte es im Besitz von lacherlich geringen Ersparnissen 
gewagt, eine fttr mein Alter gut besoldete kaufmannische Stellung aufzu- 
geben, um ganz diesen Studien leben zu konnen. Daneben hatte ich begon- 
nen, politische Artikel fur die damals in Stettin erscheinende »Oder-Zeitung« 
und fur die noch jetzt eine geachtete Stellung einnehmende »Hildesheimer 
Allgemeine Zeitung« zu schreiben. Dafi sie Anerkennung gefunden, ergab 
sich, als das Jahr 1866 die Annexion Hannovers gebracht hatte: die Besitzer 
des letztgenannten Blattes forderten mich auf, Redakteur desselben zu werden, 
und ich nahm, 22 Jahre alt, an. Hildesheim war der Sitz der scharfsten 
Opposition gegen das Welfenregiment gewesen. Ich kam in einen Kreis 
bedeutender, politisch auf das lebhafteste angeregter Manner. R6mer, das 
spitere Reichstags-, Gerstenberg und G6tting, spatere Landtagsmitglieder 
gehdrten dazu. Es war eine praktische Schule der Politik fur den jungen 
Publizisten. Aber ich kam bald in eine bedeutendere. Im Jahre 1868 wurde 
ich mit 24 Jahren Chefredakteur der »Zeitung fur Norddeutschland« in Han- 
nover. Sie war eines der angesehensten damaligen deutschen Blatter. Ben- 
nigsen hatte die nachsten Beziehungen zu ihr; mit ihm, Miquel und den 
anderen damaligen Fiihrern der friiheren hannoverschen Opposition, der nun- 
mehrigen nationalliberalen Partei, kniipften sich dauernde politische und 
persdnliche Bande. 1872 wurde die »Zeitung fiir Norddeutschland«, um ein 
grdfieres Blatt herzustellen, mit dem bis dahin weniger ausgepragt politischen 

BiogT. Jahrbuch u. Deutschcr Nckrolog. 8. Bd. 1 6 



242 



Kobner. 



»Hannoverschen Courier* vereinigt, und ich blieb Chefredakteur. 1873 wurde 
in Breslau, wo damals der Nationalliberalismus weit iiberwog, aber kein 
eigenes Organ besafi, als solches die »Schlesische Presses begriindet. Mir 
wurde die Leitung angeboten. Ich darf sagen, dafi ich von 1868 bis 1872 
in Hannover im Kampfe gegen das Welfentum mit in der ersten Reihe ge- 
standen habe, als dieser Kampf ein flir die nationale Sache bedeutsamer 
war. In der Presse war ich dort der hauptsachliche Vorkampfer PreuBens 
gegen eine gehassige Feindseligkeit, von der man sich heute keine Vorstellung 
machen kann, darum auch einer der von den Welfen bestgehafiten Manner. 
Diese Gegnerschaft konnte, als der Breslauer Ruf an mich erging, nach der 
Begriindung des Reiches zwar nicht als ausgetilgt — sie besteht ja noch — , 
aber als nicht mehr gefahrlich gelten, und so nahm ich in Breslau an: es 
hatte etwas Verlockendes fur mich, in meiner Vaterstadt politisch zu wirken. 
Indes die »Schlesische Presse« konnte gegen die alten Breslauer Blatter nicht 
aufkommen. Die Tatigkeit war deshalb unbefriedigend, und da man mich 
von Hannover her wiederholt aufforderte, dorthin zuriickzukehren, iibernahm 
ich 1876 (Alexander Meyer wurde in Breslau mein Nachfolger) wieder die 
Leitung des »Hannoverschen Couriers«, die ich bis 1878 dort, dann bis 1880 
von Berlin aus, wohin es mich langst gezogen, fiihrte. Meinungsverschieden- 
heiten mit dem Verlag uber die zollpolitische Wendung von 1879 fiihrten 
zur Trennung. Am 1. April 1881 trat ich in die Redaktion der »National- 
zeitung« ein, deren Leitung in bezug auf die innere Politik mir allmahlich 
immer vollstandiger zufiel, schon bevor ich Chefredakteur wurde. Das geschah 
im Mai 1890. 

Ob ich in dieser nun fast 37 jahrigen Tatigkeit etwas geleistet habe, 
mogen andefe beurteilen. Was ich wollte, war: durch die Presse politisch 
wirken. Ich habe in der grofien Zeit der nationalliberalen Partei publi- 
zistisch ihre Kampfe in der ersten Reihe der gemafiigt liberalen und natio- 
nalliberalen Presse mit durchgefochten. Die Ansichten, zu denen ich mich 
damals bekannte, sind bis heute in allem Wandel des Fraktipnswesens die 
meinigen geblieben. Ich wollte dafiir wirken, dafi der Liberalismus in 
Deutschland mafigebenden Anteil an der Gestaltung des Staatswesens habe. 
Als Mittel dazu habe ich immer die feste Vertretung gemafiigt liberaler 
Prinzipien und die positive Beteiligung des Liberalismus an der Losung 
aller neu auftauchenden Aufgaben (Sozial-, Kolonialpolitik), wie an der Befrie- 
digung aller Staatsnotwendigkeiten (Wehrfragen) betrachtet. Ich habe, als 
die nationalliberale Partei nach meiner Ansicht einen abwartsgehenden Ent- 
wicklungsgang einschlug, mich nicht gescheut, Widerstand zu leisten, wie oft 
ich dadurch auch den Zorn alter Gesinnungsgenossen erregte, so als ich 
auf dem Parteitage von 1896, die seitdem eingetretenen Zustande als Folge 
der damals eingeschlagenen Politik der Schwache vorhersagend, der Fuhrer 
einer kleinen Opposition war, so zuletzt bei dem Antrage Kardorff. Ich habe 
immer geglaubt, durch solche Haltung dem Liberalismus und dem Vater- 
lande zu dienen. Als Leiter der »Nationalzeitung« ist es aufierdem mein 
Bestreben gewesen, inmitten einer traurigen Entwickelung des Prefiwesens 
das Blatt als ein Muster ernster Auffassung der Aufgaben der Presse sowohl 
in politischer wie in allgemein kultureller Hinsicht aufrecht zu erhalten.« 

Dieses »politische Testament^ ist nach K.s Tode durch die ^National- 



Kttbner. 243 

zeitung* verSffentlicht und von vielen Zeitungen abgedruckt worden; wir 
kSnnen zur Vervollst&ndigung seines Charakterbildes nur weniges hinzufiigen. 
Die Lebenst&tigkeit eines Journalisten und Redakteurs geht, auch bei der 
zielbewufitesten Wirksamkeit, £ufierlich naturgemafl so vdllig in der Arbeit 
fiir den einzelnen Tag auf, dafi es kaum mOglich ist, in einer kurzen Lebens- 
skizze einzelnes herauszuheben, um es fiir die Dauer festzuhalten. So ist 
Schillers Ausspruch iiber den Mimen, dem die Nachwelt keine KrSnze flicht, 
auch auf den politischen Tagesschriftsteller anwendbar: auch er mufi geizen 
mit der Gegenwart, den Augenblick, der sein ist, ganz erfiillen. Und w&hrend 
der Schauspieler wenigstens die Genugtuung hat, dafi seine Kunstleistungen 
in engster Verknupfung mit seiner PersOnlichkeit Tausenden offentlich ent- 
gegengebracht und von ihnen bejubelt werden, wird es nur wenigen bekannt, 
wem ein bestimmter politischer Artikel zu verdanken ist; und gar die auf- 
reibende Tatigkeit innerhalb der Redaktion, die Wahrnehmung der Bezie- 
hungen zur eigenen Partei, zu maflgebenden Staatsmannern und Parlamen- 
tariern sowie manches andere, das die Tatigkeit des Chefredakteurs einer 
grofien Zeitung in Anspruch nimmt, bleibt dem Publikum verborgen. K. 
hat dies freilich nie bedauert,. denn neben der Liebe zu den Seinen erfiillte 
ihn lediglich das Bedurfnis, seine Auffassung Sffentlicher Angelegenheiten 
schriftstellerisch zu betatigen und so dem Vaterlande nach bestem Wissen 
und K6nnen, aber ohne jedes Hervordrangen seiner Person, zu dienen. So 
kam es auch, dafi er seine gl£nzende oratorische Begabung nur selten zur 
Geltung brachte; seine poetische Veranlagung, die namentlich in seinen 
jungen Jahren schdne Fruchte zeitigte, haben wohl nur die ihm zunachst 
Stehenden gekannt. 

Fiir seine eigene Person ohne Bediirfnisse, widmete er von friihester 
Jugend bis zu den letzten Lebenstagen seine ganze Zeit der Arbeit und dem 
Studium; Reisen an die See, ins Hochgebirge, nach dem Siiden gewahrten 
ihm die liebste Erholung. Im Friihjahr 1873 fiihrte ihn eine kurze Reise 
nach England, wo ihn Empfehlungen hervorragender deutscher Parlamentarier 
in die Kreise der leitenden Staatsmanner einfiihrten und er Gelegenheit zu 
mancherlei Einblicken in englische Verhaltnisse erhielt. Ein Aufsatz tiber 
Thomas Babington Macaulay, den er 1876 im Juliheft der »Preufiischen Jahr- 
bucher« veroffentlichte, zeigt, wie trefflich er, den das Studium der englischen 
Staatseinrichtungen immer besonders angezogen hatte, den kurzen Aufenthalt 
in England zu niitzen verstand. Sein Essay iiber Macaulay diirfte auch heute 
noch zu dem Besten gehGren, was in Deutschland iiber den grofien eng- 
lischen Staatsmann und Historiker geschrieben worden ist; Macaulays Be- 
handlung Offentlicher Angelegenheiten entsprach so sehr K.s eigener Art, dafi 
die Verbffentlichung dieser Studie ihm selbst zur grofiten Befriedigung 
gereichte. Es ist sehr bedauerlich, dafi die andauernde Inanspruchnahme 
fiir den publizistischen Tagesdienst ihm nicht die Zeit liefi, eine Reihe der- 
artiger groflerer Aufsatze zu verfassen. 

Im Jahre 1873 in seine Vaterstadt Breslau zuriickgekehrt, vermahlte er 
sich 1874 mit einer Tochter Theodor Lobes, der damals als Direktor des 
Wiener Stadttheaters wirkte. Zu der Liebe zum Vaterlande gesellte sich von 
da an die aufopferndste Liebe zu Frau und Kindern. 

Seit 1878 in Berlin wohnhaft, widmete er vom 1. April 1881 ab, also 

16* 



244 



Ktibner. 



genau 22 Jahre lang, der »Nationalzeitung« seine Tatigkeit, und er hat es 
verstanden, den Einflufi dieser hochgeachteten Vertreterin der zugleich national 
und liberal Gesinnten zu wahren und zu mehren. Als die »National- 
zeitung* am 1. April 1898 ihr fiinfzigjahriges Jubilaum feiern konnte, gestal- 
teten sich die persOnlich und schriftlich dargebrachten Gratulationen gleich- 
zeitig zu einer lebhaften und herzlichen Anerkennung der politischen und 
journalistischen Leistungen ihres Chefredakteurs. Allseitig wurde die zugleich 
vornehme und entschiedene Haltung des Blattes gepriesen. Einer der ange- 
sehensten ehemaligen Mitbegriinder der Zeitung schrieb ihrem Leiter: »Ich 
bekenne mich durchaus zu dem gegenwartig von Ihnen eingenommenen 
Standpunkt und bin insbesondere fiir die freimiitige Entschiedenheit dank- 
bar, mit der Sie in den politischen und wirtschaftlichen Fragen das liberale 
Element zu stSrken, das nationale unbedingt festzuhalten bestrebt sind.« Ein 
anderer hochgeachteter Parteigenosse wies darauf hin, wieviel die » National- 
zeitung« mit dem Streben nach sachlicher Behandlung jeder Streitfrage und 
nach Ausscheidung aller persdnlichen Polemik fiir die Erhaltung und Krafti- 
gung nationaler und liberaler Anschauungen in unserem Vaterlande gewirkt 
habe. 

Eine hervorragende, schon bei Beginn seiner journalistischen Laufbahn 
hervortretende Eigenschaft K.s war es, dafi er bei jedem neu auftauchenden 
politischen Problem — mochte es die inneren oder die aufieren Angelegen- 
heiten, kirchliche, militarische oder wirtschaftliche Sachen betreffen — sofort 
den Punkt erkannte und bezeichnete, auf den es ankam, die Frage heraus- 
schalte und scharf formulierte, deren Beantwortung entscheidend war. Die 
Schnelligkeit und Sicherheit, mit der er diese Aufgabe vor der Offentlichkeit 
loste, die Unbestechlichkeit und Tapferkeit, mit der er dabei den Finger auf 
die schlimme Stelle legte, war es auch, was ihm die Aufmerksamkeit und 
Achtung politischer Gegner und die Anerkennung in alien Kreisen der Regie- 
rung sicherte. 

In den politischen VorgSngen des letzten Vierteljahrhunderts hat ihn 
nichts so betriibt, als die in der Sezession zum Ausdruck gekommene Spal- 
tung der nationalliberalen Partei, und bis zuletzt war sein unausge- 
setztes Bemuhen auf eine Verstandigung zwischen den Getrennten gerichtet. 
In diesem Sinne kampfte er gegen den immer zunehmenden Einflufi der 
wirtschaftlichen, materiellen Sonderinteressen auf unser politisches Leben. 
Seine scharfe Verurteilung der agrarischen und hochschutzzSllne- 
rischen Str5mung in der nationalliberalen Fraktion des Reichstags brachte 
ihn zwar eine Zeitlang in Konflikt mit der offiziellen Parteileitung, hat aber 
doch wesentlich dazu beigetragen, dafi die Partei vor einem gefahrlichen 
Abgleiten bewahrt wurde. Die Art aber, in der er fiir das kampfte, was er fiir 
recht und erstrebenswert erkannt hatte, kann wohl nicht besser und schdner 
geschildert werden, als durch Wiedergabe wenigstens eines Teiles der herr- 
lichen Ansprache, welche Staatsminister Hob recht an K.s Grab hielt: »Es ist 
eine weite Gemeinde, welche, durch die so rasche, unerwartete Trennung 
tief erschUttert, heute empfindet, wieviel sie verloren hat. Auch seine Gegner, 
mit denen er lange und oft gestritten, fuhlen heute mit uns. Denn er war 
ein KSmpfer, und der Beruf, dem er sich mit Hingabe aller seiner Kraite 
gewidmet hatte, schafft Gegner. Hier aber, an dieser heiligen Stelle ist aller 



Kobner. Punkes. 245 

Streit um zeitliche Dinge vergessen, hier bleibt fiirwahr das, was im Ange- 
sichte der Ewigkeit Wert hat: die Liebe zu seinen Mitmenschen und das 
Streben nach Wahrheit, und beides hatte der entschlafene Freund in reichem 
Mafle. Nicht nur seine Familie, nicht nur seine unmittelbaren Mitarbeiter 
und nachsten Freunde haben seine Liebe gefunden, nein, die vielen Tausende, 
welche die Frucht seiner unermiidlichen Arbeit taglich empfingen und hin- 
nahmen, sie muflten fiihlen und sie haben gefiihlt, dafi nur ernste, treue, feste 
Liebe zu unserem Vaterland, zu unserem Volk seine Feder leitete. Und auch 
da, wo sein Eifer fur etwas, was er einmal als richtig erkannt hatte, ihnen 
zu heftig erschienen sein sollte, auch da wirkte sie versohnlich. Sein Streben 
nach Wahrheit aber, verbunden mit dem reichen Wissen, das er sich friih 
schon in aufreibenden Entbehrungen und Anstrengungen erworben hat, das 
war es, was all seinen Betrachtungen, seinen Mahnungen, seinen Urteilen 
eine so weit iiber die Grenze, iiber den Kreis der ihm gleich Denkenden 
hinausreichende Wirkung gesichert hat.« 

Am 30. Marz 1903 unterzog K. sich wegen eines alten Bruchleidens 
einer schweren Operation; er ging ihr mit aufierordentlicher Ruhe und Fassung 
entgegen, und kaum war sie glucklich uberstanden, so begannen seine Ge- 
danken und Traume sich wieder seinem Berufe und der Politik zuzuwenden. 
Aber es sollte ihm nicht mehr beschieden sein, seine Tatigkeit wieder auf- 
zunehmen: die Gesundung schien taglich fortzuschreiten, da setzte am Abend 
des 6, April ein plfltzlich eintretender Herzschlag seinem Leben ein allzu 
fruhes Ende. Am Karfreitag, den 10. April, wurde er auf dem alten Fried- 
hof der Zwolfapostelgemeinde unter Beteiligung zahlreicher politischer Freunde, 
hoher Staatsbeamten und hervorragender Schriftsteller beerdigt. In zahllosen 
Nachrufen und Zuschriften ruhmten seine Kollegen, Parteigenossen, die deut- 
sche Presse aller Schattierungen des Heimgegangenen Charakter, Fahigkeiten 
und Verdienste. Minister Mo Her schrieb: »Mit ihm ist einer unserer besten 
und vornehmsten Literaten dahingegangen, dessen geistvolle, auf tiefstem 
Wissen gegriindete Urteile iiber die brennenden Tagesfragen kennen zu lernen, 
mir zum Bediirfnis geworden war.« Auch der Reichskanzler Graf Biilow 
sandte der Gattin K.s — von Italien aus — ein tiefempfundenes Beileids- 
telegramm, das mit den Worten schlofi: »Dem zu friih Dahingeschiedenen, 
in dem die deutsche Publizistik eine hervorragende Kraft verliert, bewahre 
ich aus personlicher Erinnerung ein ehrendes Andenken.« 

Literatur: Thomas Babington Macaulay. Abhandlung von S. E. Kobner in den »Preufii- 
scben Jahrbtichern*, 1876, Juliheft. Uber Kobner enthalten die Nummern 220 bis 231 
der >Nationalzeitung« zahlreiche Nachrufe und Stimmen der Presse, sowie (in Nr. 227) den 
Wortlaut der bei seiner Beerdigung gehaltenen Ansprachen von Pastor Dross und Staats- 
minister Hobrecht. W. Kobner. 

Punkes, Joseph, Professor der Theologie am Lyzeum zu Freising, * 16. Fe- 
bruar 1835 zu Eck bei Isen (Bayern), f 23. Oktober 1903 zu Freising. — P. 
absolvierte die Gymnasialstudien zu Freising, die theologischen Studien zu 
Munchen und wurde am 29. Juni 1859 * n Freising zum Priester geweiht. 
Hierauf wirkte er zunachst mehrere Jahre, 1859—65, in der Seelsorge, als 
Hilfspriester in Wolf ratshausen , Schwabing und Velden. 1863 wurde er Dr. 
theol., 1865 Dozent am Klerikalseminar zu Freising, 1869 Subregens desselben, 



246 Punkes. BrUck. 

12. Oktober 1878 Professor der Moraltheologie am Lyzeum daselbst, als Nach- 
folger Jochams, erzbischftflicher geistlicher Rat; im Herbst 1903, nicht lange 
vor seinem Tode, war er auf sein Ansuchen wegen Krankheit in Ruhestand 
versetzt worden. — Schriften: »Papst Vigilius und der Dreikapitelstreit* (als 
Inauguralschrift, Munchen 1864; im Buchhandel Miinchen 1865); »Freisings 
h6here Lehranstalten zur Heranbildung von Geistlichen in der nachtridentini- 
schen ZeiU (Programm, Freising 1885); »Die Studien-Genossen des k. Ly- 
zeums in Freising von 1834 — 1884, Mit Angabe ihres spateren Lebensberufes 
alphabetisch zusammengestellt« (Munchen 1887). In 2. Auflage gab P. heraus: 
Wilh. Karl Reischl, »Missale, d. i. Mefibuch fur das katholische Kirchenjahr. 
Aus dem romisch-katholischen Missale iibersetzt und herausgegeben. 2. Aufl., 
umgearbeitet und mit den neueren Festen versehen von Jos. Punkes« (Munchen 
1888). 

Vgl. »Augsburger Postzeitungc, 1903, Nr. 240 vom 25. Okt F. Lauchert. 



Briick, Heinrich, Bischof von Mainz, Kirchenhistoriker, *25- Oktober 1831 
zu Bingen, f in der Nacht vom 4./$. November 1903 kurz nach Mitternacht 
zu Mainz. — Zuerst zum Kuferhandwerk bestimmt, das er im Gesch&ft seines 
Vaters erlernte, erwarb sich B. die ganze Gymnasialbildung durch Privat- 
studium unter der Leitung des damaligen Kaplans, spateren Mainzer Pro- 
fessors Dr. Joseph Hirschel und bestand im Friihjahr 185 1 vor der Priifungs- 
kommission in Darmstadt das Maturitatsexamen. Er studierte hierauf 1851 
bis 1855 im Priesterseminar zu Mainz Theologie und empfing, da Bischof von 
Ketteler zur Zeit durch langeren Aufenthalt in Rom verhindert war, mit 
seinen Mitalumnen in Speyer durch Bischof Weis am 30. M£rz 1855 die 
Priesterweihe. Hierauf war er zunachst in der Seelsorge tatig als Kaplan in 
Nieder-Olm. Fur das Lehramt in Aussicht genommen, wurde er zu weiteren 
Studien fur das Wintersemester 1856/57 an die Universitat Munchen gesandt, 
brachte dann einen Teil des Jahres 1857 in Rom zu und wurde im Herbst 
1857 Dozent der Kirchengeschichte am Priesterseminar in Mainz. Am 22. Juli 
1 86 1 wurde er zum Professor der Kirchengeschichte ernannt; 1865 Dr. theoL 
Nach der unfreiwilligen Pause in der Ausiibung des Lehramtes in den Jahren 
1878 — 87, in denen das Seminar geschlossen war, ubernahm er, als dasselbe 
im Herbst 1887 wieder erOffnet wurde, neben der Kirchengeschichte auch die 
Vorlesungen iiber das Kirchenrecht bis 1894. Am 12. September 1888 wurde 
er Geistlicher Rat, am 2. Dezember 1889 Domkapitular. Am 2i..Dezember 
1899 zum Bischof von Mainz gewahlt, wurde er durch papstliches Breve vom 
30. M&rz 1900 best&tigt, im Konsistorium vom 19. April 1900 prakonisiert, am 
20. Mai 1900 durch Erzbischof Norber von Freiburg im Mainzer Dome kon- 
sekriert. — Briicks Hauptwerke sind: „Die oberrheinische Kirchenprovinz von 
ihrer Griindung bis zur Gegenwart, mit besonderer Benicksichtigung des Ver- 
haltnisses der Kirche zur Staatsgewalt« (Mainz 1868); das beliebte, in acht 
Auflagen verbreitete »Lehrbuch der Kirchengeschichte fur akademische Vor- 
lesungen und zum Selbststudium« (Mainz 1874; 8. Aufl. Minister 1902; auch 
ins Franzosische, Englische und Italienische iibersetzt), und sein grofl ange- 
legtes Lebenswerk, die »Geschichte der katholischen Kirche in Deutschland 
im neunzehnten JahrhunderU (bis jetzt Bd. I — IV erschienen, Mainz 1887 — 1901 ; 



Brttck. 247 

Bd. I— III in 2. Aufl. 1902/05; Bd. I geht vom Beginn des 19. Jahrh. bis zu 
den Konkordatsverhandlungen; Bd. II vom Abschlufi der Konkordate bis zur 
Bischofsversammlung in Wurzburg 1848; Bd. Ill von da bis 1870; Bd. IV 
behandelt das Vatikanische Konzil und den sog. Kulturkampf in Preuflen bis 
zur Anknupfung von Verhandlungen mit Rom; "die Verttffentlichung des V., 
bis zur Gegenwart gehenden Schluflbandes, den B. zum grofien Teil noch 
druckfertig hinterliefi, steht bevor; als Sonderausgabe aus dem IV. Bd. er- 
schien: »Die Kulturkampfbewegung in Deutschland, historisch dargestellt*, 
Munster 190 1); ein auf den grundlichsten Quellenstudien aufgebautes Werk, 
das neben den auBeren Ereignissen und den kirchenpolitischen Verhaltnissen 
auch die Geschichte der katholischen Wissenschaft auf theologischem und 
philosophischem Gebiete und des religiosen Lebens eingehend darstellt. Nach 
dem urspriinglichen Plane des Verfassers sollte das grofie Werk nur einen 
Bestandteil einer in gleicher Weise ausgefiihrten umfassenden »Geschichte der 
katholischen Kirche im 19. Jahrhundert« bilden, wie der alien Banden vor- 
gesetzte zweite Titel noch andeutet. Wertvolle Friichte seiner Quellen- 
forschungen zur neueren Kirchengeschichte liegen auch noch in einer Reihe 
von kleineren Arbeiten vor: »Die rarionalistischen Bestrebungen im katho- 
lischen Deutschland, besonders in den drei rheinischen Erzbistumern in der 
zweiten Halfte des achtzehnten Jahrhunderts« (Mainz 1865); »Die Erzbischofs- 
wahl in Freiburg und die badische Regierung« (Mainz 1869; auch im Katho- 
lik 1869, I, S. 179 — 218); »Der religiose Jugendunterricht in Deutschland in 
der zweiten Halfte des funfzehnten Jahrhunderts (Katholik 1876, I, S. 225 
bis 246, 364 — 382); »Das irische Veto« (Mainz 1879); »Studien iiber die Ka- 
tholiken-Emanzipation in Groflbritannien, besonders iiber das sog. irische 
Veto* (Katholik 1879, n > S. 1—36, 113— l 3S> 259—280, 337—366); »Die ge- 
heimen Gesellschaften in Spanien und ihre Stellung zu Kirche und Staat von 
ihrem Eindringen in das K6nigreich bis zum Tode Ferdinands VII.« (Mainz 
1881). Gehaltreich und fiir die Zeitgeschichte wie fur die Geschichte der 
katholischen Wissenschaft wertvoll sind ferner die Lebensbilder, die er seinen 
ihm im Tode vorangegangenen Lehrern und spatern Kollegen und Freunden 
aus der Zahl der hervorragenden Mainzer Theologen pietatvoll gewidmet hat, 
in erster Reihe das Buch iiber die bedeutende PersOnlichkeit des Domdekans 
Lennig (f 1866), dessen Hausgenosse er als junger Professor jahrelang ge- 
wesen war: »Adam Franz Lennig, Generalvikar und Domdekan von Mainz, 
in seinem Leben und Wirken* (Mainz 1870; vorher eine kiirzere Lebensskizze 
desselben im Katholik 1867, I, S. 257 — 302); ferner die Lebenskizzen: » Jo- 
hannes Joseph Hirschel« (Katholik 1885, II, S. 528 — 547); »Dr. Christoph 
Moufang, PSpstl. Hauspr&lat, Domkapitular und Regens des bischOfl. Seminars 
zu Mainz« (Katholik 1890, I, S. 481—493; II, S. 1 — 25); »Dr. J. B. Heinrich, 
Papstl. Hauspralat, Domdekan, Generalvikar der Diozese Mainz und Professor 
der Theologie am bischdfl. Seminar« (Katholik 1891, 1, S. 289 — 307, 403 — 425). 
Von den zahlreichen kirchengeschichtlichen und biographischen Artikeln, die 
B. fiir die 2. Auflage des Kirchen-Lexikons von Wetzer und Welte lieferte, 
seien als groflere Arbeiten hervorgehoben : »Aufklarung« (I, 1605 — 161 5); »Bund, 
Deutscher« (II, 1496 — 1504); »Emser Kongrefi« (IV, 484—496); >Englische 
FrSulein* (IV, 572 — 580); »Gallikanische Freiheiten« (V, 66—72); »Inquisition« 
(VI, 765—783); »Leo X. bis Leo XIII.«, Papste (VII, 1795— 1807); »Pistoja, 



248 Brtick. Samson. 

Synode von« (X, 32 — 41). Unter seinen bischOflichen Hirtenbriefen fand eine 
grofle Verbreitung auch durch den Buchhandel der zur Abwehr einer ge- 
wissen kirchenfeindlichen Schmutzliteratur erlassene: »Die systematische Ver- 
unglimpfung der Sittenlehre des heiligen Alphons von Liguori und des Bufi- 
sakramentes der katholischeft Kirche. Ein Mahn- und HirtenworU (Mainz 
1901). 

VgL J. Schafer, Dr. Heinrich Brtick, Bischof von Mainz. Eine Skizze seines Lebens 
und literarischen SchafTens (Mainz 1904, mit Portrat; auch im »Katholik« 1903, II). — 
Dr. Heinrich Brtick, Bischof von Mainz (1831 — 1903); eine Gedenkschrift (Mainz 1903). 

F. Lauchert. 

Samson, Heinrich, Vikar in Darfeld (Westfalen), Hagiolog und Liturgiker, 
* 1. September 1844 zu Beckum in Westfalen, f 18. November 1903 zu Dar- 
feld. — S. absolvierte 1861 das Gymnasium zu Warendorf, studierte Herbst 
1861 — 1862 Philosophic in Minister, dann 1862 — 1865 Theologie und Rechts- 
wissenschaft in Bonn und ein Semester in Miinchen; im Herbst 1865 ging er 
zu weiteren juristischen Studien nach Berlin und wurde daselbst am 21. August 
1866 zum Dr. Jur. utr. promoviert. Hierauf kehrte er zum Abschlufi seiner 
theologischen Studien nach Miinster zuriick, wo er am 10. Oktober 1868 die 
Priesterweihe empfing. Er iibernahm dann die Stelle eines Erziehers im 
Hause des Geheimrats v. Savigny in Berlin. Am 26. November 1886 wurde 
er Schlofivikar in Darfeld, welche Stelle er bis zu seinem Tode bekleidete. — 
Seine juristische Dissertation: +De personarum et judkiorum ordine ex spcculo 
Saxonico cum eo, qui saeculo XI I L per Guestphaliam vigebat, comparando* (Berlin 
1866). SpSter arbeitete er mit groflem Fleifi und reicher Detailkenntnifl auf 
dem Gebiete der Hagiologie und Liturgik. Seine Hauptwerke sind hier: 
»Die Schutzheiligen. Ein Beitrag zur Heiligenlegende und zur Kultur- und 
Kunstgeschichte« (Paderborn 1889); »Die Heiligen als Kirchenpatrone und 
ihre Auswahl fur die Erzdiozese K6ln und fiir die Bistiimer Miinster, Pader- 
born, Trier, Hildesheim und Osnabriick« (Paderborn 1892); »Die Allerheiligen- 
Litanei, geschichtlich, liturgisch und asketisch erklart« (Paderborn 1894). Als 
Bestandteile der »Frankfurter zeitgemafien Broschiiren* erschienen die Schriften : 
»Die Weihnachtszeit und ihre Feier im Christenvolk« (N. F. IX, 3; Frank- 
furt a. M. 1887); »Die Aposteltage und ihre Feier im christlichen Volke« 
(N.F. XV, 3; Frankfurt a. M. 1894); »Zur Geschichte und Symbolik derGlocken« 
(N. F. XVIII, 11; Frankfurt a. M. 1897). Ferner schrieb S. seit 1889 eine grofle 
Menge von Beitragen zu verschiedenen Zeitschriften (Katholik; Historisch- 
politische Blatter; Der katholische Seelsorger; Pastor bonus \ Theologisch- 
praktische Monatsschrift [Passau]; Theologisch-praktische Quartalschrift [Linz] 
u. a.), von denen als groflere Arbeiten genannt seien: »Allerheiligen und Aller- 
seelen« (Katholik 1889,11, S. 337 — 372); »Die heil. Karwoche und ihre Feier 
im christlichen Volke« (Katholik 1890, I, S. 209 — 243); »Das heilige Oster- 
fest» (Katholik 1890, I, S. 289 — 320); »Die Bedeutung des Sachsenspiegels 
zur Losung kirchlicher und kulturgeschichtlicher Fragen« (Historisch-politische 
Blatter, 112. Bd. 1893, S. 305 — 323). Dazu kommen noch mehrere Andachts- 
biicher: »Die Armen-Seelen-Andacht« (Dulmen 1895); »Fastenzeit und Kar- 
woche« (Steyl 1898); »St. Ludgerus-Buchlein« (Kevelaer 1899); »Heilig-Kreuz- 
Buchleinft (Dulmen 1900); »St. Michaels-Biichlein« (Dulmen 1901); »Christ 



Samson. Rollett. 



249 



ist erstanden!« (Dulmen 1902); »Schutzengel-Biichlein« (Paderborn 1902); 
»Fronleichnams-Buchlein« (Innsbruck 1903). 

Vgl. cLiterar. Handweiserc, 1903, Nr. 788, Sp. 572. — E. Rafimann, Nachrichten von 
dcm Lcben und den Schriften Mttnsterlandischer Schriftsteller, Neue Foige (MUnster 1881), 
S. 182. F. Lauchert. 

Rollett, Alexander, Dr., Professor der Physiologie und Histologic an der 
Universitat Graz, * 14. Juli 1834 zu Baden bei Wien, f 1. Oktober 1903 in 
Graz. — R. entstammt einer alten, bekannten, seit dem Beginne des 17. Jahr- 
hunderts in Baden ans&ssigen Burgerfamilie, deren Stammvater aus Savoyen 
eingewandert war. Groflvater und Vater waren Arzte und in deren Traditionen 
wuchs R. auf. An der Wiener Universitat und am Josefinum h6rte er die 
Vorlesungen von Briicke, Ludwig, Rokitansky, Skoda, Schrotter u. a., war 
einige Zeit engerer Schuler Ungers und arbeitete bereits als Student im La- 
boratorium Briickes, dessen Assistent er im Jahre 1857 wurde. Im darauf- 
folgenden Jahre erwarb er den Doktorsgrad. — In dem Kreise, der sich um 
Briicke und Ludwig scharte, und dem unter anderen Cyon, Setschenow, Becker, 
Kuhne, Preyer, Czermak angehorten, stets von neuem angeregt und eifrig tatig 
wirkte R. als Briickes Assistent bis in den Sommer 1863. In diesem Jahre 
wurde er, eben 29 Jahre alt, auf die ausgezeichneten Empfehlungen Briickes 
und Ludwigs hin unmittelbar zum ordentlichen Professor der Physiologie und 
Histologie an der Grazer Universitat ernannt, die in diesem Jahre durch die 
Errichtung der medizinischen Fakultat vervollstSndigt wurde. Schon ein Jahr 
nach seiner Berufung nach Graz wurde R. zum korrespondierenden und im 
Jahre 187 1 zum wirklichen Mitgliede der kaiserlichen Akademie der Wissen- 
schaften in Wien ernannt. Im darauffolgenden Jahre wurde er zum ersten- 
male zum Rektor der Grazer Universitat gewahlt und bezog das neue, auf 
Grund seiner Plane und VorschlSge erbaute physiologische Institut. Durch 
eine entsprechend hohe Dotation ward es mtfglich, dieses recht vollkommen 
einzurichten und auch weiterhin den mit reichen Hilfsmitteln erbauten und 
eingerichteten Schwesteranstalten einigermafien ebenbiirtig zu erhalten. Im 
Jahre 1875 hatte R. an der glanzenden Veranstaltung der 48. Naturforscher- 
versammlung in Graz als erster Geschaftsfiihrer derselben einen Hauptanteil. 
1876 vermahlte er sich; der Ehe entsprossen sechs Kinder, von denen sich 
ein Sohn und eine Tochter dem Studium der Medizin widmeten. Im Jahre 
1882 ernannte die Societas Medkorum Svecana in Stockholm R. zum korrespon- 
dierenden Mitgliede. Wahrend des zweiten Rektorates im Jahre 1883 — 84 trat 
R. gegen die geplante Wiedererrichtung der Chinirgenschulen und in schwerem 
Kampfe fur die ungeteilte Erhaltung des chemischen Universitatslaboratoriums 
und gegen den abenteuerlichen Plan einer raumlichen Vereinigung von 
Universitat und Technik ein, was die endliche Inangriffnahme und Vollendung 
der Neubauten beider Grazer Hochschulen zur Folge hatte. Ende 1889 er- 
krankte R. schwer an einer Nierenentzundung, die ihn dem Tode nahe brachte. 
Seine kraftige Natur uberwand jedoch den schweren Insult und im Sommer- 
semester 1890 konnte er seine Vorlesungen wieder aufnehmen. 1892 wurde 
er zum korrespondierenden Mitgliede der koniglichen bayrischen Akademie 
der Wissenschaften in Miinchen ernannt. Zur Feier seines dreifiigjahrigen 
Wirkens in Graz bereitete ihm die Universitat eine grofie Ehrung und fiir 



250 



Rollett. 



das Jahr 1894 — 95, in welchem die feierliche Eroffnung des Hauptbaues der 
neuen Universitat stattfand, wurde R., der »Vater der Universit&t«, wiederum 
zum Rektor gewahlt. In dieselbe Zeit fallt auch seine Berufung nach Prag 
an Herings Stelle. Schon 187 1 war R. von Helmholtz als Nachfolger in 
Heidelberg in Aussicht genommen gewesen; als es sich urn die Nachfolger- 
schaft Briickes in Wien handelte, war er auff&lligerweise ubergangen worden. 
Auch die Verhandlungen wegen Prag zerschlugen sich und so blieb R. der 
Grazer medizinischen Fakultat zu ihrer grofien Genugtuung erhalten. Im April 
1 90 1 nahm er als einer der Vertreter der Wiener Akademie der Wissenschaften 
an der ersten Versammlung der internationalen Assoziation der Akademien 
zu Paris teil und, nachdem er schon zuvor fur Mareys Idee der Vereinheit- 
lichung der physiologischen Mefi- und Registrierapparate lebhaft eingetreten 
war, setzte er sich auch dort in der Kommissionssitzung warm dafiir ein. Im 
Jahre 1902 wurde R. zum vierten Male zum Rektor gewahlt. Die bevor- 
stehende Feier seines 70. Geburtstages sollte er nicht mehr erleben. Nach 
kurzer, nicht ganz aufgeklarter Krankheit starb er am Morgen des 1. Oktobers 
1903 an einer hinzugekommenen Lungenentziindung. — 

R.s hervorragender wissenschaftlicher Ruf ist hauptsachlich auf seinen 
zahlreichen Arbeiten zur Physiologie und Histologic des Blutes und der Muskeln 
begriindet. Dazu kommen noch eine Reihe von Arbeiten zur Sinnesphysiologie, 
im besonderen zur physiologischen Optik, die grundlegenden histologischen 
Untersuchungen iiber die Struktur und die Entwicklung des fibrill£ren Binde- 
gewebes und des Hornhautgewebes, die Labdnisen und die Magenschleimhaut, 
die Nervenenden in den Sehnen, die chemischen Arbeiten liber die Eiweifi- 
korper des Bindegewebes und das Kalialbuminat u. a. Ausgezeichnete Be- 
obachtungsgabe, durch Fleifi und Ausdauer erworbene Geschicklichkeit, voile 
Beherrschung der physikalischen und chemischen Utitersuchungsmethoden und 
zielbewuflte experimentelle Technik auf,der einen, klare Fragestellung, strengste 
Selbstkritik und streng logische Schlufifolgerung auf der anderen Seite machten 
R.s wissenschaftliche Arbeiten zu dem, als was sie von Klemensiewicz einmal 
treffend gekennzeichnet worden sind: »Festungen von bombensicherem Ge- 
fiige, aufgerichtet fiir kommende Zeiten als Stutzpunkte fiir die Wissenschaft.« — 

Die Arbeiten iiber das Blut fallen gr5fitenteils in die Zeit von 1861 — 1881, 
Sie erstrecken sich hauptsachlich auf die Untersuchung der Struktur und Zu- 
sammensetzung der roten Blutkorperchen und den Blutfarbstoff. Von be- 
sonderer Bedeutung sind die Arbeiten iiber die Wirkungen von Kondensatorent- 
ladungen auf das Blut geworden, auf welche R. in einer ausgedehnten , fiir 
die Auffassung der komplizierten und vielfach noch der Aufklarung bediirftigen 
Struktur der roten Blutkorperchen wichtigen Untersuchung, in seiner letzten 
Publikation (1900) noch einmal zuriickkam. Am bekanntesten in weiten, 
auch auflerphysiologischen Kreisen ist R. durch seine beiden monographischen 
Arbeiten iiber das Blut, in Hermanns Handbuch der Physiologie und in 
Strickers Gewebelehre, geworden. 

Vierundzwanzig Jahre, 1874 bis 1898 hielten R. fast ausschliefilich seine aus- 
gedehnten Arbeiten zur Histologic und Physiologie der quergestreiften Muskeln, 
besonders der Insektenmuskeln, gefangen. Die histologischen Muskelarbeiten, 
wohl die wertvollste Errungenschaft seiner Forschung, im besonderen die drei 
grundlegenden Veroffentlichungen in den Denkschriften der Wiener Akademie, 



Rollett. 



251 



kdnnen in ihrer ganzen Bedeutung wohl nicht besser gekennzeichnet werden, 
als durch die Worte von G. E. Miiller: »Wir k6nnen uns der Einsicht nicht 
verschlieflen , dafi eine Theorie der Muskelkontraktion, welche sich auf halt- 
bare Anschauungen hinsichtlich der Struktur der Muskelfasern stutzen und 
womdglich sogar neue Gesichtspunkte geben will, sich nicht in Widerspruch 
zu den Resultaten und Anschauungen setzen darf, zu denen R. bei seinen 
Untersuchungen iiber den Bau der quergestreiften Muskelfasern gelangt ist.« 
R.s Erklarung und Nomenklatur des feineren Baues der quergestreiften Muskel- 
faser hat heute bereits in alien bekannteren Lehr- und Schulbuchern der Histo- 
logie Platz gegriffen und die hervorragendsten Histologen, an deren Spitze 
Kolliker und Retzius, haben sich seinen Anschauungen in alien wesentlichen 
Punkten vollinhaltlich angeschlossen. Das Gegenstiick zu den histologischen 
Muskelarbeiten bilden die physiologischen Untersuchungen R.s an den Muskeln, 
in erster Linie an Kafermuskeln, die Feststellung des Vorkommens von »flinken« 
und von >triigen« Muskeln bei verschiedenen Kaferarten und die genaue 
Untersuchung der Eigenschaften derselben. Die zweitgrSfite unter R.s physio- 
logischen Muskelarbeiten stammt aus dem Jahre 1896. Sie behandelt die 
Veranderlichkeit des Zuckungsverlaufes quergestreifter Muskeln bei fortgesetzter 
periodischer Erregung und fiihrt die Begriffe der anpassenden und nicht an- 
passenden Erholung ein. In einer weiteren Untersuchung aus dem Jahre 1898 
werden dann ahnliche Versuche auch an Muskeln von Warmbliitern und vom 
Menschen mitgeteilt. Die wichtigsten Ergebnisse von R.s Muskelarbeiten 
sind von ihm selbst in den beiden mustergliltigen Artikeln »Muskel (physio- 
logisch und histologisch)« in Eulenburgs Realenzyklopadie zusammengestellt. 

Nicht unerwahnt diirfen endlich R.s zahlreiche formvollendete und gehalt- 
reiche Reden und Vortrage bleiben, welche in der Wiener Akademie, in ge- 
lehrten Gesellschaften, als Rektoratsreden und populare Vorlesungen gehalten 
wurden und zum grofien Teile im Druck erschienen sind. 

Aus R.s Schule ist eine Reihe von Forschern hervorgegangen , wie die 
mehr als 200 Arbeiten bezeugen, die in seinem Institute entstanden sind, 
teils von seinen Assistenten und unmittelbaren Schiilern, wie Maly, Ebner, 
Klemensiewicz, Drasch, Heider, Kutschin, Boldyrew, Glax, Laker, H. F. Miiller, 
Srareker, Pregl, Zoth, teils von Arbeitern im Institute, namentlich Russen, 
herriihrend, von denen seinerzeit eine ganze kleine Physiologen-Kolonie in 
Graz lebte. Ein besonderes Merkmal der Schule R.s war die voile Wahrung 
der IndividualitSt jedes einzelnen; R. wirkte durch sein Beispiel anregend, 
befruchtend und belehrend, ohne je einen Schiiler gewaltsam in die Zwangs- 
jacke einer besonderen, nicht von diesem selbst gewahlten Richtung zu stecken. 
So kam es, dafi wir unter R.s Schiilern solche finden, die Histologen ge- 
worden sind, solche die Physiologen, physiologische Chemiker, Zoologen oder 
Pathologen geworden sind. — Der weitere Kreis von R.s Schiilern zahlt 
etwa 3000 Namen, die in den 80 Semestern seiner Lehrtatigkeit seine Vor- 
lesungen und praktischen Kurse mitmachten und nun als praktische Arzte 
hauptsachlich in Steiermark, dann in Siebenbiirgen, Istrien, Dalmatien, Serbien, 
Montenegro, Ungarn usw. tatig sind. 

Ein eifriger Forscher, ein aufopfernder Lehrer, widmete R. sein Konnen 
aber auch in hervorragendem Mafie der Allgemeinheit, seinem Volke. Wo 
es sich um grofiere, der Allgemeinheit dienende Unternehmungen im Lande, 



252 Rollett. 

urn schwierigere, namentlich organisatorische Tfttigkeit handelte, ward viel- 
fach R. entweder in die Leitung berufen oder unmittelbar an die Spitze ge- 
stellt. Auch am politischen Leben nahm er in friiheren Jahren, als es sich 
in Oesterreich noch auf einer hdheren Stufe befand, regen Anteil. Vor all em 
ist sein Wirken im steiermarkischen Landtage, im Grazer Gemeinderate , im 
steiermarkischen Volksbildungsvereine und besonders bei der Organisation 
der Arztekammern hervorzuheben. Die wichtigsten der R. im Laufe seines 
tatenreichen Lebens zuteil gewordenen Ehrungen sind schon erwfihnt worden; 
von der Osterreichischen Regierung erhielt er im Jahre 1882 den Titel eines 
Regierungsrates und im Jahre 1894 den Titel eines Hofrates. 

Klugheit und Milde, inniges Gefiihl und Herzensgiite machten R. zum 
sorgsamsten Familienoberhaupte, zum besten Vorgesetzten, zum giitigen Vater 
fiir alle, die unter seiner Obhut standen; und als Vater verehren ihn seine 
Studenten noch heute. Mut und Entschlossenheit, Tatkraft und Ausdauer, 
Gemeinsinn und Opferwilligkeit, Unbeugsamkeit und Edelsinn bezeugen alle- 
zeit, dafi R. nicht nur ein deutscher Gelehrter, sondern auch ein ganzer, 
freier deutscher Mann gewesen ist. 

Verzeichnis 1 ) von Alexander Rollett* wissenschaftlichen Arbeiten, Rektoratsreden, 
Berichten und Vortragen in wissenschaftlichen und anderen Vereinen. (In chronologischer 
Reihenfolge.) — 1856. Cber freie Enden quergestreifter Muskelfaden im Innern der Muskeln, 
Sitzungsberichte der Wiener Akademie der Wissenschaften, 21. Bd., S. 176. — 1857. Unter- 
suchungen zur naheren Kenntnis des Baues der quergestreiften Muskelfaser. Ebenda, 24. B<L, 
S. 291. — 1858. Untersuchungen Uber die Struktur des Bindegewebes. Ebenda, 30. Bd. — 
1859. Cber das GefUge der Substantia propria corneae. Ebenda, 33. Bd., S. 516. — i860. 
Ober die Eiweiflktfrper des Bindegewebes. Ebenda, 39. Bd., S. 308. — i860. Cber Lttsungs- 
gemenge aus Kalialbuminat. Ebenda, 39. Bd., S. 547. — 1 861. Physiologische Versuche 
liber binokulares Sehen, angestellt mit Hilfe planparalleler Glasplatten. Ebenda, 42. B<L, 
S. 488. — 1 86 1. (Otto Becker und Alexander Rollett) Beitrage zur Lehre vom Sehen der 
dritten Dimension. Ebenda, 43. Bd., S. 667. — 1861. Ein „unanfechtbarer tt Beweis gegen 
die identischen Netzhautstellen. »Wiener med. Wochenschriftc, Nr. 37. — 1861. Zur Kenntnis 
der Verbreitung des Hamatins, Sitzungsberichte der Wiener Akademie der Wissenschaften. 
44. Bd. — 1862. Versuche und Beobachtungen am Blute, nebst kristallographischen und 
optischen Mitteilungen Uber die Blutkristalle von Dr. V. v. Lang. Ebenda, 46. Bd., S. 92. — 
1862. Cber den Pleochroismus der Haminkristalle, nebst einer kurzen Anleitung zur Unter- 
suchung desselben. » Wiener med. Wochenschriftc. — 1862. Die Arbeit durch Muskelkraft 
in ihrer Entstehung. Verein zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse in Wlen. 
— 1862. Physiologic, zusammenfassender Bericht. >Wiener med. JahrbUcherc, 1862. S. 130 
bis 151. — 1863. Cber die Wirkung des Entladungsstromes auf das Blut. Sitzungsberichte 
der Wiener Akademie der Wissenschaften, 47. Bd., S. 356. — 1863. Kurze Mitteilung einiger 
Resultate Uber die FarbstofTkristalle, welche sich unter dem Einflusse von Sauren aus dem 
Blute abscheiden. Ebenda, 47. Bd., S. 223. — 1863. Die Zellenlehre und ihre Reform. 
Verein zur Verbreitung naturwissenschafdicher Kenntnisse. Wien, 26. Janner 1863. — 
1864. Cber die sukzessiven Veranderungen , welche elektrische Schlage an roten Blut- 
korperchen hervorbringen. Sitzungsberichte der Wiener Akademie der Wissenschaften, 50 Bd., 
S. 178. — 1865. Cber die Veranderungen, welche nach einseitiger Durchschneidung des 
Ncrvus trigeminus in der Mundhahle auftreten. Ebenda, 51. Bd. — 1865. Versuche fiber 
tatsachliche und vermeintliche Beziehungen des BlutsauerstofTes. Ebenda, 52. Bd., S. 246. — 
1866. Cber die Anderung der Farben durch den Kontrast. Ebenda, 55. Bd. — 1866. Zur 
Lehre von den Kontrastfarben und dem Abklingen der Farben. Ebenda, 55. Bd. — 1866. 

') Nach der Zusammenstellung von Klemensiewicz. 



Rollett. 



253 



Zur Physiologie der Kontrastfarben. Ebcnda, 55. Bd. — 1869. (Alexander Iwanoff und 
Alexander Rollett) Bemerkungen zur Anatomie der Irisanheftung und des Anulus ciliaris. 
Archiv fttr Ophthalmologic 15, I. — 1870. Cber Zersetzungsbilder der roten Blutkorper. 
Untersuchungen aus dem Institut ftir Physiologie und Histologic in Graz. (Leipzig, Engel- 
mann, Heft 1.) — 1870. Cber die blinddarmfttrmigen Drlisen des Magens. *Zentralblatt 
fttr die med. Wissenschaft.«, Nr. 21 u. 22. — 1871. Von den Bindesubstanzen. Kapitel II 
in Snickers » Handbuch der Lehre von den Geweben des Menschen und der Tierec (erschien 
als i. Heft, 1868.) — 1871. Vom Blut, Kapitel 13. Ebenda (erschien als 2. Heft, 1869.) — 
1871. Cber Elementarteile und Gewebe und deren Unterscheidung. Untersuchungen aus dem 
Institut far Physiologie und Histologic in Graz. Heft 2. — 187 1. Bemerkungen zur Kenntnis 
der Labdrilsen und der Magenschleimhaut Ebenda, Heft 2. — 187 1. Ein kompendioser 
Batterie-Umschalter. Ebenda, Heft 2. — 187 1. Cber die Kontraktilitat der Hornhaut- 
kftrperchen und die Hornhauthohlen. »Zentralblatt fUr die med. Wissenschaft.*, Nr. 13. — 
1871. Cber die Verschiedenheit der menschlichen Augen in Bezug auf Einstellung und An- 
passungsvermtigen fttr verschieden weit entfernte Gegenstande. Mitteil. d. Naturwissen- 
schaftlichen Vereins fttr Steiermark, 2. Bd., 3. Heft, pag. CLXXXII. — 1872. Cber die Horn- 
haut, Strickers Handbuch (wie oben) Kapitel 34, 7. Abschnitt. — 1872. Cber die Erschei- 
nungsformen des Lebens und den beharrlichen Zeugen ihres Zusammenhanges. Feierliche 
Sitzung der kais. Akademie der Wissenschaften in Wien, 15. Juni 1872. — 1872. Cber die 
Bedeutung des Baues des menschlichen Korpers. Naturwissenschaftlicher Verein fttr Steier- 
mark. — 1872. Cber elektrische Fische. Ebenda. — 1872. Cber Entzttndung. Sitzungs- 
berichte des Vereines der Arzte in Steiermark. — 1872. Cber den Einflufi der Natuxwissen- 
schaften auf andere Wissenschaften. Rektoratsrede, 15. November 1872. — 1873. Uber die 
Entwicklung des fibrillaren Bindegewebes. Untersuchungen aus dem Institut fttr Physiologie 
and Histologic in Graz, 3. Heft. — 1873. Cber eine neue Einrichtung der konstanten Zink- 
Kupferkette. Ebenda. — 1873 — 74. Drei Vortrage im Verein der Arzte in Steiermark: Cber 
physiologische Regeneration der Epithelien. — Cber Fleischbrtihe und Fleischextrakt. — 
Cber den Shock. — 1874. Cber die verschiedene Erregbarkeit funktionell verschiedener 
Xervmuskel-Apparate. Sitzungsberichte der Wiener Akademie der Wissenschaften, 70. Bd. 
— 1874. Cber leuchtende Tiere. Vortrag. Mitteilungen des Naturwissenschaftlichen Vereines 
ffir Steiermark. 11. Bd., pag. LVII. — 1875. Cber Puis- und Atembewegungen. Ebenda, 
12. Bd., pag. XLIX. — 1875. ^ D€r die verschiedene Erregbarkeit funktionell verschiedener 
Xervmuskel-Apparate. »Zentralbl. fttr die mediz. Wissenschaft.«c, Nr. 22. — 1875. ^ Der die 
verschiedene Erregbarkeit funktionell verschiedener Nervmuskel-Apparate. 2, Teil. Sitzungs- 
berichte der Wiener Akademie der Wissenschaften, 71. Bd. — 1875. ^ Der die verschiedene 
Erregbarkeit funktionell verschiedener Nervmuskel-Apparate. 3. Teil. Ebenda, 72. Bd. — 1875. 
Zur Geschichte des wissenschaftlichen Lebens in Graz. Rede zur Er5ffnung der 48. Ver- 
sammlung deutscher Naturforscher und Arzte in Graz, am 18. September 1875. — 1876. 
Geschichte der Entdeckung der von den Muskeln und Nerven abzuleitenden elektrischen 
Strome. »Mitteilungen des Naturwissenschaftlichen Vereines fttr Steiermark*, pag. LIX. — 
1876. Bemerkungen ttber das Rheochord als Nebenschliefiung. Sitzungsberichte der Wiener 
Akademie der Wissenschaften, 73. Bd. — 1876. Cber einen Nervenplexus und Nerven- 
cndigungen in einer Sehne. Ebenda, 73. Bd. — 1876. Cber das Verhalten des Blutes zum 
Kaliumhydroxyd mit Rttcksicht auf die forensische Untersuchung von Blutflecken, »Mit- 
teilungen des Vereines der Arzte in Steiermark*. — 1877. Cber die Bedeutung von Newtons 
Konstruktion der Farbenordnungen dttnner Blattchen fttr die Spektraluntersuchung der Inter- 
ferenzfarben. Sitzungsberichte der Wiener Akademie der Wissenschaften, 75. Bd. — 1878. 
Cber die Farben, welche in den Newtonschen Ringsystemen aufeinander folgen. Ebenda, 
77. Bd. — 1880. Physiologie des Blutes und der Blutbewegung. Hermanns Handbuch 
d. Physiologie, 4. Bd. — 188 1. Cber die Wirkung, welche Salze und Zucker auf die roten 
Blutkorperchen ausliben. Sitzungsberichte der Wiener Akademie der Wissenschaften, 84. Bd. — 
1881. Cber ein Polarispektromikroskop , mit Bemerkungen ttber das Spektrumokular. »Zeit- 
schrift fttr Instrumentenkunde«. — 1881. Cber die als Azidalbumine uud Alkalialbuminate 



254 



Rollctt 



bezeichneten Eiweiflderivate. Sitzungsberichte der Wiener Akademie der Wissenschaften, 84. Bd. 

— 1882. Aus dem Zeitalter der Phrenologie, mit besonderen Beziehungen auf Goethes Verkehr 
mit dem Phrenologen Gall. Fleischers ^Deutsche Revue*, 7. Jahrgang, 2. Bd. — 1883. 
Lebensfragen. Rektoratsrede. Graz. (Leuschner und Lubensky.) — 1884. Zur Kenntnis des 
Zuckungsverlaufes quergestreifter Muskeln. Sitzungsberichte der Wiener Akademie der Wissen- 
schaften, 89. Bd. — 1885. Untersuchungen tiber den Bau der quergestreiften Muskelfasem. 

1. Teil. Denkschriften der Wiener Akademie der Wissenschaften, 49. Bd. — 1885. Dasselbe, 

2. Teil. Ebenda, 51. Bd. — 1885. Physiol ogische Bemerkungen tiber den Gedankenleser 
Cumberland. >Mitteilungen des Vereines der Arzte in Steiermarke, 22. Jahrgang. — 1887. 
Beitrage zur Pbysiologie der Muskeln. Denkschrift. der Wiener Akademie der Wissenschaften, 
53. Bd. — 1887. Cber neuere Ergebnisse der Muskelphysiologie. »Mitteilungen des Vereines 
der Arzte in Steiermark*, 24. Jahrgang. — 1888. Muskel (Histologisch und physiologisch). 
Eulenburgs »Realenzyklopadie der gesamten Heilkundec, 2. Aufl. — 1888. Ober die Flossea* 
muskeln des Seepferdchens (Hippocampus antiquorum) und liber Muskelstruktur im allge- 
meinen. »Archiv fUr mikroskopische Anatomiee, 32. Bd. — 1889. Anatomische und physio- 
logische Bemerkungen Uber die Muskeln der Fledermause. Sitzungsberichte der Wiener 
Akademie der Wissenschaften, 98. Bd. — 1889. Quantitative Betrachtungen Uber Blut, Kreis- 
lauf und Atmung. »Mitteilungen des Vereines der Arzte in Steiermark«, 26. Jahrgang. — 
1891. Zur Lehre von der Blutbildung. Ebenda, 28. Jahrgang. — 1891. Versuche uber 
subjektive Farben. »Pfltigers Archive, 49. Bd. — 1891. Untersuchungen Uber Kontraktjon 
und Doppelbrechung der quergestreiften Muskelfasem. Denkschriften der Wiener Akademie 
der Wissenschaften, 58. Bd. — 1891. Uber Wellenbewegung in den Muskeln. »Biologisches 
ZentralblatU, 11. Bd., Nr. 5, 6. — 1891. Ober den Streifen N (Nebenscheiben), das Sarko- 
plasma und die Kontraktion der quergestreiften Muskelfasem. »Archiv flir mikroskopische 
Anatomiec, 37. Bd. — 1892. Cber die Kontraktionswellen und ihre Beziehung zu der Einzel- 
zuckung bei den quergestreiften Muskelfasem. >Pfltigers Archive, 52. Bd. — 1893. Cber 
die Grenzen des Hdrens, in RUcksicht auf die httchsten und tiefsten httrbaren T8ne. >Mit- 
teilungen des Naturwissenschaftlichen Vereines fUr Steiermark*. — 1894, Physiologisches 
und Geographisches tiber das Blut. Ebenda. — 1894. Betrachtungen tiber die Mauserung 
des Blutes. »Mitteilungen des Vereines der Arzte in Steiermark*. — 1894. Cber das Blut 
»Mitteilungen des Naturwissenschaftlichen Vereines ftir Steiermark*. — 1895. Ober das 
Leuchten der Augen. Ebenda (1895 — 1896). — 1895. Ober Zweck und Freiheit des 
akademischen Lebens. Rektoratsrede. — 1895. Amtlicher Bericht tiber die akademische 
Feier aus Anlafl der feierlichen Schluflsteinlegung und ErofFnung des neuen Hauptgebaudes 
der k. k. Karl Franzens-Universitat in Graz am 4. Juni 1895. (Graz, Leuschner und Lubensky, 
1895, im Verlage des Rektorats.) — 1896. Cber die Veranderlichkeit des Zuckungsverlaufes 
quergestreifter Muskeln bei fortgesetzter periodischer Erregung und bei der Erholung nach 
derselben. >Pfltigers Archiv«, 64. Bd. — 1896. Demonstration Rtintgenscher Schattenbilder 
und Erlauterung des Verfahrens. Verein der Arzte in Steiermark. — 1897. Cber Geruch 
und Geschmack. j»Mitteilungen des Naturwissenschaftlichen Vereines ftir Steiermark*. — 
1898. Muskel (histologisch). Eulenburgs »Realenzyklopadie der gesamten Heilkunde*, 
16. Bd. — 1898. Erinnerung an H. F. Mtiller. Verein der Arzte in Steiermark. — 1898. 
Muskel (physiologisch). Eulenburgs »Realenzyklopadie« , 3. Aufl., 8. Bd. — 1898. Zur 
Kenntnis der physiologischen Verschiedenheit der quergestreiften Muskeln der Kalt- und 
Warmbltiter. >Pfltigers Archive, 71. Bd. — 1899. Beitrage zur Physiologie des Geruches, 
des Geschmackes, der Hautsinne und der Sinne im allgemeinen. »Pfltigers Archive, 74 Bd. 

— 1899. Neue Anschauungen auf dem Gebiete der Sinnesphysiologie. Verein der Arzte in 
Steiermark. — 1899. Cber Ermtidung und Erholung. Volksttimlicher Vortrag in Voitsberg. 

— 1900. Die Lokalisation psychischer Vorgange im Gehim (einige historisch-kritische Be- 
merkungen. »Pfltigers Archive, 79. Bd. — 1900. Cber eine Abwehr, die keine ist. Ebenda, 
80. Bd. — 1900. Weitere Bemerkungen Uber die physiologische Verschiedenheit der Muskeln 
der Kalt- und Warmbltiter. »Zentralblatt ftir Physiologie*. — 1900. Zur Erinnerung an 
Franz Unger. Gedachtnisrede bei der Unger-Feier des Naturwissenschaftlichen Vereines ftir 



Rollett. Scheibert von Sch8nberg« 255 

Steiermark am 29. November 1900. — 1900, Elektrische und thermische Einwirkungen auf 
das Blut und die Struktur der roten Blutkbrperchen. , »Pfliigers Archive, 82. Bd. — 1901. 
Uber die Mittel, welche zur Erkennung von Blut dienen. »Mitteilungen des Naturwissen- 
schaftlichen Vereines flir Steiermark«c. — 1901. Die Physiologic. Artikel in: »Das goldene 
Buch des deutschen Volkes an der Jahrhundertwende*, S. 87 und 88. — 1901. Hermann 
v. Helmholtz. Aufsatz in der Grazer »Tagespost«, I. November. — 1901. Entwicklungs- 
lehre und spezifische Sinnes-Energie. Verein der Arzte in Steiermark. — 1902. Die wissen- 
schaftliche Medizin und ihre Widersacher von heute. Rektoratsrede, 4. November. — 

R. Klemensiewicz, Der Physiologe Alexander Rollett, Festrede 1893. Graz, Leykam. 

— R. Klemensiewicz, Alexander Rollett, Gedachtnisrede , gehalten in der Aula bei der 
Rollett-Trauerfeier am 17. Oktober 1903. Mitteil. d. Ver. d. Arzte in Steiermark, 1904, Nr. 1 
(Separatabdruck im Verlage des Verfassers). Mit Portrat. — R. Klemensiewicz, Nachruf fUr 
Alexander Rollett Mit Portrat. 1904. Graz, Verlag des Naturwissenschaftlichen Vereines. — 
Y. v. Ebner, Alexander Rollett. 1903. » Wiener klinische WochenschrifU, Nr. 48. — O. Zoth, 
Zur Erinnerung an Alexander Rollett. »Pflugers Archiv ftir Physiologiec , Bd. 101, 1904. 
Bonn, M. Hager. Mit Portrat. 

Graz. O. Zoth. 

Scheibert, Justus, Major z. D., * 16. Mai 1831 zu Stettin, f 4. Juli 1903 
zu Grofl-Lichterfelde bei Berlin. — Nach bestandener Reifeprlifung an der 
Friedrich Wilhelms-Schule seiner Vaterstadt trat S. 1849 als Einjfihrig-Frei- 
williger bei den Pionieren ein, machte hier, da er aktiver Offizier werden 
wollte, seine Fahnrichspriifung und wurde zur Artillerie- und Ingenieurschule 
kommandiert, nach deren Verlassen er, inzwischen zum Sekondeleutnant be- 
fordert, der 5. Pionierabteilung in Glogau zugeteilt wurde. Nachdem Sch. 
bei dieser Truppe als Adjutant fungiert hatte, kam er 1858 nach Magdeburg, 
i860 nach Silberberg, 1861 nach Neisse und 1862 wiederum nach Glogau 
zum dort stehenden Pionierbataillon. Im Jahre 1863 ging er nach den Ver- 
einigten Staaten, um als Zuschauer im Hauptquartier des Generals Lee den 
Sezessionskrieg mitzumachen, war wahrend des Feldzugs von 1864 gegen 
Danemark im Stabe des Generals von Wrangel tatig, zog 1866 gegen Oster- 
reich und 1870 gegen Frankreich ins Feld. In diesem Kriege wurde S. in 
der Schlacht bei Worth sehr schwer am Unterschenkel verwundet, so dafl er 
erst 1872 wieder in den praktischen Dienst treten konnte. Er kam zunachst 
nach Posen, darauf nach Minden, war wahrend der Jahre 1876 und 1877 In- 
genieur vom Platz in Kiistrin und trat darauf in den Ruhestand. Einen ein- 
gehenden Bericht uber seinen Lebenslauf enthalt das 1902 von ihm heraus- 
gegebene Buch »MitSchwert undFeder«, das Beifall gefunden hat. Nach 
seiner Verabschiedung widmete Sch. sich ganz der Schriftstellerei und gehorte 
als glaubiger Christ und warmer Patriot die letzten achtzehn Jahre seines 
Lebens der Redaktion der Berliner Neuen Preufiischen Kreuzzeitung als 
Mitglied an. Daneben fand er noch Zeit, zahlreiche wertvolle Artikel fur 
andere Zeitschriften, namentlich militarischer Richtung, zu verfassen. 

Nach >Militar-Zeitung«c. Lorenzen. 

SchSnberg, Caspar Friedrich von, Koniglich sachsischer Generalleutnant, 
* 27. April 1826 zu Nieder-Reinsberg in Sachsen, f 13. Marz 1903 zu Dresden. 

— Nach Austritt aus dem sachsischen Kadettenhause in Dresden wurde Sch. 
1845 Leutnant, nahm an den StraBenkampfen von 1849 ^ n der Hauptstadt 



256 von SchCnberg. von Blumenthal. von Oidtman. 

Sachsens teil, wurde 1853 als Oberleutnant in das 3. Reiterregiment versetzt 
und am 31. Januar 1855 zum Adjutanten bei dem Kommando der Kavallerie 
ernannt. Hier avancierte Sch. i860 zum Rittmeister, iibernahm 1861 die 
4. Eskadron des Garde-Reiterregiments und zog mit dieser 1866 gegen Preufien 
ins Feld. Bei Umformung der sachsischen Truppen kam Sch. 1867 als Es- 
kadronschef in das Uianenregiment Nr. 17 und wurde 1868 unter BefSrderung 
zum Major in das 2. Reiterregiment versetzt. Als solcher machte er den 
deutsch-franz6sischen Krieg von 1870/71, und in diesem namentlich die 
Schlachten bei Beaumont und Sedan, die Einschliefiung von Paris, sowie die 
Kampfe bei Villers mit. Nach dem Feldzuge trat er im Jahre 1872 an die 
Spitze des Ulanenregiments Nr. 18, wurde 1874 zum Obersten ernannt und 1880 
mit der Fuhrung der 1. Kavalleriebrigade Nr. 23 beauftragt, deren Kommando 
ihm im folgenden September endgultig iibertragen wurde. 1881 zum General- 
major aufgeriickt, trat Sch. 1883 in den Ruhestand; 1902 erhielt er den Cha- 
rakter als Generalleutnant. 

Nach den Akten. Lorenzen. 

Blumenthal, Louis von, Generalmajor z. D., * 1. August 181 1 zu Gatz im 
Kreise Stolp, f 25. Mai 1903 in Potsdam. — B., ein jiingerer Bruder des 
Feldmarschalls Grafen v. Blumenthal, wurde nach dem Tode seines 1813 an 
den bei Dennewitz erhaltenen Wunden verstorbenen Vaters zunachst von 
seiner Mutter, und alsdann im Kadettenkorps erzogen, aus dem er 1829 als 
Sekondeleutnant in das jetzige Garde -Fiisilierregiment eingestellt wurde. 
1832 — 1835 besuchte er die damalige Allgemeine Kriegsschule, jetzige Kriegs- 
akademie, war 1837 — 1842 als Bataillonsadjutant beim 1. Garde-Landwehr- 
regiment tatig und 1843 — 1846 zur topographischen Abteilung des Grofien 
Generalstabes kommandiert, in welcher Zeit er auch voriibergehend bei der 
8. Pionierabteilung Dienst tat. 1846 riickte B. zum Premierleutnant auf, fuhrte 
wahrend der Jahre 1849 und 1850 eine Kompagnie der Schulabteilung in 
Potsdam, bis er im Juni letzteren Jahres das Hauptmannspatent, und 1857 
als Major das Kommando des 2. Bataillons (Diisseldorf) des 17. Landwehr- 
regiments erhielt. Unterm 1. Juli i860 erfolgte B.s Versetzung als Bataillons- 
kommandeur zum spateren 8. westfalischen Infanterieregiment Nr. 57 und 1861 
seine Beforderung zum Oberstleutnant. 1864 an die Spitze des 6. branden- 
burgischen Infanterieregiments Nr. 52 gestellt, avancierte er am folgenden 
25. Juni zum Obersten. Im Feldzuge von 1866 zog B. mit seinem Regiment 
nach Bohmen, wo er sich insbesondere in den Gefechten bei Nachod, Ska- 
litz und Schweinschadel auszeichnete, wofiir ihm der Kronenorden 2. Klasse 
mit Schwertern verliehen wurde. 1867 zu den Offizieren von der Armee 
versetzt, erhielt B. am 10. August jenes Jahres das Kommando der 26. In- 
fanteriebrigade, wurde 1868 zum Generalmajor befOrdert und im Juni 1869 
zur Disposition gestellt. 

Nach den Akten. Lorenzen. 

Oidtman, Hugo von, General der Infanterie, * 20. August 1835 zu Trier, 
f 22. Marz 1903 zu Sondershausen. — O. trat 1853 in den K6niglichen Dienst, 
und zwar als Avantageur in das 7. Jager-Bataillon ein, avancierte 1854 zum 
Portepeefahnrich und wurde am 10. Marz 1855 Sekondeleutnant Nach dem 



von Oidtman. Mtiiler. 



257 



Besuch der damaligen Allgemeinen Kriegsschule, jetzigen Kriegsakademie, in 
den Jahren 1858 — 1861 erhielt er 1863 die Premierleutnantssterne. Nach 
einem Kommando beim Infanterie-Regiment Nr. 30 in demselben Jahre, nahm 
er 1864 an dem Feldzuge gegen Danemark in Schleswig mit seinem Jager- 
bataillon teil, sich insbesondere bei Missunde, der Erkundung von Sandberg 
sowie bei der Erstiirmung der Diippeler Schanzen auszeichnend. 1865 aber- 
raals zum 30. Infanterie-Regiment kommandiert, blieb er bei Ausbruch des 
Krieges von 1866 zun&chst als Kommandeur der Ersatzkompagnie seines 
Bataillons zuriick, wurde aber bereits am 21. Juni als Kompagniefiihrer in 
das an jenem Tage neuerrichtete 9. Jagerbataillon versetzt, mit dem er noch 
am Mainfeldzuge teilnahm. O.s BefSrderung zum Hauptmann und Kompagnie- 
chef erfolgte am 30. August 1866. Im Feldzuge gegen Frankreich 1870/71 
wurde er in der Schlacht bei Gravelotte schwer verwundet, konnte jedoch 
wieder an der Einschliefiung von Metz, den Schlachten von Orleans, Beau- 
gency und Le Mans teilnehmen, wo er sich so auszeichnete, dafl ihm beide 
Klassen des Eisernen Kreuzes verliehen wurden. Im weiteren fuhrte O. vom 
18. Januar bis 27. Februar 187 1 ein Bataillon des Infanterie-Regiments Nr. 85, 
verblieb dann nach Beendigung des Krieges noch bis 1875 beim Bataillon, 
zu welchem Zeitpunkt er unter Beforderung zum Major zum Oldenburgischen 
2. Infanterie-Regiment Nr. 91 kam. 1880 trat O. als Kommandeur an die 
Spitze des Ostpreuflischen Jagerbataillons Nr. 1, erhielt 1882 das Patent als 
Oberstleutnant und wurde 1884 zumMitglied derGewehr-Priifungs-Kommission 
in Spandau ernannt, zu deren Prases er 1885 unter BefSrderung zum Obersten 
aufriickte. 1889 wurde O. Generalmajor und am darauffolgenden 17. Juni 
Kommandeur der n. Infanterie-Brigade, jedoch bereits 1890 zum Inspekteur 
der Jager und Schiitzen ernannt sowie mit Fiihrung der Geschafte des Kom- 
mandeurs des reitenden Feldjagerkorps beauftragt. 1892 zum Generalleutnant 
und Kommandeur der 8. Division befordert, wurde O. 1895 zur Disposition 
gestellt; 1898 wurde ihm der Charakter als General der Infanterie verliehen. 
Nach den Akten. Lorenzen. 

Muller, Carl Friedrich Wilhelm, * 22. Februar 1830 in Magdeburg, 
t 1. Juni 1903. — M., promoviert 1854 in KOnigsberg, im selben Jahr Probe- 
kandidat in Magdeburg, 1855 Hilfslehrer in Stendal, 1856 ordentlicher Lehrer 
in Konigsberg, 1863 in Landsberg a. W., seit 1864 Professor am Joachirns- 
thalschen Gymnasium in Berlin, von 1872 — 1897 Direktor des Johannes- 
gymnasiums in Breslau, 1896 ordentlicher Honorarprofessor fur klassische 
Philologie ebenda, f 1. Juni 1903. Wer diese trockene Reihe von Daten liest, 
mag denken, dafl es sich um das Leben eines Durchschnittsschulmanns handelt, 
dem, als er alt wird, Freunde an der Universitat das Vergnugen machen ihn 
mit einem ziemlich bedeutungslosen Titel zu iiberraschen. In Wirklichkeit 
stellen unsere Daten ein Stuck Geschichte der klassischen Philologie dar und kein 
erfreuliches — das schwere Ringen eines hervorragenden Gelehrten um eine 
seinen Leistungen entsprechende Stellung und die endlich in spaten Jahren 
erfolgende Anerkennung. M., an der Konigsberger Universitat durch Lobeck 
und Lehrs vorgebildet, hat in friiher Jiinglingszeit schon die Erforschung der 
lateinischen Sprache sich zum Ziel gesetzt, und ehe er dreifiig war, wufiten 
die ihn kannten, dafl er mit seinen Kenntnissen auf diesem Gebiete jedem 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nckrolog-. 8. Bd. I j 



258 Mttllcr. 

andern ebenbiirtig sei. Die Kftnigsberger Fakultat, der das durch Lehrs am 
genauesten bekannt war, schlug ihn schon 1862, dann wieder 1864, als noch 
kein umf&nglicheres Werk von ihm vorlag, fiir eine Professur vor. Aber die 
Hoffnung, ihn so von dem Joch der Arbeit fiir die Schule zu befreien, schlug 
fehl. Zu M.s geistigen Zugen gehOrte aufier eisernem FleiB und durchdringen- 
dem Scharfsinn auch eine unbedingte Offenheit und ein UnabhSngigkeits- 
gefiihl, die fiir ihn jedes Paktieren mit gegnerischen Ansichten unmdglich 
machten und ihn zu mancher Schroffheit verleiteten. So ist es leicht be- 
greiflich, dafi er nicht zu den Giinstlingen des damals sehr einflufireichen 
Moritz Haupt zahlte, begreiflicher aber noch, dafi er — Zeit seines Lebens 
ein entschiedener Anh&nger der Fortschrittspartei — dem Ministerium nicht 
genehm war, mit dessen K6nigsberger Organen er politische Konflikte ohne 
Riicksicht auf die Person durchgefochten hatte. 

Die Aussicht auf die akademische Laufbahn verschlechterte sich nur, als 
1869 M.s erstes Hauptwerk, die • bahnbrechende »Plautinische Prosodie* er- 
schien. Wer auch nur den Umfang dieses mit den 1870 erschienenen Nach- 
tragen 1000 Sei ten umfassenden Werkes ansieht, wird iiber die geistige Kraft 
des mit seiner Schultatigkeit allein fast vollbeladenen Mannes staunen. Die 
wissenschaftliche Bedeutung des Buches aber sichert an sich schon M. fur 
immer einen Platz unter den hervorragenden Latinisten. Zum erstenmal sind 
hier die Geheimnisse der plautinischen Versmessung erschlossen, an denen 
die namhaftesten Philologen bis dahin ihre Krafte vergeblich versucht hatten. 
Und wenn wir heute in Plautus Komddien nicht blofi ein an sich hdchst 
merkwurdiges Literaturdenkmal und eine der wichtigsten Quellen des mo- 
dernen Lustspiels erblicken, sondern gleichzeitig ein Meisterwerk der Vers- 
kunst, so gebiihrt der Dank dafur C F. W. Miiller in erster Reihe. Leider 
ist diese Erkenntnis erst spSt durchgedrungen; anfangs war die sachliche 
Wiirdigung dadurch erschwert, ja unmdglich gemacht, dafi die Annahme der 
M.schen Funde der Todesstofl fiir die Lieblingsideen des damals allmachtigen 
Leipziger Philologen Ritschl gewesen ware. Selbst Haupt, der jetzt, da er 
in M. einen Bundesgenossen gegen Ritschl zu erkennen glaubte, sich ihm 
freundlich zuwandte, konnte ihm bei dieser Sachlage durch seine Empfehlung 
(1874) zu einer Universitatsprofessur nicht verhelfen, und M. mufite froh sein, 
inzwischen (1872) in dem Direktorat des neugegriindeten Breslauer Johannes- 
gymnasiums eine immerhin seiner wiirdigere Stellung zu finden. Diese hat 
er 25 Jahre innegehabt und fiir seine Tatigkeit reichsten Dank seiner Schuler, 
auf die seine menschliche und wissenschaftliche Personlichkeit ihren starken 
Eindruck nicht verfehlte, und w&rmste Anerkennung der Behorden geerntet. 
Auch ihm selbst war diese Stellung von alien, die er an Schulen innegehabt 
hat, zweifellos die genehmste, und nur gegen das Ende hin, als die Schul- 
reform ihren Druck auf die Anstalt und ihre Leistungen ausiibte und das 
Aktenwesen iiberhand zu nehmen anfing, empfand er die Unannehmlichkeiten 
des Schulamts fiir einen wissenschaftlich Arbeitenden wieder sehr lebhaft 
So nahm er 1897 nach dem Jubilaum der Anstalt, das ja auch das seines 
Direktorates war, um so lieber seinen Abschied, als ein Jahr vorher ihm endlich 
zuteil geworden war, was ihm ein langes Leben hindurch als Ziel vorge- 
schwebt hatte: der akademische Lehrstuhl. Seit 1890 etwa konnte der Erfolg 
der »plautinischen Prosodie« als entschieden gelten, und schon seit 1876 



Mttller. Rimpau. 259 

hatte das zweite Hauptwerk M.s, das sich von vornherein allseitiger Aner- 
kennung erfreuen durfte, zu erscheinen begonnen: eine Gesamtausgabe Ciceros 
nebst Kommentaren zu einzelnen Schriften {Laelius 1876, de officii* 1882, 
die Gesamtausgabe in acht Binden von 1880 bis 1898), M.s Textgestaltung 
ist nicht nur heute die maflgebende, sondern wird es im ganzen auch auf 
lange hinaus bleiben; was er dem Text an sprachlichen Bemerkungen bei- 
gegeben hat, zeigt ebensoviel Kenntnis der lateinischen Sprachdenkmaler 
aller Zeiten und aller Schichten wie F&higkeit dem fremden Idiom auch seine 
feinsten Nuancen nachzufuhlen. Die entsprechende Anerkennung war die 
ordentliche Honorarprofessur in der philosophischen Fakultat der Universitat 
Breslau, die M. noch sieben Jahr bekleiden konnte. Eine besonders um- 
fassende Lehrtatigkeit war durch die gerade um 1896 herum auflerst geringe 
Zahl philologischer Studierender ausgeschlossen. Dagegen hat auch die 
Epoche der neuen Wirksamkeit aufler einer Reihe von Aufsatzen iiber Kritik 
lateinischer Schriftsteller und lateinischen Sprachgebrauch noch zwei grofle 
Arbeiten heranreifen sehen, eine Ausgabe der Brief e des jiingeren Plinius (1903) 
und die Syntax des Nominativs und Akkusativs. Letztere hat M. nicht mehr 
selbst zum Druck bringen konnen, ja sie ist insofern ein Fragment, als M.s 
seit Dezennien gehegter Plan die gesammte Kasussyntax umfafite. Aber die 
nun bald zu erhoffende VerOffentlichung wird doch die lateinische Philologie 
mit einem Werke beschenken, das in der Vollstindigkeit des Materials und 
seiner scharfen Durchdringung nicht seinesgleichen hat und schwerlich je 
seinesgleichen bekommen wird. Tragisch, dafl den bis zur Vollendung dieses 
Stuckes geistig und korperlich durchaus riistigen Gelehrten eine unerwartet 
rasch verlaufende Krankheit am vollen Abschlufi seines letzten grofien Werkes 
hindern mufite — tragisch besonders, wenn man bedenkt, dafl friihere Be- 
freiung aus dem Schuiamt genugt hatte, um auch diesem, dem vielleicht 
wichtigsten Werke M.s, die Vollendung zu sichern. 

Wir mussen zufrieden sein mit dem, was ihm das Schicksal fertigzustellen 
erlaubte. Reichlich genug ist es, um seinem Namen in unserer Wissenschaft 
Fortdauer unter den besten zu sichern. Wer aber M. persdnlich gekannt hat, 
tragt ihn nicht nur als Gelehrten von einziger Art, sondern auch als einen 
Menschen im Gedachtnis, wie man ihn nicht zweimal im Leben findet: es war 
etwas Eisernes an ihm, eisern sein Fleifi, eisern seine Konsequenz, eisern die 
Mannhaftigkeit, die das als wahr erkannte jederzeit und gegen jedermann vertrat. 
Aber wer ihm Freund werden durfte, der wuflte, welch warmes Herz unter 
der bisweilen vielleicht rauhen Hulle schlug: unverbnichlich war auch die 
Treue, die ihn seinen Freunden verband und die jeder, dem sie zuteil wurde, 
als ein Kostlichstes in seinem Leben schatzte. Skutsch. 

Rimpau, Wilhelm, Dr., Amtsrat, * 29. August 1842 zu Schlanstedt in der 
Provinz Sachsen, f 20. Mai 1903 ebendaselbst. — Als Sohn des Geheimen 
Regierungsrates A. W. Rimpau, eines hervorragenden Landwirtes, wandte sich 
R. nach Beendigung seiner Schulausbildung auf dem Gymnasium zu Braun- 
schweig dem vaterlichen Berufe zu und machte zu dem Behufe zunachst eine 
zweij&hrige praktische Lehrzeit in der Wirtschaft des Amtsrats v. Hoppenstedt 
zu Liebenberg am Harz durch. Dann bezog er die landwirtschaftliche Aka- 
demie zu Poppelsdorf bei Bonn, wo besonders die Vorlesungen des benihmten 

17* 



26O Rimpau. 

Pflanzenphysiologen Sachs auf die spatere praktisch - wissenschaftliche 
Tfttigkeit R.s von grftfitem Einflufl waren. Nachdem R. im Herbst 1863 
das landwirtschaftliche Abschluflexamen der Akademie mit Auszeichnung ab- 
gelegt hatte, bezog er noch ein Semester die UniversitSt Berlin und machte 
dann verschiedene grflflere Studienreisen, die ihn auch nach England fuhrten, 
wo er die damals berii hmtesten Landgiiter zu seiner Information besuchte. 
1865 trat er dann in die vaterliche Wirtschaft auf der Dom&ne Schlanstedt 
als Mitarbeiter ein, 1868 wurde er Mitpachter und 1877 beim Tode seines 
Vaters alleiniger PSchter. Gleichzeitig iibernahm er das bis dahin seinem 
Vater gehftrende Gut Langenstein bei Halberstadt. 

Die wichtigste und bahnbrechendste Tatigkeit R.s liegt auf dem Gebiete 
der Pflanzenziichtung, der er auf der Dom£ne Schlanstedt seine Hauptlebens- 
arbeit gewidmet hat. Als R. in Schlanstedt die Wirtschaftsleitung iibernahm, 
begann in vielen Gegenden Deutschlands mit schwerem Boden und ganz 
besonders in der Provinz Sachsen infolge des zunehmenden Riibenbaues die 
Bewirtschaftung des Ackers gegeniiber den vorhergehenden Dezennien einen 
erheblich intensiveren Character anzunehmen, da die Zuckerriibe eine sorg- 
faltige tiefe Bearbeitung des Bodens und eine starke Dungung fiir ein be- 
friedigendes Gedeihen verlangt. Die alten zu der Zeit angebauten Landsorten 
des Getreides vermochten die intensivere Kultur des Bodens durch ent* 
sprechende gesteigerte Ertrage nicht auszunutzen, und so trat damals das 
Bestreben hervor, Getreidesorten zu ziichten, die zwar hohe Anforderungen 
an die Kultur des Bodens stellten, andrerseits aber die gesteigerten Auf- 
wendungen durch entsprechende Ertrage lohnten. Auflerdem bemuhte man 
sich, Riibensorten mit hSherem Zuckergehalt als bisher zu ziichten, da in- 
folge der Steuerverhaltnisse die Fabrikation der zuckerreichen Riiben von der 
Steuer weniger empfindlich getroffen wurde als die Zuckerfabrikation mit 
geringwertigerem Rohmaterial. Ausgeriistet mit seinen pflanzenphysiologi- 
schen und biologischen Kenntnissen, zu denen er auf der Hochschule den 
Grund gelegt hatte und die er spater durch eigene Erfahrungen vertiefte, ist 
es R. vergonnt gewesen, auf dem Gebiete der Hochziichtung landwirtschaft- 
licher Kulturpflanzen bahnbrechend vorzugehen, und Schlanstedt nimmt noch 
heute, nachdem inzwischen in Deutschland eine grofie Zahl hervorragender 
Saatgutwirtschaften entstanden ist, unter diesen einen hervorragenden Rang 
ein. Die grofien Mengen von Saatgut der hochgeziichteten, ertragreichen land- 
wirtschaftlichen Kulturpflanzen, welche Jahr fiir Jahr aus Schlanstedt in alle 
Teile Deutschlands gewandert sind, haben wesentlich dazu beigetragen, die 
Produktivitat des deutschen Ackerbaues und dadurch seine Rente zu erhdhen, 
ein Fortschritt, um den R. sich ein hohes Verdienst erworben hat. 

Trotzdem die Bewirtschaftung von Schlanstedt und Langenstein, wozu 
noch eine Reihe von Jahren infolge Testaments die Leitung der beriihmten 
bis dahin von seinem verstorbenen Onkel geleiteten Sand- und Moorwirtschaft 
Kunrau kam, an R.s Krafte die hochsten Anforderungen stellte, hat er noch 
Zeit gefunden, literarisch tatig zu sein. Eine lange Reihe groBerer und 
kleinerer wissenschaftlicher Abhandlungen, deren Inhalt stets Neues und 
Interessantes brachte, sind aus der Feder R.s in der Zeit von 1875 bis 1903 
hervorgegangen. Diese literarischen Arbeiten R.s, es sind deren im ganzen 
78 von Ministerialdirektor Thiel in einem Nachruf fiir R. aufgefuhrt, erstrecken 



Rimpau. Karrer. 26 1 

sich naturgem&fl in erster Linie auf das Gebiet der landwirtschaftlichen 
Pflanzenproduktion, aber auch Abhandlungen uber die sonstigen Zweige des 
Landwirtschaf tsbetriebes , f erner solche sozialpolitischen , kulturhistorischen 
und asthetischen Inhalts weist das stattliche Schriftenverzeichnis R.s auf. 
Welch hohe Anerkennung die wissenschaftliche T&tigkeit R.s fand, geht dar- 
aus hervor, dafi ihm die philosophische FakultSt der University Halle die 
hochste von ihr zu vergebende Ehrung zuteil werden liefl, indem sie ihm den 
Doktortitel honoris causa verlieh. 

Auch im dffentlichen Leben, besonders im landwirtschaftlichen Vereins- 
wesen, hat R. stets eine hervorragende Rolle gespielt; so gehOrt besonders er 
zu den Griindern der heute weltberiihmten »Deutschen Landwirtschafts-Gesell- 
schaft«, und in verschiedenen Sonderausschussen derselben ist er ein unermiid- 
licher, treuer Mitarbeiter gewesen, bis eine im Laufe der Jahre zunehmende 
Schwerhdrigkeit ihn zwang, sich hiervon mehr zuriickzuziehen. Um so mehr 
wandte er sich seinen wissenschaftlichen Arbeiten zu, bis ihn im 61. Lebens- 
jahre eine infolge von Furunkulose entstandene Blutvergiftung dahinraffte. 

Literatur: >Deutsche landwirtschaftliche Pressec Jahrgang 1903. — »IUustrierte land- 
wirtschaftliche Zeitungc Jahrgang 1903. Dr. Quante. 

Karrer, Felix, * 11. MSrz 1825 in Venedig, f 19. April 1903 in Wien. 
K.s Vater stand 1825 als Beamter in Osterreichischen Diensten. Derselbe 
starb jedoch bereits vier Jahre nach der Geburt des Knaben und die hinter- 
bliebene Witwe iibersiedelte mit diesem nach Wien, wo sie Verwandte 
besafl. 

K. besuchte hier das Gymnasium, absolvierte den juridischen Kurs an 
der University und trat sodann im Jahre 1847 als Konzeptspraktikant in 
das k. k. Kriegsministerium ein. 

Der einffirmige Bureaudienst sagte ihm jedoch auf die Lange nicht zu, 
und da seine Mutter ein kleines VermOgen besafl, er auch ihr einziges Kind 
war, so verliefi er seine Beamtenstelle, um als freier Privatgelehrter Natur- 
wissenschaften zu treiben, fiir die er von Jugend auf eine besondere Vor- 
liebe gehegt hatte. 

Durch E. Suess, der damals Kustos am k. k. Hof-Mineralienkabinett war 
and eben um diese Zeit seine Lehrtatigkeit an der University begann, wurde 
er der Geologie zugefiihrt, deren Betrieb von nun an sein ganzes Leben 
erfullte. 

Durch Vermittlung seines Lehrers wurde ihm am Hof-Mineralienkabinett 
ein eigener Arbeitsplatz eingerSumt und er gehdrte von nun an zu den eifrigsten 
Arbeitern dieses Instituts. 

Seine Spezialitat war das Studium der Foraminiferen, in welchem Fache 
er in kurzer Zeit eine anerkannte Autoritat wurde. Er ver6ffentlichte eine 
Reihe wertvoller Arbeiten, stand mit fast alien Fachkollegen des In- und 
Auslandes in regem Verkehr und erwarb sich auch um die Foraminiferen- 
sammlung des Mineralienkabinetts das grOfite Verdienst, ja man kann wohl 
sagen, dafi diese erst durch ihn geschaffen wurde. 

Nebenbei beschaftigte er sich auch mit geologischen Studien im Terti&r- 
becken von Wien, namentlich mit den Aufschltissen, welche durch die Ar- 
beiten an der Wiener Wasserleitung hergestellt wurden, und veroffentlichte 



262 Karrer. 

tiber dieselben im Jahre 1877 ein umfangreiches Werk unter dem Titel: 
• Geologie der Kaiser Franz Joseph-Hochquellenwasserleitung, gewidmet Seiner 
Kaiserlichen Hoheit Kronprinz Rudolph*. 

Diese Arbeit, die einen selbstandigen Band der Denkschriften der 
Geologischen Reichsanstalt bildet, kann wohl als sein bedeutendstes Werk 
bezeichnet werden, fur dessen wtirdige Ausstattung er auch pekuniare Opfer 
brachte. 

Durch die Studien an der Wasserleitung war er vielfach mit den tech- 
nischen Kreisen in Beriihrung gekommen und wurde dadurch veranlaflt, sich 
mehr der praktischen Richtung zu widmen, indem er eine Sammlung von 
Baugesteinen anlegte. 

Diese Sammlung nahm durch seine unermiidliche Tatigkeit im Verlaufe 
weniger Jahre einen solchen Umfang an, dafi ihr bei der Obersiedelung 
der naturhistorischen Hofsammlungen in das neue Musealgebaude daselbst 
ein eigener Saal eingeraumt werden muflte. 

Neben dieser der Wissenschaft und dem Museum gewidmeten T&tigkeit 
bekleidete K. auch noch die Stelle eines Generalsekret&rs des Wissenschaft- 
lichen Klubs, und auch in dieser Sph&re entwickelte er eine so vielseitige, 
gerauschlose, aber nachdriickliche T&tigkeit, dafl er in kurzer Zeit der wahre 
Mittelpunkt, der spiritus rector des Vereins wurde und es auch, vom allge- 
meinen Vertrauen getragen, bis zu seinem Tode blieb. 

K. hatte im Jahre 1874 eine Erbschaft gemacht, durch welche seine bis 
dahin ziemlich bescheidenen Verhaltnisse sehr gehoben wurden. Er kaufte 
sich in DSbling ein ansehnliches Haus mit grofiem Garten und pflegte von 
da ab auch fast jahrlich eine groflere Reise ins Ausland zu unternehmen. 

K. war zweimal verheiratet. Seine erste Ehe blieb kinderlos, aus der 
zweiten stammten drei Kinder, zwei TOchter und ein Sohn. 

K. erfreute sich durch sein ganzes Leben einer wie es schien unverwust- 
lichen Gesundheit. Er war niemals krank und besafi noch im vorgeschrittenen 
Alter eine fast jugendliche Gelenkigkeit. 

Im Sommer 1902 zeigten sich bei ihm jedoch wahrend seines Aufent- 
haltes in St. Wolfgang Schwachezustande, die sich zunachst in chronischen 
Verdauungsst6rungen &ufierten. Im Verlaufe des Winters nahm die Schwache 
immer mehr zu, er verfiel zusehends, muflte sich zu Bett legen, es trat voll- 
kommene Teilnahmlosigkeit ein und am 19. April 1903 verschied er schmerzlos 
und sanft. — Er hatte ein Alter von 78 Jahren erreicht. 

K. erhielt fiir seine vielseitigen Verdienste vielfache Ehrungen. 

Er war kdniglich ungarischer Rat, Ritter des Ordens der Eisernen Krone 
und des Franz Josephs-Ordens, Besitzer der Goldenen Medaille fiir Kunst 
und Wissenschaft, Mitglied der Geological Society of London, wirkliches Mit- 
glied der Russischen) Mineralogischen Gesellschaft, Korrespondent der k. k. 
Geologischen Reichsanstalt etc. 

Naheres ttber Karrer siehe: Th. Fuchs, Nachruf an Felix Karrer. (Monatsblatter des 
Wissensch. Klub in Wien, 1903, Nr. 9.) — F. v. Lemonnier: Felix Karrer (Monatsbl. d. 
Wiss. Klub. Wien 1903.) — F. Berwerth: Zur Erinnerung an Felix Karrer. (Annalen dc$ 
k. k. Naturhistor. Hofmuseums 1903.) Enthalt ein vollstandiges Verzeichnis seiner Publi- 
kationen. 

Th. Fuchs. 



Meding. 263 

Meding, Johann Ferdinand Martin Oskar, Romanschriftsteller, * 11. April 
1829 in KOnigsberg i. Pr., f 11. Juli 1903 in Charlottenburg. *— Er war der 
Sohn des Chefprasidenten der ostpreufiischen Regierung, erhielt die Grund- 
lage seiner Erziehung im elterlichen Hause unter der Einwirkung Herbarts 
and Dinters, der Freunde des Vaters, besuchte dann die Gymnasien in Marien- 
werder und K6slin und studierte von 1848 bis 1851 Jura und Kameralia in 
KSnigsberg, Heidelberg und Berlin. In Heidelberg, wo er dem Korps der 
Saxoborussia angehtirte, trat zum erstenmale die politische Bewegung der 
Zeit an ihn heran, indem er dort die badische Revolution von 1849 erlebte, 
zu der er allerdings mit den Genossen seines Korps unter der Studentenschaft 
in schroffem Gegensatz stand. Er hat spater diese Zeit in seinem Roman 
»Die Saxoborussen« (1885) geschildert, der dann unmittelbar darauf von dem 
pseudonymen Schriftsteller S. Gregorow in dem Roman »Die Saxo-Saxonen« 
(1886, 25. Aufl. 1900) in trefflicher Weise parodiert wurde. Im Jahre 1851 
wurde M. Auskultator bei dem Appellationsgericht in Marienwerder, trat spater 
bei der Regierung zu Minden in den Verwaltungsdienst und arbeitete nach- 
mals bei den Regierungen in Liegnitz, Potsdam und Diisseldorf, wurde aber 
zwischendurch auch von dem Ministerprasidenten von Manteuffel in Prefi- 
angelegenheiten beschaftigt. In Diisseldorf war er besonders bei der Grundung 
des Handels- und Gewerbevereins fiir Rheinland und Westfalen tatig und 
schrieb fiir diesen Verein mehrere Denkschriften iiber damals vorliegende 
gewerbliche Fragen. Da er sich nach Manteuffels Riicktritt vom Minister- 
posten, unter dem Ministerium Auerswald — vielleicht mit Unrecht — fiir 
zuruckgesetzt hielt, verliefi er Ende 1859 den preufiischen Staatsdienst und 
trat in die Dienste des K6nigs von Hannover. Er arbeitete zunachst als 
Assessor bei der Landdrostei in Hannover, wurde aber bald mehrfach in be- 
sonderen Auftragen von dem Minister Grafen von Borries und dem KOnige 
selbst beschaftigt, der ihn durch besonderes Vertrauen auszeichnete. Unter 
dem Ministerium Windthorst-Hammerstein wurde M. 1863 Regierungsrat und 
Referent im Gesamtministerium mit persflnlichem Vortrage beim Kbnige, und 
in dieser schwierigen Stellung eroffnete sich ihm ein weites Feld politischer 
Erfahrungen, da er die verschiedensten und heterogensten GegenstSnde zu 
bearbeiten hatte und zur Teilnahme an den Konseilsitzungen berufen wurde. 
Er arbeitete besonders an der Herstellung einer Regierungspresse und war 
noch im Jahre 1865 unter dem Ministerium Bacmeister im Verein mit Miquel 
und Albrecht an der neuen Gewerbeordnung tatig, welche den bis dahin 
geltenden Zunftzwang beseitigte. Stets bemuht, die Unabhangigkeit und 
Selbstandigkeit Hannovers und gleichzeitig ein freundliches Verhaltnis zu 
Preufien zu erhalten, ging er noch unmittelbar vor dem Ausbruch des Krieges 

1866 in einer Mission vonseiten des K6nigs zum Kurfiirsten von Hessen, 
urn denselben zur gemeinsamen Annahme der von Preufien gewiinschten 
Neutralitat zu bestimmen. Als die schnell und verhangnisvoll hereinbrechenden 
Ereignisse jede Vermittelung unmoglich gemacht hatten, begleitete M. im 
Jani 1866 den Kdnig zur Armee und spater nach Wien, wo er bis zum April 

1867 blieb. Dann ging er in Vertretung der Interessen des Konigs nach 
Paris und suchte dort besonders die Stellung der hannoverschen Emigranten, 
der sogenannten Welfenlegion, zu erleichtern und mit den v&lkerrechtlichen 
Beziehungen in Einklang zu bringen. Wahrend seines dreijahrigen Aufent- 



264 Meding. Wittmann. 

halts in der franzosischen Hauptstadt hatte er hinreichend Gelegenheit, jene 
an Intrigen aller Art so reiche Zeit genau zu beobachten und zu studieren, 
was schliefilich zu einer grQndlichen Anderung seiner politischen Anschau- 
ungen ftihren muflte. Er verliefl daher im Februar 1870 den Dienst des 
Konigs von Hannover und begab sich zun&chst nach der Schweiz, eilte dann 
aber bei Ausbruch des Krieges nach Berlin, um seinen vollstandigen Frieden 
mit der preufiischen Regierung zu machen, und gleichzeitig mit Erfolg fur 
die in so mifilicher Lage befindlichen hannOverschen Soldaten und Offiziere 
zu wirken. Nunmehr jeder aufreibenden politischen T&tigkeit enthoben, 
suchte M. Erholung in literarischer Arbeit. Er begann eine Darstellung der 
welthistorischen Zeit auszuarbeiten, welche er durchlebt hatte, und gab der- 
selben die Form des Romans, um eine freiere Bewegung zu gewinnen und 
dasjenige verschweigen zu kOnnen, was nach irgend einer Seite hatte ver- 
letzen und seine Arbeit zu einem sogenannten Sensationswerk stempeln kdnnen. 
Vorbilder waren ihm fur die Form Walter Scott und Alexander Dumas. So 
entstand zunachst sein sogenannter »Zeitroman« »Um Szepter und Kronen* 
(III, 1872), den er in den Wintermonaten 1871 — 72 in der stillen Ruhe des 
Bades Oynhausen schrieb, und den er dann unter dem Pseudonym Gregor 
Samarow herausgab. Vier Fortsetzungen folgten ihm, »Europ&ische Minen 
und Gegenminen« (IV, 1873 — 75) 1 »Zwei Kaiserkronen« (IV, 1875), »Kreuz 
und Schwert» (IV, 1875 — 76) und »Held und Kaiser* (IV, 1876). Diese Zeit- 
romane fanden uberall Anerkennung; selbst Fiirst Bismarck und Kaiser Wil- 
helm I. versagten ihnen dieselbe nicht, ja der letztere erwies dem Verfasser 
die hohe Ehre, bei der Niederschrift der Biographie: »9i Jahre in Glaube, 
Kampf und Sieg. Ein Menschen- und Heldenbild unseres unvergefllichen 
Kaisers Wilhelm L« (1888), seine personliche Mitwirkung zu gewahren. Der 
erste Erfolg ermutigte den Verfasser zu weiteren ahnlichen Arbeiten, und so 
tragen denn die folgenden Romane mehr oder weniger einen historischen 
Charakter. Leider verfiel er je langer je mehr in den Fehler der Vielschreiberei, 
so dafl er es fiir angezeigt hielt, sich andere Decknamen beizulegen, wie 
Detlev von Geyern, Leo Warren, Walter Morgan, Kurt von Walfeld und als 
Zeitungsplauderer Paul von Weilen. Auf diese Weise brachte er es bis auf 
66 Romane, welche 142 Bande fullten. Nachdem M. kurze Zeit in der Schweiz, 
in Stuttgart, Cannstadt und seit 1873 in Berlin gelebt hatte, verlegte er 1879 
seinen Wohnsitz nach Schlofi Wohldenberg, dem Sitz einer alten hannoverschen 
Landdrostei, wo er bis 1900 blieb. Die letzten Jahre seines Lebens weilte 
er in Charlottenburg. 

Perstinliche Mitteilungen. — ^Deutsche Romanbibliothekc, 23. Jahrg. 1894 — 95, S. 571. 
— >Cber Land und Meer«, 46. Band, S. 967. Franz Briimmer. 

Wittmann, Karl Friedrich, Schauspieler und dramatischer Dichter, 
* 24. Marz 1839 * n Koburg, f 17. (n. a. 18.) Marz 1903 in Berlin. — Nach Be- 
such der lateinischen Schule seiner Vaterstadt trat er, 17 Jahre alt, in den 
Verband des Hoftheaters in Koburg ein, wo er unter Max von Wangenheims 
Intendanz eine strenge theatralische Erziehung erhielt. Sein Talent entwickelte 
sich so schnell, dafi er schon i860 das Fach des ersten Helden und Lieb- 
habers am Stadttheater in Konigsberg i. Pr. ausfiillen konnte. Im folgenden 
Jahre ging er an das Hof theater in Hannover und 1862 als erster Bonvivant 



Wittmann. Bellermann. 265 

und jugendlicher Held an das Hoftheater in Darmstadt, wo er sieben Jahre 
blieb und sich Pensionsrechte erwarb. Von hier aus unternahm er auch in 
der Ferienzeit seine unter der Bezeichnung »Hoftheater-Ensemble« bekannten 
Gesamtgastspiele, wodurch er der Schftpfer der Gesamtgastspielbewegung der 
Gegenwart wurde. Seit 1869 wirkte W. am Hoftheater in Oldenburg. Im 
Jahre 1870 betraute ihn der Furst Heinrich XIV. von Reufl mit der Reorgani- 
sation seines Hoftheaters in Gera, ernannte ihn zum »Chef des Hof theaters 
und der Hofmusik« und bei seinem Austritt aus dieser Stellung zum Ehren- 
mitglied der Geraer Hofbuhne. W. liefi sich nun (1872) in Koburg nieder 
und leitete von hier aus 1876 — 92 das einst kSnigliche, sp&ter landschaftlich 
subventionierte deutsche Theater auf Helgoland. Seit 1884 war er auch Re- 
dakteur und Herausgeber des dramatischen Teils von Philipp Reclams Universal- 
Bibliothek (Leipzig); er hat fur dieselbe eine grofie Zahl von dramaturgischen 
Arbeiten und Buhneneinrichtungen dramatischer Stiicke geliefert. Von Erfolg 
begleitet waren seine Sammlungen von Vortragen und Spielen fur Familien- 
feste, z. B. fur »Polterabend« (4 Bdchn., 1880—93), fiir »Hochzeit« (2 Bdchn., 
189 1 — 96), fiir »Silberhochzeit« (1894), fiir »Goldhochzeit« (1896); ferner seine 
»Festspiele« (6 Bdchn., 1890 — 98), seine »Solospiele« (8 Bdchn., 1889 — 1905) 
und seine »Dramatischen Zwiegesprache* (5 Bdchn. 1892 — 1900). 1887 hatte 
W, seinen Wohnsitz nach Berlin verlegt und dort ist er auch bis zu seinem 
Tode geblieben. 

Perstfnliche Mitteilungen. — »G8rlitzer Anzeiger« 1882. — O. Fltiggen: »Biographisches 
Bahnen-Lexikonc, 1892, S. 332. Franz Briimmer. 

Bellermann, Joh. Gottfried Heinrich, Professor der Musikwissenschaft 
an der Universitat und Gesanglehrer am grauen Kloster zu Berlin; seit 
10. Mai 1875 Mitglied der Kdniglichen Akademie der Kiinste, * 10. Marz 1832 
in Berlin, f 10. April 1903. — Die musikalischen Anlagen des Vaters Friedrich 
Bellermann, der sich als Praktiker durch Komposition einer Reihe von Lie- 
dern sowie durch seine eifrige Pflege und Forderung des Schulgesanges und 
als Theoretiker durch seine Forschungen iiber die griechische Musik einen 
Namen gemacht hat, verpflanzten sich auf den Sohn und bestimmten ihn, 
sich dem Musikerberufe zu widmen. Fiir seine Richtung vornehmlich aus- 
schJaggebend war der Unterricht bei August Eduard Grell, dessen Kampf 
gegen die Vorherrschaft der Instrumentalmusik gegeniiber der Vokalmusik 
er fortsetzte. Auf die Pflege des Gesanges sollte das Schwergewicht der 
musikalischen Erziehung gelegt werden. Dieses Prinzip vertrat Heinrich B. 
sein Leben Iang mit aller Sch&rfe. Reiche Gelegenheit, seine Kunstanschau- 
ungen in die Praxis iiberzufuhren, bot ihm sein Amt als Gesanglehrer des 
grauen Klosters, das er seit 1853 innehatte. In der musikalischen Erziehung 
der Schuljugend erblickte er selbst seine Haupttatigkeit. Fiir sie schuf er 
die grdflte Zahl seiner Kompositionen, aus denen neben Choralges&ngen, 
Motetten und frOhlichen Liedern zu Sangerfahrten besonders seine Kompo- 
sitionen griechischer Tragddien hervorzuheben sind. Die Anregung zu ihrer 
Abfassung verdankte er seinem Vater, in dem die Mendelssohn'sche Musik 
zu Sophokles' Antigone den Wunsch nach Vertonung der griechischen Dramen 
in der Originalsprache rege gemacht hatte. 1855 — 56 kam seine Komposition 
des Ajax von Sophokles zur Auffuhrung, 1858 folgte K6nig Odipus. Durch 



266 Bellermann. 

seine Ch6re, wie durch seine ein- und mehrstimmigen Lieder geht ein 
schlichter Zug. GroBe Momente wird man bei ihm vergeblich suchen. 
Oberstes Gesetz ist ihm die gesangliche Fiihrung der einzelnen Stimmen und 
die Schonheit des Gesamtklanges. Besonders wertvoll sind seine Manner- 
chore, die durch ihre kontrapunktische Faktur und ihren tieferen musikalischen 
Gehalt aus der Mannergesangs-Literatur hervorragen. 

Bedeutendes leistete B. als Theoretiker. Seine Lehrtatigkeit nahm einen 
nicht unbedeutenden Umfang an, seitdem er auf warme Befurwortung Fried- 
rich Chrysanders am n. September 1866 als Nachfolger Adolf Bernhard 
Marx' zum aufierordentlichen Professor der Musikwissenschaft an die Uni- 
versity Berlin berufen worden war. Wenige Monate nach seinem Amtsan- 
tritt, am 15. Dezember 1866, wurde ihm die philosophische Doktorwiirde 
honoris causa verliehen. 

An der Universitat lag ihm der Unterricht in Musiktheorie und Musik- 
geschichte, sowie die Leitung der Festmusiken ob. Seinen Ruf als Theore- 
tiker hatte seine Schrift »Kontrapunkt oder Anleitung zur Stimmfuhrung in 
der musikalischen Komposition* begriindet, ein Werk, welches 1862 erschien 
und bis 1901 vier Auflagen erlebte. Herausgewachsen aus dem Gradus ad 
Parnassum des Joseph Fux (Wien 1725) stellt es einen leicht fafl lichen Lehr- 
gang der Kontrapunktik strengen Stils dar. Es blieb nicht unwidersprochen, 
hat sich aber auch im Laufe der Zeit sehr viele Freunde erworben und 
gehGrt mit seiner klaren Gruppierung des Stoffes und seiner feinen Schulung 
an Meisterwerken des 16. Jahrhunderts zu den besten Kontrapunktlehren. 

In der ziemlich umfangreichen Einleitung des »Kontrapunkts«, welche 
einen Abrifl der Notation gibt, lernen wir B. als Musikhistoriker kennen, als 
welcher er sich schon 1858 durch seine »Mensuralnoten und Taktzeichen des 
XV. und XVI. Jahrhunderts« bewahrt hatte. Aus ihrer Zeit heraus beurteilt, 
sind beide Arbeiten ganz vortrefflich. Die letztangefiihrte Schrift hat sich, 
wenn auch nicht fur alle Falle ausreichend, bis auf unsere Zeit unentbehr- 
lich gemacht und ist der Schliissel gewesen, mit Hilfe dessen ein grofier 
Teil der auf uns gekommenen Musikliteratur des 16. Jahrhunderts erst er- 
schlossen und nutzbar gemacht werden konnte. Es ist keine Entwicklungs- 
geschichte, sondern ein Schulbuch. Das padagogische Talent B.s zeigt sich 
wieder in der klaren Gruppierung des Stoffes und der Scheidung des Wesent- 
lichen vom Unwesentlichen. 

Weniger von Erfolg gekrdnt war B.s Lehrtatigkeit auf dem Gebiete der 
Musikgeschichte. So emsig er sich in den ersten Jahren an dem Aufbau der 
Musikwissenschaft beteiligt und so kraftig er hierin Friedrich Chrysander und 
Philipp Spitta unterstiitzt hatte, so wenig kiimmerte er sich spater um die 
weitere Entwicklung. Seine Vorlesungen, ohne Frage bei ihrer Abfassung 
auf der H5he, hielten mit dem Emporbliihen der jungen Wissenschaft nicht 
Schritt Alle neue Forschung liefi B. nahezu unberucksichtigt. Ein Grund 
fur das abnehmende musikwissenschaftliche Interesse ist wohl einmal in dem 
Ubergewicht seiner praktischen Tatigkeit, andererseits in seinem nervdsen Gicht- 
leiden zu suchen, das sich schon friih geltend machte. Wie frisch neben 
dem stagnierenden Kolleg nahmen sich seine ersten Abhandlungen und seine 
Kritiken in Chrysanders Jahrbiichern aus. Hier war B. durch und durch 
Forscher und scharfsichtiger Kritiker. Erw&hnt sei nur die mit philolo- 



Bellermann. Braun. Horten. EJenz. 267 

gischer Akribie besorgte Neuausgabe von Johannis Tinctoris Terminorum 
Musicae Diffinitorium und vom 11. Kapitel der Ars cantus mensurabilis des 
Franco oder die Uberarbeitung der Arnoldschen Studie liber das Lochamer 
Liederbuch und das Fundamentutn organisandi des Conrad Paumann, beriihrt 
nur die voll und ganz berechtigte vernichtende Kritik der Reifimannschen 
Musikgeschichte. Gerade diese Arbeiten lassen es bedauern, dafl B. der 
Musikforschung nicht weiter gedient hat. Seine Grofitaten sind und bleiben 
sein »Kontrapunkt« und seine »Mensuralnoten und Taktzeichen«, Schriften, 
die ihn in die erste Reihe der alteren Musikforscher stellen. 

Eine nahezu vollstandige Aufzahlung der Werke Heinrich Bellermanns gibt Otto 
Schneider in der Gedachtnisrede, die unter dem Titel »Heinrich Bellermann* 1903 bei 
Julius Springer in Berlin erschien. Von selbstandigen Schriften seien hier nur genannt: 
1858 Mensuralnoten und Taktzeichen des XV. und XVI. Jahrhunderts. Berlin, Georg Reimer. 

— 1862. Der Kontrapunkt. Berlin, Julius Springer. 4. Aufl. 1901. — 1873. Die Grofle 
der musikalischen Intervalle als Grundlage der Harmonic Berlin. — 1874. Friedrich 
Bellermann. Seine Wirksamkeit auf dem Gebiete der Musik. Leipzig und Winterthur. — 1876. 
Anfangsgriinde der Musik ftlr den ersten Singunterricht auf Gymnasien und Realschulen. 
Berlin, 7. Aufl. — 1887. Aufsatze und Gutachten ttber Musik von Friedrich Grell, Berlin. — 
1893. Hilfsbtlchlein beim Gesangunterricht. Berlin, 14. Aufl. — 1899. August Eduard Grell. 
Berlin. — Eine eingehende Wurdigung erfuhr das VVirken B.s von Hugo Riemann in 
Max Hesses Deutschem Musiker-Kalender 1904, 

Berlin. Johannes Wolf. 

Braun, Karl Ludwig August, Reichsgerichtsrat, * 26. Marz 1832 zu Orb 
(damals bayerisch), f 29. Oktober 1903 zu Leipzig. — B. trat am 23. Oktober 
1854 in den Justizdienst, wurde 1864 II. Staatsanwalt, 1870 Rat am Bezirks- 
gericht, 1874 I. Staatsanwalt, 1879 Oberlandesgerichtsrat, 1. Januar 1892 
Reichsgerichtsrat. 

Die ersten 25 Jahre des Reichsgerichts (Sachs. Arch., Beilageheft zu Bd. 14) S. 73. 

— ^Deutsche Juristen-Zeitung« 1903 S. 516. A. Teichmann. 

Horten, Anton Hubert, Reichsgerichtsrat, * 5. Marz 1838 zu Kempen 
(Reg.-Bez. Diisseldorf), f 23. Oktober 1903 zu Leipzig. — H. trat am 30. Sep- 
tember 1859 * n den Justizdienst, wurde 1870 Staatsprokurator, 1879 Land- 
gerichtsrat, 1882 Oberlandesgerichtsrat, 1. Januar 1891 Reichsgerichtsrat. 

Die ersten 25 Jahre des Reichsgerichts, Leipzig 1904 (Sachs. Arch., Beilageheft zu 
Bd. 14) S. 72. — ^Deutsche Juristen-Zeitung« 1903 S. 493. A. Teichmann. 

Elenz, Ferdinand, Senatsprasident in Koln, * 16. Marz 1844 in Wiesbaden 
als Sohn des 1847 verstorbenen herzoglich nassauischen Amtsassessors Elenz, 
t 1. Februar 1903 in KSln. — E. trat am 4. Marz 1867 im Bezirke des 
Appellationsgerichts Wiesbaden in den Justizdienst, wurde 187 1 Assessor und 
am 20. Juli 1872 in den Bezirk des Rheinischen Appellationsgerichtshofes zu 
Kdln versetzt. Er wurde Friedensrichter in Simmern, dann Landgerichts- 
assessor in Koblenz, am 1. Oktober 1879 Landrichter, im November 1885 
Hilfsrichter beim Oberlandesgericht in K6ln, 1891 Oberlandesgerichtsrat. 
Auf Grund seiner ausgezeichneten Leistungen wurde er am 23. September 
1895 als Geheimer Justizrat und vortragender Rat in das Justizministerium 



268 Elenx. Peterssen. Rocholl. 

nach Berlin berufen, wo er vorzugsweise die rheinischen Sachen und Perso- 
nalien bearbeitete, demnachst Geheimer Ober-Justizrat und Mitglied der Imme- 
diatkommission fur die grofle juristische Staatspriifung. Sein starkes Interesse 
an der Rechtsprechung und vielleicht auch das Gefiihl, dafl seine tibergrofle 
Bescheidenheit ihn in Verwaltungssachen an der Durchsetzung seiner An- 
sichten hindere, liefien ihn zur richterlichen TStigkeit zuruckkehren. Auf 
seinen Wunsch trat er am i. Oktober 1899 als Senatspr&sident wieder in das 
Kollegium des KOlner Oberlandesgerichts, das den liebenswiirdigen und 
tiichtigen Kollegen auf das herzlichste willkommen hiefl. Hier heiratete er 
die Tochter des in Wiesbaden verstorbenen Oberregierungsrates Mollier — 
ein aus beiderseitiger inniger Neigung geschlossener Bund, der ihm den 
Lebensabend zu einem uberaus gllicklichen gestaltete. Seiner hervorragend 
tiichtigen Wirksamkeit machte der Tod ein friihes Ende. Die Leiche wurde 
nach Wiesbaden Uberfiihrt 

»Kttlniscbe Zeitungc 1903 Nr. 98. — Gtttige Mitteilung des Henm Oberlandesgericbts- 
pr&sidenten Dr. Haram in K5ln — ^Deutsche Juristen-Zeitung« 1903 S. 96. 

A. Teichmann. 

Peterssen, George Rudolf, Dr. y Wirklicher Geheimer Rat, Exzellenz, 
* 25. M&rz 1826 zu Osnabriick, f 27. Februar 1903 zu Leipzig. — P. trat am 
22. Februar 1850 als Amtsauditor bei dem Magistrate Osnabriick ein, wurde 
im Mai 1853 Gerichtsassessor, im Oktober 1854 Hilfsarbeiter im hannover- 
schen Justizministerium, im April i860 Obergerichtsassessor in Verden, 1862 
Sekret&r bei der Deutschen Zivilprozefikommission in Hannover, 1863 an das 
Obergericht berufen, 1865 Obergerichtsrat und Vertreter Hannovers bei der 
Deutschen Zivilprozefikommission, im Mai 1868 Oberappellationsgerichtsrat 
in Berlin, 1873 — ^79 Mitglied der KOnigl. Preufl. Justizpriifungskommission, 
1874 Obertribunalsrat in Berlin, am 1. Oktober 1879 Reichsgerichtsrat in 
Leipzig, am 1. Januar 1891 Senatsprasident, am 1. Oktober 1895 Ehrendoktor 
der Universitat Leipzig, 1900 Kaiserlicher Wirklicher Geheimer Rat mit dem 
PrSdikat Exzellenz, trat am 1. Juli 1902 in den Ruhestand. Als Arbeiten 
sind zu nennen »Polizeistrafgesetz fur Hannover« 1859, 2 - Aufl. 1865; »Das 
eheliche Giiterrecht in den Stadten und Flecken des Furstentums Osnabriick* 
1863; (mit J. Struckmann) »Entwurf einer allgemeinen deutschen Zivilprozefi- 
ordnung nach den Beschliissen der 1. Kommission«, Hannover 1864. 

Die ersten 25 Jabre des Reichsgerichts (Sacbsiscbes Arcbiv ftir Deutscbes Bttrger- 
licbes Recbt, Beilageheft zu Band 14) Leipzig 1904 S. 59, 62. — Gef. Mitteilungen des 
Herrn Prof. Dr. Hans Stobbe in Leipzig. — Arch. Civ. Prax. LXI,95. 

A. Teichmann. 

Rocholl, Carl, Wirklicher Geheimer Ober-Justizrat, * 2. Juni 1824 als 
Sohn des Generalarztes Dr. Rocholl in Erfurt, f 14. Januar 1903 zu Naum- 
burg a. S. — R. besuchte das Gymnasium in Soest und trat nach Studium 
der Rechte auf den Universitaten in Bonn und Berlin 1846 in den Justiz- 
dienst, wurde am 6. September 1851 Assessor, am 31. Dezember 1853 Staats- 
anwaltsgehilfe in Duisburg, am 1. Oktober 1855 nach Soest versetzt, wo er 
die Nebenimter als Polizeianwalt und als Justitiarius des Westfalischen Land- 
armenverbandes versah, am 28. Dezember 1857 zum Staatsanwalt emannt, 



Rocholl. von Hefner- Alteneck. 260 

am i. April 1864 Justizrat und Notar beim Appellationsgericht in Hamm, 
1873 Appellationsgerichtsrat in Breslau, auch Mitglied der juristischen Prti- 
fungskommission, am 1. Oktober 1879 Senatspr&sident in Posen, 1882 wieder 
in Breslau, Vorsitzender der Priifungskommission, 1890 Geheimer Ober-Justiz- 
rat, vom 1. Januar 1892 in Naumburg a. d. S., beging am 30. Mai 1896 das 
50 jahrige Dienstjubilaum, von der University Halle zum Dr. jur. h. c. er- 
nannt, nahm am 1. Juli 1897 seinen Abschied. Er wurde mehrfach durch 
Verleihung preuBischer Orden ausgezeichnet, erhielt auch den Dessauer 
Baren-Orden und das Schwarzburg-Sondershausener Ehrenkreuz I. Kl. Er 
verfafite: » System d. preufl. Armenpflegerechts«, Hamm 1864; ^System d. deut- 
schen Armenpflegerechts«, Berlin 1873; »Reform des Armenwesens«, Breslau 
1880; »Rechtsfalle aus der Praxis des Reichsgerichts«, 2 Bde. ebd. 1883 — 90; 
(mit Niedner) »Vorschlage zur Ab&nderung des Entwurfes eines BGB. in 
Form eines Gegen-Entwurfes«,